13

 

Tessy nickte zufrieden und legte ihr Handy beiseite. Wenn alles gut ging, würde sie den Fall am Wochenende abschließen können. Sie stellte es sich nicht allzu schwer vor, gemeinsam mit Charlotte in Büro und Werkstatt nach eindeutigen Spuren zu suchen und Beweise zu sichern, anhand derer die Polizei einschreiten konnte.

Dirk Hanter schien das anders zu sehen.

„Du bist eine Traumtänzerin“, bemerkte er, als sie am nächsten Tag telefonierten. „Wenn es sich tatsächlich um die Profis handelt, die du in ihnen siehst, werdet ihr gar nichts finden! Außerdem halte ich es für ziemlich gefährlich, da einfach einzusteigen …“

„Ich steige da nicht ein! Charlotte wohnt dort und bittet mich herein! Ansonsten wäre es eine prima Idee, wenn du dich im Hintergrund bereithalten würdest.“

„Du weißt doch genau, dass ich aufgrund von Spekulationen und Vermutungen keine Polizeimaßnahme in Gang setzen oder deine Schnüffelaktion auch nur tolerieren kann!“, hielt er dagegen.

„Ja“, seufzte Tessy. „Ich weiß. Darüber sprachen wir schon. Aber wenn die Typen nach Süddeutschland fahren und in einem antiken Schreibtisch tatsächlich ein paar Pfund oder sogar Kilo Heroin transportieren, würden sich deine Kollegen da unten über einen heißen Tipp ziemlich freuen, oder? Und es schadet deiner Karriere sicherlich auch nicht, wenn ihr hier in Berlin einen Drogenring ausheben könntet.“

Hanter lachte, aber sie hörte seiner Stimme an, dass er durchaus nachdenklich geworden war. „Okay – sag mir Bescheid, sobald du genauer weißt, wann die Herren ausfliegen und du dich in dem Laden umsiehst.“

„Mach ich.“

Charlotte meldete sich am darauf folgenden Tag.

„Ich erreiche Paula nicht“, sagte sie mit gedämpfter Stimme.

Das macht nichts, dachte Tessy. Ich bin hier die Privatdetektivin. Außerdem brenne ich darauf, dich näher kennen zu lernen. Sie räusperte sich.

„Gibt es Neuigkeiten?“, fragte sie.

„Ja. Philipp und Simon starten gemeinsam am Samstag in aller Herrgottsfrühe beziehungsweise bereits Freitagnacht“, berichtete Charlotte leise. „Sie fahren mit zwei Fahrzeugen, dem Transporter und dem BMW. Das machen sie meistens so bei langen Touren. Rückkehr ist nicht vor Sonntag geplant, weil sie noch zu einer Auktion wollen.“

„Was ist mit dem Tischler?“

„Der hat an diesem Wochenende frei. Ich kann jedoch nicht ausschließen, dass er vielleicht den Job hat, ein Auge auf mich zu werfen“, gab Charlotte zu bedenken.

Tessy nickte nachdenklich. „Notfalls lenken wir ihn ab, indem du einen Spaziergang machst, und ich sehe mich allein in der Werkstatt um, während Paula Schmiere steht. Das entscheiden wir spontan.“

„Gut.“

„In jedem Fall sollten wir so früh wie möglich loslegen – Samstag Mittag?“, schlug Tessy vor.

„Ich weiß nicht …“

„Charlotte? Es wird alles gut.“

Ein leises Lachen drang an Tessys Ohr. Ein zärtliches Lachen.

„Hast du dir eigentlich schon überlegt, wie es weitergeht?“, fragte Tessy, bevor Charlotte auflegen konnte.

„Wie meinst du das?“

„Nun – wenn wir Samstag fündig werden und die Polizei zuschlägt …“

„Darüber will ich noch nicht nachdenken“, meinte Charlotte rasch.

„Solltest du aber.“

„Mal sehen.“ Damit legte sie auf.

Tessy atmete tief durch. Ein sanftes Kribbeln begann ihren Unterleib zu wärmen. Sei nicht albern, schimpfte sie mit sich selbst. Eine Hetera vernaschen war eine Sache, sich in sie zu verlieben eine ganz andere – und ziemlich dumm dazu.

 

Am Samstag herrschte strahlender Sonnenschein. Tessy holte Paula gegen Mittag ab und parkte ihren Wagen gegenüber vom Antiquitätengeschäft. Paula würde im Auto sitzen bleiben, um Wache zu schieben, und Dirk war im Dienst jederzeit erreichbar. Vom Tischler war weit und breit nichts zu sehen gewesen, wie Charlotte am Morgen festgestellt hatte, als sie völlig unbehelligt Einkäufe erledigen konnte.

„Es kann also gar nichts schief gehen“, erklärte Tessy Paula munter, aber eine gewisse Aufregung konnte sie nicht abstreiten. „Du schickst eine SMS, sobald hier irgendwelche merkwürdigen Typen auftauchen, und ich melde mich, sobald ich Genaueres weiß.“

„Tu das. Und seid vorsichtig.“ Paula gab sich Mühe, gelassen zu klingen.

Tessy stieg aus und schlenderte um das Geschäft herum zum Nebeneingang. Die Tür öffnete sich einen Spalt, kaum dass sie davor stand, und Charlotte ließ sie herein, um hinter ihr sofort wieder umzuschließen. Sie war blass.

„Lass uns in der Werkstatt anfangen“, sagte Tessy nach einer knappen Begrüßung betont sachlich.

Charlotte nickte und ging voran durch einen langen Flur. Eine Treppe führte nach oben. Es war still im Haus. Einige Uhren tickten, Holz knarrte.

„Hier geht es zu den Büros und ins Geschäft.“ Charlotte wies auf eine breite Mahagonitür. „Geradeaus ist die Tischlerei. Sie verfügt über eine weitere Tür zum Hinterhof.“

Sie atmete tief durch und steckte den Schlüssel ins Schloss. Er hakte ein wenig, doch dann gab es ein leises Ächzen, und Charlotte konnte ihn drehen. Sie schob die Tür auf und betrat den Raum. Tessy folgte ihr.

Die Rollläden waren heruntergezogen. Charlotte schaltete das Licht ein. Es roch nach Leim und Farbe. Möbelstücke standen herum, teilweise auseinandergebaut, teilweise abgeschliffen. Auf einer Werkbank lagen Feilen, Schraubenzieher und unterschiedlich große Sägen und Hobel neben einzelnen Holzteilen und ausgebauten Schubladen.

Tessy schritt langsam durch den Raum, tastete die Wände ab und nahm den Fußboden in Augenschein, während Charlotte an die Werkbank trat, um die Möbel zu begutachten, mit denen der Tischler gerade beschäftigt war. Wie es aussah, bekamen die Stücke allesamt vollständig aufgearbeitete Rückwände und Böden.

Tessy stellte sich neben Charlotte an die Werkbank. Das alte Holz war säuberlich aufgearbeitet worden. Tessy strich über eine Schublade und stutzte. Offensichtlich war der Boden so morsch, dass Holger sich entschlossen hatte, zusätzlich ein neues Holzelement einzusetzen. Allerdings war es so eingepasst worden, dass ein gut zwei Zentimeter breiter Schlitz zwischen dem ursprünglichen und dem neuen Boden frei blieb. Sie wandte sich zu einem Sekretär um. Hier war eine zusätzliche Zwischenwand einzogen worden, und wieder blieb ein Hohlraum offen. Tessy zog eine Augenbraue hoch und pfiff durch die Zähne.

„Dreimal darfst du raten, wofür hier Platz gelassen wurde“, bemerkte sie.

Charlotte nickte. „Einmal reicht.“

Auf der Werkbank lagen zwei schmale Leisten. Tessy nahm eine davon und hielt sie an eine Seite des Hohlraums. Sie passte. Sorgfältig verleimt und übergestrichen würde die Manipulation am Möbelstück nicht zu erkennen sein.

An der hinteren Wand des Raumes stand ein großer, wuchtiger Schrank. Er war zerkratzt und unansehnlich und diente wahrscheinlich als Werkzeugschrank. Tessy ging näher und bemerkte ein großes Schloss. Sie sah Charlotte an.

„Probier doch mal aus, ob dein Schlüssel hier auch passt“, meinte Tessy.

Das tat er. Charlotte schob die quietschende Tür auf und sah Tessy ziemlich verdutzt an.

„Putzlappen, Besen und Farbeimer“, sagte sie. „Warum der abgeschlossen ist, kann ich nicht nachvollziehen.“ Sie schüttelte den Kopf.

Tessy beugte sich vor und tastete die Wände ab. Nichts. Eine Holzplatte bedeckte den Boden. Sie war schwer, ließ sich aber bewegen. Tessy hielt kurz inne. Dann hob sie die Platte an und stellte sie auf. Darunter befand sich ein Stück Teppich, unter dem eine Bodenluke verborgen war.

„Ich werd’ verrückt“, flüsterte Charlotte.

Tessys Puls hatte sich deutlich beschleunigt. Auch die Luke war verschlossen, und wieder passte der Schlüssel. Eine schmale Holztreppe führte in die Tiefe.

„Jetzt wird es richtig interessant“, bemerkte Tessy.

„Das kannst du laut sagen.“

„Gibt’s da auch Licht?“

Charlotte tastete an der Wand entlang und entdeckte einen Schalter. Licht flackerte auf. Tessy lächelte. „Na komm.“

Dann fiel ihr Paula ein, die bestimmt wie auf heißen Kohlen saß. Sie nahm ihr Handy aus der Hosentasche und verschickte ein beruhigendes Alles ok, Luft rein, sehen uns in Ruhe u. sorgfältig um sowohl an sie als auch an Dirk, bevor sie mit Charlotte die Treppenstufen hinunter stieg. Die Holzdielen knarrten verdammt laut. Tessy kicherte nervös. Nur keine Panik! Im gleichen Moment ging das Licht aus, und ein dunkler Schatten war über ihnen. Tessy hörte Charlotte aufschreien, ihr selbst blieb der Schrei im Hals stecken. Den Schlag spürte sie kaum noch. Dann war nur noch Dunkelheit.