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Der Junge war achtzehn, neunzehn. Höchstens. Er trug verwaschene Jeans, ein dunkelblaues T-Shirt, das auch schon bessere Tage gesehen hatte, und billige Sportschuhe. Sein Haar war strähnig. Simon hatte angenommen, er würde nur einen Moment gelangweilt die Auslage begutachten, um dann mit tief in den Taschen vergrabenen Händen weiter in Richtung Bushaltestelle zu schlurfen. Aber das tat er nicht. Er blieb stehen und betrachtete die Biedermeierkommode, die in der Mitte des Schaufensters stand, als würde sie ihn wirklich interessieren. Plötzlich blickte er hoch, und einen Moment lang erschrak Simon über das Lächeln, das sich auf dem jungen, mageren Gesicht ausbreitete. Ein selbstbewusstes Lächeln, das zu allem Überfluss von einem Zwinkern begleitet wurde. Als würden sie sich kennen. Simon verschränkte die Arme vor der Brust und spannte die Muskeln an, als der Junge zu seiner Verblüffung die Tür öffnete. Niemand sonst war im Geschäft.

„Hey“, sagte der Junge betont locker. „Geile Sachen habt ihr hier.“ Er wandte sich einer zweitürigen, gut einhundertdreißig Jahre alten Glasvitrine zu und strich behutsam über das blanke Zirbelholz. „Ein Geschäftsfreund eines guten Freundes von mir ist neuerdings ganz verrückt nach diesem alten Zeug. Möbel, Uhren, irgendwelcher Krempelkram, wenn du verstehst, was ich meine. Die ganze Bude steht schon voll mit Antiquitäten. Komisch, für was die Leute sich so begeistern können.“ Er grinste und blickte Simon mit erhobenem Kinn an. „Ich habe mitbekommen, dass man bei euch so richtig gut einkaufen kann.“

Simon zwang sich, das Lächeln zu erwidern, und zog die Achseln hoch. Die völlig unpassende Souveränität des Jungen verunsicherte ihn – nein, das war höchstens die halbe Wahrheit: Ein Anflug von Panik schnürte ihm einen Moment den Hals zu, aber er hatte früh gelernt, seine Gefühle zu beherrschen.

„Qualität spricht sich eben herum“, erwiderte er vorsichtig. Seine Stimme klang fest, freundlich, abwartend. „Wer hat uns denn weiterempfohlen?“

Der Junge warf den Kopf zurück und lachte. „Kann ich mir denken, dass dich das interessiert. Kommen wir ins Geschäft?“

Simon lächelte. „An einem guten Geschäft bin ich immer interessiert.“

„Das dachte ich mir.“

„Kannst du etwas konkreter werden?“

„Klar: Mein Bedarf an Möbeln ist gedeckt, wenn du verstehst, was ich meine.“ Der Junge nickte eifrig, grinste wieder und sah sich kurz um. „Wann?“, fügte er dann leise hinzu.

Simon musterte ihn eindringlich. „Nicht hier und jetzt“, erwiderte er dann ebenso leise.

„Klar. Verstehe.“

„Das ist gut. Wie heißt du?“

Der Junge grinste wieder. „Nenn mich Rob.“

Simon grinste zurück. Wenn Rob nicht so verwahrlost wäre, könnte er direkt hübsch aussehen.

 

Simon erzählte Philipp nichts von dem Vorfall. Er schmiedete auch keine konkreten Pläne, sondern traf nur einige flüchtige, fast nebensächliche Vorbereitungen, um im Fall der Fälle handeln zu können. Als er am späten Abend in einer Pizzeria in Kreuzberg auf Rob wartete, spürte er die seltsame Gewissheit, dass er im entscheidenden Moment schon das Richtige tun würde. Selbstbewusstsein und Gelassenheit sind die Grundpfeiler überlegten Handelns, zitierte er in Gedanken eine von Philipps Lieblingsweisheiten und lächelte. Simon war lässig und unauffällig gekleidet, und er wirkte jünger als vierunddreißig Jahre. Die Jeans spannte über seinen muskulösen Oberschenkeln. Er bestellte einen leichten Weißwein. Das war kultiviert, hatte Stil – sagte Philipp. Im Antiquitätengeschäft waren Kultiviertheit und Stil das A und O.

Rob kam über eine halbe Stunde später als vereinbart. Und sah genauso aus wie am Vormittag – schlampig und verwahrlost. Simon spendierte ihm eine Pizza, Eis zum Nachtisch und Grappa. Er merkte sofort, dass der Junge nicht viel Alkohol vertrug, sich aber genierte, die Drinks abzulehnen.

„Okay, lass uns zum Geschäftlichen kommen“, sagte Rob eine Stunde später schließlich, und er gab sich redlich Mühe, deutlich zu artikulieren.

„Klar, aber nicht hier in der Kneipe“, erwiderte Simon, winkte der Kellnerin und bezahlte.

Sie gingen nach draußen. Der Junge schwankte ein wenig und hüstelte verlegen. Erst in diesem Augenblick überlegte Simon konkret, wie er es am besten anstellen konnte, und er war verwundert, wie emotionslos der Gedanke daher kam, und später, wie leicht es war, ihn Stück für Stück in die Tat umzusetzen. Wie in einem Dominospiel, nur dass er selbst den ersten Stein gar nicht angeschubst hatte. Simon schloss den Wagen auf, den er in einer Nebenstraße geparkt hatte, und Rob stieg ein.

„Wohin fahren wir?“

„Lass dich überraschen.“

Simon startete den Motor und fuhr in Richtung Neukölln. Der Junge lehnte sich in den Sitz zurück. Falls ihn die nächtliche Fahrt verwunderte oder gar misstrauisch stimmte, ließ er sich nichts anmerken, oder aber der Alkohol besänftigte sämtliche Zweifel in ihm. Auf dem verlassenen, durch eine dichte Hecke geschützten Parkplatz vor einer Kleingartensiedlung hielt Simon an.

„Gute Tarnung“, sagte Rob bewundernd. „Hast du hier eine Bude für deine Geschäfte? Da kommt echt kein Mensch drauf.“

Simon lächelte und wandte sich dem Jungen zu. Einen Moment betrachtete er den verletzlichen Mund, dann, bevor ihn ein Gefühl der Sanftheit oder Nähe überkommen konnte, schlug er blitzschnell zu. Als erfahrener Kickboxer wusste er, wie er Rob mit einem einzigen gezielten und nicht einmal besonders harten Handkantenschlag auf die richtige Stelle am Hals für Minuten außer Gefecht zu setzen hatte. Rob gab keinen Mucks mehr von sich.

Simon blieb einen Augenblick neben ihm sitzen, dann stand er abrupt auf, öffnete den Kofferraum und holte das Besteck aus einem Innenfach der Werkzeugtasche. Die Spritze war gut gefüllt. Er setzte sie an der linken Armbeuge an, wo es schon mehrere Einstichstellen gab. Für Philipp, dachte er und schämte sich für diesen melodramatischen Gedanken, obwohl er wusste, dass er der Wahrheit entsprach.

Er stach die Spitze unter die Haut und traf die Vene. Es würde schnell gehen. Und schmerzlos. Auf einem bunten Heroincocktail hinüber gleiten in einen endlos langen Traum – das war nicht der übelste Tod. Kein Blut, kaum Spuren. Alles konnte weitergehen wie bisher. Wie einfach es war, einen Menschen zu beseitigen. Frühestens morgen Vormittag würde einem aufmerksamen Spaziergänger auffallen, dass der Junge nicht schlief, sondern tot war, aber die näheren Umstände seines Todes würden kaum jemanden interessieren und wenn doch, dann waren Rückschlüsse auf Simon so gut wie unmöglich. Ein Junkie, der sich eine Überdosis verpasst hatte, warum auch immer – so einfach war das.

Simon sah nicht hin, als das Herz stehen blieb und die Atmung aussetzte, dennoch spürte er, als es vorbei war. So wie damals, als er seinen Hund hatte einschläfern lassen müssen, nachdem der seinen Vater gebissen hatte. Dabei hatte der Alte es gar nicht besser verdient gehabt. Simon bugsierte Rob draußen auf eine Bank, und er sah aus wie einer von Tausenden in dieser Stadt, die kein Zuhause hatten und ihren Rausch ausschliefen. Egal wo. Trostlos. Verwahrlost.

Simon hasste verwahrloste Menschen. Und er hasste Verlierer.