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Mark arbeitete seit zwei Jahren für Christoph Pohlmann – manchmal als Aushilfskellner in der Tagesschicht, meist jedoch als Küchenjunge, Putze, Einkäufer, eben Bursche für alles. Der Alte war ein gewiefter Geschäftsmann, und sein Laden lief wie geschmiert. Der Spitzname Chripo war seine Idee gewesen: „Chri“ für Christoph und „Po“ für Pohlmann, ergab „Chripo“ und klang wie die Abkürzung für „Kriminalpolizei“. Es verging keine Woche, in der Christoph Pohlmann nicht über die Zweideutigkeit des Ausdrucks lachte und sich dabei auf die Schenkel schlug.

Mark hatte rasch mitbekommen, dass der Alte jede Menge wichtiger Leute kannte und sich nicht nur für gutes Bier, üppige Frühstücksbuffets und Billigpizza interessierte. Auffällig war Chripos Faible für Antiquitäten – ständig kaufte er diesen alten Plunder, ließ sich eine alte Jukebox in den Schankraum stellen, eine altertümliche Telefonanlage mit Wählscheibentelefonen samt Nebensprechanlage installieren. Alte Möbelstücke wurden für ihn extra umgearbeitet, damit sie in seine Einrichtung passten. Mark kannte Philipp, den Antiquitätenhändler, und Simon, seinen Partner, der vor einigen Jahren eine große Nummer bei Chripo gewesen war, nur vom flüchtigen Sehen. Die beiden tauchten häufig gemeinsam auf, hatten meist lange Besprechungen mit Chripo, bei denen niemand stören durfte, und wurden immer bevorzugt behandelt. Nachdem Mark zufällig ein eigentümliches Gespräch zwischen Chripo und Simon sowie ein ähnlich verwirrendes Telefonat mitbekommen hatte, war er ins Grübeln geraten. Und Robin, dem er seine Überlegungen einige Tage später im Vertrauen mitgeteilt hatte, war sogleich Feuer und Flamme gewesen und wollte unbedingt sein Glück versuchen.

Vielleicht ist er mit all dem ergatterten Glück längst über alle Berge, hatte Mark anfangs noch gedacht – bevor er erfahren hatte, was geschehen war.

Der Schock hatte ihn tagelang umklammert, und immer wenn die Hoffnung in ihm aufgekeimt war, dass er allmählich nachlassen würde, hatte er sich auf einen neuen zittrigen Höhepunkt zu bewegt.

Mark war ein Einzelgänger, und Robin war sein erster richtiger Freund gewesen, der einzige überhaupt. Mark hatte ihm das nie sagen können. Männer redeten über so was nicht, jedenfalls nicht direkt. Hinzu kam, dass Robins Tod für Mark nur auf den ersten Blick erklärbar oder logisch schien. Zum einen war er einfach kein Kandidat für eine Überdosis gewesen, zum anderen hätte er sich niemals vor einer Neuköllner Laubenkolonie einen Schuss gesetzt. Er wäre nach Hause gegangen oder hätte Mark besucht, der es zwar nicht ausstehen konnte, wenn der Freund drückte, ihm aber nicht die Tür gewiesen hätte. Robin war ein kleiner Junkie gewesen und ein Hobbydealer, der von seinem Stoff in Maßen gekostet und den die Sucht noch nicht völlig im Griff gehabt hatte. Davon war Mark jedenfalls immer ausgegangen. Aber was war dann geschehen?

Mut und konsequentes Handeln gehörten nicht unbedingt zu Marks hervorstechendsten Eigenschaften, aber als der Schreck endlich abklang, gewöhnte er sich an, bei seinen regelmäßigen einsamen Touren mit seinem alten Motorroller auch durch Schmargendorf zu kurven und seine Cola- und Zigarettenpause vor dem kleinen Zeitungsladen gegenüber dem Antiquitätengeschäft zu machen. Manchmal war er auch nachts unterwegs, um nach einer anstrengenden Schicht den Diskolärm und die Kneipenluft loszuwerden, meist jedoch in den Mittags- und Nachmittagsstunden, wenn er ausgeschlafen war oder frei hatte.

An einem schwülen Frühsommerabend fuhr Simon mit dem Transporter vom Hof, und Mark folgte ihm zum ersten Mal, ohne groß zu überlegen. Im dichten Feierabendverkehr war es nicht sonderlich schwierig, den Wagen im Auge zu behalten; außerdem war er ein geübter und wendiger Fahrer. Simon stattete Chripo einen Besuch ab, fuhr dann weiter nach Kreuzberg, wo er bei einer Privatadresse Kleinkram abholte und war schließlich mit einem älteren Herrn bei einem der feineren Griechen zum Essen verabredet. Nichts Ungewöhnliches, fand Mark, der in sicherem Abstand auf der Straße gierig eine Flasche Wasser trank und das Visier seines Helms sorgfältig reinigte.

Einen Tag später, als Mark wieder Stellung vor dem Geschäft bezogen hatte, unternahmen Philipp und Simon eine ähnliche Tour gemeinsam. Diesmal lieferten sie allerdings auch gleichzeitig Ware aus, und die Verabredung mit zwei gut gekleideten Herren, mit denen die beiden eine Bar in Charlottenburg besuchten, zog sich die halbe Nacht hin. Das gehört wohl zum Geschäftsleben, dachte Mark, als er gegen drei Uhr morgens hundemüde nach Hause fuhr und sich fragte, ob seine Verfolgungstouren und die stundenlange Warterei tatsächlich irgendeinen Sinn hatten außer dem, dass es ihm gut tat, etwas zu unternehmen.

Zwei Tage darauf war es lediglich dem knallblauen Himmel und der Aussicht, sich frischen Wind um die Nase wehen zu lassen, zu verdanken, dass Mark sich wiederum mit seinem Roller an Simons Hinterreifen heftete. Aber diesmal erlebte er eine Überraschung. Simon fuhr nach Kreuzberg in die Friesenstraße. Mark hielt Abstand. Er glaubte zwar nicht, dass Simon ihn bei seinen Besuchen in Chripos Laden überhaupt jemals bewusst wahrgenommen hatte – schließlich war er nur ein unauffälliger Bursche, der den Dreck wegmachte und Hand anlegte, wo es gerade nötig war –, geschweige denn ihn unter dem Helm wieder erkennen würde, aber er musste trotzdem vorsichtig sein. Simon war nicht blöd und ausgesprochen misstrauisch.

Verstohlen beobachtete Mark, wie Simon seinen Wagen verließ und im Hauseingang die Namensschilder las, bevor er hineinging. Hier hatte Robin noch bis vor kurzem gewohnt. Das konnte kein Zufall sein. Er war verstört und aufgeregt zugleich und nahm sich vor, weiterhin Augen und Ohren offen zu halten. Robins Tod schien ihm immer weniger ein tragischer Unfall zu sein.

 

Es war früher Nachmittag, als Mark ein paar Tage später in den Keller ging, um zwei Kästen Saft nach oben zu holen. Das Licht ging im selben Moment aus, als von oben das Geräusch der zuschlagenden Tür zu hören war. Mark setzte den Kasten, den er gerade hochgehoben hatte, wieder ab und griff zum Lichtschalter, aber der funktionierte nicht. Es war stockdunkel. Und leise. Bis auf ein Schlurfen. Mark schluckte. Sein Mund war plötzlich trocken. Unwillkürlich drückte er sich in die hinterste Ecke des Kellers und lauschte mit angehaltenem Atem in die Schwärze. Das Herz pochte in seiner Brust, als wollte es seine Rippen auseinanderdrängen. Schritte. Mark spürte sein Zittern. Und auf einmal wusste er mit hundertprozentiger Gewissheit, dass er nicht vorsichtig genug gewesen war.

Er schrie hell auf, als eine Hand auf ihn zuschoss und ihn packte, aber hier unten würde ihn ohnehin niemand hören.

Sie waren zu zweit. Zwei kräftige Kerle mit Strumpfmasken. Sie packten ihn bäuchlings auf einen Stapel Bierkästen und fesselten ihn. Mark fing an zu schreien, als ihm Jeans und Slip heruntergerissen wurden. Der größere der beiden Männer stellte sich hinter ihn, und Mark hörte am Geräusch des Reißverschlusses, dass er seine Hose öffnete.

„Das nennt sich Sonderbehandlung, Kleiner“, zischte er leise, bevor er Mark seinen Schwanz brutal in den Hintern rammte. „Ich verspreche dir, die wirst du so schnell nicht vergessen.“

Mark fing an zu beten. Der Typ stöhnte bei jedem Stoß. Der andere blieb im Hintergrund stehen und sah zu. Dämmriges Licht fiel durch ein Kellerfenster herein.

„Keine Antiquitätenläden mehr“, flüsterte er ihm zu, nachdem er endlich fertig war und seine Hose wieder hochgezogen hatte. „Nie wieder, ist das klar? Ich kenne jede Menge strammer Jungs, die sich gern einmal mit dir vergnügen würden. Du verstehst?“

Mark sagte nichts, deutete aber sofort ein Nicken an.

„Was wolltest du da überhaupt?“

Mark hustete. „Neugierde“, flüsterte er kaum hörbar.

Der andere Mann kam zwei Schritte näher, packte Mark am Haarschopf und zog seinen Kopf herum, so dass er ihm ins Gesicht schauen konnte.

„Hat noch jemand mit der Sache zu tun? Arbeitest du für jemanden?“

Mark hustete wieder. „Nein. Nein. Wirklich nicht.“

„Beim nächsten Mal kommst du hier nicht lebend raus“, flüsterte der Mann.

Mark glaubte ihm aufs Wort, und seine Stimme kam ihm bekannt vor.