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Das war der ödeste Job, den sie je gemacht hatte. Tagelang beschattete Tessy über viele Stunden das Antiquitätengeschäft von Philipp Sommer, ohne dass sich irgendetwas Nennenswertes tat. Sie trank Kaffee, las, schoss ab und an Fotos, hörte Musik, machte sich Notizen und vertrat sich die Beine. Alle zwei Tage hatte Tessy ihren Auftraggebern eine detaillierte Auflistung der Aktivitäten von Philipp Sommer und Simon Koch vorzulegen.
Zu den einsamen Höhepunkten ihres Auftrages gehörten Touren durch die Stadt, die Simon oder Philipp oder beide gemeinsam unternahmen, um Möbelstücke auszuliefern oder abzuholen oder sich mit Geschäftspartnern zu treffen. Von Paula wusste Tessy, dass die beiden auch regelmäßig Fahrten nach Süddeutschland unternahmen, aber ihre Auftraggeber hatten sie angewiesen, den beiden zumindest anfangs nur in Berlin und Umgebung auf den Fersen zu bleiben und darüber genauestens Buch zu führen.
Charlotte hatte mit den Geschäften ihres Liebsten nichts zu tun, wie Paula ihr auch noch erläutert hatte. Sie würde malen, Museen und Ausstellungen besuchen und ansonsten in den Tag hineinleben. Dass Simon der zierlichen Frau hin und wieder folgte, davon konnte Tessy sich regelmäßig überzeugen. Charlotte schien nichts davon mitzubekommen, wenn Simon kurz nach ihr das Haus verließ und ihr in gebührendem Abstand folgte, egal ob sie mit dem Fahrrad losfuhr, sich auf den Weg zur Bushaltestelle machte oder den Wagen nahm. Aber sie wirkte manchmal bedrückt.
Vielleicht ist Philipp hochgradig eifersüchtig, überlegte Tessy, als sich ihr am fünften Tag das bekannte Schauspiel bot. Charlotte verließ das Haus, und Tessy begutachtete schnalzend ihren knackigen Hintern, während sie registrierte, dass Simon diesmal nicht mit von der Partie war. Im gleichen Moment klingelte ihr Handy. Sie sah aufs Display und lächelte. „Hallo, Herr Kommissar.“
„Hallo Privatdetektivin“, erwidert Dirk Hanter gut gelaunt.
„Du klingst frisch und fröhlich. Hattest du einen netten Abend?“
„Hm, ja, war ganz in Ordnung.“
Tessy grinste. Sie hätte die gestrige Nacht mit Dirk eindeutig anders beschrieben, verkniff sich aber eine süffisante Bemerkung. Sie ging jede Wette ein, dass ihm bislang noch keine Frau derart ausdauernd einen geblasen hatte wie sie – und auch kein Mann –, doch das war zumindest im Moment nicht ihr Thema. Sie hoffte, dass der Kommissar Informationen für sie hatte.
„Freut mich zu hören, Süßer“, bemerkte sie. „Und sonst? Bist du fündig geworden?“
„Ja, ich habe mir die Akte angesehen. Der Junge ist an einer Überdosis gestorben.“
„Kein Zweifel?“
„Nein. Er war Junkie. Was erwartest du?“
„Seine Tante meint, dass er gar nicht so viel Knete hatte, um sich genug Zeug für einen goldenen Schuss verpassen zu können.“
„Nun, offensichtlich reichte es dieses eine Mal wohl schon.“
„Verstehe. Sonst noch was Interessantes in dem Zusammenhang?“
„Nö. Und was macht dein neuer Job?“
„Ich sterbe gleich vor Langeweile“, erwiderte Tessy, während sie gleichzeitig ihre Blicke schweifen ließ. Vor dem Kiosk gegenüber vom Antiquitätenladen stand ein junger Kerl neben einem Motorroller, der ihr irgendwie bekannt vorkam, ohne dass sie ihn einzuordnen wusste. Sie stutzte. Wenn sie nicht alles täuschte, hatte der gestern auch schon dort gestanden und eine geraucht.
„Mehr hast du nicht zu sagen?“, fragte Hanter.
„Im Augenblick nicht. Ich melde mich wieder, okay?“
Sie unterbrach die Verbindung abrupt, nahm ihre Kamera und machte unauffällig einige Aufnahmen von dem Typen. Plötzlich war Tessy ganz sicher, dass der Bursche vor dem Kiosk seinen Stammplatz hatte. Das hätte mir auch schon eher auffallen können, dachte sie. Andererseits: Vielleicht wohnte oder arbeitete er in der Gegend und versorgte sich hier regelmäßig mit Zigaretten und Zeitungen. Möglich. Andererseits stand er schon mindestens seit fünfzehn oder zwanzig Minuten untätig in der Gegend herum. Als wartete er auf jemanden.
Eine halbe Stunde später passierten zwei Dinge gleichzeitig: Simon fuhr mit seinem BMW vom Hof, und der junge Kerl wandte sich plötzlich um, startete seinen Roller, stülpte sich den Helm über und ordnete sich in den Verkehr ein. Er folgte Simon.
„Interessant“, murmelte Tessy und schnallte sich an, um hinter den beiden herzufahren. „Endlich kommt Bewegung in die Sache.“
Der Rollerfahrer war sehr vorsichtig, aber dass er Simon auf den Fersen bleiben wollte, war unübersehbar. Während der Fahrt über Wilmersdorf und Friedenau in Richtung Tempelhof blieb er stets in Sichtnähe, vermied es aber, an der Ampel direkt hinter oder neben dem schnittigen BMW zu stehen, und Tessy verhielt sich ähnlich vorsichtig. Simon fuhr auf direktem Weg nach Kreuzberg. Am Mehringdamm bog er in die Friesenstraße und hielt vor einem mehrstöckigen Wohnhaus. Der Roller fuhr flott an ihm vorbei, stoppte aber hundert Meter weiter. Tessy parkte am Straßenrand in zweiter Reihe und beobachtete, wie Simon ausstieg und die Namen an der Haustür eingehend studierte. Der Summer erklang, und er verschwand im Innern. Sie notierte sich die Hausnummer und machte ein Foto von Simon, als der kurz darauf wieder auf die Straße trat. Als hinter ihr jemand hupte, fuhr sie weiter. Kurz darauf blieb sie erneut stehen, um Paula anzurufen.
„Sag mal, kennst du jemanden, der in der Friesenstraße wohnt?“, fragte sie nach der Begrüßung.
Paula schwieg so lange, dass Tessy schon befürchtete, sie hätte die Frage nicht verstanden.
„Du machst Witze, oder?“, entgegnet Paula schließlich ruppig.
Tessy schüttelte verwirrt den Kopf. „Wie meinst du das?“
„Wie kommst du auf die Friesenstraße?“
„Ich bin Simon auf den Fersen – übrigens scheint sich noch jemand für sein Tun zu interessieren, aber das nur so am Rande. Er hat in der Friesenstraße 3 eingehend die Namensschilder studiert und verschwand dann kurz im Haus“, erläuterte Tessy. „Warum regierst du so merkwürdig?“
„Kann ich dir sagen – meine Neffe hat da gewohnt.“
„Was? Sag mal – bist du zu Hause? Ich habe einige Fotos gemacht – vielleicht wirfst du einen Blick darauf.“
„Mach ich gerne.“
Paula wohnte in Tempelhof, und Tessy brauchte keine zehn Minuten zu ihr. Die kleine Altbauwohnung lief ganz unter Ikea-Flagge. Es duftete nach frischem Kaffee. Paula sah mitgenommen aus und machte auch keinen Hehl aus ihrem derzeitigen Kummer.
„Meine Schwester heult sich die Augen aus dem Kopf nach dem Drama um Robin“, erläuterte sie. „Obwohl das irgendwie nicht wirklich überraschend kommt, aber das will sie natürlich nicht hören. Außerdem brauche ich dringend einen neuen Job …“ Sie winkte ab. „Entschuldige – ich will dich nicht mit meinem Stress belasten.“
„Ach, tu dir keinen Zwang an“, ermunterte Tessy sie, während sie in die Küche gingen.
Auf dem Küchentisch stand ein Laptop. Paula goss zwei Tassen Kaffee ein und nickte in Richtung des PCs. „Bedien dich.“
Tessy schloss ihre Kamera an, und Paula sah die Aufnahmen durch, während sie Kaffee tranken. Sie nickte. „Ja, wie gesagt – da hat mein Neffe gewohnt. Aber was hat Simon dort verloren?“
„Vielleicht handelt es sich um einen Zufall.“
Paula schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht …“
„Sag mal, kennst du den?“ Tessy hatte einige aussagekräftige Aufnahmen des Rollerfahrers herausgesucht.
Paula runzelte die Stirn. „Nein. Er dürfte ungefähr in Robins Alter sein, aber … Was ist mit ihm?“
„Er hat Simon verfolgt.“
„Bist du sicher?“
„Allerdings.“
Paula schüttelte erneut den Kopf. „Tut mir leid, dass ich dir nicht weiterhelfen kann.“
„Schon gut, da kannst du ja nichts für“, beschwichtigte Tessy sie. „Ich werde mal abwarten, ob der Typ noch mal auftaucht.“
Paula nickte. Sie sah müde aus. Tessy legte ihr kurz eine Hand auf die Schulter. „Danke für den Kaffee. Wir sehen uns.“
Nach kurzem Überlegen fuhr Tessy erneut in die Friesenstraße. Weder vom Rollerfahrer noch von Simon war irgendeine Spur zu sehen. Sie parkte, griff zu ihrer Kamera und stieg aus, um die Namensschilder zu fotografieren. Das ging schneller und war unauffälliger, als wenn sie sich die Bewohner notierte.
Mit einem Glas Wein, dazu Schafskäse und Pide genießend, saß sie später zu Hause an ihrem Laptop, zu ihren Füßen Kater Chili, der nach einer deftigen Klopperei seinem Kumpel Pepper aus dem Weg ging. Tessy sah die Fotos durch und ordnete sie. Die Namensschilder waren eine besondere Herausforderung. Einige waren in Druckschrift verfasst und gut lesbar – so der von Robin Mihlan –, auf anderen drängten sich mehrere handgeschriebene Namen neben- und übereinander; manche waren nur flüchtig hingekritzelt oder kaum noch zu erkennen. Auf einem war ein Name durchgestrichen und verblasst, den man aber gerade noch lesen konnte: Charlt.Toger. Darüber stand der des neuen Mieters. Charlt.? Tessy stutzte und rief erneut Paula an. Fragen kostete schließlich nichts.
„Weißt du zufällig, wie die hübsche Freundin von Philipp Sommer mit Nachnamen heißt?“
„Zufällig ja: Toger. Warum?“
„Weil die mal in der Friesenstraße drei gewohnt hat.“
„Das glaube ich jetzt nicht!“
„Solltest du aber. Sie hat neben Robin gewohnt. Ich habe es schwarz auf weiß. Der Nachmieter hat ihren Namen auf dem Türschild schlicht durchgestrichen, aber man kann ihn noch erahnen. Vielleicht hat Simon ihretwegen hier rumgeschnüffelt. Außerdem hätte ich große Lust, die Lady mal kennen zu lernen.“
„Vergiss es – die lebt da in einem goldenen Käfig. Außerdem und so ganz nebenbei ist sie eine hundertprozentige Hetera.“
Tessy lachte laut und herzlich. Paula hatte sie also längst durchschaut – oder Gertrud hatte geplaudert. „Liebe Paula, wenn du wüsstest, wie viele so genannten hundertprozentigen Heteras ich schon genüsslich vernascht habe …“
„Verstehe.“
„Umso besser. Überleg doch mal, ob du mit der Süßen nicht irgendwie in Kontakt treten kannst.“
Paula seufzte. „Wir haben nur sehr wenig miteinander zu tun gehabt …“
„Vielleicht fällt dir trotzdem was ein. Könnte dich auch ablenken.“
„Mal sehen.“
Die Sonne ging glutrot unter. Chili trottete maunzend davon – wahrscheinlich auf der Suche nach Pepper, um die Streitaxt zu begraben. Tessy atmete den feuchten und betörenden Sommerduft ein, während der Rasensprenger leise klackte und sie an eine Hetera namens Maike dachte, die ihr vor hundert Jahren auf einem Kostümfest über den Weg gelaufen war. Maike war als Burgfräulein gegangen, Tessy hatte einen Edelmann gegeben. So überzeugend, dass Maike sich gar nicht hatte satt sehen können an ihr. Tessy war ihr beim Tanzen immer forscher an die Wäsche gegangen und hatte sie schließlich in eine Vorratskammer neben der Küche gelockt.
Tessy kicherte, während sie in der Erinnerung schwelgte. Sie hatte ihren Dildo dabei gehabt – und eingesetzt. Maike war verdammt laut gewesen, als Tessy es ihr mit dem Liebesknüppel besorgt hatte. Und sie hatte ihr den Rücken zerkratzt, dass sie noch tagelang die Striemen spürte.