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Charlotte hatte Philipp im vergangenen Herbst bei einem Hoffest in Prenzlauer Berg kennen gelernt, auf dem sie sich als Porträtzeichnerin betätigt hatte. Damals jobbte sie noch als Serviererin, lebte in einer kleinen billigen Wohnung in Kreuzberg und träumte von einer Karriere als Künstlerin.
Er hatte plötzlich hinter ihr gestanden und die Skizze betrachtet, die sie heimlich von einer dicklichen Frau mit auffallend roter Nase angefertigt hatte. Er war sehr schlank, hatte kurzes dunkles Haar, sein Gesicht war hager und großporig und zu kantig, um schön genannt werden zu können; nachdenklicher Blick, um die Vierzig. Neben ihm stand ein zweiter Mann, der das genaue Gegenstück zu ihm bildete – blond, muskulös, eindringliche, hellblaue Augen, einige Jahre jünger.
„Wunderbar“, sagte der Hagere schließlich leise. „Sie haben die kleine fette Wichtigtuerin besser getroffen, als es mancher Fotograf vermocht hätte.“ Grün-braune Augen. Er lächelte sanft. Charlotte lächelte zurück. Sie war geschmeichelt und wusste, dass er es mitbekam. Na und?
„Mein Name ist übrigens Philipp Sommer.“ Er wandte sich zu seinem Begleiter um. „Und das ist mein Mitarbeiter und Freund Simon Koch. Ich führe ein Antiquitätengeschäft und bin schon allein deshalb an Kunst interessiert. Gibt es noch mehr Bilder von Ihnen?“
Mit einer winzigen, bei oberflächlicher Betrachtung kaum wahrnehmbaren Handbewegung gab Philipp Simon zu verstehen, dass er das Gespräch mit Charlotte alleine fortsetzen wollte. Sie tat, als hätte sie die kleine Geste nicht bemerkt und lächelte Simon freundlich zu, als der sich knapp entschuldigte und Richtung Weinausschank davonging.
„Ja, es gibt einige Bilder von mir“, nahm Charlotte den Faden wieder auf. „Aber offensichtlich bin ich nicht begabt genug oder treffe nie den richtigen, gerade angesagten Geschmack, denn für die Kunstakademie hat es bisher nie gereicht. So übe und lerne ich in der Zeit, die mir neben meinem Job bleibt, wo immer sich die Gelegenheit ergibt.“
Sie setzten sich, und Charlotte ertappte sich dabei, wie sie ihn länger ansah, als unbedingt nötig gewesen wäre, selbst als Malerin. Er hatte zarte Linien unter den Augen, und manchmal verfestigte sich sein Mund und wirkte hart, eigenwillig.
„Würden Sie mich malen?“ fragte er.
„Ja, natürlich. Gerne.“
„Eine Bedingung.“ Er beugte sich zur ihr vor. „Keine Schmeicheleien. Direkt, ehrlich, schonungslos. Ich weiß, dass ich keine Zwanzig mehr bin und brauche auch nicht die Illusion der ewigen Jugend.“
Charlotte nickte. Sie war beeindruckt. Entweder war Philipp der geborene Charmeur, oder er meinte es ehrlich und war eines der letzten interessanten Exemplare der Gattung Mann. Sie griff zu Block und Stift und skizzierte Kopf und Oberkörper in wenigen Minuten. Merkwürdigerweise stimmte die fertige Zeichnung nicht mit dem Bild überein, das sie im Kopf hatte, und das passierte ihr selten. Dem Gesicht fehlte die Wärme. Der abgebildete Mann wirkte entschlossen und energisch. Charlotte betrachtete es nachdenklich, bevor sie es an Philipp weiterreichte. Der lächelte.
„Ein kämpferischer Typ“, stellte er fest. „Darf ich Sie einladen?“ Philipp legte seine Hand für einen Moment mit leichtem Druck auf ihre. „Zu einem späten Kaffee oder Espresso?“
Er ist verdammt attraktiv, dachte sie, er interessiert mich, und er weiß es. Nach dem Herzklopfen und den weichen Knien zu urteilen, interessiert er mich sogar sehr. Vor ihrem inneren Auge sah sie plötzlich in beeindruckend deutlichen Bildern, wie Philipp ihr ohne großes Vorspiel an die Wäsche ging, das Höschen zerriss, ihr schmutzige Worte ins Ohr flüsterte …
Sie atmete tief durch. „Ja, gerne.“
Er nickte, als hätte er nichts anderes erwartet, und in seinen Mundwinkeln entdeckte sie ein feines, ironisches Lächeln. „Heute Abend noch? Oder sind wir artig und sittsam und schlafen eine Nacht darüber?“
Wir sind keine kleinen Kinder mehr, schien er damit sagen zu wollen, sondern zwei erwachsene Menschen, die mit ihren Bedürfnissen umgehen können, aber ich bin so freundlich und überlasse dir die Entscheidung. Kleines Mädchen oder Frau, die weiß, was sie will und dazu steht? Charlotte spürte ein zartes Vibrieren, das sich über ihren Körper ausbreitete.
Sie hob das Kinn. „Artig und sittsam hat noch nie zu mir gepasst.“
Sie fuhren zu ihm. Die Wohnung über dem Antiquitätengeschäft in Schmargendorf war dezent und teuer eingerichtet. Philipp bevorzugte ungewöhnliche Kombinationen aus Stahl und Holz, dazu dunkle Blau- und Grüntöne. Er servierte den Espresso auf der Terrasse, wo Charlotte in einem Korbsessel Platz genommen hatte. Sie tranken schweigend. Er ließ sie nicht aus den Augen, und genau in dem Moment, in dem Charlotte ein mulmiges Gefühl beschlich, lächelte er plötzlich.
„Erzähl mir von dir“, sagte er, wie selbstverständlich zum Du übergehend, und stellte seine Tasse ab.
„Ach, es gibt nicht viel zu erzählen“, erwiderte sie seltsam erleichtert. „Das Wichtigste weißt du schon.“
„Das kann ich mir nicht vorstellen – hast du denn gar keine Vergangenheit?“
Charlotte lachte. „Meinst du Ehen, Scheidungen, Kinder und so weiter? Nun, in der Hinsicht habe ich in der Tat keine Vergangenheit. Einige Freunde, Affären, ein bisschen Liebeskummer. Das war es auch schon.“
Er beugte sich zu ihr vor, legte die Hände auf ihre Knie. „Das ist mir alles viel zu unpersönlich. Sag mir, was du vom Leben, von der Liebe willst, was in dir vorgeht. Ich bin neugierig.“
Es wurde warm unter dem Druck seiner Hände, und sie roch sein Eau de Toilette. Charlotte spürte einen Anflug von Scham, als sie registrierte, dass sie feucht war und immer feuchter wurde und es leid war, irgendein Gespräch in Gang zu halten, nur um nicht allzu offensichtlich den Eindruck zu erwecken, worum es hier eigentlich ging. Seine Hände wanderten ein Stück nach oben. Blieben dort liegen. Mach weiter, dachte sie und sah auf seinen Adamsapfel, der sich beim Schlucken auf- und ab bewegte, in seine dunklen Augen, die sie mit einer seltsamen Mischung aus Amüsement und Neugierde abtasteten.
„Wirst du sehr laut?“ fragte er im Flüsterton.
„Bitte?“
Leises Lachen. „Du weißt genau, was ich meine – stöhnst du, schreist du sehr laut? Dann können wir nämlich nicht auf der Terrasse bleiben.“ Er stand abrupt auf, streckte ihr die Hand hin. „Komm.“
Sie kamen nicht bis zum Schlafzimmer. Im Flur zog er sie küssend und lachend auf den Fußboden, streifte ihr mit wenigen Handgriffen Jeans und Bluse ab, während sie mit zitternden Händen sein Hemd aufknöpfte und seine Gürtelschnalle öffnete. Er fuhr mit der Zunge an ihrem Hals, am Nacken entlang, lachte, als sie leise stöhnte, biss ihr ins Ohr, in die Schulter, fühlte nach ihrem feuchten Schoß und ihren steil aufgerichteten Brustwarzen. „Ausgehungert?“
„Ja, ziemlich.“
Er verlor keine Zeit, spreizte ihre Beine, kniete sich zwischen sie und sah sie wieder mit diesem lauernden Blick an. „Wie sehr ausgehungert?“
„Hör auf zu reden, tu es doch einfach!“, fauchte Charlotte plötzlich.
Mit einer Hand umklammerte sie seinen steifen Schwanz, aber Philipp griff nach ihren Händen und hielt sie fest. „Wie oft machst du so was – mit irgendeinem Typen mitgehen und dich durchficken lassen?“
Sie versuchte, sich seinem Griff zu entwinden und den auf eigenartige Weise mit höchster Erregung gepaarten Schreck zu verbergen. „Idiot, es ist das erste Mal. Und jetzt lass mich los! Es ist wohl besser, wenn ich gehe.“
Er lächelte, warf den Kopf zurück, lachte, fuhr sich mit der Zunge über die Unterlippe. Dann drang er in sie ein – schnell und tief.
Charlotte schnappte nach Luft. Philipp war kein sanfter, behutsamer Liebhaber, aber das hatte sie auch gar nicht erwartet. Er war heftig, kompromisslos, gierig, unermüdlich. Ein wenig brutal. Bis ganz nah an die Schmerzgrenze heran. Er zitterte, um seinen Höhepunkt zurückzuhalten und sie beobachten zu können. Charlotte krallte die Fingernägel in seine Pobacken und schrie auf, als sie kam.
Er half ihr hoch und trug sie nach nebenan ins Bett. Dort war er zärtlich, hingebungsvoll und bemerkenswert ausdauernd. Sie hatte noch nie mit einem Mann geschlafen, der so gekonnt ihre Möse geleckt und sie so aufreizend langsam und genussvoll gevögelt hatte wie Philipp. Aber er ließ nicht zu, dass sie die Regie übernahm. Das fand Charlotte sehr altmodisch, aber zugleich so faszinierend, dass sie keine ernsthaften Einwände erhob.
Als der Morgen graute, war sie wund und zutiefst erschöpft, aber immer noch hellwach. Seltsam unruhig. Philipp lag ausgestreckt neben ihr.
„Für mich auch“, sagte er leise.
„Was meinst du?“
„Ich habe das erste Mal auf diese Art und Weise eine Frau abgeschleppt.“
Charlotte richtete sich auf. „Das glaube ich nicht.“ Ein Typ wie er konnte doch jede haben, und er hatte nicht gerade den Eindruck erweckt, ein blutiger Anfänger zu sein.
Philipp zog sie wieder neben sich, küsste sie auf die Nasenspitze. „Das kannst du mir ruhig glauben. Natürlich habe ich Freundinnen und vergnüge mich hin und wieder.“ Er lächelte, legte die Hände auf ihre Brüste. „Aber mit dir ist es anders als sonst: Ich bin verliebt und bekomme gar nicht genug von dir.“
Er meint es ernst, dachte Charlotte und war erstaunt. Das geht ein bisschen schnell, überlegte sie. Er nahm eine Brustwarze in den Mund und saugte hingebungsvoll daran.
„Ich kann nicht mehr, Philipp“, flüsterte sie. „Und ich muss jetzt wirklich nach Hause.“
Sein Kopf fuhr hoch. „Nein.“ Ein rasches Lächeln. „So schnell kommst du mir nicht davon.“
„Philipp!“
Sein Lächeln wurde eine Spur zu starr, um noch als fröhlich durchgehen zu können. „Nein.“ Er drehte sie um. Seine Zähne gruben sich beinahe zärtlich in ihre Schulter. „Einmal noch von hinten. Dann wird geschlafen und morgen Mittag frühstücken wir zusammen. Wenn du willst, kannst du dann gehen.“
Charlotte sollte eine ganze Weile später darüber sinnieren, was wohl passiert wäre, wenn sie darauf bestanden hätte zu gehen. Wäre er wütend geworden? Hätten sie sich vielleicht nie wieder gesehen? Aber es war müßig, derlei Spekulationen nachzuhängen, denn an diesem frühen Morgen spürte sie zwar ihr Unbehagen wie einen winzigen Giftpfeil im Nacken, aber sie wehrte es ab. Und als er hinter ihr kniete und ihre Hüften mit festem Griff umfasste, war sie erregt wie ganz am Anfang. Und sie schrie wie Stunden zuvor, als sein harter Schwanz in sie eindrang und ihr mit schnellen harten Stößen den nächsten Höhepunkt bescherte.
Okay, dachte Charlotte, als sie am späten Mittag nach einem köstlichen Frühstück und einer weiteren Runde Sex aufbrach, fassen wir einmal zusammen: Ich habe mich so richtig ausgetobt, all meine niederen Instinkte befriedigt, wozu unter anderem offenbar auch gehört, dass ich mir mit höchstem Vergnügen Nutella und Milchschaum von Bauch, Schenkeln und Schoß lecken lasse und gegen eine kleine bis mittlere Portion Gewalt nichts einzuwenden habe – ganz im Gegenteil. Nun vergesse ich das Ganze schnell wieder, um in meinen Alltag zurückzukehren. Sie versuchte das seltsame Unbehagen zu überhören, das sich hinter dieser Darstellung verbarg.
Als sie in das Taxi stieg, das Philipp spendierte, fuhr ein dunkelblauer BMW vor. Charlotte erkannte den kurzgeschorenen Blondschopf von Simon, den Philipp auf dem Hoffest als Mitarbeiter und Freund vorgestellt hatte. Zu Hause angekommen ließ sie sich aufs Sofa fallen.
In der Wohnung nebenan war es still. Häufig begann ihr Nachbar sein Tagewerk damit, seine Musikanlage auf beeindruckende Phonstärken hochzufahren. Sie hörte sich seinen Heavy-Metal-Punk-Sonstwas-Mix immer genau eine Viertelstunde an, um dann an seine Tür zu hämmern. Wenn sie das Glück hatte, mit ihrem Krach seinen übertönen zu können, stand er kurz darauf mit zerknirschtem Gesichtsausdruck vor ihr und beteuerte händeringend, dass es ihm leid täte und nicht wieder vorkäme.
Robin war seit gut einem Jahr ihr Nachbar. Eigentlich schade um den Jungen, dachte Charlotte, bevor sie einschlief. Es war ihm anzusehen, dass es das Leben nicht gut mit ihm meinte, und sie fand, dass er viel zu jung war, achtzehn, neunzehn, höchstens, um schon auf dem absteigenden Ast zu sitzen und Stück für Stück nach unten zu rutschen.
Er war in der dunklen Toreinfahrt nur schemenhaft zu erkennen. Charlotte wusste sofort, dass es Philipp war. Sie redete sich ein, dass sie ihn an seiner Haltung erkannt hatte, aber im Grunde war ihr klar, dass sie nur auf ihn gewartet hatte – fast drei Wochen lang.
Kein Lebenszeichen hatte es seit jener Nacht von ihm gegeben. Von ihr auch nicht. Wie rückständig darauf zu warten, dass er sich melden würde, dachte sie, als sie langsam näher ging und vage in die Dunkelheit hineinlächelte. Sie roch sein Eau de Toilette, und ihre Haut zog sie sich wie unter feinsten Nadelstichen zusammen, als er ohne ein Wort die Hände nach ihr ausstreckte. Charlotte wollte ein albernes Kichern von sich geben und ihn mit einem flotten Spruch begrüßen, aber sie schwieg. Er zog sie an sich. Sein Körper war hart und bebte leise.
„Ich habe dich vermisst“, flüsterte er an ihrem Ohr.
„Ich dich auch.“
„Ich habe nicht viel Zeit“, sagte er. Seine Hände schoben sich unter ihre Bluse.
„Nein?“ Sie überdeckte ihre Enttäuschung mit einem falschen Lächeln, spürte, wie seine Finger sich krümmten, die Wirbelsäule entlang strichen. „Nur ein Kuss und dann ist Schluss?“
„Ein bisschen mehr schon“, gab er zurück. Seine Augen waren plötzlich groß und fragend. Mit einer Hand öffnete er ihre Jeans und zog dann den Reißverschluss seiner Hose herunter.
„Bist du verrückt geworden?“
„Ja – nach dir.“ Er lachte, drängte sie in die hinterste Ecke unter dem Torbogen der Einfahrt, presste sich an sie und nahm ihr die Luft zum Atmen.
„Hör auf, es kann jeden Moment jemand kommen!“
„Na klar – wir!“
Die Panik in ihrer Stimme stachelte ihn an, das spürte sie, hörte sie an seinem Keuchen, dem aufgeregten Flattern in seiner Brust. Oder war es ihre? Sie griff nach seinem Schwanz, und ihre Knie wurden weich wie Gelee. Geschickt streifte er ihre Hose ab und hob sie hoch. Die kalte Mauer schürfte die Haut an ihrem Rücken auf – mit jedem Stoss ein wenig mehr. Leute gingen vorbei, ein Hund schnüffelte und wurde heftig zurückgerissen. Sie schluckte ihr Stöhnen herunter. Ihre Scham. Und war nur noch hemmungslose Gier.
Diesmal vergingen vierzehn Tage, und Charlotte begann sich zu hassen. Ihn schon lange. Philipp beherrschte ihre Träume und ihre Sehnsüchte, so sehr sie sich auch dagegen wehrte. Sie lief mit erhitzten Wangen und feucht durch die Gegend. Sie masturbierte. Sie ging aus, um andere Männer kennen zu lernen. Es half nichts. Als er schließlich in dem Café anrief, in dem sie jobbte, um sich mit ihr zu verabreden, war ihre Stimme spitz vor Aufregung, und sie vergaß ihn zu fragen, woher er wusste, wo sie arbeitete. Sie fuhren zu ihr nach Hause. Er küsste sie nicht. Er wollte Musik hören und ihre Wohnung sehen. Charlotte kochte mit zitternden Händen Kaffee. Sie lachte unsicher wie ein Teenager und suchte seinen dunklen Blick. Er setzte sich an den Tisch, nahm etwas Zucker und viel Milch. Als das Telefon klingelte, sah er rasch hoch. „Geh nicht ran.“
Charlotte wandte sich zur Tür. „Natürlich gehe ich ans Telefon.“
Er lächelte unergründlich. „Das wirst du nicht tun.“
Sie ging kopfschüttelnd in den Flur. Er war mit zwei Schritten bei ihr, packte sie und zog sie in die Küche zurück. Charlotte wehrte sich heftig. Am meisten gegen sich selbst. Dann lag sie auf dem Tisch, die Zuckerdose polterte zu Boden, und er riss ihr die Klamotten vom Leib, drängte sich zwischen ihre Beine und drang in sie ein.
„Wer nicht hören will, muss fühlen“, flüsterte er mit rauer Stimme. „Wie fühlt er sich an: mein harter Schwanz?“
Sie fauchte wie eine Katze, stöhnte, schrie leise auf. „Fick mich“, flüsterte sie, und plötzlich wurde Philipp so zärtlich, dass sie anfing zu weinen. Sie schaukelten einander, er flüsterte vulgäre Koseworte, und sie öffnete sich weit für ihn.
Charlotte gewöhnte sich nie an seinen seltsamen Rhythmus, an sein plötzliches Auftauchen, mal vertraut und selbstverständlich, mal dunkel und lauernd, keinen Widerspruch duldend, gefährlich Besitz ergreifend. Erotik pur. Sex. Überall. Manchmal überraschend sanft. Meist ließ sie sich überwältigen. Wollte überwältigt werden, mit zartem Schmerz, und verbarg den Schreck darüber mittlerweile sehr geübt. Liebe? Das war wohl das falsche Wort. Fest stand, dass Philipp der ungewöhnlichste Mann war, den sie je kennen gelernt hatte. Und sie wollte unbedingt mehr von ihm wissen.
Er mochte ihre Bilder. Eines Abends fragte er sie, warum sie nicht mehr aus ihrem Talent mache. „Du malst vor dich hin, hältst dich mit mittelmäßigen Jobs über Wasser und träumst ziellos in den Tag hinein.“
„Was wird das denn?“ Charlottes Stimme wurde scharf. „Mach du dein Ding und ich meines. Es gefällt mir, wie ich lebe.“
„Das glaube ich nicht. Du hast ganz andere Träume“, erwiderte Philipp und stand auf. Er zog ihren Kopf zu sich heran, wühlte in ihren Haaren. „Reg dich ab. Ich will dich nicht verletzen.“
Charlotte entzog sich im, starrte in sein Gesicht. „Du bist ein merkwürdiger Typ. Was ist eigentlich mit deinen Zielen?“
„Die erreiche ich jeden Tag.“ Er setzte sich wieder.
„Du wirkst auf mich nicht gerade wie ein Vollblutantiquitätenhändler.“
„Nein?“ Philipp wurde ernst. „Wie wirke ich denn auf dich?“
„Eher wie ein findiger Rechtsanwalt. Wie kommst du zu deiner Vorliebe für Antiquitäten?“
Er zuckte mit den Achseln. „Es ist ein gutes Geschäft – seit ich es übernommen habe, läuft es noch besser als unter der Führung meines Vaters. Ich bin gut und verdiene viel Geld. Sind das überzeugende Argumente?“ Er lächelte nicht ohne Stolz und zog sie auf seinen Schoß.
„Und Simon?“
„Wie kommst du jetzt auf Simon?“
„Simon ist kein Fachmann, oder?“
„Nein, aber er hat sich gut eingearbeitet, er ist vertrauenswürdig und ein wahres Organisationsgenie“, antwortete Philipp. „Ich lasse nichts auf ihn kommen.“ Das klang wie eine unterschwellige Warnung. „Und nun lass uns überlegen, wie es weiter geht.“
„Wie was weiter geht?“
„Na, mit uns beiden. Ich finde, wir sind ein gutes Team. Du bist verrückt nach mir und meinem Schwanz.“ Er lachte laut auf, als Charlotte ihm in den Bauch boxte. „Zieh bei mir ein. Du kriegst dein Atelier und kannst malen. Ich kümmere mich ums Geschäft. Du fummelst mir nicht rein, ich dir nicht.“
Sie starrte ihn an. Er meinte es ernst. „Witzbold! Wir kommen aus völlig unterschiedlichen Welten und kennen uns kaum. Manchmal ist wochenlang Funkstille – für eine ernsthafte Beziehung reicht das kaum. Und nur so nebenbei: Ich lasse mich nicht aushalten“, entgegnete sie rasch.
„Ernsthafte Beziehung – wie spießig! Wir sind dabei, uns kennen zu lernen, und die Frau, mit der ich zusammen lebe, braucht nicht zu jobben.“
Charlotte zeigte ihm einen Vogel, aber ihre Finger zitterten leicht. „Der Spruch stammt aus dem letzten Jahrhundert. Ich brauche meine Selbständigkeit. Ich will nicht von dir oder von sonst wem abhängig sein.“
„Unsinn! Fühl dich frei. Du malst, und ich strecke meine Fühler ein bisschen aus. Den einen oder anderen Galeristen kenne ich schließlich auch. Dann wirst du eine viel beachtete Künstlerin und verdienst ein Schweinegeld. Na, sind das keine Aussichten? Denk darüber nach.“ Er biss ihr in die Schulter. „Ich finde, wir haben genug geredet und sollten jetzt vögeln.“
Charlotte hatte sich bislang nicht vorstellen können, ihre Unabhängigkeit aufzugeben, schon gar nicht, um mit einem so unberechenbaren Typen wie Philipp unter einem Dach zu leben. Ein Mann, der ganze Bereiche seines Lebens nur für sich allein haben wollte und dessen Willensstärke oftmals an Herrschsucht grenzte. Aber sie hatte sich bisher auch nicht vorstellen können, dass Sex so in den Mittelpunkt ihres Interesses rücken könnte. Ungewöhnlich intensiver Sex. Der immer hungriger machte. Und natürlich war der Gedanke verlockend, ohne Geldsorgen leben und arbeiten zu können. Was hatte sie zu verlieren? Das Problem war, dass sie nicht wusste oder nicht wissen wollte, wie hoch der Preis sein würde, den sie dafür zu zahlen hatte. Irgendwann.
Ein Jahr, dachte sie schließlich, ich versuche es ein Jahr. Charlotte nannte ihren neuen Lebensabschnitt: Experiment Gemeinsamkeit.
Allerdings stellte sie bald fest, dass von Gemeinsamkeit außerhalb ihrer sexuellen Erlebnisse und einiger alltäglicher Ereignisse nicht die Rede sein konnte. Philipps Geschäfte und Termine gingen sie nichts an, wohingegen es ihn durchaus interessierte, wie sie ihre Zeit verbrachte. Er reagierte unwirsch auf alle möglichen Fragen – zum Beispiel nach seiner Familie. Dass sein Vater vor geraumer Zeit verstorben, seine Mutter in einem Pflegeheim lebte und der Kontakt kaum der Rede wert war, erfuhr Charlotte ganz nebenbei.
Ihr Angebot, im Geschäft mitzuarbeiten, hatte Philipp abgelehnt: Sie hätte Besseres zu tun und sollte weder Simon noch ihm und Paula, der Buchhalterin, in die Quere kommen. Auch Holger, der als Tischler und Restaurateur arbeitete, war ein Eigenbrötler, der die Werkstatt selten verließ und den sie nicht zu stören hatte.
„Vertraust du mir eigentlich?“ fragte Charlotte Philipp eines Tages, nachdem sie rein zufällig mitbekommen hatte, dass Paula entlassen worden war, ohne dass er ihr gegenüber auch nur ein Wort darüber verlor.
„Wir leben zusammen. Und ich bin ein überzeugter Einzelgänger.“
Das war eindeutig zurückweisend, und Charlotte wusste, dass ihm das klar war und dass es ihm nichts ausmachte, sie zu verletzen. Einige Zeit später würde sie an dieses Gespräch zurückdenken und sich fragen, ob ihr nicht spätestens an diesem Abend hätte klar werden müssen, dass diese Beziehung nicht die richtige für sie war. Aber hinterher war man immer schlauer.