23. Kapitel
Die Anwälte des ehemaligen GA-Staatschefs Cal Omas haben das Justizministerium für die Verzögerung gerügt, die Anklagepunkte gegen ihren Mandanten bekanntzugeben. Angeblich drängt Omas, derzeit unter Hausarrest, auf eine öffentliche Verhandlung. Ein Sprecher der GGA sagte heute, dass die Ermittlungen noch andauern.
- HNE-Nachrichtenbulletin
DAS OYU'BAAT, KELDABE, MANDALORE
Venku - Kad'ika - kam in das Tapcafe, schritt auf Fett und Mirta zu und deutete über seine Schulter. »Er sagt, er wird es machen. Er will euch allerdings nicht versprechen, dass er den Stein jetzt und auf der Stelle lesen kann, für den Fall, dass er es nicht kann. Er hasst enttäuschte Leute.«
Der alte Mann, der mit Kad'ika hereingekommen war, ging langsam durch das Tapcafe. Er streifte seine Handschuhe ab und streckte eine gebrechliche, vom Alter gesprenkelte Hand aus. »Ich kann es tun«, sagte er. »Lass mich den Stein nehmen.« Mirta schaute zögerlich drein, dann nahm sie die Halskette ab, um sie Fett zu reichen.
»Also bist du ein geborener Kiffar«, sagte Fett. Die Mandalorianer kamen von einer Vielzahl von Rassen und Planeten, doch die Kultur anzunehmen, löschte ihr genetisches Profil nicht aus. »Erspart mir eine Reise.«
»Ich ... kenne den Planeten.«
»Wie ist dein Preis?«
»Dein Seelenfrieden. Mand'alor. Niemand sollte vergebens nach der letzten Ruhestätte Angehöriger suchen.«
Das hatte Fett nicht erwartet. Die Hand, die ihm noch immer hingehalten wurde, war überraschend ruhig. Fett hielt das Feuer-herz an seiner Lederschnur und ließ es auf die Handfläche des Mannes sinken, ehe er sich zurücklehnte und unbekümmert zu wirken versuchte.
Der alte Mann schloss die Finger um das Feuerherz, stand da und betrachtete seine Faust, sein Atem langsam und schwer.
»Sie war sehr unglücklich, nicht wahr?«
Das war gut geraten. Oder auch nicht, denn es ergab sich aus den Umständen. Vermutlich sagte der alte Mann das zu allen verletzten und einsamen Seelen, die ihm über den Weg liefen. Scharlatane und Gauner bauten stets auf die Reaktionen anderer. Fett sagte nichts, um ihm nicht das Gefühl zu geben, einen Zufallstreffer gelandet zu haben, aber andererseits wollte er ihn auch nicht belügen.
»Und es ist ihr schwergefallen, jemals wieder einem anderen Mann zu vertrauen.«
Fett saß immer noch schweigend da, einen Fuß auf dem Stuhl. Sintas hatte nie irgendjemandem vertraut. Kopfgeldjäger waren kein besonders vertrauensvolles Völkchen, daher war das eine sichere, einfache Schlussfolgerung, die als Enthüllung verkleidet daherkam.
»Ihre schlimmsten Tage waren die, als deine Tochter zu sprechen lernte und wissen wollte, wo Dada ist.«
Fell wurde der Sache allmählich überdrüssig. Er rutschte auf seinem Stuhl herum und ignorierte die Stimme, die flüsterte, dass der Alte vermutlich die Wahrheit sprach. Woher sollte er das denn wissen? Er konnte das nicht nachprüfen. Er und Sintas hatten sich zu dieser Zeit bereits getrennt, und er hatte Ailyn nie zu sehen bekommen.
Nicht, bis ich ihre Leiche vor mir hatte.
»Sie dachte immer noch, sie wäre dir nicht egal, als du das Hologramm für sie besorgt hast.«
Das war keine Mutmaßung mehr, sondern etwas Konkretes. Und es ... stimmte. Fett wagte nicht. Mirta anzuschauen. In dem Lokal war es vollkommen still: Das Knistern und Krachen des Holzfeuers im Tapcafe klang wie Schlachtfeldexplosionen.
»Sie sagte, du wärst viel zu jung, um zu wissen, was du tust, und du sagtest, alles, was du wissen müsstest. wäre, wie schön sie ist, dass sie eine hervorragende Schützin ist und dass du genauso gut ihr vertrauen kannst wie jeder anderen Frau.«
Fetts Kopfhaut zog sich zusammen und kribbelte. Das war genau, was er gesagt hatte, und es war zu dumm und zu kindisch, als dass der Alte es sich spontan hätte ausdenken können. Nein, er muss Informationen haben, er muss eine Show abziehen. Er hat diese Information von irgendjemandem bekommen ... Aber wie?
Der Mann nahm einen tiefen Atemzug und zögerte, bevor er wieder sprach. »Du hast ihr gesagt, dass du Lenovar für das bezahlen lassen würdest, was er ihr angetan hat, und sie versuchte, dich davon abzuhalten ...«
Das war zu viel für Fett. »Genug.« Er stieß seine Hand vor, die Handfläche nach oben. »Dann kannst du den Stein also lesen.«
Venku senkte das Kinn. Selbst ohne sein Gesicht zu sehen, wusste Fett, dass die Miene hinter dem Visier Furchtlosigkeit und Wut eines Beschützers ausdrückte.
Der alte Mundo ging sanfter an die Sache heran als sein Leibwächter. »Sag mir einfach, was du wissen möchtest«, bat er. »Ich weiß, diese Dinge können manchmal schmerzvoll sein.«
Mirta ließ Fett keine Chance zu antworten. Auch gut. Er konnte sich ohnehin nicht dazu durchringen, es zu sagen. Auf die Zuschauer wirkte er einfach so schweigsam und mürrisch wie immer.
»Ich will wissen, wie sie ihre letzten Stunden verbracht hat«, sagte Mirta. »Ich will ihre Leiche finden.«
Der alte Mann legte das Feuerherz auf den Tisch, während er seinen Helm abnahm. Er hatte ein zierliches, schmales Gesicht und einen flaumigen Bart, der weißer war als sein Haar, das noch immer Spuren von sandfarbenem Blond zeigte. Er schwitzte. Die Erinnerungen und Spuren der Zeit aufzufangen, die in der Molekular-struktur des Steins gespeichert waren, schien ihn anzustrengen.
Und er hatte keine Kiffar-Gesichtstätowierung. Andererseits hatte Mirta das auch nicht, ungeachtet der Tatsache, dass Ailyn vollkommen in der Kiffar-Kultur aufgegangen war. In einigen Branchen hatte ein dauerhaftes Identifikationsmerkmal seine Nachteile.
»Der Stein lässt mir die Erinnerung nicht in der zeitlichen Reihenfolge zuteilwerden«, sagte der Veteran. »Alles ist zufällig, wie Rückblenden. Ich sehe Bilder, höre Geräusche, rieche Aromen und so weiter. Dem einen Sinn zu verleihen, ist nicht einfach.«
Er legte seinen Helm auf den Tisch und nahm den Stein wieder auf, um ihn diesmal zwischen beide Handflächen zu pressen. Venku legte beruhigend eine Hand auf seine Schulter, und Fett fühlte sich auf unerklärliche Weise unwohl.
»Willst du, dass ich ... nach Gewalttaten suche?«
Fett warf Mirta einen Blick zu, nicht, um ihr seine Einwilligung dafür zu erteilen, sondern einfach, weil er nicht anders konnte. Ihre Augenbrauen waren zu einem leichten Stirnrunzeln verzogen.
»Davon wirst du jede Menge finden«, sagte sie. »Sie war Kopfgeldjägerin.«
»Über dich findet sich hierin nichts. Mirta ...«, sagte der alte Mando, die Augen fest geschlossen.
»Sie starb vor meiner Geburt. Ich will wissen, wer sie getötet hat.«
In dem Tapcafé hielten sich mittlerweile wesentlich mehr Leute auf als vorhin. Fett wies mit einem Ruck seines Daumens auf die Tür. »Raus. Ich sage euch Bescheid, wenn ihr eure Drinks zu Ende trinken könnt.«
Ich will auch wissen, wer sie umgebracht hat. Es ist sehr lange her, aber ich will es wissen.
»Sie trug das hier stets bei sich.« Der alte Mann sah beinahe aus, als habe er Schmerzen, und Venku drückte seine Schulter. »Die meiste Zeit über war sie zornig. Und verängstigt. Hier finden sich Spuren so vieler Leute ... Doch ich stoße immer wieder auf ein Bild von Phaeda. Ein roter Himmel... und jemand, dem sie gefolgt ist. Resada? Rezoda?«
Mirta blinzelte nicht. Sie wirkte wie gelähmt. »Großmama hat nie jemandem gesagt, wo sie hinging oder wen sie jagte.«
Der Mann öffnete die Augen und nahm einen kratzenden Atemzug. »Phaeda. Was auch immer geschehen ist, es ist auf Phaeda passiert.« Er zuckte zurück und starrte den Stein an. »Und sie hat darum gekämpft, das hier zu behalten. Sie hat hart darum gekämpft.«
Fett schaffte es, nicht zu schlucken. Er war sicher, dass alle es gehört hätten. »Sie hat verloren.«
»Ich will es wissen«, sagte Mirta.
Venku mischte sich ein. »Er hat genug. Vielleicht später.« Er nahm den Helm vom Tisch und wollte den alten Mann wegbugsieren. »Komm mit.«
»Ich weiß nichts über das Wann«, sagte der alte Mann und befreite sich aus Venkus Griff, »aber ich weiß, dass es Phaeda ist. Es tut mir leid. Es tut mir wirklich leid.«
Er gab Mirta den Stein zurück und legte ihn mit beiden Händen in ihre kelchförmig geformten Handflächen, als wäre er ein lebendiges Küken. Fett war bei dieser Art von mystischem Zeug noch nie wohl zumute gewesen. Er schaute einfach nur zu.
»Ist schon in Ordnung«, sagte Mirta. »Du hast mir eine Menge erzählt, und dafür bin ich dir dankbar. Lass mich dir ein Bier spendieren.«
»Vielleicht ein andermal, nerad'ika«, sagte Venku. »Aber vielen Dank.«
Mirta sah ihnen noch nach, als sich die Tür bereits hinter ihnen geschlossen hatte. Als sie sich zu Fett umwandte, öffnete sich die Tür erneut, und die verdrossenen Trinker kamen wieder herein, machten aber einen weiten Bogen um sie beide.
»Und? Hat er recht. Babuir?«
Fett zuckte mit den Schultern. Das Ganze hatte ihn erschüttert, wie all die schmerzhaften Erinnerungen, die ohne seine Erlaubnis auf ihn einströmten. »Auf den Punkt.«
»Nun, wir können dieser Spur folgen.«
Fett graute vor dem, was der alte Mann sonst noch in dem Stein gesehen hatte. Der alte Mann... Er war bloß zehn oder vielleicht fünfzehn Jahre älter als Fett. »Ich glaube nicht, dass ich je auf Phaeda war.«
Der Tapcafé-Besitzer stellt e frische Biere auf die Theke. »Wie ich gesehen hab. kennst du Kad'ika, Mandalor.«
»Ja. Faszinierender Typ, was?«
»Der alte Mann bei ihm - den sieht man hier nicht besonders häufig. Gotab heißt er, glaub ich. Ich dachte immer, er wär Kad'ikas Vater, aber anscheinend stimmt das nicht.«
Der Name sagte Fett nicht das Geringste, doch im Geiste speicherte er ihn unter den Dingen ab, denen er später noch nachgehen würde. Phaeda. Er würde die Datenbanken der Slave I durchforsten, sich vielleicht in die Archive von Phaeda hacken.
Mirta nahm den Stein intensiv in Augenschein. »Der muss dich jeden Credit gekostet haben, den du hattest, Babuir.«
Sie reichte Fett das Feuerherz, und er drehte es zwischen den Fingern, berührte die Schnitzerei am Rand. Bloß die talentiertesten Fräser waren imstande, die ungeschliffenen Steine mit Facetten zu versehen, ohne sie zu zerschmettern, ganz zu schweigen davon, sie zu beschnitzen.
»Man findet nur selten einen, der alle Farben in sich vereint. Normalerweise sind sie rot oder orange, aber die hellen mit dem ganzen Regenbogenspektrum, die sind teuer.«
»Ich habe mal einen blauen gesehen«, sagte Mirta.
»Ich war sechzehn. Ich konnte mir keinen blauen leisten.«
Inzwischen hätte sich Fett einen leisten können. Nein, nicht nur einen - so viele, wie er wollte, selbst die seltensten königsblauen Steine, die ihre unglaubliche Palette bunten Feuers nur im hellen Sonnenlicht zeigten. Doch er hatte keine Geliebte mehr, der er sie hätte schenken können. Schon seit sehr langer Zeit nicht mehr.
»Erzähl mir et was über Ailyn«, sagte er. »War sie jemals glücklich?«
Mirta grübelte über die Frage nach. »Ich glaube nicht.«
Das Einzige, was Fett über seine eigene Tochter wusste. abgesehen davon, welche Leute sie getötet und was sie gestohlen hatte, war, dass sie nie glücklich gewesen war. ihn nie Dad genannt hatte und dass sie Mirta beigebracht hatte, ihn zu hassen.
Er hatte das Mädchen immer noch nicht gefragt, warum genau. Es schien nie der richtige Zeitpunkt zu sein.
»Warst du jemals glücklich?«, fragte Mirta.
Fett hatte nie darüber nachgedacht, ob sich irgendjemand fragte, ob er glücklich war oder nicht. Die allgemeine Annahme schien zu sein, dass Boba Fett einem schmalen Pfad der Sachlichkeit folgte, niemals wartend, niemals glücklich, niemals traurig.
»Als Kind war ich glücklich«, sagte er schließlich. »Auf Geonosis habe ich aufgehört, glücklich zu sein, und anschließend habe ich mich nie darum bemüht, es wieder zu werden.«
Aber er war wütend gewesen, kein Zweifel - wütend, von Kummer gepeinigt, ängstlich, einsam und voller Zorn. In den Tagen nach dem Tod seines Vaters hatte er all die negativen Gefühle mit voller Intensität durchlebt, und zugleich hatte er getan, was er tun musste, um zu überleben, und dann war sein Handeln jedes Mal von kalter Logik bestimmt worden. Da war ein Schalter in ihm. den er umlegen musste, aus und an, aus und an, bis er sich eines Tages nicht mehr anschalten ließ, und dann war der Schmerz fort. Genau wie die Freude und die Liebe.
Wenn er tat, was sein Dad gewollt hatte, kam das vielleicht zurück. Wenn er eine ehrenhafte Aufgabe erfüllte und die Überreste seiner eigenen Familie zumindest zu verstehen versuchte, hatte er womöglich die Chance, etwas von dem zurückzuerlangen, was ihm in dieser Arena auf Geonosis entrissen worden war.
»Trink aus, Ba'buir«, sagte Mirta. »Ich möchte los und etwas über Phaeda herausfinden.«
GALAKTISCHES
ALLIANZ-KRIEGSSCHIFF OCEAN,
AUF WACHSTATION UNMITTELBAR AUSSERHALB DES CORELLIANISCHEN
RAUMS
»Es ist schrecklich lieb von Ihnen, sich zu uns zu gesellen«, sagte Admiralin Niathal. Jacen betrat die Brücke und nahm die Mischung der Gefühle um ihn herum wahr, die von vagem Interesse bis hin zu Nervosität reichten. »Es tat mir wirklich sehr leid, als ich von Ihrem Verlust erfuhr.«
Jacen nickte höflich. Sie klang, als würde sie ihre Anteilnahme wirklich ernst meinen, doch sie war immer ziemlich gut darin, den richtigen Ton zu treffen. Er stattete der Ocean in seiner Funktion als Staatschef einen Besuch ab, um auf einer Versammlung der verschiedenen verbündeten Welten ein wenig die »Werbetrommel« zu rühren. Es gab nichts Besseres als ein Treffen auf einem mächtigen Kriegsschiff, um Leuten zu zeigen, was auf dem Spiel stand. Der Geheimdienst vermutete, dass die Konföderation einen groß angelegten Vorstoß gegen die Kernwelten plante, daher hoffte Jacen, dass alle aufmerksam zuhörten.
Das Leben ging größtenteils so weiter wie zuvor. In den letzten Tagen schien er sich vergebens den Kopf zermartert zu haben. Falls er noch irgendwelche weiteren Antworten auf Fragen der Sith-Philosophie brauchte, war er nun auf sich allein gestellt. Lumiya war es gelungen, sich mithilfe von Luke Skywalker selbst umzubringen. Jacen war vielleicht kein Mitglied des Jedi-Rats, doch die GGA war sehr eifrig im Abfangen von Nachrichten.
Onkel Luke hat es getan. Er hat es tatsächlich getan. Genau wie mein Dad. Man weiß nie, wie weit sie zu gehen bereit sind, nicht wahr?
»Nun«, sagte Jacen, »Corellia scheint sich während meiner Abwesenheit sehr ruhig verhalten zu haben.«
»Sie haben auf Ihre Rückkehr gewartet. Der Vorstoß auf den Kern scheint unmittelbar bevorzustehen, und offenbar will man nicht, dass Sie irgendwas verpassen.« Niathal - ob nun verärgert oder nicht über den zusätzlichen Tag seiner Abwesenheit - schien die Aura von jemandem zu umgeben, der sich in seiner neuen Rolle mit einem Mal viel wohler fühlte, als hätte sie die Gelegenheit, dass er nicht anwesend war, dazu genutzt, neue Bündnisse zu schmieden und ihre Macht zu festigen. Es war bei nahe wie eine Duftwolke. »Das Triumvirat kümmert sich nach wie vor um die alltäglichen Staats-angelegenheiten, doch ich habe unsere Geheimdienstleute und Politikanalysten angehalten, sich mit der Frage zu beschäftigen, wer den lieben verblichenen Premierminister ersetzen könnt...« Sie brach abrupt ab. und diesmal war sie über sich selbst erschüttert, wie er deutlich spüren konnte. »Es tut mir so leid. Unter den gegebenen Einständen war das in höchstem Maße taktlos von mir.«
»Ist schon in Ordnung.« Vielleicht hatte Niathal am Ende auch eine weiche Seite. Falls dem so war, würde er das bis zum Äußersten ausnutzen. »Sie brauchen mich nicht wie ein rohes Ei zu behandeln und bei allen Gesprächen das Wort Tod zu vermeiden. Das Beste, was wir tun können, um das Gedenken an meine Tante zu ehren, ist, für sie zu siegen.«
»In der Tat.«
»Man scheint auf Murkhana sehr angespannt zu sein. Das Ultimatum ist also abgelaufen?«
»Wir behalten die Sache aufmerksam im Auge. Gut möglich, dass es sich um mandalorianische Psychotaktiken handelt. Acht X-Flügler stehen in Bereitschaft, um den Frieden zu wahren. Wenn allerdings die Mandalorianer tatsächlich auftauchen, um ihre Verpinen-Verbündeten zu unterstützen, und die umstrittene Produktion auf ihre eigene unnachahmliche Art und Weise zum Erliegen bringen, dann verschafft uns das andererseits einen ausgesprochen nützlichen Blick auf die Leistungsfähigkeit ihres neuen Angriffsjägers.«
»Einige könnten glauben«, sagte er leise, »dass wir es lieber sähen, dass sie Murkhana angreifen, als dass sie es nicht täten.«
»Ich nehme Geheimdienstinformationen stets sehr ernst, Colonel Solo.«
»Sehr weise, Admiralin Niathal.«
Jacen wanderte zu der Holokarte auf der Brücke hinüber, die das gesamte corellianische Hoheitsgebiet zeigte. Sie hatten immer noch eine Menge Schiffe. Auf der kernwärtigen Seite der Karte tobten lokal begrenzte Gefechte. Jacen empfand es als einen Ausdruck übermäßiger Gleichgültigkeit, in Echtzeit stattfindende Gefechte auf Leben und Tod als anmutig-ästhetische und lautlose Schaubilder darzustellen.
»Ist das aktuell?«
»Ja, Sir«, sagte der Wachoffizier. »Wird einmal pro Minute aktualisiert.«
»Ich denke, wir übersehen hier etwas, Leutnant«, sagte Jacen und tauchte seine Fingerspitze in das Gewirr aus Licht, um deutlich zu machen, was er meinte. »Sehen Sie, was wir hier haben, ist in Wahrheit eine Flottille von Korvetten, und dieser Zerstörer hier wird sich zu dieser Position begeben, weil sie in Wirklichkeit dabei sind, eine ...«
Er sprach weiter und registrierte sehr wohl die hochgezogenen Augenbrauen und die verwirrten Blicke, die ihm zuteilwurden, und er badete in der zunehmenden Wärme dieser Offenbarungen.
Ich kann das alles sehen.
»Können wir das überprüfen?«, rief der Wachoffizier einem Kollegen zu. »Colonel Solo irrt sich selten.«
Colonel Solo, dachte Jacen, hatte soeben die Erleuchtung seines Lebens.
Es ist wahr. Lumiya hatte recht. Oh, das ist vorzüglich. Vorher war ich blind. Wie konnte, ich je glauben, ohne diese Gabe als Kornmandant Erfolge zu feiern?
Lumiya hatte ihm ein Verständnis und ein Urteilsvermögen in Bezug auf Schlachten versprochen, gegen die gewöhnliche Kampf-meditationen nichts waren - die Fähigkeit, allein mit seinem Verstand und der Kraft seines Willens den Verlauf einer Schlacht vorherzusagen und zu bestimmen, eine Gabe, die nur dem Meister der Sith zuteilwurde.
Ich bin es. Ich bin es wirklich. Am Ende war Mara doch das Opfer, das erkenne ich jetzt.
Aber ich verstehe die Prophezeiung noch immer nicht. Und was ich nicht verstehe, gefällt mir nicht.
Er war ein Sith-Lord. Jetzt konnte sein Werk wahrhaftig beginnen.
Es war geschehen.
Und es war wundervoll.
RAUMFÄHRE DES JEDI-RATS, HAPES-STERNENHAUFEN
Luke war dankbar für etwas, das er immer noch nicht ganz verstand.
Er blieb kurz stehen, bevor er durch die Türen des Abteils trat, und nahm ein paar tiefe Atemzüge. Cilghal schaute auf, als er hereinkam, und schickte sich an, hinauszugehen.
Mara - nein, Maras Körper - lag auf dem Untersuchungstisch, vom Hals abwärts mit einem schlichten weißen Laken bedeckt. Luke hatte sich auf das Schlimmste vorbereitet, hatte sie sich entsetzlich entstellt oder mit verzerrten Gesichtszügen vorgestellt. Doch sie sah nur aus, als würde sie auf dem Rücken liegend schlafen, blass und friedlich, ihr rotes Haar glatt und ordentlich, auf eine Weise, wie es nie gewesen war. wenn er sie beim Schlafen angeschaut hatte.
»Ist schon in Ordnung, Cilghal«, sagte er. »Ich muss nicht mit ihr allein sein.«
»O doch, das musst du. Luke«, sagte sie sanft. »Ich kann später wiederkommen.«
»Ich weiß nicht, warum«, sagte er. »Aber ich muss sie ein letztes Mal in die Arme nehmen, und ich habe schon befürchtet, dass ich nie die Gelegenheit dazu haben würde. Ich kann dir nicht sagen, wie dankbar ich bin.«
Er konnte Cilghals Gesicht nicht sehen. Seine Augen waren heiß und quollen über. Sie tätschelte seinen Arm.
»Ich dachte, sie würde sich auflösen«, sagte sie.
»Wir haben ein-oder zweimal darüber gesprochen. Ich hab auch geglaubt, sie würde sich dafür entscheiden, wenn die Zeit käme. Ich bin froh, dass sie es sich anders überlegt hat.«
»Zweifellos wollte sie auf diese Weise sicherstellen, dass wir Beweismittel in die Hand bekommen.« Cilghal zögerte eine Sekunde, atmete scharf ein und sprach dann weiter. »Es war Gift. Eins, das mir noch nie zuvor untergekommen ist. Aber ich bin mir auch sicher, dass sie dir außerdem die Möglichkeit geben wollte, Lebewohl zu sagen.«
Cilghal drehte sich um und ging hinaus.
Luke sagte nichts und wandte auch nicht ein einziges Mal den Blick von Mara ab. Er wäre nicht überrascht gewesen, hätte sie die Augen aufgeschlagen und gefragt, wie lange sie verschlafen hatte. Er hob das Laken an, um ihre linke Hand zu umklammern, und es war allein die Kühle, die ihn zurückzucken ließ. Nach einer Weile fühlte sich die Haut durch seine eigene Körperwärme warm an.
Cilghal brauchte forensische Beweise fürs Protokoll. Doch Lumiya hatte Mara umgebracht, und Lumiya hatte dafür bezahlt. Es würde keine weiteren Ermittlungen geben.
Aber das bedeutete auch, dass es keinen Grund mehr gab. Maras sterblichen Überreste länger hierzubehalten, und Luke war hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, niemals die Augen von ihr abzuwenden, und der Erinnerung daran, wie Yoda eins mit der Macht geworden war: wenn es bei ihr genauso geschah, sah er sie womöglich tatsächlich wieder. In diesem Augenblick war er dankbar dafür, sie einfach nur betrachten zu können.
»Du wolltest mich wirklich sehen, nicht wahr?«, flüsterte er und beugte sich über sie, um sie zu küssen. Er fragte sich, ob sie im nächsten Moment verschwinden würde. Er wagte es nicht, wegzuschauen, und wusste, dass ihn das bloß daran hinderte, zu akzeptieren, dass sie tot war. Selbst als er spürte, wie Ben auf das Abteil zukam, und er ihn leise über das Deck gehen hörte, drehte er sich nicht um. Er streckte seinen linken Arm aus, damit Ben zu ihm kam und sich von ihm umarmen ließ, während er über Mara wachte.
»He, Schatz«, sagte er zu ihr. »Es ist Ben.«
»Es tut mir leid, dass du mich nicht finden konntest, Dad«, sagte er. »Ich musste einfach zu ihr gehen und dort bei ihr sein.«
Es war das erste Mal, dass Luke mit Ben sprach, seit Mara fort - gegangen war. Um ehrlich zu sein, fühlte es sich wie das erste Mal seit Ewigkeiten an. Luke versuchte, sich vorzustellen, wie es für Ben gewesen sein mochte, bei der Leiche seiner Mutter zu wachen, allein und verängstigt, doch er war immer noch zu sehr in seiner eigenen Trauer und seinem eigenen Entsetzen gefangen.
»Dad ... Ich weiß, dass sie uns etwas mitteilen will. Ich habe den ganzen Rückweg lang darüber nachgedacht.«
Armes Kind. Luke verstand nicht recht, was Ben damit meinte, aber sie konnten später darüber reden. Er war stolz auf Ben, wie stolz und würdevoll er war. Ben konnte auch die andere Neuigkeit verkraften. Er war jetzt ein Mann.
»Immerhin habe ich Lumiya erwischt.«
»Ja?« Ben klang überrascht. »Was meinst du damit, erwischt?«
»Ich habe sie getötet. Ich will es nicht beschönigen. Ich war es Mara schuldig, ich musste ihr Gerechtigkeit widerfahren lassen.«
Ben war vollkommen still. Luke spürte eine gewisse Unruhe um ihn herum, und seine Muskeln versteiften sich.
»Dad ...«
»Ich weiß, ein rechtliches Verfahren und all das ... Aber ein rechtliches Verfahren ... Lumiya hat gesagt, sie musste es tun ... Nun. ein Leben für ein Leben. Das ist alles.«
»Das ... Dad, es war nicht Lumiya.«
»Sie war es. Sie sagte ...«
Was genau hatte Lumiya gesagt?
»Nein, nein, das kann nicht sein. Weil ich in dem Moment, als Mom starb, unmittelbar neben Lumiya war. Und wir befanden uns nicht mal in Moms Nähe. Wir sind auf Kavan gelandet, wir beide. Sie war immer noch in der Sith-Sphäre.«
Luke vernahm Bens Stimme wie aus weiter Ferne, und plötzlich war wieder alles auf den Kopf gestellt.
Sie war es nicht gewesen. Es war nicht Lumiya gewesen.
»Dad, bleib ruhig, okay? Wir werden den finden, der es getan hat.« Ben ergriff ihn an den Schultern. »Dad, deshalb ist Mom hiergeblieben. Sie ist hiergeblieben, damit wir Beweise finden können. Wir wissen noch nicht, wer es war. Vergiss Lumiya. Du bist einfach schneller bei ihr gewesen - aber ich war bereits hinter ihr her, bevor Mom starb. Du hast der Galaxis einen notwendigen Dienst erwiesen.«
Nein, das hatte er nicht. Luke hatte ganz und gar nicht das Gefühl, das getan zu haben. Er hatte Lumiya - böse, wie sie war für etwas getötet, das sie nicht getan hatte. Das war keine Gerechtigkeit.
Luke stellte fest, dass er auf die Knie sank. »Ich habe die falsche ...«
»... Sith getötet?«
»Ich habe die falsche Person getötet. Aber sie sagte ...«
Ben legte seine Hände zu beiden Seiten auf das Gesicht seines Vaters, mit einem Mal um Jahre älter als Luke. »Sieh mich an, Dad. Es ist nicht gut, hier darüber zu sprechen. Unterhalten wir uns woanders.«
»Ben ...«
»Was ist mit all den anderen Leuten, die sie getötet hat oder deren Tod sie zumindest verschuldet hat? Sie ist es nicht wert, dass du dich ihretwegen quälst, Dad. Heb dir deine Tränen für Mom auf.«
Luke schaffte es, noch ein paar Minuten durchzuhalten. Als er es nicht mehr länger ertragen konnte, eilte er mit großen Schritten zu seiner Kabine, schloss das Schott und schluchzte und tobte, bis ihn die Erschöpfung in die Knie zwang. Er hatte geglaubt, Fassung bewahren zu können, all die Tränen zurückhalten zu können, und dann brachte ausgerechnet Lumiya das Fass zum Überlaufen, und die Schleusentore öffneten sich. Er hasste sie dafür. Er hatte um Mara weinen wollen, seine Trauer unbefleckt von dem Bösen, das zu ihrem Tod geführt hatte. Er wollte nicht, dass Lumiya diesen Augenblick störte, und trotzdem hatte sie das.
Wer auch immer Mara getötet hatte, war immer noch da draußen. Er musste sich darauf konzentrieren, ihn seiner gerechten Strafe zuzuführen, und das bedeutete, dass er etwas hatte, an dem er sich festhalten konnte, während er mit seinem Kummer kämpfte.
Aber Lumiya hatte es wieder getan.
Sie hatte ihn ein letztes Mal zum Narren gehalten, ihn ein letztes Mal manipuliert, ihn ein letztes Mal hintergangen, und tief, tief in ihm war dadurch etwas zerbrochen.