21. Kapitel

Nu kyr'abyc, shi taab'echaaj'la.

Nicht tot, bloß in weiter Ferne marschierend.

- Mandalorianischer Ausdruck für die Verstorbenen

KAVAN

Es heißt, dass der menschliche Körper in Extremsituationen zu außergewöhnlichen Kraftakten imstande ist. Bei einem Jedi war das etwas vollkommen anderes.

Jacen Solo war nicht bereit zu sterben, nicht so dicht vor seinem Aufstieg und nicht wie Ungeziefer in einem stinkenden Abwasserkanal.

Er fälschte den Energiebolzen mit einem letzten Aufbäumen der Macht ab und ließ die Trümmer wie bei einer Explosion von seinem eingequetschten und blutenden Körper fliegen. Ziegel hämmerten gegen die Wände und ließen Bruchstücke herabregnen, um Mara wie die Druckwelle einer Bombe von den Beinen zu reißen. Sie gab einen tierhaften Laut von sich, der mehr von Wut als von Schmerz zeugte, und ruderte einen Moment lang mit den Armen, als sie sich aufzurichten versuchte.

Die Anstrengung ließ Jacen für zwei entscheidende Sekunden erstarren. Doch er wusste, wenn er sich nicht sofort aufrappelte und sich zur Wehr setzte, würde Mara erneut versuchen, ihn zu töten, wieder und wieder, bis er erschöpft und zu schwach war, um sie zurückzuschlagen.

Er mühte sich auf, schwankte mehr, als er stand, und mit einem Mal begriff er.

Es war Mara, die sterben musste, um sein Schicksal zu erfüllen.

Sie zu töten war die Prüfung. Die Worte der Prophezeiung waren bedeutungslos, denn auf einer intuitiven Ebene wusste er, dass ihr Tod die ausschlaggebende Tat war. Er vermochte nicht zu sagen, warum, und dies war nicht der richtige Moment, innezuhalten und darüber nachzudenken.

Zum ersten Mal seit Ewigkeiten ergab er sich vollkommen seinem Instinkt. Was auch immer die Hand eines Sith leitete, musste ihn jetzt leiten.

Doch er war verletzt, und das schwer.

Ben ... Er wusste nicht, wie Ben in all das hineinpasste, doch er wusste, was er zu tun hatte, wusste es so sicher, wie er sich nur sein konnte. Wie genau es sich damit verhielt, scherte Jacen in diesem Moment nicht, weil er wusste. dass er Mara jetzt töten musste, und bevor er das nicht getan hatte, konnte nichts irgendeinen Sinn ergeben.

Er tastete nach seinem Lichtschwert und ließ es mit dem Daumen zu neuem Leben erwachen. Mara war schon wieder auf den Beinen, kam mit dem Shoto und einer Vibroklinge auf ihn zu. Sie war voller Ziegelstaub, und schwarzrotes Blut schlängelte sich von einem Riss in der Kopfhaut über ihre Stirn nach unten. Sie sprang mit einem Satz auf ihn zu, mit dem Shoto in der linken Hand, im Fechtstil, versengte die Haut seines Wangenknochens und erwischte ihn mit der Vibroklinge unter der Kinnspitze, als er nach hinten zuckte.

Es hätte ihr nicht gelingen dürfen, so dicht an ihn heranzukommen. Er war ein vollendeter Meister in der Macht, und sie war bloß athletisch und schnell. Er stieß sie mit der Macht zurück. ließ sie mit einem lauten Grunzen gegen eine Mauer krachen. doch sie stürzte sich erneut auf ihn, stach abwechselnd mit dem Shoto und der Klinge nach ihm, und er wurde zurückgetrieben. während seine Kraft nachließ. Er brauchte Platz zum Kämpfen.

Er zog seine Pfeilpistole und feuerte ein Geschoss nach dem anderen ab, doch Mara ließ alle vier Nadeln in einem trüben Schleier blauen Lichts auseinanderstieben. Sie fielen zu Boden. Er drehte sich um und krabbelte über die eingestürzten Ziegel, wobei er die Macht benutzte, um Trümmer vom Boden des Gangs nach ihr zu schleudern, während sie von einem Klotz zu einem Felsbrocken und von dort zu einem Stück Mauerwerk hechtete, bis sie ihm mit einem Machtsprung in den Rücken krachte und ihn zu Fall brachte.

Sie rollten über den Boden. Das war kein Duell - es war eine wilde Keilerei. Sie stieß ihre Vibroklinge hoch unter sein Kinn, und er riss den Kopf zur Seite, fühlte, wie die Klinge von seinem Kiefer bis zu seinem Haaransatz schnitt, als sie seine Halsschlagader verfehlte. Er konnte die Waffen, die er brauchte, nicht ziehen. Er verlor Blut, verlor Kraft, wurde schwächer, drosch mit seinem Lichtschwert um sich, um sie abzuwehren. Bei einem Kampf auf so engem Raum war das Schwert praktisch nutzlos. Mara, keuchend und wie von Sinnen, setzte das Shoto ein, um jeden verzweifelten Stich und Stoß zu kontern.

»Ben ... Lieber bringe ich dich um ... als dass du ... Ben ... kriegst.«

Jacen schwankte auf dem schmalen Grat zwischen Sterben und Töten. Sie hielten einander gepackt, vollführten Machtstöße und Machtschübe: Er trieb sie wieder nach hinten, versuchte, ihr Rückgrat mit einem Machtschock zu treffen und sie für einen Moment zu lähmen, aber irgendwie lenkte sie den Angriff ab, und Ziegelsteine flogen aus der Wand, als hätte irgendwer sie von der anderen Seite durchschlagen. Es gelang ihr fast, ihm das Lichtschwert mithilfe der Macht zu entreißen, doch selbst mit seinen Verletzungen hielt er es fest umklammert. Er würde nicht sterben. Er durfte nicht sterben, nicht jetzt.

»Du kannst mich nicht besiegen«, keuchte er. »Es soll nicht sein.«

»Wirklich?«, knurrte sie. »Ich glaube schon.«

Dann warf sie sich erneut auf ihn - gedankenlos, eine wilde Furie mit wehendem Haar -, und er verpasste ihr einen Machtstoß, um sie mitten im Sprung gegen eine Säule zu schleudern. Doch die Prügel, die er eingesteckt hatte, und die Wildheit ihrer unbarmherzigen Attacke hatten ihn für Gefahren aus anderer Richtung blind gemacht. Als er mit einem Satz nach hinten sprang, um ihr auszuweichen, wurden ihm mit einem Mal die Beine unter dem Körper weggerissen, als er in einen klaffenden Spalt stolperte, den der Einsturz aufgerissen hatte. Er stürzte schwer, und glühendheißer Schmerz zuckte vom Knöchel hoch ins Knie. Sein Lichtschwert flog davon. Schmerz konnte man ignorieren, aber der Moment, den er brauchte, um wieder auf die Füße zu gelangen, genügte Mara, um sich zu fangen und sich wieder mit dem Shoto auf ihn zu stürzen und es in das weiche Gewebe direkt unter dem Ende seines Schlüssel-beins zu rammen.

Lichtschwertwunden waren schmerzhafter, als er sich je vorgestellt hatte. Jacen schrie. Er ließ seine eigene Waffe wieder in seine Hand fliegen, doch Mara krachte gegen ihn, riss ihn erneut zu Boden und nagelte ihn fest. Ihre Vibroklinge verharrte eine Handbreit vor seiner Kehle, als es ihm gelang, ihr Haar zu packen und ihr Gesicht näher und näher zu seinem Lichtschwert zu ziehen. Sie kämpfte darum, zurückzuweichen, und hackte mit dem Shoto auf ihn ein, das jedoch jedes Mal von seinen schwindenden Machtkräften abgeblockt wurde.

Ihre Vibroklinge schrammte über seinen Hals. Er tastete an seinem Gürtel nach einem Pfeil. Sie riss sich mit gewaltiger Anstrengung frei, sodass eine Handvoll rotes Haar in seiner geballten Faust zurückblieb, und das Einzige, was ihm durch den Kopf schoss, als sie ihren Rücken durchbog und ihre Arme in die Höhe schnellten, um ihm das Shoto und die Vibroklinge gleichzeitig in die Brust zu stoßen, war, dass sie Ben niemals etwas zuleide tun würde.

Jacen starrte ihr in die Augen und ließ augenblicklich die Illusion von Bens Gesicht unter ihr erstehen. Sie blinzelte.

Das verschaffte ihm für einen Sekundenbruchteil einen Vorteil. Es genügte, um ihr den Giftpfeil ins Bein zu rammen. Die Plastoid-schutzkappe war noch darauf, und es war bloß eine kleine Nadel, zehn Zentimeter lang, doch er stieß so hart zu, dass die scharfe Spitze die Kappe und den Stoff ihrer Hosen durchbohrte.

Mara keuchte und schaute auf ihr Bein hinab, als wäre sie eher verwirrt als verletzt. Der Pfeil zitterte, als sie sich bewegte, und fiel dann zu Boden.

»Oh ... Es ist vollbracht...«, sagte Jacen. Das Shoto fiel ihr aus der Hand, und sie vollführte eine unkontrollierte Bewegung mit der Vibroklinge, traf seinen Bizeps, doch es lag keine Kraft hinter dem Stoß, und sie ließ die Waffe fallen. »Es tut mir leid, Mara. Du bist es. Ich dachte, es wäre Ben. Aber jetzt ist es vorbei, es ist vorbei...«

»Was hast du ... getan? Was, zur Hölle, hast du mit mir getan?« Doch sie verlor bereits das Gleichgewicht, weil das Gift sie lähmte, taumelte zur Seite, als er auf die Füße kam. blickte mehr mit Schock als mit Wut oder Angst zu ihm auf.

»Die Prophezeiung.« Es spielte keine Holle mehr. Das Gift komplex, relativ schmerzlos - zirkulierte durch ihren Körper. »Kämpf nicht dagegen an. Keine Heiltrance. Lass einfach los ...«

Mara versuchte sich aufzurappeln, sank jedoch wieder nach hinten, um auf ihren Fersen zu kauern, mit einer Miene, als habe sie irgendetwas vergessen und würde versuchen, sich daran zu erinnern, was es war. Sie sackte gegen die Wand. Noch nie zuvor hatte Jacen solche Erleichterung verspürt. Es war nicht Allana oder Tenel Ka oder sogar Ben. Es war vorbei, alles vorbei.

»Was ...?«, sagte Mara. Sie versuchte, ihre Finger an ihre Lippen zu legen, doch ihre Hand fiel ihr in den Schoß zurück. Sie schaute sie an. als würde sie erwarten, Blut zu sehen.

Jacen unterdrückte den Instinkt, ihr helfen zu wollen. »Das ist mein Schicksal, Mara - ein Sith-Lord zu sein und Ordnung und Gerechtigkeit zu schaffen. Um das tun zu können, musste ich dich töten. Du wirst so viele Leben retten, Mara. Du hast Ben gerettet. Du hast auch Allana gerettet. Es ist nicht vergebens, glaub mir.«

»Du bist... genauso abscheulich, wie er es war.«

Jacen konnte kaum verstehen, was sie sagte. »Wer?«

»Palpatine.«

»So ist es nicht«, sagte er. Er musste ihr begreiflich machen, was geschah. Das war wichtig. Diese Enthüllung schuldete er ihr. Sie hatte das Opfer gebracht, auch wenn er sich fragte, was das im Hinblick auf die Liebe bedeutete, die er aufgeben musste. »Es geht nicht um Ehrgeiz. Es geht um die Galaxis, um Frieden, Es geht darum, eine andere Welt zu schaffen.«

Sie starrte ihn an. und da konnte er ihren Abscheu sehen und fühlen. Er war sich nicht sicher, ob das Gefühl ihm oder ihr selbst galt.

Jacen hatte Schmerzen. Er begann, das ganze Ausmaß seiner Verletzungen zu spüren. Er musste sic h heilen. Außerdem musste er aus diesem Tunnel verschwinden.

Mara atmete schwer, eine Hand schlaff in ihrem Schoß, doch die andere öffnete und schloss sich noch immer, als würde sie versuchen, eine Faust zu bilden, um ihm einen letzten Schlag zu versetzen. Ihre strahlenden grünen Augen leuchteten immer noch vor unnachgiebiger Entschlossenheit. Er wusste, dass er diesen Anblick für den Rest seines Lebens nicht vergessen würde.

»Du glaubst ... du hast gewonnen«, sagte sie lallend, aber vollkommen ohne Angst. »Aber Luke wird dich vernichten ... und ich lasse nicht zu ... dass du ... die Zukunft ... zerstörst ... für meinen Ben.«

Jacen saß da und wartete, halb in der Erwartung, eine Vorhersage von ihr zu hören, die ihm dabei half, dem, was er getan hatte, einen Sinn zu geben. Doch nach einigen Sekunden fühlte er die letzte Entladung natürlicher Energie von ihr, von der jeder Machtnutzer instinktiv wusste, was es damit auf sich hatte.

Ben war das letzte Wort, das je über ihre Lippen kam.

KAVAN

Lumiya spürte, wie sich die Macht leicht verschob, wie in Bewegung befindliche tektonische Platten. Ihr war nicht bewusst gewesen, dass sich der ausschlaggebende Augenblick so anfühlen würde.

»Schiff«, sagte sie. »Der neue Dunkle Lord braucht mich. Folge ihm.«

Dann machte sie sich auf. sich auf den Tod vorzubereiten, mit der Absicht, einen guten Tod zu sterben.

KAVAN

Mit einem Mal konnte Ben die Stimme der Sith-Sphäre nicht mehr hören. Sein eigener Name - Ben. Ben, Ben - übertönte jeden anderen Laut, auch wenn er ihn tief in seinem Kopf vernahm. in Wahrheit leiser als ein Flüstern, ein Ruf und ein Lebewohl. das an ihn allein gerichtet war. Er vergaß Lumiya und taumelte auf die Quelle der Stimme zu, geblendet von Tränen.

»Mom!«, schrie er. »Mom!«

PERLEMIANISCHE HANDELSSTRASSE

Im Cockpit seines StealthX auf dem Weg nach Hapes spürte Luke Skywalker, wie eine Hand über sein Haar strich, und als er unwillkürlich danach griff, um sie zu berühren, wusste er, dass seine Welt zusammengebrochen war.