16. Kapitel
Die Regierung von Bothawui ist bereit, für die exklusiven Dienste einer mandalorianischen Angriffsflotte zuzüglich Infanterie zwanzig Millionen Credits pro Monat zu zahlen. Darüber hinaus haben wir größtes Interesse daran, ein Geschwader Bes'uliik-Angriffsjäger zu erwerben, und wären gewillt, einen Bonus zu leisten, um die alleinigen Kaufrechte für dieses Schiff zu erhalten.
- Formelles Angebot an die Regierung von Mandalore
LOBBY DES SENATS, CORUSCANT
»Da bist du ja«, sagte Mara, als sie Jacen abfing, der gerade aus dem Turbolift trat. »Ich bin froh, dass ich dich erwische.«
Er reagierte mit aufrichtiger Überraschung, und das verschaffte ihr mehr Befriedigung, als er je ahnen würde. Nein, er hatte ihre Gegenwart nicht gespürt, als es darauf ankam. Vielen Dank, Ben. Netter Trick.
»Hi, Tante Mara. Was kann ich für dich tun?« Jacen versuchte sofort, seine Unsicherheit zu überspielen, mit einer sorgsam kalku-lierten Körpersprache, die besagte, dass er eigentlich bleiben und sich mit ihr unterhalten wollte, die Pflicht ihn jedoch daran hinderte. Was für ein Schauspieler. Sie konnte ebenfalls schauspielern, doch dies war nicht der richtige Zeitpunkt dafür. »Ich würde gern bei einem Drink etwas plaudern«, sagte er, »aber es ist schon spät, und ich habe gleich morgen früh einen Termin. Können wir uns treffen, wenn ich frei habe? Sagen wir, in ein paar Tagen?«
»Es wird nicht lange dauern, Jacen. Es muss jetzt sofort sein.«
Es war an ihr, die Choreografie zu übernehmen, also trat sie ihm in den Weg, sodass er einen bewussten und ausweichenden Schritt zur Seite machen musste, wenn er an ihr vorbei wollte. Und so unver-hohlen ablehnend würde sich Jacen nicht verhalten, nicht ihr gegenüber. Das hätte sie misstrauisch gemacht.
Zu spät. Das hast du bereits getan, Jacen. Aber um Leias willen und um Hans willen muss ich es versuchen.
»In Ordnung«, sagte er.
Ein Macht-Nutzer - eigentlich auch jeder andere -, der keine Präsenz in der Macht hatte, war etwas zutiefst Beunruhigendes. Es war, als würde man direkt neben jemandem stehen, der nicht atmete und keinen Pulsschlag hatte. Für Maras Geschmack fühlte sich das ein bisschen zu sehr nach einem Toten an. So wie bei den Yuuzhan Vong; selbst wenn sie die freundlichsten und knuddeligsten Wesen im Universum gewesen wären, hätte Mara ihnen misstraut, weil sie nicht als etwas Lebendiges in der Macht auftauchten, als etwas, dass da war.
Sie dirigierte Jacen zu einer Nische. Psychologisch betrachtet hätte er sich vielleicht angegriffen gefühlt, hätte sie ihn mitten in der Lobby mit seinen Taten konfrontiert, wo jeder sie hören und sehen konnte. Andererseits fühlte er sich in der Nische vielleicht in die Enge gedrängt, wenn sie ihn so hineinmanövrierte, dass er mit dem Rücken zur Wand stand. So oder so, sie würde ihm eine Reaktion entlocken. Sie konnte es nicht mit seinen Machtkräften aufnehmen, doch mit den Tricks, die sie sonst noch beherrschte. war dies ein ausgeglichenes Spiel.
»Mich hältst du nicht zum Narren«, sagte sie. »Jedenfalls nicht mehr.«
Er versuchte es mit seinem verwirrten Kleiner-Junge-Grinsen. »Was soll ich denn angestellt haben?«
»Hast du vergessen, was ich einst war?«
»Ich verstehe nicht ganz, Tante Mara ...«
»Es geht um Lumiya. Und es endet hier und jetzt. Du hast dich in etwas Abscheuliches verwandelt, und du bist zu klug, um dich da hineinziehen zu lassen, nicht einmal von ihr. Hör zu, ich habe auf beiden Seiten gestanden, also weiß ich bestens Bescheid.«
»Nun, ich weiß nicht, was du meinst. Ich weiß es wirklich nicht.«
»Falsche Antwort. Zu gegebener Zeit werde ich mich um Lumiya kümmern, aber ich weiß, was du getan hast, und ich will nichts mehr von den Entschuldigungen und Ausflüchten hören, die deine armen Eltern jedes verdammte Mal für dich gelten lassen. Deshalb werde ich dich auf die Probe stellen.«
»Mara, bist du in Ordnung? Dir geht es nicht gut, oder?«
»Denk nicht einmal dran, es auf diese Tour zu versuchen. Wenn du die schrecklichen Dinge zugibst, die du getan hast, und das, was immer von Leias Sohn übrig ist, noch klar denken kann, dann begleite mich jetzt sofort zum Tempel. Wir rufen den gesamten Rat zusammen und werden dich wieder umpolen.«
Jacen steckte die Hände in die Taschen und schaute zu Boden. Er hatte immer noch dieses alberne Grinsen im Gesicht, doch um die Augen herum verblasste es ein wenig.
»Mara«, sagte er, mit einer übertriebenen Sanftheit, dass sie ihn am liebsten geschlagen hätte. »Mara, du vergisst offenbar, dass ich jetzt der gemeinschaftliche Staatschef bin, und ich habe keine Zeit für deine emotionalen Ausraster, denn ganz gleich, was Ben dir auch erzählt...«
Er manövrierte sich immer tiefer in den Schlamassel. Sie hatte wirklich gehofft, er würde zur Vernunft kommen, dabei wusste sie, dass das genauso dämlich war wie anfangs, als sie die Augen vor der Dunkelheit in ihm verschlossen hatte.
»Ben hat hiermit nichts zu tun. Jacen.« Sie stieß ihren Finger vor und stoppte ihn unmittelbar vor seiner Brust. »Lass Ben da raus. Wenn du ihn auch bloß ansiehst, häute ich dich bei lebendigem Leib, und das meine ich wortwörtlich. Letzte Chance: Hör jetzt mit diesem Sith-Mist auf oder mach dich auf die Konsequenzen gefasst!«
Da. Sie hatte es gesagt. Sith. Jacens Grinsen war vollends verschwunden, und er sah wie ein vollkommen Fremder aus. Der Imperator hatte gelbe Augen gehabt, erinnerte sie sich - es hieß, er hätte einst ein freundliches Gesicht mit normalen blauen Augen gehabt -, doch selbst, wenn Jacens Augen gelb geworden wären, hätte er auf sie wahrscheinlich nicht fremdartiger gewirkt als in diesem Moment. An seinem Ehrgeiz, seiner Gefühllosigkeit und seiner Arroganz war nichts Übernatürliches.
»Gute Nacht, Tante Mara«, sagte er und ging davon.
Sie sah ihm nicht nach, während er sich entfernte. Das musste sie nicht.
Das ist alles deine Schuld, Mädchen. Du hättest auf Luke hören sollen. Er hat sich von diesen ganzen Spitzfindigkeiten nie zum Narren halten lassen, und du hast ihn daran gehindert, etwas dagegen zu unternehmen, weil du nicht wie jede andere Mutter mit einem Jugendlichen zurechtgekommen bist. Das Mindeste, was du tun kannst, ist. diese Suppe selbst auszulöffeln.
»In Ordnung, Kumpel«, sagte sie, ohne sich darum zu scheren, dass zwei Bith-Senatoren sie anstarrten. »In Ordnung ...«
Es gab einige Dinge, die konnte sie nicht auf sich beruhen lassen. selbst wenn sie ihre Familie auseinanderreißen würden. Es war besser, zerrissen zu sein, als vernichtet, weil die Zeit diese Wunden wieder heilen konnte. Jacen musste sterben.
JACEN SOLOS APARTMENTGEBÄUDE, CORUSCANT
Lumiya hatte noch nie ein Problem damit gehabt, zu warten, dass ihre Zeit kam. Doch für ihren Geschmack verhedderte sich Jacen zu sehr in der verwaltungstechnischen Langeweile seines neuen Spielzeugs, der Galaktischen Allianz. Und ihr Instinkt sagte ihr, dass die Macht ruhelos dem Wandel entgegenstrebte.
Es war spät, nach Mitternacht, und er war immer noch nicht zurück.
Er ist ein Organischer. Gänzlich aus Fleisch und Blut zu sein, lenkt einen irgendwie vom Ziel ab, doch je mehr Fleisch man opfert, desto weniger unterliegt man seinen Beschränkungen. Aber ich kann nicht vollbringen, was er vermag. In ihm ruht das perfekte Gleichgewicht: Stärke, angetrieben von Leidenschaft, die sich nicht von Sentimentalität zurückhalten lässt.
Lumiya wartete draußen vor Jacens Apartmentgebäude, nahm die funkelnde Nacht in sich auf und fühlte den Umbruch, der unmittelbar bevorstand, wie die schwüle Luft vor einem gewaltigen Sturm.
Sein Aufstieg zum Sith-Lord musste sehr bald vonstatten gehen. Der Schwung der Ereignisse und die Leichtigkeit, mit der sich alles zusammengefügt hatte, deuteten auf die mit zunehmender Geschwindigkeit nahende Erfüllung der Quasten-Prophezeiungen hin.
Er wird seine Liebe unsterblich machen.
Mittlerweile verbrachte Lumiya keine frustrierenden Stunden mehr damit, über die Bedeutung dieser Worte nachzugrübeln. Es würde passieren, und dann würde alles deutlich werden.
Jacen tauchte nicht auf, wie sie es erwartet hatte. Er war schwer zu lokalisieren, verbarg sich gewohnheitsmäßig in der Macht, also fuhr sie zu seinem Apartment hinauf, knackte die Sicherheitsschlösser und setzte sich, um auf ihn zu warten. Es war wichtig, dass er sich auch weiterhin auf die geistige Seite seiner Entwicklung konzentrierte und die weltlichen Aspekte der Herrschaft Niathal überließ. Wenn er sein Schicksal erfüllt hatte, dann konnte er mit Fähigkeiten in die Militär-Arena zurückkehren, die die von Niathal bei weitem übertrafen, und den Verlauf des Krieges verändern.
Das Wichtigste zuerst.
Beinahe erwartete sie, Ben Skywalker durch die Türen kommen zu sehen. Einige seiner Kleidungsstücke und seiner Besitztümer befanden sich noch im Apartment, aber er selbst war fort. Er war zu weich, um die Sache durchzuziehen, so wie sie es stets gesagt hatte. Dass er jedes Mal eine Auszeit brauchte, um sich auszuheulen und wieder zu fangen, wenn er etwas Notwendiges getan und einen unerfreulichen Auftrag ausgeführt hatte, bewies nur, dass er das Opfer war, das Jacen bringen musste, aber dass er zu schwach war, um sein Schüler zu sein. Ein Sith-Lord konnte sein Werk lediglich mit einem starken Schüler an seiner Seite tun. Genau wie eine gute Regierung, brauchte ein Sith eine starke Gegenseite, sonst wurde er nachlässig.
Schließlich öffneten sich die Türen, und Jacen stand im Flur. Er machte ganz den Eindruck, als habe er sie hier nicht vorfinden wollen. Er hatte ein in Papier eingewickeltes Päckchen unter dem Arm, und ihm haftete eine gewisse Unruhe an, als hätte er einen Kampf hinter sich oder einen Unfall gehabt.
»Ist irgendetwas passiert?«, fragte sie.
»Oh, eine Auseinandersetzung mit Mara wegen ... Ben. Überbesorgte Mütter sind wirklich eine Plage.«
»Nun, vielleicht sind ihre Sorgen nicht ganz unbegründet. Die Zeit naht.«
»Das sagst du andauernd.« Jacen marschierte an ihr vorbei und in sein Schlafzimmer. Sie hörte, wie er Türen und Schubladen öffnete, als wäre er in Eile. »Ich warte wie ein Verrückter auf irgendwelche Ereignisse und suche überall nach Zeichen. Und nichts ist geschehen, abgesehen davon, dass wir sowohl Gejjen als auch Omas losgeworden sind. Ich denke, für eine Woche waren das genügend Höhepunkte, meinst du nicht?«
»Banale Politik.«
»Vielleicht. Hör zu, ich habe in den letzten paar Wochen eine Menge bewegt und jede Gelegenheit ergriffen, die sich mir bot. damit unsere Pläne Früchte tragen.« Das Knallen und Schaben der Schranktüren und Schubladen wich dem Rascheln von Stoff, und als Jacen wieder herauskam, trug er eine kleine Reisetasche. »Ich brauche etwas Abgeschiedenheit, um nachzudenken. Behalte Niathal im Auge, während ich fort bin.«
Jacen brauchte keine Abgeschiedenheit. Er war ziemlich gut imstande, die Welt um sich herum auszuschließen, wann immer er wollte. Der Mann konnte inmitten eines Wirbelsturms meditieren. In Wirklichkeit hatte er irgendetwas vor.
»Wie lange?«, fragte Lumiya, sofort bereit, die maximale Entfernung zu berechnen, die er in der verfügbaren Zeit zurücklegen konnte.
»24 Stunden, möglicherweise 48. Ich glaube zwar nicht, dass Niathal sich danebenbenehmen wird, wenn ich noch länger wegbleibe, aber ich fürchte, Senator G'Sil könnte dann auf dumme Gedanken kommen. Das dritte Element, wo bloß zwei existieren können, du verstehst?«
»Ich verstehe«, sagte sie.
Jacen hatte dies schon früher getan - für kurze Zeit zu verschwinden, ohne irgendjemandem zu sagen, warum und wohin, um dann mit einer Aura des Schwermuts zurückzukehren, während seine dunkle Energie ein wenig nachgelassen hatte. Lumiya hatte es abgetan als natürliche Besorgnis über die Größe der Aufgabe, die vor ihm lag, und sie hatte es toleriert, doch er konnte es sich in dieser kritischen Phase nicht erlauben, wieder abzuhauen.
Außerdem würde Jacen sie niemals kontaktieren und um Hilfe bitten, wenn er in Schwierigkeiten geriet.
Es war nicht nur zu seinem eigenen Besten, sondern auch zu dem der Galaxis, dass sie diesmal herausfand, was ihn fortzog, gerade als er im Begriff war, alles zu vollenden. Sie würde ihm folgen. Sie musste ihm den Weg freihalten und sämtliche Ablenkungen ausschalten.
»Werdet Ihr dort, wo Ihr hinreist, HNE empfangen, oder wollt Ihr, dass ich Euch bei Eurer Rückkehr auf den neuesten Stand bringe?«
»Ich will nicht kontaktiert werden«, sagte er. »Falls irgendetwas Wichtiges geschieht, werde ich davon erfahren. Behalte einfach den Laden im Auge.« Die Türhälften schlossen sich hinter ihm.
Lumiya marschierte ins Schlafzimmer, um zu sehen, ob er das Päckchen zurückgelassen hatte, das er unter dem Arm geklemmt gehabt hatte. Auf dem Bett lag nichts, und als sie innehielt, um die leisen Strömungen zu erspüren, die ihr zeigten, wo möglicherweise Dinge versteckt worden waren, ertastete sie nur Hinweise darauf, dass Gegenstände mitgenommen worden waren: bloß eine Garnitur Kleidung und die kleinen Notwendigkeiten. die ein Mann braucht. Jacen fand offenbar Gefallen an schlichter antiseptischer Seife, eine Entdeckung, die sie sowohl rührend als auch komisch fand. Jacen schien mehr und mehr auch dem Alltäglichsten zu entsagen. Diese widerliche Jedi-Angewohnheit konnte er ruhig ablegen. Sie würde ihm dabei helfen müssen, ein bisschen besser zu sich selbst zu sein, sobald eisernen Wandel vollzogen hatte.
Das Apartment wirkte noch nüchterner als vor einigen Monaten. Jedes Mal, wenn sie herkam, fand sie weniger Komfort und weniger Persönliches vor. Mittlerweile gab es nirgends mehr Holobilder von Familie und Freunden. Er hatte sie nicht einmal in eine Schublade gestopft, um ihren anklagenden Blicken zu entgehen, die wissen wollten, was mit dem guten, alten Jacen geschehen war.
Doch unterm Strich war das kein schlechtes Zeichen. Vielleicht spülte er den alten Jacen fort und bereitete sich auf den neuen vor. zu dem er werden würde. Und wenn er das tun musste, indem er sich in Sackleinen kleidete und sich die Zähne mit Salz putzte, war das in Ordnung. Sie schaltete die Lichter aus, überprüfte, dass das Apartment gesichert war, und bahnte sich ihren Weg aus dem Wohngebäude hinaus auf die Bürgersteige von Coruscant.
Sie schlüpfte durch die finstere Seitengasse und in das stillgelegte Lagerhaus, wo sie die Sith-Meditationssphäre versteckt hatte. Ben Skywalker war hin und wieder doch von Nutzen. Aber auch Insekten spielten in der Ökologie eine wichtige Rolle.
Lumiya wäre vielleicht nicht in der Lage gewesen, Jacen aufzuspüren, wenn er aus der Macht verschwand, doch die uralte rote Kugel war dazu irgendwie imstande. Lumiya konnte ihre Neugierde und sogar ein bisschen Aufregung spüren. Das Schilf wollte wieder nützlich sein, wollte dienen. Es fuhr seine Einstiegsrampe aus, ohne auch nur dazu aufgefordert worden zu sein.
Folge Jacen Solo, dachte sie und stellte ihn sich vor, damit die Sphäre nicht irrtümlich Ben anpeilte; sie schien nämlich von dem Jungen fasziniert zu sein. Folge dem künftigen Sith-Lord. Er würde sein Ziel erreichen.
BEVIIN-VASUR-FARM, MANDALORE
Die harte rote Erde war so festgebacken wie Töpferlehm und zerbarst beim ersten Stich seiner Vibroschaufel. Fett betrachtete das nackte weiße Muster der Knochen darunter, hervorgehoben von der schroffen Sonne.
»Warum hast du mich hier zurückgelassen, Sohn?«, fragte Jango Fett. Wo war er? Da war kein Gesicht, überhaupt keins. Aber die Stimme war genau hier. »Ich habe auf dich gewartet.«
»Wo bist du, Dad? Ich kann dich nicht finden.«
»Ich habe auf dich gewartet...«
»Wo bist du?« Fett rief nach seinem Vater, doch seine Stimme war die eines Kindes, und die Hände, die er die Schaufel umklammern sah, waren die eines alten Mannes, geädert und fleckig. Panik und Verzweiflung raubten ihm fast den Atem. »Dad, ich kann dich nicht sehen.« Er wuchtete die harte Erde beiseite, und die groben Körnchen rammten sich schmerzhaft unter seine Fingernägel. Er grub schluchzend weiter. »Wo bist du?«
Schlagartig war Fett wach. Sein Herz hämmerte, Schweiß kribbelte auf seinem Rücken, und er schaute auf die Uhr an der gegenüber-liegenden Wand. In den Wochen, seit er die sterblichen Überreste seines Vaters nach Mandalore zurückgebracht hatte, hatte er immer wieder diesen Alptraum. Er schwang die Beine aus dem Bett und belastete sie probeweise, wartete darauf, dass der Schmerz an den Gelenken zu nagen begann.
Es war gar nicht so schlimm. Tatsächlich fühlte er sich um den unteren Rücken herum lediglich ein wenig steif, als hätte er tat-sächlich gegraben. Vielleicht lebte er diesen Alptraum im Schlaf aus.
Er wippte ein paar Mal auf den Fersen, um zu sehen, was geschah. Er hatte keine Schmerzen. Er spürte nicht einmal diese Übelkeit, die ihm so zur Gewohnheit geworden war, dass er vergessen hatte, wie es war, ohne sie aufzuwachen.
Abgesehen davon, dass er etwas Fieber hatte, fühlte er sich besser als seit Tagen - als seit Monaten, um genau zu sein. Er war lebendig. Dass er übern Berg war, würde er so lange nicht glauben, bis die Nerf-Ärztin mit den Testergebnissen zurückkam, doch er wusste. dass sich etwas Grundlegendes geändert hatte.
Also hast du mich nicht vergiftet, Jaing.
Er ging ins Badezimmer, um zu duschen - als könnte man einen Sturzbach kalten Wassers aus einer Zisterne auf dem Dach so nennen - und rasierte sich mit einem uralten einteiligen Rasiermesser, mit dem er sich übers Kinn schabte. Dort, wo die Säure des Sarlacc kein glattes, glänzendes Narbengewebe hinterlassen hatte, wuchsen immer noch Bartstoppeln, die meisten davon inzwischen schneeweiß und daher schwer zu sehen. Er rasierte sich trotzdem zweimal am Tag. Das waren die ungeschützten, nackten Zeiten, in denen er es sich gestattete, an Ailyn und andere schmerzvolle Dinge zu denken, weil er sich dabei selbst in die Augen sehen musste, und er war kein Lügner. Zu lügen war nicht einfach bloß schlecht - es war dämlich. Und sich selbst zu belügen war das Dämlichste überhaupt.
Da er nicht mehr so sehr mit dem eigenen Tod beschäftigt war, konnte er endlich wieder über den Tod anderer nachdenken. Es gab eine Menge unerledigter Angelegenheiten. Er würde mit Ailyn anfangen.
Als ich diesen Leichensack geöffnet habe, war sie eine Fremde. Eine Frau in mittleren Jahren. Nicht so schön wie ihre Mutter. Vor ihrer Zeit gealtert, verlebt, tot. Und trotzdem immer noch mein Baby, mein kleines Mädchen. Es kümmert mich nicht, dass du versucht hast, mich zu töten. Es kümmert mich wirklich nicht...
Zu töten war ein Geschäft. Er genoss es nicht, aber er schreckte auch nicht davor zurück. Die einzige Person, deren Tod er genießen würde, war Jacen Solo.
Besser, du verrottest, als zu sterben. Ich kann warten. Danke, dass du mich zu überleben angespornt hast.
Ich bin zurück.
Fett überprüfte sein Gesicht im Spiegel, um zu sehen, ob er irgendwelche Bartstoppeln übersehen hatte, strich mit den Fingerspitzen darüber, um auf Nummer sicher zu gehen, dann stülpte er sich den Helm über den Kopf. Die Welt wurde wieder scharf und vollends greifbar, mit all den zusätzlichen Sinnen. die in seine Rüstung eingebaut waren. Mit einem Alter, in dem anderen Männern die Sehkraft schwand und ihr Gehör unzuverlässig wurde, konnte Fett durch solide Wände schauen und Dinge belauschen, die Kilometer entfernt stattfanden. Gute Technik war nicht mit Credits aufzu-wiegen. Er krümmte die Finger in seinen Handschuhen und fühlte sich endlich wieder vollständig und gewappnet gegen die Welt.
Ja, ich bin tatsächlich zurück.
Er fuhr mit dem Speederbike hinein nach Keldabe und hämmerte gegen die Tür der Tierarztpraxis. Ihr Name stand auf einer Durastahlplatte: HAYCA MEKKFT.
Ein Mann lehnte sich aus dem offenen Oberfenster und schaute mit verschlafenem Blick auf Fett herab, dann verschwand er wieder. »Herzblatt«, bellte er. »Es ist dein Spezialpatient.«
Die Tierärztin erschien am Fenster. »Ich nehme an, ich muss heute für dich früh öffnen.«
»Hat sich noch nie jemand über deinen Namen lustig gemacht?«
»Nerfs können nicht lesen. Warum sich darüber ärgern?«
»Hast du meine Testergebnisse?«
»Ja.«
»Und?«
»Der Zellabbau wurde gestoppt. Allerdings sagt der Labortechniker drüben auf Dawn, dass wir mit deinen Genen bloß nichts züchten sollten.« Irgendwie kam er mit ihr leichter zurecht als mit Beluine. »Weißt du, dass diese Nadel, mit der ich dich gepiekt habe, für Banthas bestimmt ist?«
»Genau so hat's sich angefühlt.«
»Du bist ein zäher Bursche. Fett. Ich bin froh, dass du nicht tot bist.«
»Was schulde ich dir?«
»Eine Decke. Eine hübsche dicke, rote Decke.«
Fett kehrte zur Slave I zurück und brachte sich nachrichtentechnisch auf den neuesten Stand. Murkhana und Roche strebten auf ein Kräftemessen zu. Das war eine gute Gelegenheit, zu demonstrieren, wozu ein einzelner Bes'uliik in der Lage war, sollten sich die Verpinen auf das Abkommen berufen.
Fierfek, ich hab's wieder mal geschafft. Ich werde leben.
Falls nichts anderes schiefging, hatte er weitere dreißig Jahre. vielleicht mehr. Die meisten Leute wären über diese Galgenfrist überglücklich gewesen. Doch Fett stellte fest, dass es ihn in gewisser Weise wachrüttelte und ihn dazu brachte, angestrengter über gewisse Dinge nachzudenken, wenn er dem Tod so nahe kam. Er mochte das Risiko. Er mochte es, allen Widrigkeiten zum Trotz zu gewinnen.
Ich schätze, ich sollte es Mirta erzählen.
Er hatte das Gefühl, sie endlich fragen zu können, was Ailyn ihr im Laufe der Jahre eingetrichtert hatte, dass sie ihn so sehr gehasst hatte. Doch was er wirklich wissen wollte, war, wo Ailyns Hass hergekommen war. Die meisten Trennungskinder strebten keine mörderische Blutfehde quer durch die halbe Galaxis an.
Aber das konnte noch eine Stunde oder so warten, während er ein anständiges Frühstück einnahm.
Er würde den Tag genießen. Er würde leben.