10. Kapitel

Verpinen-Unterhändler Sass Sikili, der heute beim Auftakt zur Bast-Ex sprach, hat Murkhana davor gewarnt, dass die Roche-Regierung mit »angemessenen Maßnahmen« reagieren wird, falls der Planet weiterhin gegen die Handelsverträge für Technologie-exporte verstößt. Murkhana ist bestrebt, in den wachsenden Markt für abhörsichere Kommlinknetzwerke einzusteigen, ein Geschäfts-feld, das bislang von Verpinen-Produkten dominiert wird.

- HNE-Geschäftsnachrichten, mit Interesse zur Kenntnis genommen

von Boba Fett, Mandalore

SPEEDER-PARK, ROTUNDA-ZONE, CORUSCANT

Lumiya hatte einen merklichen Windschatten in der Macht zurückgelassen, wie ein Wasserspeeder auf einem See. Obwohl das großzügig von ihr war, war Mara nicht zu Heiterkeit aufgelegt.

»Ich bin nicht über Nacht verblödet«, murmelte sie. »Beleidige mich nicht. Blechbüchse.«

»Was hast du noch darüber gesagt, dass Luke alldem zu nahe steht?«, fragte Jaina. »Tief durchatmen, Tante Mara. Tief durchatmen.«

»Ich putsche mich hoch. Ich finde, das hilft. Du nutzt die Macht auf deine Art, und ich nutze sie auf meine.«

»Wow - versuche ich gerade, dich zu besänftigen? Das ist eine Schlagzeile, die man für seine Enkelkinder aufhebt.«

Mara ging in einem zehn Quadratmeter großen Bereich auf und ab und spürte dunkle Energien pulsieren wie Schockwellen. Jaina trat zurück und sah ihr zu.

»Sie ist von hier abgehoben«, verkündete Mara.

»Hat sie uns hierhergeführt, um uns von irgendwo anders auf Coruscant fernzuhalten?«

»Sie hat bloß eine eingeschränkte Auswahl von Zielen, Jaina. Ben oder Jacen - oder vielleicht auch Han und Leia, wenn sie sich mit Alema verbündet hat. Deine Eltern befinden sich nicht auf Coruscant, und wenn sie hinter Jacen her ist, hätte sie ihre Chance gehabt, ihn sich vorzunehmen, als sie ins GGA-Hauptquartier eingedrungen ist, um sich Bens Stiefel zu schnappen.« Mara kniete nieder, um den Permabeton zu berühren. Sie rechnete damit, irgendeine Art Stoß zu verspüren, einen Eindruck von Lumiya, die sie verhöhnte, doch da war etwas beunruhigend Ungefährliches an der Spur, die die Sith zurückgelassen hatte. Ja, genau wie sie es fertiggebracht hat, Luke davon zu überzeugen, dass sie ihm nichts Böses will. Lumiya schien ein seltenes Talent für Macht-Schauspielerei entdeckt zu haben. »Wenn sie hinter Luke her ist, hat sie mittlerweile zwei Gelegenheiten verpasst.«

»Also ist es Ben.«

»Ben ist... fort. Er ist nicht auf Coruscant.«

Jaina sah Mara mit einem Gesichtsausdruck an. der besagte, dass sie sich fragte, warum Mara sie hinhielt. Doch Mara würde sich zu nichts hinreißen lassen. Je weniger die Familie über Bens Situation wusste, desto besser. Früher oder später würde herauskommen, dass sie ihm einen Peilsender untergeschoben hatte, und wie alt er auch sein mochte, wenn dies schließlich geschah, sie würde sein Vertrauen für immer verlieren, denn es würde ihn zutiefst verletzen.

»GGA-Angelegenheiten«, sagte Mara und beantwortete damit die ungestellte Frage. Sie forschte in der Macht, tastete nach irgendetwas. das ihr sagte, dass Lumiya unterwegs nach Vulpter war, aber sie spürte nichts dergleichen. Was sie wahrnahm, war Ben, der momentan nervös war und dann verschwand, wie Jacen es ihm beigebracht haben musste. Darum würde sie sich kümmern müssen, wenn der gegenwärtige Notfall unter Kontrolle war. »In Ordnung, wenn sie will, dass ich ihr folge, dann folge ich ihr.«

»Lass uns Zekk und Jag dazuholen. Ich wette, dass Alema wieder in der Stadt ist, und ...«

»Nimm's mir nicht übel, Jaina, aber ich glaube, ich bin es, die sie will. Du gehst und suchst die Käferbraut.«

Jaina schürzte die Lippen und machte ganz den Eindruck, als würde sie ihren Einwand dagegen herunterschlucken. »Okay«, sagte sie schließlich.

»Das Ganze ist eine alte Fehde der Dunklen Seite.« Mara wollte nicht, dass Jaina das Gefühl hatte, sie würde sie zurückweisen. Die Dinge waren momentan schon knifflig genug. »Lassen wir nicht zu, dass sie uns beide an der Nase herumführt.«

Dafür, dass Lumiya angeblich so versessen darauf war, sich an Ben für den Tod ihrer Tochter zu rächen, ließ sie sich jede Menge Chancen durch die Lappen gehen. Also, was wollte Lumiya von ihr?

Mara kehrte zur Basis zurück, wo sie auf ein Mitglied der Bodenbesatzung stieß, das geduldig bei dem ihr zugewiesenen XJ7 wartete. Sie kletterte in das Cockpit und begann mit dem Instru-mentencheck.

»Ist Lumiya wirklich eine Sith?«, fragte der Techniker.

»Die Allerletzte ihrer Art«, sagte Mara, ohne sich danach zu erkundigen, was er gehört hatte und woher er überhaupt diesen Namen kannte. Sie verspürte einen Anflug von Schuldbewusstsein angesichts ihrer Schludrigkeit;, sich lautstark zu streiten und dabei zu versessen, dass noch andere Leute in der Nähe waren. Dann versiegelte sie die Schotten der XJ7. »Dafür werde ich sorgen.«

Mara ignorierte die militärischen Luftverkehrsbestimmungen und kreiste über dem Gebiet, in dem sie Lumiya zuletzt in der Macht wahrgenommen hatte. Es war relativ leicht, der Spur zu folgen, und dann stellte sie fest, wie sie die Umlaufbahn von Coruscant verließ, um Kurs auf den Mond Hesperidium zu nehmen.

»O ja, Palpatine hat es dort gefallen«, sagte sie laut. »Fliegst du um der alten Zeiten willen dorthin?«

Lumiya spielte definitiv ein Spiel. Doch sie war nicht töricht genug, zu denken, dass sie Mara ihre Hand reichen konnte und sie anschließend immer noch intakt sein würde, wie es bei Luke der Fall gewesen war.

Die Spur führte zum Haupturlaubsort von Hesperidium, der nicht ganz so prächtig war, wie sie ihn in Erinnerung hatte. Sie fragte sich, ob man hier den finanziellen Engpass des Nachkriegsaufbaus spürte und es immer noch nicht genügend geschmacklose Wohlhabende gab, die Lust hatten, sich an einem Ort wie diesem zu tummeln. Die Luftraumüberwachung des Raumhafens war gelinde gesagt überrascht, ein Militärschiff auf ihren Scannern zu entdecken.

»Ich muss für eine Weile landen«, sagte Mara, in dem Wissen, dass sie in dieser Angelegenheit keine andere Wahl hatten. Sie konnten sie schwerlich daran hindern runterzugehen. »Meine Anzeigen spucken seltsame Werte aus. Ich muss das überprüfen.«

»Lassen Sie uns wissen, ob wir Ihnen helfen können«, bot man ihr an.

»Geheimsache«, sagte Mara nur und beendete damit das Gespräch.

Als sie landete und die Auswahl der Schiffe auf den privaten Parkzonen der Hotels sah, wurde ihr bewusst. dass ihr XJ7-Raumjäger vermutlich wie das kleine Spielzeug eines exzentrischen Milliardärs wirkte. Einige dieser Schiffe waren in puncto Größe und Opulenz schier atemberaubend. Sie fragte sich, wie sie es überhaupt geschafft hatten zu landen. Es gab eindeutig eine florierende Klasse Ultrareicher, die das letzte Jahrzehnt ziemlich unbeschadet überstanden hatte, und jetzt ging das Leben für sie weiter, als wäre nichts geschehen, ungeachtet des neuen Krieges. Mit Credits schien es wie mit Deflektorschirmen zu sein: Wenn man genug vom einen oder dem anderen hatte, konnte einem nichts etwas anhaben.

Sie überprüfte ihre Umgebung, in der Macht und visuell, bevor sie aus dem Cockpit glitt und zu Boden sprang. Zumindest war es ihr gelungen, sich wie eine exzentrische Reiche zu kleiden, daher würde man kaum Notiz von ihr nehmen.

Ja, hier gab es definitiv einige bizarr aussehende fliegende Paläste ...

Und dann fühlte sie, wie im gleißenden Morgensonnenschein Dunkelheit ihre Schulter berührte.

Das Gefühl war so konkret, so greifbar, dass sie mit der Hand auf dem Griff ihres Lichtschwerts herumwirbelte, in der Erwartung, Lumiya vor sich zu sehen. Doch da war niemand.

Du willst also Spielchen treiben ...

Es war früh. Ein paar Hotelgäste in Sportkleidung joggten vorbei und warfen ihr einen flüchtigen Blick zu. ohne stehen zu bleiben. Sie trieb sich zwischen den Schiffen in der Landezone herum und spürte, wie die Dunkelheit gegen ihr Brustbein drückte. Irgendetwas Dunkles war hier, und das hieß Lumiya. Das erdrückende Gefühl in ihrer Brust wurde so stark, dass sie die Klinge ihres Lichtschwerts einschaltete, bereit zu kämpfen, als sie den nächsten Schiffsrumpf umrundete.

Das war's, Lumiya. Keine Spielchen mehr.

Sie sprang mit summendem Lichtschwert in die Lücke.

Ihr starrte keine verschleierte Gestalt mit einer Lichtpeitsche entgegen, sondern ein einzelnes körperloses, flammend rotes Auge von zehn Metern Durchmesser. Ihr Instinkt sagte ihr, dass es lebendig war, ein Fremdweltlerwesen, doch es war eindeutig irgendeine Art Raumschiff, und das konnte nur eins bedeuten: Lumiya war an Bord.

Es war eine Falle, dessen war Mara sich gewiss.

Schön. Aber manchmal ist die Beute viel zu groß für die Falle, die man ihr stellt...

Sie suchte die Außenhülle nach einer Einstiegsluke ab, doch die grob strukturierte Oberfläche - war das Stein? - war lückenlos.

Komm herein.

Mara fragte sich, warum sie das dachte, und dann erkannte sie, dass der Gedanke in Wahrheit von einer Stimme in ihrem Kopf stammte, im Gefüge der Macht selbst . Sie war leblos, aber empfindungsfähig - und es war kein Droide.

Es war das Schiff.

Mara konzentrierte sich angestrengt darauf, Lumiya wahrzunehmen, doch sie konnte im Innern des Schiffs niemanden ausmachen. Plötzlich entstand eine Öffnung in der Außenhülle, und eine Rampe fuhr aus. Die Versuchung war zu groß, und sie war zu erfahren in dieser Art von Spiel, um geradewegs hinein zumarschieren, doch sie musste wissen, was vorging. Die Spur endete hier. Lumiya hatte dieses Schiff benutzt. Aber ...

Ich kann es mit ihr aufnehmen. Das sind alles Psychospielchen. Ich falle nicht darauf herein.

Wenn Lumiya drinnen wartete, irgendwo versteckt, dann würde Mara sie töten. Falls dem nicht so war. dann würde Mara hier auf sie warten und sie dann töten. Für Mara machte das keinen Unterschied. Sie hatte momentan nichts Wichtigeres zu erledigen.

Sie stellte ihren Stiefel auf die Rampe und machte ein paar vorsichtige Schritte, das Lichtschwert mit beiden Händen haltend. Falls das Hotel über Überwachungskameras verfügte und man sah, was hier vor sich ging, war das eben Pech.

Mara fühlte Verwirrung, die nicht ihre eigene war.

Du bist nicht der, den ich erwartet habe.

Wieder war es das Schiff.

»Was meinst du damit, ich bin nicht der, den du erwartet hast?« Nein, sie brauchte nicht zu sprechen. Dieses Ding kommunizierte gedanklich mit ihr.

Du bist... sehr ähnlich.

»Danke. Vielen Dank.« Vielleicht empfand dieses Schiff so etwas wie Achtung vor Lumiya. Mara gelangte zu dem Schluss, dass das Ding eine recht gute Informationsquelle sein konnte. Sie dachte ihre nächste Frage, allerdings benutzte sie dafür Begriffe und versetzte sich in eine Gesinnung, die sie vor langer Zeit hinter sich gelassen zu haben glaubte. Die mentale Unterhaltung hinterließ ein Gefühl bei ihr, als wäre sie wieder die Hand.

Wo ist sie, Schiff?

Der andere? Ganz in der Nähe.

Du bist ein Werkzeug der Sith, nicht wahr?

Du kennst die Dunkelheit gut. Besser als der andere, dessen Rückkehr ich erwarte.

Mara wusste nicht, was sie davon halten sollte, doch in diesem Moment akzeptierte sie, dass ihre Absichten offenbar wesentlich bösartiger waren, als Lumiya je sein würde. Sie wollte Zerstörung. Sie wollte Tod.

Die Letzte deiner Art, Lumiya. Und deine Zeit ist abgelaufen.

Am linde der Rampe angelangt, zögerte Mara. Eine Minute lang dachte sie. dass sie womöglich ins Innere gezogen werden würde und das kugelförmige Schiff sie dann einschließen und mit ihr davonfliegen würde. Als Vorsichtsmaßnahme griff sie mit einer Hand hinein, um den letzten ihrer winzigen Transponder anzubringen - eine verbliebene technische Spielerei aus ihrer vorherigen Existenz -, gleich innerhalb der Luke. Der Transponder blieb an der sonderbar steinartigen Beschichtung halten, die sie drinnen ertasten konnte. Falls irgendetwas passierte. konnte zumindest jemand ihrer Spur folgen. Und falls Lumiya zu dem Schiff zurückkehrte, würde der Transponder jedes Mal ihre Position anzeigen, wenn Maras Impulsgeber ihn anpeilte.

Mara nahm einen zaghaften Atemzug und senkte den Kopf, um ins Innere zu sehen.

Das Schiff war tatsächlich leer.

Nicht bloß ohne Besatzung. In der Außenhülle befand sich gar nichts - kein Cockpit, keine Instrumente, keine Systemanzeigen, nichts. Die Kugel war hohl, erhellt von einem roten Glühen, als würde hinter den Schottwänden ein ruhiges Feuer brennen. Von außen hatte sie dieses Licht nicht gesehen.

Weiter kam sie nicht. Sie fühlte etwas näher kommen, und sie wusste, was dieses Etwas war. Sie ging die Rampe ein paar Schritte nach unten und wartete, das Lichtschwert noch immer aktiviert.

Eine schlanke Gestalt in einem dunkelgrauen Anzug und mit einer dreieckigen Kopfbedeckung mit Gesichtsschleier trat in die Lücke zwischen den geparkten Schiffen.

»Hallo, kleine Hausfrau ...«. sagte Lumiya.

Mara schaltete innerlich um, und schon war sie wieder die Hand des Imperators, ruhig und konzentriert. Es gab ohnehin nichts zu sagen. Amateure hielten vor dem Kampf lange Ansprachen, Profis erledigten ihren Job.

Sie schnellte mit einem Machtsprung fünf Meter auf Lumiya zu. schlug nach unten, von rechts nach links, beidhändig. Der Hieb - nur Kraft, keine Finesse - kappte die Kopfbedeckung der Sith. als die nach hinten sprang, trennte einen Teil davon ab.

Lumiyas Augen wurden groß, die Pupillen geweitet, doch sie ließ bereits ihre Lichtpeitsche um ihren Kopf wirbeln. Die Schwänze knisterten und zischten und verfehlten Mara bloß, weil sie ihre gesamte Energie in einen Machtstoß legte, um sie eine Winzigkeit zu verlangsamen.

Mara nahm diese Waffe nicht auf die leichte Schulter. Die Peitsche war das Schlimmste beider Welten, Lederstriemen, die mit undurchdringlichen mandalorianischen Eisenfragmenten gespickt waren, und Stränge aus reiner, mörderischer dunkler Energie.

Mara zog ihren Blaster und rollte unter die Hülle des Schiffs neben sich. Mit dem Kreischen reißenden Metalls fuhr die Lichtpeitsche durch den Durastahl, füllte die Luft mit dem Geruch von Hydraulikflüssigkeit, und der Strahl Flüssigkeit verwandelte sich in einen Sturzbach, der sich als dickflüssige Lache auszubreiten begann. Mara rollte auf der anderen Seite unter dem Schiff hervor. Lumiya landete schwer auf beiden Füßen und ließ die Peitsche so nah bei Maras Kopf niedersausen, dass sie den Luftsog wie einen Atemzug auf ihrer rechten Wange spürte. Das Knallen war ohrenbetäubend.

Mara feuerte den Blaster ab. Lumiyas Peitschenhand war erhoben, um so viel Wucht wie möglich in ihren nächsten Schlag zu legen. Eine Wolke weißen Dampfs stieg von Lumiyas Schulter auf, und sie taumelte ein paar Schritte zurück.

Metall. Vielleicht habe ich Metall getroffen.

Vielleicht hatte sie das, denn obwohl Lumiya eine Sekunde lang schwankte, stürzte sie nicht. Mara sprang aus der Hocke waagerecht nach vorn und rammte mit aller Kraft, die sie aus der Macht ziehen konnte, gegen Lumiyas Beine. Sie traf auf soliden Durastahl. Blut füllte ihren Mund, aber sie konnte nicht das Geringste spüren - noch nicht. Einen Arm um Lumiyas Knie geschlungen, nahm sie ihr die nötige Bewegungsfreiheit, um die Peitsche zu schwingen, und brachte sie zu Fall wie einen gefällten Baum, bevor sie ihren Kopf in das Gesicht der Frau rammte.

Und das tat weh. O ja, das fühlte Mara. Sie hatte nicht Lumiyas Nase getroffen, sondern ihren kybernetischen Kiefer, der tief in ihre Stirn schnitt. Sie kämpfte nur noch aus reinem Reflex, halb benommen, ließ die Lichtschwertklinge für eine Sekunde ersterben und hielt das Heft wie einen Dolch, um ihn in Lumiyas Brust zu stoßen, bevor sie die Energie wieder einschaltete.

Lumiya wich zur Seite aus, als die Klinge Fleisch durchdrang. Mara konnte es riechen. Sie deaktivierte die Klinge, um sich siegessicher wieder zurückzuziehen.

Ich habe es geschafft. Tot. Tot, du...

Doch Lumiya schrie, und Tote schreien nicht. Der Schrei zuckte durch Maras wirbelnden Kopf. Und er war mehr als laut. Er war...

Mara mühte sich auf die Knie, um auf das herabzuschauen, was eine tote Frau hätte sein sollen, und sie blickte in grüne Augen, die gänzlich bar jeden Gefühls waren, und dann verdunkelte sich die Welt wie bei einer Sonnenfinsternis.

Vielleicht bin ich diejenige, die tot ist.

Irgendetwas traf sie direkt in den Rücken, warf sie nach vorn auf Lumiya. Mara versuchte sich herumzurollen, ohne dabei ihr Lichtschwert oder den Blaster loszulassen, doch etwas wickelte sich um ihren Hals und riss sie nach hinten. Die Lichtpeitsche war immer noch in Lumiyas Hand, sie konnte das Ding sehen, also was war da um ihren Hals und würgte sie? Sie hatte das Gefühl, als würde sie mit großer Geschwindigkeit nach hinten fliegen, und dann krachte sie gegen etwas, so hart, dass es jedes bisschen Atem aus ihren Lungen trieb und sie nach Luft schnappte.

Es dauerte bloß ein oder zwei Sekunden. Mara lag da und rang angestrengt nach Atem, und dann sah sie Lumiyas Stiefel an ihrem Gesicht vorbeiwanken, nur Zentimeter entfernt.

Was ist in meinen Augen? Was sticht da so?

Sie hob die Hand, um sie zu reiben, und ihre Knöchel wurden rot und feucht. Es war Blut. Das Letzte, was sie sah, als sie aufschaute, war die orangefarbene Kugel, dieses unmögliche Sith-Schiff, das senkrecht in die Luft emporstieg und schwimmhautartige Steuerfahnen ausfuhr wie die Flügel eines Lebewesens.

Mara schaffte es, sich auf die Ellbogen zu stützen. Mit einem Mal wurde sie sich der beiden Läufer bewusst, die sie vorhin gesehen hatte, ganz hübsch und adrett in ihrer frischen weißen Sportbe-kleidung, und die sie nun entsetzt anstarrten. Sie beschwor alles an Konzentration herauf, was sie irgend aufbringen konnte, und versuchte angestrengt, ihre Sinne zu klären.

»Sie haben soeben zwei Stuntfrauen gesehen, die für ein Holovideo von einer versteckten Kamera gefilmt wurden«, sagte sie. »Sie haben überhaupt keinen Kampf gesehen.«

»Wir haben überhaupt keinen Kampf gesehen, Schatz«, sagte die Frau gehorsam.

Der Mann gaffte, dann grinste er. »Wow, es ist wirklich erstaunlich. wie echt dieses künstliche Blut aussieht!«

»Was Sie nicht sagen ...« Mara kam irgendwie auf die Beine, hob Lichtschwert lieft und Blaster auf und ging mit so viel Anmut davon, wie sie aufbringen konnte.

Ich war sicher, ich hätte sie erledigt. Wie konnte ich sie verfehlen?

Sie schluchzte beinahe vor Frustration und mühte sich, ins Cockpit der XJ7 zu steigen, während sie immer noch dahinter zukommen versuchte, was sie von hinten angesprungen hatte. Als sie in der reflektierenden Oberfläche ihres Datenpads ihre Verletzungen überprüfte, war ihr Gesicht blutbesudelt, ihr rechtes Auge schwoll an und schloss sich bereits, und um ihren Hals lag so etwas wie ein Schlingenmal. Sie konnte Abdrücke auf ihrer Haut sehen, die wie von einem geflochtenen Drahtseil wirkten.

Irgendetwas wie ein Droide hat mich angefallen. Jedenfalls eine Maschine. Deshalb habe ich es nicht wahrgenommen.

Sie wusste, dass es verrückt war, nach einer Kopfverletzung einen Raumjäger zu fliegen, doch es gab keine andere Möglichkeit, zurück nach Coruscant zu gelangen. Sie fuhr die Triebwerke hoch, fluchend und schimpfend. Sie hatte die Cyborg-Hexe direkt vor sich gehabt, die Klinge ihres Lichtschwerts in ihr, und trotzdem hatte sie sie nicht getötet.

Und ich habe bei ihr ebenfalls keine Niedertracht gespürt, Luke. Bloß einen dicken Kopf.

Das wieder in Ordnung zu bringen, würde jede Menge Bakta erfordern. Mara hob mit dem XJ7 ab und schaltete für den Heimflug auf Automatik.

Luke wird durchdrehen, wenn er mich in diesem Zustand sieht.

Ihr Adrenalin verebbte allmählich, und das ließ sie den Schmerz spüren. Sie versetzte sich in eine leichte Meditationstrance, um den Heilungsprozess zu beschleunigen.

Warum hat sie mich nicht getötet? Sie hatte die Chance dazu. Ich habe mir an ihrem verfluchten Metallkiefer den Kopf aufgeschlagen.

Dann fiel Mara der Transponder ein. Sie fummelte erneut nach dem Datenpad. Eine gelbe Markierung ... nein, zwei gelbe Markierungen wurden sichtbar.

Eine befand sich nach wie vor auf Vulpter: Ben. Die andere glitt über das Gitternetz auf ihrem Bildschirm, entfernte sich vom Kern.

Lumiya.

Hab ich dich, dachte sie und lächelte für eine Sekunde, bevor sie sich an ihre gespaltene Lippe erinnerte. Hab ich dich.

Lumiya und ihr bizarres Sith-Schiff nahmen Kurs auf den Knotenpunkt der hydianischen Handelsstraße. Entweder wollte sie, dass Mara ihr folgte, oder sie wusste nichts von dem Transponder.

Das war in Ordnung. Mara konnte sie jetzt jederzeit ausfindig machen. Und zu zweit konnten sie das Komm-und-hol-mich—Spielchen spielen.

Sie lehnte sich in ihrem Sitz zurück und konzentrierte sich darauf, ihr blaues Auge abschwellen zu lassen.

JACEN SOLOS BÜRO-TÜREN GESCHLOSSEN - GGA-HAUPTQUARTIER, CORUSCANT

Jacen spielte die Aufzeichnung vier-oder fünfmal ab, bevor er zufrieden war.

Es war eine perspektivisch verfälschte, von schräg unten gemachte Aufnahme, von der Art, wie endoskopische Streifenkameras sie zu machen pflegten, doch der Ton war klar und deutlich, und die Teilnehmer des Treffens waren eindeutig als der GA-Staatschef und der corellianische Premierminister zu erkennen. Es würde keinen Zweifel daran geben, dass sich die beiden Männer tatsächlich getroffen, die gesamte Verteidigungspolitik der GA zum Fenster rausgeworfen, sich ohne Rücksprache mit der Oberbefehlshaberin der Streitkräfte oder dem Senat auf eigene Faust auf einen Waffenstillstand geeinigt und die »Absetzung« von Colonel Jacen Solo und Admiralin Niathal mittels Ermordung besprochen hatten.

Das war alles, was er braucht e, um seinen nächsten Schritt zu rechtfertigen.

Er beugte sich über den Tisch und betätigte die Gegensprechanlage. Droiden kümmerte es nicht, wie viele Male sie ins Büro zitiert wurden.

»HaEm«, sagte er. »Ich brauche unverzüglich deine Hilfe.«

»Gewiss, Sir«, sagte HM-3.

Der Droide brauchte zehn Minuten, um aufzutauchen. Als er hereinrollte, waren seine Arme mit Datenpads und sogar gebundenen Büchern beladen. Er hatte sich auf eine weitere von Jacens Erklär-mir-das-Gesetz—Sitzungen vorbereitet. Einen Droiden zu haben, der Bedürfnisse so gut vorhersehen konnte, war ein gutes Gefühl. Jacen konnte nicht umhin, beeindruckt zu sein.

»Es ist an der Zeit, die Gesetzesänderung in Anspruch zu nehmen«, sagte Jacen.

Wenn ein Droide mit seinem unbeweglichen Antlitz Enttäuschung hätte ausdrücken können, dann hätte HM-3 das in diesem Moment getan, daran ließ seine Stimme keinen Zweifel. Er mochte es, mit Jacen die feineren Punkte des Verwaltungsrechts durchzugehen. Vermutlich, weil niemand sonst etwas da rüber hören wollte. Der Umstand, dass er die Statuten mit sich herumtrug, anstatt sich einfach in das vernetzte Archiv der GA einzuklinken, war ein Zeichen seiner aufrichtigen ... Zuneigung für das Gesetz. Für ihn war es ein Lebewesen, nicht bloß eine Ansammlung von Worten.

»Dann lassen Sie mich rekapitulieren, Sir.« HM-3 legte den Armvoll Gesetzestexte auf den Tisch und holte sein Arbeits-datenpad hervor. »... das Abändern der Notstandsverordnung, um die Streitkräfte der GGA dazu zu ermächtigen, Staatsoberhäupter, Politiker und alle anderen Individuen zu verhaften, von denen angenommen werden muss, dass sie ein konkretes Risiko für die Sicherheit der Galaktischen Allianz darstellen, und ihre Besitztümer im Rahmen des Schatzamtsbeschlagnahmegesetzes zu konfiszieren.«

»Das ist es«, sagte Jacen. »Wann kann das in Kraft treten?«

»Ich kann es jetzt sofort einreichen, Sir, und dann tritt es um Mitternacht in Kraft. Sie befassen sich sehr regelmäßig mit diesen Gesetzesänderungen, Sir.«

»Ich habe von dir viel über die Bedeutung von Verwaltungsdisziplin gelernt, HaEm.«

»Vielen Dank, Sir.«

»Und verzeih mir, dass ich dich für eine solche Kleinigkeit herzitiert habe.«

Selbst bei einem Droiden konnten einen Bescheidenheit und Dankbarkeit weit bringen. HM-3 sammelte sein Quellmaterial wieder ein und machte sich auf den Weg zur Tür. »Es war mir ein Vergnügen, Sir.«

Jacen wartete, bis sich die Türen geschlossen hatten, und stieß dann die Luft aus. Er bemühte sich, nicht an Tenel Ka und Allana zu denken, weil das ein Luxus war, den er sich in diesem Moment nicht leisten konnte, doch er vermisste sie so sehr - besonders Allana -, dass es ihm manchmal beim Atmen wehtat, wenn er an sie dachte. Lumiya war andernorts beschäftigt und die Chance, dass sie ihn dabei ertappte, wie er in der Macht die Fühler nach seiner Familie ausstreckte, gering. Doch er ging keine Risiken ein, nicht jetzt, da so viele Dinge für ihn zum Greifen nah waren.

Jetzt habe ich dich. Cal Omas. Ich habe dich, du Narr.

Um Mitternacht würde er die gesetzliche Befugnis haben, Staatschef Cal Omas für Taten festzunehmen, die aller Voraussicht nach eine Gefahr für die Sicherheit der Galaktischen Allianz darstellten. Er würde die Oberbefehlshaberin benachrichtigen, die in Omas' Abwesenheit - bis morgen früh um neun Uhr - als amtierende Staatschefin fungierte und seinen Platz einnehmen würde, wenn er seine Pflichten aus irgendeinem Grund nicht erfüllen konnte.

Wie zum Beispiel, wenn er verhaftet wurde, weil er uns an die Corellianer verschachern wollte und vorhatte, mich und Niathal ermorden zu lassen. Vor allem dieser Teil wird ihr gefallen.

Es war zu spät, um noch einen Rückzieher zu machen. Es musste so kommen. Niathal wusste, dass es bevorstand, und die Verheißung von Macht hatte ihm ihr Schweigen gesichert. Sie musste die Beweise Senator G'vli G'Sil vorlegen, dem Vorsitzenden des Sicherheitsrats, um »ihre Weste rein zu halten«, wie sie es auszudrücken pflegte. Sobald diese Kleinigkeit erledigt war, konnte sie sich mit einem reinen militärischen Gewissen an dem Putsch beteiligen.

Anschließend würde die nächste Phase darin bestehen, sie als Staatschefin zu etablieren, während er hinter den Kulissen heimlich, still und leise seine eigene Machtbasis festigte, da er nicht vorhatte, ein Teil dieses Gebildes zu werden, das lächerlicherweise als Demokratie bezeichnet wurde.

Das war Chaos, schlicht und ergreifend. Demokratie war ein prunkvolles Wort, um den Verzicht von Verantwortung durch jene zu rechtfertigen, die ihr eigentlich gerecht werden sollten, indem sie die Mühe auf sich nahmen, für den Großteil der Bevölkerung eine bessere Galaxis zu erschaffen. Es war bloß ein anderes Wort dafür, jemand anderem für das eigene Versagen die Schuld in die Schuhe zu schieben.

Demokratie, Freiheit, Frieden ... Das war alles Augenwischerei, wie Worte, mit denen man Veermoks darauf trainierte, bei Fuß zu kommen oder anzugreifen. Es waren Laute ohne wahre Bedeutung, nichts Definierbares, bloß Gemeinplätze, von denen alle konditio-niert worden waren zu glauben, dass es erstrebenswerte, handfeste Dinge wären. Frieden ... Nun, den konnte Jacen definieren. Aber Demokratie? Freiheit? Wessen Freiheit und um was zu tun? Freiheit war ein ziemlich nebulöser Begriff, wenn alles, was die meisten Lebewesen wollten, nichts weiter als das Fehlen von Chaos, ein voller Magen und etwas Hoffnung darauf war, dass ihre Nachkommen ein angenehmeres Leben führen konnten als sie selbst.

Jacen rieb sich die Augen, spürte den Schlafmangel der vergangenen Woche, zwang sich jedoch, nicht einzudösen, nicht einmal für ein paar Minuten. Shevu hatte sich noch nicht gemeldet. Die Hälfte des Auftrags war erledigt, aber Jacen wusste bislang noch nicht, was mit Gejjen passiert war. Was auch immer geschehen war, entweder hatte Ben ihn inzwischen erschossen, oder er hatte ihn verfehlt. Jacen schaltete HNE ein, erwartete eine Eilmeldung über das Attentat, aber sie zeigten noch immer irgendwelchen Unsinn über einen Holovideo-Star mit einem beschämenden Privatleben. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als die Wartezeit mit produktiver Arbeit zu füllen.

Er aktivierte die Kommverbindung zu Niathal. »Ich schicke Ihnen gleich etwas über Ihren sicheren Datenkanal. Um eine Minute vor Mitternacht werde ich entsprechend reagieren. Wählen Sie den Zeitpunkt Ihres Besuchs bei G'Sil mit Bedacht.«

»Ich denke, das bekomme ich hin, Jacen.«

»Warten Sie, bis Sie gesehen haben, was ich Ihnen schicke«, sagte er. »Es ist etwas vollkommen anderes, ihnen dabei zuzusehen, wie sie unsere Zukunft bestimmen.«

»Sagen Sie mir Bescheid, fünf Minuten, bevor Sie ... Omas Ihren Besuch abstatten.«

Jacen lehnte sich in seinem Sessel zurück und wartete auf Shevus Anruf.

Und er konnte nach wie vor spüren, dass Ben am Leben war, wenn auch nicht in bester Verfassung.

CHARBI-RAUMHAFEN, VULPTER

Es war eine Abriegelung.

Wie alle anderen in der Menge erstarrte auch Ben, als der KSV-Sicherheitsbeamte seinen Blaster auf das Gedränge richtete.

»Niemand geht irgendwo hin«, sagte er. »Dieser Raumhafen wurde von den Behörden von Vulpter gesperrt, und Sie alle werden nach ballistischen Rückständen gescannt.«

»Warum?«, rief eine Männerstimme aus der Menge.

»Es wurde geschossen«, sagte der Beamte. »Mit einer Projektil-waffe. Es gab einen Mord. Ich will, dass Sie alle hier warten, ruhig und friedlich, und dann werden wir Sie alle überprüfen. Anschließend steht es Ihnen frei zu gehen.«

»Das wird Stunden dauern!«, beschwerte sich jemand.

»Dann dauert es eben Stunden«, sagte der Beamte und überprüfte den Ladestatus seines Blasters, damit sie das Surren der Waffe hören und das Aufleuchten des Statusbalkens sehen konnten, das besagte, dass er bereit war zu schießen. »Ich weiß eure Kooperation wirklich zu schätzen. Leute.«

Gemurmel, Keuchen, Schnalzlaute und verschiedene andere Ausdrücke von Entsetzen und Ungeduld spülten über die versammelte Menge hinweg. Bens Eingeweide fühlten sich an wie verknotet. Er wagte es zunächst nicht, hinter sich zu schauen, wo Shevu und Lekauf waren. Er konnte ihre Gegenwart spüren und hatte einen guten Eindruck von ihren Positionen, aber das genügte ihm nicht. Er musste sie sehen.

Schließlich drehte er sich doch vorsichtig um und fand Lekaufs Blick. Ben schlenderte zu ihm hinüber und wurde langsamer, als er an ihm vorbeiging, sodass nicht offensichtlich war. dass sie zusammengehörten. Er musste sich auch von Shevu fernhalten. Es gab keinen Grund, warum sie alle verhaftet werden sollten.

Ben aktivierte sein Ohrstück und sprach, wobei er kaum die Lippen bewegte. »Ich werde eine Schwachstelle suchen und versuchen, nach draußen zu gelangen.« Er hatte das Gefühl, dass jeder das zusammengeklappte Gewehr unter seiner Jacke sehen konnte, auch wenn alle wesentlich mehr daran interessiert zu sein schienen, was hinter den Transparistahltüren zum Landebereich vorging. Rote und blaue Lichter wurden von den Wänden zurückgeworfen, als Sicherheitsfahrzeuge auf das Feld rasten. »Ich kann überall drüberspringen, jede Tür öffnen, vergesst das nicht. Ich schaffe es schon allein zurück nach Hause.«

»Wenn du das tust«, hörte er Lekaufs Stimme in seinem Ohr, »wissen sie, dass es ein Jedi war.«

»Kein Macht-Unfug«, mahnte Shevu. »Entspann dich. Wir finden eine Lösung. Der Notfallplan, Gentlemen.«

»Ich bin mit Spuren übersät, Sir.«

»Jori«, sagte Shevu. Normalerweise benutzte er nie Lekaufs Vornamen. »Jori, ich werde ...«

»Ich glaube nicht, dass das eine so gute Idee ist, Sir.« Lekauf bewegte sich auf Ben zu. Er schaute grimmig drein. »Und Sie sind ohnehin zu weit von Ben entfernt, um irgendetwas unternehmen zu können.«

In dem Gedränge der Passagiere und Piloten konnte er sich Ben nähern, ohne dass es weiter auffiel. Er griff unter Bens Mantel und packte das Gewehr, doch Ben presste seinen Arm fest gegen seine Seite, um ihn daran zu hindern, es an sich zu nehmen.

»Was machen Sie da?«

»Der Notfallplan. Lass los. Ben.«

»Wollen Sie es wegwerfen?«

»Ja. Ja. ich werde es irgendwie loswerden.«

»Was ist mit den Schmauchspuren? Die kann man nicht loswerden.«

»Warum verkündest du das nicht gleich jedem ...« Mit einem Mal war Lekaufs leicht alberne gute Laune verschwunden. Er stand Brust an Brust mit Ben, und nach einem zweisekündigen, beinahe bewegungslosen Gerangel, das niemand sonst sehen konnte, schob er Bens Ellbogen beiseite und die zusammengeklappte Karpaki unter seine eigene Jacke. »Jetzt bleib beim Boss. Versprich mir, dass du das tun wirst.«

»Sie sind verrückt. Jori.«

»Ja, genau wie Opa.«

Ben fühlte sich vollkommen nutzlos. Lekauf musste sich opfern. damit er aus diesem Schlamassel rauskam. Er hätte in der Lage sein müssen, dies selbst zu bewerkstelligen. Toller Jedi. Toller Super-soldat. Er fragte sich, wie er damit leben sollte. Lind auch, warum er sich darüber in diesem Augenblick mehr Sorgen machte als darum, ein Leben ausgelöscht zu haben, selbst wenn es ein so verkommenes wie das von Gejjen gewesen war.

Lekauf ging im hinteren Bereich der Schalterhalle zu den zentralen Türen, die hinaus in den Landebereich führten. Ben wollte ihm folgen, aber Shevu versperrte ihm wie zufällig den Weg, als wäre er einem Fremden gegenüber unachtsam und unhöflich.

»Was auch immer passiert«, sagte er, beinahe unhörbar und fast ohne die Lippen zu bewegen, »du bleibst bei mir und folgst mir - solange ich nicht geschnappt werde. Sollte das passieren, kehrst du auf jedem Weg zur Basis zurück, der dir möglich ist.«

In Einsatzbesprechungen hatten sie einige Szenarios durchexerziert, einschließlich der Möglichkeit, voneinander getrennt oder festgenommen zu werden, doch jetzt fühlte sich dies alles vollkommen anders an.

Lekauf war bei den Haupttüren und tat so, als würde er nach der Reisefähre schauen. Dann packte er ohne Vorwarnung eine Frau am Hals, zog den Blaster und hielt ihr die Mündung an die Schläfe.

»Macht die Türen auf!«, brüllte er. »Macht sie auf, oder ich puste ihr den Kopf weg!«

Die Hölle brach aus. Die Leute liefen auseinander und schufen einen freien Bereich um Lekauf. Soldaten und der KSV-Si- cherheitsmann kämpften gegen die Flut der Körper an, in dem Versuch durchzukommen, die Blaster in die Höhe gerichtet. Lekauf gelang es auf eindrucksvolle Weise, rotgesichtig und gefährlich zu wirken.

Wie will er das durchziehen? Wir sind umzingelt, eingeschlossen...

Das hatten sie in den Einsatzbesprechungen nicht durchgenommen. Lekauf improvisierte, das musste es sein. Ben löste sich von Shevu und drängte sich durch die Menge.

»Ich sagte, macht die verfluchten Türen auf, oder ihr könnt die Lady vom Fußboden abkratzen!« Lekauf aktivierte den Blaster, und die Geisel begann zu kreischen; zuerst war es ein dünnes, kleines Jammern, das sich jedoch zu einer ausgewachsenen Abfolge von Schreien und Jaulen steigerte. »Lasst mich an Bord meines Schiffs und von hier verschwinden, dann bleibt sie am Leben. Legt euch nicht mit mir an. Legt euch verdammt noch mal nicht mit mir an!«

»Lassen Sie die Lady einfach los!«, blaffte der Sicherheitsbeamte und drängte sich durch die Menge. »Legen Sie einfach den Blaster hin. Lassen Sie sie gehen!«

»Damit ihr mein Hirn in der ganzen Schalterhalle verteilen könnt? Klar. Bin ich blöd, oder was?«

»Junge, du handelst dir gerade eine Menge Ärger ein. Wir können über alles reden ...«

»Ja, als würden Sie mit mir ein nettes Schwätzchen über Gejjen halten wollen. Ich habe den Mistkerl umgelegt, und ich bin stolz darauf. Er hat vor der GA den Schwanz eingezogen, sich die eigenen Taschen vollgestopft. Ich bin ein Patriot. Habt ihr das gehört? Ich liebe Corellia. Die sollten mir dafür einen Orden verleihen!«

Der KSV-Mann winkte den Wachen am Ausgang, und die Türen teilten sich. Ben sah voller Entsetzen zu, außerstande sich zu rühren. Lekauf wich rückwärts durch die Türen zurück und zog die verängstigte Geisel mit sich, während er sich mühsam seinen Weg zur Reisefähre bahnte. Es schien ewig zu dauern. Es war ein langer, langer Weg, um ihn mit einer sich wehrenden Frau zurückzulegen, rückwärtsgehend, gefolgt von einem langsam vorrückenden Knäuel aus Soldaten und Wachen, die auf den nächstbesten Moment warteten, der ihnen ein freies Schussfeld auf ihn verschaffen würde.

Ben wollte ihm nachlaufen und ihm helfen, hatte jedoch keine Ahnung, was er tun sollte.

Lekauf aktivierte die Rampe der Reisefähre und ging sie rückwärts hinauf. Die Frau hatte aufgehört zu schreien und schluchzte nur noch.

»Okay, raus jetzt.« Shevu befand sich direkt hinter Ben, den Mund gleich neben seinem Ohr, und er packte ihn am Kragen, um zu zeigen, dass er es ernst meinte. »Langsam und ruhig. Vergeude diese Chance nicht. Er hat uns Zeit verschafft.«

Ben wollte brüllen: Aber was ist mit ihm? Doch er tat es nicht. Er hatte bereits zu viel von seiner Ausbildung außer Acht gelassen, und das war nicht die Art und Weise, wie Soldaten so etwas handhabten. Seine Beine unter ihm zitterten. Lekauf erreichte das Ende der Rampe und stieß die Frau von sich. Die Luke krachte vor ihm zu, um die Geisel weinend und schreiend auf dem Permabeton zurückzulassen. Wachen hetzten vor, um sie zu packen. Schützen rückten an. um rings um das Schiff in Position zu gehen.

Alle anderen im Schaltergebäude waren vergessen.

»Ben, das ist unsere Chance, komm schon ...« Shevu riss an seinem Kragen und zog ihn gewaltsam auf die Südtür der Schalterhalle zu. Ein kleiner Teil von Ben rechnete sich aus, wo sie Soldaten platzieren und welche Taktik sie wohl einsetzen würden, um Lekauf am Start 7Ai hindern. Wenn sich Lekauf beeilte, konnte er die Umlaufbahn verlassen und auf Lichtgeschwindigkeit springen, ehe Vulpter das, was sie hier als Flotte bezeichnen mochten, in die Luft bekam.

Doch die Reisefähre stand auf dem Permabeton, reglos - keine vor Hitze wabernden Abgase drangen aus den Schubdüsen. Er konnte es durch die Transparistahlwände sehen, während er auf den Ausgang zuging, und er war außerstande, Erleichterung zu empfinden.

Langsam dämmerte Ben, dass Lekauf nirgendwo hinfliegen würde.

Vielleicht ließ sich das Ding nicht starten.

O nein, nein, nein...

Das Triebwerk hatte ihn nicht im Stich gelassen. Ben konnte Lekauf spüren - verängstigt, sonderbar siegestrunken und ungeachtet seiner Furcht erfüllt von einem seltsamen Gefühl des Friedens. Das war die sonderbarste Kombination von Emotionen, die Ben jemals in der Macht wahrgenommen hatte.

»Was hat er vor, Sir? Wie verschwindet er von hier?«

Shevu schluckte angestrengt. Ben sah, wie sein Kehlkopf auf-und abhüpfte. »Es muss getan werden.«

»Was muss getan werden?«

»Beweg dich. Jetzt.« Shevu packte seinen Arm so fest, dass es wehtat, und zerrte ihn über den Permabeton zu der anderen Fähre. Die Reisefähre war inzwischen von bewaffneten Wachen und Soldaten umstellt. Reihen von Sicherheitsdroiden bildeten eine äußere Absperrung und wankten Fahrzeuge davon, die zu nahe beim Geschehen parken wollten. »Vermassel diese Mission nicht. Der Auftrag ist ausgeführt.«

»Aber man wird Jori festnehmen. Er kann ja nicht ewig da drin sitzen. Wir können ihn nicht einfach hier zurücklassen. Was passiert, wenn sie ihn verhören. Dann werden sie herausfinden. dass...«

»Ben, halt die Klappe. Das ist ein Befehl. Es gibt nichts, das wir tun können.«

Ben konnte nicht glauben, was Shevu da sagte. Er hätte sich losreißen und hinlaufen können, um Lekauf zu helfen und ... Und was? Er konnte seine Machtkräfte in der Öffentlichkeit nicht einsetzen. Er konnte es nicht mit einer kleinen Armee von Sicherheitswachen und Soldaten aufnehmen. Er konnte es nicht riskieren, enttarnt und verhaftet zu werden.

Trotzdem wollte er Lekauf immer noch zu Hilfe eilen. Kein Kamerad wurde zurückgelassen, das war die Regel, sowohl für Soldaten als auch für Jedi und überhaupt für jede verschworene Gemeinschaft, in der man Seite an Seite Gefahren trotzte.

»Wir können ihn nicht hierlassen«, schluchzte Ben. Er war drauf und dran, es sich anders zu überlegen. Sollten doch die GA und der Jedi-Rat zum Teufel gehen, wenn er verhaftet wurde und man herausfand, dass Luke Skywalkers Sohn politische Attentate ausführte. »Wir können ihn nicht einfach im Stich lassen.«

Doch als er dann auf die ramponierte Reisefähre zueilen wollte, zerriss eine gewaltige Explosion das Schiff in tausend umherschwirrende Bruchstücke, und eine Säule aus Flammen und waberndem Rauch stieg hoch in die Luft. Die Druckwelle riss Ben beinahe von den Füßen. Die Wachen liefen auseinander - zumindest die, die das noch konnten. Einige wurden meterweit durch die Gegend geschleudert. Alles schien in Zeitlupe und in völligem Schweigen abzulaufen, und dann waren die Geräusche plötzlich wieder da, und die Zeit kehrte wieder zur normalen Geschwindigkeit zurück.

Der Captain hielt Bens Arm immer noch wie in einem Schraubstock gepackt. Bens Lippen bewegten sich, doch er konnte sich selbst nicht hören.

»Doch«, sagte Shevu leise und schleifte Ben mit sich, der seinen Hals reckte, um zurück auf das Wrack und die Flammen zu starren, betäubt, verwirrt und schockiert. »Jetzt können wir es.«