Elf

 

Ich bin im höchsten Maße beunruhigt, dass die KUS in der Lage war, unsere Flottencodes zu entschlüsseln, Direktor Isard. Es reicht nicht, sie nur einmal im Monat zu ändern. Das muss häufiger geschehen.

Kanzler Palpatine, nachdem er – in seiner anderen Gestalt als Darth Sidious – die Codes an General Grievous, den Oberbefehlshaber der Separatisten, weitergeben hat

 

 

REPUBLIKANISCHES ANGRIFFSSCHIFF LEVELER, AUF ANGRIFFSKURS

 

»Ich hoffe, dass Skywalker dem gewachsen ist, Sir«, sagte Derel.

»Nun, falls nicht«, erwiderte Pellaeon, »werden wir sehr bald ein neue faszinierende Kühlerfigur haben.«

Wenn doch nur die Erschütterungsraketen einsatzbereit gewesen wären. Das waren intelligente Geschütze, die ein Ziel erkennen und selbständig verfolgen konnten. Sie konnten um Hindernisse herumfliegen und im Angriffsmodus nach unten stürzen – wenn unten im Weltraum überhaupt eine Bedeutung hatte. Aber im Moment verfügte die Leveler nur über die Möglichkeit der Zielerfassung mit dem Auge und musste dabei aufpassen, den Truppentransporter nicht zu erwischen, der jetzt als kleine Verdunkelung vor dem KUS-Zerstörer zu erkennen war.

Die Bewaffnung von Angriffsschiffen war darauf ausgerichtet, Ziele am Boden zu treffen und nicht andere Schiffe unter Beschuss zu nehmen. Das war der Bereich, in dem man die moderneren Erschütterungsraketen einsetzte, die relativ einfach nachzurüsten waren, vorausgesetzt, die verkrifften Dinger funktionierten. Pellaeon mochte gar nicht darüber nachdenken. Dieses Gefecht wäre schon längst vorbei gewesen, wenn diese elenden Dinger funktioniert hätten.

»Hier Leveler«, sagte Derel in sein Komlink, »nicht nach Backbord, Ihr Backbord, abschwenken. Kurs halten.« Er drückte sich das Mikrofon des Headsets dichter an die Lippen. »Kanonen drei und fünf – Feuer!«

Zwei unregelmäßige Streifen blendend weißen Lichts schossen in den Weltraum hinaus. Pellaeon konnte ihren Flug durch das Sichtfenster der Brücke verfolgen. Es dauerte nur Sekunden und das Laserfeuer raste an der Backbordseite des CR-20 vorbei und traf den Zerstörer. Man sah Trümmerteile in alle Richtungen fliegen. Das Sep-Schiff geriet kurz ins Schleudern, behielt aber seinen Kurs bei. Doch durch den Treffer schien es langsamer geworden zu sein, weil der CR-20 plötzlich einen Satz nach vorn machte und direkt auf den Bug der Leveler zuschoss.

Und die Leveler befand sich noch zusätzlich auf Kollisionskurs mit den Separatisten.

»Sie haben das schon mal gemacht, Sir, nicht wahr?«, fragte Derel. Die Frage war wirklich ernst gemeint.

»Ja«, murmelte Pellaeon. Er musste sich daran erinnern, das Atmen nicht zu vergessen; denn er merkte, dass er die Luft angehalten hatte, und sich plötzlich fragte, warum er ab und zu japste. Er konzentrierte seinen Blick auf die dritte Zahlenreihe des Chronos am Schott, wo die Zehntelsekunden durchrasten. Er wunderte sich kurz darüber, wie langsam und deutlich erkennbar sie plötzlich waren. »Zwar nicht mit einem Schiff dieser Größe, aber, ja, dieses Spielchen habe ich schon mal gemacht.«

Es war lange her oder zumindest fühlte es sich so an. Und damals war es auch nicht darum gegangen, das Schiff, das sich in der Schusslinie befunden hatte, heil zu bergen, aber trotzdem – es blieb das gleiche Manöver.

»Eine Minute bis zum Aufprall«, sagte Baradis.

»Wollen wir das nicht etwas anders formulieren, Commander?«

»Kanonen, bereithalten.«

Pellaeon merkte, dass sich ihm jemand von der Seite näherte. Aus dem Augenwinkel sah er Ash Jarvee. Es gab nichts, was die Jedi im Augenblick für ihn hätte tun können. Hier ging es um den Umgang mit einem Schiff, um die Tüchtigkeit des Piloten, um das Wissen und die Fähigkeiten von Schiff und Mannschaft und ums richtige Timing.

Es ging darum zu wissen, wann man blinzeln durfte.

»Werden die nicht merken, dass der Truppentransporter einfach ausweichen muss?«, fragte Ash.

»Natürlich werden sie das«, antwortete Pellaeon. Vierzig Sekunden. »Aber sie wissen nicht, ob er das auch kann. Sie wissen nicht, ob wir nach Steuerbord oder nach Backbord ausweichen oder auf einer senkrechten Achse. Oder ob wir das Ganze nicht vielleicht falsch kalkulieren und zusammenstoßen. Was Ihr jedoch im Auge behalten müsst, ist das zweite Schiff.«

Ich setze eine Menge Leben aufs Spiel. Auch das Leben von Zivilisten. Werftmitarbeitern. Jedi.

Je mehr sich die Seps auf den drohenden Zusammenstoß konzentrierten, desto weniger beachteten sie den CR-20. Vom zweiten Zerstörer ging die Gefahr aus – der, der sich nur ein paar Sekunden hinter dem Schwesterschiff befand und höchstwahrscheinlich in Feuerbereitschaft war.

»Zweites Ziel erfasst, Sir«, sagte Derel. »Kanonen zwei und vier – Feuer!«

Laser schossen im Winkel von dreißig Grad nach Steuerbord und fünf Sekunden später blitzte am rechten Rand des Sichtfensters der Brücke eine schwache Flamme auf. Das zweite Sep-Schiff war einen Moment lang nicht zu sehen, aber Derels Schirm zeigte es immer noch an. Pellaeon konnte es sehen. Er konnte auch das diffuse Hintergrundrauschen über das Kom-System hören – der Austausch der Sensorkräfte, die festzustellen versuchten, welche Schäden die Turbolaser verursacht hatten.

»Das Schiff ist noch nicht erledigt«, meldete Derel, »hat aber genug Probleme, um jetzt deutlich langsamer zu sein, Sir.«

»Das könnte reichen.« Pellaeon ließ den CR-20, der immer größer wurde, nicht mehr aus den Augen. Fünfhundert Meter waren lächerlich wenig. Ein Beinahezusammenstoß. Oder auch nicht, wenn alle Pech hatten. »Skywalker, noch zwanzig Sekunden.«

»Ich kann Sie sehen, Leveler.«

»Wie überaus beruhigend…«

»Los geht’s!«

Rumahn wählte die einzig vernünftige Sicherheitsmaßnahme, die noch verblieben war. Er entschied sich für die korrekte Vorgehensweise nach Vorschrift. Es war nervenaufreibend.

»Achtung, Achtung, Achtung! Schiff auf Kollisionskurs. Sicherheitsposition einnehmen.«

Ob er sich wegen seines Rückens oder seiner Beine bei einem Aufprall Sorgen machen musste, wenn der verkriffte Transporter nicht rechtzeitig abtauchte, war das Allerletzte, worüber er sich Gedanken machte. Das Schiff schien das gesamte Deck der Leveler entlangzustreifen und dann war es fort.

An seine Stelle war nun der erste Sep-Zerstörer getreten. Die beiden Schiffe kamen direkt auf die Leveler zu, wobei der zweite Zerstörer etwas zurückgefallen war.

»Okay, Freundchen«, sagte Pellaeon. »Geh mir aus der Bahn!«

Vielleicht sah der Kommandant des Zerstörers von seiner Brücke aus zur Leveler und sagte das Gleiche.

Eines war sicher: Pellaeon würde das Schiff erst hochziehen, wenn der Aufprall kurz bevorstand. Und das war…

In weniger als einer Minute.

Derel klopfte auf seinen Sensorschirm, als wolle er die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. »Wenn Sep Zwo aus dieser Position feuert, dann bringt er den Witzbold hier in Gefahr.«

»CR-zwanzig hat alle abgehängt«, meldete Baradis. Sein Gesicht war so nah am Bildschirm dran, dass man darauf das Sensorlicht erkennen konnte. Ein blinkender roter Punkt wanderte über sein Kinn. »Kommt näher… längsseits…«

»Halten Sie Kurs, bis er angedockt hat.« Wenn die Leveler jetzt abschwenkte, würde Skywalker den Hangar verfehlen, wenn er Glück hatte. Wenn er Pech hatte, würde sein Schiff zerschellen. »Halten…«

Der Sep-Zerstörer sah nicht so aus, als würde er als Erster blinzeln. Er lauerte drohend vor dem Sichtfenster.

»Kanonen bereit?«

»Bereit, Sir.«

Bis zum Erreichen des Sicherheitsabstands waren es auch nur noch Sekunden. Es hatte keinen Sinn, das andere Schiff direkt vor der Nase der Leveler in die Luft zu jagen und dann von dessen Trümmerteilen getroffen zu werden.

»Ist Skywalker an Bord?«

»Nein, Sir…«

Es war eine Entscheidung innerhalb des Bruchteils einer Sekunde. Weiter auf Kollisionskurs bleiben, von einem explodierenden Schiff erfasst werden, den Truppentransporter verlieren. Pellaeon, der sich wie ein Jedi auf seinen Instinkt verließ, hatte sie zu fällen.

»Feuer.«

Derel schaffte es kaum, den Befehl zu wiederholen. Strahlend blaue Streifen füllten den Sichtbereich, als die Turbolaser auf den Sep-Zerstörer zuschossen. Die ersten Ladungen trafen die Außenhülle des Zerstörers genau unterhalb des Bugs, aber danach konnte Pellaeon kaum noch etwas erkennen. Das blendend helle Licht, aufflackernde Flammen und rotglühende Trümmerteile nahmen ihm die Möglichkeit zu sehen, was genau passiert war. Er wusste nur, dass sie das Schiff schwer getroffen hatten und dass es jetzt begann auseinanderzubrechen. Der heftige Ruck, der durch die Leveler ging und sich so anfühlte, als würde ihm der Kopf mit einem Schlag den Rücken hinuntergedrückt werden, ließ Pellaeon den Arm nach dem Schalter zum Auslösen des Alarms ausstrecken. Er schlug mit der flachen Hand darauf. Das Licht flackerte. Das Sep-Schiff schleuderte wild umher, als würde es versuchen, eine 180°-Wende zu fliegen. Dabei stieß es Feuer und Plasma aus und war eindeutig außer Kontrolle geraten.

Aber auch das Sep-Schiff hatte es vorher noch geschafft, einpaar Schüsse abzugeben. Entweder das oder der andere Sep-Zerstörer hatte gefeuert. Im Nachhinein war es schwer zu sagen, wovon sie eigentlich getroffen worden waren. Von der Brücke aus war nur der getroffene Sep-Zerstörer zu sehen. Deshalb beugte sich Pellaeon über Derel und schaute auf dessen Schirm.

Plötzlich schien sich alles nur noch in Zeitlupe zu bewegen.

»Wir haben die Steuerung verloren… Backbordschubdüsen außer Betrieb«, sagte Baradis.

»Schadensbericht«, brüllte Rumahn, um trotz des Lärms gehört zu werden. »Hüllenbruch in Maschinenraum sechs, Backbordschubdüsen beschädigt, eine Reihe Hyperantriebsgeneratoren außer Betrieb.«

Pellaeon starrte auf den Bildschirm. Die Sep-Zerstörer schienen sich Zeit zu lassen. »Die beeilen sich nicht gerade«, meinte er. »Darum ging es also die ganze Zeit. Die wollten uns manövrierunfähig machen. Die wollen uns immer noch in einem Stück.«

Waren die Seps wirklich bereit gewesen, ein Kriegsschiff zu opfern, um die Leveler abzulenken, während ein anderes sie kampfunfähig machte?

Und ich stand gerade kurz davor, mein Schiff zu opfern, um eine Frau zu retten. So wird es in die Geschichtsbücher eingehen… Lassen wir die persönlichen Gefühle mal beiseite.

Vielleicht gingen die Sep-Schiffe das Ganze auch langsam an, weil sie dachten, dass die Leveler eher die Selbstzerstörungssequenz auslösen würde, als sich gefangen nehmen zu lassen. Sie schienen eindeutig der Meinung zu sein, dass die Erschütterungsraketen etwas Besonderes waren; denn das war das Einzige, worin sich die Leveler von anderen Kriegsschiffen der Republik unterschied.

»Hat der CR-zwanzig jetzt angedockt, Nummer Eins?«

»Hat er, Sir.«

»Können wir in den Hyperraum springen, Commander?«

»Wir schwimmen zwar nicht wie ein Stück Treibholz durchs All«, antwortete Baradis, »aber wir werden zehn bis fünfzehn Minuten brauchen, um genug Energie für einen erneuten Sprung zu bündeln. Wir müssen ein paar Relais zusammenschalten.«

Pellaeon handelte jetzt nur noch reflexartig. Das hatte ihm in der Vergangenheit immer gute Dienste geleistet. Es gab einen feinen Unterschied zwischen Spekulation und so eingefleischtem Training, dass man buchstäblich nicht mehr über seine Handlungsweise nachzudenken brauchte. Aber ohne computergesteuerte Zielerfassung, ohne einen einwandfrei arbeitenden Navi-Computer und jetzt auch noch bei Problemen mit dem Hyperantrieb gingen ihm langsam die Ideen aus.

»Haben Sie genug Energie, um die Schutzschilde zu aktivieren?« Schutzschilde waren ausgesprochene Energiefresser. Es war ein ständiges Abwägen zwischen Waffen und Schilden. »Wir müssen uns etwas Zeit verschaffen.«

»Ich werde eine Möglichkeit finden, Sir…«

»Sehr schön. Tun Sie das.«

Die Leveler war noch nicht am Ende. Da war sich Pellaeon sicher.

Aber gedanklich war er immer schon einen Schritt weiter – was er tun würde, wenn der nächste Plan nicht funktionierte. Er kannte seine Anweisungen.

Er fragte sich, ob die Geheimhaltung der Raketen, die wahrscheinlich eh noch vor Ablauf eines Jahres an den Höchstbietenden verschachert wurden, ein paar tausend Leben wert war. Er sah zu den Jedi hin, die alle schwiegen. Ash Jarvee sah aus, als würde sie auf Anweisungen warten.

»Könnt Ihr Wunder vollbringen?«, fragte er schließlich.

 

 

HANGARDECK, LEVELER

 

Der CR-20 rutschte hüpfend übers Deck wie ein Stein, den man flach übers Wasser geworfen hatte. Das metallische Kreischen ging Callista durch und durch.

Sie hatte Skywalker für einen besseren Piloten gehalten. Da sie zu sehr damit beschäftigt war, Ince ruhig zu halten, schaute sie nicht auf, aber sie hörte Skywalker fluchen und Warnblinklichter erhellten die Schotts, während der Truppentransporter geräuschvoll zum Stillstand kam. Als sie merkte, dass der CR-20 seine endgültige Position eingenommen hatte, dauerte es noch etwas, ehe ihr klar wurde, dass nicht der Truppentransporter, sondern die Leveler bebte und die blinkenden Lichter Warnsignale auf dem Hangardeck waren. Rex und drei Klonsoldaten trugen Ince die Rampe hinunter, als auch schon Crew-Mitglieder in Feuerschutzanzügen hereingerast kamen.

»Wir sind getroffen worden«, sagte einer von ihnen. »Vielleicht wollen Sie ja gleich wieder weg und sehen, wie weit Sie aus eigener Kraft springen können. Bis nach Kemla könnten Sie es schaffen.«

Skywalker sprang von der Rampe herunter, als wäre es eine ganz normale Abkürzung. »Nein, der Mann ist zu schwer verletzt. Wir müssen ihn sofort auf die Lazarettstation bringen.«

»Ihre Entscheidung, Sir.«

»Wie schwer hat es das Schiff erwischt?«

»Manuelle Zielerfassung, keine Erschütterungsraketen und man ist gerade dabei zu versuchen, die Generatoren des Hyperantriebs wieder in Ordnung zu bringen. Wir sind ungefähr fünfzehn Minuten auf die Schutzschilde und manuelle Zielerfassung mit Turbolasern angewiesen.«

»Was ist mit den Erschütterungsraketen?«

»Sind offline. Wir haben ein Computerzielerfassungsproblem. Es sind im Grunde alles Computerprobleme.«

Altis kam die Leiter von der Brücke herunter und strich sich den Staub von den Händen. »Da können wir jetzt vielleicht behilflich sein… Callista?«

»Das kann ich machen«, meinte Callista. Das Schiff war ihr wie ein lebendiges Tier vorgenommen, als sie das erste Mal an Bord gekommen war, und jetzt zog es sie wieder in seinen Bann. »Lassen Sie es mich versuchen. Zeigen Sie mir den Computer für die Zielerfassung.«

»Ihr müsst ihn berühren?«

»Ja.«

Das Crew-Mitglied verstummte, während er einen Finger an sein Ohr drückte, als würde er mit jemandem über ein Komlink sprechen. Callista konnte sein Gesicht unter der Feuerschutzhaube nicht sehen, und sie konnte ihn auch nicht hören. Während sie wartete, wurde Ince bereits auf einer Repulsor-Trage abtransportiert. Das Schiff bebte ein paarmal, als stünde es unter schwerem Beschuss.

»Der Captain sagt, dass Ihr loslegen sollt, und Lieutenant Derel wird sich mit Euch am Ende von Gang Achtundsiebzig-Alpha auf diesem Deck treffen.« Er zeigte auf Panzertüren am anderen Ende des Hangars. »Wollt Ihr dort entlang? Wir haben Speederwagen.«

»Ich bin schneller als die, danke.«

Sie sah sich nicht noch einmal um, sondern rannte einfach auf die Türen zu, um sie dann vor Wut fast mithilfe der Macht zu öffnen, als sie ihr nicht schnell genug aufgingen. Dann raste sie mit voller Geschwindigkeit den Gang entlang, wobei Crew-Mitglieder und zivile Mitarbeiter immer wieder zur Seite springen mussten. Plötzlich merkte sie, dass Ahsoka ihr dicht auf den Fersen war.

»Was machst du hier?«, keuchte Callista.

»Ihr braucht vielleicht Hilfe«, antwortete Ahsoka.

»Du kannst Maschinen nicht spüren. Ich schon.«

»Ich komme trotzdem mit.«

Zumindest hält sie mich nicht mehr für eine Durchgeknallte, die der Dunklen Seite verfallen ist. Das ist ja schon mal was. Es geht doch nichts über eine späte Erleuchtung nicht wahr?

Der Gang war viel länger, als sie gedacht hatte. Die Leveler gehörte zwar nicht zu den Kriegsschiffen größter Baureihe, war aber trotzdem groß genug, dass Callista nach Atem rang, als sie am Turbolift ankam, der von der Brücke zum Deck führte. Derel wartete bereits. Sie sah ihn gleich am anderen Ende des Ganges stehen, als sie um die letzte Ecke bog. Die Hände hatte er hinter seinem Rücken verschränkt, und er trat von einem Fuß auf den anderen. Er hatte den Kopf gesenkt, doch gelegentlich schaute er auf, und man konnte erkennen, dass dieser Klon mit Ince fast völlig identisch war, aber in der Macht einen komplett anderen Eindruck vermittelte.

Er wirkte ausgesprochen entspannt. Letztendlich konnte er auch nichts tun, damit sie schneller lief.

Mit Ahsoka dicht hinter sich stürzte sie in den Turbolift. Derel drückte auf den Knopf, und die Kabine stürzte wie ein Stein nach unten. »Das ist ein separates, in sich geschlossenes System«, erklärte er. »Die Raketen sind unabhängig vom Hauptwaffensystem, weil sie sich noch in der Testphase befinden. Müsst Ihr wissen, wie sie funktionieren?«

»Nun ja, schon…«

Die Decks rasten am Fenster des Turbolifts vorbei. »Was wollt Ihr im Einzelnen wissen?«

»Erklären Sie es mir in ganz einfachen Worten, als wäre es ein Tier. Ich muss mich in den Computer hineindenken. Um das zu tun, brauche ich keine technischen Daten.«

»Okay.« Derel blinzelte ein paarmal. »Die Erschütterungsraketen sind mit Computern ausgestattet, mit deren Hilfe das Ziel erfasst wird. Aber sie können das Schiff erst verlassen, wenn sie alle Informationen über die Beute haben, die sie jagen, damit sie nicht auf die falsche Beute losgehen. Wie ein befreundetes Schiff zum Beispiel. Der Computer der Rakete muss jeder Rakete mitteilen, wie die Beute aussieht, wo sie gepackt und wie fest zugebissen werden soll, um sie zu töten. Das Problem scheint darin zu bestehen, dass die Raketen es nicht hören können. Ergibt das einen Sinn?«

Perfekt. »Ja. Sie haben das sehr gut erklärt, Lieutenant.«

Die Türen des Turbolifts öffneten sich. Derel führte Callista und Ahsoka eine Leiter hinunter und benutzte einen Schlüssel, um ein Abteil zu öffnen. Sobald Callista ihre Hand ans Schott legte, spürte sie, wie das Schiff wie ein Tsaelke auf sie reagierte. Sie konnte fast seinen Herzschlag spüren. Jedes Kriegsschiff hatte seinen eigenen Klang und ein Vibrieren, das jedem, der darauf lebte, sagte, dass alles in Ordnung war oder eine Störung vorlag. Das wurde ihr erst in diesem Moment völlig klar. Es stellte sich heraus, dass der Raketencomputer eine unauffällige Kiste aus Durastahl war, die ungefähr die Größe eines Speederantriebs hatte. Nur an blauen und grünen Lichtern an der Seite und einer kleinen Betriebsanzeige im Metall war zu erkennen, dass er arbeitete.

»Woher bekommt er seine Informationen über die Ziele?«, fragte sie. Sie legte beide Hände flach oben darauf. Sie konnte den scharfen Verstand, das unersättliche Verlangen zu suchen spüren. »Welche Systeme kommunizieren mit ihm?«

»Er verfügt über eine Datenbank, in der die Profile bekannter Schiffe gespeichert sind, die auf Geheimdienstinformationen der Republik basieren. Die Daten werden durch Informationen ergänzt, die wir im Rahmen der Einsätze sammeln. Der Computer müsste die Sep-Schiffe als bestätigte Ziele erkennen.«

Callista nickte. »Ich bekomme das hin.« Sie konnte es spüren. Sie konnte spüren, wie der Zielerfassungscomputer immer wieder nach etwas suchte, immer wieder stolperte – über ein Tor, eine geschlossene Tür, über irgendetwas Einfaches, durch das er nicht hindurchkam. »Okay, wenn die Systeme miteinander kommunizieren, dann starten die Raketen?«

»Wenn der Startschlüssel geöffnet ist.«

»Öffnen Sie ihn.«

Was immer das heißen mochte, aber der Schlüssel wurde nicht hier unten umgedreht. Derel drückte das Mikrofon seines Headsets dicht an die Lippen und sagte etwas. Doch da war sie längst in die Tiefen der Kristalle und Schaltkreise der Maschine eingetaucht, sie spürte das Zupfen und Ziehen elektrischer Impulse und sah als Erstes eine wunderbar gleichmäßige, zarte Landschaft aus Linien, Lichtern und schimmerndem Metall. Da war Bewegung, Dinge, die in halsbrecherischer Geschwindigkeit passierten und doch zu Bewegungslosigkeit erstarrt waren. Dann spürte sie, wie sie von einem ganz leichten Beben erfasst wurde, das in ihrem Bauch anzufangen schien. Es erfüllte sie bis ins Mark, es kroch über ihre Haut. Irgendwie hatte sie jetzt eine ganze andere Gestalt. Wo sie sich bisher immer an einem festen Punkt gesehen hatte – eine Linie, die von Ohr zu Ohr verlief und von einer zweiten gekreuzt wurde, die vom Scheitel bis zur Mitte ihrer Zunge reichte –, befand sie sich jetzt irgendwo auf einer flachen Ebene. Nichts von dem, was sie über die physische Existenz gewusst hatte, ließ sich mehr anwenden.

Sie war die Maschine – sie war das gesamte Schiff. Sie konnte das Hindernis spüren, das den Computer davon abhielt, sein Ziel zu erreichen. Ihre Sinne hatten sich weit über das Maß erweitert, die einem Menschen aus Fleisch und Blut zur Verfügung standen: Sie verfügte jetzt auch über die Sensoren des Schiffes. Sie war das schlagende Herz der Generatoren. Sie schaute ohne Augen von einem Teil der unendlichen Ebene zu einem anderen, sie sah die Hindernisse und öffnete sie mit einem Atemhauch. Sie hatte das Gefühl, kühle, saubere Luft einzuatmen, nachdem sie vorher in einem stickigen Gefängnis geschmachtet hatte.

Der Sinneseindruck, irgendetwas entkommen zu sein, war wundervoll. Sie hatte das Gefühl zu fliegen. Dieses Gefühl war unbeschreiblich – so etwas hatte sie noch nie erlebt.

Die Welt innerhalb ihrer Augen – nicht vor ihnen, sondern in ihnen – bestand nun aus samtiger, unendlicher Schwärze. Sie flog mit unglaublicher, müheloser Geschwindigkeit und war von dem nagenden Hunger erfüllt zu jagen. Sie merkte, dass sie auf etwas zuraste, das genauso groß und lebendig wie sie selber war. Aber diese beiden konnten nicht in derselben Welt leben – dieser Tatsache war sie sich mehr als alles andere bewusst – und einer von ihnen musste sterben. Der schwarze Samt verwandelte sich sofort in sengendes weißes Licht. Sie dachte, dass dies das Ende wäre, aber sie machte die Reise immer wieder und verfügte mit jedem Mal über mehr Sicherheit.

Es war herrlich. Eine unvorstellbare Freiheit. Es war…

Sie wurde aus der ruhigen Idylle gerissen. Sie dachte, sie würde tief fallen. Die Welt um sie herum war plötzlich durcheinander, weich, unvollkommen, schmutzig, laut. Und sie war wieder aus… Fleisch und Blut. Ein Kopf, vier Gliedmaßen, der Schwerkraft unterworfen und träge.

Schon jetzt vermisste sie den Flug in dieser vollkommenen Unendlichkeit.

»Wow!« Die Stimme schien aus weiter Ferne zu kommen. »So etwas habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen! He, seid Ihr okay? Ihr habt es geschafft! Ihr habt es wirklich geschafft!«

Sie war sich jetzt fast sicher, Callista zu sein, und sie dachte an eine Seetangfarm. Vielleicht klang die Stimme deshalb so gedämpft: Sie befand sich unter Wasser. Nein, sie schaute in zwei Gesichter – das eines jungen Mannes und das mit Symbolen geschmückte Gesicht eines weiblichen Geschöpfes, das nicht der menschlichen Spezies angehörte.

»Das ist sehr… seltsam«, sagte eine weibliche Stimme. Es war nicht ihre. »Ich hatte schon gedacht, ich würde Euch nie wieder aus dieser Trance herausholen können. Ihr seht schrecklich aus.«

Ahsoka. Ja, das war Ahsoka und der Mann hieß Derel, und sie war Callista Masana.

»Wo ist Geith?«, fragte sie. Geith! Wie hatte sie sich nur wünschen können wegzufliegen, wenn Geith immer noch hier war? »Können wir jetzt von hier weg?«

»Keine Eile«, sagte Derel. Er klopfte ihr begeistert auf die Schultern. »Ihr habt sieben Schiffe der Seps abgeschossen. Die letzten beiden sind nicht groß genug, um uns angreifen zu können. Nicht einmal, wenn wir nur mit halber Kraft arbeiten. Gut gemacht, Ma’am.«

Aber sie war noch nicht wieder ganz bei sich. Sie konnte immer noch das Schiff in sich spüren, das eine völlig andere Gestalt und Größe hatte.

Etwas war anders. Sie hatte das Gefühl, als wären ihre Ohren voller Wasser, als wären ihre empfindlichen Sinne etwas eingelullt. Sie konnte nicht mit Sicherheit sagen, was es war, aber sie wusste, dass sie irgendwie anders war.

Ahsoka hielt sie an den Schultern fest. Ihre Augen waren ganz groß, und sie sah sie ängstlich an. »Alles in Ordnung mit Euch?«

»Ich bin nur ein bisschen benebelt.« Callista stand auf. Jetzt wusste sie, worin das Problem bestand. Sie konnte fast nichts in der Macht spüren. Sogar Ahsoka, die dicht neben ihr stand, hinterließ nur einen so gedämpften Eindruck, dass Callista sich stark konzentrieren musste, um sie überhaupt als Jedi wahrzunehmen. Sie fühlte sich, als wäre sie durch eine Explosion taub geworden. »Bin ich von irgendetwas getroffen worden?«

Ahsoka griff nach ihrem Arm. »Nein, Ihr seid nur völlig ausgelaugt. Ihr wart eben richtiggehend mit dem Zielerfassungscomputer verschmolzen. Ich konnte es sehen. Ich kenne keinen einzigen Jedi, der das mit einer Maschine machen kann. Keinen einzigen.«

So wie sie es sagte, klang es so, als wäre es so etwas wie schwarze Magie, die ihr Furcht einjagte. Im Moment hatte Callista keine Erinnerung an die Verschmelzung. Da war nur eine wundervolle Klarheit, eine Antwort auf alles, was sie wissen wollte, die detailliertesten Bilder von Sternen und Schiffen bis hin zu jedem einzelnen Rostfleck, winzigen Meteoriteneinschlägen und abblätternder Lackierung. Diese intensive Klarheit war jetzt fort und hinterließ eine unangenehme Verwirrung. Vielleicht war da nicht mehr. Sie hatte den Blickwinkel einer Maschine verlassen und war nun wieder ein fehlbarer Mensch. Und allein dieser Unterschied vermittelte ihr das Gefühl, sie hätte die Verbindung zur Macht verloren.

Als würde man ein Holozin mit vergrößerten Buchstaben lesen und dann wieder zur Normalgröße zurückkehren. Einen Moment lang verschwimmt alles. Mehr ist es nicht.

Oder etwa nicht?

Ahsoka hatte es nur verängstigt, sie dagegen war von Entsetzen erfüllt. Sie versuchte herauszufinden, worüber sie sich eigentlich Gedanken machen musste.

»Sind alle okay?«, fragte sie und war sich immer noch nicht sicher, wer alle eigentlich waren. »Jemand war verletzt.«

»Ince«, sagte Ahsoka. »Kommt mit. Lasst uns zur Lazarettstation gehen und sehen, wie es ihm geht.«

Callista war nur in wenigen Bereichen des riesigen Schiffes gewesen, aber irgendwie wusste sie jetzt genau, wo sie lang musste, ohne dafür auf die Nummern zu sehen, mit denen die Decks und Sektionen gekennzeichnet waren. Sie schlug den Weg zum Lazarett ein. Wenn jemand ihr gesagt hätte, wo es war, hätte sie diese Beschreibung nicht mit dem, was sie irgendwie in ihrem Kopf spürte, in Einklang bringen können.

Also ist noch etwas von dem Schiff in mir zurückgeblieben.

Es war nicht das erste Mal. Sie war schon früher mit Maschinen verschmolzen, und obwohl die nicht annähernd so kompliziert und vielschichtig wie diese hier gewesen waren, hatte sie sich hinterher immer etwas verändert gefühlt, ohne es jedoch genau erklären zu können, worin diese Veränderung bestand.

Wenn ich versuchen würde, einen Droiden auf dieser Ebene zu verstehen… Wenn ich mit einem Droiden verschmelzen würde…

Callista war immer neugierig gewesen und hatte nie Angst gehabt, an ihre eigenen Grenzen zu gehen oder Dinge infrage zu stellen, an die sie immer geglaubt hatte. Aber sie konnte es kaum ertragen sich vorzustellen, was passieren könnte, wenn sie die Galaxis aus der Perspektive eines Droiden sah.

Ja. Ich war der Computer. Ich war das Schiff. Ich war jede einzelne Erschütterungsrakete. Könnte ich noch in diesem Krieg kämpfen, wenn ich wüsste, was es heißt, ein Droide zu sein?

Sie wusste, dass sie das nie herausfinden durfte. Die Vorstellung, dass Menschen wie Maschinen am Fließband hergestellt wurden, war schon schwer genug zu ertragen. Klonkrieger – sie hatte Recht, darüber empört zu sein und Mitgefühl für sie zu haben. Man musste sie einfach als menschliche Wesen betrachten. Doch wenn sich in einem Droiden so etwas wie Gefühl fand, etwas, das man verstehen konnte, dann würde es eine Qual sein, sie zu vernichten.

Das konnte sie nicht ertragen. Sie musste ihre Augen davor verschließen.

Es war eine widerwärtige Erkenntnis. Sie hatte sich entschieden, nicht herausfinden zu wollen, wie es war, ein Kampfdroide zu sein. Sie wusste, dass sie erklärtermaßen dachten. Aber sie wollte nicht wissen, ob sie fühlen konnten.

Du kennst die Antwort, nicht wahr? Du weißt, dass das Leben mehr Formen annimmt, als wir uns jemals vorstellen können. Doch das ist ein Punkt, den du Angst hast zu sehen.

»Zweckdienlichkeit«, sagte sie und ging zielsicher auf die Notfallabteilung des Lazaretts zu. »Die holt uns alle irgendwann ein.«

 

 

BRÜCKE, REPUBLIKANISCHES ANGRIFFSSCHIFF LEVELER

 

Pellaeon betrachtete die langsam wirbelnden Trümmer, die früher mal eine kleine Flotte separatistischer Kriegsschiffe gewesen waren, und wartete auf schlechte Nachrichten. Aber es kamen keine.

Baradis ging immer noch zwischen den Gefechtsstationen und den Sensorschirmen auf und ab. Einen Arm hatte er vor der Brust angewinkelt, eine Hand umfasste den Ellbogen und mit dem Daumennagel klopfte er sich gegen die Zähne. Auch er wartete auf schlechte Nachrichten. Es hatte so viele gegeben, dass es fast unglaublich schien, sie könnten jetzt alle Probleme gelöst haben.

»Zwei Sep-Schiffe ziehen sich zurück, Sir«, meldete er. »Und wir werden in ungefähr fünf Minuten zum Hyperraumsprung ansetzen können.«

Es waren bereits mehr als die ursprünglich geschätzten fünfzehn Minuten vergangen, aber das spielte jetzt keine Rolle mehr. Der Kampf war vorbei. Die Überlebenden standen einfach nur atemlos und misstrauisch da und bereiteten sich darauf vor, der ganzen Szene den Rücken zu kehren. Es gab keine Gewinner.

»Wissen die, dass wir keine Erschütterungsraketen mehr haben?« Pellaeon war schon weit über das vernünftige Maß hinausgegangen, wo man die Sache auf sich beruhen ließ, und es gab keinen Grund, die Nachzügler noch zu verfolgen. Und auch in Bezug auf JanFathal konnte die Leveler, auch wenn sie voll einsatzfähig gewesen wäre, nichts auf eigene Faust tun. »Nun, zumindest haben diese Raketen ziemlich gut funktioniert. Auch wenn sie einen Jedi-Fußtritt gebraucht haben, um loszulegen.«

Benb stand mit ausdruckslosem Gesicht da und hatte die Arme auf einem Geländer abgestützt. Für einen Zivilisten, der für eine Überholung mitgekommen war und angenommen hatte, nichts Gefährlicherem als dem Anziehen von ein paar Schrauben ausgesetzt zu werden, schien er mit der tödlichen Bedrohung recht gut fertig geworden zu sein.

»Wie geht es Ihren Kollegen, Benb?«, fragte Pellaeon. Vielleicht waren die ja nicht ganz so gelassen.

»Es ging ihnen nie besser«, erwiderte der Sullustaner lässig. »Wir haben das Dreifache an Überstunden. Und man bekommt eine Gefahrenzulage, wenn man unter Beschuss gerät.«

Zivile Schiffswerften waren eine andere Welt.

Ash klopfte Pellaeon auf die Schulter. »Sir, wir haben einen sicheren Treffpunkt mit der Wookieeschütze auf Kemla ausgemacht, um dort wieder an Bord zu gehen.«

»Gütiger Himmel, nein.« Die Schuldgefühle hatten sich jetzt doch breitgemacht. »Ihr habt unseretwegen Euren Einsatz unterbrochen, Euch in Gefahr gebracht und wir haben uns von Euch die Haut retten lassen. Das Mindeste, was wir tun können, ist Euch Eures Weges ziehen zu lassen.«

»Ohne die Mithilfe eines Jedi könnt Ihr immer noch nicht richtig springen, Sir.«

Da hatte sie nicht Unrecht. »Ich werde Euch in den Kriegsberichten erwähnen«, sagte er. »Und wenn es nur ist, um Meister Yodas Gesicht zu sehen, wenn er feststellt, dass die ketzerischen Anarchisten zur Rettung herbeigeeilt sind.«

Ash wirkte leicht verlegen. Vielleicht war Häme nicht so ein Jedi-Ding.

»Agentin Devis ist auf der Lazarettstation«, meinte sie hintergründig und ging davon, ehe er die Chance hatte herauszufinden, woher sie es wusste.

Er konnte es jetzt nicht mehr länger hinauszögern. Er wollte es auch nicht. Aber es erschien ihm ungebührlich eilig, wenn sein Schiff gerade mit all den Schäden und Verletzten in die Werft zurücksprang.

»Gehen Sie schon, Sir«, flüsterte Baradis, während sein Blick weiterhin auf den Sensorschirm gerichtet war. »Ich werde hier oben auch allein fertig, ohne dass Sie die ganze Zeit herumzappeln und sich Sorgen machen…«

Ob nun mit oder ohne Erlaubnis seines Navigationsoffiziers gab Pellaeon sich alle Mühe, nicht überstürzt zu wirken.

Im Lazarett war viel los. Die Droiden kümmerten sich um viele kleinere Verletzungen – Brüche und Platzwunden, die Folge der Einschläge waren, und ein paar Verbrennungen. Aber es gab auch einige Schwerverletzte, die sich bei den Generatoren aufgehalten hatten, als dieser Bereich direkt getroffen worden war.

»Gibt es Tote?«, fragte er den anwesenden Arzt, der den Rang eines Commanders bekleidete.

»Zehn, Sir. Unter den gegebenen Umständen sind wir noch mal glimpflich davongekommen.«

»Geben Sie mir eine Liste der nächsten Verwandten, Commander, und ich werde diese dann über persönliche Mitteilungen in Kenntnis setzen.«

»Acht Klone, Sir. Es sind nur zwei Mitteilungen zu schreiben.«

Die Tatsache, mit der er hier konfrontiert wurde, gefiel Pellaeon gar nicht. Es wirkte wie eine Auslöschung. Sie hatten keine Familie. Also würde er versuchen herauszufinden, mit wem von der Mannschaft sie befreundet gewesen waren, wer sie am meisten vermissen würde, und sich ein bisschen mit ihnen unterhalten. Wenn er das nicht tat – dann war er nicht besser als irgend so ein Neimoidianer mit einer Mannschaft aus Droiden, die ihm nichts bedeuteten. Ein Mensch konnte ein Kriegsschiff so nicht führen.

»Und«, fügte der Commander hinzu, »sie ist da drüben.«

Der Commander brauchte nicht zu sagen, wer sie war. Pellaeons Privatleben war nicht mehr privat. Er fragte sich, ob es das überhaupt je gewesen war. Aber zumindest war es nun kein Geheimnis mehr, und in der Messe würde es keine schiefen Blicke mehr geben.

Hallenas Stimme drang aus einem mit Vorhängen abgetrennten Bereich. Als er den Vorhang zur Seite zog und in den Behandlungsbereich trat, stellte er fest, dass er voller Leute war – ein Medidroide, ein Klon, der flach auf einem Untersuchungstisch lag und Schläuche in Hals und Arm hatte sowie eine kleine Gruppe Schaulustige. Hallena hielt die freie Hand des Klons fest. Rex stand mit grimmiger Miene und vor der Brust verschränkten Armen da, während sein Blick zwischen Ince und der Anzeige der Biosignaturen am Schott hin und herging.

»Ince, Sie werden wieder gesund werden«, sagte Hallena. »Ince? Sind Sie je im Vergnügungsviertel von Coruscant gewesen? Bestimmt nicht, wette ich mal. Nun, ich werde Sie dort zum größten Nerf-Steak einladen, das Sie je gegessen haben.«

Pellaeon ging eigentlich davon aus, dass Ince sie nicht hören konnte, aber dass Leute im Koma doch manchmal etwas mitbekamen, hatte man ja auch schon gehört. Der Medidroide überprüfte den Tropf, der über einen Schlauch mit der Halsvene verbunden war. Rex ging langsam um den Behandlungsbereich herum und strich sich dabei gelegentlich über den kahl geschorenen Schädel, als würde er nach Stoppeln suchen. Coric und Ahsoka waren nicht da. Es sah fast so aus, als hätte Rex ihm aufgetragen, sie für eine Weile irgendwo hinzubringen, wo sie nicht im Weg war. Von Skywalker war nichts zu sehen.

Pellaeon sagte nichts, sondern legte seine Hand nur auf Hallenas Schulter. Sie schaute nach hinten, als hätte sie gar nicht bemerkt, dass er da war. Dann sah sie mit einem Gesichtsausdruck zu ihm auf, den er nie zuvor gesehen hatte: Bedauern.

»Ich habe euch allen ganz schön viel Ärger gemacht«, sagte sie leise.

Nach Wochen war es das erste Mal, dass sie einander wiedersahen. Angesichts ihrer Jobs war das nichts Ungewöhnliches, aber das hier war nicht das romantische Wiedersehen, das er geplant hatte.

»Wie geht es ihm?«, fragte Pellaeon.

Er war sich nicht sicher, wer ihm eine Antwort geben würde. Stille trat ein, während die anderen Klone entweder Rex anschauten oder gar nicht erst aufsahen.

»Seine Nieren versagen«, erklärte Rex. »Dadurch werden eventuelle Hirnschäden durch Sauerstoffmangel ein bisschen akademisch. Er hat zu viel Blut verloren.«

Pellaeon fragte sich, ob es besser wäre, Hallena wegzubringen. Er drückte ihre Schulter.

»Lass jetzt mal seine Kameraden ein Weilchen die Sache übernehmen«, meinte er taktvoll und zeigte auf den Ausgang. »Hier drin hat man nicht gerade viel Bewegungsfreiheit.«

Einen Moment lang blieben sie im Vorraum stehen und versuchten, den herumeilenden Medidroiden und repulsorliftbetriebenen Tragen nicht im Weg zu stehen. Altis wartete mit Callista und Geith in diskreter Entfernung und unterhielt sich leise mit den beiden. Pellaeon begegnete Callistas Blick und hob den Daumen, um ihr stillschweigend seine Anerkennung für den Raketenangriff auszusprechen. Doch dann drehten die Jedi plötzlich alle auf einmal den Kopf zum Vorhang hin, hinter dem sich der Behandlungsbereich befand. Pellaeon merkte, was ihre Aufmerksamkeit geweckt hatte. Er war es nicht.

Er konnte es natürlich nicht hören oder sehen. Aber sie konnten es.

»Oh, Stang«, entfuhr es ihm.

Rex kam hinter dem Vorhang hervor. Sein Gesicht war aschfahl, als wäre er wütend oder hätte Angst, aber an seiner verbissenen Miene konnte man erkennen, dass Zorn die Ursache hierfür war. Er musste an Pellaeon vorbeigehen, um die Lazarettstation zu verlassen. Er nahm den Helm von seinem Gürtel ab und stülpte ihn sich über den Kopf, als wolle er sich auf gar keinen Fall unterhalten.

»Das macht dann zwei Soldaten, die ich ersetzen muss«, sagte er und stürmte davon.

Hallena schloss einen Moment lang die Augen und ließ den Kopfhängen.

»Du hättest mich dalassen sollen«, meinte sie. »Schau dir das doch alles an. Was habe ich mir eigentlich dabei gedacht, als ich meinen Notruf abgesetzt habe? Ich habe noch nicht einmal irgendwelche nachrichtendienstlich relevanten Informationen, die gerettet werden mussten. Was sage ich zu diesen Soldaten? Dass das zum Job gehört?«

Sie machte eine Bewegung, als wolle sie wieder in den Behandlungsraum, aber Altis trat ihr mit sanftem Nachdruck in den Weg. »Ich würde ihnen jetzt ein bisschen Zeit für sich geben«, meinte er. »Lassen Sie sie in Ruhe, Agentin Devis, es gibt nichts, was Sie tun könnten, um zu verhindern, dass es ihnen wieder passiert.«

Hallena warf Altis einen seltsamen Blick zu und schaute dann Pellaeon an. Er fragte sich, ob der alte Jedi wohl versucht hatte, ihren Geist zu manipulieren. Aber er hatte auch gehört, dass das nur bei leicht Beeinflussbaren funktionierte, und zu der Gruppe gehörte sie eindeutig nicht.

»Ich werde in der Messe sein«, sagte sie und ging. »Wenn es mir gelingt, sie zu finden.«

Altis nickte Pellaeon leicht zu. »Lassen Sie einen harmlosen alten Mann ihr nachgehen, um mit ihr zu sprechen, Captain. Ich fühle das Gleiche wie sie in dieser Situation. Schuld.«

Aber das ist meine Liebste. Die Frau, die ich heiraten möchte. Ich sollte derjenige sein, an den sie sich in einer Krisensituation wendet.

Altis hatte nicht ganz Unrecht. Sich für so einen Schlamassel verantwortlich zu fühlen war typisch Hallena. Sie hatte ständig das Gefühl, Dinge regeln zu können, und wenn etwas schiefging, der Meinung zu sein, dass ein Fehler der Grund dafür war und nicht einfach nur Pech. Vielleicht hatte sie Recht. Wenn man allein arbeitete, neigte man dazu zu übersehen, auf wie viel tausenderlei Arten Gemeinschaften in Schwierigkeiten geraten konnten, ohne dass man es an einem bestimmten Fehler festmachen konnte, wie sich die Dinge entwickelten.

»Sagt ihr, dass ich später zu ihr komme.« Pellaeon spürte die steigende Frequenz eines Bebens, das durch die Leveler fuhr und ihm sagte, dass man sich auf den Sprung vorbereitete. Das zumindest ging nach Plan. In ein paar Stunden würden sie wieder in Kemla sein, um wieder von vorn zu beginnen. »Schade, dass diese Reise so kurz sein wird. Ich hätte gern mit Euch zu Abend gegessen, Meister Altis.«

»Ich bin sicher, dass wir das bei anderer Gelegenheit eines Tages nachholen werden«, meinte der Jedi und ging mit Geith und Callista davon.

Mithilfe der Jedi sprang die Leveler. Zumindest der Teil der Tortur war vorüber.

 

 

UNTEROFFIZIERSMESSE, LEVELER, AUF DEM WEG ZUM TREFFPUNKT MIT DER WOOKIEESCHÜTZE BEI KEMLA

 

»Rex?«

Er schaute auf, ohne den Kopf zu heben. Das Kinn ruhte auf den ineinander verschränkten Händen.

Er hatte noch nicht einmal gemerkt, dass Ahsoka sich näherte. Jedi konnten sich zwar völlig geräuschlos anschleichen, aber einen Moment lang machte er sich Sorgen, dass seine Sinne nicht mehr so geschärft sein könnten. Die kleine Togruta trug ein schmuckes graues Hemd der Flotte und eine Hose aus dem gleichen Stoff. Er hatte keine Ahnung, wo sie eine ihr passende Uniform aufgetrieben hatte, aber sie war dabei von so rührender Ernsthaftigkeit, so bemüht, alles richtig zu machen, dass es ihn ganz aus der Fassung brachte.

»Ihr seid zu jung, um hier etwas zu trinken«, sagte er.

»Und Sie sind jünger als ich – wenn man es von einem gewissen Standpunkt aus betrachtet.«

Sie brachte ihn auch immer zum Lachen, egal wie schlecht er sich fühlte. Sie war eine Jedi und eigentlich brauchte sie ihn nicht, damit er es ihr erklärte. Sie wusste es. Er wusste, dass sie es wusste.

Sie setzte sich neben ihn an den Tisch und rückte dicht an ihn heran, als wolle sie ihm einen Witz erzählen. Er fragte sich, wie er mit ihren gut gemeinten Versuchen, ihn aufzuheitern, umgehen sollte.

»Haben Sie je diese Momente«, fragte sie, »in denen alles, was Sie für gut und richtig gehalten haben, einfach umstürzt und Sie nicht wissen, wo Sie anfangen sollen, um allem wieder einen Sinn zu geben?«

Also war sie doch nicht gekommen, um seine Stimmung zu heben. Er dachte einen Moment lang darüber nach, dass sie in Bezug auf sein Problem gerade den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. Dann merkte er, dass sie von ihren eigenen Problemen sprach.

»Darauf könnt Ihr Gift nehmen, Kleines«, erwiderte er mit ruhiger Stimme.

»Wie werden Sie damit fertig?«

»Gute Frage.«

»Werden Sie damit fertig?«

»Ich stehe immer noch…«

»Ich erzähle Ihnen von meinem Problem, wenn Sie mit mir über Ihres sprechen.«

»Okay«, sagte Rex. »Ich bin Soldat. Das ist alles, was ich bin. Ich weiß nicht viel über die Welt da draußen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass andere Soldaten Familien und ein Leben außerhalb des Kampfes haben. Wir nicht. Ist das der Grund, warum ich mich wegen Jungs wie Vere und Ince so schlecht fühle, weil sie so bald nach Abschluss ihrer Ausbildung getötet wurden?«

»Keiner sollte so jung sterben.«

»Aber ganze Regimenter von uns werden früher oder später sterben. Vielleicht werden wir alle sterben. Junge Männer. Wir wissen das. Warum habe ich das Gefühl, hereingelegt worden zu sein?«

Ahsoka packte seine Hand, als würde sie plötzlich vor etwas Angst haben. Rex hatte das bei einigen ganz jungen Klonen gesehen, wenn sie das erste Mal einen Geschmack von echten Kampfhandlungen bekamen. Die Kaminoaner ließen das nicht zu; Klone sollten keine Furcht zeigen, noch nicht einmal als Kinder.

Aber Ahsokas Griff war anders als alles, was er je gefühlt hatte – nicht nur weil Togrutas eine außergewöhnlich kalte Haut hatten, sondern auch, weil er das Gefühl hatte, mit etwas verbunden zu sein, das er nicht verstand, in ein Universum hineingezogen zu werden, das zu groß war, um es zu erfassen. Jetzt war er derjenige, der Angst hatte.

»Rex, stimmt es, was Geith sagt? Dass wir alle Schuld auf uns laden, weil wir euch benutzen?« Sie war ganz außer sich. Er konnte den bestürzten Unterton in ihrer Stimme hören. »Dass wir Befehle blind befolgen und keine Fragen stellen?«

Rex spürte, wie sich sein Weltbild aufzulösen begann. Wenn er Ahsoka diese Sache weiterverfolgen ließ – nein, wenn er selber diese Sache weiterverfolgte, dann würde er nicht mehr in der Lage sein, seine Arbeit zu tun, und wenn er seine Arbeit nicht mehr tat, dann wusste er gar nicht mehr, warum er überhaupt lebte. Wenn er zuließ, dass diese Zweifel in ihm Fuß fassten, würde er nie wieder mit Skywalker zu tun haben oder seine Männer anführen können. Und er musste sie führen, denn sie waren abhängig von ihm. Seine ganze Existenz hing davon ab, dass er an das glaubte, was er tat.

Die leise nagende Stimme, die er immer zu ignorieren versuchte, war dieses Mal eigentlich recht konstruktiv. Denk noch nicht einmal darüber nach, sagte die Stimme. Denn du kannst die Dinge nicht ändern. Wenn es nun stimmen würde? Was würdest du dann tun? Wo würdest du hingehen? Und was würde aus deinen Männern werden?

Manche Dinge waren so überwältigend und konnten von einem nicht geändert werden, dass es einen schon vernichtete, wenn man nur bemerkte, dass es sie gab. Rex entschied, dass er es verdrängen konnte. Er konnte alles verdrängen, wenn er es sich in den Kopf setzte.

»Ich weiß es nicht«, meinte er schließlich. »Sie haben gesagt, für Befehle gäbe es einen Grund. Dass sie uns am Leben erhalten.«

»Das stimmt.«

»Jedi haben auch ihre Befehle. Wie zum Beispiel keine Bindungen einzugehen. Und… nun ja, Sie haben Callista und Geith gesehen. Meister Altis lässt all seine Jedi heiraten, wenn sie es wollen. Aber sie haben sich dadurch nicht der Dunklen Seite zugewandt, also was ist nun richtig?«

Das Einzige, womit Rex ihr helfen konnte, war, mit der Unsicherheit zu leben. Er konnte ihr nicht sagen, was die Wahrheit war. Dass die Seps versuchten, sie zu töten…das war eine Wahrheit. Spielte alles andere eine Rolle?

Wenn man einen Stein aus der Mauer zieht, bricht das ganze Gebäude zusammen. Für jeden von uns.

»Erinnert Ihr Euch daran, dass ich Euch mal gesagt habe, Ihr würdet nicht immer das ganze Bild sehen, und dass Ihr Befehle bekommt, weil jemand, der in der Hierarchie über Euch steht, mehr Informationen hat als Ihr, sodass diese Befehle Euch nicht unbedingt logisch erscheinen? Vielleicht ist das bei Euch ganz ähnlich.« Das war keine Lüge. Es war vielleicht nicht das, was Rex eigentlich sagen wollte – ich verstehe auch nicht, was da passiert, es gefällt mir nicht, was da passiert, irgendetwas stimmt da nicht – aber wenn er das sagte, dann würde er auch ins Schwimmen geraten und damit wäre keinem geholfen. »Und vielleicht kommen Jedi am Ende immer dorthin, wohin sie gehören – dass diejenigen, die mit Bindungen umgehen können, zu Altis finden, und die anderen, die es nicht können…«

Nun, vielleicht war es nicht gerade sonderlich schlau, so etwas zu sagen. Ahsokas aufgeregte Miene, die intensiv gefärbten Lekku und der gesenkte Kopf ließen ihn sich fragen, ob sie wohl zartere Gefühle für jemanden hatte und nun zum ersten Mal wirklich mit ihren Regeln konfrontiert wurde. Aber es war wohl angebrachter, nicht einfach nur ja zu sagen, zu sagen, dass es schon eigenartig war, dass Yoda und alle Jedi-Meister ihr etwas erzählt hatten, das jetzt… unwahr wirkte.

Findet Euch damit ab. Auf etwas Besseres könnt Ihr nicht hoffen. Sich mit dem Leben abzufinden.

»Die Welt ist voll von Bindungen«, sagte Ahsoka. »Ich verstehe nicht, warum es ausgerechnet nur für Jedi falsch ist, sich auf sie einzulassen.«

»Ihr meint, die letzten paar Tage wären einfacher gewesen, wenn alle entschieden hätten, dass es nur eine Frau ist, die in Athar festsitzt und dass bei ihrer Rettung zu viele Menschenleben aufs Spiel gesetzt würden?«

»Ja, aber das wäre nicht die richtige Entscheidung gewesen.«

»Warum? Seht Ihr, das ist die Art von Entscheidungen, die ein Kommandant die ganze Zeit treffen muss – wann er den Befehl zum Rückzug geben muss, weil man mehr Leben verliert als rettet. Erinnert Ihr Euch, dass wir darüber gesprochen haben?«

Ahsoka gab keine Antwort. Sie sah einen Moment lang vor sich hin und kaute an ihrer Lippe. Immer noch umklammerte sie sein Handgelenk. Er rechnete fast damit, dass sie die Krallen ausfuhr.

»Ja, ich erinnere mich«, antwortete sie. »Und ich habe auch mit meinem Meister darüber gesprochen. Aber er sagte, wir sollten nie jemandem im Stich lassen.«

»Nun, General Yoda befindet sich in derselben Zwickmühle. Vielleicht haben die Jedi vor langer Zeit erkannt, dass es leichter ist, harte Befehle zu geben, wenn keine emotionalen Verwicklungen vorliegen. Ein bisschen kühle Distanz. Da ist es dann einfacher, Entscheidungen zu fällen, es ist einfacher, hinterher mit ihnen zu leben. So ist das halt mit Befehlen.«

Jetzt fühlte Rex sich besser. Er war wieder bei der Wahrheit und lavierte nicht einfach nur um ausgemachte Lügen herum. Er und Ahsoka – alle Klone, alle Jedi – befanden sich in einer Lage, die sie sich nicht ausgesucht hatten und aus der sie trotzdem das Beste machten. Er und Ahsoka konnten nur versuchen, jedes Mal den richtigen Befehl zu geben, Entscheidungen zu fällen, mit denen sie leben konnten, und akzeptieren, dass sie beim großen Spiel nicht mitmachen durften.

»Verstehen Sie die Dunkle Seite?«, fragte sie.

»Eigentlich nicht so ganz.«

»Ich auch nicht.«

»Erklärt mir etwas, Kleine«, bat Rex. Vielleicht hätte er auch Skywalker diese Frage stellen können, aber irgendetwas sagte ihm, dass das keine gute Idee war. »Was ist der Unterschied zwischen einem Jedi, der sich der Dunklen Seite zugewandt hat und alles tut, was die von der Dunklen Seite so tun, und einem Jedi, der einfach nur zulässt, dass unter seiner Verantwortung Schlimmes passiert?«

Er wollte es wirklich wissen.

»Ich denke immer noch darüber nach«, entgegnete sie. »Aber ich versuche zu verhindern, dass schlimme Dinge passieren, während ich die Verantwortung trage.«

Rex war sich nicht sicher, ob die Unterhaltung Ahsoka etwas gebracht hatte, aber ihm hatte sie auf jeden Fall geholfen. Politik, Ideologie und moralische Argumente lagen außerhalb seines Einflussbereichs. Er konnte seine Konzentration – er musste seine ganze Konzentration – darauf richten, dass er Tag für Tag, Stunde für Stunde für seine Waffenbrüder da war und dafür sorgte, dass der Gegner erledigt wurde, bevor er ihn erledigte. Das war die Grundlage seines Lebens, der elementare Bestandteil seiner Existenz.

Der Rest waren, wie Meister Altis es formulierte, nur Kommentare.

 

 

KABINE DES CAPTAINS, LEVELER

 

»Ich dachte, du würdest in die Messe gehen«, sagte Pellaeon.

Hallena saß in seinem einzigen Zugeständnis an die Privilegien, die ihm als Captain zustanden – in einem bequemen, schamlos dick gepolsterten Boruga-Sessel. Einer der Wartungsmitarbeiter hatte ihn sogar mit Schrauben versehen, damit er am Boden befestigt werden konnte, wenn es nötig war.

»Ich hätte angenommen, dass du hier nur einen grob zusammengetischlerten Stuhl mit extra vielen Splittern hast«, verriet sie. »Du meinst es mit diesem Wir-gehören-alle-zu-einer-großen-Familie wirklich ernst, nicht wahr?«

»Ja, ich habe nicht einmal einen eigenen Koch.« Die meisten Kommandanten von Schiffen hatten ihr eigenes tägliches Menü, das von einem persönlichen Koch zubereitet und dann im eigenen Esszimmer eingenommen wurde. Pellaeon hatte das immer ein bisschen als Beleidigung der Mannschaft angesehen. »Ich esse, was meine Crew isst. Und zwar in der Messe, genau wie alle anderen auch. Nichts ist schlechter für Engagement und Disziplin, als seinen Männern zu erzählen, dass man sich für etwas Besseres hält.«

»Du und Altis, ihr seid schon ein paar Störenfriede, die die natürliche Gesellschaftsordnung durcheinanderbringen…«

Hallena wirkte völlig entspannt – es war jedoch keine Zufriedenheit, die sie ausstrahlte, sondern man merkte ihr an, dass sie resigniert hatte. Pellaeon warf einen unauffälligen Blick zur Flasche mit dem Syrgeist auf der Anrichte, um festzustellen, ob sie etwas getrunken hatte. Der Sicherheitsverschluss sah unberührt aus. Dann war es wohl bloß die Erschöpfung, die sie so reden ließ. Sie hatte ja auch einen besonders harten Einsatz hinter sich.

»Diese Beule solltest du wirklich von jemandem untersuchen lassen.« Er streckte die Hand aus, um ihr übers Haar zu streichen. Sie zuckte zusammen. »Wie fühlst du dich?«

»Ich fühle mich viel besser als Ince. Oder Vere.« Sie setzte sich gerade hin, als wolle sie gleich aufstehen. »Oder Shil oder Merish. Schau mal, das ist mein wirklicher Lebensinhalt: Leute ausfindig machen, die eh schon vom System enttäuscht worden sind, und dann dafür sorgen, sie endgültig zu erledigen. Wie viele Höllen habt ihr Corellianer, Gil? Neun? Füge noch eine zehnte hinzu. Ich brauche eine für mich allein.«

Er hatte sie noch nie in so einem Zustand erlebt. Andererseits hatten ihre jeweiligen Jobs sie auch noch nie so zusammengeführt, dass beide genau erkennen konnten, was der jeweils andere gezwungen war zu tun.

»Es kann doch nicht das erste Mal gewesen sein, dass du einen schmutzigen Job erledigen musstest.«

Sie spielte mit irgendetwas, das sich in ihrer Tasche befand. »Nein, aber es ist das letzte Mal.«

»Sag mir, was dich so aus dem Gleichgewicht gebracht hat.«

»Vielleicht weil ich dafür gesorgt habe, dass Folteropfer getötet wurden. Oder vielleicht auch, weil ich gesehen habe, wie zwei Kinder bei ihrem ersten Einsatz getötet wurden. Schwer zu sagen.«

Wegen der Folteropfer würde er sie noch einmal fragen müssen. Aber er verstand ihre Reaktion wegen der Kinder. Niemand, der noch über ein Gewissen verfügte, konnte Klonsoldaten ansehen, ohne sich bei dem Gedanken unwohl zu fühlen, dass er sie benutzte. Nicht einmal die Formulierung, dass sie eingezogen worden waren, ließ sich auf sie anwenden. Es war eine völlig neue Art der Kriegsführung für die Republik.

»Gil, haben denn alle über Nacht den Verstand verloren?« Hallena zog das Ding aus der Tasche, mit dem sie schon die ganze Zeit über gespielt hatte, und schaute es an. Es handelte sich um ein winziges Döschen aus Durastahl, das wie die Behälter aussah, in dem die Alderaaner ihren Schnupftabak aufbewahrten. »Ich weiß, dass wir alle immer noch wegen des Kriegsausbruchs schwanken, und manche Dinge brauchen Zeit, um herauszukommen, aber bin ich denn wirklich die Einzige mit genug Hirnzellen, um zu fragen, woher diese Truppen überhaupt kommen? Und warum? Nicht einmal in den Geheimdienstberichten der Republik steht etwas über sie. Eine vollbewaffnete Armee mit mehreren Millionen Soldaten und Schiffen ist nichts, worüber der Geheimdienst vergessen würde, eine Akte anzulegen. Was zum Stang geht hier eigentlich vor? Und warum sind die Jedi in all das verwickelt?«

Pellaeon setzte sich auf die Koje und zog die Stiefel aus. Er hätte jetzt auch ein Gläschen Syr vertragen können, aber er war müde, und Alkohol und Müdigkeit waren sein ganz persönliches Rezept, um Katastrophen heraufzubeschwören.

»Je größer die Anomalie«, meinte er, »desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass die Leute hinschauen. Was muss man tun, um mit einer Lüge durchzukommen? Man muss die größte Lüge nehmen, die man finden kann, und sie dann frech herausschmettern.«

»Also hältst du es für eine Art Lüge.«

»Ja, ich finde das Ganze auch nicht nachvollziehbar, aber ich habe keine Ahnung, was man tun soll.«

Hallena öffnete das Döschen, indem sie den Deckel abdrehte und schwenkte dann damit herum. »Wenn ich Leiter des Geheimdienstes wäre, wäre das die erste Aufgabe auf meiner Liste. Wer hat für die Große Armee bezahlt? Und warum nahm man an, dass man sie brauchen würde?« Sie kam seiner Antwort zuvor, indem sie einen Finger erhob. »Und komm mir jetzt nicht mit den schlauen Jedi, die in der Macht Dinge kommen sehen. Sie haben Geonosis genauso wenig kommen sehen wie wir. Altis – nun, Altis ist ein Mann deutlicher Worte. Kein Hokuspokus und mystischer Quatsch. Ich wette mit dir, dass er sich sehr wohl fragt, woher die Armee gekommen ist. Ich werde mich mal mit ihm unterhalten.«

Pellaeon schaute zum Chrono am Schott und rechnete im Kopf die Galaktische Standardzeit in Kemla-Ortszeit um. »Hältst du das für klug?«

»Klug? Du glaubst, dass es vielleicht richtig sein könnte?«

»Und was wirst du aus der Wahrheit machen, wenn du sie findest?«

Das war eine gute Frage. Alle meinten immer, die Wahrheit wissen zu wollen, doch in Wirklichkeit wollten das eigentlich nicht so viele und noch weniger wussten dann wirklich etwas damit anzufangen. Ganze Zivilisationen funktionierten nach diesem Prinzip. Und die Republik tat das ganz bestimmt. Pellaeon gab sich da keinen Illusionen hin. Er schränkte seinen Horizont ein, sodass er nur noch das sah, was wichtig war – und dafür sorgte, dass weder Schiff noch Mannschaft vernichtet wurden. Genau wie Rex. Wir verstehen einander. Im Moment wollte er Hallena nur in den Armen halten, aber sie war vollkommen eingenommen von ihrer Wut.

Sie drehte den unteren Teil der Schnupftabakdose um und ein paar Tabletten fielen in ihre Hand.

»Keine Gefangenen«, sagte sie. »Du weißt, was das hier ist, nicht wahr, Gil? Meine Versicherung. Falls ich tatsächlich mal in eine aussichtslose Lage gerate, ohne Hoffnung, vielleicht doch noch fliehen zu können. Eine schnelle Lösung, damit ich der Republik keinen Schaden zufüge und noch mehr Menschen getötet werden. Das zumindest ist die Idee, die dahintersteckt. Stattdessen habe ich einen Notruf abgesetzt, und dadurch sind Leute gestorben. Deshalb werde ich den Fehler das nächste Mal – wenn es überhaupt ein nächstes Mal gibt – nicht wieder machen.«

»Dann kommen wir jetzt zu uns.«

»Was ist mit uns?«

»Es ist jetzt allgemein bekannt. Sollen wir heiraten?«

»Du bist nicht der Typ Mann, der heiratet, Gil.«

»Für dich würde ich es tun.«

Er meinte es ganz ernst. Er war unsterblich in sie verhebt… Nicht weil sie so gut aussah und auch nicht weil sie klug war, sondern weil sie mit solcher Leidenschaft am Leben hing – am Leben an sich mit all seinen guten Seiten und seinen Fehlern, was ihm bei einem Spion seltsam vorkam. Aber wenn man sich mal die üblen Arbeitszeiten und die mittelmäßige Bezahlung ansah, dann musste man wohl diese Einstellung haben, um es überhaupt zu tun. Es war nur eine Illusion – der jugendliche Irrglaube von Spannung, Aufregung und Glamour, der gleich beim ersten furchtbaren Einsatz zerschmettert wurde – oder der Wunsch, das in irgendwie patriotischer, bedingungsloser Hinsicht Richtige zu tun.

Im Grunde wie ich. Warum habe ich sonst in Bezug auf mein Alter gelogen, damit ich der Flotte beitreten konnte?

Spione würden natürlich in der Regel selten erfahren, ob sie das Richtige getan hatten. Hallena jedoch gehörte so einem seltsamen Schlag an, der in der Nähe bleiben wollte, um zu sehen, wie sich alles entwickelte.

»Ich würde dich sofort heiraten«, meinte Hallena schließlich. »Aber ich muss zuerst mit mir ins Reine kommen.«

Pellaeon war fast am Boden zerstört. Er war sich so sicher gewesen, dass sie Ja sagen würde. »Ist das eine charmante Abfuhr?«

»Nein, es zeigt nur, wie ich mich im Moment fühle.« Sie tat die Tabletten in die Dose zurück und schob sie dann wieder in ihre Tasche. Pellaeon hoffte, dass das Gift keine Rückstände auf ihren Händen hinterlassen hatte. »Ich bin noch nie vor irgendetwas weggelaufen, aber fünfzehn Jahre sind jetzt genug. Es gibt sogar Jedi, die glauben, dass die Republik aufgelöst werden sollte. Ich erwarte von meiner Regierung nicht, dass sie völlig untadelig ist, aber ich fange wirklich an, mir Gedanken zu machen, wenn ich nicht weiß, ob sie wirklich das Geringere von zwei Übeln ist.«

»Was hast du jetzt also vor?«

»Ich steige aus. Endgültig. Nicht einmal, wenn man mich bittet, noch einen allerletzten Auftrag anzunehmen, werde ich mich darauf einlassen.«

»Ich verstehe. Einfach nur ein unterschriebener Fetzen Flimsi an den Agenten-Boss.« Geheimdienste ließen ihre Spione eigentlich nie wirklich gehen. Es gab immer wieder noch einen kleinen Auftrag zu erledigen, sogar wenn man sich zur Ruhe gesetzt hatte. Und wenn sie annahmen, dass jemand abtrünnig geworden war… »Pass nur auf, dass deine Abschiedsparty kein Abschied für immer wird, ja?«

»Ich weiß. Ich weiß, dass die einen nicht einfach gehen und eine Cantina aufmachen lassen, ohne von einem zu erwarten, dass man ihnen noch zur Verfügung steht. Darum gehe ich auch, wenn ich gehe.«

Er war sich nicht sicher, ob er sie richtig verstanden hatte.

»Was willst du damit sagen?« Er wollte Liebling oder Schatz zu ihr sagen, aber es wäre im falschen Ton herausgekommen. »Du wirst doch nichts Dummes tun. Du nicht.«

Er meinte das Gift. Es sah Hallena so gar nicht ähnlich, dass er nicht begriff, warum ihm der Gedanke überhaupt gekommen war; aber das war seine erste Sorge. Manchmal konnte man dem Republikanischen Geheimdienst nur auf drastische Weise entkommen.

»Ich werde mir eine Auszeit nehmen«, erklärte sie. »Und irgendwohin gehen, wo sie mich nicht finden können.«

»Das… ist immer noch eine ziemlich extreme Vorgehensweise.« Sie läuft auch vor mir davon. Ich habe sie verloren. »Das nehmen die in der Regel nicht sonderlich gut auf.«

»Ich weiß.«

Und dann musste er die Frage stellen. »Werde ich dich je wiedersehen?«

»Ja. Du wirst mich immer finden können. Sie nicht.«

»Wie das?«

»Ich werde es dich wissen lassen, wenn wir Kemla erreicht haben.« Sie sah zum Chrono. »Wir haben noch eine Stunde. Hast du eine Idee, was man mit einer Stunde anfangen könnte?«

Das war kein bisschen feierlich. Das konnte es auch nicht sein. Es war eher das traurige Sichabfinden mit dem Leben, das sie führten und das keine Aussicht auf ein Leben in der Normalität in sich barg. Eigentlich gab es keinen Trost für sie.

»Ich hätte da so eine Idee«, meinte er.