Vier

 

Das Militär hat dieses Keiner-wird-zurückgelassen-Ding, weil das ein wichtiger Bestandteil des Zusammenhalts einer Gruppe ist. Aber wir, Schätzchen – wir arbeiten allein. Und eines Tages werden wir vielleicht Sie zurücklassen müssen. Sie müssen sicher sein, dass Sie damit klarkommen. Es gibt für solche Momente eine spezielle Kapsel, denn wenn wir sagen »Keine Gefangenen«, dann meinen wir das auch.

Republikanischer Rekrutierungsoffizier des Geheimdienstes (der Name wird aus Sicherheitsgründen nicht preisgegeben), der der Anwärterin Hallena Devis erklärt, wie das Leben eines Spions in der Realität aussieht

 

 

SENATORIN AMIDALAS APARTMENT, CORUSCANT

 

Anakin erwachte vom beharrlichen Piepen seines Komlinks und streckte seine Hand danach aus, ohne dabei die Augen zu öffnen. Padmé rührte sich nicht.

»Skywalker«, meldete er sich verschlafen.

»Sir, ich muss Euch über die gegenwärtige Lage in Kenntnis setzen.«

»Ach, Rex…«

»Habe ich einen schlechten Moment erwischt, Sir?«

»Nein. Fahren Sie fort.«

»Die Leveler hat ihren Kurs geändert und ist jetzt auf dem Weg ins Fath-System. Es wurde festgestellt, dass die Separatisten in dem Bereich aktiv sind, und wir sind das einzige Schiff, das nah genug dran ist, um sie im Auge zu behalten. Ich werde Euch auf dem Laufenden halten.«

Rex war loyal. Es war nicht die professionelle, militärische Art von Loyalität, sondern eine persönliche Loyalität. Er wusste, was unter Umständen passierte, wenn man seinen General dabei erwischte, nicht informiert zu sein… über etwas, über das er eigentlich auf jeden Fall Bescheid wissen musste. Anakin hoffte nur, dass Rex den Grund nicht kannte.

Tue ich das wirklich? Ich glaube, Rex würde es verstehen. Von den wenigen Personen, bei denen ich das Gefühl habe, ihnen eine Erklärung wegen all der Ausflüchte zu schulden, ist er einer davon.

»Gut gemacht, Rex. Sie haben mitgedacht.«

»Captain Pellaeon hat die Flotte informiert, also wird man Euch wohl Fragen deshalb stellen.«

»Ich werde diplomatisches Verhalten mit auf die Liste Ihrer Fähigkeiten setzen, Rex.«

»Und Ihr solltet wissen, dass bei der Überholung ein paar Mängel herausgekommen sind und Euer Padawan es sich allmählich mit den neuen Klonen gemütlich macht.«

Anakin hätte die Angelegenheit Rex überlassen können, doch die Macht sagte ihm, dass irgendetwas nicht stimmte. Irgendetwas würde schiefgehen. Er wusste es. Und trotzdem war er hier, machte nicht genehmigten Urlaub, während seine Männer mit etwaigen Kampfhandlungen konfrontiert wurden. Es spielte keine Rolle, dass der Rest der Torrent-Kompanie in der Kaserne untergebracht war. Sieben Männer waren da draußen auf sich allein gestellt. Und er saß hier faul auf seinem Hintern.

»Rex, ich komme zur Leveler. Halten Sie mich über die Position und eventuell beabsichtigte Kursänderungen auf dem Laufenden. Ich werde, so schnell ich kann, da sein.«

»Das ist nicht nötig, Sir.«

»Doch, das ist es. Skywalker Ende.«

Anakin war jetzt hellwach. Er ging ins Bad, drehte das kalte Wasser auf und war sich ganz sicher, dass er wegen seiner Unehrlichkeit von der Macht auf die Probe gestellt wurde. Wegen seiner Heirat zu lügen, war aus vielen Gründen falsch… Aber seine Männer sich selbst zu überlassen – das war das Schlimmste. Er hatte geschworen, nie wieder jemanden seinem Schicksal zu überlassen. Er hatte Rex bereits einmal auf Teth zurückgelassen, und es war nur dem Mut dieses Mannes zuzuschreiben, dass er da lebend wieder herausgekommen war.

Fast die gesamte verkriffte Kompanie wurde dabei ausgelöscht. Und ich sagte Rex, dass ich ihn holen würde.

Und dann war da noch seine Mutter.

Anakin konnte das nagende Schuldgefühl nie sehr lange verdrängen. Manchmal versuchte er, ihm mit Logik beizukommen, indem er sich sagte, sein alter Meister oder auch Yoda hätten seine Mutter aus der Sklaverei befreien können. Doch ihr Tod war seine Schuld. Er war auch erst zu ihr zurückgekehrt, als es schon viel zu spät gewesen war.

Nie wieder.

Er würde sich nie wieder darauf verlassen, dass jemand anders etwas tat, das eigentlich seine Aufgabe war.

»Ani? Stimmt irgendetwas nicht?«

Padmé stand an der Tür zum Bad und schlang den Morgenmantel fest um sich.

»Es tut mir leid, aber ich muss gehen«, sagte er, während er sich die Haare mit einem Handtuch trocknete. »Die Leveler könnte Probleme bekommen. Rex hat sich gerade mit mir in Verbindung gesetzt. Sei nicht böse auf ihn – er wollte nicht, dass ich Ärger bekomme, wenn irgendetwas schiefgeht.«

Padmé wirkte noch nicht einmal enttäuscht. Das versetzte ihm einen leichten Stich. Er wappnete sich für einen zumindest halbherzigen Protest, aber tief im Innern wusste er, dass Padmé nicht zu dieser Sorte Frauen gehörte. Sie war sehr verantwortungsbewusst.

»Nein, ich bin nicht böse auf Rex«, meinte sie. »Pflicht ist hart. Er passt auf dich auf. Ich schätze diese Art von Hingabe.«

Sie brauchte noch nicht einmal für ihn zu packen. Ein Jedi besaß fast nichts, und das Wenige, das er mitnehmen würde, passte in eine kleine Tasche. Nachdem er sich fertig angezogen hatte, ging er zu Padmé, die mit der Tasche in der Hand neben der Balkontür wartete.

»Es ist schon komisch«, meinte sie. »Ich frage dich nie, womit du eigentlich reist. Du sagst einfach nur, dass du zum Äußeren Rand willst, und ich nicke und sage: Ja, Liebling, wir sehen uns, wenn es passt‹.«

»Woher wusstest du, wo ich hin will?«

»Ich bin Senatorin. Ich habe Möglichkeiten herauszufinden, wo sich Kriegsschiffe befinden.« Sie legte den Riemen der Tasche über seine Schulter. »Und ich habe nicht geschlafen. Jedenfalls nicht, seit das Komlink losging.«

Anakin grinste. Kurz verspürte er ein nagendes Unbehagen, aber das Gefühl war so schnell verschwunden, wie es gekommen war. Er küsste sie, schlüpfte durch die Tür nach draußen und machte sich auf den Weg zum Hangar, um jemanden vom Bodenpersonal zu überreden, ihn mit einem Torrent-Jäger wegfliegen zu lassen.

Wenn er schnell zum Äußeren Rand musste, dann würde er auch dafür sorgen, genügend Feuerkraft zu haben. Der Rand war eine unsichere, gefährliche Gegend.

Anakin gefiel es so.

 

 

IRGENDWO IN ATHAR: IRGENDWANN NACH BEGINN DER UNRUHEN

 

Hallena nahm ein Pochen im Kopf wahr.

Einen Moment lang dachte sie, es wäre direkt in ihrem Schädel. Doch als sie die Benommenheit abgeschüttelt hatte, erkannte sie, dass es sich bei dem Geräusch um Kanonenfeuer in der Ferne handelte und dass sie auf dreckigem Permabetonboden lag. Jemand hatte ihr eine zusammengeknüllte Jacke unter den Kopf geschoben.

»Keine richtige Wunde«, sagte Merish. »Ein Gummigeschoss. Tut aber richtig weh.«

Ja, das tat es. Erst jetzt merkte Hallena, dass sie von irgendetwas getroffen worden war. Jedes Mal, wenn sie versuchte, sich zu bewegen, fühlte es sich so an, als würde sich ihr Gehirn von der Hirnhaut lösen.

Das Gehirn hat keine Schmerzrezeptoren. Also tu nicht so. Reiß dich zusammen. Denk nach.

Instinktiv hob sie die Hände, um die Ursache für den pochenden Schmerz zu finden. Sie trug keinen Verband. Schließlich fand sie eine kleine Beule oberhalb des Haaransatzes.

»Sie feuern mit allem, was ihnen in die Finger kommt«, sagte Shil. »Blasterladungen, Waffen, mit denen man größere Gruppen unter Kontrolle hält – so ein Ding hat Sie getroffen.«

»Ich weiß, was ein Gummigeschoss ist… Danke schön.«

»Das waren keine harmlosen Geschosse, die einen nur außer Gefecht setzen sollen, Genossin. Sie feuern sie meist aus kürzester Entfernung ab, sodass man einen Schädelbruch erleidet. Sie haben nur Glück gehabt.«

Hallena konnte hören, dass das Kämpfen draußen weiterging. Es schien aber nicht in der Nähe zu sein: Blasterentladungen, Schreie, Geschosse, die Mauern trafen. »Wie lange bin ich hier drin?«

»Ein paar Minuten.«

Sie hatte gedacht, es wären Stunden. »Dann los. Machen wir weiter.«

»Unsere Chancen stehen draußen ohnehin besser. Wenn diese Barven erst anfangen, Flammenwerfer einzusetzen… Los.« Merish zog sie hoch. »Die Separatisten werden bald Truppen absetzen. Deshalb brauchen wir nur dafür zu sorgen, dass die Sicherheitskräfte in der ganzen Stadt beschäftigt sind, damit es für die Seps leichter wird.«

Hallena versuchte, sich auf einen Plan zu konzentrieren, der sich nicht nur darum drehte zu vermeiden, wieder am Kopf getroffen zu werden. Alles, weshalb man sie hergeschickt hatte, war den Bach runtergegangen – es brachte nichts mehr, darüber nachzudenken, wie man am besten Kontakt zu den Sympathisanten der Separatisten bekam. Sie konnte eine Invasion nicht ganz allein aufhalten. Aber sie konnte so viel Informationen wie möglich sammeln und dafür sorgen, dass die republikanischen Truppen sie auch bekamen.

So, was also muss ich jetzt tun?

Es war eigentlich nur ein Erkundungsjob. Sie würde Augen und Ohren der Republik sein. Ja, das würde sie schaffen. »Wo landen die Seps?«, fragte sie.

Sie fing an, ihre Taschen abzuklopfen, wodurch sie den Eindruck vermitteln wollte, auf der Suche nach ihrem Blaster zu sein, obwohl sie eigentlich nach ihrem Komlink suchte. Wenn sie es in den Sende-Modus stellte, würde jedes Geräusch aufgenommen werden, sodass sie nur noch dafür sorgen musste, die richtigen Fragen zu stellen, um die Antworten zu erhalten, die die Flotte der Großen Armee der Republik brauchte.

Das Gewehr, das man ihr vorhin in die Hand gedrückt hatte, war verschwunden. Vielleicht lag es immer noch draußen auf der Straße. Doch ihre Finger lagen jetzt auf dem Komlink, und sie musste sich auf ihren Tastsinn und ihr Erinnerungsvermögen verlassen, um die Tasten in der richtigen Reihenfolge zu drücken.

Hallena sendete jetzt und soweit sie wusste auch verschlüsselt. Es war jedoch zu riskant, sich jetzt schon davon zu überzeugen, ob ihre Nachricht auch ankam.

»Sie schalten als Erstes die bodengestützten Kom-Anlagen aus und nehmen sich dann die Kasernen des Staatsschutzes vor.« Shil gab ihr ihr Gewehr zurück. Dann hatte er es also mitgenommen. »Sie fangen im Zentrum der Stadt an und gehen von dort aus weiter. Das ist nicht das, womit ich gerechnet hatte, aber sie sind die Experten.«

»Droiden«, sagte Hallena.

»Normalerweise würde ich einen Droiden nur als etwas betrachten, das einem ehrlichen Arbeiter seinen Lohn raubt, mit dem er sich Essen kaufen will«, erklärte Shil. »Aber ich ziehe es vor, dass sie kämpfen statt Leute aus Fleisch und Blut.«

»Wir sorgen also nur dafür, dass die Sicherheitskräfte beschäftigt sind?«

Merish führte sie zur Tür. »Der Regent hat in den letzten dreißig Jahren das Geld nur für die Errichtung von Palästen und den Aufbau einer Geheimpolizei ausgegeben, die uns daran hindern soll, die Paläste niederzubrennen«, erklärte sie. »Deshalb ist er nie dazu gekommen, eine Armee aufzubauen, die mit einer Invasion fertig werden könnte. Es wird alles ziemlich schnell erledigt sein.«

Shil stützte sie mit einer Hand unter dem Ellbogen, als sie über Geröllbrocken stolperte, die auf der Straße lagen. Sie verspürte leichten Abscheu, dass sie falsches Spiel mit ihm trieb. Sie wusste zwar nicht viel über ihn, aber doch genug, dass er Schreckliches durchgemacht hatte, an dem er nicht zerbrochen war… Und sie gab jetzt ihr Bestes, doch noch dafür zu sorgen, während er alles tat, damit es ihr gut ging.

Es ist eine schmutzige Arbeit, die ich da mache. Wenn ich das nach all diesen Jahren immer noch nicht akzeptiert habe, belüge ich mich nur selbst.

»Ihr meint, unter den Separatisten wird es uns besser gehen, nicht wahr?«, fragte sie verdrießlich.

»Es kann nicht schlimmer werden, Orla«, erwiderte Merish.

Dass Merish ihren Decknamen benutzte, brachte sie etwas aus der Fassung. »Ich sehe keine landenden Separatistenschiffe.« Hallena blickte in den Nachthimmel hinauf und sah nur den Schein der Feuer, der von den tief hängenden Wolken reflektiert wurde. »Seid ihr sicher, dass sie uns nicht betrogen haben?«

»Sie werden da sein.«

Habt ihr das mitbekommen in der Zentrale? Könnt ihr das alles hören? Sobald ich einen Moment für mich allein habe, muss ich überprüfen, ob sie wissen, wo ich mich befinde und welche genauen Daten sie von mir wollen. »Und wenn sie verlieren?«

»Das werden sie nicht. Aber wenn es zu lange dauern sollte, bis sie den Staatsschutz ins nächste System katapultiert haben, werden wir uns den Truppen der Separatisten anschließen und kämpfen. Sie werden verlieren. Es ist nur die Frage, ob jetzt sofort oder später.«

Die Kämpfe waren weitergegangen. Shil, Merish und Varti fingen an, langsam zu laufen, um zur Nachhut aufzuschließen, sodass Hallena die Möglichkeit bekam, einfach langsam weiterzugehen. Ihr war nicht sehr nach Laufen. Ihr Kopf pochte jedes Mal, wenn sie einen Fuß auf den Boden aufsetzte. Sie fragte sich, ob sie wohl zusammenbrechen und später sterben würde. Durch das Gummigeschoss war sie bewusstlos geworden. Kopfverletzungen wie diese konnten einen Stunden später erledigen, nachdem man gedacht hatte, es ginge einem gut.

Das ist das Letzte, worüber ich mir jetzt Gedanken machen muss. Wirklich.

Dann piepte ihr Komlink.

Aber ich hatte den Ton doch abgestellt. Da versucht mich die Zentrale anzupiepsen.

Hallena versuchte es zu ignorieren, doch ihre Gefährten blieben trotz des Lärms aus Blasterladungen und Explosionen stehen, um zu lauschen.

Shil griff nach seinem Komlink und sah es an.

»Da ist überhaupt kein Signal«, sagte er langsam. »Unsere Miliz hat den Sender ausgeschaltet. Mit wem stehen Sie also in Kontakt, Genossin Taman?«

Merish und Shil zögerten eine Sekunde lang, dann stürzten sie sich auf sie und packten ihre Arme. Hallena hatte ihn kommen sehen – den Moment der Enthüllung. Sie hatten einen Spion unter sich. Sie überlegte, ob sie kämpfen sollte – und fast sicher sterben würde – oder besser auf Zeit spielte und auf eine Gelegenheit wartete, um zu fliehen.

Wenn sie mich nicht eh auf der Stelle umbringen.

Merish und Shil zwangen sie in die Knie und drückten ihr das Gewehr an den Kopf, während Varti die Blasterpistole aus ihrem Gürtel zog. Auch unverletzt hätte sie keine Chance gegen die drei gehabt.

Varti, der gar nicht mitzubekommen schien, dass um sie her gekämpft wurde, sah sie an. »Sie sind eine Spionin des Regenten…«

Wenn sie das denken, bin ich tot. Diesmal könnte die Wahrheit helfen.

»Nein, ich gehöre zur Republik«, sagte sie und wusste, welches Wagnis sie damit einging.

»Dann könnten Sie vielleicht nützlich sein. Unsere neuen separatistischen Verbündeten werden erfreut sein, Sie kennenzulernen. Ach, wollen wir doch so gut sein, sie bei ihrem richtigen Namen zu nennen – die Konföderation unabhängiger Systeme. Mir gefällt die Bezeichnung.« Der alte Mann hielt ihr die Hand hin. »Jetzt geben Sie mir das Komlink.«

Es gab keine Beschimpfungen, keine Tritte, keine Wut. Hallena war im Rahmen ihrer Ausbildung darauf vorbereitet worden, mit der schlimmsten denkbaren Behandlung zu rechnen, wenn sie gefangen genommen wurde. Das war der Grund, warum Spione mit einem schnell wirkenden Gift ausgestattet waren. Es war ein letzter Akt der Gnade, der in einer winzigen Kapsel versteckt in einem Metallbehälter in ihrer Hosentasche steckte. Sie glaubte nicht, dass sich etwas an der zurückhaltenden und professionellen Behandlung, die sie durch diese Revolutionäre erfuhr, ändern würde. Dafür hatten sie alle viel zu viel gelitten.

Und sie wusste, was die Seps ihr antun würden.

Schon komisch. Bei den Revolutionären fühle ich mich wohler, auch wenn die mir den Kopf abreißen wollen. Mein Führungsoffizier hat mich davor gewarnt. Sich mit seinen Zielpersonen zu identifizieren, wäre ein Berufsrisiko.

»Ich habe nie behauptet, dass Sie keinen Grund hätten, den Regenten zu hassen«, stellte sie fest. »Aber Sie machen sich ja gar keine Vorstellung davon, wie schlimm es erst werden wird, wenn die Separatisten diesen Krieg gewinnen.«

»Aber Sie haben eine Vorstellung davon?«

Nein. Eigentlich nicht. Ich habe auch keine Vorstellung davon. Hallena hasste Dinge, die sie in solchen Momenten dazu brachten, innehalten und nachdenken zu wollen.

»Wir werden sehen«, erwiderte sie.

»Shil, nimm ihr das Komlink ab.«

Das war ihre letzte Gelegenheit, ein Notsignal abzusetzen. Ihre Chance gerettet zu werden, war nicht groß, aber man brachte einem Spion bei, zumindest darauf eingestellt zu sein. Sie würde das Komlink lange genug in der Hand halten, um es zu versuchen.

»Okay«, sagte sie. »Hier ist es.«

Sie schob eine Hand in ihre Jacke und bewegte sich dabei ganz langsam, damit die anderen erkannten, dass sie nicht nach einer verborgenen Waffe greifen wollte. So professionell sie auch wirken mochten, hatten Vartis Rebellen es doch unterlassen, sie zu durchsuchen. Als sie ihre Hand wieder hervorzog – langsam, sehr langsam –, lag das Komlink auf ihrer Handfläche und die gelbe Betriebsleuchte blinkte.

Hallena hatte noch eine Sekunde. Sie nutzte sie.

Als sie das Komlink Varti reichte, drückte sie auf SENDEN, um ein Notsignal abzusetzen. Im nächsten Augenblick krachte auch schon Shils Stiefel auf ihre Hand und vernichtete damit ihre Hoffnung, doch noch lebend von JanFathal wegzukommen. Das Komlink schlitterte über den Boden.

Aber ihr war das Risiko bewusst, als sie sich verpflichtet hatte.

Das zumindest würde Gil wissen.

 

 

BRÜCKE, REPUBLIKANISCHES ANGRIFFSSCHIFF LEVELER

 

»Alle Mann in Alarmbereitschaft. Ich wiederhole. Alle Mann in Alarmbereitschaft.«

Pellaeon spürte, wie sich die Stimmung im ganzen Schiff veränderte. Er brauchte kein Jedi zu sein, um zu merken, wie alle um ihn herum plötzlich von Adrenalin durchströmt wurden. Die Leveler würde noch eine Weile wie geplant auf Vordermann gebracht werden, aber die Lautsprecherdurchsage machte klar, dass die Überholungs- und Probephase beendet war und man sich jetzt auf reale Gefahren einstellen musste. Wenn die Leveler in Gefahr geriet, würde jedem Pfeifenkommando – jeder Ankündigung – das Wort Alarm, welches dreimal wiederholt wurde, vorangestellt werden, sodass jeder wusste, dass es sich nicht länger um eine Übung handelte.

Pellaeon war ein hartnäckiger Verfechter der bewährten Vorgehensweisen bei der Flotte. Wenn andere Kapitäne sich mit hochkomplizierten, supermodernen Sicherungssystemen herumplagen wollten, dann war das ihre Sache. Er hatte es immer noch meist mit einer aus Menschen bestehenden Mannschaft zu tun, und Menschen hatten sich seit langer Zeit nicht viel geändert.

Ahsoka beobachtete ihn. Er konnte ihren Blick spüren, und als er den Kopf drehte, um sie anzuschauen, schien sie wie gebannt. Das nervte ihn. Rex ging mit seinem Helm in der einen und Sonden in der anderen Hand über die Brücke, während er versuchte, eine Verbindung zwischen seinem HUD und dem Statussystem des Schiffes herzustellen. Er hatte sich wieder den Kopf rasiert. Pellaeon musste ihn fragen, warum, wenn sich die derzeitige Anspannung wieder etwas gelegt hatte.

»Sir«, sagte die Stimme des Führungsoffiziers aus dem Einsatzraum, »gerade ist ein Frachter aus dem Hyperraum gesprungen.«

Pellaeon konzentrierte sich auf den Sender, der vom Sensorverstärker abgetastet wurde. In Zeiten wie diesen war es sinnvoll anzunehmen, dass andere Schiffe grundsätzlich feindlich gesinnt waren, bis das Gegenteil bewiesen war. Ein falscher Sender, der sogar Sensoren der Republik täuschte, war nicht schwer zu beschaffen. Und die Ingenieure waren immer noch dabei, kleinere Macken im System zu beheben.

Pellaeon drückte einen Knopf rechts seiner Hand.

»Einsatzraum, können Sie die Hülle auf diese Entfernung anpingen und eine Bestätigung erhalten?«

»Das ist nicht nötig, Sir«, sagte Ahsoka. »Das Schiff ist voller Jedi. Ich kann sie spüren.«

Der Commander im Einsatzraum zögerte. »Sir, es ist ein Transportschiff der Vernal-Klasse, registriert unter dem Namen Wookieeschütze. In der Datenbank der Republik steht, sie wäre für Katastropheneinsätze abgestellt worden von…« Pellaeon hörte, wie etwas eingetippt wurde. »Von Meister Djinn Altis. Nicht vom Rat der Jedi.«

Pellaeon drehte sich zu Ahsoka um und lächelte sie an. Er konnte sich nicht dazu überwinden, sie mit Commander anzusprechen, auch wenn jeder Jedi-Offizier, der kein General war, diesen Dienstgrad innehatte. Theoretisch. Aber nicht auf meinem Schiff. Gütiger Himmel, sie war schließlich erst vierzehn. Er weigerte sich, da mitzuspielen. Die Beförderungskommission konnte das ruhig mit auf die Liste seiner Verfehlungen setzen: Zeigt mangelnde Ehrerbietung gegenüber Padawanen, die noch im Kindesalter sind. Damit kam er klar.

»Gute Arbeit«, meinte Pellaeon. »Und wer ist nun dieser Meister Altis?«

Ahsoka schien ihr Gehirn nach einer Antwort zu durchforsten. Sie sah zur Seite und blinzelte kurz.

»Ich bin mir nicht sicher«, sagte sie. »Ich habe noch nie von ihm gehört. Aber… er ist auf jeden Fall sehr stark in der Macht. Wie auch viele seiner Gefährten.«

»Er könnte nicht einer von Euren Sith-Vettern sein, oder?«

»Das sind nicht unsere Vettern. Nein, ich kann nichts Dunkles spüren. Davon abgesehen, was wissen Sie überhaupt über die Sith?«

Machtnutzer waren daran gewöhnt, dass die Allgemeinheit eigentlich fast nichts über sie wusste, doch Pellaeon legte Wert darauf, immer so viel er konnte in Erfahrung zu bringen. Und die Jedi konnten die Annalen der Geschichte der Galaxis nicht zum Schweigen bringen, noch konnten sie deren Wissen für sich allein beanspruchen. Es war nur etwas, wo die wenigsten je einen Blick hineinwarfen.

»Lasst mich nur wissen, wenn ich ihn wegpusten muss. Das ist alles.«

»Nein. Das ist nicht nötig, Captain.« Ahsoka schien sich nicht ganz wohl zu fühlen. Entweder spürte sie in Bezug auf das Transportschiff etwas, das sie beunruhigte, oder sie machte sich Gedanken, weil sie nicht recht wusste, wer Altis war. »Alles in Ordnung.«

Pellaeons Blick hing weiter am Bildschirm des Sensors. Er konnte erkennen, dass sich jetzt noch mehr Schiffe der Separatisten um JanFathal sammelten, und die Leveler konnte kaum mehr tun, als Informationen weiterzugeben, bis die Flotte entschied, ob man Schiffe entbehren konnte.

»Sir, das Transportschiff befindet sich auf Abfangkurs mit uns«, meldete der Commander aus dem Einsatzraum.

Vielleicht suchte das Schiff nach Schutz. Das zumindest war etwas, das Pellaeon gewähren konnte.

»Kom-Zentrale, stellen Sie eine Verbindung zum Kapitän des Schiffes her«, befahl er. »Ich will ihn fragen, was er macht, und ob er weiß, dass sich eine ganze Flottille von Separatisten in bedrohlicher Nähe befindet…«

»Natürlich weiß er das«, sagte Ahsoka mehr zu sich selber. »Er ist ein Jedi.«

»Aber ich wette, dass er trotzdem Sensoren benutzt, mein allwissender Padawan.« Pellaeon stellte sein Komlink auf den Schaltkreis des Schiffes ein. »Wookieeschütze, hier ist das Kriegsschiff Leveler. Bitte, geben Sie Ihren geplanten Kurs durch. Sie befinden sich in Gefahr. Ich wiederhole. Sie befinden sich in Gefahr. Over.«

Er wartete. Die Stimme, die daraufhin antwortete, war nicht formell und hielt sich nicht an das Protokoll für Nachrichtenübertragungen.

»Leveler, hier ist Meister Altis von der Wookieeschütze. Wir benötigen unter Umständen Ihre Hilfe.«

»Meister Altis, hier ist Captain Gilad Pellaeon. Wie können wir Euch helfen?«

»Wir haben das Notsignal eines republikanischen Agenten auf JanFathal aufgefangen, und da Sie und ich die einzigen republikanischen Schiffe in der Nähe sind, denke ich, dass wir versuchen sollten, den Agenten herauszuholen, ehe die Separatisten einfallen.«

Pellaeon zögerte und schaltete die Verbindung aus Gewohnheit stumm. »Rumahn, warum haben wir dieses Signal nicht aufgefangen?«

»Es ist nichts reingekommen, Sir«, sagte der Erste Offizier. »Kanal sechzehn arbeitet einwandfrei.«

Pellaeon fragte sich, ob man einen Jedi wohl mit einer gefälschten Nachricht täuschen konnte. Er stellte die Verbindung zur Wookieeschütze wieder her.

»Wir haben kein Notsignal aufgefangen, Meister Altis. Ehe ich mein Schiff einer Gefahr aussetze, würde ich gern sicher sein, nicht in einen Hinterhalt zu geraten.«

»Lange bevor wir das Signal empfingen, spürten wir eine Erschütterung der Macht, Captain, und wir haben es auf einer Frequenz aufgefangen, auf der wir es nicht erwartet hätten. Und zwar auf einem Navigationskanal, der nur selten benutzt wird.«

Pellaeon versuchte ruhig zu bleiben. »Ach, dann reist Ihr viel in dieser Gegend?«

»Ja – unsere Gemeinschaft ist immer unterwegs, und ich habe mehr als vierzig Jahre damit verbracht, in diesen fernen Regionen nach Wissen zu suchen.«

Nun, vielleicht weiß er etwas, von dem wir keine Ahnung haben… »Was war der Inhalt der Nachricht?«

»Wir haben versucht, eine Verbindung zu dem Komlink herzustellen, von dem die Nachricht kam, aber sie brach kurz darauf ab. Der Agent war der Meinung, eine Nachricht an den Republikanischen Geheimdienst zu senden. Wir glauben, dass es sich bei der Person um die Agentin Orla Taman handelt.«

Der Name sagte Pellaeon nichts. Er nahm an, dass wohl auch Hallena ihn nicht kennen würde. Es war eine Vorsichtsmaßnahme bei Agenten, dass diese nur das Nötigste wussten.

»Wartet einen Moment, Meister Altis.« Pellaeon wandte sich an Rumahn. »Nummer Eins, setzen Sie sich umgehend mit dem Geheimdienst der Republik in Verbindung. Sie sollen bestätigen, dass es eine Orla Taman gibt. Erklären Sie denen, warum wir das wissen wollen, und fragen Sie, ob Orla Taman hier draußen im Einsatz ist.«

Rumahn begab sich an eine andere Kom-Konsole, um den Befehl auszuführen. Allerdings gab es keine Garantie, dass der Geheimdienst ihnen überhaupt sagte, wen sie wo eingesetzt hatten. Doch es wäre selbstmörderisch, nicht zumindest zu versuchen, sich die Nachricht bestätigen zu lassen. Sollte der Geheimdienst mal wieder das Need-to-know-Prinzip ins Spiel bringen, würde Pellaeon eine Entscheidung fällen müssen: Entweder er nahm die Mitteilung ernst und brachte seine Mannschaft in Gefahr, oder er ignorierte sie und überließ damit möglicherweise einen Spion dem sicheren Tod.

Ein Spion wie meine Hallena. Wäre sie diejenige, die sich in dieser Lage befindet, würde ich dann nicht wollen, dass ein anderes Schiff alles tut, was es kann?

Rumahn kam zu Pellaeon zurück und beugte sich dicht an sein Ohr. Ahsoka beobachtete das Ganze mit der intensiven Neugier eines Kindes, welches weiß, dass die Erwachsenen eine vertrauliche Unterhaltung führen. Mit ein paar Schritten kam Rex näher und stellte sich zwischen sie und Pellaeon, um sie wahrscheinlich abzulenken.

Guter Mann, Rex.

»Sir«, sagte Rumahn leise. »Der Geheimdienst glaubt, die Mitteilung ist echt. Sie haben das Signal auch nicht aufgefangen, aber sie sagen, Orla Taman wäre der Deckname einer Spionin, die vor ein paar Tagen in Athar auf JanFathal eingetroffen sei. Sie sagen, wenn wir einsatzbereit wären, würden sie es sehr zu schätzen wissen, wenn wir helfen, sie herauszuholen; denn wir seien deutlich dichter an JanFathal als jedes andere Schiff.«

»Na gut, dann wollen wir uns mal mit dem Jedi-Schiff treffen, schaffen Altis und seine wichtigsten Leute zu uns rüber und arbeiten dann gemeinsam einen Plan aus. Rex, sind Sie bereit?«

Rex drehte sich um. »Nun, Sie haben keine anderen Truppen als uns an Bord… Also werden wir es machen.«

»Hervorragend«, sagte Pellaeon. »Wir sind für so einen Einsatz zwar nicht ausgerüstet, aber ich mag Herausforderungen. Ist gut für die Moral der Mannschaft, wenn wir es schaffen.« Für die arme Frau da unten ist es auch gut. »Haben die Ihnen zufälligerweise ihren richtigen Namen genannt, Rumahn? Ich hoffe es doch. Denn so wird sie wissen, dass wir wirklich die sind, die wir behaupten zu sein.«

»Ja, Sir.« Rumahn sah auf sein Päd. »Hallena Devis.«

Pellaeon spürte, wie sein Herzschlag stockte. Er wusste zwar, dass es weiterpochte, aber da war ein ganz seltsames Gefühl, das von seinem Mund bis in seine Brust zuckte. Er musste seine ganze Selbstbeherrschung aufbieten, um keinen Fluch auszustoßen.

Rumahn hatte natürlich keine Ahnung, wer Hallena war. Zumindest in der Hinsicht war Pellaeon diskret gewesen. Aber Ahsokas Kopf fuhr herum, und sie starrte ihn an. Zweifellos konnte sie sein Entsetzen und seine Angst spüren. Rex, der Ahsoka anscheinend als Rauchmelder benutzte, hörte auf, an den Schaltkreisen seines Helms herumzubasteln.

Ich muss sie retten.

Aber ich bin zu befangen.

Und wenn ich meine Männer bitte, ihr Leben aufs Spiel zu setzen…

Er musste es ihnen sagen. Das gebot der Anstand.

»Ich habe etwas Wichtiges mitzuteilen«, erklärte Pellaeon mit ruhiger Stimme. »Ich möchte, dass keine Missverständnisse darüber aufkommen, warum wir das hier tun. Sie müssen wissen, dass Hallena Devis… eine Freundin von mir ist.« Er holte tief Luft. »Eine sehr gute Freundin.«