Sieben
Eines Tages wird der Rat sich von der Regel, dass Jedi keine Bindungen eingehen dürfen, völlig distanzieren, wenn es denn ein paar Jedi-Meistern gerade so passen sollte. Sie werden Familien haben und mächtige Dynastien gründen. Bei ihnen rechtfertigt das Ergebnis die Mittel. Wie bei uns – aber wir geben es wenigstens zu, nicht wahr?
Count Dooku zu Asajj Ventress
ATHAR, AUF DEM WEG ZUM SHUTTLE
Hallena war so mit Adrenalin vollgepumpt, dass sie beim Laufen keinen Schmerz am Kopf verspürte.
Doch ihre Lunge flehte sie förmlich an, stehen zu bleiben. Sie merkte, wie die Kraft sie allmählich verließ, weil sie scheinbar einfach nicht mehr genug Luft in ihre Lunge pumpen konnte. Ihr wurde außerdem bewusst, dass sie nicht einmal annähernd so durchtrainiert war wie ein Klonsoldat – und mit einem solchen versuchte sie gerade Schritt zu halten.
Aber sie hatte ihr Komlink wieder. Die Informationen, die sich darin befanden, waren einfach zu wertvoll, als dass sie in feindliche Hände hätten fallen dürfen. Für den Fall der Fälle übermittelte sie darüber weiter ein Ortungssignal, damit ihr Führungsoffizier wusste, wo sie jetzt war.
Hinter sich hörte sie, wie geschossen wurde. Sie hatte auch gehört, wie die Befehle über das Kommunikationssystem der Klone gebrüllt worden waren.
»Wir können sie nicht zurücklassen«, keuchte sie.
»Laufen Sie weiter, Ma’am.« Ince packte ihren Arm, als sie langsamer wurde. »Coric hat den Antrieb gestartet.«
»Wir gehen erst, wenn die anderen auch da sind, ist das klar?«
»Ma’am – der Befehl lautete, Sie hier herauszuholen – und das machen wir gerade.«
Sie hatte eine lange Liste mit Fragen, die immer lauter wurden, wie ein wütender Mob, der Antworten verlangte. Ihr Körper jedoch sagte, dass diese noch warten konnten, und dass sie so schnell wie möglich von hier wegkommen sollte. Aber vielleicht war Shil gar nicht tot, und so machte sie sich Gedanken, was ihm wohl passiert war. Und dann waren da all diese Fremden, die ihr Leben aufs Spiel setzten, um sie hier rauszuholen, und sie wusste nicht – sie hatte überhaupt keine Ahnung –, warum es so wichtig war, sie zu retten.
»Dafür hab ich doch meine Giftkapsel«, sagte sie. »Damit man mich nicht herausholen muss.«
»Dann ist es also kein Mythos…«
Das Donnern von Kanonenboottriebwerken ließ sie alle nach Deckung suchen. Einer der anderen Klone, dessen Namen sie nicht mitbekommen hatte, zog sie in den Schutz eines Kellereingangs, bis das Kanonenboot vorbei war.
»Ince hier, Sir.« Hallena konnte ihn hören. Die Helme hatten externe Lautsprecher. »Sep-Kanonenboot, fünf Minuten von Ihnen entfernt – fliegt Richtung Nordwesten und wahrscheinlich an Ihnen vorbei, aber passen Sie trotzdem auf.« Er sprang wieder auf und bedeutete mit einem Winken, dass sie weiterlaufen sollten. »Haltet euch dicht an den Wänden, Jungs. Der Captain bringt uns um, wenn wir unseren ersten Einsatz versauen.«
Die kurze Atempause hatte Hallena Aufwind gegeben. Sie rannte so schnell sie konnte. Als sie hinter Ince um die Ecke kam und die aufgegebene Fabrik sah, konnte sie bereits das schwache Brummen eines Shuttleantriebs hören.
»Wir sind’s, Sarge«, brüllte Ince. »Wir haben sie. Aufmachen.«
Der Zivilist – der, dem sie wie eine Teppichrolle zugeworfen worden war – half ihr ins Truppenabteil. Sie sank auf einen der Plätze am Schott und versuchte wieder zu Atem zu kommen, während er ihre Kopfwunde untersuchte.
Der Pilot drehte sich um. Er hatte keinen Helm auf, sondern trug nur ein Headset, über das er mit den anderen in Verbindung stand. Er war ein sehr ernst wirkender junger Mann mit erschreckend kurz geschnittenem, schwarzem Haar. Und plötzlich wurde Hallena klar, dass sie in das Gesicht einer ganzen Armee schaute.
»Der Captain sitzt fest«, sagte er. »Habt ihr den Sprechverkehr mitbekommen?«
Die drei Soldaten legten alle auf einmal los.
»Ich kann seine HUD-Anzeige sehen, Sarge…«
»Ach, komm schon. Sollen wir jetzt zurückgehen und ihnen helfen, oder was?«
»Wir können nicht einfach hier herumsitzen.«
»Das könnt ihr sehr wohl«, fuhr der Sergeant sie an. »Und das werdet ihr auch. Ansonsten laufen wir Gefahr, den ganzen Trupp zu verlieren. Warten wir ein paar Minuten ab. Ich schaue gerade, was von der Drohne übertragen wird, und wenn ihr euch mal ’ne Sekunde Zeit genommen hättet nachzudenken, wärt ihr vielleicht auch auf die Idee gekommen, euch da einzuklinken.«
Hallena hatte – mal wieder – keine Ahnung, was eigentlich los war. Seit mehr als einem Tag war sie quasi völlig blind und taub. Und nun konnte sie wieder nicht alles von dem sehen und hören, was die Klone sahen und hörten. Sie konnte sich nur anhand der Gesprächsfetzen ein ungefähres Bild machen… So außen vor zu sein, war sie nicht gewöhnt. Die Sekunden fühlten sich wie Stunden an.
»Gehören Sie dem Geheimdienst an?«, fragte sie den Zivilisten.
»Ich bin ein Jedi«, erwiderte er. »Jedi-Ritter Geith Eris. Ich glaube, nicht einmal ein Klon könnte etwas, das aus so großer Höhe kommt, fangen, ohne sich dabei etwas zu brechen.«
»Haben Sie eine Nachricht an die Leveler durchgegeben, damit Pellaeon weiß, dass sie okay ist?«, fragte Ince den Piloten. »Er wird bereits die Wände hochgehen, wenn er etwas vom Funkverkehr mitbekommen kann.«
»Ja, habe ich, Soldat.«
Die Erwähnung von Gils Namen – und seinem Schiff – rief bei Hallena zwiespältige Gefühle hervor. Zum einen überkam sie eine unbeschreibliche Hochstimmung, doch zum anderen spürte sie Verärgerung, dass nun alle – wirklich alle – von ihrer Liebschaft wussten.
»Was ist mit dem Schiff?«, fragte ein anderer Klon. »Hat doch keinen Sinn, hier auf die Schnelle zu verduften, wenn wir damit eh nicht bis nach Hause kommen.«
»Die Sensoren sind online, mit dem Antrieb ist alles in Ordnung, aber die Zielerfassung der Erschütterungsraketen sieht noch etwas seltsam aus. Vielleicht können wir im schlimmsten Fall versuchen, mit dieser Kiste zur Kemla-Werft zu fliegen.«
»Unser Aktionsradius ist durch die zur Verfügung stehende Menge von Sauerstoff begrenzt, schon vergessen? Nein, wir müssen zurück an Bord.«
Es war offensichtlich, dass sie über ein Kriegsschiff sprachen. »Bringen Sie mich auf ein Schiff?«
»Die Leveler, Ma’am. Wohin sonst?«
Gil war wahnsinnig. War er etwa ganz bis hierher gekommen – von wo immer das sein und was immer er getan haben mochte –, um sein Schiff aufs Spiel zu setzen, weil sie in Schwierigkeiten steckte und er ihren Notruf irgendwie aufgefangen hatte? Sie wurde von heftigen Schuldgefühlen erfasst. Man erwartete von Geheimagenten, dass sie die eigenen Leute retteten. Die Vorstellung, dass es auch umgekehrt sein konnte, war nicht sehr weit verbreitet. Es kam zwar vor, aber sie hatte kein gutes Gefühl bei der Sache.
»Es ist verrückt«, sagte sie zu sich selbst. »Was wird aus euren Leuten, die ihr zurückgelassen habt?«
Der Sergeant – es musste wohl Coric sein – hielt den Empfänger ein bisschen dichter an den Mund. »Wow. He, seht mal auf eure HUDs. Seid ihr etwa blind oder was? Jetzt seht ihr, warum ihr immer einen oder auch drei Jedi mitschleppen müsst.«
Hallena hielt es nicht länger aus. »Zeigen Sie es mir«, forderte sie von Ince. »Zeigen Sie mir, was Sie sehen können.«
Der Klonsoldat griff in seinen Gürtel und zog ein Datapad hervor. Auf dem kleinen Bildschirm waren ruckelnde, chaotische Bilder zu sehen, wie man sie von Verfolgungsjagden auf Holovids kannte. Hier handelte es sich aber offensichtlich um die Helmkamera eines Klons, die filmte, was dieser gerade sah. Massen von Droiden füllten die Straße. Was zunächst wie eine Barrikade aus Schrott wirkte, erwies sich auf den zweiten Blick als die sich auftürmenden Einzelteile von Droiden. Ein paar Meter von dem Haufen entfernt standen zwei Menschen und ein – ein Kind, ja, ein Kind, eine Togruta, die ihre Lichtschwerter gezogen hatten und die freie Hand nach vorn streckten. Blasterfeuer riss Breschen in die Reihen der Droiden. Einen kurzen Moment lang konnte man Gestalten in weißen Rüstungen sehen, als die Kamera einen Schwenk machte. Als sich die Helmkamera senkte – der Klon schaute wohl nach unten –, sah sie einen weiteren Soldaten auf dem Boden liegen. Seine Rüstung war schwer beschädigt und ein anderer versuchte, ihn aus dem Kampfbereich zu ziehen.
Das passiert alles meinetwegen. Hier geht es nicht um wichtige nachrichtendienstliche Informationen. Ich habe keine.
Das rechtfertigt nicht all diese Leben. Ich rechtfertige nicht all diese Leben.
Hallena griff nach Inces Arm, um auf sich aufmerksam zu machen, und musste ihn dafür leicht schütteln. Er beobachtete seine Kameraden, die in Schwierigkeiten steckten, und war hin und her gerissen zwischen seinen Befehlen und dem, was er meinte, eigentlich tun zu müssen.
»Holt sie dort raus«, sagte Hallena. »Jetzt.«
AN DER KAMPFDROIDENFRONT, ATHAR
Veres Blickfeldanzeige war immer noch am linken Rand von Rex’ HUD eingeblendet und er konnte sie nicht ausschalten.
Er war sich sicher, dass Vere den bewölkten Himmel, den er anzustarren schien, nicht mehr sah.
»Nichts zu machen, Sir«, sagte Boro. Er versuchte immer noch eine Kanüle an Veres Arm anzulegen. Dafür hatte er die Plastoidteile der Rüstung zur Seite gerissen und den darunter liegenden schwarzen Stoff weggeschoben. »Kein Puls. Nichts.«
Jede Sekunde, die Boro versuchte, Vere wiederzubeleben, gefährdete sein eigenes Leben. Während Rex wieder eine volle Blasterladung auf die Droiden abgab und dann zum Nachladen in Deckung ging, kämpfte er gegen die immer stärker werdende Wut in ihm an – wegen eines Jungen, dessen aktiver Dienst nur acht Tage gewährt hatte… von dem Moment an, als er Kamino verlassen hatte, um dann hier mit einer von Droidengranaten zerfetzten Rüstung zu enden.
Acht Tage waren für jeden zu wenig.
Die Einzigen, die er dafür bezahlen lassen konnte, hatten sich vor ihm versammelt. Schön. Obwohl der Krieg erst einige Monate währte, hatte er schon so viele Männer verloren, dass es keine Rolle mehr zu spielen schien, ob er ihnen nun früher oder später folgte. Denn dann würde er nicht mehr von dem Gefühl gequält werden, sie im Stich gelassen zu haben, und sich keine Gedanken mehr machen müssen, wie viele er wohl morgen verlieren würde.
»Boro, hör endlich auf damit.« Er packte den jungen Klontruppler am Arm. »Er ist tot, Junge. Wenn du jetzt nicht endlich deine Deeze nimmst und anfängst zu schießen, bist du der Nächste.«
»Sir, ich habe eine medizinische Ausbildung erhalten. Ich kann…«
Boro hielt plötzlich inne, setzte sich kurz auf und nahm dann sein Gewehr wieder in die Hand. Rex hörte, wie er sein Mikrofon ausschaltete – also fluchte er gerade lauthals oder schluchzte oder tat sonst etwas, um mit dem Verlust seines Kumpels fertig zu werden. Aber er kam darüber hinweg. Er feuerte auf die Droiden, und nur, wer wusste, was in dem Helm vor sich ging, konnte sich vorstellen, was er gerade durchmachte.
»Rex! Rex!« Ahsoka löste sich von Altis und Callista, die nach wie vor versuchten, die Droiden aufzuhalten. »Nehmen Sie Vere mit, und hauen Sie ab.«
Die Metallmassen drängten sich immer dichter zusammen. Wenn die Blechbüchsen auch nur ansatzweise denken könnten, würden ein paar Trupps aus den hinteren Reihen ausbrechen und einen anderen Weg versuchen. Aber die Bilder, die die Drohne übertrug, zeigten Rex, dass sie das nicht taten. In den Seitenstraßen waren von den Aufständischen Barrikaden errichtet worden.
Wir brauchen eigentlich nur einen Sprengtrupp, um eine Bresche in ihre Reihen zu reißen und dann durchzubrechen. Blechbüchsen denken nicht.
»Er ist tot«, sagte Rex und eröffnete wieder das Feuer.
»Oh.«
»Wir können die Stellung nicht mehr lange halten. Ich brauche nur ein paar Minuten, um ein paar Ladungen anzubringen… Dann verduften wir.«
»Ich könnte sie lange genug aufhalten, sodass alle weglaufen können.«
Rex steckte einen Granatwerfer auf sein Gewehr. Eigentlich gehörte dieser Aufsatz nicht standardmäßig zum DC-15, doch er passte und funktionierte gut. Er zielte auf einen Punkt kurz hinter den vorderen Reihen und schoss. Granatsplitter stoben hoch in die Luft und fielen zischend wieder herab.
»Das ist sehr nobel«, erwiderte er, »aber nutzlos, denn ich kann keinen Jedi unter meiner Obhut verlieren.«
»Ich kann wie jeder andere rennen. Sie wissen das.«
»Mein Kommando«, sagte er und fragte sich, warum er eigentlich überhaupt keine Panik verspürte, sondern nur diese schrecklich erstickende Wut. Er zählte die ihm noch zur Verfügung stehenden Granaten und versuchte abzuschätzen, wie weit die Rolle mit dem hochentzündlichen Detonitband reichen würde. »Meine Entscheidung. Haltet die Stellung, während ich die Ladungen anbringe.«
»Sie werden getötet werden.«
»Bei einem Maximum an Überlebenden. Ihr wisst doch, was Eure Chefs über Bindungen sagen, Kleine. Bindet Euch nicht zu sehr an mich.«
Ahsoka blinzelte kurz, dann wich sie zurück und hob dabei das Lichtschwert, als wäre ihr erst im Nachhinein eingefallen, damit auch Blasterschüsse abzuwehren.
»Erfahrene Captains sind mehr wert als einfaches Kanonenfutter«, sagte Boro. »Warum soll ich nicht…«
»Okay, das Ende der Schlange für heldenmütige Märtyrer befindet sich dort«, gab Rex gereizt zurück. »Hol dir ’ne Wartemarke, und man wird sich dann so schnell wie möglich um dich kümmern.«
»Tut mir leid, Sir.«
»Nein, mein Fehler. Mir tut es leid. Sobald das hier zündfertig ist, schnappen Sie sich Ahsoka und verschwinden von hier, Soldat!«
»Hätten wir das auch getan, wenn es dabei nicht um Pellaeons Freundin ginge, Sir?«
»Ja. Weil es das ist, was andere auch für uns tun sollen.«
Der Boden unter seinen Füßen fing an zu beben. Zuerst dachte er, es würde durch Artilleriebombardement hervorgerufen, doch dann sah er die Risse im Straßenpflaster. Anfangs waren es nur Haarrisse, die sich durch den Permabeton zogen, doch schnell taten sich größere Spalten auf.
»Meister Altis?«, brüllte Rex. »Was passiert da gerade?«
Altis sah nach unten. Die eine Hand war immer noch erhoben, als würde er gegen eine unsichtbare Tür drücken, vor der er als ungebetener Gast stand. Callista und Ahsoka waren in der gleichen Haltung erstarrt.
»Oh, das schon wieder«, sagte er. Schweißperlen hatten sich auf seiner Stirn gebildet. »Wir erzeugen so viel Druck, dass wir dadurch eine Absenkung des Bodens hervorrufen.«
Mauerstücke begannen auf beiden Seiten der Straße von den Gebäuden zu brechen. Teile des Schutts stürzten in die Reihen der Droiden. Und was eben noch wie eine Geisterstadt ausgesehen hatte, wandelte sich plötzlich in verzweifelt hektisches Leben, als die Leute haufenweise aus den Eingängen stürmten – all die Einheimischen, die sich versteckt hatten, bis die Kämpfe vorbei waren.
»Ich glaube, Ihr solltet jetzt aufhören und rennen«, meinte Rex.
»Gute Idee«, erwiderte Altis. »Sonst töte ich am Ende noch mehr Unbeteiligte als Feinde.« Der Jedi-Meister packte Callistas Schulter, als wolle er sie aus ihrer Trance reißen, und sie riss den Kopf herum. »Ihr Kamerad ist tot. Es tut mir leid.«
»Mir auch«, entgegnete Rex. »Coric?« Über sein Komlink stellte er eine Verbindung zur Fähre her. »Coric, wir treten jetzt den Rückzug an. Bleiben Sie auf Empfang.« Er nickte Altis zu. »Dann fangt mal zu zählen an, Sir.«
»In drei… zwei…jetzt.«
Nun, drei Sekunden Vorwarnzeit waren besser als gar nichts.
Sobald die Jedi mit dem Macht-Schub aufhörten, stürzte das Gebäude zur Rechten der vorderen Droidenreihen in einer donnernden Staubwolke in sich zusammen. Der Staub breitete sich wie bei einem Vulkanausbruch über die ganze Straße aus.
Boro schaute sich ein paarmal um. Er hielt ein Stück von Veres Rüstung, ein Teil der Schulterpanzerung, in der Hand, doch dann regelte Altis die Situation, indem er zu ihm lief, ehe Rex es tat. Der alte Jedi legte seine Hand auf den Rücken des Klons und sagte etwas. Was es auch gewesen sein mochte, es setzte Boro in Bewegung. Rex raste auf die Seitenstraßen zu, denn er rechnete mit dem Schlimmsten.
»Sir, rühren Sie sich nicht vom Fleck«, ertönte Corics Stimme aus seinem Ohrstöpsel. »Wir kommen zu Ihnen. Wir setzen am Ende der Straße auf. Können Sie die Gitter an der Kreuzung sehen?«
Rex machte eine Kehrtwende und gab allen das Zeichen, stehen zu bleiben. Ihnen waren noch keine Droiden auf den Fersen – diese dummen, verkrifften Schrotthaufen versuchten sich wahrscheinlich immer noch durch den Schutt zu arbeiten, weil sie nicht klettern konnten – doch das hieß nicht, dass sie nicht vielleicht von oben ins Visier genommen wurden.
»Ich sehe es«, bestätigte Rex. »Und hatte Ihnen gesagt, dass Sie warten sollen.«
»Agentin Devis hat uns befohlen, Sie zu holen, Sir.« Coric klang, als versuchte er krampfhaft, ganz locker zu erscheinen. »Die bessere Hälfte eines Offiziers hat stets einen höheren Rang. Sie ist also so etwas Ähnliches wie ein Kommodore. Und sie steht direkt vor nur.«
»Okay, gebt uns etwas Zeit, um bis zur Kreuzung zu kommen.«
Sie liefen wieder los, legten kleine Spurts ein und hielten Abstand zueinander, falls irgendwelche Einheimischen bewaffnet und zornig genug waren, um eine Rechnung mit einer Republik zu begleichen, die nichts für sie getan hatte.
Der gute alte Coric. Woher weiß ein Mann nur, wann man sich wirklich wünscht, dass er mal einen Befehl missachtet?
Für Vere war es zu spät. Rex spürte, wie er seine Wut wieder so weit verdrängte, dass sie ihm gerade noch so viel Antrieb gab, um sich voll und ganz auf die aktuelle Situation zu konzentrieren. Er würde sich erst später gehen lassen, wenn keiner dabei war und zusah, wie er zusammenbrach.
Das vertraute Brummen des Shuttleantriebs war nun zu hören und wurde erst noch von den Gebäuden gedämpft, bis die Fähre dann plötzlich laut donnernd in der Straße auftauchte. Sie schwebte etwa einen Meter über der Straße; die Abwinde ließen das Wasser der Pfützen in alle Richtungen spritzen. Ross und Ince sprangen heraus und nahmen Verteidigungsposition ein. Dann setzte die Fähre auf den Dämpfern auf und wirkte dabei so, als würde sie auf einem Nebelkissen ruhen.
»Boro«, brüllte Rex, »los!«
Er packte Boros Schulter, um ihn nach vorn zu stoßen, und war überrascht, dass sein Instinkt ihm in dem Moment sagte, sich um seine Männer zu kümmern, anstatt nach Ahsoka zu schauen. Er ließ die anderen einer nach dem anderen zum Shuttle laufen, um dann die beiden Klonsoldaten hineinzudrängen. Er hatte noch nicht einmal Zeit, erst die Luke vollständig zu schließen, als Coric auch schon abhob.
»Gutes Timing«, meinte Coric. Rex hielt sich an einer Schlaufe fest und schaute nach unten. »Die Blechbüchsenarmee ist eingetroffen.«
Unter ihnen marschierten klackernd Kampfdroiden in geordneten Reihen, als wäre nichts Besonderes passiert, auf die Stelle zu, wo die Fähre erst vor ein paar Momenten aufgesetzt hatte. Es waren viel weniger Droiden; somit waren es also die etwas schlaueren oder vielleicht auch glücklicheren, die den Schutt überwinden konnten. Sie legten ihre Blastergewehre mit der Präzision einer Ehrengarde bei einem Staatsbegräbnis an, zielten, feuerten – und verfehlten ihr Ziel. Blasterblitze zuckten als rote Streifen unter dem Rumpf des Shuttles vorbei.
Rex erkannte, dass er alles, was er über Beerdigungen wusste, auf HNE aufgeschnappt hatte. Er verriegelte die Luke und setzte sich mit für einen Moment geschlossenen Augen auf eine der Bänke. Als er wieder aufschaute, sah Hallena Devis ihm direkt ins Gesicht.
Sie konnte natürlich nicht erkennen, ob er sie anschaute oder nicht. Zu sehen war schließlich nur ein geschlossener Helm mit einem T-förmigen Visor, wie jeder Klontruppler ihn hatte. Nur um diplomatisch zu sein, nahm er den Helm ab, sodass sie Augenkontakt herstellen konnte.
»Danke, dass Sie mir das Leben gerettet haben«, sagte sie. Er konnte sehen, dass sie am Haaransatz eine dicke Beule hatte. Die würde sich ein Arzt ansehen müssen. »Und es tut mir leid, dass es Sie einen Ihrer Männer gekostet hat.«
»So ist der Job, Ma’am.« Rex wollte eigentlich etwas anderes sagen. Dass es nicht ihre Schuld war, sondern er derjenige gewesen war, der sich freiwillig für den Einsatz gemeldet hatte. »Sie verstehen das so gut wie jeder andere.«
»Lass dich nie gefangen nehmen, und mach auch nie Gefangene. Das zumindest sagen die Irmenu.«
Rex dachte, dass da ein Gespräch anstand, für das er nicht der Richtige war. Er bemerkte, dass Ince, Boro, Joe, Hil und Ross ganz still waren. Es war die unnatürliche, absolute Stille von Männern, die ihr Kom ausgestellt hatten. Sie befanden sich auf der internen Frequenz. Rex drängte sich da nicht hinein. Worüber sie sich auch unterhalten mochten, sie brauchten das Gefühl, unter sich zu sein. Das war ein Punkt der Etikette, den er streng einhielt. Wenn sie ihn für einen Idioten hielten, wenn sie über ihn schimpften oder einfach nur trauerten, dann war das ihre Sache, und er würde sich nur, wenn ein Notfall vorlag, bei ihnen einklinken.
Es ist das erste Mal für sie, dass ein Kamerad von ihnen gestorben ist. Das vergisst man so schnell.
Altis, der zusammengezwängt auf einem der Sitze neben Boro saß, schien trotzdem etwas hören zu können. Der Jedi-Meister legte einfach eine Hand auf Boros Unterarm, ohne jedoch etwas zu sagen.
Na, das ist wirklich ein netter Mann.
»Auf jeden Fall ist alles so schnell erledigt worden, dass wir wieder an Bord sein werden, ehe General Skywalker eingetroffen ist«, meinte Rex. »Das habt ihr gut gemacht. Alle.«
Das Shuttle hielt auf die obere Atmosphäre zu, flog durch Wolken und mehrere Farbschichten von Blau über Violett bis hin zu Schwarz. Sie mussten jetzt nur noch so schnell wie möglich zur Leveler zurück, um dann JanFathal hinter sich zu lassen.
Für die Republik war JanFathal erst einmal verloren.
Aber das Schlimmste lag heute hinter ihnen, dachte Rex, und dann verfluchte er sich selbst, dass er das Schicksal herausgefordert hatte.
REPUBLIKANISCHER TORRENT-JÄGER ECHO-97, INS FATH-SYSTEM EINTRETEND UND IM ANFLUG AUF JANFATHAL
Anakin fragte sich, ob ihm die Macht endlich eine Lektion dafür erteilte, weil er sich über die Regeln seiner Meister hinweggesetzt hatte.
Ich verdrück mich, und meine Männer geraten in Schwierigkeiten.
Ich hätte mich nicht davonschleichen sollen, um meine Frau zu sehen.
Okay, das ist zwar eine Entschuldigung, aber das rechtfertigt es trotzdem nicht.
»Skywalker an Leveler.« Er konnte das reglose Transpondersymbol auf der Anzeige im Cockpit sehen. »Ich bekomme da etwas besorgniserregende Signale von Rex’ Komlink rein. Was ist da los?«
Anakin war nicht mit dem üblichen Kom-Offizier verbunden, denn Pellaeon nahm die Anfrage persönlich entgegen. »Er kommt gerade von JanFathal.«
»Ich bin den ganzen Weg von Coruscant immer wieder rein und raus aus dem Hyperraum, um ihn zu finden. Wie ist er da hingekommen?«
Pellaeon klang seltsam zurückhaltend. Eigentlich war er ein sehr selbstbewusster Mann, der auch bei einem wütenden Admiral kein bisschen klein beigab, doch jetzt war eindeutig zu spüren, dass er sich in seiner Haut nicht wohl fühlte. Anakin merkte es ganz deutlich.
»Wir bekamen den Auftrag, einen Geheimdienstagenten der Republik herauszuholen, als der Feind einfiel«, erklärte Pellaeon. »Ich bin mit der betreffenden Dame übrigens bekannt.«
Anakin ließ diese Information erst einmal sacken. Pellaeons Tonfall sagte alles. Tja, mit Vorwürfen kann ich da wohl nicht gerade kommen, nicht wahr? Nicht einmal, wenn sie gerechtfertigt wären.
»Verstanden, Captain. Wie ist es um die Sicherheit bestellt?«
»Wir haben etwas abseits Position bezogen, weil unsere Systeme nicht völlig störungsfrei arbeiten. Wenn es jedoch danach aussieht, dass Rex Probleme mit den Seps bekommen könnte, werden wir eingreifen.«
»Ich kann ihn auf dem Rückweg begleiten«, meinte Anakin. »Wonach muss ich Ausschau halten?«
»Nach einem Versorgungsshuttle. Sie könnten immer noch einen falschen Transpondercode senden… Also seid vorsichtig.«
Okay, ich werde spüren, ob es Rex ist oder nicht, aber es macht Leute nervös, wenn ich so etwas sage. »Ich werde mich per Sichtkontakt überzeugen, ehe ich das Feuer eröffne, Captain.«
»Nun, er ist in Jedi-Begleitung, also könnt Ihr sie wahrscheinlich mit Eurem Macht-Radar, oder was Ihr da sonst so macht, antickern.«
»Ahsoka hat also darauf bestanden mitzugehen.«
Pellaeon holte ganz ruhig Luft, also würde es gerade um eine äußerst delikate Sache gehen. »Ja, zusammen mit Meister Altis und zwei seiner Gefolgsleute.«
Nein, mit der Antwort hatte Anakin eindeutig nicht gerechnet.
Altis.
Der Name sagte ihm irgendwie etwas, aber während er in die endlosen Weiten schaute, um seinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen, fiel es ihm nicht ein. Er brauchte einen Augenblick, ehe die Erinnerung zurückkam.
Qui-Gon Jinn, jener Mann, der nie richtig sein Meister gewesen war und der ihn trotz des Widerstandes des Rates zum Jedi hatte ausbilden wollen, hatte Altis erwähnt. Er hatte auch Dooku erwähnt, seinen ehemaligen Meister. Qui-Gon hatte mit den schwierigsten und unkonventionellsten Jedi verkehrt – mit den Vordenkern, den Diskutierern, den Ikonoklasten und letztlich sogar mit den Verrätern.
Anakin konnte sich nicht mehr daran erinnern, wo Altis anderer Meinung gewesen war. Aber das spielte keine Rolle. Jetzt hatte er die Gelegenheit, in glücklichen Erinnerungen an seinen alten Mentor zu schwelgen. Er vermisste Qui-Gon. »General, seid Ihr noch da?«
»Sorry, Captain. Ich versuche mich nur gerade an den Namen zu erinnern.« Anakin schloss einen Moment lang die Augen und konzentrierte sich, sodass die Macht über ihn hinwegströmen konnte. Ja, er spürte die starke Präsenz mehrerer Personen. Dieser Tage war es schwerer, etwas deutlich zu spüren, denn die Auswirkungen von Gewalt und Furcht trübten die Wasser der Macht. Trotzdem hatte er jetzt eine Orientierung, die ihm kein Navigationscomputer hätte geben können.
»Dann haben wir ja etwas, über das wir uns in Ihrer schönen neuen Offiziersmesse unterhalten können.«
Pellaeon zögerte wieder. Zwar nur für den Bruchteil einer Sekunde, kürzer als ein Wimpernzucken, doch Anakin bemerkte es trotzdem. »Euer Padawan wird Euch bestimmt über alles ins Bild setzen.«
Ahsoka musste Pellaeons Geduld wirklich auf eine harte Probe gestellt haben. Sein Tonfall sagte alles.
»Und was ist mit JanFathal? Ich hatte einige Zeit keinen Kom-Kontakt. Schickt Meister Yoda Truppen, um die Invasion abzuwehren?«
»Ich habe den Geheimdienst so verstanden, dass er sich dagegen entschieden hat, weil die öffentliche Meinung einen Regierungswechsel unterstützt. Wir würden an zwei Fronten kämpfen.«
»Wir müssen uns bessere Verbündete aussuchen…«
»In der Tat. Wir haben jetzt Funkkontakt mit Rex’ Shuttle. Ich werde ihn darüber in Kenntnis setzen, dass Ihr kommt.«
Anakin berechnete die Flugzeit, die er bei Unterlichtgeschwindigkeit von seiner jetzigen Position am Rande des Fath-Systems bis zum Planeten brauchen würde, und entschloss sich zu einem Hyperraumsprung. Der Sprung würde nur Sekunden in Anspruch nehmen und stellte eine ziemliche Verschwendung von Treibstoff dar. Aber wenn Rex eine Eskorte brauchte, dann brauchte er sie jetzt – und nicht erst in einer halben Stunde.
Anakin initiierte den Sprung und beobachtete, wie sich der Sternenhimmel verzerrte und in die Länge zog, als der Sternenjäger fast sofort ins Zentrum des Systems sprang. Kurze Sprünge waren die riskantesten Manöver, die es gab. Der geringste Fehler, eine kleine Unaufmerksamkeit und sein Sternenjäger würde aus dem Hyperraum direkt in die Kruste eines Planeten katapultiert werden.
Das geschah natürlich nicht. Er war stolz auf seine Fähigkeiten als Pilot, die er sich nicht nur durch seine außergewöhnlichen Machtfähigkeiten erworben hatte, sondern auch durch strenge Disziplin und viele Übungsstunden, die jedem angehenden Piloten – sei er nun Jedi oder nicht – abverlangt wurden.
Ich habe hart gearbeitet, um so gut zu werden. Es ist mehr als nur Glück haben, mehr auch als das, was die Macht mir bringt.
Die Rückkehr in den Realraum kam so schnell, wie das Schiff zum Sprung angesetzt hatte. Das Cockpitfenster war jetzt fast zur Gänze mit dem grün-weiß marmorierten Kreis ausgefüllt, der JanFathal darstellte.
»Skywalker an Rex. Over…« Anakins Sensoren zeigten mehrere Separatistenschiffe in der Nähe des Planeten an. »Skywalker an Rex…«
Corics Stimme ertönte. »Wir hören Euch, General. Haben aber noch keinen Sichtkontakt.«
»Verwenden Sie immer noch eine falsche ID?«
»Ja, Sir. Wir mussten Hals über Kopf verduften und dachten, dass wir vielleicht Gesellschaft bekommen könnten.«
»Ich habe Sie auf meinem Schirm. Bestätigen Sie, dass Sie als Versorgungsschiff der Handelsföderation auftreten?«
»Bestätigt.«
»Sind abgesehen von der Aufregung, die Sie auf JanFathal hatten, alle in Ordnung?«
»Fürchte nein, Sir. Wir haben Vere verloren.«
Vere? Anakin hatte ihn noch gar nicht kennengelernt. Jetzt würde es nicht mehr dazu kommen. Er war erst vor ein paar Tagen der 501. zugewiesen worden. Rex würde demzufolge nicht in der besten Stimmung sein. Der Mann war zwar gut darin, eine unbeteiligte Miene zur Schau zu stellen, doch mit seinen von der Macht geschärften Sinnen konnte Anakin unter die Oberfläche schauen und insofern wusste er, zu welch tiefen Empfindungen Rex fähig war.
»Es tut mir leid. Ich hätte dabei sein sollen. Sagen Sie Rex…«
»Stang!«, murmelte Coric. »Verzeihung, General, aber bekommt Ihr auch das Signal von etwas rein, das sich mit hoher Geschwindigkeit der Leveler nähert?«
Die Sensoren des Torrent zeigten einen als gelbes Symbol gekennzeichneten Feind an, der sich von der Separatisten-Flottille getrennt hatte und auf Pellaeons Schiff zukam. Ein Kriegsschiff, das nicht gefunden werden wollte und in der Lage war, nur minimale Spuren im Raum zu hinterlassen, war ein winziger Punkt in dieser Unendlichkeit. Man setzte einfach zu viel Vertrauen in Sensoren – andererseits waren die alles, was man in dieser unendlichen Weite hatte.
»Ja, ein Sep-Schiff«, sagte Anakin. »Sie haben die Leveler entdeckt.«
»Die haben sich ausgerechnet, dass wir an etwas viel Größerem andocken müssen, das sich irgendwo in der Nähe befindet.«
Anakin stellte eine Verbindung zum Kriegsschiff her. »Leveler, hier Skywalker – ein Schiff der Seps hält aus sieben-sieben-neun-fünf direkt auf Sie zu. Ich komme da hin.«
»Wir sehen es auch, General.«
»Sind Sie einsatzbereit?«
»Die Zielerfassung der Erschütterungsraketen ist offline, aber wir haben Laserkanonen und Torpedos.«
»Okay, ich komme«, antwortete Anakin.
Mit einem Hyperraumsprung hätte sich die Leveler am einfachsten der brenzligen Situation entziehen können. Während Anakin auf Abfangkurs zu dem Sep-Schiff ging, dachte er über die Tatsache nach, dass der Feind annahm, die Republik würde so etwas nicht tun. Man würde die eigenen Leute nicht im Stich lassen, wenn ein Angriff drohte, und auch nicht zulassen, dass sie eines einsamen Todes starben, während sie versuchten, mit schwindendem Sauerstoff den nächstliegenden Stützpunkt zu erreichen.
Ein anständiger Captain wartete, bis die Fähre angedockt hatte – auch wenn ein feindliches Kriegsschiff auf ihn zukam.
Darauf verließen sich die Seps.
Und Anakin verließ sich darauf, dass die Seps die Leveler in einem Stück wollten – nachgerüstet, auf dem neusten Stand der Technik, voller modernster Technologie und geheimer Daten.