Zehn
Mit Bindungen ist es wie mit geschlossenen Räumen. Sie können Zuflucht oder Gefängnis sein, doch bei beiden sind die Türen verschlossen. Der feine Unterschied besteht darin, wer den Schlüssel hat und bereit ist, ihn zu drehen – in welche Richtung auch immer.
Meister Djinn Altis, bei einer Unterhaltung mit seinen Schülern
CADAMAN-KÖNIGSPROMENADE, ATHAR
»Geierdroide!«, stellte Joe mit einem Blick nach oben fest.
Es war nur eine Frage der Zeit. Irgendwann kamen auch Droiden-Commander darauf, was zu tun war – diese blöden blechernen Barven!
Rex beobachtete, wie der CR-20 immer langsamer wurde und das Heck um 180° schwenkte, damit er in den richtigen Winkel zur Straße kam. Der von ihnen errichtete Schutzwall aus überstürzt zurückgelassenen Landgleitern, die sie gegen einen der Pfeiler geschoben hatten, die den Brückenteil der Straße trugen, würde auch nicht ewig halten.
»Was macht Ince?«
»Der lässt sich nicht unterkriegen.« Hil drückte eine Kompresse fest auf Inces Lende und versuchte, damit die Blutung weiter unten am Bein zu stoppen, indem er die Oberschenkelarterie abdrückte. »Je schneller wir ihn hier wegschaffen, desto besser.«
»Lassen Sie mich mal ran«, meinte Callista. »Ich kann ein bisschen Macht-Erste-Hilfe leisten.«
Über ihnen schoss der Geierdroidenjäger bedrohlich durch die Luft und wurde dafür selbst von unten unter Beschuss genommen. Der Geier verließ seine Position und raste im Sturzflug auf die Stellung der Klontruppen zu. Dabei gab er Laserfeuersalven ab, sodass der Straßenbelag hinter ihnen aufriss und Permabetonbrocken durch die Luft flogen. Rex duckte sich, während Callista eine Hand hob und die Trümmer abwehrte, sodass sie wie eine kleine Steinlawine über den Rand der Straße nach unten stürzten. Dann legte sie Inces Gewehr weg – sie war ein ziemlich guter Schütze, wie Rex bemerkt hatte – und eilte zu dem verwundeten Klonsoldaten.
»Okay, Hil, so schnell, wie es geht – jetzt.« Sie schob ihre Faust mit den Knöcheln nach unten auf die Kompresse, während Hil seine Hand wegzog. Ince gab einen Laut von sich, der sich anhörte, als wolle er Widerspruch einlegen. »Sie brauchen sich nicht zu genieren, Ince. Ich bin praktisch eine verheiratete Frau. Los. Reden Sie mit mir. Bleiben Sie wach.«
Ince gab irgendetwas Unverständliches von sich. Rex ließ den Geier jetzt gar nicht mehr aus den Augen und gab eine Salve nach der anderen auf ihn ab, bis er vom CR-20 verdeckt wurde, der exakt so auf die Straße heruntersetzte, dass sich die Rampe in einer Flucht mit dem provisorischen Schutzwall aus Fahrzeugwracks befand. Zehn Meter lagen zischen der Rampe und dem Straßenrand. Das bedeutete, dass man sechs oder sieben Sekunden brauchen würde, um hinzurennen und im offenen Laderaum Schutz zu suchen. Ince musste als Erster rein. Rex begann, die weitere Vorgehensweise zu planen.
Callista kann irgend so ein Macht-Ding einsetzen, um die Blutung zu stillen, während wir ihn hintragen. Das können die. Ich habe Jedi schon seltsamere Dinge tun sehen. Ein paar Sekunden Macht-Druck dürften nicht weiter schwer für sie sein.
Das Heck des CR-20 schwang wieder gegen die Straße, riss die Leitplanke heraus und ließ aufs Neue Permabeton rieseln. Das Schiff flog ein paar Meter nach vorn und versuchte es dann wieder, wobei schließlich der Rampenbereich über den Permabeton schleifte, sodass Funken flogen, ehe es laut krachend anhielt. Der Transporter hing in einem Fünfundvierzig-Grad-Winkel zum Schutzwall und der Antrieb heulte auf. Rex gab seinen Männern das Zeichen, sich bereitzuhalten.
Skywalkers Stimme ertönte über Rex’ Kom-Kanal. »Rex, die Rampe wird jetzt ausgefahren.«
»Verstanden, Sir. Ince ist verletzt. Deshalb bringen wir ihn als Erstes rein, während Ross und ich uns um den Geier kümmern.« Lasersalven trafen den Schutzwall aus Fahrzeugen von oben, und rotglühende Schrapnellsplitter schlugen gegen Rex’ Visor. Die Rampe war unten. Es waren Sekunden, nur noch Sekunden, und sie würden hier raus sein. »Bitte, bringt nur Ince heil zurück, ja, Sir?«
Skywalker zögerte einen Moment. »Wird erledigt, Rex.«
Rex hatte noch nie zuvor solch eine Bitte ausgesprochen. Einen Augenblick lang war er verlegen. Aber im Moment war Ince wichtiger als alles andere.
Warum? Meine ich etwa, dass alles in Ordnung sei, wenn er einpaar Wochen, Monate oder sogar noch länger an vorderster Front hat, ehe ihn jemand abknallt?
»Okay, Ross – wir beide geben Feuerschutz; alle anderen schnappen sich Ince und laufen auf mein Zeichen los.« Callista gelang es, ihre Faust weiter auf Inces Arterie zu drücken, während die anderen ihn hochnahmen. Dabei lagerten sie seine Beine höher als den Kopf, damit sein Herz mit der geringeren Blutmenge fertig wurde. Rex wartete noch ein paar Sekunden. Die Rampe war zwar noch nicht ganz unten, aber niedrig genug, um Ince schon an Bord zu schaffen. »Los, los, los!«
Die Droiden, die sich unterhalb der Straße befanden, hatten keine Möglichkeit zum freien Schuss, während der CR-20 ihre Sicht behinderte. Doch dem Geier konnte man nicht so leicht ausweichen. Das Ding konnte landen und seine Flügel drehen, sodass sie zu Beinen wurden. Rex hatte schnell gelernt, die Geierdroidenjäger mehr zu fürchten als die SKDs, jene sperrigen Superkampfdroiden, die die normalen Modelle wie Kinderspielzeug aussehen ließen. Ein Geier war schlau, hartnäckig und praktisch überall einsetzbar – zu Lande, in der Luft oder auch im All. Rex fragte sich einen Moment lang, ob die verdammten Dinger eigentlich auch schwimmen konnten. Wäre er irgendwo in der Nähe eines Flusses gewesen, hätte er die Theorie gern überprüft und das Mistding höchstpersönlich untergetaucht.
Dieser Droiden-Sternenjäger war so beweglich und penetrant wie seine gesamte Sippschaft. Er landete quietschend und kreischend auf der Straße und kam mit schussbereiter Kanone klappernd auf die Fahrzeugwracks zu. Sie innerhalb von Sekunden in Holzkohle zu verwandeln, wäre eigentlich nicht schwierig gewesen. Aber der Droide kam einfach nur immer näher geschlichen.
Warum? Was will er nicht zerstören? »Ross«, befahl Rex, »ab mit dir. Los!«
»Sir…«
Rex konnte den oberen Teil des auf sie zukommenden Geiers sehen. Er war jetzt nur noch ein paar Meter entfernt. Rex konnte sogar das leise Zischen und Sirren der Gelenkmechanismen hören, als der Droide pirschend näher kam. Er war jetzt auf gleicher Höhe mit ihm – ein Fremder auf der anderen Seite einer Mauer aus Metall.
Wie jedes Ding mit Waffen musste der Droide mit seiner Kanone und den scharfkantigen Flügeln wohl gut umgehen können. Rex hatte einem Geier nie so nahe kommen wollen, dass er sich mit ihm ganz persönlich anlegen konnte, aber die Tatsache, dass er sogar bereits den leicht grasigen Geruch des Schmieröls roch, ließ in ihm die Frage aufkeimen, ob er es nicht einmal darauf ankommen lassen sollte.
Auge in Auge.
Er gab Ross ein Zeichen. Rückzug. Langsam.
Was für ein Gesicht Ross hinter dem Visor machte, ließ sich nur raten, aber Rex hörte, wie er leise Luft holte. Ross ging in die Hocke, damit sein Kopf nicht über den Schutzwall hinausragte, während er sich langsam zu dessen Ende vorarbeitete, das sich fast in einer Höhe mit der Rampe des CR-20 befand.
»Rex, warum dauert das so lange?« Skywalkers Stimme ertönte in seinem Helm. »Wir kriegen ganz schön was ab.«
»Ich habe Gesellschaft bekommen«, erwiderte Rex. »Ein Geier, am Boden, pirscht herum. Gebt mir noch etwas Zeit.« Er gab Ross wieder ein Zeichen. Er konnte den Droiden sehen, während dieser an den Ritzen und Löchern eines demolierten Gleiters vorbeiging.
Ich kann auf ihn draufspringen.
»Ross, auf mein Zeichen…«
»Was haben Sie vor, Sir?«
»Ich will ihn nur ködern. Auf los geht’s los.« Ross’ Glaube an seinen Captain war rührend. »Ich kann auch der Köder sein, Sir.«
»Na gut… Los!«
Es waren leise Geräusche zu hören, als Ross sich in der Hocke zum Ende des Schutzwalls bewegte. Sein Gewehr hielt er mit beiden Händen in Schulterhöhe fest. Der Droide erstarrte, surrte leise, und dann war das Tapp-tapp-tapp seiner Flügelspitzen auf dem Permabeton zu hören, als er sich in Richtung des Geräusches bewegte.
Rex nahm sein Seil in die eine Hand und den Blaster in die andere.
Tapp-tapp-tapp.
Als der Geier eine Lücke im Schutzwall verdunkelte, rollte Rex sich oben über den Flitzer, schleuderte den Greifhaken aus nächster Nähe zwischen die Beine des Droiden und löste dann die Kurbel über einen Schalter an seinem Gürtel aus. Der Geier, der sich bereits im Seil verfangen hatte, drehte sich um. Rex wurde durch den Motor der Winde so abrupt über den Schutzwall gerissen, dass er mit voller Wucht gegen die Außenhülle des Droiden krachte und dann zur Seite geschleudert wurde. Über den Haken und das Seil war er aber noch immer mit ihm verbunden.
Rück ich dir etwa zu sehr auf die Pelle, Kumpel? Wollen wir doch mal sehen, wer zuerst den Schwanz einkneift.
Rex klammerte sich wie ein Besessener an einem der Beine fest, während der Droide herumwirbelte und versuchte, ihn abzuschütteln. Dabei verwickelte er sich immer mehr in dem Seil. Der Geier konnte seinen Laser nicht einsetzen, weil das Zielobjekt einfach zu nah war, und jetzt konnte er nicht einmal mehr fliegen. Er versuchte zu rollen, bockte und wirbelte herum, doch Rex ließ nicht locker. Auf seinem HUD drehte und blitzte die Welt auf, und dann schlug er mit dem Kopf so hart auf den Boden, dass seine Zähne trotz Helmes klapperten. Das Einzige, was er tun konnte, war, sich mit beiden Beinen und einem Arm festzuklammern, während er mit der rechten Hand seinen Blaster dem Schrotthaufen unters…Kinn drückte.
Ihm fiel einfach kein anderes Wort als Kinn ein. Dann schoss er. Das Blasterfeuer schien gar nicht mehr aufzuhören, obwohl er den Abzug bereits wieder losgelassen hatte. Das Nächste, was er wieder mitbekam, war, dass der Geier plötzlich erstarrte, ein Beben durch ihn hindurchging und er dann auf die Seite stürzte, wobei Rex zu Boden geschleudert wurde.
Ich bin nicht tot.
Die Anzeigen in seinem Helm flackerten, und es waren zufällig gewählte Momentaufnahmen zu sehen, aber er war bei Bewusstsein und atmete. Die Erleichterung hielt nur kurz an. Er hörte, dass ganz in der Nähe mit Blastern geschossen wurde, und das gelegentliche Donnern einer Kanone.
Jemand packte sein Handgelenk und zog ihn hoch. Das Seil war immer noch um seinen Leib gewickelt. Ross’ Visor erschien plötzlich direkt vor seinem.
»Jetzt aber Tempo, Sir.« Ross zerschnitt das Seil und befreite Rex. »Haben Sie das gesehen? Deren Beine gehen leichter ab, als ich dachte.«
Rex warf noch einmal einen Blick zurück, während er zur heruntergelassenen Rampe des CR-20 rannte. Kein Wunder, dass der Droide umgekippt war. Während er den Kopf durchlöcherte, hatte Ross sich eines der Beine vorgenommen. Dieser Geier würde nirgends mehr hingehen. Laser brachten gar nichts, wenn man den Gegner direkt vor der Nase hatte und man sich nicht bewegen konnte.
Man muss ihnen nur in die Arme laufen.
Das traf wohl auf alle Droiden zu, nahm er an.
Die Rampe begann sich zu schließen, als ihre Füße das Metall berührten. Rex nahm seinen Helm ab, weil die Anzeige immer noch verrückt spielte, und drückte auf den Reset-Knopf im Innern. Er griff schnell nach einem Haltegriff, als sich der CR-20 bewegte und das Heck noch ein paar Meter kreischend über den Straßenbelag glitt, ehe das Schiff abhob. Er hoffte, dass das Beben des Schiffes und die seltsamen Geräusche von der Bordkanone herrührten, die noch ein paar Salven auf die Blechbüchsen abgab. Als er von seinem Helm aufschaute, ging Ross gerade zur nächsten Leiter. Hallena wartete oben und schaute von der Brücke herunter.
»Das war ziemlich waghalsig, Captain«, warf Hallena ein.
»Es war die einzige Möglichkeit, die mir noch blieb«, erwiderte Rex. »Nun, wie geht es Ince?«
REPUBLIKANISCHES ANGRIFFSSCHIFF LEVELER, PORESSI-SYSTEM
»Wollen Sie es probieren?«, fragte Ash Jarvee.
Pellaeon war mittlerweile bereit, alles zu versuchen. »Könntet Ihr mir erklären, wie es eigentlich funktioniert?«
»Ich kann es versuchen, aber… aber es ist mehr ein Gefühl.«
Ja, er war sogar bereit, sein Schiff nur nach Gefühl steuern zu lassen. »Vergleichbar mit…?«
»Nun, wir können unbelebte Dinge – Maschinen, Computer – durch Telekinese beeinflussen, aber wir können auch spüren, wenn etwas im Universum nicht von Macht erfüllt ist, und so nachempfinden, wie es ist, eine Maschine zu sein. Wir können uns in einen Zustand der Koexistenz damit versetzen.«
Pellaeon ließ sich das einen Moment lang durch den Kopf gehen. »Ich kann nicht einmal so tun, als würde ich es verstehen«, meinte er schließlich. »Aber Ihr meint wohl, dass Ihr die Lücken zwischen Atomen und direkter Energie ausfüllen könntet. Hört sich für mich ein bisschen gefährlich an, aber…«
»Direkt bis in die kleinsten Ladungen der Stromkreise und Kristalle eines Computers. In Ihren Worten hört es sich sehr ungenau an, aber… wir können fühlen, wenn wir es richtig machen. Sogar unter Jedi ist es eine seltene Gabe.«
Pellaeon blickte noch einmal zum Chrono, das die Galaktische Standardzeit anzeigte, und konnte einfach nicht davon ablassen, ständig mit dem Knöchel seines Zeigefingers über Schnurrbart, Nase und Lippen zu streichen. Zeit war ein Luxus, den Hallena, Rex und die anderen, die mit ihnen zusammen waren, nicht hatten.
»Sir?« Einer der jungen, männlichen Jedi hob einen nervösen Finger, als bitte er um Erlaubnis zu sprechen. »Stellen Sie es sich als Jedi-Entsprechung dafür vor, wenn Sie einmal fest auf einen Monoempfänger klopfen, der nicht funktioniert. Der Unterschied ist nur, dass wir sehr, sehr viel Glück beim Klopfen haben und schließlich ein gutes, klares Bild bekommen.«
Pellaeon nickte. Ich habe im Krieg gegen die Piraten verrücktere Dinge getan. »Dann klopft mal schön. Und erinnert mich daran, dass es wohl nicht ratsam erscheint, Euch je als Gegner gegenüberzustehen.«
Die ganze Gruppe sonderbarer Jedi stand auf der Brücke im Kreis und klatschte in die Hände wie eine Schar spielender Kinder. Noch so eine ungewöhnliche Methode. Dieser Krieg hatte dem Begriff normal eine Bedeutung verliehen, die nicht mehr nachzuvollziehen war.
Hydrospanner, Demagnetisierer… Jedi.
»Antrieb, Steuerung… Achtung.« Pellaeon nickte Baradis zu. »Derel – sind alle Kanoniere bereit?«
»Ja, Sir.«
Pellaeon mochte vielleicht nicht völlig davon überzeugt sein, dass die Leveler an die erwartete Position zurücksprang, aber zumindest würde sie da, wo sie dann auftauchte, klar zum Gefecht sein. Er sah Ash an und nickte. Dann beugte er sich nach vorn und drückte auf den Schalter, der die Alarmsirene auslöste, die im ganzen Schiff zu hören war. Die Lichter auf seiner Steuerungskonsole blinkten.
»Leiten Sie die manuelle Sprungsequenz ein!«, befahl er.
Baradis wandte den Blick nicht vom Bildschirm ab. »Triebwerke aktivieren!«
Die Jedi schlossen die Augen, und manche von ihnen senkten den Kopf ein wenig. Der Älteste unter ihnen sah vielleicht wie zwanzig aus. Diese Tatsache an sich hätte Pellaeon noch nicht gestört, aber dass noch nicht einmal ein Hauch von technischem Wissen zu verspüren war, beunruhigte einen Mann, der die Verantwortung für ein Kriegsschiff und mehrere tausend Männer und Frauen trug, dann doch etwas.
Die Triebwerke der Leveler gaben einen gedämpften, lauter werdenden Ton von sich, der anfangs so eben noch wahrnehmbar war. Dann verzerrten sich die Sterne vor dem Sichtfenster für eine Sekunde, die sich so anfühlte, als würde sie vom Chrono gar nicht registriert werden, zu Streifen weißen Lichts. Die Leveler bewegte sich womöglich gerade am Rande der Zerstörung. Das Heulen der Triebwerke erreichte einen Höhepunkt und dann…
Zischhh.
Sie sprang in den Hyperraum.
Es war eine Frage von Minuten. Pellaeon hatte sich nicht weit von JanFathal entfernen wollen. Sie sollten nur schnell die Position neu bestimmen, um dann gleich wieder zurückzukehren. Aber bei diesen Geschwindigkeiten konnten Sekunden bedeuten, dass man ein ganzes Sternensystem verpasste. Baradis sah zum Chrono am Schott und verglich es mit seinem eigenen Zeitmesser, der in rasender Geschwindigkeit die Bruchteile von Sekunden als verschwommene Symbole anzeigte. Ohne den Navigationscomputer, der Millionen von simultanen Berechnungen überwachte, musste er den genauen Augenblick abpassen, um die Geschwindigkeit zu reduzieren und den Hyperraum wieder zu verlassen. Pellaeon beneidete ihn nicht um diese Aufgabe. Er trug die Verantwortung, wenn sie mit fatalen Folgen außerhalb der exakten Koordinaten wieder in den Realraum zurückkehrten…
… und zum Beispiel in den Planeten krachten.
Die Jedi waren immer noch in Trance, wobei sie irgendwie mit dem Navi-Computer und der Realwelt in Verbindung standen. Pellaeon fühlte sich wie ein nervöser Passagier, der versuchte, die vorbeiziehenden Gebäude zu zählen, um sich von der rasanten, holperigen Fahrt abzulenken.
Vor dem Krieg hatte er Jedi nur am Rande wahrgenommen – örtliche Gesetzeshüter, Agenten der Republik, schattenhafte Ordensleute, die gelegentlich im Gefolge des Kanzlers oder irgendeines Senators im Hintergrund zu sehen waren. Der Jedi-Tempel war ein Wahrzeichen Coruscants, doch er war fast allen Außenstehenden verschlossen, und immer, wenn er an den vier Ecktürmen vorbeiflog, fragte er sich, was eigentlich in diesem alten, abweisenden Gemäuer vor sich ging.
Altis’Jedi-Jünger wussten es auch nicht. Ist das nicht sonderbar? Wie viele Ausrichtungen gibt es eigentlich unter den Machtnutzern? Das hier waren jetzt die Sonderlinge, die Risikofreudigen, die Freidenker, diejenigen, die sich mit noch geheimnisvolleren Dingen beschäftigten – und die Familien hatten. Sie hoben sich in jeder erdenklichen Weise von der in Meister Yodas Orden vorherrschenden asketischen Art ab. Sie kamen ihm wie die exzentrische Tante vor, die wohl jeder in seiner Familie hat und die bei Familientreffen gemieden wird, nachdem sie sich einen sullustanischen Gin zu viel genehmigt hat. Irgendwie mochte er diese Leute.
Benb, der Techniker, stand in der Nähe und umklammerte mit beiden Händen ein Geländer, während er vor sich hin schaute und gelegentlich auf das Chrono sah. Für ein paar Minuten war es eine schrecklich lange Zeit, die verging. Pellaeon fing seinen Blick auf.
»Ich bestehe nicht darauf, die Mitgliedskarte der Gewerkschaft zu sehen«, murmelte er.
»Noch eine Standardminute«, rief Baradis. »Bereithalten, Antrieb.«
Und vielleicht landen wir ja auch ein paar hundert Lichtjahre dichter am Zentrum der Galaxis. »Dreißig Sekunden.«
Trotzdem bin ich froh, dass die Leveler den Notruf aufgefangen hat, Hallena. »Zwanzig…«
Ich sollte eigentlich außer mir vor Sorge sein. Aber das bin ich nicht. Ist es mir vielleicht ein bisschen egal? »Zehn…«
Sorge bringt nichts. Probleme zu lösen schon. Dinge in den Griff zu bekommen. Über ihnen zu stehen. Nur so sollte man damit umgehen.
»Fünf…«
Und es stand tatsächlich kein Schiff zur Verfügung, das man zu unserer Verstärkung hätte schicken können? »Vier.«
Gewöhn dich daran. Wir sind nie auf diesen Krieg eingestellt gewesen. »Drei.«
Bis auf die Klonarmee natürlich. »Zwei.«
Politik ist etwas Schmutziges. Oder vielleicht haben die Jedi auch gespürt, was kommt, und haben sich darauf vorbereitet. Aber für wen? Wer hat was davon?
»Austritt!«
Pellaeons Überlegungen endeten abrupt, als die Sterne wieder zu den gewohnten Lichtpunkten zurückschnellten, und seine Nackenhaare stellten sich auf. Normaler Raum. Realraum. Wo?
Der grüne Ball, JanFathal, füllte den rechten Bereich des Sichtfensters auf der Brücke. Ash hüpfte einen Moment lang wie ein aufgedrehter Teenager auf und ab und grinste von einem Ohr bis zum anderen. Im Grunde war sie ein aufgedrehter Teenager. Und sie befand sich auch mitten in einem Krieg. Pellaeon hatte gerade mal genug Zeit, um ihr mit hochgerecktem Daumen seine Hochachtung zu bekunden und einen Kom-Kanal zu öffnen, um sich mit Skywalker und Rex in Verbindung zu setzen, als Derel ihn daran erinnerte, wohin genau sie wieder zurückgekehrt waren.
»Feindkontakte, Entfernung: viertausend Klicks, in der Nähe von JanFathal, zwei Schiffe verfolgen einen CR-20, vier weitere Sep-Schiffe ändern gerade ihren Kurs.« Der Klon-Gefechtsoffizier zögerte kurz, während er die Monitore überprüfte und die Brückenteams sich darauf vorbereiteten, die Turbolaserbatterien auszurichten. »Turbolaser eins, drei, fünf…«
»Leveler, wir sind’s«, hörte man Skywalkers Stimme über das Komlink. »Der CR-zwanzig. Zwei Seps sind hinter uns her und wir haben einen Schwerverletzten an Bord. Transpondercodes nicht beachten. Ich wiederhole. Transpondercodes nicht beachten.«
»General, wir machen es wieder auf die althergebrachte Art«, antwortete Pellaeon. »Manuelle Zielerfassung. Danke für die Warnung. Kann Ihr Schiff ihnen entkommen? Kann Ihr Schiff springen?«
»Springen, ja. Entkommen, vielleicht. Aber es ist eins von deren Schiffen – wegen der Droidensteuerung sind alle miteinander vernetzt. Sie sehen die Sprungpunkte, die wir eingeben.«
»Könnt Ihr das Schiff auf dem Hangardeck landen?«
»Wenn Sie genug Platz haben…«
Pellaeon gab Rumahn ein Zeichen. »Räumen Sie das Hangardeck, Nummer Eins. General, Ihr werdet unseren Anweisungen folgen müssen. Wir werden zu Euch aufschließen, aber Ihr werdet vielleicht ein paar riskante Flugmanöver absolvieren müssen, um außerhalb der Schusslinie zu bleiben, wenn wir die beiden Schiffe angreifen, die Euch verfolgen.«
»Verstanden, Captain. Sorgen Sie nur dafür, dass die Hangartore weit offen stehen, und wir machen dann den Rest.«
Jedi waren sehr selbstsichere Piloten. Manchmal fragte Pellaeon sich, ob sie sich vielleicht einbildeten, unsterblich zu sein. Die Frage, um wen es sich bei dem Schwerverletzten handelte, verdrängte er erst einmal, denn das würde ihn nur von dem ablenken, was er jetzt tun musste. Das Schiff wurde wieder von Lebewesen aus Fleisch und Blut gesteuert, von einer Mannschaft, die ihre Aufgaben kannte und sie auch ausführen konnte, wenn die Hauptsysteme außer Betrieb waren. Trotzdem war es praktisch gewesen, beim Navigationscomputer ein bisschen Unterstützung von Jedi zu bekommen. Und sie würden diese Unterstützung schon sehr bald wieder brauchen, wenn sie das System mit einem Hyperraumsprung verließen.
»Schadensbegrenzungsteams, Sanitäter, bereithalten auf dem Hangardeck!« Rumahns Knöchel traten weiß hervor, während er das dicht vor seinen Mund gehaltene Komlink umklammerte. Wenn ein Schiff dieser Größe falsch im Deck aufsetzte, konnte das katastrophale Folgen haben. »Hangardeck, vorbereiten auf Notlandung.«
»Baradis«, sagte Pellaeon, »bringen Sie uns bitte in die Schlacht. Derel – greifen Sie die feindlichen Schiffe nach eigenem Ermessen an. Jedi Jarvee, Antrieb – bereithalten, uns hier herauszuholen, sobald der Transporter an Bord und der Hangar gesichert ist.«
Die Leveler ging zum Angriff über. Es war nicht gerade die in Lehrbüchern empfohlene Vorgehensweise bei einer Rettung, und Pellaeon hätte jetzt ein paar von den Erschütterungsraketen gut gebrauchen können. Nun, was den Lernprozess anging – das hier war wie eine eisbedeckte Steilwand auf Hoth… ohne Kletterseil.
Pellaeon stand kurz davor, etwas Aufmunterndes und der Situation Angemessenes zu sagen wie »Holen wir sie uns«, aber irgendwie erschien es ihm nicht angebracht. Es war nichts Ruhmreiches daran, sich umbringen zu lassen. Aber ein Schiff mit lauter Fehlfunktionen heil durchzubringen, damit man damit auch noch am nächsten Tag wieder in den Kampf ziehen konnte, war schon nicht verkehrt.
Wirklich schade, dass die Erschütterungsraketen nicht online sind.
Auf dem Sensorschirm – ob nun mit Bildstörungen oder nicht – konnte er erkennen, dass die weiter entfernten Sep-Schiffe auf sie zukamen. Die Leveler stürzte sich auf die beiden Schiffe, die sich an den CR-20 geheftet hatten. Sie näherte sich so schnell, dass das Kanonenfeuer bald schon mit bloßem Auge vor der Nachtseite des Planeten zu erkennen war. Entweder waren die Seps nicht in der Lage, richtig zu zielen, oder Skywalker war einfach ein hervorragender Pilot, wenn es um Ausweichmanöver ging. Pellaeon nahm an, dass Letzteres wohl eher der Fall war.
»Ihr habt es weit gebracht seit Geonosis«, meinte Pellaeon mehr zu sich selbst, und dann erinnerte er sich daran, dass keiner der auf der Brücke anwesenden Jedi vom ersten Tage der Auseinandersetzungen an tatsächlich dabei gewesen war.
Betrachteten sie es jetzt eigentlich als ihren Krieg? Er beschloss, den Jedi-Orden nie wieder als einheitliches Ganzes unter Yodas Führung zu betrachten. Das war einfach nur die Fassade, die man nach außen hin zeigte. Dahinter verbarg sich etwas viel Komplexeres, das er vielleicht niemals würde verstehen können. Die Schule, die Yoda vertrat, der paramilitärische Flügel, war vielleicht der am besten durchorganisierte Teil von etwas, das aus allen möglichen Splittergruppen bestand, von deren Existenz er noch gar nichts wusste. Er hatte mitbekommen, dass es sogar Jedi gab, die gegen die Republik waren und meinten, dass es ihre Pflicht wäre, sie zu vernichten, und sich weigerten, für sie einzutreten.
Es war ein seltsamer Haufen. Er hatte das Gefühl, dass sie noch eine viel größere Rolle in seinem Leben spielen würden, was nicht unbedingt eine glückliche Wendung bedeutete.
»Ihrer Liebsten geht es gut«, sagte der freundliche junge Mann, der die Verschmelzung mit dem Computer so anschaulich erklärt hatte. Er hatte Pellaeons Unbehagen gespürt, doch dessen Ursache ganz anders gedeutet. »Das spüre ich ganz deutlich in der Macht.«
»Was spürt Ihr sonst noch in der Macht?«, fragte Pellaeon.
Der junge Mann lächelte. »Dass wir den Separatisten gehörig in den Hintern treten werden, Captain.«
KOMMANDODECK DES CR-20-TRUPPENTRANSPORTERS, IM ANFLUG AUF DIE LEVELER
Wieder traf ein Kanonenschuss den Truppentransporter und ließ das ganze Schiff dröhnen und beben.
Joe und Hallena versuchten Ince ruhig zu halten, während Callista und Hil sich um sein zerschmettertes Bein kümmerten. Das war ein schwieriges Unterfangen, wenn dabei das Bein angehoben war, um die Blutzirkulation zu unterstützen. Er hatte eine Menge Blut verloren, sein Herz hatte eh schon Schwierigkeiten, und wenn der Kopf tiefer lag als die Beine, hatte er eine größere Chance zu überleben.
»Ist er warm genug?« Coric steuerte immer wieder Vorschläge bei. Sie kannten sich anscheinend alle mit Erster Hilfe aus, und ihr Wissen nicht anwenden zu können, schien sie ganz wahnsinnig zu machen. »Hypovolämischer Schock. Ihr müsst ihn warm halten.«
Die anderen Klone hockten eindeutig frustriert drumherum. Ihre Helme hatten sie auf den Boden gestellt und stützten sich nun mit einer Hand darauf ab. Sie erinnerten Hallena an ein Smashball-Team – alle sehr jung, ganz bei der Sache und körperlich fit. Sogar Coric sah in ihren Augen zu jung aus. Dann setzten alle wieder ihre Helme auf und warteten einfach nur ab.
Sie unterhalten sich untereinander. Das machen sie gerade… sie unterhalten sich über ihr internes Kommunikationsnetz.
Hallena konnte nicht behaupten, dass sie sich dadurch ausgeschlossen fühlte. Sie fühlte sich nur seltsam schuldig.
»Joe, habe ich das richtig verstanden?«, fragte sie leise. »Sie haben gerade erst Ihre Grundausbildung abgeschlossen?«
»Ja.« Er schaute nicht auf. Seine ganze Aufmerksamkeit galt Ince. »Vor nicht ganz zwei Wochen.«
Sie wusste nicht, was sie noch hätte sagen sollen. Aber sie war sich auch nicht sicher, ob sie noch einmal eine Gelegenheit dazu bekäme.
»Ich brauche noch mehr Kompressen«, sagte Callista, ohne sich dabei an jemand Spezielles zu wenden. »Irgendetwas Sauberes und Saugfähiges.«
Es gab nichts an Bord, das auch nur im Entferntesten nach Verbandsmaterial aussah, denn Droiden brauchten so etwas nicht. Und erst recht keine Schmerzmittel. Vielleicht hatten die neimoidianischen Piloten ja Erste-Hilfe-Kästen besessen, doch Hallena hatte nichts gefunden.
Wieder erschütterte ein lautes Donnern den CR-20. Ince war bewusstlos. Damit war zumindest die Frage beantwortet, ob man ihn überhaupt mit Schmerzmitteln vollpumpen sollte.
»Ich glaube, sie wollen uns jetzt gar nicht mehr lebendig in die Finger bekommen«, meinte Ahsoka. Sie mochte offensichtlich nicht untätig in Krisensituationen herumstehen – obwohl Stehen etwas war, das noch nicht einmal ein Jedi mehr schaffte, wenn ein Truppentransporter Ausweichmanöver und Loopings flog, um nicht vom Feind getroffen zu werden. »Meister, habt Ihr etwas dagegen, wenn ich die andere Kanone übernehme? Rex kann nicht in alle Richtungen gleichzeitig schießen.«
Hallena zögerte und schaute auf. Sie konnte sehen, dass Altis mit hochgezogenen Schultern beide Hände aufs Steuerpult gelegt hatte. Sein Gesicht spiegelte sich im Sichtfenster und sie konnte erkennen, dass er beide Augen geschlossen hatte. Ihr Wunsch, zu Skywalker zu schauen, um dann vielleicht festzustellen, dass auch er die Augen geschlossen hielt, war sehr begrenzt. Das war etwas, mit dem sie nur sehr schwer fertig werden würde.
Ich weiß nicht, was sie tun, wenn sie sich in diesen Trancezustand versetzen. Zumindest hoffe ich, dass es das ist, was der alte Mann da gerade macht…
»Hau rein, Snips«, meinte Skywalker.
Ahsoka krabbelte durch eine Luke, und ein paar Augenblicke später hörte man auch von der anderen Seite des Schiffes das Donnern einer Kanone. Ein Kind machte zwei feindlichen Kriegsschiffen die Neun Corellianischen Höllen heiß. Und dieses Kind war älter als der eindeutig kriegserfahrene Soldat, der die andere Kanone bediente.
Das ist er also, dieser Krieg in aller Kürze. Was geht hier eigentlich vor?
Sich diese Frage zu stellen, würde Ince nicht helfen. Sie leerte die Medipacks der Klone, verteilte alles auf dem Boden und wühlte sich durch versiegelte Flimsiplasttüten, während sie nach etwas Sterilem suchte, das man auf die Wunde legen konnte. Ince hatte ein faustgroßes Stück Fleisch knapp über dem Knie verloren und die Wunde hatte zerfetzte Ränder.
»Schießübungen gehörten nicht zu meiner Grundausbildung mit Waffen«, sagte sie zu Callista.
»Bei mir auch nicht.« Callista schien sich ziemlich gut mit Erster Hilfe auszukennen und wirkte auch völlig unbeeindruckt von dem Blut, das mittlerweile ihre Ärmel bis zum Ellbogen tränkte. Sie schaute ein paarmal auf, ehe Geith in der Luke erschien. Hallena hatte noch nicht einmal seine Schritte gehört, aber Callista schien gespürt zu haben, dass er sich näherte. »Hast du was gefunden?«
Geith hielt ihr einen Lappen hin, der vielleicht mal so was wie ein Staubtuch gewesen war. »Das ist zwar nicht steril, aber sollte es zu einer Infektion kommen, kümmern wir uns einfach später darum.«
»Wegen Wundbrand wird er sich keine Sorgen mehr machen brauchen, wenn wir die Blutung nicht stoppen können.«
»Könnt Ihr nicht irgendetwas von Euerm Jedi-Kram machen?«, fragte Hallena. »Ihr könnt Droiden in Schrapnellsplitter verwandeln, aber diesen Jungen nicht zusammenflicken?«
»Was meinen Sie denn, was ich hier tue?« Callista wirkte verärgert. Nein, Hallena würde nie mit Leuten klarkommen, die die Welt verändern konnten, ohne sie zu berühren. »Er hat bereits viel Blut verloren. Er braucht Blut.«
»He, wenn wir die gleiche Blutgruppe haben, könnte ich was abgeben«, meinte Hallena und zeigte auf ihren Arm. »Haben wir etwas großes Spitzes? Wir könnten eine Notfalltransfusion machen. Das habe ich schon mal gesehen.«
Hil nickte, ohne dabei den Kopf zu heben, während er versuchte, die kleineren Blutgefäße abzudrücken. »Ja, aber wir haben keine Schläuche.«
»Nun, je schneller wir an Bord der Leveler kommen, umso besser.« Hallena stand kurz davor, Hydraulikschläuche herauszureißen, doch sie hatte keine Möglichkeit, sie zu reinigen. »Dann hoffen wir wohl lieber, dass die Macht mit ihm ist, nicht wahr?«
Ein Beben ging durch das Schiff. Wieder war es getroffen worden. Wie lange würde das noch dauern? Ross kam und kniete sich neben ihr hin, während er den Helm wieder abnahm.
»Ich übernehme jetzt«, sagte er.
Das war die höfliche Aufforderung zu verschwinden, damit er sich um seinen Kameraden kümmern konnte. Sie verstand das. Aber sie wollte den Blick auch nicht von Ince abwenden, weil bereits ein Klon, Vere, ihretwegen gestorben war. Und sie wollte nicht, dass viel zu junge Männer nur deshalb starben, weil sie nicht in der Lage gewesen war, ihren Job zu erledigen: hinzugehen, den Job zu erledigen und wieder zu verschwinden, ohne dass die ganze verdammte Flotte zu ihrer Rettung herbeieilen musste. Sie wusste, was alle über Spione dachten. Kalte Schattenwesen, gefühllos, kaltblütig und vertraut mit den schmutzigsten Tricks. Nein, so sah sie sich überhaupt nicht. Sie hatte kein Problem damit, jemanden umzubringen, wenn es sein musste – denn meistens war es eine Frage des Tötens oder Getötetwerdens. Das bedeutete aber nicht, dass sie es auf die leichte Schulter nahm und sich keine Gedanken über die Folgen machte.
Shil. Merish. Varti. Wer weiß, was die in ihrem Leben durchgemacht haben. Und dann tauche ich auf, um dabei zu helfen, dass solche Barven wie der Regent an der Macht bleiben. Und die drei sind tot. Ist das die Galaxis, in der ich leben möchte?
Nein, das war sie nicht. Und das war ein furchtbarer Gedanke.
Ince gab wieder unverständliche Laute von sich. Dann war er also nicht mehr bewusstlos. Callista und Hil wurden stiller und waren völlig von ihrem Kampf um sein Leben eingenommen. Ihre Köpfe berührten einander fast, während sie sich beide über den Verletzten beugten.
»Sein Puls ist unregelmäßig«, sagte Callista.
»Stang, er ist kalt.«
»Geith, ist es sinnvoll, ihm Adrenalin zu geben? Das beschleunigt doch den Herzschlag, oder nicht?«
»Ich weiß es nicht. Ich hab keine Ahnung, ob das nicht alles noch verschlimmert.«
Boro mischte sich ein. »Aber Ihr spürt doch sein… Leben, nicht wahr? Ich meine… Jedi können die Lebenskraft spüren. Wird er es schaffen?«
»Ich tue, was ich kann«, erwiderte Callista. »Geith, konzentrier dich einfach nur auf das Abdrücken der Blutgefäße. Halte dir bildlich vor Augen, wie du die kleinsten verschließt. Versuch, seinen Blutdruck hoch zu halten.«
Es war das erste Mal, das Hallena begriff, wie Jedi mit Dingen umgingen – oder zumindest wie Callista damit umging. Sie schien sehr praktisch veranlagt zu sein, nicht irgendwie mystisch, einfach nur eine Frau, die die Welt genauso sah wie Hallena… mit dem einzigen Unterschied, dass sie sie mit ihren Gedanken berühren und sogar bewegen konnte.
»Verstanden?«, fragte Callista.
Geith hatte die Augen geschlossen. »Ich glaube schon.«
»Die Blutung wird ein bisschen weniger«, sagte Hil.
Das Deck sah mittlerweile wie ein Operationssaal aus. Überall lagen kleine Haufen mit blutgetränkten Stoffen. Weder Skywalker noch Altis drehten sich um, um nach hinten zu schauen. Sie kämpften mit ihren eigenen Aufgaben – steuerten ein unbekanntes Schiff durch einen nicht abreißenden feindlichen Beschuss, während die Leveler direkt auf sie zuraste. Hallena stützte sich mit dem Rücken am Schott ab und schaute gerade nach vorn.
Ja, die Leveler raste direkt auf sie zu.
Das Kriegsschiff war jetzt eine Pfeilspitze aus Licht, das jede Sekunde größer wurde. Strahlende Schweife von Laserfeuer schienen auf die Leveler zuzuschießen, als die feindlichen Schiffe den CR-20 verfehlten.
Hallena wusste nicht viel über Flottenkampfmanöver, aber sie kannte sich mit Flugbahnen und Mündungsfeuer aus. Der CR-20 befand sich fast genau zwischen den Sep-Verfolgern und der Leveler. Wenn die Leveler das Feuer eröffnete…
Gil weiß, was er tut. Und dieser Skywalker auch.
»Alles wird gut – machen Sie sich keine Sorgen«, beruhigte Altis sie plötzlich.
Sein Kopf war immer noch nach vorn geneigt. Hallena wusste nicht, ob er einfach nur tröstende Laute von sich gab oder ob er sie und ihre Angst spüren konnte. Sie hoffte, dass es Ersteres war.
»Meister, wenn Ihr Euch darauf konzentrieren könntet, Beschuss von der Backbordseite abzulenken…«, murmelte Skywalker.
Nein, sie zog doch das Letztere vor. Altis konnte ihretwegen so abgehoben und magisch sein, wie er wollte, solange er nur verhinderte, dass Kanonenschüsse die Außenhülle des Schiffes zerfetzten. Das machte er also gerade. Warum wurde nicht jedem Schiff ein Jedi zugeteilt? Damit ließen sich ganz viele Probleme lösen.
Wahrscheinlich gab es nicht genug von ihnen, um alle Schiffe mit ihnen zu versorgen.
»Skywalker.« Eine Stimme ertönte über den offenen Kanal. Es war nicht Gil. »Skywalker, hier ist die Leveler. Wir sind jetzt bald da. Seid Ihr bereit? Wenn Ihr Euch auf fünfhundert Meter genähert habt, fliegt unter der Leveler durch. Unterhalb, okay? Wenn Ihr achtern wieder hervorkommt, fliegt weiter bis zu den Hangartoren, und setzt so gut es geht zur Landung an.«
Das kann man leicht sagen. Fünfhundert Meter. Das ist im Weltraum bei dieser Geschwindigkeit, als wäre man Bug an Bug.
»Und Ihr behaltet Euren gegenwärtigen Kurs und die Geschwindigkeit bei.«
»Ja, General.«
»Verzeihen Sie, dass ich darauf hinweise, aber Sie scheinen sich auf Kollisionskurs mit mindestens einem der Sep-Schiffe zu befinden.«
Einen Moment lang trat eine Pause ein. »Captain Pellaeon lässt Euch grüßen und teilt mit, dass das so beabsichtigt ist, Sir.«
»Beeindruckend«, erwiderte Skywalker. Er klang so, als würde er lächeln. »Verstanden.«
Während sie dabei zusehen musste, wie der arme Ince sein kurzes Leben aushauchte, hatte sie Gil Pellaeon, die Liebe ihres Lebens, irgendwie nicht mehr auf der Rechnung gehabt. Jetzt war er zurückgekehrt; der sehr förmliche, charmante, aber auch einzelgängerische Offizier, der seinen Job im Kampf gegen Piraten gelernt hatte. Sie hatte ihn noch nie in seiner natürlichen Umgebung erlebt. Es war erschreckend und gleichzeitig auch irgendwie tröstlich.
Wenn irgendwer diese verrückte Rettungsaktion durchziehen konnte, dann war das Gil – und der genauso unkonventionelle Skywalker.
»Halten Sie durch, Ince«, sagte Hallena zu sich selbst.