Fünf
Ein Gefangener ist eine Last für denjenigen, der ihn gefangen nahm, und eine Bürde für seine Kameraden. Weder sollst du Gefangene machen noch selbst einer werden.
Alte Militärdoktrin der Irmenu, die angeblich immer noch angewandt wird
KONFERENZRAUM, REPUBLIKANISCHES ANGRIFFSSCHIFF LEVELER
Callista war noch nie auf einem Schiff von der Größe der Leveler gewesen. Sie war hingerissen. Es fühlte sich… lebendig an.
Sie ging hinter Meister Altis und war völlig gebannt von dem Eindruck, all die Nervenbahnen und Blutgefäße um sich herum zu spüren. Anders konnte sie es nicht beschreiben. Nicht ganz so stark hatte sie es auch schon auf anderen Schiffen empfunden, doch dieses Schiff, diese in sich geschlossene Stadt, war eine ganz andere Größenordnung.
»Was ist los?«, fragte Geith und stupste sie leicht in den Rücken, damit sie weiterging. »Was starrst du so an?«
»Kannst du es denn nicht fühlen?«, fragte sie. »Die Kraft von diesem Ding? Es ist wie ein Pulsschlag. Wie Gehirnaktivität.«
»Du und deine Maschinen…« Sein Blick war auf die Mitglieder der Mannschaft gerichtet, die ihren verschiedenen Aufgaben nachgingen. Eine bunte Mischung aus Personen in grauen Uniformen bis hin zu Klonen in weißer Rüstung, die ihre Helme aufhatten. »Als Nächstes unterhältst du dich noch mit Droiden.«
»Du kannst das Schiff wirklich nicht spüren? Die elektrische Ladung?«
»Nein, aber dieses Summen, das man die ganze Zeit hört, geht mir auf die Nerven.« Geith gab ihr einen Klaps aufs Hinterteil. »Ich glaube, du reagierst etwas überempfindlich auf elektronische Dinge, weil du auf einer Tiefseeranch aufgewachsen bist. Viele Fische und Meereslebewesen sind auf elektrische Felder und Ladungen angewiesen, nicht wahr?«
»Das stimmt.«
»Wenn wir jemals ein Einkommen brauchen, würdest du einen hervorragenden Elektriker abgeben…«
Sie drehte sich um, weil sie ihn mit einer scherzhaft spitzen Bemerkung zurechtweisen wollte – schließlich war dies ein ernst zu nehmender Einsatz, und er war mal wieder in aufmüpfiger Laune – doch als sie zurückschaute, erblickte sie eine kleine Togruta, die hinter ihnen her ging und ziemlich verwirrt aussah.
Sie trug einen blauen Overall, der mehrere Nummern zu groß für sie war, und an ihrem Gürtel hing ein Lichtschwert.
»Oh«, sagte Callista. »Ich wusste gar nicht, dass Jedi an Bord der Leveler sind.« Sie blieb stehen, damit die Togruta zu ihnen aufschließen konnte. »Ich heiße Callista. Das ist Geith.«
»Ahsoka Tano«, sagte die Togruta und wirkte einen Momentlang ungewöhnlich erwachsen. »General Skywalkers Padawan. Ihr seid wirklich Jedi? Nicht nur machtsensitiv?«
Sie sah Geith misstrauisch an. Callista spürte, dass die Togruta schockiert war und… sich schuldig fühlte? Angst hatte? Ungehalten war? Natürlich. Sie hatte gerade mitbekommen, wie Geith offen seine Zuneigung gezeigt hatte. Ahsoka war eine traditionelle Jedi, die ständig Schauergeschichten darüber gehört hatte, dass Bindungen einen geradewegs auf die Dunkle Seite ziehen würden. Und so dachte das Kind jetzt natürlich, sie würde sie dabei beobachten, wie sie sich vor ihren Augen in Sith verwandelten und ähnlichen Schwachsinn. Erst als Callista Ahsokas Unruhe bemerkte, erkannte sie die Kluft, die sich zwischen den beiden Lehrmeinungen auftat.
»Ja, wir sind Jedi.« In Geiths Stimme schwang eine ganz leichte Ungeduld mit. Er begegnete nur selten orthodoxen Jedi, und Callista hoffte, dass sein Drang, die Nähe zwischen den beiden Schulen hervorzuheben, nicht die Oberhand gewann, weil er jetzt ein vermeintliches Opfer gefunden hatte. »Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Macht für Gutes einzusetzen.«
Ahsoka sagte nichts mehr. Sie ging einfach schweigend voran, doch der Eindruck, den sie in der Macht hinterließ, war aussagekräftiger als jede Bemerkung: Sie war tatsächlich verwirrt. Callista wartete, bis Ahsoka vor ihnen um die Ecke bog, und griff nach Geiths Ärmel.
»Du weißt, was passiert«, sagte sie. »Wenn andere Jedi uns sehen, bekommen sie Angst. Es hat keinen Sinn, darüber zu diskutieren.«
»Ist ja schon gut…«
»Versprich es mir.«
»Es hat auch keinen Sinn, mit einem Kind zu diskutieren. Aber das Ganze geht weit darüber hinaus, dass wir heiraten können und sie nicht. Ach ja, und auch wie viele Padawane ein Meister unterweisen kann. All das spielt keine Rolle. Nein, hier geht es um ein Dogma. Es geht um Kontrolle.«
»Wie ich schon sagte – wir beunruhigen sie. Das Beste, was wir tun können, ist ihnen ihren Weg zu lassen, während wir unseren gehen.«
Sie verlieh ihren Worten mit einem strengen Blick Nachdruck. Er seufzte, dann lächelte er und nickte. Es gab den richtigen Ort und den richtigen Zeitpunkt für ideologische Diskussionen – und das war nicht hier und jetzt.
Doch dann traten sie in den Konferenzraum und sie spürte, wie Geith wieder reagierte. Doch diesmal nicht auf einen kleinen schockierten Padawan, sondern auf die Klonsoldaten, die zu mehreren vor der Holotafel saßen, ihre Helme abgenommen hatten und in eine Unterhaltung vertieft waren. Es waren nicht so sehr ihre völlig identischen Gesichter, mit denen sie die Aufmerksamkeit auf sich zogen, sondern vielmehr die Tatsache, dass sie so unglaublich jung aussahen, sogar der mit dem rasierten Kopf, der die Abzeichen eines Captains an seiner Rüstung trug.
Sie sind jünger als ich. Jünger als Geith. Aber ansonsten sind sie genau wie wir.
Kein Jedi aus der Schule von Altis war je einem Klon begegnet, ehe er einen Fuß auf dieses Schiff gesetzt hatte. Jeder in der Gemeinschaft hatte seine Ansichten darüber, ob es ethisch vertretbar war, Kampftruppen zu züchten. Doch Ansichten waren nur Theorie, bis das, worum es dabei ging, direkt vor einem stand. Callista hätte auch ohne Hilfe der Macht vorhersagen können, was passieren würde. Geith ging direkt auf die Klone zu und streckte seine Hand zur Begrüßung aus. Dann setzte er sich zu ihnen. Mit seinem Verhalten machte er eine deutliche Aussage – nicht gegenüber den anderen Anwesenden im Raum, sondern gegenüber diesen Männern. Für ihn waren sie kein Werkzeug, um irgendwelche Ergebnisse zu erzielen.
Das ist der Grund, warum ich ihn liebe. Er lebt nach seinen Grundsätzen.
Pellaeon schaltete die Holotafel ein und hatte sofort die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Anwesenden, ohne auch nur ein Wort sagen zu müssen. Einige seiner Offiziere saßen am Tisch und sahen ihn unverwandt an. Callista richtete den Blick auf ihre Namensschilder.
»Meine Damen, meine Herren.« Pellaeon befleißigte sich nicht der aggressiven Vortragsweise, wie sie sie schon in Holovids gesehen hatte. Pellaeon wirkte zwar wie Mitte dreißig, doch er schien ein altmodischer Mann zu sein – der noch dazu ängstlich wirkte. »Wir sind damit beauftragt worden, eine unserer Agentinnen, die sich jetzt hinter feindlichen Linien befindet, herauszuholen. Wir wissen nicht, ob sie noch lebt oder schon tot ist. Ja, wir wissen noch nicht einmal, wo sie ist. Das versetzt uns in eine etwas ungünstige Lage.« Er schwieg kurz. »Und es ist nur fair, wenn ich Ihnen allen mitteile, dass es sich bei ihr um eine sehr enge Freundin von mir handelt. Ich erwähne das nicht, damit sich alle noch mehr bemühen, sondern weil Sie mir sagen müssen, wenn mein Urteilsvermögen beeinträchtigt ist und meine Gefühle Sie oder dieses Schiff aus unvernünftigen Gründen in Gefahr bringen.«
Callista mochte Pellaeon sofort. Ein höflicher, bescheidener Mann. Sie konnte sehen, dass es Altis genauso ging; er lächelte in sich hinein.
»Wir sind Freiwillige«, entgegnete Altis. »Agentin Devis sollte keine geringere Chance auf Rettung haben, nur weil ihr Geliebter zufälligerweise der Erste ist, der zur Verfügung steht. Wenn wir nicht zuließen, dass jene, die wir lieben, uns helfen, welches Vertrauen müssten wir dann wohl in die setzen, die uns hassen?«
Pellaeon wirkte immer noch niedergeschlagen, aber die Furchen in seiner Stirn waren nicht mehr ganz so ausgeprägt.
»Ja, in der Tat«, sagte er. »Und das bedeutet, dass ich das Risiko bei dieser Rettungsaktion auf meine Schultern nehme.«
»Sie meinen damit doch nicht, dass Sie an diesem Kampfeinsatz teilnehmen, oder, Captain?« Der Klon mit dem rasierten Kopf und dem Abzeichen, das ihn als Captain auswies, verschränkte die Arme vor der Brust. »Das ist eigentlich nicht Ihr Job, sondern meiner, solange keine anderen Truppen an Bord sind. Und ich habe bei solchen Rettungseinsätzen schon früher mitgemacht. Nur mit dem Unterschied, dass wir es diesmal auf meine Weise tun, und mit ein bisschen Glück wird es nicht wie auf Teth laufen.«
Offensichtlich lief hier unterschwellig mehr zwischen den beiden ab. Der Commander ist einer, der die Dinge in die Hand nimmt, dachte Callista. Er will nicht, dass es so aussieht, als würde er andere die Drecksarbeit tun lassen. Ahsoka beobachtete alles mit unverwandtem Blick. Sie war deutlich spürbar noch immer durcheinander wegen der neuen Jedi.
»Natürlich, Rex«, meinte Pellaeon schließlich. »Ich wollte nur meine Bereitschaft signalisieren, auch persönlichen Einsatz zu erbringen und ansonsten vom Schiff aus alles zu tun, was Sie für nötig erachten. Wie sieht Ihr Plan aus?«
»Alles basiert nur auf Vermutungen. Wir müssen herausfinden, wo sie sich befindet und ob sie noch lebt. Dann kommen wir wieder raus.«
Ahsoka mischte sich ein. »Was ist mit den anderen Schiffen? Schickt General Yoda keine Verstärkung, um die Invasion abzuwehren?«
Rex zog eine Augenbraue hoch. »Dafür ist es ein bisschen zu spät, Kleine. Meister Skywalker ist auf dem Weg, aber das ist eher Euer Los. Wir können nur versuchen, diese Agentin herauszuholen, um uns dann neu zu formieren und später zu kämpfen. Immer davon ausgehend, dass es nicht hundert andere Welten gibt, in denen die Zustände schlimmer sind als auf JanFathal.«
»Ich melde mich freiwillig für die Erkundung«, sagte Geith. »Es geht nichts über einen Jedi beim Aufspüren von Leuten. Und wir wissen ein wenig darüber, was passierte, ehe der Kontakt abbrach, weil ihr Komlink die Umgebungsgeräusche aufgenommen hat. Sie ist von Leuten gefangen genommen worden, die wir vor Ort identifizieren können.«
»Der Republikanische Geheimdienst war so zuvorkommend, uns ein bisschen darüber zu erzählen, was sie eigentlich in Athar vorhatten«, merkte Pellaeon säuerlich an. »Hallena war undercover als Gewerkschaftsaktivistin in Athar. Wenn wir Kontakt zu den Geheimdienstleuten von JanFathal aufnähmen, könnten wir Näheres in Erfahrung bringen, aber die Verbindungen nach Athar sind gekappt.«
Er hatte ihren Namen benutzt. Das machte es plötzlich alles sehr persönlich, aber damit hatte Callista kein Problem.
»Fragen Sie sie, ob sie wissen, wer Merish, Varti und Shil sind«, sagte Altis. »Das sind die Namen, die wir gehört haben.«
Pellaeon nickte seinem Ersten Offizier, Rumahn, zu. »Setzen Sie sich mit ihnen in Verbindung. Und die sollen Ihnen nicht mit dem Need-to-know-Prinzip zwischen den Abteilungen kommen.«
»Und wie sieht unser Plan aus?«, fragte Ahsoka. »Solange wir die Örtlichkeiten nicht kennen, können wir nicht viel Pläne machen«, meinte Rex. Er deutete auf die Holotafel. Als er die in die Luft projizierten Bilder vergrößerte, erschienen Straßenkarten und die Pläne von großen Gebäuden. »Deshalb werden wir uns mit den Vergnügungen, die das Stadtzentrum von Athar zu bieten hat, vertraut machen. Sobald wir uns eine ungefähre Vorstellung von den Örtlichkeiten gemacht haben, können wir uns einen Plan ausdenken.«
»Es ist purer Zufall, dass Sie dieses Kartenmaterial haben?«, warf Callista in fragendem Tonfall ein.
»Nein, jemand hielt es für eine gute Idee, die Karten von Hauptstädten mit Grundrissplänen von so vielen republikanischen Verbündeten wie möglich zusammenzustellen, falls man sie mal brauchen sollte«, erklärte Rex. »Die Angaben sind nicht vollständig, aber über unser HUD kommen wir an sie ran. Und überhaupt Informationen zu haben ist besser, als völlig nichtsahnend runterzugehen.«
»Deshalb sollten wir es tun«, sagte Geith. »Das soll keine Beleidigung sein, Captain, aber wir haben unsere besonderen Fähigkeiten. Wir können aus uns selbst heraus Dinge tun, für die Sie eine Menge Geräte brauchten.«
Rex strahlte ein gewisses Misstrauen in der Macht aus. Er musterte Geith mit einem abschätzenden Blick. »Plötzlich will jeder, dass wir uns einen Tag freinehmen.«
»Ihnen bleibt keine andere Wahl«, meinte Geith. »Ich mache es. Deshalb sagen Sie mir jetzt, was getan werden muss, damit ich…«
»Damit wir«, unterbrach ihn Callista.
»Das ist sehr aufmerksam von Ihnen, aber das ist mein Job.« Trotz seiner zur Schau gestellten entspannten Miene war Rex von der Unterhaltung zutiefst beunruhigt. Vielleicht störte es ihn, dass Geith meinte, er brauche in irgendeiner Weise Hilfe. »Ich bin nicht dafür ausgebildet, irgendetwas anderes zu tun.
Wie Ihr sehen könnt, würde ich mir nie meinen Lebensunterhalt mit Haareschneiden verdienen können.«
»Wir sind unser ganzes Leben lang für solche Einsätze ausgebildet worden, Ma’am«, sagte einer von ihnen. Callista hätte gern seinen Namen gewusst, doch die Klonkrieger trugen keine sichtbaren Namensschilder wie die anwesenden Offiziere der Leveler, die alle keine Klone waren. »Wir meinen es ernst, wenn wir sagen, dass wir den Job machen wollen.«
Es klang so, als wäre er noch nie auf einem Einsatz gewesen. Geith wirkte niedergeschlagen. Altis beobachtete alles nur und hielt sich genau wie Pellaeon mit Äußerungen zurück Angesichts von Agentin Devis’ Notlage fragte sich Callista, ob die Offiziere die Diskussion vielleicht für eine unverantwortliche Zeitverschwendung hielten. Aber sie wusste, dass dies der eigentliche Kern der Sache war. Das hatte Altis ihr beigebracht. Man durfte keine ethischen Grundsätze außer Acht lassen, irgendetwas einfach abtun und Versprechungen machen, um etwas Verkehrtes nur dieses eine Mal zu tun, weil die Umstände so dringend waren. Denn es gab nie nur dieses eine Mal. So etwas wurde Gewohnheit.
»Sie werden sich schlecht fühlen, wenn Sie es nicht tun, stimmt’s?«, fragte Geith.
»Ja, Sir.« Die anderen Klone nickten Rex zustimmend zu. »Das werde ich eindeutig. Das werden wir eindeutig.«
Pellaeon schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Na gut, dann wollen wir jetzt mal weitermachen. Was ist mit Eurem ursprünglichen Einsatz, Meister Altis?«
»Der kann ohne uns fortgeführt werden«, meinte Altis. »Und wir werden uns den anderen wieder anschließen, sobald unsere Arbeit hier getan ist.«
Die Versammlung brach so schnell auseinander, dass Callista fast das Gefühl bekam, alle würden lieber fliehen, als sich einen weiteren Schwall von Geiths Argumenten anzuhören. Sie bildete es sich wahrscheinlich nur ein; denn der Grund für den eiligen Aufbruch war wohl eher die Zeit, die drängte. Ahsoka raste hinter Rex aus dem Raum und hielt für einen Sekundenbruchteil noch einmal inne, um zu Geith und Callista zu schauen. Sie wirkte jetzt nicht mehr wie ein Kind, sondern eher wie ein eingesperrtes Tier, das flüchten will.
»Jetzt hast du es mir gezeigt«, sagte Altis. Er schenkte Geith dieses wundervolle Lächeln, bei dem das Netz aus Falten in seinem Gesicht, welches Alter und Weisheit gewoben hatte, für ein ganzes Leben voller Entdeckungen stand. Es war nicht das Lächeln eines Lehrers, der es geschafft hatte, dass eine seiner Lektionen im Kopf des Schülers haften geblieben war, sondern das eines Mannes, der etwas Kostbares gelernt hatte. »Danke, Geith. Ich hatte dich gebeten, dafür zu sorgen, dass ich Zeuge werden darf, wenn du einmal eine moralische Entscheidung treffen musst.«
Geith wirkte nicht sonderlich glücklich. »Aber ich habe es nicht getan. Ich habe mich einverstanden erklärt. Und Ihr auch, Meister.« Er schaute Callista vorwurfsvoll an. »Und auch du. Wir alle. Wir haben nachgegeben. Warum sind Rex und seine Männer entbehrlich und sollen unter Einsatz ihres Lebens jemanden retten, der kein größeres Recht hat zu leben als sie?«
»Das lässt sich auf alle Soldaten anwenden, nicht nur auf diese Männer. Du denkst, das war es, worum es bei deiner Entscheidung ging?«
»Ja.«
»Warum hast du dann nachgegeben? Und was hättest du stattdessen getan – hättest du dich geweigert, beim Einsatz mitzumachen, und diese Männer allein kämpfen lassen?«
»Ich habe nachgegeben, weil es so deutlich war, dass sie es tun wollten«, erklärte Geith. »Und wenn ich sie dazu gezwungen hätte, etwas anderes zu tun, hätte ich mich genau wie der Rat der Jedi schuldig gemacht, weil ich ihnen keine Wahl ließ.«
»Genau. Es geht hier um den Seelenfrieden der Klontruppen, nicht um deinen. Sich zu entscheiden ist nicht so einfach, wie es scheint, nicht wahr?«
»Ach, da werde ich mich jetzt so viel besser fühlen, wenn sie getötet werden.«
»Jetzt erkennst du das wahre Wesen schlechter Entscheidungen«, sagte Altis. »Auch wenn wir nicht diejenigen sind, die sie machen, zwingen uns Fehlentscheidungen von anderen – wenn sie schlimm genug sind – zu weiteren falschen Entscheidungen, weil sie den Lauf der Dinge beeinflussen. Aber wir können uns nicht von ihnen distanzieren, indem wir uns weigern, an der Welt, die sie erschaffen, teilzuhaben. Das wäre unverantwortlich.« Er richtete den Blick auf Callista. »Du bist auf einmal so still.«
»Ich schäme mich, Meister.« Das tat sie wirklich. Sie war sich ihrer Grundsätze so sicher gewesen, doch in dem Moment, als sie gefordert waren, hatte sie nicht Stellung bezogen. Es war viel leichter, das Richtige zu tun, wenn man wusste, was das Richtige war. »Und mir fällt auch keine Alternative ein.«
»Dann macht aus dieser Situation das Beste, wie ich es auch tun werde, denn auch ich bin einen Kompromiss eingegangen.«
Altis ging. Callista hatte nie gefragt, wie alt er war, aber er war immer noch fit und sein Schritt flott, als er die beiden allein im Halbdunkel des Konferenzraumes zurückließ. Sie fragte sich, ob Meister Yoda seinen Gefolgsleuten wohl jemals gesagt hatte, er hätte keine Ahnung, was er als Nächstes tun solle, und genauso voller Fehler und unwissend wie sie selbst wäre. Das war nicht unbedingt das, was die meisten bei einem Anführer suchten. Und doch bot Djinn Altis trotz seines offensichtlichen Mangels an Klarheit Führung.
»Mach das Beste aus einer schlechten Sache«, sagte Callista. »Füge keinen Schaden zu. Das ist unser Dilemma. Ich erkenne, warum die orthodoxen Ansichten der Jedi populärer sind. Sie sind klarer.«
»Gehorche, vergiss diese beunruhigenden Gefühle, und stell keine unangenehmen Fragen. Ja, da gibt es keine Existenzängste.«
»Du bist ziemlich aufgebracht wegen dieser Sache, nicht wahr?«
»Eines Tages werden wir vielleicht gefragt werden, warum wir es zugelassen haben oder warum wir nichts getan haben, um es zu verhindern. Und was wird dann unsere Antwort sein?«
Callista hatte keine Antwort darauf und er auch nicht. Das war es, was ihn ärgerte. Er hatte überhaupt nichts dagegen, Verantwortung zu übernehmen, aber bei dieser Sache hier gab es nichts Greifbares.
»Lass uns als Erstes daran denken, wie wir Agentin Devis retten können«, meinte sie.
Geith sah so aus, als wolle er wieder etwas sagen, aber dann nahm er ihre Hand und sie schlenderten durch den Gang zum Hangardeck. Um sie herum atmete und pulsierte das Schiff. Sie erlebte es durch ihre Machtsensitivität fast schon als etwas Lebendiges. Jedes Lebewesen konnte nur eine Entscheidung nach der anderen fällen, von Augenblick zu Augenblick, und sich um die beste Wahl bemühen.
Leider sahen manche Möglichkeiten völlig identisch aus – egal aus welchem Blickwinkel man sie betrachtete.
»Kopf hoch!«, ertönte eine Stimme hinter ihnen. Einer von Rex’ Männern, den die Abzeichen auf seiner Uniform als Sergeant auswiesen, überholte sie. »Wenn man zu so einem Einsatz aufbricht, das ist das beste Gefühl überhaupt! Nachher gibt’s Bier in der Messe, okay, Sir? Ma’am?«
Pfeifend und mit unter den Arm geklemmtem Helm ging er weiter.
Callista gab es auf, Klarheit finden zu wollen, und nahm sich einfach vor, alles zu tun, was erforderlich war, damit alle – Klon, Agentin oder Jedi – am Leben blieben.
LEERES VERWALTUNGSGEBÄUDE, IRGENDWO SÜDLICH DER BARRIKADEN, ATHAR
»Was ist da draußen los?«, fragte Merish.
Shil schaute aus dem Fenster. Blitze erhellten sein Gesicht. Es war das einzige Licht außer dem schwach gelb schimmernden Leuchtstab, der auf dem Boden neben Hallenas Füßen lag.
»Das ist das Problem, wenn man den Sender ausschaltet«, meinte Shil. »Ich weiß es verkrifft noch mal nicht. Wir müssen warten, bis ein Meldegänger vorbeikommt. Ich kann nur sehen… Ja, alles ist bei der Brücke stehen geblieben. Sie blockieren uns den Weg.«
»Solange wir sie damit beschäftigt halten…«, sagte sie.
»Warum sind die Seps noch nicht gelandet?«
»Vielleicht sind sie es ja schon. Wir würden es eh nicht mitbekommen.«
Hallena saß mit gefesselten Händen auf dem Boden und lehnte mit dem Rücken an der Wand. Für welche Zwecke dieser Raum an normalen Tagen auch benutzt werden mochte, so ’ arte man ihn doch eine ganze Weile nicht sauber gemacht. Ein Übelkeit erregender Geruch von saurer Milch hing in der Luft.
Schon komisch. Ich werde sterben – wenn ich Glück habe – und ich störe mich vor allem an schlechten Gerüchen.
Es war zwar nie eine gute Idee, sich über denjenigen, der einen gefangen genommen hatte, lustig zu machen, doch zumindest bekam sie jetzt eine Vorstellung davon, dass die Rebellen nicht ganz so clever waren, wie sie anfangs gewirkt hatten. Sie hatten sich selbst ein Bein gestellt, indem sie nicht an ein funktionierendes Kommunikationssystem gedacht hatten. Sie brauchten Meldegänger, um sich Nachrichten zukommen zu lassen.
Man hätte annehmen sollen, dass die Seps ihnen ein paar Komlinks zur Verfügung stellten, die über das Netzwerk des Schiffes laufen…
Aber sogar Berufsarmeen unterliefen dümmere Fehler als das.
Shil sah weiterhin aus dem Fenster. »Sie haben keinen großen Nutzen für uns, Orla, oder wie immer Ihr Name sein mag. Sie sind nur deshalb noch am Leben, damit wir Sie der KUS übergeben können.«
Ach ja, ist das so?
Wenn sie nicht schlafen konnte, hatte Hallena manchmal in den dunklen Stunden darüber nachgedacht, was sie wohl tun würde, wenn sie sich in der allerschlimmsten Situation befand. Zwangsläufig kam ihr dabei eine Sache am häufigsten in den Sinn – dass sie mit allem Schluss machte und diese Kapsel nahm. Entgegen einem populären Irrglauben befand sich das schnell wirkende Gift nicht in einem speziell präparierten Zahn. Sie musste die Kapsel aus dem Futter ihrer Fluchtausrüstung herausholen. Dabei handelte es sich um eine kleine Sammlung von Überlebenswerkzeugen, die in einer unscheinbaren Tasche hinten in ihrer Hose verborgen war. Der Trick mit dem Zahn wäre wohl doch einfacher.
Wie weiß ich, wann der Zeitpunkt gekommen ist, an dem es kein Zurück mehr gibt?
Das war das Wagnis, das sie einging.
Sie zwang sich dazu, nicht mehr daran zu denken, ob jemand ihr Notsignal aufgefangen hatte. Solch ein Denken lähmte. Sie durfte sich nur auf sich selbst verlassen, um hier herauszukommen. Und dann konnte sie sich Gedanken darüber machen, wie sie von diesem Planeten herunterkam… in den Kriegswirren dieser Welt würde es einfach sein unterzutauchen.
Siehst du? Alles, was du während der Ausbildung gelernt hast, kommt jetzt zurück. Plane weiter deine Flucht. Nutze jede Sekunde. Lass dich nicht von Verzweiflung lähmen, sodass du die Arbeit für deinen Feind erledigst. Übernimm die Kontrolle über die Situation. Sie können nicht in deinen Kopf hinein, außer du lässt es zu.
Sie überlegte immer noch, wie weit sie wohl kommen würde, wenn sie es nicht schaffte, die Handschellen loszuwerden, als der Boden unter ihr zu beben begann. Das Geräusch klang gedämpft. Was auch immer da detoniert war, war groß, aber nicht sehr nah. Artilleriefeuer. Verfügte der Regent über schwere Geschütze? Nein, er besaß die Einheiten, die man brauchte, um die Zivilbevölkerung in Schach zu halten, und nicht solche, die man brauchte, um einen Krieg gegen einen konventionellen Feind mit Kriegsschiffen und Laserkanonen zu führen.
»Hört sich so an, als wären die Seps eingetroffen«, meinte sie. »Wie wollen Sie sie darüber informieren, wo Sie sind, damit sie nicht zusammen mit dem Staatsschutz zu Nerf-Gehacktem verarbeitet werden?«
»Die Absprache lautete, sich aus dem Stadtzentrum fernzuhalten, sobald sie auftauchen.« Merish reichte Varti etwas zu essen. »Und das werden wir jetzt auch tun.«
Diese Leute waren zu gut organisiert, um ihrem Sep-Kontakt nicht die offensichtliche Frage gestellt zu haben: Wie erfahren wir, wann es vorbei ist? Das war das Problem bei einem Bürgerkrieg – bei jedem Krieg. Ein Krieg war eine dreckige Angelegenheit, er war, selbst wenn man über ein gutes Kommunikationssystem verfügte, schwer in den Griff zu bekommen, und er endete nicht mit einem Schlusspfiff wie ein Bolo-Ball-Spiel. Hallena kam allmählich zu der Erkenntnis, dass Merish auf irgendeine Kontaktperson wartete, die nicht auftauchte, und sich deshalb immer unwohler fühlte.
Nachts empfand man so etwas noch viel stärker. Wenn man versuchte, nur durch einen Blick durchs Fenster herauszubekommen, was draußen vor sich ging – das war unerträglich. Und Hallena war in einer noch schlimmeren Position – sie sah alles nur aus der Perspektive eines Kindes – Beine vor ihr und nur die eine Sicht nach draußen durch das Fenster.
Merish, Shil und Varti waren genauso hilflos und verängstigt wie sie.
Vielleicht konnte sie sich das irgendwie zunutze machen.
Sie fühlen sich zwar hilflos, aber sie haben im Gegensatz zu mir Blaster, und es genügt ein Schuss in Richtung Kopf, und damit ist alles zu Ende.
Sie schüttelte heftig den Kopf, damit sie nicht wieder anfing zu überlegen, ob jemand kommen würde, um sie zu retten. Solche Sachen passierten nur in Holovids. Es würde kein auf Rettungseinsätze spezialisiertes Sonderkommando kommen. Von diesen Einsatzgruppen gab es nur ganz vereinzelt ein paar und die Galaxis war zu groß, als dass sie Zeit gehabt hätten, das Kindermädchen für Agentinnen zu spielen, die dumm genug gewesen waren, sich erwischen zu lassen.
Du ziehst dich schon wieder runter mit diesen Gedanken…
Ich komme hier raus. Ich kann einen Platz finden, wo ich untertauchen kann. Sie werden viel zu sehr damit beschäftigt sein, sich gegenseitig zu bekämpfen oder ihre Nachbarn zusammenzutreiben, um nach mir zu suchen.
»Was zum Stang ist das?«, fragte Shil.
Rumms.
Wieder erschütterte eine Explosion die ganze Gegend. Sie klang näher diesmal, und es war gleich noch eine zu hören. So, wie Shil versuchte, sich aus dem Fenster zu lehnen, konnte er wohl auch nicht erkennen, von wo der Lärm kam. Doch das Donnern wurde heftiger und kam auch immer näher.
»Schsch. Schsch!« Merish begann hektisch in ihrer Tasche zu wühlen, als würde man Schützenfeuer durch ein Zischen zum Schweigen bringen können. Leute taten die seltsamsten Dinge, wenn sie unter Stress standen. »Mein Komlink…«
Das Gerät piepte. Hallena konnte es hören. Merish drückte eine Taste und presste das Komlink ans Ohr, während sie das andere mit einer Hand zuhielt. Obwohl es fast dunkel war, konnte Hallena sehen, wie sich Merishs Gesichtsausdruck entspannte, als hätte sie gerade die Nachricht erhalten, auf die sie gewartet hatte.
»Die ersten Droiden der Separatisten sind gelandet«, sagte sie, während sie das Komlink immer noch fest ans Ohr drückte. »Der Commander hat einen mobilen Transmitter errichten lassen, sodass wir wieder miteinander kommunizieren können. Der Commander sagt, wir sollen uns nicht vom Fleck rühren, während sie das Regierungsgebäude einnehmen.«
Hallena wusste nicht im Entferntesten, wie lange das dauern würde, aber dass sich so etwas nicht in ein paar Minuten erledigen ließ, war ihr klar. Das war etwas, womit sie sich in Gedanken beschäftigen konnte. Das Schützenfeuer war jetzt nah genug, um zu spüren, wie bei jeder Explosion Putz von der Decke rieselte und sich auf ihr Gesicht legte.
»Ich hoffe, die wissen, dass wir hier drin sind«, meinte Hallena. »Ich würde mich an Ihrer Stelle nicht auf die Genauigkeit von Droiden verlassen.«
»Darum hat man sich gekümmert.« Merish wandte sich von ihr ab, während sich ihre Lippen bewegten, und ging zum stockfinsteren Flur außerhalb des Büroraumes. Hallena konnte nicht mehr hören, was die Frau sagte, aber sie schien verschiedene Codes durchzugeben und sprach, als würde sie überprüfen, wo die Leute sich gerade aufhielten.
Ab und zu fluchte sie so laut, dass Hallena es hören konnte, und es klang so, als wäre irgendetwas nicht nach Plan gegangen oder jemand wäre getötet worden. An ihrer Körperhaltung war jedoch zu erkennen, dass sie von immer größerem Selbstvertrauen erfüllt war.
Varti schien sich entspannt zu haben, obwohl sie jetzt wahrscheinlich größerer Gefahr ausgesetzt waren, von einem fehlgeleiteten Schuss erwischt zu werden als am Anfang von der Staatsmiliz, weil sie sich eigentlich nicht in vorderster Reihe des Aufstandes befanden.
»Kaum zu glauben, dass wir es endlich getan haben«, meinte er. Es klang so, als würde er mit sich selbst reden.
Merish kam wieder in den Raum. »Es ist noch nicht vorbei. Jarlio berichtet, dass schwere Kämpfe um die Kasernen des Wachpersonals herum toben. Wer hätte gedacht, dass die so viel Mut haben?«
Wenn man einen Planeten erobern wollte, reichte es nicht, nur die Hauptstadt einzunehmen. Aber Hallena hielt den Moment nicht für günstig, um ihnen zu erzählen, was man ihrer Meinung nach tun müsste, um einen Gegner zu überwältigen.
»Ist der Regent tot?«, fragte sie.
»Warum? War das Ihr Auftrag? Diesen Abschaum in Sicherheit zu bringen, ehe wir ihn lynchen können?«
»Würden Sie mir glauben«, erwiderte Hallena, »dass wir noch gar nicht erkannt hatten, wie weit sich die Dinge entwickelt hatten?«
Shil trat vom Fenster weg. »Nein. Aber Sie scheinen auch überhaupt keine Ahnung zu haben, wie sehr die Republik in der ganzen Galaxis dafür verabscheut wird, welche Regime sie unterstützt. Deshalb sollte ich vielleicht nicht weiter überrascht sein. In Coruscant lebt man sehr behütet, nicht wahr?«
Ja.
Glaubt ihr etwa, ich wüsste das nicht?
Meint ihr nicht, dass in mir auch Zweifel aufkeimen, wenn ich an solche Orte wie hier komme und sehe, wie die Leute hier leben?
Sie schwor sich, nicht weiter in ihrem bisherigen Job zu arbeiten, wenn sie hier lebend herauskommen sollte. Fünfzehn Jahre waren für jeden genug. Bei einem Spion war es ein bisschen mehr, als nur zu kündigen, denn deren Berufslaufbahn endete eigentlich erst mit ihrem Tod – sei er nun natürlich oder gewaltsam. Auch im hohen Alter konnten sie noch mit einem kleinen Auftrag betraut oder dazu aufgefordert werden, Informationen zu analysieren. Sie wussten einfach zu viel. Aber sie würde aussteigen, richtig aussteigen, und irgendwohin gehen, wo niemand sie fand.
Als Erstes musste sie jedoch aus Athar herauskommen.
REPUBLIKANISCHES ANGRIFFSSCHIFF LEVELER, ÜBER JANFATHAL
Die Lautsprecheranlage des Schiffes dröhnte. »Alarm, Alarm, Alarm, Schiff ist jetzt in Verteidigungsbereitschaft.«
Na, zumindest das funktionierte. Der sullustanische Techniker krabbelte unter den Sensoranzeigen hervor und schraubte die Abdeckung wieder an.
»Fertig?«, fragte Pellaeon.
»Fertig«, erwiderte der Techniker. Er stützte sich mit verschränkten Armen auf den Tisch. »Ich habe die Sensoren auch neu kalibriert. Die Anzeige muss neu gestartet werden.«
Lieutenant Meriones eilte davon, um die Anweisung auszuführen. Pellaeon musste gestehen, dass der kleine Nager sich wirklich sehr bemühte, aber das war wohl auch nicht anders zu erwarten, wenn man sich auf einem Schiff befand, welches eigentlich nicht gefechtsbereit war und sich innerhalb der Reichweite des Feindes befand.
»Es befinden sich zehn feindliche Schiffe im Orbit um JanFathal«, stellte Meriones fest und betätigte verschiedene Schalter. »Alle in der nördlichen Hemisphäre über Athar… Acht von ihnen scheinen Truppentransporter zu sein.«
»Nun, Rex, was meinen Sie?«, fragte Pellaeon.
Der Klon-Captain strich sich mit der Hand über den kahl geschorenen Schädel. »Am schnellsten würde es immer noch gehen, wenn wir uns an ihr Landungsschiff hängen. Die Blechbüchsen führen keine visuellen Überprüfungen durch. Die Kisten haben ja noch nicht einmal Sichtfenster. Die akzeptieren jeden Code, den wir senden, und das war’s dann.« Mit der Hand machte er ein herabstürzendes Schiff nach. »Zumindest ist das sehr wahrscheinlich. Direkt hinter ihnen landen, den Auftrag erledigen und wieder rauskommen.«
»Dann können wir nur hoffen, dass unsere Jedi-Freunde sie aufspüren können.«
Es fiel ihm schwer, Hallenas Namen zu nennen. Pellaeon empfand Schuldgefühle, weil er nicht genau wusste, warum das so war. Es hätte ehrliche, schlichte Furcht um die Frau sein sollen, die er liebte. Doch jetzt machte er sich Gedanken, weil sich in diese Furcht Verlegenheit mischte. Verlegenheit darüber, dass er hatte zugeben müssen, mit ihr etwas zu haben, und er ein Kriegsschiff und andere Leute benutzte, um sie da herauszuholen. Er war sich so sicher gewesen, dass seine Gefühle reiner waren, dass sie sich von diesen kleinen langweiligen Schreibtischhengsten unterschieden, die über seine Karriere entschieden und sich überhaupt nicht vorstellen konnten, dass eine gesunde Beziehung dabei eine Rolle spielte. Pellaeon gefiel es nicht, sich unsicher zu fühlen. In solch einem Zwiespalt befand er sich äußerst selten.
Ich glaube, ich verstehe jetzt, warum sich Jedi so sehr vor Bindungen fürchten.
»Ist mit Ihrem jungen Padawan alles in Ordnung?«, fragte Pellaeon. »Altis und seine Leute scheinen sie ganz durcheinander gebracht zu haben. Mir persönlich gefällt der Mann eigentlich.«
»Sie sagt, es wären Häretiker und dass ihre Überzeugungen von denen des Jedi-Ordens abweichen«, erklärte Rex vorsichtig. »Skywalker ist auch im Geiste viel mehr Soldat als die anderen. Ich komme gut mit ihm klar.«
»Ich wusste sehr wenig über die Jedi, bevor sie bei der Armee eingesetzt wurden. Das ist schon eine ziemliche Erfahrung.«
»Ich finde, es hilft, wenn man sie als einen hochkomplexen Sensor betrachtet, der auf einer Technologie basiert, die sehr weit über dem liegt, worauf man selbst Zugriff hat. Vielleicht sollte man gar nicht so viel darüber nachdenken, sondern sich einfach nur die Vorteile zunutze machen.«
»Und Sie wollen dieses Kind wirklich auf den Einsatz mitnehmen?«
»Sie kann weitaus mehr, als man auf den ersten Blick vermuten würde.« Rex sah auf sein Chrono. »Wir sollten uns auf den Weg machen. Schauen wir doch mal, was das Shuttle macht.« Er wandte sich an den Sullustaner. »Dann kommen Sie mal mit und zeigen uns Ihr Kunststück mit dem Transponder, Kamerad.«
Auf dem Hangardeck war die Bodenmannschaft damit beschäftigt, bei einem der Versorgungsschiffe den Treibstoff nachzufüllen. Es war ein unauffällig aussehendes Schiff, das sich nicht groß von Millionen von zivilen Leichttransportern unterschied, die mit Lichtgeschwindigkeit reisen konnten, und die überall in der Galaxis zu finden waren. Nur auf dem Rumpf und der Abwehrkanone war das nicht schnell ins Auge fallende Emblem der Republik aufgebracht. Die Fähre mochte vielleicht nicht über eine großartige Bewaffnung verfügen, doch dafür konnte man sich damit weitaus unauffälliger bewegen. Mit ihr würde man weniger Aufmerksamkeit erregen als mit einem TFAT/i-Kanonenboot.
»Sie wollen wirklich keine Zivilkleidung anziehen?« Pellaeon versuchte sich einen Trupp Klone vorzustellen, die mit ihren schimmernden weißen Rüstungen weiter keine Aufmerksamkeit erregen wollten. Es würde heller Tag sein, wenn sie in der Stadt ankamen. »Sie sind sehr…sichtbar.«
»Ich ziehe die Vorteile einer Rüstung der Möglichkeit vor, mich unauffällig bewegen zu können«, erklärte Rex. »Und wir werden uns ja auch nicht lange dort aufhalten.«
Die Jedi saßen auf Kisten neben der Rampe, mit der Torrent-Sternenjäger zwischen den Decks verschoben wurden. Alle hatten die Köpfe in den Händen vergraben – sogar Ahsoka – und wirkten wie eine kollektiv in Verzweiflung versunkene Gruppe.
»Ich hoffe, die machen gerade Radarspiele oder so was«, meinte Pellaeon. »Oder vielleicht hat ihre Smashball-Mannschaft ja auch verloren.«
Rex klopfte ihm aufmunternd auf den Rücken. »Wir werden sie finden. Machen Sie sich keine Sorgen.«
»Bin ich so leicht zu durchschauen?«
»Humor. Hilft in vielen Fällen.«
»Wie wahr.«
Callista schaute auf, als sie sich näherten. Sie wirkte überhaupt nicht wie der esoterische Typ; sie trug noch nicht einmal die typischen Jedi-Gewänder, sondern nur einen normalen, eng anliegenden Fliegeranzug wie der Mann neben ihr. Meister Altis wirkte in seiner schmuddeligen, weiten Kleidung eher wie ein Gelehrter. Und sie schienen mit Ahsoka nur das Lichtschwert gemein zu haben, das jeder am Gürtel hängen hatte. In einem weniger angespannten Moment wäre Pellaeon sehr daran interessiert gewesen, die Kluft zwischen den beiden Schulen zu erforschen, aber jetzt hatte er nicht den Kopf dafür frei. Er hoffte nur, dass sie gut zusammenarbeiten konnten.
Er hoffte außerdem, dass er sein Blatt nicht überreizt hatte, indem er sich mit einem nicht voll einsatzfähigen Schiff in einem Kriegsgebiet herumtrieb.
Hätte ich das auch getan, wäre es nicht um Hallena gegangen?
Ja. Ich hatte mich bereits dazu entschlossen, ehe ich wusste, dass es um sie ging. Oder nicht?
»Captain, haben Sie irgendeinen persönlichen Gegenstand von Agentin Devis? Etwas, das sie benutzt hat?«, fragte Callista. »Das könnte uns helfen.«
Pellaeon war der Meinung, dass so etwas nur bei Akk-Spürhunden nützte. Doch in der kurzen Zeit, die er nun schon mit Jedi arbeitete, hatte er gelernt, dass man durchaus alles ausprobieren sollte. Jeder schien über eine andere Sonderbegabung zu verfügen.
Rex, Sie hatten Recht.
Er griff in seine Tasche. Hallena hatte ihm mal einen Stift geliehen und er hatte ihn – vernarrter Dummkopf, der er war – nie zurückgegeben. »Ich hätte ihn gern wieder, wenn das möglich wäre.«
Altis nahm den Stift und schloss seine Finger darum.
»Das ist kein Eindringen in irgendeiner Form«, erklärte er und schloss die Augen. »Betrachten Sie es als eine Art Kalibrierung.«
Pellaeon wusste nie so recht, wo er hinschauen sollte, wenn Jedi solche Dinge taten. Er empfand es immer automatisch als Zauberkunststück und fühlte sich nach Corellia zurückversetzt, wo er als Junge bei einem Volksfest gewesen war und sich geschworen hatte, genau herauszufinden, wie der Typ im roten Kostüm den Trick mit dem Ring bewerkstelligt hatte. Denn so etwas wie Zauberei gab es nicht.
Aber vielleicht war das auch einfach nur das falsche Wort dafür.
Altis öffnete die Augen wieder. Dann reichte er den Stift an Callista weiter, die ihn ebenfalls einen Moment lang mit geschlossenen Augen festhielt, ehe sie ihn Geith gab. Als auch Geith mit dem Stift meditiert hatte, reichte er ihn Ahsoka.
Ahsoka griff danach und machte die Augen zu, aber man merkte ihr das Unbehagen deutlich an. Pellaeon staunte darüber, welche Macht Tabus auch über ansonsten aufgeklärte Wesen hatten. Was tat Altis’ Gemeinschaft, was von anderen Jedi nicht akzeptiert werden konnte?
Hauptsache, ihr findet Hallena. Lasst sie nicht allein dort unten sterben.
Ahsoka gab den Stift schließlich an Altis zurück. »Das ist uns eine große Hilfe, Captain«, sagte dieser. »Danke. Sie möchten etwas fragen, nicht wahr?«
Pellaeon zuckte mit den Schultern und steckte den Stift wieder ein. Und da dachte ich doch tatsächlich, ich hätte mein Sabacc-Gesicht aufgesetzt. »Ich bin ein logisch denkender Mensch…«
»So wie Sie mit Ihren Sensoren nach thermischen Profilen und Antriebsfrequenzen suchen, um Schiffe zu identifizieren, halte ich in der lebendigen Macht nach sehr ähnlichen Dingen Ausschau.«
Das ist es nicht, was ich hatte fragen wollen. »…sogar nach einem Nicht-Jedi.«
»Da ist es schwerer aufzuspüren, aber ich finde sie dennoch häufig. Wir haben jetzt, wie man so schön sagt, einen Anhaltspunkt.«
»Aber lebt sie noch? Und wenn ja, könnt Ihr mir dann sagen, wie es ihr geht?«
»Sie ist noch am Leben«, sagte Altis. »Und sie fühlt sich…stark an.«
Der sullustanische, auf Sensoren spezialisierte Techniker stieg aus dem Cockpit des Shuttles. »Fertig«, sagte er und sah die Jedi an, die sich hier versammelt hatten. Aus den Gesichtern von Sullustanern konnte man nur schwer lesen, aber die Aussage war eindeutig. »Ich möchte nicht arbeitslos werden, ja?«
Benb. Das stand auf seiner Erkennungsmarke. Pellaeon bemühte sich um einen aufmunternden Tonfall. Er brauchte diese Arbeiter, und sie hatten bei Arbeitsantritt nicht damit gerechnet, in Kampfhandlungen hineingezogen zu werden. »Ich sorge dafür, dass Sie eine Bonuszahlung erhalten«, beruhigte er ihn. Und wenn ich diesen Bonus selbst bezahlen muss. »Ich betrachte Ihre Mithilfe als einen persönlichen Gefallen, den Sie mir tun.«
Es funktionierte immer. Und er meinte es auch so. Benb zuckte die Achseln. »Dann mache ich mich jetzt besser mal an die Zielerfassung der Erschütterungsraketen…«
Rex’ Sergeant und die sechs neuen Klonsoldaten verschwanden nacheinander, gefolgt von den Jedi, in der Fähre. Altis war deutlich agiler, als man aufgrund seiner weißen Haare geschlossen hätte. Mit einem Satz war er im Schiff.
Ich hoffe, ich bin auch noch so beweglich, wenn ich in dem Alter bin. Der Ruhestand würde mir wohl auch nicht gefallen.
»Los, Ahsoka.« Callista scheuchte die Togruta vor sich her. »Dann machen wir jetzt mal ’ne gemütliche Plauderrunde unter Frauen.«
Rex schaute noch einmal aus der Luke heraus. »Halten Sie bitte nach General Skywalker Ausschau? Er wird versuchen, mich über meine sichere Verbindung aufzuspüren.«
Die Luke wurde geschlossen. Pellaeon stellte mit seinem Komlink Kontakt zur Brücke her.
»Bringen Sie uns in Shuttle-Reichweite von JanFathal, Nummer Eins. Versuchen Sie so lange wie möglich, nicht gesehen zu werden.«
Auch ein leises Schiff, das nur ganz wenig Energie verbrauchte, würde früher oder später bemerkt werden. Aber die Separatisten rechneten nicht mit Gesellschaft, und eins hatte er in den letzten paar Monaten über sie gelernt: Sie besaßen ein übersteigertes Selbstvertrauen.
Die Wahrscheinlichkeit war groß, dass sie die Leveler erst bemerkten, wenn es zu spät war.