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Vor der Drehtür bleibe ich stehen. Das Vernünftigste wäre, ganz normal wieder hochzugehen. Sarah weiß ja nicht, was gerade passiert ist. Niemand weiß das. Und wenn ich mich nicht selbst verrate, wird es auch niemand erahnen. Nicht mal Oma Gabi.

Also, worauf warte ich noch? Ich muss doch wieder rein.

Verdammt, ich will aber nicht. Meine Lippen sind aufeinandergepresst, die Fäuste geballt. Mir reicht es. Ich habe ein Leben neben diesem hier. Und wenn ich es jetzt nicht ergreife, geht es einfach so an mir vorbei.

Ich muss eine Entscheidung treffen. Mein ganzer Körper zittert vor Anstrengung. Die Bademantel-Raucher mustern mich.

»Hey«, sagt einer und kommt mit seinem tragbaren Chemoteil auf mich zugerollert. »Alles klar mit dir?«

»Kümmer dich um deinen eigenen Kram!«, schreie ich den Mann an. Er erschrickt und fällt fast über seinen Infusionsständer. Ich aber mache kehrt, direkt auf dem Absatz. Ich laufe mit großen Schritten und ohne stehen zu bleiben: über den Parkplatz, durch die Siedlung, die Straße runter, bis zur Bushaltestelle.

Meine Schülerfahrkarte ist zu Hause, aber es kontrolliert niemand. Unbehelligt kann ich auf einem Einzelsitz hocken und mit langsam ruhiger schlagendem Herzen warten, bis ich aussteigen muss.

In unserer Straße ist es still und verlassen wegen des langen Pfingstwochenendes. Würde mich jemand sehen und ansprechen, wäre das aber auch egal. Die meisten Leute wissen ja nicht, dass heute Sarahs Geburtstag ist und ich im Krankenhaus sein sollte. Als ich den Schlüssel aus dem Versteck hinter dem Gartenschuppen hole, komme ich mir schon fast wie ein Einbrecher vor. Dabei ist es unser Haus. Es ist ganz legitim, dass ich an den Kühlschrank gehe und eine Flasche Apfelsaft austrinke.

Dass ich dann im Schlafzimmer meiner Eltern nach der silbernen Schmuckdose suche, die mein Vater meiner Mutter zur Hochzeit geschenkt hat, ist natürlich schon etwas anderes. Normalerweise gehe ich genauso wenig in ihr Schlafzimmer, wie sie in meinem Reich rumschnüffeln.

Daher zucke ich auch wie ertappt zusammen, als mit einem lauten Klackern die Post in den Briefkasten geworfen wird, denn die Unterwäscheschublade meiner Mutter ist für mich eigentlich tabu.

Aber gerade hier finde ich die Schatulle. Ich öffne sie und blicke prompt auf ein Foto von Sarah. Ihr letztes wichtiges Fußballspiel: Nach Abpfiff umarmt sie verschwitzt und dreckverschmiert meine Eltern und balanciert dabei einen Pokal auf dem Kopf.

Und wo bin ich? Es ist doch wieder total ätzend, ein Foto auszusuchen, auf dem nur sie drei drauf sind. Mir fällt ein, wie oft ich auf die brave, tolle Sarah eifersüchtig war. Bevor ich nachdenken kann, hab ich das Foto auch schon gepackt und zerknüllt.

Ein Fünfhunderter steckt noch in der Dose. So viel Knete. Und für mich habt ihr keinen Cent übrig. Na wartet! Das ist Geld, das mir zusteht.

Die Sporttasche füllt sich wie von selbst. Ich muss mich auch beeilen, denn ein Blick auf mein Handy sagt mir: Schon sieben Minuten vor zwölf. Schnell rufe ich Nils an. Er ist natürlich längst auf dem Weg zum Treffpunkt. Im Hintergrund läuft WDR 4, der Alte-Leute-Radiosender, den sein Vater im Auto hört. Herr Wende ist sogar in seinem Musikgeschmack konservativ. Er ist ein übler Typ, knochentrockner Niemalslacher und perfektionistischer Nörgler, der ständig was an seinem Sohn auszusetzen hat.

»Hast du deinen Alten noch nicht ins Heim einweisen lassen?«, frage ich Nils zur Begrüßung.

Nils lacht. »Das mache ich, sobald ich selbst den Führerschein habe.«

»Okay. Könnt ihr einen Umweg fahren und mich abholen?«

Er stößt einen Überraschungslaut aus. »Haben deine Eltern das doch noch erlaubt?«

»Yep.« Da ich nicht mehr sage, fragt er auch nicht. Wäre auch unklug, solange sein Vater neben ihm sitzt.

»Super, Flo, ich freu mich. Wir sind gleich da.«

»Ich freue mich auch«, sage ich, als er das Handy schon ausgemacht hat. Dann stecke ich den Geldschein in mein Portemonnaie, schnappe mir meine Reisetasche, gehe die Treppe hinunter und lasse die Haustür hinter mir zufallen: Freiheit.

 

Nils' Vater guckt mürrisch, stellt aber keine Fragen. Er nickt mir nur wortlos zu, als ich hinten in die Familienkarosse steige. Nils dreht sich zu mir um und grinst verschwörerisch. »Stark, Alter.«

»Ich kann euch doch nicht alleine lassen. Ihr macht sonst nur Unsinn«, antworte ich locker.

»Das stimmt«, fällt Herr Wende unerwartet ein, »ich hab auch ein besseres Gefühl, wenn du dabei bist, Florian. Du bist zweifellos vernünftiger und verantwortungsbewusster als unser Nils.«

Dazu sage ich mal lieber nichts. Zum Glück muss ich das auch nicht, denn Nils fängt an, sich mit seinem Vater zu zanken. Wie meistens geht's um Nils' Schulnoten und wie immer hat Nils die schlechteren Argumente. Soll mir egal sein.

Am Treffpunkt warten schon an die fünfzig Jugendliche verschiedener Altersgruppen und eine Handvoll junger Erwachsener, die wie Schäferhunde um die Herde herumlaufen und Anweisungen geben. Ich kann Peter erkennen, unseren Trainer, der alle überragt und von oben die Köpfe zählt.

»Danke fürs Mitnehmen«, sage ich noch. Im nächsten Moment sind wir umringt von Freunden.

»Hey, Flo! Super«, begrüßt mich Eric, unser Torwart.

»Kannst du mal die Bälle hier nehmen? Die müssen noch in den Kofferraum.« Ferhad drückt mir ein Netz mit Bällen in die Hand und flitzt dann die Bustreppe hoch, um einen guten Platz zu ergattern. Auch Nils ist schon drin, hat Ricarda und Lea entdeckt und ist gleich hinter ihnen her. Ich schiebe Tasche und Bälle in den Kofferraum des wartenden Busses und stehe dann unvermittelt vor Peter.

»Ja, also, meine Eltern haben doch noch erlaubt, dass ich mitfahre.«

Peter schweigt, sieht wie ein Raubvogel aus seinen zwei Metern Höhe auf mich runter, während ich rasch das Portemonnaie aus meiner Hosentasche ziehe und den Fünfhunderter heraushole. »Achtzig Euro, ne?« Ich halte ihm den Schein hin.

Er nickt, nimmt ihn aber nicht an. »Den kann ich jetzt so nicht brauchen. Erstens macht Trixis Mutter aus dem Vorstand die Kasse und zweitens kann ich dir den nicht wechseln.«

»Vielleicht jemand anders?«

»Fünfhundert Euro?« Peter runzelt die Stirn. »Glaubst du wohl selber nicht.«

Schon merke ich, wie die anderen vom Bus aus auf mich und den rosafarbenen Schein herabschauen. Meine Finger werden feucht.

»Hatten's deine Eltern denn nicht kleiner?«

»Nein.« Ich trete unbehaglich von einem Bein aufs andere. »Es ist wegen Sarah«, lüge ich und sage doch die Wahrheit. »Bei uns dreht sich alles nur noch um sie. Die kommen nicht mehr zu den einfachsten Sachen, weil sie nur noch im Krankenhaus hocken.«

Das Misstrauen auf Peters Gesicht verschwindet und seine Stimme klingt weich, als er fragt: »Wie geht's ihr denn?«

»Na ja.«

Er nickt bedrückt, schaut auf den Geldschein, zögert.

»Peter«, ruft Philipp, »was ist? Kann's losgehen? Es sind jetzt alle drin bis auf euch zwei.«

»Ja, ja«, ruft er zurück und zu mir gewandt sagt er: »Du kannst später bezahlen. Wechsel erst mal in Ruhe dein Geld. Die Bescheinigung deiner Eltern, dass du mitdarfst . . .?«

An die habe ich überhaupt nicht gedacht. Jetzt bloß keine Unsicherheit zeigen. Ich deute auf die geschlossenen Kofferraumklappen. »In der Tasche.«

»Okay.« Peter seufzt. »Gibst du mir auch später. Und jetzt los.«

Er schiebt mich vor sich in den Bus und der fährt sofort an.