Nach dem Streit mit Anna habe ich prompt Kopfschmerzen. Einen Druck links und rechts an den Schläfen, als wäre mein Schädel in ein mittelalterliches Foltergerät eingespannt. Ich massiere die schmerzenden Stellen mit beiden Händen, aber ohne große Wirkung.
Dann nehme ich wie ein Verurteilter selbst mein Handy in die Hand und wähle unsere Telefonnummer. Ich warte auf die Stimme meines Vaters, der knurrig unseren Nachnamen sagt, oder das aufgeschreckte »Ja?« meiner Mutter. Ich warte auf das größte Donnerwetter meines Lebens -- aber noch viel mehr auf Erlösung.
Doch es gibt keine Erlösung für mich. Zumindest in einem Punkt hatte Anna recht. Bei uns meldet sich niemand. Weder beim Festanschluss noch auf den Handys.
Mit zusammengebissenen Zähnen trotte ich zu unseren Zelten. Ricarda kommt mir fröhlich entgegen, sieht aber mein verkniffenes Gesicht. »Ärger?«, fragt sie und verzichtet darauf, mich zu küssen.
»Ist ein besonders ätzender Tag heute.«
»Oh«, macht sie beleidigt. »Der Tag, an dem wir uns das erste Mal küssen, ist also besonders ätzend.«
»Nein, Quatsch«, rufe ich und muss mich zusammenreißen, ihr die Bemerkung nicht übel zu nehmen. »Das war natürlich klasse. Es gibt nur wieder Stress. Ich erreiche Sarah nicht am Telefon.«
Ricarda muss sich wohl genauso zusammenreißen, freundlich zu bleiben. »Kannst du die denn nicht mal eine einzige Minute vergessen? Du hast dich entschieden, mit uns zu feiern. Du hast selbst gesagt, dass sie dir die Fahrt gönnt.« Ricarda schlingt die Arme um meinen Hals. »Und jetzt bist du hier, hast dich extra gegen deine Eltern durchgesetzt. Du bist frei. Nutz das auch!«
»Ja«, sage ich erschöpft, »ich versuch's.« Dann drücke ich ihr einen kurzen Kuss auf den Mund und schiele neidisch zu Eric und Nathalie hinüber, die sich kabbeln. Wie locker die sind. Wie frei von Problemen. Keiner quatscht die doof an. Keiner macht ihnen Angst. Und ein schlechtes Gewissen plagt sie schon gar nicht.
»Florian, hier, du siehst aus, als könntest du was vertragen.« Nils reicht mir seine Flasche Bier.
»O ja. Das ist genau das, was ich brauche.« Ich löse mich von Ricarda und trinke.
Im nächsten Moment bekommt sie eine eigene Flasche von Ferhad angeboten. »Damit du nicht leer ausgehst.«
»Danke -- wie schön, dass jemand an mich denkt.«
»Wenn dein Freund dich schon nicht versorgt . . .«
Sein Grinsen gefällt mir nicht. Es fehlt nur noch, dass er ihr sagt, wie gut sie aussieht. Und das tut sie wirklich. Während Anna mich getriezt hat, hat sie sich geschminkt, umgezogen, die Haare hochgesteckt. Ich müsste mich anstrengen, aufmerksam sein, lustig. Aber ich kann mich kaum auf Ricarda konzentrieren. Die bescheuerte Anna mit ihrer Panikmache und mit ihrem Gerede vom Todesengel hat erreicht, was sie wollte. Dabei stimmt wahrscheinlich nur die Hälfte. Anna schwindelt doch, dass sich die Balken biegen. Aber was, wenn sie diesmal doch die Wahrheit gesagt hat?
»Du hast echt schöne Haare, Ricarda.«
Ferhad geht mir auch gehörig auf den Senkel. »Ey, wolltest du nicht eigentlich beim Mixed-Spiel mitmachen?«
Er wehrt rigoros ab. »Nee, das bringt doch eh nichts und dafür hat sich auch kaum einer angemeldet.«
»Können wir dann los?«, fragt Nils und greift nach den drei Plastiktüten, in denen sich der Proviant für den Abend befindet. Eine reicht er Eric, eine Ferhad. Dann sieht er sich suchend um. »Fehlt nur noch Lea. Wo steckt die?«
Ricarda zuckt die Achseln, als ginge sie ihre Freundin nichts an. »Hab ich schon die ganze Zeit nicht gesehen. Die ist auch so miesepetrig heute. Ich sag immer, wenn man eigentlich keine Lust hat, Urlaub zu machen, und mit den Gedanken woanders ist, dann soll man besser zu Hause bleiben.«
Das ist wieder auf mich gemünzt, keine Frage. Ich ärgere mich, versuche aber, es nicht zu zeigen. Schließlich will ich, dass es zwischen mir und Ricarda schnell wieder gut läuft. Ich will mich in einen Rausch trinken, knutschen und alles andere vergessen.
Julia und Corinna kommen jede mit einer Box voll klapperndem Geschirr vorbei. »Ihr faulen Säcke hättet mal beim Abwasch helfen können«, sagt Corinna unfreundlich.
»Wir haben 'ne Spülmittelallergie«, kontert Ferhad und legt den Arm um Ricarda. Er ist so beschäftigt damit, ihr mit seinen Sprüchen zu gefallen, dass er nicht merkt, wie Corinna ihm die Flasche Spülmittel in die Plastiktüte steckt und sich dafür ein Alkoholmixgetränk greift.
Soll sie. Das Portemonnaie kann sie ihm meinetwegen auch noch klauen.
»Was machen wir dann jetzt?«, frage ich Ricarda. »Sollen wir ohne Lea losgehen?«
»Meinetwegen hätten wir vorhin schon zum Strand gehen können.«
»Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.«
»Mal sehen«, antwortet sie schnippisch. Ich stupse sie mit dem Fuß an. Da lächelt sie halbwegs versöhnt.
»Lea? Leeeeea?«, ruft Nathalie neben mir gelangweilt und völlig sinnlos. Wie soll die das in diesem Trubel hören? Mit ihrem Geschrei erreicht Nathalie nur, dass ich Ohrenschmerzen kriege und Lennart angekrochen kommt. Der hat allerdings Oberwasser, weil er uns ein Mal im Leben etwas voraushat.
»Ich weiß, wo sie ist«, ruft er; es fehlt nur noch, dass er den Arm hochstreckt und mit den Fingern schnipst. »Die füttert ein Eichhörnchen.«
Eric kriegt einen Lachanfall. »Du bist selber so 'n Eichhörnchen.«
Das klingt für seine Verhältnisse fast schon freundlich, was bei Lennart sofort auf fruchtbaren Boden fällt. »Kommt, Leute, sie ist da hinten.«
Wir setzen uns in Bewegung. Ferhad drängt an Ricardas Seite, aber ich bleibe dran, springe geschickt über eine Zeltleine und entlocke Ricarda ein Grinsen, als ich mir im Vorbeigehen von einem fremden Tisch eine Frikadelle stibitze.
Lea hockt tatsächlich am Rand des Campingplatzes vor einer Hecke, hält am ausgestreckten Arm ein Stück Nussbrot und schnalzt mit der Zunge, um ein Tier anzulocken. Sie erinnert mich an das kleine Mädchen aus dem Park, aber als sie sich zu uns umdreht und uns angrinst, mit ihren vielen silbernen Ohrringen und den kecken kurzen Haaren, ist sie einwandfrei wieder Ricardas besserwisserische Freundin. Eine nette Art hat sie aber schon und einen Augenblick lang freue ich mich sehr, dass sie mich mag.
»Das Eichhörnchen kann nicht laufen. Ich glaube, es ist krank oder verletzt.«
»Hey, Vorsicht!« Eric fasst sie an der Schulter, will sie zurückziehen. »Ich bin als Kind mal von einem Eichhörnchen gebissen worden. Lacht nicht! Man weiß nie, ob die Tollwut haben. Meine Mutter hatte tierisch Angst, dass ich mich angesteckt haben könnte.«
»Hast du bestimmt.« Ferhad klopft ihm auf die Schulter. »Das erklärt vieles.«
Eric lacht und scheucht das Tier mit den Armen. »Ksch, ksch, zisch ab!«
»Ey, Eric, hör auf«, beschwert sich Lea. »Ich hab's die ganze Zeit angelockt und jetzt kommst du . . .«
»Nee, das Vieh soll abhauen, ich bin auch dafür«, sagt Ferhad. »Wenn das echt Tollwut hat oder 'ne andre Seuche, soll's uns nicht zu nahe kommen.«
»Genau«, ruft Nathalie übertrieben ängstlich. Ricarda äußert sich nicht, weicht aber sicherheitshalber zurück.
Irgendwie haben sie ja recht. Dieses Tier verhält sich nicht normal. Es könnte wirklich infiziert sein. Trotzdem, oder gerade deshalb, muss man es nicht jagen. Man sieht doch, dass es kaum laufen kann. Es ist kurz vorm Verenden. Das sieht man doch.
»Lasst es in Ruhe«, rufe ich und spüre mein Herz bis ins berstende Hirn hämmern. Ich will meine Klappe halten, ich sollte es unbedingt, aber die Worte brechen aus mir heraus: »Lasst es einfach in Ruhe sterben!«
Ricarda sieht mich erschrocken an. Nils legt mir eine Hand auf die Schulter. »Flo, ey«, sagt er freundlich, »das ist nur 'n Eichhörnchen.«
»Genau«, fällt Eric pragmatisch ein, »wir tun dem vielleicht 'nen Gefallen, wenn wir's erlösen. Unsere Katze mussten wir auch einschläfern lassen.«
Ich schnappe nach Luft.
»Nein«, ruft Lea im gleichen Augenblick, »dazu habt ihr kein Recht.«
Doch Eric guckt voller Unschuld. Eric mit seinen lächerlichen, zu langen Ponyfransen, die er sich ständig aus dem Gesicht pusten muss. »Das war viel besser so, Lea. Ehrlich. Die Katze hat nur noch gelitten.«
»Warum erzählst du diese Scheiße?« Ich brülle ihn an. Mein Gesicht glüht, mein Herz dröhnt mir durch den Schädel. Meine Arme schießen vor und ich versetze ihm einen harten Schlag vor den Brustkorb.
»Was ist denn mit dir los?«, keucht er aufgebracht.
»Ich will meine Ruhe, okay?! Und das Tier da auch.«
»Suchst du Streit oder was?« Erics Augen blitzen wütend auf. »Mann, bist du durcheinander.«
Einen Moment sieht es so aus, als würden wir aufeinander losgehen und uns jeden Moment prügelnd auf den Boden werfen. Aber dann passiert etwas völlig Unerwartetes.
Jemand lacht. Lennart. Er lacht nicht nur, er klatscht in die Hände und ruft: »Los, Leute, wir wollen Blut sehen.«
Die Lust auf eine Schlägerei verpufft. Die Auseinandersetzung zwischen Eric und mir ist so plötzlich zu Ende, wie sie gekommen ist. Mir fällt wieder ein, dass Eric mein Freund und eben ein bisschen naiv und trampelig ist. Ihm fällt ein, dass ich als vorübergehend unzurechnungsfähig gelte.
Er lässt die Fäuste sinken. Ich atme gleichzeitig aus.
»Sorry«, sage ich, was gar nicht so schwer ist. »Schade um deine Katze.«
»Esmeralda.« Eric entspannt sich. »Die war 'n heißer Feger. Jede Nacht auf Jagd. Die Kater aus der ganzen Nachbarschaft waren scharf auf sie und haben vor unsere Tür gepinkelt. Und dabei hatte sie nur drei Beine.«
Darüber kann ich lächeln. Unglaublich, aber es funktioniert. Wenn ich mich auch gleichzeitig anstrengen muss, nicht loszuweinen. Meine Kiefermuskeln schmerzen, als ob Lächeln etwas wäre, das nur mit größter Anstrengung zu erreichen ist.
Ganz befreit dagegen lacht Lennart. Er lacht sogar noch, als ihn von allen Seiten verächtliche Blicke treffen. Erst als Nils ruft: »Es reicht, Spasti!«, hält er mit offenem Mund inne.
Nils winkt uns mit dem Kopf. »Los, kommt jetzt. Wir gehen. Das wird eine Wahnsinnsparty.«