25

So erledigt, wie ich bin, schlafe ich sofort ein. Allerdings ist die Nacht viel zu kurz, um mich richtig zu erholen. Schon um sechs muss Eric zum Klo und stolpert über meine Beine, um sieben klappert das erste Geschirr, um halb acht stellt irgendein Volltrottel sein Radio auf volle Lautstärke und kurz darauf zerrt Peter den Reißverschluss zu unserem Zelt auf und ruft: »Raus aus dem Mief! Aufstehen! Florian, Nils, kommt her! Mit euch habe ich noch ein Hühnchen zu rupfen.«

Leicht verkatert schleppen Nils und ich uns zum Holztisch, wo Trixi sich gerade ein Brötchen mit Nutella bestreicht. Neben ihr sitzt Lennart, der -- quasi unter Aufsicht -- im Trainerzelt geschlafen hat und dem man die Strapazen der Nacht deutlich ansieht. Das Gesicht ist aschfahl, Lippe und Nase sind geschwollen und der Hals in einen Fan-Schal gehüllt. Angeekelt und hungrig zugleich schielt er auf Trixis Frühstück. Uns wirft er ein gequältes Lächeln zu.

Dann fragt er mit einer Stimme, die vor Heiserkeit kaum wiederzuerkennen ist: »So wollt ihr gleich Fußball spielen?«

Nils und ich tauschen einen Blick. Hat Lennart nicht mitbekommen, dass seine Vergiftung kein Unfall war, oder macht er nur einen auf fröhlich, um sich bei uns einzuschleimen?

Peter beschäftigen ähnliche Fragen. »Florians Version habe ich schon gehört«, sagt er zur Eröffnung. »Jetzt würde ich die Geschichte der Saufparty gern noch von euch beiden hören. Wer fängt an? Nils?«

Nils öffnet den Mund. Reden war noch nie so seine Sache und er wirkt entsprechend erleichtert, als Lennart sich röchelnd einmischt: »Ist doch ganz easy, Peter. Ich vertrage nichts und habe das Spülmittel versehentlich erwischt.«

»Und wer hat dir dann eine reingehauen, du Schlauberger? Warst du das auch selbst? Hast du dich versehentlich selbst geschlagen?« Peters Stimme trieft vor Ironie. Um uns herum füllen sich die Bänke mit Neugierigen. Alle wollen das Tribunal mitbekommen.

»Das hatten wir doch schon mal, Peter. Ich war's«, sage ich fest. »Lennart hat ein blödes Lied gesungen, daraufhin ist mir der Kragen geplatzt.«

Ein paar Leute lachen. Niemand hier mag Lennart wirklich gern, niemand schätzt ihn, und das weiß er genauso gut wie ich.

»Ich kann eben nicht singen«, sagt er mit seiner Hardcore-Halsentzündung, und das hat ausnahmsweise etwas so Passendes, Befreiendes, beinahe Sympathisches, dass alle freundlich lachen.

Peter will wieder mit seiner Verhandlung fortfahren, aber ich unterbreche ihn: »Peter, es war so, wie ich es gesagt habe. Ich habe dir auch gesagt, ich fahre nach Hause. Nicht, weil ich mich jetzt superschuldig fühlen würde oder so, sondern weil ich hier momentan einfach nicht hinpasse. Ich wollte die Trauerklöße meiner Familie hinter mir lassen und mit euch Spaß haben, aber das geht nicht. Nach dem Frühstück nehme ich den Zug.«

Lea öffnet den Mund, um etwas zu sagen. Für einen Moment denke ich, sie will mich begleiten. Tatsächlich höre ich dann: »Ich fahre auch mit.« Aber der Satz kommt nicht von ihr, sondern von Nils.

»Das werte ich jetzt aber doch als Schuldeingeständnis.« Peter kann es nicht lassen. Und ganz falsch liegt er mit seiner Vermutung ja auch nicht. Kein Wunder, dass er Jura studiert. »So leicht kommt ihr mir nicht davon, Jungs.«

»Was willst du denn noch, Peter?« Trixi mischt sich ein. »Lass es jetzt dabei bewenden. Wir wollen hier auch noch mal an was anderes denken.«

Philipp und Christoph, die anderen beiden Trainer, sind der gleichen Meinung. Peter fühlt sich überstimmt, brummelt aber noch das ganze Frühstück über. Als ich meine Sachen zusammengepackt habe, sagt er: »Die Rückfahrt musst du aber selbst bezahlen, Florian.«

»Ist okay. Ich hab Geld. Ich zahle für Nils und Lennart mit.«

»Brauchst du doch nicht.« Nils ist das unangenehm. »Dann kriegst du zu Hause noch mehr Ärger.«

»Ich bin genauso sauer auf die wie sie auf mich. Weil sie mich nicht angerufen haben.«

Ich weiß immer noch nicht, wie Sarah den Schwächeanfall gestern überstanden hat. Hoffentlich ist alles in Ordnung . . . soweit bei ihr überhaupt etwas in Ordnung sein kann.

Nils schweigt, Peter nickt und lässt mich von da an in Ruhe.

Die anderen kommen, um sich zu verabschieden.

»Schade, dass du fährst.« Ricarda umarmt mich spontan.

»Ja. Tut mir leid, dass es zwischen uns nicht so gut gelaufen ist.«

»Ach, macht doch nichts.« Sie küsst mich auf den Mund, grinst mich an. »Bist trotzdem 'n Süßer.«

»Und du erst«, sage ich nur für mich, denn sie hat sich nun schon wieder von mir abgewandt und herzt Nils. »Und du fährst auch. Das ist gar kein richtiger Urlaub ohne euch.«

Nils genießt die Umarmung sichtlich. »Vielleicht kann man den mal irgendwann nachholen«, höre ich ihn sagen.

Lea will zum Bahnhof mitkommen, der nur zwei Kilometer entfernt ist. Ferhad und Eric verabschieden sich mit Handschlag, auch Philipp und Trixi, von denen ich das gar nicht erwartet hätte.

Peter begleitet uns natürlich auch zum Bahnhof, denn er muss ja sicherstellen, dass wir drei Minderjährigen wenigstens in den richtigen Zug einsteigen, wenn wir schon allein aus dem Ausland nach Hause reisen.

Als wir fünf den Campingplatz verlassen, läuft mir Anna nach. »Florian, warte mal!«

Auf Anna bin ich immer noch sauer. »Keine Zeit«, sage ich schroff.

»Bitte! Es tut mir leid, was ich da gestern alles zu dir gesagt habe. Ich bin da ein bisschen übers Ziel hinausgeschossen. Na ja, ich habe mir eben Sorgen gemacht, das heißt: Ich mache sie mir immer noch, denn Sarah geht einfach nicht an ihr Handy. Ich hoffe aber, dass alles gut ist. Man muss ja hoffen. Kannst du ihr das bitte geben, wenn du sie siehst?« Sie drückt mir einen Pappkarton in die Hand. Die Seiten sind mit Postkarten beklebt, der Boden mit Sand und Muscheln bedeckt. »So hat Sarah ein bisschen vom Meer in ihrem Zimmer.«

»Okay.«

»Danke.« Anna tritt unruhig von einem Bein aufs andere. »Und wie gesagt: Es tut mir leid.«

»Also hast du dir die Geschichte mit dem Todesengel nur ausgedacht.«

Sie windet sich. »Nicht ganz. Wir haben wirklich viel über Engel gesprochen, seit diesem Film. Aber dass der was zu ihr gesagt hat, das . . . na ja . . .«

Ich nicke. Das habe ich mir doch gleich gedacht.

»Sorry, Florian.«

»Schon gut.« Ich zeige auf Lea, die stehen geblieben ist und zu uns herüberschaut. »Ich muss los.«

Annas Gesicht hellt sich plötzlich auf. »Wusstest du übrigens, dass Sarah vor ein paar Wochen mit mir gewettet hat, dass du in diesem Urlaub eine Freundin findest? Ich hab ja auf Ricarda getippt, aber Sarah war sicher, es würde Lea sein.«

Einen Moment bin ich verdutzt. Ja, so ist sie, meine Schwester: immer für Überraschungen gut.