Der Sound klingt gut und die Räder bringen echt Leistung, wenn sie sich durch den Sand kämpfen. Ricarda sitzt dicht hinter mir, ihre Hände liegen um meinen Bauch, ihre Brust drückt gegen meinen Rücken. Ihre Beine neben meinen sind muskulös, bronzefarben und endlos lang, die Zehennägel lackiert: rosa und mintgrün. Wie Sarahs. Was für ein blöder Zufall.
Die Fahrt ist klasse. Und Ricarda gefällt sie auch. Sie schmiegt sich an mich und ruft übermütig: »Florian, schneller, die holen uns ein!«
»Das wollen wir doch mal sehen.«
»Huaah, Vorsicht! Nicht den Hund überfahren!«
Ein Blindfisch von Labrador kreuzt unseren Weg. Jemand schreit auf Holländisch. Beim Bremsen geraten wir ins Schleudern, Sand spritzt auf. Eric und Ferhad brausen links an uns vorbei, Nils und Lea rechts, aber egal, denn Ricarda gefällt's. Sie duftet nach Vanilleeis mit heißen Kirschen, und wenn sie sich vorbeugt und ich mich umblicke, so wie jetzt, kann ich ihr direkt in ihren wunderbaren Ausschnitt schauen.
In dem Moment geht, weil ich mich mehr nach hinten als nach vorn orientiere, der Motor aus und unsere Nasen stupsen gegeneinander. Wie im Film oder wenn eine Fee die Hand im Spiel hat.
Sie: »Hups! Hahaha! Na du?«
Ich: »Hi, Ricarda. Äh . . . Gut, dass wir nicht den Hund überfahren haben.«
Was Blöderes fällt mir wohl nicht ein.
Sie lacht. »Der ist schon längst weg.« Ricarda wirft erst einen Blick über den Strand, dann einen auf mich, kräuselt die Lippen, lässt leise eine Kaugummiblase knallen und legt den Zeigefinger auf meine Nasenspitze. So ungefähr muss Hypnose funktionieren. »Woran denkst du jetzt gerade, Flo?«
»Vanilleeis mit heißen Kirschen.«
»Du lädst mich zum Eis ein?«
»Alles, was du willst. Ich bin heute einer Fee begegnet und hatte drei Wünsche frei. Zwei sind schon wahr geworden, zumindest indirekt. Wenn ich dir auch einen erfüllen kann . . .«
Ich habe Ricarda noch nie so verwirrt gucken sehen. Ich glaube, ich habe auch noch nie so seltsame Sachen gesagt.
»Du nimmst mich auf den Arm?!«
»Ja, nein, also: Heute Morgen im Krankenhaus bei Sarah --«
Ihr Gesichtsausdruck verändert sich schlagartig. Ein kurzer Anflug von Genervtheit, dann bricht das Mitleid durch. Ricarda guckt wie eine meiner Tanten. Sie seufzt auch so: hoffnungslos und verständnisvoll zugleich. »Ich weiß, dass ihre Krankheit auch schlimm für dich ist.«
Darauf wollte ich jetzt gar nicht hinaus. Ich wollte eine fröhliche Geschichte erzählen, ein Märchen mit Happy End. Doch gegen diesen tausendfach ertragenen Mitleidsblick kann ich nicht anreden.
»Weißt du«, sagt Ricarda betulich, rutscht von mir weg, hebt die Knie an und präsentiert mir ihre Zehen. »Das war Annas Idee. Du musst mal drauf achten, fast alle aus den Mädchenmannschaften haben sich die Zehen so lackiert, in Sarahs Lieblingsfarben, als Zeichen der Hoffnung und Solidarität, wie bei der Aids-Schleife.«
Was für ein Schwachsinn. Wenn ich mit Ricarda am Strand liege, muss ich ja denken, sie wäre meine Schwester. Und muss mich dann fragen, ob ich mit einem heißen Mädchen knutschen und fummeln darf, während meine Schwester vor sich hin röchelt. Wer zeigt eigentlich mal Solidarität mit mir?
»Wie findest du das?«
»Bescheuert.«
»Warum?«
Ricarda wartet vergeblich auf die Antwort. Was ich denke, kommt mir nicht über die Lippen.
Das Schweigen wird immer länger, zäher, breiter, wie giftiges Industrieabwasser sickert es zwischen uns.
Sarahs Krankheit ist eben ein Romantikkiller. Hätte ich meiner Flamme gestanden, dass ich vorbestraft bin oder Windelfetischist, wäre die Wirkung nicht halb so schlimm gewesen. Ricarda hätte gelacht, geschimpft oder mich von nun an links liegen lassen, aber sie hätte mich nicht so völlig ohne Feuer angesehen, so, wie man ein Stück Graubrot anschaut, auf das man eigentlich keinen Hunger mehr hat.
Ich komme mir selbst auch schon ganz fad und mehlig vor. Wo ist mein Schwung, meine Energie?
Plötzlich trifft mich ein Plastikförmchen am Hinterkopf.
»Hey, was macht ihr da? Fahren, nicht parken!«
»Lass sie doch, Nils! Wir stören das junge Glück.« Lea zupft ihn am Ärmel und guckt uns herausfordernd an. Ich bin sicher, sie freut sich, uns aufzuscheuchen. Denkt wohl, sie hätte einen Kuss verhindert. Irrtum. Sie hat die Chance dafür sogar erst wieder geschaffen.
Die trüben Gedanken fallen mir von den Schultern wie ein nasses Badehandtuch. Jetzt werde ich meinen Strandferrari Sprit verbrauchen lassen. »Attacke«, rufe ich.
Ricarda schreit auf, als wir so unvermittelt losrasen. Nils schreit noch lauter. »Warte, das kann ich auch!«
Der Strand ist frei für ein Rennen mit meinem besten Kumpel. Wir lachen uns mit gebleckten Zähnen zu. Unsere Mädchen kreischen.
»Die wird schon noch deine Freundin«, hatte die Kleine im Park heute Morgen gesagt. Recht hat sie. Nichts und niemand macht mir das hier kaputt.
Die Geschwindigkeit beflügelt mich. Wenn ich will, ist alles möglich: den Gegenwind besiegen, die Menschen und Möwen zur Seite scheuchen, Ricardas Lippen nah an meine lenken, Nagellackentferner für alle kaufen.
Auf dem fast leeren Strand fällt eine Gestalt sofort ins Auge: Lennart. Er hat uns entdeckt und winkt steif mit den Armen wie ein Verkehrspolizist.
Wir haben aber nicht vor anzuhalten. Ich bin in Raselaune und Nils lässt sich von einer Witzfigur nicht die Richtung vorgeben.
»Mach Platz!«, brüllt er und hält direkt auf ihn zu.
Es ist eine Gaudi zu sehen, wie der käsige Lennart bleich wird und sich dann, nach viel zu vielen Schrecksekunden, schwabbelig tapernd davonmacht und in den Sand fällt.
»Du musst mal deine Reaktionsfähigkeit trainieren, Spasti!«
»Hey, der macht 'ne Schwalbe!«
Die Rufe meiner Freunde gehen in vielstimmigem Gelächter unter. Lennart hat auf seiner Flucht eine Sandburg geschleift. Drei kleine Kinder schreien und heulen.
Lennart streift sich Sand vom Gesicht. Wir stehen mit unseren coolen Quads vor ihm und blicken auf ihn runter.
»Wie hättest du mich eigentlich morgen beim Turnier ersetzen wollen?«, frage ich Lennart.
»Ich hätte mir halt Mühe gegeben.«
»Was für 'ne blöde Antwort, du Idiot«, entgegnet Ricarda an meiner Stelle. »Florian ist unersetzbar.« Sie umschlingt mich, Gott sei Dank wieder ganz untantenhaft, mit Armen und Beinen und sagt mir mit erotischer Stimme direkt ins Ohr: »Los, weiter! Das macht Spaß.«
Spaß macht's auch, dass sie mich neckisch ins Ohrläppchen beißt. Es kitzelt. Und nicht nur am Ohr.
»Kann ich mitfahren?«, höre ich Lennart noch rufen.
Wie naiv ist der eigentlich?