13

Vom Tisch her winken mir Nils und Lea zu. Ich quetsche mich zwischen sie auf die von ihren Hinterteilen angewärmte Holzbank und schicke Lennart zur Warnung einen bösen Blick rüber.

Alle haben zum Essen etwas beigesteuert: Getränke, Weißbrot, Salate in Frischhaltedosen, Grillfleisch . . . Nur ich natürlich nicht.

»Jetzt falle ich gleich schon wieder auf«, sage ich launig. »Ich habe nichts eingekauft und muss mich von euch durchfüttern lassen.«

Mein Blick schweift über die Gesichter der anderen. Keiner meiner Freunde verzieht die Miene. Lennart zieht die Augenbrauen hoch, wagt aber nichts zu sagen.

Nur Peter, der gerade in diesem Moment hinter Ricarda vorbeigeht, hört meine Worte und murrt: »Ja, ja, Florian, du beanspruchst wieder mal eine Extrawurst. Wir erhöhen dir einfach deinen Mitgliedsbeitrag, wir kommen dann schon noch auf unsere Kosten.«

»Hahaha«, mache ich erleichtert, weil ich weiß, dass er mir wohlgesinnt ist. Wenn Peter Witzchen macht, nimmt er mir bisher nichts übel.

Das Essen schmeckt hervorragend, vor allem weil ich jetzt erst merke, welchen Hunger ich die ganze Zeit hatte. Ich schlage richtig zu, reiße mit Nils Witze über Erics Angewohnheit, alles, was er isst, in Ketchup zu ertränken, und freue mich, als ich höre, dass Ricarda anderen Mädchen begeistert von der Quadfahrt erzählt.

Dann klingelt ein Handy. Direkt hier. Mein Rufton. Ganz klar. Augenblicklich steigt mir das Blut ins Gesicht. Jetzt ist es so weit. Jetzt geht die Bombe hoch. Ruckartig drehe ich mich zur Seite, um erst mal mit dem Telefon zu flüchten, komme aber nicht weg. Ein stechender Schmerz durchfährt meine Stirn, für einen Moment wird mir schwarz vor Augen. Ich habe mir meinen Kopf an Leas gestoßen, die sich genau im gleichen Moment zu meiner Seite gedreht hat.

»Au! Kannst du nicht aufpassen?«

»Kannst du nicht aufpassen?«, schießt sie zurück. »Ich kann doch wohl an mein Handy gehen.«

Ihr Handy. Es blinkt und die Schrift auf dem Display verkündet: 19.21. Papa ruft an.

Mir wird schwindelig. Das kann nicht wahr sein.

»Du hast den gleichen Klingelton wie ich.« Es sind nicht meine Eltern.

»Ja und? Das ist auch das Einzige, was wir gemeinsam haben.«

Meine Eltern haben mich immer noch nicht angerufen.

Lea reibt sich die Stirn und dreht mir dann den Rücken zu, um zu telefonieren. Abwesend höre ich mit, wie sie sich bei ihrem Vater beschwert, dass der »bekloppte Florian« sie mit seinem »Sturschädel« fast k. o. geschlagen habe. Und ob ich will oder nicht, höre ich -- wenn auch gedämpft -- die laute Bassstimme ihres Vaters durchs Telefon: »Ach, Schätzchen, das macht dir doch nichts«, sagt er lachend. »Das ist doch der, der dir so gut gefällt, oder?«

Lea wird feuerquallenrot und wirft mir einen schnellen Blick zu. Ich bin viel zu verdattert, um so tun, als hätte ich nichts mitbekommen. Da springt sie auf und zischt wütend ins Telefon: »Das hab ich so nie gesagt, Papa! Wieso sollte ich ausgerechnet den . . .«

Wieso eigentlich nicht? Ich bin ein astreiner Verteidiger und auch sonst ganz passabel, bin zumindest nicht lang und dürr wie Peter oder fett wie Lennart, bin nicht verpickelt wie Nils, hab erst recht keinen Mundgeruch wie Trainer Philipp, von dem es heißt, dass er die Gegner mit seinem Atem ausknockt, und überhaupt . . . Ich sehe ihr nach und habe plötzlich ein ganz warmes, gutes Gefühl im Bauch. Gemocht zu werden macht selbstbewusst. Das hat richtig was.

»Alles klar mit dir?« Nils schubst mich an.

»Bis auf 'ne leichte Gehirnerschütterung . . .«, antworte ich, noch immer etwas benommen, aber mit einem glücklichen Grinsen auf dem Gesicht. Lea ist verglichen mit Ricarda zwar nur halb so hübsch und doppelt so anstrengend, aber eine Nullnummer ist sie auch nicht. Ist eben klug und individuell. Mensch, wer hätte das gedacht, dass sich ausgerechnet dieses streitsüchtige Biest in mich verschossen hat?

»Hey, Flo«, mault Ricarda, der nicht verborgen geblieben ist, dass mich Lea auf einmal beschäftigt. »Ich will dir schon die ganze Zeit was zeigen, aber du guckst gar nicht rüber. Hier, probier mal das Kräuterbutterbaguette, das meine Mutter gemacht hat.«

»Mmmm, danke.« Ich schenke ihr ein Lächeln, das sie hoffentlich besänftigt. Hey, Mädels, kloppt euch nicht um mich, das Wochenende ist ja noch lang!

»Auf dem Baguette ist aber massig Knoblauch drauf«, warnt Eric. »Sollte man bedenken, wenn man nachher noch knutschen will.«

»Mit wem willst du denn knutschen?«, fragt Nils.

»Schau mal da rüber«, entgegnet Eric, hebt sein Cola-Glas und prostet Nathalie zu. Die strahlt ihn an und fängt an zu kichern.

Ich bin genauso verblüfft wie Nils. Der staunt noch mehr, als Eric ihm verrät: »Wusstest du, dass Michelle auf dich steht?«

»Hä?«

»Stand sie jedenfalls mal. Vielleicht hat sie sich aber mittlerweile schon wieder anders entschieden, weil du nichts gerafft hast.«

»Jungs merken so was immer spät. Zu spät.« Mit einem abfälligen Zischen setzt sich Lea wieder neben mich.

Ich lache sie frech an. »Soll das eine konkrete Anspielung sein?«

»Willst du dir wieder 'ne Kopfnuss einfangen?«

»Nö.« Mit dem Grinsen könnte ich 'ne Banane quer fressen.

Ricarda mustert mich argwöhnisch, sagt aber zu Nils: »Du brauchst dir gar nicht die Augen auszugucken. Du bist doch gar nicht Michelles Typ. Du bist ihr doch viel zu . . . kindisch und leichtsinnig.«

Nils, der nicht ahnt, dass dieser Satz mehr an mich und Lea gerichtet ist, verschränkt die Arme vor der Brust und lehnt sich gemütlich zurück. »Och, das sehe ich nicht so. Ich lasse den Abend mal auf mich zukommen.«

»Ich auch«, sage ich. Das wird mir jetzt ja wohl gelingen.

»Ich dachte, wir machen nachher noch ein Trainingsspiel«, nölt Ferhad.

»Macht ihr mal. Wir haben uns nicht angemeldet«, antwortet Ricarda. Dann streicht sie unterm Tisch mit ihrem aus der Sandale geschlüpften nackten Fuß an meinem Bein entlang. »Party am Strand. Brauchst du noch 'ne Begleitung, oder nicht?«

»Doch, auf jeden Fall.«

»Party hört sich gut an«, stimmt Nils ein. »Getränke haben wir genug.«

»Da gibt's was anderes als Apfelsaft und Cola.« Eric lacht und wischt sich mit beiden Händen Ketchup vom Mund. »Kannst heute Abend alleine 'n echter Sportler sein und Lennart Nachhilfe geben«, sagt er zu Ferhad, der daraufhin ein Gesicht macht, als hätte er in eine verdorbene Frikadelle gebissen. Die faule Frikadelle höchstpersönlich, Lennart genannt, hat das Wort »Nachhilfe« mitbekommen. Er hört auch, was Nils mit vollem Mund nuschelt, nämlich »Sonderturnen für den Spasti«.

Für einen Moment sehen wir uns an, der ausgemachte Loser und der abgebrühte Held des Tages. Noch immer hat mir keiner die Hölle heißgemacht. Meine Eltern sitzen in der Pizzeria, mästen die Verwandten und werden erst doof aus der Wäsche gucken, wenn sie gleich heimkommen und kein Florian vorm Fernseher sitzt.

Da sagt Lennart, nur an mich gerichtet: »Du darfst gar nicht hier sein.«

Seine Drohung, wenn's denn überhaupt eine ist, klingt wie eine Frage. Nicht mal richtig erpressen kann er.

»Und?«, kontere ich forsch. »Du solltest auch nicht hier sein, oder?«

»Wieso?«

Ich will mich auf einen eindeutigen Blick beschränken, aber Nils kann einfach keine Gelegenheit auslassen, Lennart eine reinzuwürgen.

»Wieso? Das fragst du noch? Weil du keinen Fußball spielen kannst, du Spasti. Und weil dich niemand hierhaben will. Was kannst du denn, außer die anderen anzuschwärzen, hm? Hätten wir für dich auch ein Quad bezahlen sollen? Sind wir vom Sozialamt oder was? Fang jetzt bloß nicht an, Florian Stress zu machen!«

Lennart öffnet den Mund, bringt aber kein Wort raus. Die Lippen gehen auf und zu wie bei einem Fisch.

»Kümmer dich einfach um deinen eigenen Kram, dann kommen wir am besten klar«, sage ich und gebe meinen Worten großzügig etwas Wärme. Lieber die Situation entschärfen. Schlimm genug, dass ich nicht weiß, welche Art von Unwetter über mir heraufzieht, da muss ich nicht noch einen kleinen Erpresser an der Backe haben.

Lennart nickt - verrückterweise macht er jetzt einen auf friedlich -, beugt sich über seinen Teller und beginnt, völlig unkontrolliert Kartoffelsalat in sich hineinzuschaufeln.

Nils gibt einen zufriedenen Grunzlaut von sich und richtet sein Augenmerk wieder auf Michelle. Ricardas Fuß berührt zum zweiten Mal mein Knie. Ein anderer Fuß -- ich vermute Leas -- tritt mich, aber es tut nicht weh, und ich bin sicher, dass ich auch gar nicht gemeint bin. Was momentan unter dem Tisch zwischen den Freundinnen abgeht, ist amüsant, aber faszinierender ist es, Lennart zuzusehen, dem unerbittlichen Kartoffelsalatvernichter. Noch ein paar Gabeln und er kann meinem Walzenonkel Konkurrenz machen. Er kaut gar nicht richtig, schlingt das Zeug nur so runter. Der unverdaute Brei wird wie von einem Baulaster in die Speiseröhre gekippt.

»Wann hörst du eigentlich mal auf zu fressen?« Meine Frage scheint ihn zu erstaunen. Die nächste Frage erstaunt meine Freunde. Als ich mich ihnen wieder zuwende, denke ich laut: »Was der sich wohl wünschen würde, wenn ihm eine Fee begegnet?«

»Was für eine Fee?«, fragt Lea.

Ich trinke einen Schluck Cola. »Eine Fee eben«, sage ich, als wäre es das Normalste von der Welt. »Ihr wisst schon: Man rettet sie und hat drei Wünsche frei.«

»Wie kommst du denn darauf?«, will Nils wissen.

»Ich hatte heute Morgen das Vergnügen.«

»Witzig! Und was hast du dir gewünscht?« Die Mädchen hängen beide an meinen Lippen.

Scheinbar gelangweilt zähle ich die Antworten an den Fingern ab.

»Erstens schon achtzehn sein, also machen zu können, was ich will. Zweitens einen Ferrari zu fahren oder meinetwegen auch ein Quad. Drittens . . .« Ich zögere. War vielleicht doch keine so gute Idee, die Geschichte anzuschneiden.

»Drittens?«, hakt Ricarda nach. »Ist das auch schon in Erfüllung gegangen?«

»Nein, daran arbeite ich noch.«

»Aha?« Sie schenkt mir einen tiefen Blick.

Nils ahmt sie nach und beugt sich zu mir herüber. »Aha, wir hören?«

Lea schweigt. Irgendwo klingelt ein Handy, aber es ist wieder nicht meins. Doofe, dickfellige Säcke. Vor mittlerweile neun Stunden habe ich das Fee-Mädchen getroffen. In neun Stunden kann man einen Jungen entführen, ein Haus ausrauben, einen Mord begehen, alle Spuren verwischen und ohne Eile außer Landes fliegen. In neun Stunden kann man natürlich auch eine Krebspatientin notoperieren. Mist! Ich wünsche mir, dass meine Eltern jetzt endlich anrufen. Dass sie mich zusammenfalten, bis der Handyakku leer ist. Dass ich danach meine Ruhe habe. Und hierbleiben und unbeschwert Spaß haben kann.

Ich wünsche mir, dass ich Lea jetzt nicht verletzen muss.

»Wahrheit oder Pflicht!« Ricarda beugt sich vor.

»Eine Freundin«, sage ich knapp und kämpfe mit aller Macht dagegen an, eine rote Bombe zu kriegen.

Ricarda ist begeistert, sie erahnt die volle Antwort und sagt lächelnd: »Das lässt sich ja vielleicht machen.«

Aber Lea links neben mir steht abrupt auf. »Hast du dir irgendeine Freundin gewünscht oder Ricarda?«

Es ist unfair, die Wahrheit zu sagen. Die Wahrheit ist immer ätzend. Bei mir zu Hause ist sie regelrecht verboten.

»Verrate ich nicht.«

»Feigling«, flötet Ricarda.

»Du bist wirklich ein Feigling«, verflucht mich Lea und stürmt davon.

»Was hat die denn?«, fragt Nils.

»Zickenalarm«, behaupte ich und schäme mich dafür.

Im nächsten Moment schwinden mir die Sinne, denn Ricarda beugt sich zu mir rüber und legt ihre Lippen auf meine. Wenn man für die Wahrheit immer so belohnt würde.