21

Ich laufe durch die Dünen. Dann lasse ich mich in den Sand fallen, schließe die Augen und sehe alles vor mir.

 

Nils' Vater sagt meiner Mutter, wo ich bin. »Das wissen Sie nicht? Ihr Sohn nimmt sich ja einiges heraus. Der ist ja überhaupt nicht erzogen.«

Meine Mutter steht da wie eine ausgeschimpfte Schülerin. Sie merkt, wie Nils' Eltern auf ihre Bluse mit den auf die Schnelle ausgewaschenen Kotzeflecken gucken. Sie sieht an sich herunter und muss sich zusammenreißen, nicht loszuheulen.

Dann kommt mein Vater. Er erfasst die Situation, behauptet, er hätte mir erlaubt mitzufahren. Er lügt aus Scham und verwirrt meine Mutter, die das so schnell nicht durchschaut. Er kann es ihr nicht erklären, knurrt und murrt und nimmt seine Brille ab, nur um sie sich im nächsten Moment wieder aufzusetzen. Dabei zaubert er schwitzend die nächste Lüge aus dem Hut, nämlich, dass er jetzt kurz nach Hause muss, um in Ruhe mit der Firma zu telefonieren und irgendwelche Unterlagen zu holen.

Meine Mutter ahnt, warum mein Vater in Wahrheit nach Hause will. »Manfred, so aufgeregt, wie du bist, möchte ich nicht, dass du fährst!«

Und das macht alles noch schlimmer, denn er hasst es, gegängelt zu werden.

»Sag mir nicht, was ich zu tun habe!«

»Du rast, Manfred, du machst mir Angst. Außerdem hat dein aggressiver Fahrstil uns schon viel Geld gekostet, das wir besser für andere Dinge hätten brauchen können.«

Jetzt fliegen die Fetzen, mitten auf dem Gang, mitten zwischen den Scheintoten der Onkologie und den nach Tratsch lechzenden Verwandten. Und dann kommt die Angst: Sarah wird eilig aus dem Zimmer gefahren.

 

So ähnlich wird's gewesen sein. Doch das ist keine Entschuldigung dafür, dass sie mich nicht anrufen. Ich brauche sie auch. Ich möchte, dass sie stark bleiben und zusammenhalten, dass sie mich in den Arm nehmen, sofort.

Und ich möchte, dass sie's Sarah nicht noch schwerer machen. Sarah soll nicht wissen, wie viel Kummer wir ihretwegen haben.

Lange sitze ich im Sand und denke nach. Meine Finger streicheln eine knorrige Wurzel, die wie eine Hand geformt ist. Irgendwo, in einem sumpfigen Dickicht, stößt ein Seevogel klagende Laute aus. Es klingt wie ein Weinen.

Ein leichter Nieselregen setzt ein. Die Sterne sind nicht mehr zu sehen. Ob die Seele wirklich in den Himmel fliegt? Auch bei schlechtem Wetter, wenn keine Flugzeuge starten? Ich putze mir die Nase.

Dann fange ich die Regentropfen mit der Zunge auf und treffe schweren Herzens eine Entscheidung.

 

Als ich mich, fast eine Stunde später, auf den Rückweg zum Campingplatz machen will, torkelt eine massige Gestalt auf mich zu: Schnitzel.

»Uuuah, Florian«, röhrt er und versucht, mir auf die Schulter zu schlagen, trifft aber nicht und kippt zur Seite, sodass ich ihn stützen muss. »Das glaubst du nicht: Nils und der Spasti wollen Blutsbrüder werden.« Er rülpst und der Schwall Bierdunst schlägt mich fast k. o. »Jetzt trinken sie alles durcheinander, weil sie so gefrustet sind.« Unmotiviert hebt er die Stimme. »Sie trinken darauf, dass sie keine Frauen haben und wahre Freunde sind.« Schnitzel hickst, versucht zu lachen, was aber weinerlich klingt. »Blutsbrüder! Die! Ist das nicht traurig?«

»Eher beängstigend«, brumme ich und überlasse Schnitzel seinem Schicksal. »Sieh zu, dass du in deinen Schlafsack kommst.«