Solange wir fahren, hält Peter sich mit Fragen und Vorwürfen zurück. Wir drei sitzen hinten, Lennart in der Mitte. Der Taxifahrer versucht, ein Gespräch mit Peter anzufangen, aber dem ist nicht nach Reden und mir auch nicht. Ich sehe nach draußen, obwohl ich in der regnerischen Dunkelheit nichts erkennen kann. Im Radio wird ein Lied gespielt, das Sarah mag und ich bisher immer schmalzig fand. Jetzt hat der Kitsch eine ganz andere Wirkung auf mich: Ich bin schon wieder kurz vorm Heulen. Meine Nerven liegen eben einfach blank.
Dazu haben sie auch allen Grund, denn nachdem er Lennart bei der Notaufnahme abgegeben und mich ins Wartezimmer dirigiert hat, beginnt Peter mit seinem Verhör.
»Also, Florian, die Wahrheit, aber ein bisschen plötzlich! Was war los?«
Mir sind die Sicherungen durchgebrannt und für einen kurzen Moment wollte ich, dass auch Lennart mal richtig leidet -- das wäre die Antwort, die ich Peter ehrlicherweise geben müsste. Aber das kann ich nicht, also versuche ich mich rauszureden, spreche von einem Unfall.
»In der Dunkelheit konnten wir nicht so genau sehen, was in der Flasche war. Es war keine Absicht.«
»Ihr habt Lennart doch schon den ganzen Tag drangsaliert.«
»Quatsch. Die Sache mit den Quads, das war ein Spaß. Es ist ja auch nichts passiert; er ist nur in den Sand gefallen.«
»Jetzt ist aber mehr passiert. Wer von euch hat ihn verprügelt?«
»Verprügelt?«
»Glaubst du, ich bin blind und hab die aufgeplatzte Lippe nicht gesehen?«
In dem Augenblick unterbricht uns -- Glück gehabt! die Anrufmelodie von Peters Handy. Es ist wie eh und je das Schalke-Lied, aber diesmal würde ich nicht wagen, darüber einen Witz zu machen.
»Hallo, Trixi«, sagt Peter und ich bekomme mit, wie Trixi ihm unter anderem erzählt, dass Julia und Corinna Ferhad das Spülmittel in die Tüte geschmuggelt haben.
»Also war's von den Jungs zumindest nicht geplant.« Peter wirft mir einen grimmigen Blick zu. »Das ist ein kleiner Trost. Okay, Trixi. Mach das so. Schick sie alle ins Bett und sieh zu, dass Ruhe einkehrt. Tschüss.«
Er wendet sich wieder an mich. »Das entlastet euch noch gar nicht. Also, von vorn: Wer hat Lennart geschlagen?«
»Ich. Er hat für meine Schwester ein Geburtstagslied gesungen. Das konnte ich nicht ertragen. Das war wie eine Verhöhnung. Ich hab Angst, dass Sarah vielleicht bald stirbt. Ihr Zustand hat sich gestern wieder sehr verschlechtert.«
»Wirklich? Das erfindest du doch jetzt nicht einfach so? Warum hat denn das dein Vater Trixi nicht gesagt? Er hat sie heute Mittag noch angerufen und so komisch gefragt, ob mit dir alles in Ordnung wäre. Von Sarah war da nicht die Rede.«
»Ah. Hat er also angerufen. Das hatte andere Gründe.«
»Und welche Gründe waren das denn bitte? Warum haben sie dir überhaupt erlaubt mitzufahren?« Noch während Peter die Fragen stellt, dämmert ihm die Antwort. »Das glaube ich jetzt nicht.«
Ich zucke nur die Achseln.
Für mich liegt es auf der Hand: Mein Vater wollte vor den Vereinsleuten nicht als jemand dastehen, der von seinem Sohn nicht ernst genommen wird und über dessen Verbote man sich hinwegsetzt. Ganz kurz blitzt der Gedanke in mir auf, dass er auch geschwiegen haben könnte, weil er mir hier keinen Stress machen wollte. Aber das verwerfe ich wieder, denn anschließend, nachdem er und meine Mutter ganz sicher wussten, wo ich war, sind sie nicht mehr ans Telefon gegangen -- aus gekränkter Eitelkeit oder weil sie fanden, das wäre eine gerechte Strafe für mein Ausreißen. Sehr verständnisvoll und liebenswürdig, wirklich.
Natürlich haben meine Eltern sich auch deshalb nicht gemeldet, weil es Sarah in diesem Moment besonders schlecht ging. Das ist mal wieder typisch. Meine Eltern können Riesenfehler machen und haben immer eine Entschuldigung zur Hand.
»Das hätte ich dir nicht zugetraut«, sagt Peter.
»Ich mir selber auch nicht.«
Mein Blick schweift durch den Warteraum: zerlesene Zeitschriften, müde, graue, hoffnungslose Gesichter, das ganze Programm, das ich in- und auswendig kenne von tausend Krankenhausbesuchen bei Sarah. Und dann entdecke ich -- oder ist es Einbildung? -- ein kleines, dünnes Mädchen in einem cremefarbenen Jogginganzug, das um die Ecke des Gangs lugt und mir zuzwinkert.
Fasziniert schaue ich auf die Kleine. Dann stehe ich abrupt auf. Peter aber packt meinen Arm und hält mich fest.
»Glaubst du, ich lasse mich einfach so verarschen?«
»Wirf mich doch aus dem Verein, wenn du dich dann besser fühlst.«
Ich reiße mich los. Dann gehe ich entschlossen auf das Mädchen zu.
»Hallo«, sage ich und komme mir kein bisschen blöd dabei vor.
»Wir hatten einen Unfall mit dem Auto«, erzählt sie sofort und zeigt hinter sich in einen zweiten Warteraum, wo ein deutsches Urlauber-Ehepaar sitzt. Der Vater hat die Hände vor das Gesicht geschlagen, die Mutter beobachtet uns mit verweinten Augen. »Das hat gekracht! Ich weiß nur nicht, was mit meinem Bruder ist. Mein Teddy ist auch weg.«
Ich ziehe das Schneckenhaus, das Lea mir geschenkt hat, aus der Tasche und halte es so in den Händen, als hätte ich ein Tier darin gefangen.
»Ich habe gerade eine Fee gerettet«, sage ich und zeige dem Mädchen meine Hände. »Zum Dank hab ich drei Wünsche frei. Ich schenk sie dir, du kannst sie haben.«
Das Mädchen öffnet freudig den Mund, aber ich unterbreche sie: »Stopp! Du darfst sie nicht laut sagen.«
Sie denkt einen Moment nach. »Hab mir alles gewünscht. Jetzt zeig mir die Fee.«
Ich öffne die Hände und reiche ihr das Schneckenhaus. Durch den Schweiß meiner Hände glänzt es wie poliert. Das Mädchen guckt erstaunt. »Das ist aber keine . . .«
»Gerade war's noch eine Fee«, behaupte ich. »Aber du hast dir ja jetzt alles gewünscht und da hat sie sich wieder verwandelt.«
Sie lächelt, schnappt sich das Schneckenhaus und läuft zu ihren Eltern. Ich höre sie: »Guck mal, Mama . . .« rufen, während ich mich umdrehe und zu Peter zurückgehe, der jetzt eher verwirrt als böse guckt.
»Was war das jetzt?«
Wer sollte das schon verstehen? Ich gehe gar nicht weiter darauf ein.
»Zurück zur Sache, Peter: Ja, ich habe die Einverständniserklärung meiner Eltern gefälscht und ich habe Lennart geschlagen, weil er mir auf die Nerven gegangen ist. Das mit dem Spülmittel tut mir leid. Es ist nun mal passiert.«
Ich bin auf einmal ganz klar im Kopf, von Müdigkeit und Schmerzen keine Spur, nicht mal mehr von Verwirrung und Angst; ich bin entschlossen und selbstbewusst wie schon lange nicht mehr.
»Lass Nils da raus, okay?«, sage ich zu Peter.
»Nils soll ich rauslassen? Das machst du dir ja sehr einfach.« Peter ereifert sich. »Ich glaube dir das nicht. Nils beschimpft Lennart doch ständig. Du kannst mir nicht erzählen, dass er nichts damit zu tun hat.«
»Nils war einfach nur betrunken. Mich hat Lennart gereizt. Du weißt doch, Lennart hat 'ne Gabe dafür, in Fettnäpfchen zu treten und alle Welt gegen sich aufzubringen.«
Peter weiß nicht, was er sagen soll. »Das wird ein Nachspiel haben«, ist das Einzige, was ihm einfällt. Dann steht er auf, weil der Stationsarzt aus dem Behandlungsraum tritt. Hinter ihm kommt, von zwei Krankenschwestern gestützt und käsig wie ranziger Quark, Lennart.
»Sie können ihn wieder mitnehmen«, sagt der Arzt in gutem Deutsch. »Aber der Junge braucht Ruhe. Es wäre besser, Sie brächten ihn nach Hause.«
»Ich fahre sowieso morgen«, sage ich, »da kann ich ihn mitnehmen.«