Obwohl wir die Quads ein paar Minuten verspätet abgeben, macht der Beach & Fun-Typ keine Zicken. Ungefragt reicht er mir die 380 Euro. Da er mir nur kleine Scheine gibt, ist's ein richtiger Packen, auch noch, nachdem ich eine Runde Eis spendiert und Nils sein vorgestrecktes Geld zurückgegeben habe.
»Woher hast du eigentlich die ganze Knete?«, fragt Ferhad.
Ich gebe mich mal wieder lässig. »Ist eine All-inclusive-Reise.«
Ferhad lacht. »Also geklaut, oder was?«
Ich schnalze mit der Zunge. »Sponsored by Daddy.«
Lea mischt sich ein und wird wohl gleich wieder meckern. Doch diesmal richtet sich ihre Kritik überraschenderweise an Ferhad.
»Das hättest du dir doch denken können. Du hättest Florian das fragen können, bevor du dich zum Quad-Fahren einladen lässt.«
»Du hast dich doch selbst einladen lassen.«
»Ich habe ihn aber gewarnt. Florians Extratour kann ihn teuer zu stehen kommen.«
Ich wachse über mich hinaus. »Mit dem Risiko leben alle Rebellen.«
»Fünfhundert Euro sind kein Taschengeld.«
»Ach, Lea, du bist immer so schrecklich vernünftig und besorgt.« Ricarda hakt sich bei mir und ihrer Freundin ein. »Du merkst doch, dass Flos Eltern die Sache locker nehmen. Die haben sich bis jetzt ja noch nicht mal gemeldet, oder?«
Bei meiner Antwort klingt eine Spur Enttäuschung durch. »Sieben Stunden bin ich weg und kein Arsch wundert sich.«
»Eltern!« Eric schlägt sich an die Stirn. »Meine Mutter ist auch so senil, kommt ständig in mein Zimmer und sagt: ›Jetzt weiß ich gar nicht, was ich hier wollte.‹«
»Aber sieben Stunden?«, wiederholt Ferhad. »Das muss doch auffallen.«
»Wahrscheinlich ist es das längst«, sagt Lea. »Die Polizei hat das Krankenhaus schon auseinandergenommen, die Hubschrauber kreisen über der Stadt, und wenn du's Radio anstellst, hörst du alle fünf Minuten die Durchsage der Vermisstenmeldung.«
»Blödsinn!«
Lea hat natürlich prompt meinen wunden Punkt getroffen. Was nutzt es zu rebellieren, wenn's keiner merkt?
»Das kann nicht sein«, sage ich scharf. »Schalt doch mal dein Hirn ein: Die würden zuallererst versuchen, mich auf meinem Handy zu erreichen.«
»Vielleicht haben sie deine Nummer vergessen.« Eric lacht und die anderen - alle außer Lea - fallen ein. Nur sie bleibt ernst, hält meinem Blick angriffslustig stand und sagt sehr ruhig, dafür aber umso wirkungsvoller: »Verfrühte Demenz können wir ja wohl ausschließen. Dann gibt's nur noch eine Erklärung, warum sie sich nicht melden.«
»Nämlich?«, schnappe ich. »Da bin ich ja mal gespannt.«
Lea zögert. Ihr Gesicht wird ernst, die Stimme vorsichtig. »Es liegt auf der Hand: Deiner Schwester geht's nicht gut.«
»Meiner Schwester geht's nie gut!«, schreie ich.
Lea erschrickt so sehr, dass sie ins Stolpern gerät. Ricarda lässt meinen Arm los. Das Lachen der anderen erstirbt, überraschte Blicke treffen mich.
»Deswegen brauchst du mich ja nicht so anzumachen.« Lea treten die Tränen in die Augen.
Verdammt, ist das peinlich. Warum müssen manche Mädchen immer gleich heulen? »Ich mache dich nicht an. Ich stehe nur unter Druck, kapierst du das nicht?«
»Ich mach dir diesen Druck doch nicht.« Ihr entfährt ein Schluchzer, sie ärgert sich, schiebt mit Wucht die geballten Fäuste in die Hosentaschen und läuft voraus. Ich muss an einen Igel denken, der über die Hauptstraße wetzt. Einen dünnen Igel, der, auch wenn er nicht überfahren wird, wohl kaum über den Winter kommt.
»Sorry«, rufe ich ihr nach. Ich hätte nicht so ausflippen dürfen. Deshalb sage ich zu den anderen: »Ihr könnt euch das nicht vorstellen. Als ich wegging, hat Sarah gerade das Bett vollgekotzt.«
»Oh, lecker«, bemerkt Eric.
Ich habe das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen, obwohl ich das hasse. »Es ist jetzt nach sechs«, beginne ich zähneknirschend. »Bei Sarah ist mal wieder Abendessenszeit, aber weil Sarah das Zeug eh ständig auskotzt, wird sie teilweise künstlich ernährt. Sie geht auch nicht mehr zu Toilette. Das läuft alles per Schlauch.«
»Äää, ist gut jetzt, Flo«, sagt Ricarda und streicht über meinen Arm. »Wir glauben dir doch, dass das 'ne Scheißsituation ist.«
»Und an die will ich hier eben nicht dauernd erinnert werden.«
Die anderen akzeptieren's, aber Lea ist natürlich noch nicht fertig. Sie bleibt stehen.
»Du brauchst nicht glauben, dass mich das Schicksal deiner Schwester kaltlässt. Aber ich kann nichts für dein Problem, Florian. Ich wollte dir nur helfen. An deine Situation zu Hause werden dich auch noch andere erinnern. Und wahrscheinlich weniger freundlich als ich.«