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Ich genieße die Fahrt, bis wir nach zwei Stunden, bereits in den Niederlanden, eine Rast machen. Da stehe ich mit meinen Einkäufen -- Chips, Eis, Getränken -- an der Kasse der Tankstelle und werde den verfluchten Fünfhunderter nicht los.

»Vielleicht glaubt der Typ, der ist gefälscht«, raunt Nils mir zu.

»Er sagt, er kann's nicht prüfen, ob's echt ist«, präzisiert Lea.

»Ja, was soll ich dann jetzt machen? I have no other money«, rufe ich und zeige auf die Einkaufstüten.

Der Kassierer sagt wieder was auf Holländisch, schüttelt den Kopf und reicht mir den Schein zurück.

»O Mann, was soll denn das?!«, schimpfe ich.

»Ich lege dir das solange aus.« Nils übernimmt die Rechnung.

Ein bisschen zornig und verunsichert schleppe ich die Tüten zum Bus. Meine blöden Eltern. Da eilt Anna auf mich zu und fragt sofort nach Sarah.

»Ihr geht's ganz gut. Sie freut sich, dass du sie am Dienstag besuchst.«

»Ich hab ihr noch gar nicht gratuliert. Ich wollte sie vorhin anrufen, aber sie ist nicht an ihr Handy gegangen.«

»Das wird sie wohl gar nicht hören. Die ganzen Verwandten sind da.«

Anna lacht ein bisschen »Die Arme! Ich find Familientreffen immer furchtbar. Nachher wiege ich immer drei Kilo mehr. Aber mich wundert's, dass deine Eltern dich weggelassen haben?«

Ich denke an die Worte der Krankenschwester und behaupte: »Die vielen Leute sind eh Stress für Sarah: zu viele Bakterien.«

Das wirkt. Anna nickt ernst und klopft mir aufmunternd auf die Schulter. »Ich rufe Sarah später an, wenn sie wieder allein ist. Wir telefonieren und simsen öfter am Abend.«

»Wir auch.«

Anna hält inne, schaut für einen Moment so, als wolle sie mich etwas Wichtiges fragen, verkneift es sich aber, als ihre Freundinnen herankommen.

»Das ist gut«, sagt sie deshalb nur, »mach das ruhig, dann ist die Umstellung von Besuch auf Alleinsein nicht so krass.«

»Ja, heute Abend kann sie dann auch noch mein Geschenk aufmachen.« Kaum habe ich das gesagt, bin ich mir gar nicht mehr sicher, ob es eine gute Idee von Sarah war, das Geschenk erst zu öffnen, wenn alle fort sind. Es wird sie schockieren, wird ihr sagen: So siehst du demnächst vielleicht aus. Hübsch bist du ja schon jetzt nicht mehr. Da helfen keine Perücke und keine Schminke. Die Jungs haben dich längst abgeschrieben. Selbst Peter, mit dem du anbändeln wolltest.

Auch wenn sie sich dann erinnert, dass sie sich dieses T-Shirt ja selbst ausgesucht und gewünscht hat, wird sie sich nicht freuen. Sarah hat sich verändert, das hat meine Mutter richtig beobachtet.

Vor ein paar Tagen hatte ich die Musikzeitschrift, in der das T-Shirt abgebildet war, noch mal in den Händen. Auf eine Seite hatte jemand mit zittriger Schrift Hilfe, Hilfe geschrieben. Zuerst dachte ich an eine Oma mit Parkinson, aber dann hatte meine Mutter mir versichert, dass Sarah ihre Zeitschriften nicht verleihen würde.

Dicht hinter meinem Rücken fährt ein Lastwagen vorbei und nicht nur der Fahrtwind verursacht mir eine Gänsehaut.

Am liebsten würde ich sie jetzt anrufen und ihr sagen, dass sie mit dem Öffnen warten soll, bis ich sie das nächste Mal besuche. Ich könnte bis dahin was anderes besorgen und die Päckchen heimlich austauschen. Aber das geht nicht. Ich kann sie nicht anrufen. Die ganze Bagage wird noch an ihrem Bett sitzen und statt Sarah werde ich wahrscheinlich eh meinen Vater an der Strippe haben.

Nachdenklich steige ich in den Bus und warte auf Nils. Er hat einen Arm um Lea und einen um Ricarda gelegt. Sie tun so, als wären sie betrunken, und torkeln in Schlangenlinien über den Parkplatz.

Den dreien folgt wie ein Hündchen der dicke Lennart, der unsportlichste Fußballer aller Zeiten, der bei keinem von uns richtig Anschluss gefunden hat. Lennart sollte auch erst zu Hause bleiben, nicht weil seine Eltern es ihm nicht erlaubten, sondern weil wir anderen fanden, dass er nicht in die Mannschaft passt.

Mensch, die Einwilligungserklärung. Ich reiße schnell zwei Seiten aus dem Spiralblock, den ich aus Leas Rucksack herausragen sehe, und schreibe in Druckbuchstaben auf das karierte Papier: »Wir erlauben unserem Sohn Florian, mit zur Jugendfreizeit zu fahren.«

Als Nils sich neben mich auf den Sitz plumpsen lässt, übe ich auf dem zweiten Blatt gerade die Unterschrift meiner Mutter. Er sieht's, zieht die Augenbrauen hoch, steht auf und raunt mir zu: »Ich geb dir Deckung. Nicht dass dich einer sieht.«

»Danke«, sage ich, »danke auch fürs Bezahlen.«

Nils grunzt nur und flüstert dann den Mädchen zu, dass sie Lennart zurückdrängen sollen, der um uns herumschleicht. »Wär blöd, wenn er was mitkriegen würde.«

Ich spüre Leas skeptischen Blick auf mir, höre, wie Ricarda eine Kaugummiblase platzen lässt. Als ich mit meinem Werk zufrieden bin und das Blatt falte, sagt Ricarda bewundernd: »Du hast echt Mut.«

»Na, ich weiß nicht«, widerspricht Lea, »besonders durchdacht ist das nicht. Deine Eltern werden dich bestimmt schon suchen.«

»Glaub ich nicht. Die sitzen an Sarahs Krankenbett und denken, ich bin in der Cafeteria. Oder«, füge ich ironisch hinzu, »auf dem Kinderspielplatz.«

Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht, ist aber gleich wieder weg. »Also, meine Eltern würden Panik kriegen und die Polizei holen. Dann musst du vielleicht den Einsatz bezahlen.«

»Jungs werden nicht so schnell gesucht wie Mädchen«, unterbricht Nils sie.

»Hä? Wieso das denn?«

»Ist so.«

»Die können besser auf sich aufpassen.« Ferhad grinst.

Ich muss auch lachen, als ich Leas entrüstetes Gesicht sehe. Doch schon setzt sie zum Konter an: »Ihr seid doch alle total blöd. Und mit dem kindischen Wisch da fällst du hier auch auf, Florian. Den nimmt dir keiner ab. Da muss nämlich noch draufstehen, dass du schwimmen kannst.«

»Weiß doch jeder.«

»Trotzdem. Auf dem Vordruck stand es. Und noch einiges andere, dass wir keinen Alkohol trinken, keinen Sex haben« -- Ferhad und Eric lachen glucksend »und was sie dir alles erlauben und so.«

Langsam nervt sie.

»Ich muss das ganze Zeug nicht aufschreiben, bei mir machen sie eine Ausnahme«, erkläre ich, »wegen meiner kranken Schwester.«

Lea pustet lautstark Luft aus der Nase. »Du bist dir deiner Sache ja sehr sicher«, sagt sie und dreht sich nach vorn auf ihren Sitz. Leider tut Ricarda es ihr nach und sogar Nils macht ein verschlossenes Gesicht und beginnt, etwas in seiner Tasche zu suchen. Merkwürdig, es ist, als hätte die Erwähnung von Sarah eine ungute Stimmung verursacht. Im Bus schwirren die Stimmen durcheinander, wir vier aber sind stumm in eigene Gedanken gehüllt, und das ist so auffällig, dass Peter, der durchzählt, uns sogar fragt, ob alles okay ist.

»Alles bestens, Chef«, ruft Lennart, der allein in einer Reihe weiter vorn sitzt und Kontakt sucht. »Voll korrekt, Mann.«

Aber wer hört schon auf Lennart. Der hat doch von nichts eine Ahnung. Der ist ja noch schlimmer als mein Cousin.

 

Doch ausgerechnet Lennart vertreibt die üble Stimmung, als er nämlich eine Cola verschüttet, seine helle Shorts einsaut und dafür johlendes Gelächter erntet.

Für den nächsten Lacher sorgt Eric. Er geht auf die Bustoilette und kriegt anschließend die Tür nicht wieder auf. Eine halbe Stunde dauert es, bis jemand sein Klopfen hört, dann noch mal so lange, bis Peter mit einem Schraubenzieher von außen die verklemmte Tür aufgehebelt hat.

»Ich hab gedacht, ich ersticke.« Erschöpft lässt Eric sich auf seinen Sitz fallen.

»Du Ärmster.« Ricarda reicht ihm etwas zu trinken.

»Ich würd das Busunternehmen verklagen«, schlägt Ferhad vor.

»Genau«, ruft Nils, »wir sind deine Zeugen. Das Schmerzensgeld teilen wir uns. Du hattest Todesangst, das bringt schon einiges.«

»So schnell stirbt man ja wohl nicht«, sagt Lea, und da hat sie ausnahmsweise recht. Ich kann meine Zustimmung gerade noch herunterschlucken.

Was Sarah jetzt wohl macht? Es ist gleich drei, Zeit für eine Ruhepause. Die Verwandten schlendern bestimmt gerade durch den Park oder sitzen in der Cafeteria. Ob sie mich schon vermissen? Suchen sie im Krankenhaus? Rufen sie mein Handy an? Ich sehe nach, ob ich das Klingeln wegen des Trubels nicht gehört habe. Nein, kein Anruf in Abwesenheit und keine SMS. Wahrscheinlich haben sie wirklich noch nicht gemerkt, dass ich weg bin. Das ist einerseits gut, andererseits aber auch ziemlich enttäuschend. Es war vor elf Uhr, als ich in den Park gelaufen bin. Ich könnte seit fast vier Stunden entführt und ermordet sein und meine Eltern bemerken nichts. Zornig denke ich daran, dass sie auch mal vergessen haben, mich nach einem Schulausflug vom Bahnhof abzuholen. Dass sie manchmal wie durch mich hindurchsehen und schon ewig nicht mehr nach meinen Noten in der Schule gefragt haben. Und zum Geburtstag bekam ich nur einen in letzter Minute hingekritzelten Einkaufsgutschein, für dessen Einlösung sie noch keine Zeit hatten. Sarah, Sarah, Sarah, für sie gibt es ja immer nur Sarah. Klar will ich nicht mit ihr tauschen, klar ist sie arm dran. Aber ich bin auch noch da.