22

Die Party, wenn's denn eine war, ist längst vorbei. Nur Nils und Lennart hocken noch in der Dünenkuhle wie ein Paar zusammengesackter Stiefel. Lennart hat das Kinn auf die Brust gelegt und lallt vor sich hin. Nils ist auch nur noch halb aufgerichtet. Seine hellen Augen blicken misstrauisch, den einen Arm hat er unsicher ausgestreckt, so, als ob er nicht wüsste, ob er mich mit der Hand wegscheuchen oder bitten soll, ihn auf die Beine zu ziehen.

Schnitzel hat recht: Das ist traurig.

»Nils, steh auf! Es fängt an zu regnen und es ist schon nach zwölf. Peter hat gesagt, wir sollen alle spätestens um Mitternacht in den Zelten liegen. Los, ihr müsst euch zusammenreißen und mit zum Campingplatz kommen. Sonst gibt's Ärger.«

»Nils Wende ist am Ende«, sagt Nils mit schwerer Zunge und würgt ein leidendes und zugleich listiges Lächeln hervor.

»Wir haben keine Zeit für Sprüche.« Ich bücke mich, hebe ein paar leere Flaschen auf und stecke sie in die Tüten.

Nils schlägt Lennart auf den Rücken. »Guck mal! Florian ist uuumweltbewusst, wusstest du das, Spasti?«

»Ich dachte, ihr wärt jetzt Blutsbrüder«, zische ich und wundere mich, dass Lennart anscheinend noch gar nicht mitgekriegt hat, dass ich da bin. Während ich mich ans Bier gehalten habe, muss er viel Hochprozentiges getrunken haben. Extrem langsam hebt er den Kopf: »Florian? Welcher Florian?«

»Florian, der Freund von Lea und Ricarda. Eine heiratet er, die andere nimmt er als Geliebte. Oder er teilt sie sich mit Ferhad, der steht auch auf Zweitfrauen.«

»Red keinen Scheiß!«

»Dann treiben sie's zu dritt, nein, zu . . . zuu viert.« Nils streckt vier Finger der linken Hand und den Mittelfinger der rechten in die Luft und führt sie ruckartig aufeinander zu.

»Du bist völlig zu, Nils.« Ich nehme ihm die Flasche, die ihm heruntergerutscht ist, weg und stopfe sie in die Mülltüte.

»Und du kriegst beim Anbaggern den Hals nicht voll.« Er schnieft laut durch die Nase. »Genau wie Ricarda.«

»Dafür ist so eine Fahrt ja auch da, oder? Aber du kannst beruhigt sein, zwischen mir und Ricarda läuft definitiv nichts. Auch nicht zwischen mir und Lea. Momentan passt alles nicht.«

»Momentan«, wiederholt Nils höhnisch. »Das sag ich doch.«

»Verdammt, ich hab andere Probleme.«

Lennart erwacht kurzfristig aus seiner Versenkung, hebt den Kopf und fragt: »Welcher Florian?«

Mein Gott, was für jämmerliche Gestalten. Und deren Gesellschaft war mir so wichtig.

»Was hast du denn für Probleme, du Frauenheld?« Nils wird laut und fuchtelt mit den Armen.

»Welche wohl?«, entgegne ich zornig, und da hat auch mein Kumpel im Rausch einen hellen Moment und merkt, was er da eigentlich fragt.

»Ja, Sarah, aber die schafft das, die hat das immer geschafft«, sagt er schnell.

»Ich weiß es nicht.« Auf einmal habe ich Wackelpuddingbeine und setze mich neben Lennart in den Sand. »Diesmal habe ich kein gutes Gefühl. Sie ist heute anscheinend wieder richtig zusammengeklappt.«

»Woher weißt du das? Haben -?«

Nils wird von Lennart unterbrochen. »Jetzt weiß ich, welchen Florian du meinst. Florian!« Er dreht sich zu mir um und hebt eine Flasche Wodka zum Mund. »Prost! Auf deine Schwester!« Und dann, naiv, betrunken und völlig unsensibel, fängt er an zu singen: »Hoch soll sie leeeben . . .«

Ich denke an meine Mutter, die verzweifelt versucht, Normalität zu spielen, und dabei so erbärmlich hilflos wirkt.

»Hoch soll sie leeeben.«

An meinen Vater, der vor jedem Arztgespräch Herzrhythmusstörungen bekommt und gleichzeitig nach außen hin Härte demonstriert, indem er mich nicht anruft.

»Dreeeiiimal . . .«

Und an Sarah, die alles mitmacht, jede Behandlung, jeden Besucher, jedes Lied -- bis zur letzten Sekunde.

». . . hoch.«

Aufhören!

Ich schlage Lennart die Flasche aus der Hand. Mit Wucht knallt sie gegen seine Zähne.

Lennart schreit auf und kippt nach hinten, Richtung Nils, der ausweicht und ihn ungebremst in die Tüte mit den Flaschen krachen lässt. Glas zerbricht.

Eine Flasche ist zur Seite gerollt, eine merkwürdig geformte Flasche. Plastik. Nils hält sie hoch. »Florian?«, fragt er. »Lassen wir ihn trinken?«

»Von mir aus. Hauptsache, er ist endlich ruhig.«

Nils schraubt den Verschluss ab, reicht Lennart die Flasche.

Der jammert: »Ich blute.«

»Weichling.«

»Trink und halt's Maul«, befiehlt Nils. Der Blick trifft meinen. »Florian?«

»Auf ex«, sage ich, obwohl ich etwas anderes sagen müsste, denn mir dämmert natürlich, dass hier etwas falsch läuft.

Nils starrt erst mich an, dann Lennart.

Der sagt: »Riecht seifig.«

Dann legt er den Kopf in den Nacken, hebt die Flasche und sperrt den Mund auf.

Wie in Zeitlupe verfolge ich seine Bewegungen. Gleichzeitig schiebt sich ein anderes Bild über das, was ich sehe: Julia und Corinna, die uns einen Streich spielen und die Flaschen vertauschen. Ich ahne, was gleich passieren wird, und für einen kurzen Moment fühle ich so etwas wie Genugtuung, denn eins weiß ich mittlerweile genau:

Sosehr ich mich auch anstrenge, ich werde in dieser Urlaubsfreizeit nie und nimmer Spaß haben können. Warum sollen dann andere Spaß haben?

Andererseits -

»Hör auf!« Ich stürze vor, um Lennart die Flasche zu entreißen. Zu spät. Er hat schon einen ordentlichen Schluck in seine gierige Kehle geschüttet, gibt im nächsten Augenblick ein glucksendes Geräusch von sich und greift sich an den Hals.

»Lennart, spuck das aus«, rufe ich.

Lennart spuckt und würgt. Er reißt den Mund auf und streckt die Zunge raus. Er macht den Hals so lang, als wolle er ihn vom Körper abtrennen. Er stöhnt und greift Hilfe suchend nach meinem Arm.

Mein Herz rast. Verdammt, was haben wir gemacht?

Lennarts Finger kneifen und quetschen meinen Arm. Es tut weh, aber ihn anzusehen ist schlimmer.

»Nils, gib mir Wasser, damit er den Mund ausspülen kann!«

»Buaah, nein.«

»Trink!«

Er hat keine Wahl. Er schüttet Sprudel in sich hinein.

Und dann, gerade als der Regen richtig losgeht, kommt sie: die erste zarte Seifenblase.

»Das ist die Kohlensäure«, sagt Nils, aber das ist natürlich Quatsch. Es ist einfach das, was passiert, wenn man Spülmittel mit Wasser mischt: Zitronenfrische.

»Scheiße«, jammere ich und senke meine Stimme, damit Lennart nichts hört. »Nils, guck dir das an, was hast du da gemacht?«

»Jetzt war ich es etwa?«, ruft Nils. »Du warst doch einverstanden. Es war doch deine Rache. Du hast dem Spasti doch zuerst die Fresse poliert. Außerdem: Was will er? Er hat es doch selber getrunken. Wir haben ihn nicht gezwungen.«

Ich drücke Nils mein Handy in die Hand, damit er Hilfe holt, und fordere Lennart gleichzeitig auf, Wasser zu trinken.

Aber das ist keine gute Idee von mir. Ganz im Gegenteil.