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Auf der Fahrt streiten sich meine Eltern, weil meine Mutter versucht, sich den abgesprungenen Blusenknopf anzunähen, und meinen Vater das aus irgendeinem Grunde nervös macht.

»Lass doch das Rumgefummel, das ist jetzt wirklich nicht nötig.«

»Was stört dich denn daran?«, fragt sie angriffslustig.

»Mich stört deine ständige Perfektion. Du machst und tust und lädst tausend Leute ein . . .«

»Weil sonst alles zusammenbricht. Einer muss ja für Normalität sorgen. Außerdem sind das deine Geschwister und du hättest deine Mutter schon längst mal --«

»Oh, Silvia, nerv mich nicht!«

Bevor das Geplänkel eskaliert, mischt sich Oma Gabi ein. »Ihr werdet doch jetzt nicht wegen eines Knopfs einen Ehestreit anfangen.«

Sie hat keine Ahnung, was ein Knopf alles anrichten kann.

Als ich noch sehr klein war, hab ich mir einmal einen Knopf in die Nase gesteckt. Die Aktion führte zu einem hektischen Besuch in der Notaufnahme und endete mit einem Riesentheater, als wir wieder zu Hause waren.

Auf einmal erinnere ich mich, wie Sarah versucht hat zu vermitteln. Sie stand da, die blonden Haare zu zwei seitlichen Zöpfen geflochten, packte meinen Vater am Arm, zog ihn von mir weg und hielt ihm den Knopf hin: »Guck mal, Papa, ein Zauberknopf. Bei dem kann man nicht widerstehen. Gut, dass Flo ihn nicht runtergeschluckt hat, ich hätte das vielleicht gemacht.«

»So einen Unsinn machst du doch gar nicht«, hatte mein Vater gesagt, sich kopfschüttelnd gesetzt und sie auf seinen Schoß gezogen. Gemeinsam hatten sie den Knopf wie etwas wirklich Kostbares angesehen und in den Händen hin und her gedreht.

Ich wollte zu ihnen, wollte wieder dazugehören, traute mich aber nicht recht und setzte mich auf den Fußboden, wo ich mich wie eine Katze an Papas Beine drückte. Irgendwann strich er dann auch mir leicht geistesabwesend über den Kopf, was ich sehr tröstlich fand, nachdem er zuerst so zornig gewesen war.

Aus einem plötzlichen Bedürfnis heraus lege ich meinem fahrenden Vater locker die Arme um die Schultern. Er aber will gerade überholen und schüttelt sie ab.

»Ras doch nicht so, Manfred!«, sagt Mama immer noch leicht knatschig. »Hier ist 70. Das ist lebensgefährlich, wie du fährst.«

»Ich find's gut«, unterstütze ich ihn. »Schließlich möchten wir alle schnell zu Sarah.«

Im Auto wird geschwiegen. Oma Gabi wirft mir einen zweifelnden Blick zu und drückt dann kurz meine Hand. Ich weiß: Das stimmt und stimmt nicht. Mein Vater will zwar am liebsten rund um die Uhr bei Sarah sein und verbringt seinen ganzen Jahresurlaub im Krankenhaus. Gleichzeitig ist er immer extrem unruhig und unleidlich, wenn er hinfährt, weil er fürchtet, zum Arztgespräch gebeten zu werden und schlechte Nachrichten zu hören. Meine Mutter war bis vor Kurzem noch relativ tough drauf, aber so langsam verliert sie die Nerven, wird immer dünner und zappeliger, ein aufgeschreckter, zerrupfter Vogel. Ich schätze, es macht ihr zu schaffen, dass Sarah heute achtzehn wird und noch lange nicht gesund ist. Mama hatte ihr nämlich, als es mit der Krankheit losging, »versprochen«, an ihrem Achtzehnten hätte sie alles überstanden. Schön blöd, was zu versprechen, was man nicht beeinflussen kann. Gestern ist meine Mutter auch nicht wie sonst tagsüber bei ihr gewesen, stattdessen hat sie wie eine Wilde eingekauft und das Haus für die Gäste hergerichtet.

Also habe ich Sarah wenigstens elektronisch-telefonischen Beistand geleistet. Wir haben uns SMS geschrieben, wie wir's abends oft tun.

Leider gehen uns langsam die Themen aus. Früher hatten wir zum Beispiel Spaß daran, uns über Horrorfilme zu unterhalten, jetzt macht ihr jeder Pups Angst. Fußball ist als Gesprächsgegenstand auch nicht mehr ergiebig, weil sie meint, sie kann froh sein, wenn sie noch mal Tischfußball spielen kann, und der Vereinstratsch, ihr früheres Lieblingsthema, ist ihr mittlerweile völlig schnuppe. Man kann auch nicht mehr mit ihr streiten, weil sie ja krank ist und Krach sie psychisch belasten könnte. Für mich heißt das, ich muss sie wie ein rohes Ei behandeln. Nicht gerade meine Stärke.

Möchten wir also wirklich schnell zu Sarah? Zu der Sarah, die uns erwartet?

Sie ist ja kaum noch zu erkennen. Der Körper klapperdürr, die Augen tief liegend und schwarz umrandet, nur die Backen so komisch aufgedunsen, als hätte sie sich Bonbons reingestopft.

»Besorgst du mir 'ne Rolle in 'nem Horrorfilm?«, hatte sie gefragt, als meine Eltern kurz das Zimmer verlassen hatten.

Ich hatte nur gegrinst. »Was willst du denn sein? Alien?«

»Ein Mutant«, hatte sie geflüstert, »ein blutrünstiger Mutant, der die ganze Welt vernichtet.« Dann waren ihr die Augen zugefallen. Diese Rolle würde sie nie ausfüllen können, egal, wie extrem sie aussieht. Auch wenn sie mich manchmal mit ihrem Nettsein genervt hat, bleibt sie ja nett, und ich frage mich, ob es ein Zufall ist, dass sich ein bösartiger Krebs ausgerechnet einen durch und durch lieben Menschen ausgesucht hat.

Solange Sarah die gesunde »Große« war, war sie als Schwester sehr in Ordnung. Das lag vor allem auch daran, dass Sarah Linksaußen in der Mädchenfußballmannschaft war, mit ihr konnte man quatschen wie mit einem Kumpel. Klar war sie auch mädchenhaft zickig, aber nie so heftig wie unsere beiden Nachbarstöchter. Die fangen ja jetzt noch grundlos an rumzugibbeln, wenn ich an ihnen vorbeigehe, dabei sind die in Sarahs Jahrgang und für mich damit praktisch alte Schachteln. Wenn wir uns gezofft haben, dann meist wegen ihres Zimmers. Aus Spaß bin ich da, ohne zu fragen, oft rein, wenn sie nicht da war, und dann hat sie mir jedes Mal eine geklatscht. Was vielleicht auch berechtigt war, denn ich habe in ihrem Tagebuch gelesen und das mit Herzchen verzierte Foto von meinem Trainer mit Vampirzähnen und Teufelshörnern verunstaltet.

Das Beste an ihr als gesunder »Großer« war, dass sie mir zuverlässig bei Problemen half. Englisch oder Mathe? »Kein Thema, das üben wir.« Stress mit dem Lehrer? »Keine Panik, ich red mit dem.« Oma hat Zigaretten in meiner Jacke entdeckt und will's Mama petzen? »Ich sag ihr, die wären für mich gewesen.«

Als unsere Eltern vor drei Jahren kurz vor der Trennung standen und Papa ein paar Nächte nicht nach Hause kam, durfte ich bei ihr im Bett schlafen. Damals war ich elf und Sarah kerngesund.

Vor zwei Wochen, als sich entschieden hat, dass Sarah die Jugendfreizeit sausen lassen muss, habe ich sie gefragt, ob es ihr etwas ausmacht, wenn ich alleine mitfahre und also an ihrem Geburtstag mittags abhaue. Damals hat sie spontan den Kopf geschüttelt. »Quatsch«, hat sie gesagt, »du musst mir doch nachher alles erzählen. Außerdem will ich nicht, dass du hier versauerst.«

Trotzdem haben meine Eltern gesagt, ich müsste bleiben und dürfte nicht weg.

Vorgestern habe ich Sarah in ihrem Beisein noch mal gefragt. Diesmal hat sie mir keine Antwort gegeben. Sie hat so getan, als würde sie es nicht hören. Es stimmt schon, sie ist schwach und seit ein paar Monaten schwerhörig, eine Nebenwirkung der Chemotherapie. Aber ich bin sicher, die Frage hat sie gehört. Das war das erste Mal, dass sie mich richtig im Stich gelassen hat.

Ich soll also da sein an diesem Wochenende. Ich soll mir meinen blöden Cousin reinziehen, der mit einem Strauß heliumgefüllter Luftballons auf dem Krankenhausparkplatz steht und meine Verwandtschaft auf unser soeben einbiegendes Auto hinweist. Ich soll mich von all diesen Leuten drücken lassen und mir anhören, wie »schrecklich« alles ist. Ich soll in Tante Margaretes Parfümwolken Atemnot kriegen und mit Onkel Thomas' Schweißfilm in Berührung kommen. Ich soll mich von Tante Katrin zum hundertsten Mal fragen lassen, was ich mal werden will. Das erste Mal hat sie mich das zu meiner Einschulung gefragt, was anderes fällt ihr einfach nicht ein. Ich soll hinter der aufgeregt plappernden Gruppe schweigend über den sonnenbeschienenen Parkplatz trotten, vorbei an den Rauchern mit ihren fahrbaren Infusionsständern, hinein durch die Drehtürenschleuse ins klimatisierte, milchig neonlichtige Krankenhausinnere. Ich soll diesen Geruch einatmen, das leise Quietschen der Sohlen auf dem Gummiboden hören, einer Schwester mit einem Wagen Frühstückstabletts ausweichen. Ich kenne das alles, ich bin oft genug hier. Aber ich soll auch heute mitleiden.

Für meine Eltern ist es wichtig, dass die Familie komplett ist. Das gehört sich so. Außerdem haben sie für meinen kleinen Urlaub schlicht kein Geld mehr. Wir haben einen Kredit aufgenommen und ein Reihenhaus gekauft, damit Sarah im Rollstuhl im eigenen Garten sitzen kann, wir haben ihr alle erdenklichen Wünsche erfüllt -- hatten sogar einen Fußballstar am Krankenbett -- und viele Hundert Euro für alternative Therapien und Heilmittel bezahlt, sodass für mich die dreitägige Jugendfreizeit für schlappe achtzig Euro nicht mehr drin ist.

Aber ich wette, sie laden die Verwandten heute Abend alle in die Pizzeria ein. Will Thomas dann einen Nachtisch bestellen, Tiramisu mit doppelt Sahne, bezahlen sie das auch noch, während sie bei mir schon eine Flappe ziehen, wenn ich mir mal ein Wassereis kaufe.

Die Masse meiner Familie schwappt in den Aufzug. Nur Oma Gabi wartet auf den nächsten. Ich will raus zu ihr, komme aber nicht durch. Denn obwohl der Aufzug groß ist, ist er mit einer Krankenschwester, die ein leeres Bett schiebt, acht Familienmitgliedern, einem Haufen Geschenke und achtzehn Luftballons ziemlich überfüllt.

Oma Hilde ergreift meine Hand. Ihre zittert und rüttelt meine leicht hin und her. »Wie gefallen dir die Ballons? Ist eine gute Idee, oder?«

»Weiß nicht. Erinnern mich irgendwie an 'ne Beerdigung«, sage ich und fange mir den vernichtenden Blick meines Vaters ein.

Dabei hat er mir vorgestern beim Joggen noch gesagt, dass Sarah mit ihm über ihre Beerdigung sprechen wollte. Er hat versucht, das Thema abzuwürgen, hat ihr versichert, dass sie's schafft und wieder gesund wird. Er hat es auch mir versichert, ihre neuen Blutwerte aufgezählt und die Überlebensstatistik, lauter Details, die er sonst nur mit meiner Mutter durchgeht. Ich bin mir nicht sicher, ob ihm in dem Moment klar war, dass er mit mir redet. Er ist auch immer schneller gerannt, voll ungesund und risikoreich, denn nicht mal vor der Überquerung der Landstraße hat er gestoppt. Ist einfach rüber, während die Autos hupten und Notbremsungen hinlegten.