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Ich parkte auf dem Platz hinter dem Gebäude und ging die Hintertreppe hinauf in die erste Etage. Die meisten Firmen im Haus arbeiteten am Samstag nicht, so daß das ganze Gebäude seltsam unbewohnt wirkte. Ich hatte meinen Stenoblock mitgenommen, um Gordon Titus mit meinem Professionalismus zu beeindrucken. Der Block war leer bis auf einen einzigen Eintrag, »Jaffe suchen«. Waren wir also wieder da angelangt! Ich konnte es nicht glauben. Wir hatten ihn schon fast am Haken gehabt. Was mich bedrückte, war, daß ich ihn mit seinem Enkel gesehen hatte. Ich hatte ihn mit Michael zusammen gesehen, wie er versucht hatte, Abbitte zu leisten. Und wenn er ein noch so großes Charakterschwein war, ich konnte nicht glauben, daß das alles nur Theater gewesen war. Ich war bereit zu glauben, daß er seinen Entschluß, sich der Polizei zu stellen, umgestoßen hatte. Ich konnte mir vorstellen, daß er die Lord gestohlen hatte, um die Küste hinunterzusegeln und Brian vor dem Gefängnis zu bewahren. Aber ich konnte den Gedanken nicht akzeptieren, daß er seine Familie noch einmal verraten würde. So herzlos konnte nicht einmal Wendell Jaffe sein.

Offiziell waren die Büros der California Fidelity geschlossen, aber im Schloß hing ein großer Schlüsselbund, der durch das Glas sichtbar war. Darcys Schreibtisch war nicht besetzt, aber flüchtig sah ich in Macs Glaskasten, dem einzigen, in dem Licht brannte. Gordon Titus. Mac kam mit zwei Bechern Kaffee in den Händen vorbei. Ich klopfte an das Glas. Er stellte die Becher auf Darcys Schreibtisch ab und öffnete mir die Tür.

»Wir sind in meinem Büro.«

»Das habe ich schon gesehen. Ich hole mir nur rasch auch einen Kaffee, dann komme ich.«

Er nahm die Becher und ging ohne ein weiteres Wort. Er wirkte niedergeschlagen. Das hatte ich eigentlich nicht erwartet. Ich hatte eher mit einem Donnerwetter gerechnet. Er hatte den Fall als eine Gelegenheit gesehen, mit Ruhm und Ehre seine Karriere bei der California Fidelity abschließen zu können.

Die Schreibtische waren alle unbesetzt, die Telefone alle still. Gordon Titus saß an Macs Schreibtisch, makellos gekleidet, die Hände vor sich gefaltet, das Gesicht ausdruckslos. Ich habe Schwierigkeiten, jemandem zu trauen, der so unerschütterlich ist. Er erschien gelassen, aber ich war überzeugt, daß ihm in Wahrheit die meisten Dinge einfach gleichgültig waren. Ich schenkte mir Kaffee mit Magermilch ein, ehe ich mich in Macs Büro begab und dem eisigen Hauch von Gordon Titus’ Persönlichkeit aussetzte.

Mac saß in einem der Besuchersessel und schien sich gar nicht bewußt zu sein, wie geschickt Titus ihn verdrängt hatte.

»Eines sage ich Ihnen«, sagte Mac gerade, »und Kinsey kann das getrost an Mrs. Jaffe weitergeben. Ich lasse dieses Geld sperren, bis Wendell Jaffe an Altersschwäche stirbt. Wenn sie auch nur einen Cent davon sehen will, muß sie mir schon seine Leiche ins Büro bringen.«

»Guten Morgen«, sagte ich und setzte mich in den anderen Besuchersessel neben Mac. Der schüttelte den Kopf und warf mir einen finsteren Blick zu. »Dieser Mistkerl hat es wieder geschafft.«

»Scheint so. Was ist passiert?« fragte ich.

»Erzählen Sie’s ihr«, sagte Mac.

Titus zog ein Rechnungsbuch zu sich heran. Er schlug es auf und blätterte es auf der Suche nach einer freien Seite durch. »Was schulden wir Ihnen bis heute?«

»Zweitausendfünfhundert. Das sind zehn Tage pauschal. Sie können froh sein, daß ich kein Kilometergeld berechnet habe. Ich gondle jeden Tag zwei-, dreimal nach Perdido und zurück, das summiert sich.«

»Zweitausendfünfhundert Dollar, und wofür?« fragte Mac. »Wir sind genau wieder da, wo wir angefangen haben. Wir wissen gar nichts.«

Titus folgte mit dem Finger einer Kolumne abwärts und trug mit Bleistift eine Zahl ein, ehe er sich einem anderen Teil des Buchs zuwandte. »Meiner Ansicht nach ist das Ganze nicht so schlimm, wie es aussieht. Wir haben genug Zeugen, die bestätigen können, daß Jaffe noch in dieser Woche gesund und munter war. Von dem Geld, das Mrs. Jaffe bereits ausgegeben hat, werden wir nie einen Penny zu sehen bekommen — das können wir also abschreiben — , aber wir können uns mit dem Rest zufriedengeben und den Verlust vergessen.« Er sah auf. »Das dürfte das Ende der Affäre sein. Sie wird kaum noch einmal fünf Jahre warten und dann von neuem Forderungen stellen.«

»Wo wurde das Boot gefunden?«

Er begann zu schreiben und sagte, ohne aufzusehen: »Ein Tanker hatte es gestern spätabends plötzlich auf dem Radarschirm. Mitten in einer Fahrrinne. Der Mann, der Wache hatte, gab Warnsignale, aber es reagierte niemand. Daraufhin benachrichtigte der Tanker die Küstenwache, die dann beim ersten Licht ein Boot rausgeschickt hat.«

»Die Lord war noch in der Gegend? Das ist interessant.«

»Jaffe scheint bis Winterset gesegelt zu sein und dann auf die Inseln Kurs genommen zu haben. Er ließ die Segel oben. Es war keine schwere See, aber dem normalen Nordwesten liefen anscheinend die Hurricanausläufer entgegen. Die Lord hat wahrscheinlich eine Geschwindigkeit von sieben Knoten und hätte mit dem richtigen Wind viel weiter kommen müssen. Als sie das Boot fanden, hatte es keine Fahrt mehr, sondern trieb nur noch. Der Klüver war so gesetzt, daß er den Wind von achtern kriegte und der Bug mit dem Wind lief, während Großsegel und Besan dagegen arbeiteten. Das Boot muß praktisch bis zu seiner Entdeckung gestanden haben.«

»Ich wußte gar nicht, daß Sie segeln.«

»Früher mal. Jetzt nicht mehr.« Ein flüchtiges Lächeln, mehr als ich je von ihm bekommen hatte.

»Und jetzt?«

»Jetzt schleppen sie es in den nächsten Hafen.«

»Und wo ist der? In Perdido?«

»Wahrscheinlich. Ich weiß nicht, wie das mit der Zuständigkeit ist. Dann wird die Polizei versuchen, Spuren zu sichern. Ich glaube nicht, daß man viel finden wird, und meiner Meinung nach kann uns das jetzt auch gleichgültig sein.«

Ich sah Mac an. »Von Jaffe hat man keine Spur gefunden?«

»Alle seine persönlichen Sachen waren an Bord, darunter auch viertausend Dollar in bar und ein mexikanischer Paß, was allerdings gar nichts beweist. Er kann ein Dutzend Reisepässe haben.«

»Wir sollen also glauben, daß er tot ist, hm?«

Mac machte eine gereizte Handbewegung, zeigte erste Zeichen seiner gewohnten Ungeduld. »Der Mann ist verschwunden. Ein Abschiedsbrief wurde nicht gefunden, aber sonst ist alles genauso wie beim erstenmal.«

»Aber Mac, wie kannst du so sicher sein? Vielleicht ist es eine Täuschung. Um unsere Aufmerksamkeit abzulenken.«

»Wovon?«

»Von dem, was wirklich läuft.«

»Und das wäre?«

»Keine Ahnung«, antwortete ich. »Ich sage nur, was mir in den Sinn kommt. Als er diese Nummer das letzte Mal abzog, hat er die Lord vor der Küste von Baja verlassen und ist im Dinghy losgeschippert. Renata Huff hat ihn aufgelesen, und die beiden sind dann mit der Fugitive davongesegelt. Diesmal saß sie eine Stunde nach seinem Verschwinden bei mir im Büro. Das war gestern mittag.«

Mac wollte davon nichts wissen. »Sie war von dem Moment an, als sie aus deinem Büro kam, unter Beobachtung. Lieutenant Whiteside hielt es für geraten, sie im Auge zu behalten. Sie ist nach Hause gefahren. Das war alles. Und sie hat seitdem keine größeren Ausflüge unternommen.«

»Eben. Als er das letzte Mal getürmt ist, hatte er Hilfe. Wen hat er diesmal, wenn wir mal annehmen, daß er genau das wieder getan hat? Carl Eckert und Dana Jaffe würden ihm bestimmt nicht helfen, und wen gibt es sonst noch? Hm, jetzt, da ich darüber nachdenke, fällt mir ein, daß sein Sohn Brian gestern nachmittag noch auf freiem Fuß war. Und natürlich ist immer noch Michael da. Kann ja auch sein, daß Jaffe noch andere Freunde hat. Und es ist auch möglich, daß er die Sache diesmal allein durchgezogen hat, aber irgendwie habe ich das Gefühl, daß da was nicht stimmt.«

»Kinsey glaubt, daß er wirklich tot ist«, sagte Gordon zu Mac und verzog belustigt den Mund.

»Genau das sollen wir ja glauben«, versetzte Mac. »So hat er es das letzte Mal auch gemacht, und wir sind prompt darauf reingefallen. Wahrscheinlich sitzt er in diesem Moment kreuzfidel auf einem Boot und segelt zu den Fidschiinseln.«

Gordon klappte das Rechnungsbuch zu und schob mir den Scheck zu, den er ausgeschrieben hatte.

»Augenblick, Mac. Am Donnerstagabend hat jemand auf uns geschossen. Jaffe ist zwar gesund nach Hause gekommen, aber vielleicht haben sie ihn sich am folgenden Tag geschnappt. Vielleicht haben sie ihn umgebracht.« Ich nahm den Scheck und warf einen kurzen Blick darauf. Er lautete über zweitausendfünfhundert Dollar und war auf mich ausgestellt. »Oh, vielen Dank. Sehr nett. Im allgemeinen stelle ich meine Rechnungen erst am Ende des Monats.«

»Das ist die Abschlußzahlung«, erwiderte er und faltete wieder die Hände auf dem Schreibtisch. »Ich muß zugeben, ich war nicht dafür, Sie zu engagieren, aber Sie haben gute Arbeit geleistet. Ich denke nicht, daß Mrs. Jaffe uns in Zukunft noch Schwierigkeiten machen wird. Sobald Sie Ihren Bericht eingereicht haben, übergeben wir die ganze Angelegenheit unserem Anwalt, und der kann sich dann um die rechtliche Absicherung kümmern. Wir werden wahrscheinlich nicht einmal gerichtlich vorgehen müssen. Sie kann die Gelder, die noch da sind, zurückgeben, und damit ist die Sache erledigt. Im übrigen sehe ich keinen Grund, warum wir nicht auch in Zukunft zusammenarbeiten können, natürlich immer von Fall zu Fall.«

Ich starrte ihn fassungslos an. »Wir können das doch nicht einfach so abschließen. Wir haben keine Ahnung, was mit Jaffe los ist.«

»Es ist völlig unerheblich, was mit Jaffe los ist. Wir haben Sie beauftragt, ihn ausfindig zu machen, und das haben Sie getan — sehr geschickt, darf ich sagen. Für uns kam es nur darauf an, nachzuweisen, daß er lebt, und das haben wir hiermit getan.«

»Aber wenn er nun tot ist?« fragte ich. »Dann hätte seine Frau doch Anspruch auf das Geld.«

»Ja, aber sie müßte erst den Beweis erbringen. Und was hat sie in der Hand? Nichts.«

Völlig unzufrieden und verwirrt sah ich Mac an. Der wich meinem Blick aus. Er fühlte sich offensichtlich gar nicht wohl in seiner Haut und hoffte wahrscheinlich, ich würde jetzt keinen Wirbel machen. Ich erinnerte mich an seine Beschwerden über die California Fidelity an jenem Tag, als er in mein Büro gekommen war.

»Findest du das in Ordnung? Ich finde es ausgesprochen seltsam. Wenn sich heraussteilen sollte, daß Jaffe etwas zugestoßen ist, dann hätte sie Anspruch auf die Lebensversicherung. Dann brauchte sie keinen Penny zurückzugeben.«

»Hm, ja, aber sie müßte einen neuen Antrag stellen«, sagte Mac.

»Ja, aber arbeiten wir denn nicht zusammen, um dafür zu sorgen, daß Forderungen auf faire Weise erledigt werden?« Ich sah von einem zum anderen.

Gordons Gesicht war ausdruckslos. Das war seine Art, seine Abneigung zu kaschieren, nicht nur gegen mich, sondern gegen die Menschen im allgemeinen. In Macs Ausdruck sah ich Schuldbewußtsein. Niemals würde er Gordon Paroli bieten. Niemals würde er sich beschweren. Niemals würde er Stellung beziehen.

»Interessiert sich denn niemand für die Wahrheit?« fragte ich.

Gordon stand auf und schlüpfte in sein Jackett. »Ich überlasse das Ihnen«, sagte er zu Mac. Und zu mir: »Wir wissen Ihre Gewissenhaftigkeit zu schätzen, Kinsey. Wenn wir einmal jemanden brauchen sollten, um unserer Gesellschaft eine Haftung in Höhe von einer halben Million Dollar nachzuweisen, werden wir uns vertrauensvoll an Sie wenden. Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind. Wir erwarten Ihren Bericht am Montagmorgen.«

Nachdem er gegangen war, blieben Mac und ich noch einen Moment schweigend sitzen, ohne uns anzusehen. Dann stand ich auf und ging.

Ich setzte mich in meinen Wagen und fuhr nach Perdido. Ich mußte wissen, was gespielt wurde. Niemals würde ich die Sache in dieser Phase einfach auf sich beruhen lassen. Vielleicht hatten sie recht. Vielleicht war er getürmt, auch die Sorge um seine Frau, seine Söhne, sein Enkelkind war nichts als Getue gewesen. Er war kein Fels in der Brandung. Er hatte weder Skrupel noch Moralgefühl, aber ich konnte mich jetzt nicht einfach achselzuckend abwenden. Ich mußte wissen, wo er war, und erfahren, was aus ihm geworden war. Er war ein Mann, der weit mehr Feinde als Freunde hatte, und das verhieß nichts Gutes — es erschien mir bedrohlich und beunruhigend. Konnte es nicht sein, daß jemand ihn getötet hatte und daß die Flucht nur vorgetäuscht war? Ich hatte meinen Scheck und einen freundlichen Händedruck bereits erhalten. Meine Zeit gehörte mir, ich konnte tun, was mir beliebte. Und ich wollte Antworten auf meine Fragen.

Perdido hat etwa zweiundneunzigtausend Einwohner. Zum Glück hatte ein kleiner Prozentsatz der Einwohnerschaft Dana Jaffe postwendend angerufen, als bekannt wurde, daß man die Lord gefunden hatte. Jeder nimmt gern am Unglück anderer Anteil. Mit atemloser Neugier, in die sich Grauen und Dankbarkeit mischen, erleben wir die Katastrophe aus sicherem Abstand mit. Ich dachte mir, daß Danas Telefon bis zu meiner Ankunft bestimmt mehr als eine Stunde ununterbrochen geläutet hatte, und war froh darüber. Denn ich wollte nicht diejenige sein, die sie vom neuerlichen Verschwinden ihres Mannes unterrichtete. Von seinem Tod zu erfahren hätte sie höchlichst erfreut, aber ich hielt es für unfair, meinen Verdacht mitzuteilen, solange ich keine Beweise hatte. Was würde ihr so eine Nachricht ohne Wendell Jaffes Leiche schon nützen? Es sei denn, sie hatte ihn selbst getötet, und dann wußte sie sowieso schon mehr als ich.

Michaels gelber VW stand in der Einfahrt. Ich klopfte an die Tür, und Juliet ließ mich ein. Brendan lag tief schlafend an ihrer Schulter.

»Sie sind in der Küche. Ich muß ihn hinlegen«, sagte sie leise.

»Danke, Juliet.«

Sie ging durch das Zimmer zur Treppe, wahrscheinlich war sie froh, sich entziehen zu können. Eine Frau hinterließ gerade in ihrem salbungsvollsten Ton eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter. »Also dann, Dana. Das wollte ich dir nur sagen. Wenn wir etwas tun können, dann ruf uns an, ja! Wir sprechen uns. Bis bald. Tschüß.«

Dana saß bleich und schön am Küchentisch. Ihr silberblondes Haar glänzte wie Seide im Licht. Sie trug eine hellblaue Jeans und ein langärmeliges Seidenhemd in einem Stahlblau, das mit ihrer Augenfarbe übereinstimmte. Sie drückte eine Zigarette aus und sah ohne ein Wort zu mir auf. Der Rauchgeruch hing in der Luft und mischte sich mit einem schwachen Hauch des Schwefelgeruchs der Streichhölzer. Michael war dabei, ihr eine Tasse Kaffee einzuschenken. Während Dana wie abgestorben wirkte, schien Michael tiefe Schmerzen zu leiden.

Ich war in letzter Zeit ein so häufiger Gast gewesen, daß niemand gegen mein ungebetenes Erscheinen protestierte. Er goß sich eine Tasse Kaffee ein, machte den Schrank auf und nahm noch eine Tasse für mich heraus. Ein Karton Milch und die Zuckerdose standen auf dem Küchentisch. Ich dankte ihm und setzte mich.

»Etwas Neues?«

Dana schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht glauben, daß er das getan hat.«

Michael lehnte sich an die Anrichte. »Wir wissen nicht, wo er ist, Mom.«

»Genau das macht mich wahnsinnig. Erst kommt er und bringt uns alle durcheinander, und dann verschwindet er spurlos.«

»Haben Sie mit ihm gesprochen?« fragte ich.

Stille. Sie senkte den Blick. »Ja, er war mal kurz hier«, antwortete sie in einem Ton, als müßte sie sich verteidigen. Sie nahm sich eine Zigarette und zündete sie an. Sie würde früh alt aussehen, wenn sie damit nicht aufhörte.

»Wann?«

Sie runzelte die Stirn. »Ich weiß nicht — nicht gestern abend. Am Abend davor. Donnerstag, denke ich. Danach ist er zu Michael gefahren, um sich das Kind anzusehen.«

»Haben Sie lange mit ihm gesprochen?«

»Lang würde ich das nicht nennen. Er sagte, es täte ihm leid. Er hätte einen schrecklichen Fehler gemacht. Er sagte, er würde alles geben, um diese fünf Jahre ungeschehen machen zu können. Es war alles Gerede, aber es klang gut, und wahrscheinlich hab’ ich es gebraucht. Ich war natürlich wütend. Ich sagte: >Wendell, so geht das nicht. Du kannst jetzt nicht einfach das Rad zurückdrehen, nach allem, was du uns angetan hast. Was kümmert es mich, daß es dir leid tut? Uns allen tut es leid. So ein Blödsinn.<«

»Glauben Sie, er war aufrichtig?«

»Er war immer aufrichtig. Er konnte nicht eine Minute bei dem bleiben, was er sagte, aber er war immer aufrichtig.«

»Danach haben Sie nicht wieder mit ihm gesprochen?«

»Einmal hat gereicht, das können Sie mir glauben. Damit hätte eigentlich alles erledigt sein müssen, aber ich bin immer noch wütend«, sagte sie.

»Es gab also keine Versöhnung.«

»Kein Drandenken. >Tut mir leid<, kann jeder sagen. Das kommt bei mir nicht an.« Sie sah mich an. »Und jetzt? Ich nehme an, die Versicherungsgesellschaft will ihr Geld zurückhaben.«

»Das, was Sie schon ausgegeben haben, werden sie nicht zurückfordern, aber sie können Ihnen nun wirklich nicht eine halbe Million Dollar lassen. Es sei denn, Ihr Mann ist tot.«

Sie erstarrte. »Wie kommen Sie darauf?«

»Früher oder später erwischt es jeden.« Ich schob meine Kaffeetasse weg und stand auf. »Rufen Sie mich an, wenn Sie von ihm hören sollten. Sein Verbleib interessiert einige Leute. Zumindest eine Person.«

Michael brachte mich zur Tür. Schmal und grüblerisch.

»Alles in Ordnung?« fragte ich.

»Kann man nicht gerade sagen. Wie würden Sie sich fühlen?«

»Ich glaube nicht, daß das schon das Ende ist. Ihr Vater hatte für das, was er getan hat, seine eigenen Gründe. Es ging nicht um Sie. Es ging um ihn selbst«, sagte ich. »Sie sollten es nicht persönlich nehmen.«

Michael schüttelte heftig den Kopf. »Ich will ihn nie wiedersehen. Niemals!«

»Ich kann Sie verstehen. Und ich versuche auch gar nicht, den Mann in Schutz zu nehmen, aber er ist nicht nur schlecht. Man muß sich das nehmen, was man kriegt. Eines Tages werden Sie vielleicht das Gute wieder zulassen. Sie kennen ja gar nicht die ganze Geschichte. Sie kennen nur diese eine Version. Es spielt viel mehr mit — Ereignisse, Träume, Konflikte, Gespräche — , an dem Sie nie Anteil hatten. Und dem entspringt sein Handeln«, sagte ich. »Sie müssen die Tatsache akzeptieren, daß da etwas Größeres gewirkt hat und Sie vielleicht nie erfahren werden, was es war.«

»Soll ich Ihnen mal was sagen? Es ist mir egal. Wirklich, es ist mir egal.«

»Vielleicht. Aber Brendan wird es vielleicht eines Tages nicht egal sein. Solche Dinge haben eine Art, von einer Generation auf die nächste zu wirken. Niemand kann mit Verlassenwerden gut umgehen.«

»Hm.«

»In solcher Situation wie dieser hier geht mir immer eine Phrase durch den Kopf: >Das weite unordentliche Meer der Wahrheit.«:«

»Und was soll das heißen?«

»Die Wahrheit ist nicht immer angenehm. Sie ist nicht immer so klein, daß man sie auf einmal aufnehmen kann. Manchmal überflutet einen die Wahrheit und droht einen mit sich hinunterzuziehen. Ich habe viel Häßliches in dieser Welt gesehen.«

»Kann schon sein. Ich nicht. Das hier ist das erste Mal, und es gefällt mir nicht besonders.«

»Ich verstehe Sie«, sagte ich. »Denken Sie an Ihren Sohn. Er ist wirklich entzückend.«

»Er ist das einzig Gute, was dabei herausgekommen ist.«

Ich mußte lächeln. »Sie sind doch auch noch da.«

Sein Blick war verschlossen und sein Lächeln unergründlich, aber ich glaube nicht, daß meine Bemerkung an ihm vorbeiging.

Von Dana fuhr ich zu Renata. Welcher Art Wendell Jaffes charakterliche Mängel auch sein mochten, er hatte es fertiggebracht, mit zwei Frauen von Format eine Beziehung aufzunehmen. Sie hätten kaum unterschiedlicher sein können — Dana mit ihrer kühlen Eleganz, Renata dunkel und exotisch. Ich parkte vor dem Haus und ging den Weg hinauf. Wenn die Polizei die Frau noch überwachte, geschah das sehr unauffällig. Keine Lieferwagen, keine Kleinbusse, keine sich bewegenden Vorhänge in den Häusern gegenüber. Ich läutete und wartete. Als sich nichts rührte, spähte ich durch das Glas neben der Wohnungstür. Dann läutete ich noch einmal.

Endlich kam Renata aus dem hinteren Teil des Hauses. Sie hatte einen weißen Baumwollrock an und ein königsblaues T-Shirt, dazu weiße Sandalen, die den tiefen Oliveton ihrer Beine zur Geltung brachten. Sie zog die Tür auf und blieb einen Moment stehen, die Wange an das Holz gedrückt. »Hallo. Ich habe im Radio gehört, daß das Boot gefunden worden ist. Er ist doch nicht wirklich weg, oder?«

»Ich weiß es nicht, Renata. Kann ich hereinkommen?«

Sie hielt mir die Tür auf. »Bitte.«

Wir gingen ins Wohnzimmer, das nach hinten hinaus lag. Fenstertüren öffneten sich zu einer kleinen Terrasse. Dahinter fiel das Grundstück sanft zum Wasser ab. Ich konnte die Fugitive sehen, die an ihrem Steg vertäut war.

»Möchten Sie auch eine Bloody Mary? Ich wollte mir gerade eine machen.« Sie ging zur Bar und öffnete den Deckel eines Eiskübels. Mit einer silbernen Zange nahm sie Eiswürfel heraus und ließ sie klirrend in ihr Glas fallen. Ich wäre immer gern die Art von Frau gewesen, die das tat.

»Danke. Es ist noch ein bißchen früh für mich.«

Sie drückte eine Limette über dem Eis aus und gab Wodka dazu. Aus dem Minikühlschrank nahm sie einen Krug mit Bloody-Mary-Mix und goß das Zeug über den Wodka. Ihre Bewegungen wirkten apathisch. Sie sah schlecht aus. Sie war kaum geschminkt, und man konnte sehen, daß sie geweint hatte. Sie sah mich mit einem gequälten Lächeln an.

»Und was verschafft mir die Ehre?«

»Ich war bei Dana. Und da ich schon mal in Perdido war, dachte ich mir, ich könnte Sie fragen, ob ich vielleicht Wendells Sachen durchsehen darf. Ich denke dauernd, er hat vielleicht was vergessen. Es könnte ja sein, daß er etwas dagelassen hat, was uns weiterhilft.«

»Es gibt keine >Sachen<, aber Sie können sich gern umsehen, wenn Sie möchten. Hat die Polizei das Boot schon durchsucht?«

»Ich weiß nur das, was ich heute morgen bei der Versicherungsgesellschaft gehört habe. Man hat das Boot gefunden, aber von Wendell offenbar keine Spur. Wie es mit dem Geld steht, weiß ich noch nicht.«

Mit ihrem Drink setzte sie sich in einen tiefen Sessel und forderte mich mit einer Handbewegung auf, ebenfalls Platz zu nehmen. »Was für Geld?«

»Hat Wendell Ihnen davon nichts gesagt? Carl Eckert hatte irgendwo auf dem Boot drei Millionen Dollar versteckt.«

Es dauerte fünf Sekunden, ehe das ankam. Dann warf sie den Kopf zurück und lachte. Es klang nicht gerade glücklich, aber es war besser als Schluchzen. Dann faßte sie sich. »Das kann doch nur ein Witz sein«, sagte sie.

Ich schüttelte den Kopf.

Noch einmal lachte sie kurz auf, dann wurde sie ernst. »Aber das ist ja unglaublich. Soviel Geld soll auf der Lord gewesen sein? Aber jetzt begreife ich endlich, warum er wie besessen von dem Boot war. Er hat eigentlich kaum von etwas anderem gesprochen als von der Lord.«

»Ich verstehe nicht.«

Sie rührte ihren Drink mit einem Stäbchen um, das sie dann übermäßig gründlich ableckte. »Na ja, er hat seine Kinder natürlich geliebt, aber das hat ihn vorher nicht daran gehindert, sein eigenes Leben zu führen. Er war knapp bei Kasse, aber was mich angeht, war das nie ein Problem. Ich habe weiß Gott genug Geld für uns beide. Vor ungefähr vier Monaten fing er an davon zu reden, daß er zurück wollte. Er sagte, er wolle an Dana wiedergutmachen, was er ihr angetan hatte. Jetzt glaube ich, in Wirklichkeit wollte er dieses Geld an sich bringen. Soll ich Ihnen mal was sagen? Ich glaube, er hat’s geschafft. Kein Wunder, daß er so verdammt geheimniskrämerisch war. Drei Millionen Dollar. Ich bin wirklich erstaunt, daß ich das nicht geahnt habe.«

»Sie wirken aber gar nicht erstaunt«, entgegnete ich. »Sie wirken deprimiert.«

»Das bin ich wahrscheinlich auch.« Sie trank einen großen Schluck. Ich hatte das Gefühl, sie hatte schon vor meinem Erscheinen zu trinken angefangen. Die Tränen traten ihr in die Augen. Sie schüttelte den Kopf.

»Was ist?« fragte ich.

Sie lehnte sich mit geschlossenen Augen zurück. »Ich möchte an ihn glauben. Ich möchte glauben, daß ihm außer Geld noch etwas anderes wichtig ist. Denn wenn er wirklich so ein Mensch ist, was sagt das dann über mich aus?« Sie öffnete die dunklen Augen.

»Ich weiß nicht, ob das, was Wendell Jaffe tut, überhaupt etwas mit anderen zu tun hat«, bemerkte ich. »Das gleiche habe ich Michael gesagt. Nehmen Sie es nicht persönlich.«

»Hat die Versicherungsgesellschaft vor, ihn zu verfolgen?«

»Für die California Fidelity steht im Augenblick nichts auf dem Spiel. Ich meine, abgesehen vom Offensichtlichen. Dana ist diejenige, die die Versicherungssumme kassiert hat, und mit ihr wird man sich selbstverständlich auseinandersetzen. Aber abgesehen davon ist der Fall für die Versicherung erledigt.«

»Und die Polizei?«

»Die wird ihn vielleicht suchen — ich muß ehrlich sagen, ich hoffe es. Aber ich weiß nicht, was sie an Zeit und Arbeitskraft zu investieren bereit sind. Auch wenn es um Betrug und schweren Diebstahl geht, erst muß man den Mann fassen. Dann muß man ihm die Vergehen nachweisen. Nach all den Jahren? Da muß man sich schon fragen, was eigentlich der Zweck der Übung ist.«

»Sagen Sie’s mir. Was ist der Zweck der Übung? Ich dachte, Sie arbeiten für die Versicherungsgesellschaft.«

»Ich habe für sie gearbeitet. Jetzt nicht mehr. Sagen wir so: Ich habe ein persönliches Interesse. In den vergangenen zehn Tagen hat sich mein Leben nur um diese Affäre gedreht. Ich will einen Abschluß. Ich muß wissen, was geschieht.«

»Ach, du lieber Gott, eine Fanatikerin. Das hat gerade noch gefehlt.« Sie schloß wieder die Augen und drückte das eisgekühlte Glas an ihre Schläfe, als wollte sie ein Fieber lindern. »Ich bin müde«, sagte sie. »Ich würde am liebsten ein ganzes Jahr lang schlafen.«

»Haben Sie etwas dagegen, wenn ich mich umsehe?«

»Nein. Schauen Sie nur. Er hat das Haus ausgeräumt, aber ich selbst habe noch gar nicht nachgesehen, was fehlt und was nicht. Sie müssen verzeihen, daß ich emotional nicht ganz auf dem Damm bin. Ich habe Schwierigkeiten zu begreifen, daß er mich nach fünf Jahren verlassen hat.«

»Ich bin nicht überzeugt, daß es so ist, aber sehen Sie es doch so: Wenn er es Dana angetan hat, warum dann nicht auch Ihnen?«

Sie lächelte mit geschlossenen Augen. Es wirkte seltsam. Ich war nicht sicher, daß sie mich gehört hatte. Vielleicht war sie schon eingeschlafen. Ich nahm ihr das Glas aus der Hand und stellte es leise klirrend auf den Glastisch.

In den folgenden fünfundvierzig Minuten durchsuchte ich jede Ecke und jeden Winkel im Haus. Man weiß schließlich nie, was man finden kann: persönliche Papiere, Aufzeichnungen, Korrespondenz, Telefonnummern, ein Tagebuch, ein Adreßbuch. Alles konnte weiterhelfen. Aber sie hatte die Wahrheit gesagt. Er hatte das Haus ausgeräumt. Ich konnte nur mit den Achseln zucken. Es hätte ja sein können, daß ich auf ein phantastisches Geheimnis gestoßen wäre.

Ich ging die Treppe hinunter und schlich leise durch das Wohnzimmer. Renata öffnete die Augen, als ich am Sofa vorbeikam.

»Haben Sie was gefunden?« Alkohol und Schlaftrunkenheit verzerrten ihre Worte.

»Nein. Aber es war einen Versuch wert. Kommen Sie zurecht?«

»Sie meinen, wenn ich mich erst von der Demütigung erholt habe? Aber ja, ich komme zurecht.«

Ich machte eine kleine Pause. »Ist Wendell eigentlich je von einem Mann namens Harris Brown angerufen worden?«

»O ja. Harris Brown hinterließ eine Nachricht, und Wendell rief ihn zurück. Sie haben sich am Telefon gestritten.«

»Wann war das?«

»Ich weiß nicht mehr. Vielleicht gestern.«

»Worüber haben sie gestritten?«

»Das hat Wendell mir nicht gesagt. Er scheint mir vieles nicht gesagt zu haben. Wenn Sie ihn finden, dann sagen Sie es mir nicht. Ich denke, ich lasse morgen die Schlösser auswechseln.«

»Morgen ist Sonntag. Das wird teuer.«

»Dann eben heute. Heute nachmittag. Sobald ich aufstehe.«

»Rufen Sie mich an, wenn Sie etwas brauchen.«

»Ein bißchen Gelächter brauche ich«, sagte sie.