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Für den Weg nach Hause brauchte ich keine zehn Minuten. Ich war immer noch hellwach, erfrischt durch die herbe Seeluft. Anstatt die Tür aufzudrücken und hineinzugehen, machte ich kehrt und ging die Straße hinunter zu Rosies Kneipe an der Ecke.

Früher war in Rosies schummriger Kneipe, die zweifellos rund um die Uhr von der Gesundheitspolizei überwacht wurde, immer gähnende Leere gewesen. Ich pflegte mich dort mit Klienten zu treffen, weil einen nie jemand störte. Ich konnte mich auch allein jederzeit reinsetzen, ohne angemacht zu werden. Rosie rückte mir vielleicht auf die Pelle, aber sonst niemand. In jüngster Zeit jedoch hatten die Sportfans den Laden entdeckt, und eine Reihe von Vereinen hat ihn sich zur Stammkneipe erkoren, in der man sich besonders gern zusammensetzt, wenn man gerade einen Wettbewerb gewonnen hat und das Bedürfnis zu feiern verspürt. Rosie, die ausgesprochen ekelhaft sein kann, scheint diesen ganzen Rummel samt überschüssigem Testosteron und Massenhysterie zu genießen. Sie hat den Sportsfreunden sogar das Bord hinter dem Tresen zur Ausstellung ihrer Hardware zur Verfügung gestellt, als da sind silberne Pokale und geflügelte Siegesgöttinnen, die Kugeln über ihren Köpfen in die Höhe halten. Heute die Bowlingmeisterschaft, morgen die freie Welt.

Wie immer war der Laden brechend voll, und mein Lieblingstisch ganz hinten war von einer Meute Rowdys besetzt. Von Rosie war nirgends eine Spur zu sehen. Auf einem Hocker am Tresen hockte William und sah sich mit einem Ausdruck tiefster Genugtuung im Saal um. Sämtliche Gäste schienen ihn zu kennen, und es flog eine Menge gutmütiger Frotzeleien hin und her.

Henry saß allein an einem Tisch, den Kopf über einen Schreibblock gebeugt, auf dem er gerade ein Kreuzworträtsel unter dem Titel >Ich sehe was, was du nicht siehst< entwarf. Er arbeitete schon seit mehreren Tagen an dem Rätsel, dessen Thema Spionageromane und alte Fernsehserien waren. Er publiziert regelmäßig in den kleinen Rätselmagazinen, die man überall kaufen kann. Er hat dadurch nicht nur ein kleines Nebeneinkommen, sondern er ist den Rätselfreunden tatsächlich ein Begriff. Sein Gesicht verriet angestrengte Konzentration.

Ich zog den freien Stuhl heraus, der an seinem Tisch stand, drehte ihn herum, so daß die Rückenlehne den Tisch berührte, und setzte mich rittlings darauf, die Unterarme auf die Lehne gelegt.

Henry warf mir einen unwirschen Blick zu, sah, daß ich es war, und wurde freundlich. »Ich dachte, du wärst eine von >denen<.«

Ich sah mich um. »Was ist hier passiert? Vor einem Jahr noch war die Bude immer leer. Jetzt geht’s zu wie auf dem Jahrmarkt. Na, wie läuft’s?«

»Ich brauche ein Wort mit zehn Buchstaben, das mit S-c-h anfängt. Aufhören kann es eigentlich, wie es will.«

Mir fiel sofort ein Wort ein, und ich zählte die Buchstaben an meinen Fingern ab. »Schwindler«, sagte ich.

Er starrte mich mit leerem Blick an, während er nachzählte. »Nicht schlecht. Das nehme ich. Und jetzt fünf Buchstaben senkrecht —«

»Schluß«, unterbrach ich ihn. »Du weißt, ich hab’ dafür überhaupt kein Talent, und außerdem macht’s mich nervös. Ich habe einmal einen Treffer gelandet. Ich höre auf, solange ich im Plus bin.«

Er warf seinen Blick auf den Tisch und klemmte sich den Bleistift hinter das linke Ohr. »Recht hast du. Es ist Zeit, Schluß zu machen für heute. Was trinkst du? Komm, ich lade dich ein.«

»Ich trinke nichts. Ich hab’ schon genug getrunken. Aber ich leiste dir Gesellschaft, wenn du dir noch was bestellst.«

»Ach, mir reicht’s auch. Wie war der Besuch bei Dana Jaffe? Hat er was gebracht?«

»Das habe ich gar nicht erwartet. Ich wollte eigentlich nur ihre Bekanntschaft machen. Ich habe mich auch mit Jaffes ehemaligem Geschäftspartner unterhalten.«

»Und?«

Während ich ihm von meinen Gesprächen mit Dana Jaffe und Carl Eckert berichtete, sah ich Henrys Blick zur Küche schweifen und drehte mich automatisch um. »Na bitte, wer sagt’s denn!« rief ich.

William trat mit einem vollen Tablett heraus, einer nicht unerheblichen Last für einen Mann von sechsundachtzig Jahren. Wie immer war er im Anzug mit Weste, trug ein Hemd mit gestärktem Kragen und eine vorbildlich geknotete Krawatte. Er sah Henry so ähnlich, daß er sein Zwilling hätte sein können; doch in Wirklichkeit waren die beiden zwei Jahre auseinander. William wirkte hochzufrieden mit sich, gutgelaunt und tatenfroh. Es war das erste Mal, daß ich diese Veränderungen an ihm registrierte. Vor sieben Monaten, als er bei Henry eingezogen war, war er nur um sich selbst und seine mannigfaltigen Krankheiten und Leiden gekreist. Er hatte seine ganze Krankengeschichte von zu Hause mitgebracht und überprüfte dauernd seinen Gesundheitszustand: seinen Herzschlag, seine Darmtätigkeit, seine Allergien. Eine seiner Lieblingsbeschäftigungen war es, zu Beerdigungen zu gehen und mit den anderen Trauergästen sein Beileid zu bekunden, um sich davon zu überzeugen, daß er selbst noch nicht tot war. Nachdem er dem Liebesglück mit Rosie begegnet war, hatte sich seine Stimmung zusehends aufgehellt, und jetzt war es gar so weit, daß er Seite an Seite mit ihr arbeitete. Als er sah, daß wir ihn beobachteten, grinste er vergnügt. Er stellte das Tablett ab und begann die Teller zu verteilen. Einer der Gäste am Tisch sagte etwas zu ihm. Er lachte und schlug dem Mann kumpelhaft auf den Rücken.

»Worüber ist er denn so glücklich?«

»Er hat Rosie gebeten, seine Frau zu werden.«

Ich starrte Henry fassungslos an. »Das gibt’s doch nicht. Im Ernst? Mensch, das ist ja Klasse. Du lachst dich kaputt.«

»Also, ich würde nicht gerade sagen, daß es zum Lachen ist. Es zeigt nur, was passiert, wenn man in Sünde miteinander lebt.«

»Sie leben seit einer Woche in Sünde. Und jetzt macht er eine >ehrenhafte< Frau aus ihr, was auch immer das heißt. Ich finde es süß.« Ich packte Henry am Arm und schüttelte ihn. »Du hast doch in Wirklichkeit gar nichts dagegen, oder? Ich meine, ganz tief im Innern.«

»Sagen wir mal so — ich bin nicht so entsetzt, wie ich glaubte, daß ich sein würde. Ich hab’ mich schon an dem Tag, an dem er zu ihr gezogen ist, mit der Möglichkeit abgefunden. Er ist ein viel zu konventioneller Mensch, um gegen den Strom zu schwimmen.«

»Und wann steigt das Ganze?«

»Ich habe keine Ahnung. Sie haben noch kein Datum festgesetzt. Er hat sie ja erst heute abend gefragt. Sie hat noch nicht eingewillgt.«

»Ach so! So wie du geredet hast, dachte ich, es wäre eine klare Sache.«

»Äh, nein, aber einen Mann von seinem Format wird sie wohl kaum abblitzen lassen.«

Ich gab ihm einen Klaps auf die Hand. »Du bist ja ein richtiger kleiner Snob, Henry.«

Er sah mich lächelnd an und zog die Brauen über den blauen Augen hoch. »Ich bin kein kleiner Snob, ich bin ein großer. Komm, ich begleite dich nach Hause.«

Zu Hause nahm ich eine Handvoll Tabletten gegen meine diversen Erkältungssymptome und eine Dosis NyQuil für ungestörten Schlaf. Um sechs wälzte ich mich schlaftrunken aus meinem Bett und stieg in meinen Jogginganzug. Beim Zähneputzen machte ich Inventur: Meine Bronchien waren immer noch verstopft, aber der Schnupfen war fast weg, und der Husten hörte sich nicht mehr so an, als sei meine Lunge am Rande des Kollaps. Meine Hautfarbe war heller geworden und hatte den sanften Goldton von Aprikosen angenommen. In ein, zwei Tagen, sagte ich mir, würde ich meine natürliche Hautfarbe wiederhaben. Nie habe ich mich so sehr nach meinem blassen Teint gesehnt.

Ich packte mich fest ein gegen die Morgenkühle. Mein graues Joggingzeug hatte fast die Farbe des Ozeans. Der Sand am Strand war kreidehell, von der auslaufenden Tide mit Schaum gesprenkelt. Grauweiße Möwen standen reglos am Strand und starrten ins Wasser. Der Himmel am Horizont leuchtete in einer Mischung aus Milchweiß und Silber, und die Inseln im Kanal waren durch den Morgendunst nur schemenhaft zu erkennen. In den fernen Gebieten des Pazifik war jetzt Hurricansaison, aber bisher hatte uns nicht einmal eine Ahnung tropischer Brandung erreicht. Es herrschte eine tiefe Stille, die vom sanften Plätschern der Wellen akzentuiert wurde. Soweit das Auge reichte war keine Menschenseele zu sehen. Der Dreimeilenlauf wurde zur Meditation; nur ich, mein keuchender Atem und das Spiel meiner Beinmuskeln. Als ich wieder zu Hause war, war ich bereit, den Tag anzupacken.

Durch die Wohnungstür hörte ich gedämpft das Läuten des Telefons. Hastig sperrte ich auf. Beim dritten Läuten schaffte ich es und hob keuchend den Hörer an mein Ohr. Es war Mac.

»Was ist denn los, daß du mich so früh anrufst?« Ich drückte mein Gesicht in mein T-Shirt, um einen Hustenanfall zurückzuhalten.

»Wir hatten gestern abend eine Besprechung. Gordon Titus hat von dieser Geschichte mit Wendell Jaffe Wind bekommen und möchte mit dir sprechen.«

»Mit mir?« krächzte ich.

Mac lachte. »Er beißt nicht.«

»Das braucht er auch gar nicht«, versetzte ich. »Titus kann mich nicht ausstehen und ich ihn genausowenig. Er behandelt mich wie den letzten Dreck.«

»Trotzdem solltest du herkommen, so schnell du kannst.«

Ich blieb noch einen Moment sitzen und streckte dem Telefon die Zunge heraus, meine gewohnt reife Art, mit der bösen Welt umzugehen. Ich stürzte nicht, wie mir empfohlen worden war, Hals über Kopf zur Tür hinaus. Erst mal zog ich meinen Jogginganzug aus, nahm eine heiße Dusche, wusch mir gründlich das Haar und zog mich an. Ich machte mir ein kleines Frühstück und las dabei mit großem Interesse die Zeitung. Danach wusch ich Tasse, Teller und Löffel ab und trug den Müll hinaus. Als mir keine weiteren Vorwände zur Vermeidung des Unvermeidlichen einfielen, nahm ich meine Handtasche, einen Stenoblock und meine Wagenschlüssel und machte mich auf den Weg. Ich hatte Magenschmerzen.

Das Büro hatte sich kaum verändert, obwohl mir zum erstenmal eine allgemeine Schäbigkeit auffiel. Der Spannteppich war Synthetik bester Qualität, jedoch wegen seiner »Strapazierfähigkeit« ausgewählt worden, Synonym für kleine scheckige Muster, auf denen Flecken garantiert nicht auffallen. Das Großraumbüro mit Dutzenden ineinandergeschachtelter kleiner Arbeitsplätze für die Sachbearbeiter wirkte eng und gedrängt. Außen herum waren die verglasten Büros der leitenden Angestellten. Die Wände brauchten einen frischen Anstrich, an Holzleisten und Verschalungen blätterte die Farbe ab. Vera sah auf, als ich an ihrem Schreibtisch vorbeikam. Nur ich konnte ihre Grimassen sehen, die verdrehten Augen und die herausgestreckte Zunge, die zeigen sollten, wie sehr das alles hier sie anödete.

Wir trafen uns in Titus’ Büro. Ich hatte den Mann seit dem Tag unseres Rencontres nicht mehr gesehen. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartete, und wußte nicht recht, wie ich mich verhalten sollte. Er machte es mir leicht, indem er mich freundlich begrüßte, ganz so, als sähen wir einander zum erstenmal und hätten nie ein böses Wort gewechselt. Es war ein ausgesprochen brillanter Schachzug von ihm. Er enthob mich der Notwendigkeit, mich zu verteidigen oder zu entschuldigen, und befreite sich selbst von der Bürde, auf unser vergangenes Arbeitsverhältnis Bezug zu nehmen. Binnen sechzig Sekunden stellte ich fest, daß es keine Verbindung mehr gab. Der Mann hatte jetzt keine Macht mehr über mich. Die Schulden auf beiden Seiten waren bezahlt, und wir hatten beide das bekommen, was wir gewollt hatten. Er war den, wie er sagte, »überflüssigen Ballast« losgeworden. Ich hatte mir einen Arbeitsplatz in einem Klima gesucht, das mir sympathischer war.

Doch kehren wir in die Gegenwart zurück. Mac Voorhies und Gordon Titus hätten gegensätzlicher kaum sein können. Macs brauner Anzug war so zerknittert wie ein Herbstblatt, seine Zähne und das Büschel weißen Haars, das ihm in die Stirn fiel, waren vom Nikotin verfärbt. Gordon Titus trug ein eisblaues elegantes Hemd, dessen Ärmel er aufgekrempelt hatte. Die graue Hose hatte messerscharfe Bügelfalten, der Farbton paßte genau zu seinem vorzeitig ergrauten Haar. Seine Krawatte setzte einen farbigen Akzent, der so scharf und präzise war wie sein geschäftliches Verhalten. Selbst Mac wagte es nicht, in seiner Gegenwart eine Zigarette anzuzünden.

Titus setzte sich an seinen Schreibtisch und schlug die Akte auf, die er vor sich hatte. Ganz typisch für ihn, hatte er die relevanten Daten über Dana und Wendell Jaffe zusammengefaßt. In säuberlich eingerückten Absätzen zogen sich die Zeilen quer über das Papier, das hier und dort, wo er mit dem Füller zu fest aufgedrückt hatte, kleine Löcher hatte. Er sprach, ohne mich anzusehen, und sein Gesicht war so ausdrucksleer wie das einer Schaufensterpuppe. »Mac hat mich bereits aufs laufende gebracht, wir brauchen also nicht zu rekapitulieren«, sagte er. »Was ist der derzeitige Stand der Dinge?«

Ich holte meinen Stenoblock heraus, blätterte zu einer leeren Seite und berichtete, was ich über Danas gegenwärtige Situation wußte. Ich ging soweit wie möglich ins Detail und sagte am Ende zusammenfassend: »Sie hat wahrscheinlich einen Teil der Versicherungssumme dazu verwendet, das Haus ihres Sohnes Michael zu finanzieren. Und einen anderen ansehnlichen Teil wird sie als Pauschale für Brians Anwalt hingelegt haben.«

Titus machte sich Notizen. »Haben Sie mit unseren Anwälten über unsere Position in dieser Sache gesprochen?«

»Wozu denn?« mischte Mac sich ein. »Was besagt es denn schon, wenn Jaffe seinen Tod vorgetäuscht hat? Was für ein Verbrechen hat er begangen? Verstößt es gegen das Gesetz, einen Selbstmord vorzutäuschen?« rief er.

»O ja, wenn man es in der Absicht tut, die Versicherungsgesellschaft zu betrügen«, versetzte Titus beißend.

Mac entgegnete mit ungeduldiger Miene: »Aber wo ist denn der Betrug? Welcher Betrug? Bis jetzt wissen wir nicht, ob er auch nur einen einzigen Cent kassiert hat.«

Titus sah Mac an. »Da haben Sie völlig recht. Um ganz genau zu sein, wir wissen nicht einmal, ob wir es tatsächlich mit Jaffe zu tun haben.« Er wandte sich an mich: »Ich möchte konkrete Beweise, Fingerabdrücke oder sonst was.«

»Ich tue, was ich kann«, sagte ich in einem Ton aus Zweifel und Verteidigung. Ich machte mir eine Notiz auf dem leeren Blatt, nur um geschäftig zu wirken. Die Notiz lautete: >Wendell suchen.< Als hätten da Unklarheiten bestanden, bis Titus es deutlich ausgesprochen hatte. »Und was soll in der Zwischenzeit geschehen? Wollen Sie sich an Mrs. Jaffe halten?«

Wieder machte sich Macs Gereiztheit bemerkbar. Ich verstand nicht, worüber er so erregt war. »Verdammt, was hat sie denn getan? Soweit wir wissen, hat sie nichts Gesetzwidriges getan. Wie kann man sie dafür haftbar machen, daß sie Geld ausgibt, von dem sie glaubt, es sei rechtmäßig ihres?«

»Und woher wollen Sie wissen, daß sie nicht von Anfang an mit von der Partie war? Es kann genausogut sein, daß die zwei unter einer Decke stecken«, sagte Titus.

»Was sollte sie davon haben?« warf ich freundlich ein. »Seit fünf Jahren hat die Frau keinen Penny, sondern nur einen Haufen Schulden. Inzwischen sitzt Jaffe mit einer anderen in Mexiko. Was soll das für ein Geschäft sein? Selbst wenn sie kassiert, kann sie das Geld nur noch dazu verwenden, ihre Schulden zu bezahlen.«

»Dafür haben Sie nur ihr Wort«, entgegnete Titus. »Außerdem wissen wir nicht, wie Mr. und Mrs. Jaffe ihre Beziehung geklärt haben. Vielleicht war die Ehe vorbei, und das war der Unterhalt, den er ihr gezahlt hat.«

»Toller Unterhalt«, sagte ich nur.

Titus ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. »Und wie Sie selbst gesagt haben, scheint sie es ja immerhin geschafft zu haben, dem einen Jungen ein Haus zu kaufen und für den anderen einen erstklassigen Anwalt zu engagieren. Der langen Rede kurzer Sinn, wir müssen mit Wendell Jaffe sprechen. Also, wie wollen Sie ihn ausfindig machen?« Die Frage war brüsk, aber der Ton war eher neugierig als herausfordernd.

»Meiner Ansicht nach ist Brian der perfekte Köder, und wenn Wendell zuviel Angst hat, um im Gefängnis mit ihm Kontakt aufzunehmen, kann er sich immer mit Dana in Verbindung setzen. Oder mit Michael, seinem Ältesten, der ein Kind hat, das Jaffe nie gesehen hat. Selbst sein ehemaliger Partner, Carl Eckert, ist eine Möglichkeit.« Es klang alles recht dünn, aber was sollte ich tun? Na, ein bißchen auf den Putz hauen, eben.

Mac wandte sich mir zu. »Du kannst nicht die ganze Bande vierundzwanzig Stunden lang überwachen. Selbst wenn wir noch andere Leute dafür anheuern. Außerdem kostet das Tausende von Dollar, und wofür das Ganze?«

»Da hast du recht«, meinte ich. »Hast du einen Vorschlag?«

Mac verschränkte die Arme vor der Brust und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf Titus. »Ganz gleich, was wir tun, wir sollten uns beeilen«, sagte er. »Meine Frau könnte eine halbe Million in einer Woche ausgeben.«

Titus stand auf und klappte seine Akte zu. »Ich werde unseren Anwalt anrufen und sehen, ob er nicht eine einstweilige Verfügung auf Unterlassung erwirken kann. Damit könnten wir Mrs. Jaffes Bankkonto sperren lassen und verhindern, daß weitere Gelder rausgehen.«

»Sie wird hingerissen sein«, sagte ich.

»Haben Sie inzwischen einen bestimmten Auftrag für sie, Gordon?«

Titus maß mich mit einem frostigen Lächeln. »Ich bin sicher, ihr wird etwas einfallen.« Er sah auf seine Uhr, zum Zeichen, daß wir entlassen waren.

Mac ging in sein Büro, das zwei Türen weiter war. Vera war nirgends zu sehen. Ich machte einen kleinen Plausch mit Darcy Pascoe, der Empfangsdame, dann fuhr ich zurück zu Lonnies Kanzlei und erledigte die täglichen Kleinigkeiten. Ich hörte den Anrufbeantworter ab, machte meine Post auf, setzte mich in meinen Drehsessel und drehte mich ein Weilchen hin und her, in der Hoffnung auf Inspiration. Da der Geistesblitz ausblieb, tat ich das einzige, was mir sonst einfiel.

Ich rief Lieutenant Whiteside auf der Polizeidienststelle an und fragte ihn, ob er mir die Telefonnummer von Lieutenant Brown geben könnte, der vor fünf Jahren den Fall Jaffe bearbeitet hatte. Jonah Robb hatte mir erzählt, daß Brown inzwischen im Ruhestand sei, aber er konnte dennoch nützliche Informationen haben. »Glauben Sie, er wäre bereit, mit mir zu sprechen?« fragte ich.

»Ich habe keine Ahnung, aber ich mache Ihnen einen Vorschlag«, antwortete er. »Seine Telefonnummer ist nicht eingetragen, und ich möchte sie Ihnen nicht gern ohne seine Zustimmung geben. Sobald ich einen Moment Zeit habe, rufe ich ihn an. Wenn er interessiert ist, bitte ich ihn, sich mit Ihnen in Verbindung zu setzen.«

»Wunderbar. Das wäre großartig.«

Ich legte auf und machte mir eine Notiz. Wenn ich innerhalb von zwei Tagen nichts hören sollte, würde ich zurückrufen. Ich hatte natürlich keine Ahnung, ob der Mann überhaupt eine Hilfe sein würde, aber man konnte nie wissen. Einige dieser alten Polizeibeamten tun nichts lieber als in Erinnerungen schwelgen. Er konnte mir vielleicht einen Tip geben, wo Jaffe untergeschlüpft sein konnte. Und bis dahin, was? Ich ging in den Kopierraum und machte einen ganzen Stapel Kopien von dem Flugblatt mit Jaffes Fotografie. In einem Kästchen unten auf dem Blatt hatte ich meinen Namen und meine Telefonnummer angefügt und auf mein Interesse am Verbleib des Mannes hingewiesen.

Ich tankte und brauste wieder einmal nach Perdido. Ich tuckerte langsam an Danas Haus vorbei, wendete an der Kreuzung und parkte auf der anderen Straßenseite. Dann begann ich, von Haus zu Haus zu gehen, um die Nachbarn zu befragen. Ein Haus nach dem anderen klapperte ich ab, und wo niemand zu Hause war, hinterließ ich ein Flugblatt. Auf Danas Straßenseite arbeiteten offenbar viele Paare; die Häuser waren dunkel, und es standen keine Autos davor. Wenn ich jemanden zu Hause antraf, lief das Gespräch eigentlich stets nach dem gleichen langweiligen Muster ab. »Guten Tag«, sagte ich und beeilte mich, mein Anliegen vorzubringen, um nicht für eine Hausiererin gehalten zu werden. »Ich hoffte, Sie könnten mir vielleicht weiterhelfen. Ich bin Privatdetektivin und versuche, einen Mann ausfindig zu machen, von dem wir glauben, daß er sich hier in der Gegend aufhält. Haben Sie ihn vielleicht kürzlich gesehen?« Dann hielt ich die Polizeizeichnung von Wendell Jaffe hoch und wartete ohne große Hoffnung, während mein Gegenüber das Gesicht musterte.

Viel geistiges Kinnreiben. »Nein, ich glaube nicht. Nein, Madam. Was hat der Mann denn getan? Er ist doch hoffentlich nicht gefährlich.«

»Er wird in Zusammenhang mit einer Betrugsaffäre gesucht.«

Hand hinter das Ohr gelegt. »Wie bitte?«

Ich hob dann meine Stimme. »Erinnern Sie sich vielleicht an diese Immobilienaffäre vor ein paar Jahren? Zwei Männer, die mit ihrer Firma namens CSL Investments den Leuten unerschlossene Grundstücke verkauft —«

»Ach, du lieber Gott, natürlich. Klar, daran erinnere ich mich. Der eine hat sich umgebracht, der andere mußte ins Gefängnis.«

Und so ging es weiter, immer im Kreis, ohne daß irgend jemand mir etwas Neues sagen konnte.

Auf der anderen Straßenseite, schräg gegenüber von Dana, hatte ich mehr Glück. Ich klopfte an die Tür eines Hauses, das ein Abklatsch des ihren war, ebenso dunkelgrau, mit den gleichen weißen Fenstern und Türen. Der Mann, der mir öffnete, war Anfang Sechzig. Er trug Shorts, ein Flanellhemd, dunkle Socken und, völlig unpassend, robuste zwiegenähte Schuhe. Sein graues Haar war borstig. Über die schmutzigen Halbgläser seiner Brille hinweg sah er mich mit seinen blauen Augen fragend an. Ein weißer Stoppelbart bedeckte die untere Hälfte seines Gesichts, möglicherweise das Resultat einer Weigerung, sich mehr als zweimal die Woche zu rasieren. Er hatte schmale Schultern, und seine Haltung war leicht gebeugt. Er verkörperte eine merkwürdige Mischung aus Eleganz und Resignation. Vielleicht waren die festen Schuhe ein Relikt seiner früheren beruflichen Tätigkeit. Ich tippte auf Vertreter oder Börsenmakler, jedenfalls jemand, der sein Leben praktisch im Nadelstreifenanzug verbrachte.

»Was kann ich für Sie tun?« fragte er automatisch.

»Ich wollte Sie um Ihre Hilfe bitten. Kennen Sie zufällig Mrs. Jaffe, die hier gegenüber wohnt?«

»Die Frau mit dem Jungen, der nur verrückte Sachen treibt? Wir kennen die Familie«, sagte er vorsichtig. »Was hat er denn jetzt wieder angestellt? Oder, was hat er nicht angestellt, das wäre wohl die bessere Frage in diesem Fall.«

»Mir geht es um seinen Vater.«

Einen Moment blieb es still. »Ich dachte, der sei tot.«

»Das dachten bis vor kurzem alle. Jetzt haben wir Anlaß zu glauben, daß er lebt und möglicherweise auf dem Rückweg nach Kalifornien ist. Das ist ein Bild von ihm, das seinem heutigen Aussehen entspricht. Hier unten steht meine Telefonnummer. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mich anrufen würden, falls Sie ihn sehen sollten.« Ich hielt ihm das Flugblatt hin, und er nahm es.

»Na, das ist ja nicht zu glauben. Bei diesen Leuten ist doch immer was los«, sagte er. Sein Blick wanderte von Wendell Jaffes Konterfei zu Danas Haus und dann zurück zu mir. »Es geht mich ja nichts an, aber in was für einer Beziehung stehen Sie zu den Jaffes? Sind Sie eine Angehörige?«

»Ich bin Privatdetektivin und arbeite für die Versicherungsgesellschaft, bei der Jaffes Leben versichert war.«

»Tatsächlich«, sagte er und legte den Kopf ein wenig zur Seite. »Kommen Sie doch auf einen Sprung rein. Ich würde gern Näheres hören.«