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Das Lokal, das Harris Brown für unser Brainstorming gewählt hatte, war ein Labyrinth ineinander verschachtelter Räume, in deren Mitte eine mächtige Eiche wuchs. Ich stellte den VW auf dem Parkplatz seitlich des Gebäudes ab und trat durch Eingang T in einen Korridor mit Bänken auf beiden Seiten, die für Leute gedacht waren, die nicht gleich einen Platz bekamen und warten mußten, bis ihr Name aufgerufen wurde. Doch das Geschäft lief nicht mehr so gut, und jetzt war hier nur viel Leere mit einigen Gummibäumen und einem Möbel am Ende des Ganges, das aussah wie ein Lesepult. Fensterreihen zu beiden Seiten des Eingangs boten freien Blick auf die Gäste, die in den anschließenden Flügeln des Restaurants speisten.

Ich nannte der Hosteß, die für die Tischverteilung zuständig war, meinen Namen. Sie war eine Schwarze Anfang Sechzig und hatte eine Art an sich, als wollte sie durchblicken lassen, daß sie für diesen Job weit überqualifiziert sei. Arbeitsplätze sind in Santa Teresa dünn gesät, und sie war wahrscheinlich dankbar, daß sie diesen Job hatte. Als ich mich ihrem Pult näherte, griff sie nach einer Speisekarte.

»Mein Name ist Kinsey Millhone. Ich bin mit einem Mann namens Harris Brown hier zum Mittagessen verabredet, aber ich würde vorher gern noch die Toilette aufsuchen. Könnten Sie ihm einen Tisch geben, wenn er kommen sollte, bevor ich wieder da bin? Das wäre sehr nett.«

»Aber sicher«, sagte sie. »Sie wissen, wo die Damentoilette ist?«

»Ich werde sie schon finden«, meinte ich — irrigerweise, wie sich zeigte.

Ich hätte einen kleinen Plan haben oder Brotkrumen hinter mir verstreuen sollen. Zuerst marschierte ich schnurstracks in einen Wandschrank voller Besen und Schrubber, dann durch die Tür, die in einen Hinterhof führte. Ich kehrte wieder um und ging in der anderen Richtung. Da entdeckte ich endlich ein Schild in Gestalt eines Pfeils, der nach rechts wies: >Telefone. Toiletten.< Ah, ein Hinweis. Ich fand tatsächlich die richtige Tür, die durch das Abbild eines hochhackigen Damenpumps gekennzeichnet war. Ich erledigte eilig, was ich zu erledigen hatte, und kehrte zum Eingang zurück, als die Hosteß gerade wiederkam. Sie zeigte zum Speisesaal auf der linken Seite. »Der zweite Tisch rechts.«

Beinahe automatisch warf ich einen Blick durch die Seitenfenster und entdeckte Harris Brown, der aufgestanden war, um sein Sakko abzulegen. Instinktiv wich ich einen Schritt zurück und versteckte mich hinter einer Topfpalme. Ich sah die Hosteß an und wies mit dem Daumen in Richtung des Mannes. »Das ist Harris Brown?«

»Er hat nach Kinsey Millhone gefragt«, antwortete sie.

Ich lugte hinter meiner Palme hervor. Nein, es war kein Irrtum. Zumal er der einzige Mann dort im Saal war. Harris Brown, Lieutenant der Polizei im Ruhestand, war der »Betrunkene«, dem ich vor weniger als einer Woche in Viento Negro auf seinem Hotelbalkon begegnet war. Was, zum Teufel, hatte das zu bedeuten? Ich wußte, daß er damals an den Ermittlungen über die Betrugsaffäre mitgearbeitet hatte, aber das war Jahre her. Wie hatte er Wendell Jaffes Spur gefunden, und was hatte er in Mexiko zu tun gehabt? Und vor allem, würde er nicht mir genau die gleiche Frage stellen? Todsicher würde er sich an meine Nuttennummer erinnern, und wenn das an sich auch nichts war, dessen man sich schämen mußte, so hatte ich doch keine Ahnung, wie ich ihm erklären sollte, warum ich diese Nummer abgezogen hatte. Solange ich nicht wußte, was da gespielt wurde, hatte ich keinerlei Verlangen, mich mit dem Mann zu unterhalten.

Die Hosteß beobachtete mich interessiert. »Sie finden, daß er zu alt für Sie ist? Das hätte ich Ihnen gleich sagen können.«

»Sie kennen ihn?«

»Er ist früher, als er noch bei der Polizei war, ziemlich regelmäßig gekommen. Sonntags nach der Kirche war er immer mit seiner Frau und seinen Kindern hier.«

»Wie lange arbeiten Sie schon hier?«

»Schätzchen, der Laden gehört mir. Mein Mann und ich haben ihn 1965 gekauft.«

Ich spürte, wie ich rot anlief.

In ihren Wangen zeigten sich Grübchen, und sie sah mich lächelnd an. »Ach, jetzt verstehe ich. Sie dachten, ich hätte den Job hier angenommen, weil ich’s dringend nötig hatte.«

Ich lachte, verlegen darüber, daß ich so leicht zu durchschauen war. »Ja, ich dachte, Sie wären wahrscheinlich heilfroh, Arbeit zu haben.«

»Oh, das bin ich auch. Und noch froher wäre ich, wenn das Geschäft ein bißchen zulegen würde. Na, wenigstens habe ich alte Freunde wie Mr. Brown, auch wenn ich ihn längst nicht mehr sooft sehe wie früher. Was läuft hier eigentlich? Will jemand Sie mit ihm verkuppeln und hat Sie blind zu dieser Verabredung geschickt?«

Ich war einen Moment verwirrt. »Sie haben doch eben gesagt, daß er verheiratet ist.«

»Das war er, bis sie gestorben ist. Ich dachte, jemand hätte das hier für Sie arrangiert, und jetzt gefällt er Ihnen nicht.«

»Nein, es ist ein bißchen verzwickter. Hm, könnten Sie mir vielleicht einen Gefallen tun?« fragte ich. »Ich gehe raus zu der Telefonzelle auf dem Parkplatz. Wenn ich anrufe und nach ihm frage, könnten Sie ihn dann ans Telefon holen?«

Sie warf mir einen argwöhnischen Blick zu. »Sie werden ihn doch nicht kränken?«

»Nein, bestimmt nicht. Sie können sich darauf verlassen. Um so was geht’s hier gar nicht.«

»Na schön, wenn’s keine Abfuhr ist. Da mache ich nämlich nicht mit.«

»Ehrenwort«, sagte ich.

Sie reichte mir eine Speisekarte für Abholer. »Die Telefonnummer steht oben«, sagte sie.

»Danke.«

Mit sorgsam abgewandtem Gesicht eilte ich aus dem Restaurant und lief zu der Telefonzelle an der Ecke des Parkplatzes. Ich lehnte die Speisekarte an den Apparat und kramte eine Vierteldollarmünze heraus, die ich in den Zahlschlitz steckte. Schon nach dem zweiten Läuten meldete sich die Wirtin.

»Hallo«, sagte ich. »Ich glaube, bei Ihnen sitzt ein Mann namens Harris Brown —«

»Ich hole ihn«, sagte sie kurz.

Wenig später meldete sich Brown, genauso verdrießlich und ungeduldig wie beim erstenmal, als wir miteinander gesprochen hatten. Für einen Inkassovertreter hätte er genau die richtige Art gehabt.

»Ja?«

»Hallo, Lieutenant Brown. Hier spricht Kinsey Millhone.«

»Nennen Sie mich ruhig Harris«, sagte er kurz.

»Oh, gut, Harris. Ich hatte eigentlich gehofft, ich würde sie noch zu Hause erreichen, aber da muß ich Sie verpaßt haben. Mir ist leider etwas sehr Wichtiges dazwischengekommen, und ich muß für heute mittag absagen. Kann ich Sie später in der Woche noch einmal anrufen, um etwas auszumachen?«

Seine Stimmung besserte sich schlagartig, und das war wirklich beunruhigend, wenn man bedenkt, daß ich ihn praktisch sitzenließ. »Kein Problem«, versicherte er. »Melden Sie sich einfach, wenn es Ihnen paßt.« Gelassen, gutmütig.

Ein kleines Warnlicht begann zu blinken. »Danke. Das ist wirklich verständnisvoll von Ihnen. Es tut mir leid, daß ich Ihnen diese Ungelegenheit bereiten mußte.«

»Machen Sie sich deswegen nur kein Kopfzerbrechen. Ach — aber wissen Sie, ich wollte mich eigentlich mal kurz mit Jaffes Expartner unterhalten. Ich könnte mir denken, daß der was weiß. Ist es Ihnen gelungen, ihn aufzustöbern?«

Beinahe wäre ich mit meinen Informationen herausgeplatzt, aber im letzten Moment hielt ich mich zurück. So war das also. Der Bursche wollte mir ein Schnippchen schlagen und mich ausmanövrieren, um selbst an Jaffe heranzukommen. Ich sprach lauter. »Hallo?« Ich ließ zwei Sekunden verstreichen. »Hallooo?«

»Hallo?« echote er.

»Hallo? Sind Sie noch da?«

»Ich bin am Apparat«, schrie er.

»Könnten Sie vielleicht ein bißchen lauter sprechen? Ich kann Sie nicht hören. Das ist ja eine furchtbare Verbindung. Mensch, was ist denn mit diesem Telefon los? Können Sie mich hören?«

»Ich höre Sie bestens. Können Sie mich hören?«

»Was?«

»Ich sagte, wissen Sie zufällig, wie ich mich mit Carl Eckert in Verbindung setzen kann? Ich konnte bisher nicht feststellen, wo er jetzt lebt.«

Ich schlug den Hörer auf das kleine Bord, mit dem jede Telefonzelle ausgestattet ist. »Halllooo? Ich kann Sie nicht hören!« rief ich. »Hallo?« Und dann sagte ich in wütendem Ton: »Ach Mensch, verdammt noch mal!« und knallte den Hörer auf.

Sobald die Verbindung unterbrochen war, hob ich wieder ab. Ich blieb in der Zelle, den Hörer am Ohr, und tat so, als sei ich in ein angeregtes Gespräch vertieft, während ich den Restauranteingang im Auge behielt. Es dauerte nicht lang, da kam er heraus, ging über den Parkplatz und stieg in einen klapprigen alten Ford. Ich hätte ihm folgen können, aber wozu? Im Moment konnte ich mir nicht vorstellen, daß er mich an einen interessanten Ort führen würde. Und es war nicht allzu schwer, wieder mit ihm Verbindung aufzunehmen, insbesondere da ich Informationen besaß, die er gern haben wollte.

Als ich die Tür zu meinem Wagen öffnete, sah ich, daß die Wirtin des Restaurants mich durch das Fenster beobachtete. Ich überlegte, ob ich noch einmal zu ihr gehen und ihr ein nettes Märchen auftischen sollte, um zu verhindern, daß sie ihm erzählte, wie ich ihn hinters Licht geführt hatte. Aber ich wollte nicht mehr Wirbel um den Zwischenfall machen als unbedingt nötig. Er ging wahrscheinlich sowieso nur alle zwei bis drei Monate in den Laden. Warum ihre Aufmerksamkeit auf die Sache lenken? Ich wollte doch, daß sie sie vergaß.

Ich fuhr zu meinem Büro und gurkte endlos um den Block, bis ich endlich eine Parklücke fand. Ich mag gar nicht nachrechnen, wieviel Zeit ich jeden Tag auf diese Weise vertue. Manchmal begegne ich Alison oder Jim Thicket, unserem juristischen Mitarbeiter, die so angespannt wie ich den Block in der anderen Richtung umkreisen. Vielleicht wird Lonnie mal einen großen Fall gewinnen und jedem von uns einen eigenen kleinen Parkplatz spendieren.

Da ich schon einmal in der Nähe war, ging ich in den Supermarkt und kaufte mir etwas zu essen. Die Wettervorhersage, die ich im Auto gehört hatte, war gespickt gewesen mit obskuren meteorologischen Fachausdrücken und Hinweisen auf Hochs und Tiefs und Prozentsätze. Dem entnahm ich, daß die Wetterexperten genausowenig wie ich wußten, was als nächstes geschehen würde. Ich ging zu Fuß zum Gerichtsgebäude und suchte mir einen geschützten Ort. Der Himmel war bewölkt, die Luft ziemlich kühl und von den Bäumen tropfte noch der Regen von der Nacht zuvor. Im Augenblick war es trocken, und das Gras im Park duftete angenehm.

Eine weißhaarige Fremdenführerin führte gerade eine Gruppe Touristen durch den großen steinernen Torbogen zur jenseits liegenden Straße. Hier hatte ich in den Tagen unserer >Romanze< oft mit Jonah zu Mittag gegessen. Jetzt fiel es mir schwer, mich zu erinnern, worin eigentlich die Anziehung bestanden hatte. Ich verspeiste mein Mittagessen aus der Tüte, sammelte dann Papier und leere Coladose ein und warf alles in den nächsten Abfalleimer. Wie auf ein Stichwort sah ich plötzlich Jonah über den durchweichten Rasen auf mich zukommen. Er sah überraschend gut aus für einen Mann, der wahrscheinlich nicht sehr glücklich war: groß und schlank, an den Schläfen leicht ergraut. Er hatte mich noch nicht bemerkt. Er ging mit gesenktem Kopf, in einer Hand eine braune Papiertüte. Ich wäre gern geflohen, aber ich stand wie angewurzelt und fragte mich, wie lange es dauern würde, bis er mich sah. Er hob den Kopf und sah mich ohne ein Zeichen des Erkennens an. Ich wartete reglos und voll Unbehagen. Als er noch etwa drei Meter entfernt war, hielt er plötzlich an. An seinen Schuhen klebten feuchte Grashalme.

»Ich kann’s nicht glauben! Wie geht es dir?«

»Gut«, antwortete ich. »Und dir?«

Sein Lächeln wirkte mühsam und leicht verlegen. »Das haben wir doch vor ein paar Tagen schon mal am Telefon getan.«

»Das dürfen wir«, sagte ich milde. »Was tust du hier?«

Er sah wie verwundert zu der braunen Tüte in seiner Hand hinunter. »Ich habe mich hier mit Camilla zum Mittagessen verabredet.«

»Ach ja, stimmt. Sie arbeitet hier. Das ist sehr bequem für euch beide, nicht, da deine Dienststelle gleich in der Nähe ist. Da könnt ihr gemeinsam zur Arbeit fahren.«

Jonah kannte mich gut genug, um meinen Sarkasmus zu ignorieren, der in diesem Fall nicht viel zu bedeuten hatte.

»Du hast Camilla nie kennengelernt, nicht? Bleib doch einen Moment? Sie wird jeden Augenblick kommen.«

»Danke, aber ich habe noch etwas zu erledigen«, sagte ich. »Außerdem glaube ich nicht, daß meine Bekanntschaft sie sehr interessieren würde. Ein andermal vielleicht.« Heiliger Strohsack, Jonah, wach auf, dachte ich. Kein Wunder, daß Camilla dauernd wütend auf ihn war. Welche Ehefrau möchte schon die Frau kennenlernen, mit der ihr Mann während der letzten Trennung regelmäßig geschlafen hat?

»Na ja, es war schön, dich zu sehen. Du siehst gut aus«, sagte er und machte Anstalten zu gehen.

»Jonah? Ich habe doch noch eine Frage. Vielleicht kannst du mir da weiterhelfen.«

Er blieb stehen. »Heraus mit der Sprache.«

»Weißt du Näheres über Lieutenant Brown?«

Er schien verwundert über die Frage. »Ich weiß einiges, ja. Was denn im besonderen?«

»Ich hab’ dir doch erzählt, daß die California Fidelity mich beauftragt hat, nach Mexiko zu fliegen, um zu prüfen, ob Jaffe wirklich dort ist.«

»Ja?«

»Harris Brown war da unten. Er hat im Zimmer neben Jaffes gewohnt.«

Jonahs Gesicht wurde ganz ausdruckslos. »Bist du sicher?«

»Glaub mir, Jonah. Ich irre mich nicht. Er war es. Ich war ihm so nahe.« Ich hielt meine Hand dicht vor meine Nase. Daß ich ihn auch noch geküßt hatte, sagte ich nicht. Bei dem Gedanken lief es mir sogar jetzt noch kalt den Rücken hinunter.

»Na ja, er kann auf eigene Faust ermittelt haben«, meinte Jonah. »Das ist sicher nicht verboten. Die Sache ist zwar Jahre her, aber er war dafür bekannt, daß er nie locker ließ.«

»Er ist also beharrlich.«

»Das kann man wohl sagen.«

»Kann er jetzt, wo er im Ruhestand ist, immer noch euren Computer benutzen?«

»Streng genommen wahrscheinlich nicht. Aber ich bin sicher, er hat noch Freunde bei der Truppe, die so was für ihn erledigen würden. Warum?«

»Ich wüßte nicht, wie er Jaffe ohne Zugang zu dem Computer gefunden haben sollte.«

Jonah zuckte unbeeindruckt mit den Achseln. »Diese Information haben wir gar nicht, sonst hätten wir ihn doch festgenommen. Wenn der Bursche wirklich noch am Leben sein sollte, haben wir einen Haufen Fragen an ihn.«

»Aber irgendwo muß er sich die Information geholt haben«, beharrte ich.

»Na hör mal. Brown war fünfunddreißig oder vierzig Jahre bei der Polizei. Er weiß, wie man sich Informationen beschafft. Der Bursche hat bestimmt seine Quellen. Vielleicht hat jemand ihm einen Tip gegeben.«

»Aber welchen Wert hat es für ihn? Warum hat er die Information nicht an jemanden auf der Dienststelle weitergegeben?«

Er musterte mich schweigend, und ich sah förmlich, wie die Rädchen in seinem Hirn sich drehten. »Das kann ich dir so nicht sagen. Ich persönlich glaube, du machst da aus einer Mücke einen Elefanten, aber ich kann ja mal nachfragen.«

»Diskret«, warnte ich.

»Absolut«, versicherte er.

Ich ging langsam rückwärts. Schließlich drehte ich mich um und machte mich aus dem Staub. Ich wollte nicht wieder in Jonahs Bann geraten. Ich habe dieses Knistern zwischen uns nie verstanden, und ich wußte bis heute nicht, was den Funken entzündet hatte. Vielleicht reichte schon körperliche Nähe, um ihn von neuem überspringen zu lassen. Der Mann tat mir nicht gut. Ich wollte ihn auf Abstand halten. Als ich zurückblickte, bemerkte ich, daß er mir intensiv nachsah.

Um Viertel nach zwei läutete bei mir im Büro das Telefon.

»Kinsey? Jonah hier.«

»Das ging aber schnell«, sagte ich.

»Weil es nicht viel zu berichten gibt. Es heißt, der Fall sei ihm entzogen worden, weil er persönlich betroffen war, und sich das auf seine Arbeit auswirkte. Er hatte seine gesamte Pension in CSL investiert und alles verloren. Seine Kinder scheinen fuchsteufelswild gewesen zu sein. Seine Frau hat ihn verlassen. Sie wurde dann krank und ist an Krebs gestorben. Seine Kinder sprechen heute noch nicht mit ihm. Eine ganz schlimme Geschichte.«

»Aber sehr interessant«, sagte ich. »Ist es möglich, daß er beauftragt worden ist, dem Fall nachzugehen?«

»Von wem?«

»Das weiß ich doch nicht. Vom Dienststellenleiter? Von der CIA? Vom FBI?«

»Nie im Leben. So was habe ich noch nie gehört. Der Mann ist seit über einem Jahr im Ruhestand. Unsere Mittel sind so knapp, daß wir kaum die Büroklammern bezahlen können. Woher bekommt er seine Gelder? Du kannst mir glauben, daß die Polizei von Santa Teresa kein Geld dafür rausschmeißt, einem Kerl hinterherzuhecheln, der vielleicht vor fünf oder sechs Jahren ein Verbrechen begangen hat. Wenn er aufkreuzen würde, müßten wir uns mit ihm unterhalten, aber keiner würde viel Zeit darauf verwenden. Wen interessiert schon Jaffe? Gegen ihn ist nie Haftbefehl erlassen worden.«

»Stimmt nicht. Jetzt läuft ein Haftbefehl gegen ihn«, widersprach ich scharf.

»Brown arbeitet da wahrscheinlich auf eigene Faust.«

»Und trotzdem muß man sich fragen, woher er seine Informationen hat.«

»Vielleicht von demselben Mann, der der California Fidelity den Tip gegeben hat. Vielleicht kennen die beiden sich.«

Das kam bei mir an. »Du meinst, Dick Mills? Ja, das ist wahr. Wenn er gewußt hat, daß Brown interessiert ist, hat er es vielleicht erwähnt. Mal sehen, ob ich von der Seite was in Erfahrung bringen kann. Das ist eine gute Idee.«

»Laß mich wissen, was dabei rauskommt. Ich möchte wissen, was vorgeht.«

Sobald er aufgelegt hatte, rief ich bei der California Fidelity an und fragte nach Mac Voorhies. Während ich darauf wartete, daß er einen anderen Anruf beendete, hatte ich Gelegenheit, über meinen schlimmen Hang zur Lüge nachzusinnen. Ich streute mir nicht gerade Asche aufs Haupt, aber ich mußte doch all die heiklen Folgen meines Tuns in Betracht ziehen. Beispielsweise mußte ich Mac eine Erklärung für mein Zusammentreffen mit Harris Brown in Viento Negro geben, wie aber konnte ich das tun, ohne meine Sünden zu gestehen? Mac kennt mich gut genug, um zu wissen, daß ich mich ab und zu über die Vorschriften hinwegsetzte, aber er möchte nicht gern mit konkreten Beispielen dafür konfrontiert werden. Wie die meisten von uns amüsiert er sich über die schillernden Seiten anderer, solange er nicht mit ihren Folgen fertig werden muß.

»Mac Voorhies«, meldete er sich.

Ich hatte mir noch keine gute Geschichte ausgedacht, und das hieß, daß ich auf die alte Methode zurückgreifen mußte, die halbe Wahrheit zu sagen. In dem Fall besteht die beste Strategie darin, starke Gefühle von Ehrlichkeit und Tugendhaftigkeit heraufzubeschwören, auch wenn man nichts in der Hand hat, um sie zu untermauern. Mir ist auch aufgefallen, daß die Leute besonders dann von der Aufrichtigkeit des anderen überzeugt sind, wenn der so tut, als vertraue er sich ihnen an.

»Hallo, Mac. Ich bin’s, Kinsey. In unserem Fall gibt’s eine interessante Entwicklung, die ich dir nicht vorenthalten möchte. Vor fünf Jahren, als Jaffe verschwand, wurde offenbar ein Beamter vom Betrugsdezernat hier in Santa Teresa mit der Sache betraut. Ein gewisser Harris Brown.«

»Der Name kommt mir bekannt vor, ja. Ich habe wahrscheinlich ein-, zweimal mit ihm zu tun gehabt«, bemerkte Mac. »Hast du Ärger mit dem Mann?«

»Nicht so, wie du vielleicht meinst«, erwiderte ich. »Ich habe ihn vor zwei Tagen angerufen, und da war er sehr hilfsbereit. Wir wollten uns eigentlich heute zum Mittagessen treffen, aber als ich hinkam, hab’ ich nur einen Blick auf den Mann geworfen und gesehen, daß ich ihn aus Viento Negro kenne. Er wohnte im selben Hotel wie Wendell Jaffe.«

»Und was tat er da?«

»Genau das möchte ich rauskriegen«, sagte ich. »Ich halte nämlich nicht viel von Zufällen. Als ich sah, wer der Mann ist, habe ich die Verabredung sausen lassen und ihm telefonisch abgesagt. Die Verbindung ist also nicht abgerissen. Inzwischen habe ich einen Freund bei der Polizei gebeten, sich mal umzuhören, und er sagte mir, daß Brown einen Haufen Geld verloren hat, als Jaffes Schwindelgeschäfte aufflogen.«

»Hm«, sagte Mac.

»Er meinte, daß sich Brown und Dick Mills möglicherweise von früher kennen. Wenn Dick gewußt hat, daß Harris Brown ein persönliches Interesse an Jaffe hatte, hat er ihm vielleicht zur gleichen Zeit wie dir erzählt, daß er ihn in Mexiko gesehen hat.«

»Ich kann Dick ja mal fragen.«

»Würdest du das tun? Das wäre nett«, sagte ich. »Ich kenne ihn ja im Grunde gar nicht. Dir gegenüber wird er sicher eher offen sein.«

»Kein Problem. Ich mache das schon. Und was ist nun mit Jaffe? Hast du schon eine Spur aufgetan?«

»Ich bin auf dem besten Weg«, antwortete ich. »Ich weiß, wo Renata ist, und da wird er nicht weit sein.«

»Das Neueste von dem Jungen hast du wohl gehörst.«

»Brian? Nein, was denn?«

»Er ist frei. Im Gefängnis von Perdido County gab’s heute morgen eine Computerpanne. Brian Jaffe wurde auf freien Fuß gesetzt, und seitdem hat kein Mensch ihn mehr gesehen. Ich hab’s heute mittag im Radio gehört. Na, wie gefällt dir das?«