18

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Ich setzte mich wieder ins Auto. Allmählich kam es mir so vor, als sei dieses endlose Pendeln zwischen Santa Teresa und Perdido die wahre Definition der Hölle. Als ich in die Straße einbog, in der Dana Jaffe wohnte, sah ich vor ihrem Haus einen Wagen des Sheriff’s Department von Perdido County stehen. Ich parkte schräg gegenüber und behielt das Haus im Auge.

Ich hatte vielleicht zehn Minuten so gesessen, als ich Danas Nachbar, Jerry Irwin, entdeckte, der gerade vom Nachmittagsjogging zurückkehrte. Er lief auf den Fußballen, beinahe auf Zehenspitzen, in der gekrümmten Haltung, die mir bei meinem Besuch bei ihm schon aufgefallen war. Er hatte karierte Bermudashorts an und ein weißes T-Shirt, schwarze Socken und Joggingschuhe. Sein Gesicht war rot und sein graues Haar schweißverklebt. Er trat auf den letzten Metern seiner Runde noch einmal an und schloß sein Pensum mit einem kleinen Sprint ab. Er bewegte sich mit kleinen hüpfenden Trippelschritten, wie jemand, der über heißen Beton läuft. Ich beugte mich zur anderen Seite des Wagens hinüber und kurbelte das Fenster herunter.

»Hallo, Jerry! Wie geht’s? Ich bin’s, Kinsey Millhone.«

Keuchend beugte er sich vornüber, stützte die Hände auf seine knochigen Knie, während er nach Luft schnappte. Eine Schweißfahne wehte zum Fenster herein.

»Gut, danke.« Keuch, keuch. »Augenblick.« Niemals würde er wie ein echter Sportler aussehen. Er wirkte eher wie ein Mann, der gerade dem Tod von der Schippe gesprungen ist. Er stemmte die Hände in die Hüften, lehnte sich zurück und sagte: »Puuuh!« Er atmete immer noch schwer, aber wenigstens konnte er jetzt sprechen. Mit gerunzelter Stirn starrte er mich an. Seine Brillengläser begannen zu beschlagen.

»Ich wollte Sie sowieso anrufen. Ich habe gedacht, ich hätte vorhin Wendell hier gesehen.«

»Ach, wirklich?« sagte ich. »Steigen Sie doch einen Moment ein.« Ich beugte mich hinüber, öffnete die Verriegelung, und er machte die Tür auf und ließ sich auf den Sitz fallen.

»Ich bin natürlich nicht sicher, aber der Mann sah aus wie er. Da habe ich vorsichtshalber gleich die Polizei angerufen. Jetzt steht ein Wagen vom Sheriff drüben. Haben Sie’s gesehen?«

Ich warf einen Blick zu Danas Veranda. Sie war immer noch leer. »Ja, das habe ich schon gesehen. Sie haben das von Brian gehört?«

»Der Junge muß mit den Göttern im Bund sein«, meinte Jerry. »Glauben Sie, er wird nach Hause kommen?«

»Schwer zu sagen. Es wäre auf jeden Fall dumm — denn da sucht die Polizei ihn natürlich zuerst«, sagte ich. »Aber vielleicht hat er gar keine Wahl.«

»Ich kann mir nicht vorstellen, daß seine Mutter das dulden würde.«

Wir spähten beide in der Hoffnung auf irgendwelche Aktivitäten zu Danas Haus: Schüsse, Vasen, die durchs Fenster flogen. Aber es passierte gar nichts. Es blieb totenstill. Die Fassade des dunkelgrauen Hauses wirkte kalt und abweisend.

»Ich bin hergekommen, weil ich mit ihr sprechen wollte, aber ich hielt es für besser zu warten, bis der Deputy wieder gegangen ist. Wann haben Sie Jaffe gesehen? Vor kurzem erst?«

»Vor einer Stunde vielleicht. Eigentlich war’s Lena, die ihn entdeckt hat. Sie hat mich dann gerufen, damit ich mir den Mann ansehe. Wir konnten uns nicht ganz einigen, ob er’s nun war oder nicht, aber ich dachte, melden sollten wir’s auf jeden Fall. Ich habe nicht geglaubt, daß sie tatsächlich jemanden herschicken würden.«

»Sie haben vielleicht einen Deputy losgeschickt, nachdem Brians Verschwinden entdeckt worden war. Ich habe die Meldung nicht gehört. Sie vielleicht?«

Jerry schüttelte den Kopf und nahm sich einen Moment Zeit, um sich die Stirn mit seinem T-Shirt abzuwischen. Im Auto fing es langsam an zu muffeln wie in einer Sportlerumkleide. »Vielleicht ist Wendell deshalb zurückgekommen«, sagte er.

»Ja, daran habe ich auch schon gedacht.«

Jerry schnupperte mal kurz an seiner Achselhöhle und besaß Anstand genug, die Nase hochzuziehen. »Ich nehm jetzt lieber eine Dusche, ehe ich Ihnen das ganze Auto verstänkere. Sie geben mir Bescheid, wenn sie ihn fassen.«

»Natürlich. Wahrscheinlich fahre ich nachher vorsichtshalber auch mal bei Michael vorbei. Ich nehme an, die Polizei wird ihn über den Tatbestand der Beihilfe aufklären.«

»Als ob das was hilft!«

Ich ließ die Fenster heruntergekurbelt, nachdem Jerry ausgestiegen war. Weitere zehn Minuten verstrichen. Dann erschien der Deputy an Danas Tür. Sie folgte ihm hinaus, und die beiden blieben auf der Veranda stehen. Der Deputy schaute auf die Straße. Selbst auf diese Entfernung wirkte sein Gesicht steinern. Dana sah gertenschlank und langgliedrig in einem kurzen Jeansrock, dem dunkelblauen T-Shirt und den flachen Schuhen aus. Das Haar hatte sie mit einem knallroten Tuch zurückgebunden. Die Haltung des Deputy verriet, daß er für die Wirkung nicht unempfänglich war. Sie schienen ihr Gespräch abzuschließen. Die Sprache ihrer Körper drückte Vorsicht und schwache Feindseligkeit aus. Ihr Telefon mußte geläutet haben, denn sie wandte sich hastig dem Haus zu. Er nickte kurz und ging die Stufen hinunter, während sie durch die Fliegengittertür ins Haus rannte.

Sobald der Deputy abgefahren war, stieg ich aus dem Wagen und ging zu Danas Haus. Sie hatte die Haustür offengelassen; die Fliegengittertür war geschlossen. Ich klopfte an den Rahmen, aber sie schien mich nicht zu hören. Ich sah sie drinnen hin und her gehen, das Telefon in die Halsbeuge geklemmt. Sie blieb stehen, um sich eine Zigarette anzuzünden und inhalierte tief.

»Natürlich können Sie sie die Fotos machen lassen«, sagte sie gerade, »aber ein professioneller Fotograf macht sicher bessere Bilder —« Sie wurde von der Person am anderen Ende der Leitung unterbrochen. Ich sah, wie sie unwillig die Stirn runzelte. Sie zupfte ein Tabakfädchen von ihrer Zunge. Ihr anderes Telefon begann zu läuten. »Ja, das ist wahr, und ich weiß natürlich, daß das eine Menge Geld ist. Ungefähr in dieser Größenordnung, ja...«

Wieder läutete der andere Apparat.

»Debbie, ich verstehe Sie natürlich, aber das wäre Sparsamkeit an der falschen Stelle, glauben Sie mir. Sprechen Sie mit Bob. Hören Sie, was er dazu sagt. Ich bekomme eben einen Anruf... Gut, ja, Tschüß. Ich rufe Sie zurück.«

Sie drückte auf den Knopf, um das andere Gespräch entgegenzunehmen. »Ganz in Weiß«, meldete sie sich.

Selbst durch die Fliegengittertür konnte ich sehen, wie ihre Haltung sich schlagartig veränderte.

»Oh, hallo.« Sie kehrte der Tür den Rücken und senkte die Stimme so weit, daß das Lauschen für mich zum Problem wurde. Sie legte ihre halb gerauchte Zigarette auf den Rand eines Aschenbechers und betrachtete sich im Spiegel an der Wand neben dem Schreibtisch. Sie strich sich über ihr Haar und wischte etwas verschmierte Wimperntusche weg. »Tu das nicht«, sagte sie. »Ich möchte wirklich nicht, daß du das tust...«

Ich drehte mich um und sah auf die Straße, während ich überlegte, ob ich noch einmal an die Tür klopfen sollte. Falls Brian oder Wendell Jaffe irgendwo im Gebüsch lauerten, dann sah ich sie nicht. Ich spähte wieder durch die Fliegengittertür. Dana beendete ihr Gespräch und stellte das Telefon auf den Schreibtisch.

Als sie mich hinter dem Fliegengitter bemerkte, fuhr sie zusammen und griff sich automatisch ans Herz. »O Gott! Haben Sie mich erschreckt«, sagte sie.

»Sie haben telefoniert, und ich wollte Sie nicht stören. Ich habe die Geschichte mit Brian gehört. Darf ich hereinkommen?«

»Augenblick«, sagte sie, kam herüber und machte mir die Tür auf. »Ich mache mir entsetzliche Sorgen um ihn. Ich habe keine Ahnung, wohin er will, aber er muß sich stellen. Wenn er nicht bald wieder auftaucht, werden sie ihm Fluchtversuch vorwerfen. Eben war ein Deputy vom Sheriff hier und hat sich aufgeführt, als hätte ich Brian unter dem Bett versteckt. Er hat es zwar nicht direkt gesagt, aber Sie wissen ja, wie diese Leute sich gebärden, so amtsgewaltig und aufgeblasen.«

»Sie haben nichts von Brian gehört?«

Sie schüttelte den Kopf. »Und sein Anwalt auch nicht. Das ist kein gutes Zeichen«, sagte sie. »Brian muß seine rechtliche Position kennen.« Sie ging mir voraus ins Wohnzimmer und setzte sich auf das Sofa. Ich ließ mich auf der Armlehne auf der anderen Seite nieder.

Nur um ihre Reaktion zu sehen, sagte ich: »Wer war das eben am Telefon?«

»Wendells ehemaliger Geschäftspartner, Carl. Ich nehme an, er hat die Nachrichten gehört. Seit die Sache mit Brian publik geworden ist, steht mein Telefon nicht mehr still. Ich höre von Leuten, mit denen ich seit meiner Grundschulzeit kein Wort mehr gewechselt habe.«

»Halten Sie Verbindung mit ihm?«

»Er hält Verbindung mit mir, auch wenn wir nichts füreinander übrig haben. Ich fand immer, daß er einen ganz schlechten Einfluß auf meinen Mann hat.«

»Er hat dafür bezahlt«, sagte ich.

»Wir anderen vielleicht nicht?« versetzte sie scharf.

»Wie ist das nun mit Brians Entlassung? Weiß man inzwischen, wie er aus dem Gefängnis herausgekommen ist? Es ist wirklich schwer zu glauben, daß der Computer einen Fehler dieser Größenordnung gemacht haben soll.«

»Das ist Wendells Werk, da gibt es keinen Zweifel«, sagte sie.

Sie sah sich nach ihren Zigaretten um. Sie ging zum Schreibtisch und drückte den Stummel aus, den sie brennend im Aschenbecher liegen gelassen hatte. Dann nahm sie eine Packung Zigaretten und ein Feuerzeug und kam wieder zur Couch zurück. Sie machte Anstalten, sich eine Zigarette anzuzünden, tat es dann aber doch nicht. Ihre Hände zitterten stark.

»Wie sollte er an den Computer im Sheriff’s Department herankommen?«

»Ich habe keine Ahnung, aber Sie haben es ja selbst gesagt: Er ist Brians wegen nach Kalifornien zurückgekommen. Und jetzt, wo er da ist, ist Brian auf freiem Fuß. Wie erklären Sie sich das sonst?«

»Die Computer sind bestimmt hervorragend gesichert. Wie sollte er es schaffen, ohne Genehmigung eine Freilassungsanordnung über den Computer zu schicken?«

»Vielleicht ist er unter die Hacker gegangen«, versetzte sie sarkastisch.

»Haben Sie mit Michael gesprochen? Weiß er, daß Brian auf freiem Fuß ist?«

»Bei Michael habe ich zuallererst angerufen. Er war schon zur Arbeit gegangen, aber ich habe mit Juliet gesprochen und ihr richtig Angst eingejagt. Sie ist ganz vernarrt in Brian und hat keinen Funken Vernunft. Sie hat mir fest versprochen, mich sofort anzurufen, wenn sie von ihm hören sollten.«

»Und Ihr Mann? Kann der wissen, wo Michael jetzt zu erreichen ist?«

»Warum nicht? Er braucht ja nur die Auskunft anzurufen. Die neue Nummer ist eingetragen. Da gibt’s kein Geheimnis. Warum? Glauben Sie, Brian und mein Mann würden versuchen, sich bei Michael zu treffen?«

»Ich weiß es nicht. Halten Sie es für möglich?«

Sie überlegte einen Moment. »Ja, möglich ist es«, sagte sie dann. Sie schob ihre Hände zwischen ihre Knie, um ihr Zittern zu beruhigen.

»Ich gehe jetzt wohl besser«, sagte ich.

»Ich bleibe in der Nähe des Telefons. Wenn Sie etwas hören, melden Sie sich dann bei mir?«

»Natürlich.«

Von Dana aus fuhr ich zu den Perdido Keys. Meine Hauptsorge war in diesem Moment der Verbleib von Renatas Boot. Wenn Jaffe wirklich einen Weg gefunden hatte, Brian aus dem Gefängnis herauszuholen, würde er als nächstes versuchen, den Jungen außer Landes zu bringen.

Bei einem McDonald’s hielt ich an, um in der Zelle auf dem Parkplatz zu telefonieren. Ich wählte Renatas Nummer, aber ohne Erfolg. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich zuletzt gegessen hatte, darum nutzte ich die Gelegenheit, da ich schon einmal hier war, um mir ein Mittagessen mitzunehmen: einen Viertelpfünder mit Käse, eine Cola und eine große Portion Pommes. Wenigstens verdrängten jetzt die Essensgerüche die letzten Nachwehen von Jerry Irwins Ausdünstungen.

Als ich Renatas Haus erreichte, sah ich gleich, daß das Tor der großen Doppelgarage offen war. Von dem Jaguar war keine Spur zu sehen. Immerhin sah ich über den Zaun hinweg zwei sachte schwankende Holzmasten am Anlegeplatz. Das Boot war also da. Im Haus brannte kein Licht, und alles war still. Ich stellte mich mit meinem VW vielleicht drei Häuser weiter unter einen Baum und vertilgte mein verspätetes Mittagessen, wobei mir zum Schluß einfiel, daß ich schon einmal zu Mittag gegessen hatte. Ich sah auf meine Uhr. Aber das war Stunden her. Also, zwei jedenfalls.

Dann wartete ich. Da mein Autoradio nicht funktionierte, und ich nichts zu lesen mit hatte, wandten sich meine Gedanken beinahe wie von selbst dem jähen Neuerwerb von Familienbeziehungen zu. Was sollte ich mit diesen Leuten angefangen? Mit Großmutter, Tanten, Cousinen in allen Variationen — die sich alle meinetwegen keine grauen Haare hatten wachsen lassen. Die Gefühle, die sich da meldeten, hatten etwas Beunruhigendes. Und die meisten waren negativ. Ich hatte nie einen Gedanken an die Tatsache verschwendet, daß mein Vater Briefträger gewesen war. Ich hatte es natürlich gewußt, aber dieses Wissen hatte keinen besonderen Eindruck gemacht, und ich hatte im allgemeinen keinen Anlaß, über die Bedeutung der Tatsache nachzudenken. Nachrichten zu überbringen — gute und schlechte, Forderungen und Überweisungen, Abrechnungen, Dividendenschecks, Geburtsanzeigen und Nachrichten vom Tod alter Freunde, Liebesbriefe und Abschiedsbriefe — , das war die Aufgabe, die ihm in dieser Welt zugefallen war, eine Tätigkeit, die in den Augen meiner Großmutter offenbar zu minderwertig gewesen war, um Beachtung zu verdienen. Vielleicht hatten es Burton und Grand wirklich für ihre Pflicht gehalten, dafür zu sorgen, daß meine Mutter bei ihrer Verheiratung eine gute Wahl traf. Ich hatte das Gefühl, meinen Vater verteidigen, in Schutz nehmen zu müssen.

Mit ihren Offenbarungen hatte Liz mir die Augen für Dramen geöffnet, die sich ohne mein Wissen abgespielt hatten: Zerwürfnisse und Rituale, sanfte Frauenstimmen, rauhes Gelächter, gemütliches Geplauder bei einer Tasse Kaffee in der Küche, Familienessen, Geburten, gute Ratschläge, handgestickte Wäsche, die von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Das Bild einer Familie wie aus der Frauenzeitschrift: üppige Fülle, Zimtduft, Tannenzweige und Christbaumschmuck, Footballspiele am Farbfernseher, Onkel, die vom vielen Essen schläfrig eindösten, Kinder, die völlig überdreht waren, weil sie ihren Mittagsschlaf versäumt hatten. Im Vergleich dazu erschien meine Welt grau und leer, und ausnahmsweise empfand ich dieses spartanische, einfache Leben ohne allen Firlefanz, das mir so teuer war, als fade und arm.

Fast gelähmt vor Langeweile, streckte ich mich. Es gab keinen Grund anzunehmen, daß Renata Huff überhaupt kommen würde. Überwachungsarbeit hat der Teufel gesehen. Es ist die Hölle, fünf oder sechs Stunden am Stück dazusitzen und ein Haus anzuglotzen. Es ist schwer, aufmerksam zu bleiben. Es ist schwer, nicht zu sagen, ach, habt mich doch gern. Im allgemeinen muß ich es als Zen-Meditation sehen und mir vorstellen, ich sei mit meiner höheren Macht in Kontakt und nicht nur mit meiner Blase.

Es wurde langsam Abend. Ich sah zu, wie die Farbe des Himmels sich veränderte. Die Temperatur fiel merklich. Die Sommerabende sind im allgemeinen kühl, und bei diesem Sturmtief, das da irgendwo vor der Küste lauerte, schienen die Tage so kurz, als sei vorzeitig der Herbst gekommen. Eine Nebelbank wälzte sich herein, eine Wand dunkler Wolken vor dem rasch dichter werdenden Kobaltblau des Abendhimmels. Ich kreuzte wärmesuchend die Arme über meiner Brust und rutschte tiefer in meinen Sitz. So verstrich wohl eine weitere Stunde.

Ich merkte, wie ich schläfrig wurde, und mir immer wieder die Augen zufallen wollten. Ich setzte mich gerade und bemühte mich ganz bewußt, wach zu bleiben. Das hielt ungefähr eine Minute an. Diverse Körperteile begannen zu schmerzen, und ich mußte daran denken, wie kleine Kinder weinen, wenn sie müde sind. Wachbleiben wird zur körperlichen Qual, wenn der Körper Ruhe braucht. Ich setzte mich seitlich. Ich zog die Knie hoch und schwang meine Füße auf den Beifahrersitz. Ich drehte mich und lehnte mich mit dem Rücken an die Autotür. Ich kam mir vor wie betrunken, kämpfte darum, die Augen offenzuhalten. Ich stellte mir vor, wie all die Chemikalien aus dem ungesunden Zeug, das ich gegessen hatte, in meiner Blutbahn kreisten und diese narkotisierende Wirkung hervorriefen. Nein, so ging das nicht. Ich brauchte frische Luft. Ich mußte aufstehen und mich bewegen.

Ich holte meine kleine Taschenlampe und das Einbrecherwerkzeug aus dem Handschuhfach, schob meine Handtasche ganz unter den Sitz und nahm eine Jacke vom Rücksitz. Dann stieg ich aus, sperrte den Wagen ab und eilte, vom teuflischen Verlangen zu schnüffeln getrieben, über die Straße zu Renatas Haus. Wirklich, es war nicht meine Schuld. Was kann ich denn dafür, wenn die Langeweile so übermächtig wird? Anstandshalber läutete ich erst, obwohl ich wußte, daß mir niemand öffnen würde. Und richtig, nichts rührte sich. Was soll ein Mensch da tun? Ich ging durch das Seitentor nach hinten.

Ich huschte zum Steg, der unter mir zu schwanken schien. Renatas Boot, ironischerweise mit dem Namen Fugitive, war eine schnittige weiße Achtundvierzig-Fuß-Ketsch mit geräumiger Kajüte. Der Rumpf war aus Fiberglas, das Deck geöltes Teak mit Zierleisten aus poliertem Walnußholz und Beschlägen aus Messing und Chrom. Auf dem Boot konnten wahrscheinlich leicht sechs Personen schlafen, im Notfall auch acht. Zu beiden Seiten Waren zahllose andere Boote festgemacht, und Lichter schimmerten auf dem tiefen Schwarz des kaum bewegten Wassers. Was konnte Wendell Jaffes Zwecken dienlicher sein, als durch die Keys direkten Zugang zum Ozean zu haben? Vielleicht segelte er schon seit Jahren hier ein und aus, gänzlich anonym, gänzlich unentdeckt.

Ich unternahm einen schwachen Versuch zu rufen, aber es erfolgte keine Reaktion von Bord. Das war nicht verwunderlich; das Boot war dunkel und in Persenning eingehüllt.

Ich kletterte an Bord, stieg über Kabel und Taue. An drei Stellen zog ich den Reißverschluß der Umhüllung auf und schob das Material zurück. Die Kajüte war abgeschlossen, aber ich spähte im Licht meiner Taschenlampen durch die Luken und leuchtete den Wohnraum unten aus. Er war edel eingerichtet: wunderschöne Holztäfelung, Stoffe in sanften Sonnenuntergangsfarben. Renata hatte Proviant eingekauft — Konserven und in Flaschen abgefülltes Wasser, alles ordentlich in Kartons gestapelt —, der darauf wartete, verstaut zu werden. Ich hob den Kopf und ließ meinen Blick über die Häuser zu beiden Seiten schweifen. Nirgends war eine Menschenseele zu sehen. Ich musterte die Häuser gegenüber. Dort brannten viele Lichter, hin und wieder sah ich flüchtig auch Leute, aber ich hatte nicht den Eindruck, daß ich beobachtet wurde. Ich kroch über das Deck nach vom bis zur Luke über dem Schlafraum. Das Bett war ordentlich gemacht, und es waren einige persönliche Dinge zu sehen: Kleider, Taschenbücher, gerahmte Fotografien.

Ich kehrte zur Kajüte zurück und setzte mich nieder, um mir das Zylinderschloß vorzuknöpfen, das im Holz zwischen meinen Knien eingelassen war. Ein Schloß dieses Typs hat im allgemeinen sieben Stifte, und man rückt ihm am besten mit einem auf dem Markt erhältlichen kleinen Werkzeug zu Leibe, das zu meiner Garnitur gehörte. Diese kleine Wunderwaffe besteht aus sieben dünnen Metallstäbchen, die sich so einstellen lassen, daß sie dem Profil eines Schlüssels entsprechen. Man braucht dann nur noch mit Gefühl ein bißchen hin- und herzuschieben und gleichzeitig zu drehen, dann klappt es schon.

Ich bekam das Schloß schließlich auf, wenn auch nicht ohne ein paar ausgewählte Flüche. Ich steckte das Werkzeug ein, öffnete die Luke und stieg nach unten. Manchmal tut es mir leid, daß ich nicht bei den Pfadfindern geblieben bin. Ich hätte da sicher ein paar Ehrenurkunden für besondere Verdienste einheimsen können, für Einbruch zum Beispiel. Mit meinem Taschenlämpchen in der Hand ging ich durch den Wohnraum und durchsuchte jede Schublade und jedes Fach, das ich finden konnte. Ich wußte selbst nicht, was ich eigentlich suchte. Ein kompletter Reiseplan wäre ein Volltreffer gewesen; Karten voll auffälliger roter Pfeile und Sternchen. Auch ein Beweis für Wendell Jaffes Anwesenheit in diesen Gewässern wäre mir recht gewesen. Ich fand nichts von Interesse. Etwa zur gleichen Zeit, als mich die Geduld verließ, verließ mich auch das Glück.

Ich schaltete die Taschenlampe aus und tauchte gerade oben aus der Luke, als Renata erschien. Plötzlich blickte ich direkt in die Mündung einer .357er Magnum. Die verdammte Kanone war riesengroß und sah aus wie ein Ding, das der Marshall im Wildwestfilm im Holster trägt. Ich erstarrte augenblicklich, da ich mir wohl bewußt war, was für ein Loch so eine Kanone in lebenswichtige Teile der Anatomie reißen kann. Automatisch hob ich die Hände, universelle Geste des guten Willens und der Kooperationsbereitschaft. Renata schien das allerdings nicht zu wissen; ihre Haltung war feindselig und ihr Ton war aggressiv. »Wer sind Sie?«

»Ich bin Privatdetektivin. Mein Ausweis ist in meiner Handtasche und die liegt draußen im Auto.«

»Ist Ihnen klar, daß ich Sie für Ihr Eindringen in das Boot erschießen könnte?«

»Das ist mir klar, ja. Ich hoffe, Sie werden es nicht tun.«

Sie starrte mich an, vielleicht in dem Bemühen, meinen Ton zu deuten, der wahrscheinlich nicht so respektvoll war, wie sie es sich wünschte. »Was haben Sie da hinten getan?«

Ich drehte leicht den Kopf, als müßte ich erst einen Blick auf das »da hinten« werfen, um mich erinnern zu können. Ich kam zu dem Schluß, daß dies der falsche Moment für Lügen war. »Ich suche Wendell Jaffe. Sein Sohn ist heute morgen aus dem Gefängnis von Perdido County entlassen worden, und ich vermutete, daß die beiden Vorhaben, sich zu treffen.«

Ich dachte, sie würde sich dumm stellen und fragen, >Wer ist Wendell Jaffe?<, und wir würden mit diesem Spielchen erst mal eine Menge Zeit vertun, aber sie schien bereit, sich nach meiner Vorgabe zu richten. Von meinem weiteren Verdacht, daß nämlich Jaffe, Brian und Renata wahrscheinlich planten, sich mit eben diesem Boot hier abzusetzen, sagte ich nichts. »Übrigens, nur interessehalber, hat Wendell diese Freilassung aus dem Gefängnis arrangiert?«

»Möglich.«

»Wie hat er das angestellt?«

»Habe ich Sie nicht schon einmal gesehen?«

»In Viento Negro. Letzte Woche. Ich habe sie im Hacienda Grande aufgestöbert.«

Selbst in der abendlichen Dunkelheit sah ich, wie sie die Brauen hochzog, und ich beschloß, sie in dem Glauben zu lassen, ich mit meinen überlegenen detektivischen Fähigkeiten sei ihnen auf die Spur gekommen. Warum Dick Mills erwähnen, wenn er doch Jaffe nur aus Zufall entdeckt hatte? Sie sollte Respekt vor mir haben.

»Ich sage Ihnen was«, bemerkte ich im Konversationston. »Sie brauchen mich wirklich nicht mit dieser Kanone zu bedrohen. Ich bin selbst unbewaffnet, und ich tue bestimmt nichts Unüberlegtes.« Langsam senkte ich meine Arme. Ich erwartete, daß sie protestieren würde, aber sie schien es nicht einmal zu bemerken. Offenbar war sie unschlüssig, was sie als nächstes tun sollte. Sie konnte mich natürlich umlegen, aber Leichen sind so leicht nicht loszuwerden, und wenn man es nicht richtig anfängt, muß man mit einem Haufen Fragen rechnen. Plötzlich einen Deputy vom Sheriff’s Department vor ihrer Tür zu sehen, war bestimmt das letzte, was sie wollte.

»Was wollen Sie von Wendell?«

»Ich arbeite für die Gesellschaft, bei der sein Leben versichert war. Seine Frau hat gerade eine halbe Million Dollar kassiert, und wenn Wendell gar nicht tot ist, wollen die Leute ihr Geld wiederhaben.«

Ich sah, daß ihre Hand leicht zitterte; nicht aus Furcht, sondern weil die Kanone so schwer war. Es war der Moment zu handeln.

Ich stieß einen gellenden Schrei aus und knallte ihr den Unterarm aufs Handgelenk, daß es krachte. Ich glaube, es war der spitze Schrei, der bewirkte, daß ihre Hand an der Waffe sich lockerte. Die Kanone flog in die Luft wie ein Pfannkuchen, fiel aufs Deck und rutschte klappernd über die Planken zum Cockpit. Ich stieß Renata zurück, so daß sie das Gleichgewicht verlor, und hob die Waffe auf. Sie setzte sich auf ihre vier Buchstaben. Jetzt hatte ich die Kanone. Sie rappelte sich auf und hob die Hände. Das gefiel mir besser, wenn ich auch genausowenig wie sie vorher wußte, was ich nun tun sollte. Wenn ich angegriffen werde, bin ich der Gewalt fähig, aber keinesfalls würde ich auf sie schießen, während sie dastand und mich anstarrte. Ich konnte nur hoffen, daß sie das nicht wußte. Ich nahm kampflustige Haltung an — Beine gespreizt, Kanone mit beiden Händen umfaßt, Arme steif ausgestreckt. »Wo ist Wendell? Ich muß mit ihm reden.«

Ein ersticktes Quietschen drang aus ihrem Mund, und ihr Gesicht verzog sich, als sie zu weinen anfing.

»Hören Sie auf zu flennen, Renata. Antworten Sie mir gefälligst, sonst schieße ich in Ihren rechten Fuß. Ich zähle bis fünf.« Ich richtete die Waffe auf ihren rechten Fuß. »Eins. Zwei. Drei. Vier —«

»Er ist bei Michael.«

»Ich danke Ihnen. Sie sind sehr freundlich«, sagte ich. »Ich lasse die Kanone in Ihrem Briefkasten.«

Sie schauderte unwillkürlich. »Behalten Sie sie. Ich hasse Schußwaffen.«

Ich schob das Ding hinten in meinen Bund und sprang behende wie ein Reh auf den Steg. Als ich mich noch einmal nach ihr umdrehte, umklammerte sie mit schlotternden Knien den Mast.

Ich warf meine Karte in ihren Briefkasten und klemmte eine zweite in die Türritze. Dann fuhr ich zu Michael.