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Renatas Stimmung verdüsterte sich, als wir die Rampe hinauf zum Büro des Hafenmeisters gingen, das über dem Laden eines Schiffsausrüsters war. Ich erwartete einen Ausbruch irgendeiner Art, aber sie blieb bemerkenswert ruhig. Sie wartete draußen auf einem kleinen Holzbalkon, während ich mit dem Mann am Schalter verhandelte. Da wir nicht die Eigentümer des vermißten Boots waren und nicht beweisen konnten, daß nicht Eckert selbst mit dem Boot ausgelaufen war, konnte nichts unternommen werden. Der Angestellte nahm meine Angaben vor allem auf, um mich zu beschwichtigen. Erst wenn Eckert selbst kam, konnte er eine Meldung machen. Der Hafenmeister würde dann die Küstenwache und die örtliche Polizei alarmieren. Ich hinterließ meinen Namen und meine Telefonnummer und bat, Eckert, falls er sich melden sollte, auszurichten, er möge sich mit mir in Verbindung setzen.

Renata lehnte es ab, mich zu begleiten, als ich danach zum Jachtclub ging, der gleich nebenan war. Ich hoffte, dort würde vielleicht jemand wissen, wo Eckert zu erreichen war. Ich trat durch die Glastür, ging nach oben und blieb vor dem Speisesaal stehen. Von dort oben sah Renata durchgefroren und müde aus, wie sie da auf der niedrigen Betonmauer saß, die an die Mole grenzte. Hinter ihr donnerte eintönig der Ozean, und der Wind riß an ihrem Haar. Im seichten Wasser jagte ein Labrador durch die Brandung und verscheuchte die Tauben vom Strand, während über ihm mit schrillem Geschrei die Möwen kreisten.

Der Speisesaal des Jachtclubs war leer bis auf den Barkeeper und einen Mann mit einem Staubsauger. Wieder hinterließ ich meinen Namen und meine Telefonnummer und bat den Barkeeper, Carl Eckert auszurichten, er möge sich mit mir in Verbindung setzen.

Auf dem Rückweg zum Wagen verzog Renata den Mund zu einem bitteren Lächeln.

»Was ist so komisch?« fragte ich.

»Nichts. Ich habe gerade über Wendell nachgedacht. Er hat wirklich ein unglaubliches Glück. Es kann noch Stunden dauern, ehe man anfängt, nach ihm zu suchen.«

»Wir können es nicht ändern, Renata. Es ist immer möglich, daß er doch noch auftaucht«, sagte ich. »Wir wissen eigentlich gar nicht mit Sicherheit, daß er sich aus dem Staub gemacht hat. Wir können nicht mal beweisen, daß er das Boot genommen hat.«

»Sie kennen ihn nicht so gut wie ich. Irgendwie linkt er jeden.« Wir fuhren auf der Suche nach ihrem Jeep auf dem Parkplatz Umher, aber er fand sich nicht. Sie brachte mich ins Büro zurück, wo ich meinen Wagen holte und nach Colgate fuhr. Die nächsten zwei Stunden wartete ich dort auf mein Auto, dem ein neues Rückfenster eingesetzt wurde. Ich setzte mich in einen Empfangsraum aus Chrom und Plastik, trank kostenlosen Kaffee, der ekelhaft schmeckte, aus einem Styroporbecher, und sah mir dazu zerfledderte alte Hefte von Arizona Highways an. Das hielt ich ungefähr vier Minuten aus. Dann ging ich hinaus. Wie ich es mir in letzter Zeit zur Gewohnheit gemacht hatte, suchte ich mir eine Telefonzelle und erledigte von dort aus einige geschäftliche Angelegenheiten. Wenn ich den Bogen erst mal richtig raus hatte, würde ich wahrscheinlich ganz auf ein Büro verzichten können.

Ich rief Lieutenant Whiteside im Betrugsdezernat an und brachte ihn aufs laufende. »Ich finde, es wird Zeit, Fotos zu veröffentlichen«, sagte er. »Ich werde auch gleich mit der lokalen Fernsehstation sprechen und sehen, was die Leute dort für uns tun können. Die Öffentlichkeit soll wissen, daß diese Burschen unterwegs sind. Vielleicht bekommen wir dann von jemandem einen Tip.«

»Hoffen wir’s.«

Mit meinem neuen Rückfenster tuckerte ich wieder zum Büro zurück und verbrachte die nächsten anderthalb Stunden an meinem Schreibtisch. Ich wollte in der Nähe des Telefons bleiben, für den Fall, daß Eckert sich meldete. Inzwischen rief ich Mac an und berichtete ihm. Kaum hatte ich aufgelegt, läutete das Telefon.

»Kinsey Millhone Privatdetektei.«

Einen Moment blieb es still, dann sagte eine Frau: »Oh. Ich dachte, das wäre ein Anrufbeantworter.«

»Nein, ich bin es selbst. Wer ist denn am Apparat?«

»Hier spricht deine Cousine Tasha Howard aus San Francisco.«

»Ach, ja, Tasha. Liz hat mir schon vor dir erzählt. Guten Tag.« Im Geist trommelte ich mit den Fingern und hoffte, sie schnell abwimmeln zu können, damit die Leitung frei war, falls Wendell Jaffe oder Eckert anrufen sollten.

»Guten Tag«, sagte sie. »Hier ist etwas passiert, und ich dachte mir, es würde dich vielleicht interessieren. Ich habe eben mit Grands Anwalt in Lompoc gesprochen. Das Haus, in dem unsere Mütter großgeworden sind, soll entweder an einen anderen Ort verlegt oder abgerissen werden. Grand streitet deswegen seit Monaten mit der Gemeinde, und wir sollen angeblich bald hören, wie entschieden worden ist. Sie möchte das Haus unter Denkmalschutz stellen lassen. Der ursprüngliche Bau stammt aus der Zeit der Jahrhundertwende. Das Haus ist schon seit Jahren unbewohnt, aber es könnte restauriert werden. Sie hat noch ein anderes Grundstück, auf dem das Haus aufgestellt werden könnte, wenn die Gemeinde zustimmt. Wie dem auch sei, ich dachte mir, du würdest das Haus wiedersehen wollen, da du ja selbst einmal dort warst.«

»Ich war dort?«

»Aber sicher. Erinnerst du dich nicht? Ihr vier — Tante Gin, deine Eltern und du — kamt her, als Burt und Grand zur Feier ihres zweiundvierzigsten Hochzeitstags die große Kreuzfahrt machten. Eigentlich wollten sie sie zum vierzigsten machen, aber sie brauchten zwei Jahre, um sich zu entschließen. Wir Kinder durften alle miteinander spielen, und du bist von der Schaukel gefallen und hast dir das Knie aufgeschlagen. Ich war damals sieben, also mußt du ungefähr vier gewesen sein. Vielleicht auch ein bißchen älter, aber ich weiß, daß du noch nicht zur Schule gegangen bist. Tante Rita hat uns allen Erdnußbutterbrote mit Dillgurken gemacht, die ich heute noch mit Leidenschaft esse. Ihr solltet innerhalb der nächsten zwei Monate zurückkommen. Es war schon alles abgemacht.«

»Aber es ist nie dazu gekommen«, sagte ich und dachte: Nicht einmal die Erdnußbutterbrote mit Dillgurken sind mir geblieben.

»Nein«, sagte sie. »Na, jedenfalls dachte ich mir, wenn du das Haus sehen könntest, würden vielleicht manche Erinnerungen wiederkehren. Ich muß sowieso geschäftlich nach Lompoc. Ich würde dir gern alles zeigen.«

»Was arbeitest du?«

»Ich bin Rechtsanwältin. Nachlaßsachen und Treuhandgeschichten und so. Die Kanzlei hat hier ein Büro und ein zweites in Lompoc. Deswegen fliege ich eigentlich dauernd hin und her. Wie sehen deine Termine in den nächsten Tagen aus? Hast du ein bißchen freie Zeit?«

»Da muß ich erst mal überlegen. Ich danke dir für dein Angebot, aber im Augenblick habe ich mit einem Fall zu tun. Weißt du was? Gib mir doch einfach die Adresse. Wenn ich es mir leisten kann, nach Lompoc zu fahren, kann ich mich ja umsehen, und wenn nicht — nun, dann kann man es eben nicht ändern.«

»Ja, wenn’s nicht anders geht«, meinte sie widerstrebend. »Eigentlich hatte ich gehofft, dich zu sehen. Liza hatte das Gefühl, sie hätte was falsch gemacht, als sie mit dir gesprochen hat. Sie dachte, ich könnte vielleicht die Wogen ein bißchen glätten.«

»Das ist gar nicht nötig. Liz hat alles sehr gut gemacht«, erwiderte ich. Ich wahrte Abstand, und ich bin sicher, sie hat es gespürt. Sie gab mir die Adresse an und beschrieb mir den Weg. Ich notierte alles gewissenhaft auf einen Zettel, den ich schon jetzt am liebsten in den Papierkorb geworfen hätte. Ich fing an, mich in dem unverbindlichen Ton, der sagt, okay, danke, war nett, mit Ihnen zu sprechen, zu verabschieden.

Tasha sagte: »Hoffentlich findest du die Bemerkung nicht zu persönlich, aber ich habe den Eindruck, dir liegt gar nichts daran, die Beziehungen zur Familie zu festigen.«

»Ich finde das keineswegs zu persönlich«, sagte ich. »Ich versuche nur gerade, all das Neue zu verarbeiten. Ich weiß wirklich noch nicht, was ich damit anfangen will.«

»Bist du Grand böse?«

»Natürlich bin ich ihr böse. Warum sollte ich es nicht sein? Sie hat meine Mutter rausgeworfen. Dieses Zerwürfnis muß zwanzig Jahre gedauert haben.«

»Aber das war nicht nur Grands Schuld. Zu jedem Streit gehören zwei.«

»Richtig«, bestätigte ich. »Wenigstens war meine Mutter auf dem Weg, Abbitte zu leisten. Aber was hat Grand je getan? Sie hat dagesessen und Däumchen gedreht, was sie, wie ich feststelle, immer noch tut.«

»Was soll das heißen?«

»Na ja, wo war sie denn in all den Jahren. Ich bin mittlerweile vierunddreißig. Bis gestern wußte ich nicht einmal, daß sie existiert. Sie hätte doch mit mir Verbindung aufnehmen können.«

»Sie wußte nicht, wo du bist.«

»Quatsch! Liza hat mir erzählt, alle hätten gewußt, daß wir hier wohnten. In den letzten fünfundzwanzig Jahren war ich nur eine Stunde entfernt.«

»Ich will mich darüber nicht mit dir streiten, aber ich glaube wirklich, daß Grand das nicht wußte.«

»Was glaubte sie denn? Daß mich die Bären gefressen hätten? Sie hätte einen Detektiv beauftragen können, wenn es ihr wichtig gewesen wäre.«

»Ja, ich verstehe dich, und mir tut das alles leid. Wir haben nicht mit dir Kontakt aufgenommen, um dir Schmerz zu verursachen.«

»Warum dann?«

»Wir hofften, daß sich eine Beziehung entwickeln würde. Wir dachten, es sei genug Zeit vergangen, und die alten Wunden seien verheilt.«

»Diese >alten Wunden< sind mir völlig neu. Ich habe gestern das erste Mal von dem ganzen Mist gehört.«

»Ja, du hast natürlich ein Recht auf deine Gefühle, aber Grand wird nicht ewig leben, weißt du. Sie ist jetzt siebenundachtzig und nicht bei bester Gesundheit. Jetzt hast du noch die Chance, dich an der Beziehung zu freuen.«

»Moment mal. Sie hat die Chance, sich an der Beziehung zu freuen. Ich bin nicht sicher, daß ich mich daran freuen würde.«

»Willst du es dir nicht wenigstens überlegen?«

»Aber sicher.«

»Hast du was dagegen, wenn ich ihr erzähle, daß wir miteinander gesprochen haben?«

»Ich wüßte nicht, wie ich es verhindern sollte.«

Einen Moment blieb es still. »Bist du wirklich so unversöhnlich?«

»Absolut. Wieso nicht? Genau wie Grand«, sagte ich. »Sie wird das sicher zu würdigen wissen.«

»Ach, so ist das«, sagte sie kühl.

»Hör zu, das ist alles nicht deine Schuld, und ich will meinen Zorn auch gar nicht an euch auslassen. Aber ihr müßt mir ein bißchen Zeit lassen. Ich habe mich mit der Tatsache ausgesöhnt, daß ich allein bin. Ich mag mein Leben so, wie es ist, und ich bin mir gar nicht sicher, ob ich eine Veränderung will.«

»Wir verlangen von dir doch gar nicht, daß du dich änderst.«

»Dann solltet ihr euch am besten daran gewöhnen, mich so zu nehmen, wie ich bin«, sagte ich.

Sie lachte, und irgendwie half das. Als wir uns voneinander verabschiedeten, waren wir etwas herzlicher. Ich sagte alles, was sich gehörte, und als ich auflegte, war ein Teil meiner Verdrossenheit schon verflogen. So oft folgt der Inhalt der Form. Es ist nicht nur so, daß wir zu den Leuten nett sind, die wir mögen... wir mögen die Leute, zu denen wir nett sind. Es gilt das eine wie das andere. Das ist bei den sogenannten guten Manieren vermutlich der springende Punkt. Jedenfalls hat meine Tante das immer behauptet. Dennoch wußte ich, daß ich in nächster Zeit nicht nach Lompoc fahren würde.

Ich ging über den Flur in die Toilette, und als ich in mein Zimmer zurückkam, läutete das Telefon. Ich stürzte zum Schreibtisch und hob ab, noch ehe ich um ihn herum war. Als ich mich meldete, konnte ich jemanden atmen hören, und einen Herzschlag lang glaubte ich, Wendell Jaffe sei am Apparat.

»Lassen Sie sich Zeit«, sagte ich und dachte, bitte, bitte, bitte, laß es ihn sein.

»Hier spricht Brian Jaffe.«

»Ach. Ich dachte, es sei vielleicht Ihr Vater. Haben Sie von ihm gehört?«

»Nein. Deswegen rufe ich an. Wissen Sie was?«

»Nein, auch nicht.«

»Michael hat gesagt, der Wagen, mit dem Dad zu ihm gekommen ist, steht immer noch vor seinem Haus.«

»Das Auto ist nicht angesprungen, deshalb habe ich ihn gestern abend mitgenommen. Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?«

»Vorgestern. Er kam nachmittags vorbei, und wir haben geredet. Er wollte gestern abend wieder kommen, aber er kam nicht.«

»Vielleicht hat er es versucht«, sagte ich. »Irgend jemand hat auf uns geschossen, und da ist er verschwunden. Heute morgen sahen wir dann, daß die Lord weg ist.«

»Das Boot?«

»Ja. Es ist dasselbe Boot, mit dem Ihr Vater damals verschwunden ist.«

»Dad hat ein Boot gestohlen?«

»Es sieht so aus, aber sicher ist im Moment gar nichts. Vielleicht sah er das als einzige Möglichkeit zu verschwinden. Er muß geglaubt haben, daß er in echter Gefahr ist.«

»Klar, wenn auf einen geschossen wird«, sagte Brian spöttisch.

In der Hoffnung, mich ein bißchen bei ihm einzuschmeicheln, erzählte ich ihm Näheres. Beinahe hätte ich Renata erwähnt, aber ich schluckte ihren Namen gerade noch hinunter. Wenn Michael nichts von ihr gewußt hatte, dann wußte Brian wahrscheinlich auch nichts. Verdreht wie ich bin, hatte ich mal wieder das Gefühl, den >Schurken< des Stücks in Schutz nehmen zu müssen. Vielleicht würde Jaffe eine Sinneswandlung durchmachen und das Boot zurückbringen. Vielleicht würde er Brian überreden, sich mit ihm zusammen der Polizei zu stellen. Vielleicht würde der Osterhase mir ein großes Osterei mit einem Guckloch bringen, durch das man in eine bessere Welt sehen kann.

Brian schnaufte wieder ein Weilchen in mein Ohr. Ich wartete. »Michael hat gesagt, Dad hätte eine Freundin. Ist das wahr?«

»Äh — ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Er ist zusammen mit einer Bekannten gereist, aber ich weiß wirklich nicht, welcher Art ihre Beziehung ist.«

»Na klar.« Er prustete ungläubig. Ich hatte vergessen, daß er achtzehn Jahre alt war und über Sex wahrscheinlich mehr wußte als ich. Über Gewalt wußte er auf jeden Fall mehr. Wieso bildete ich mir ein, ich könnte einem solchen Jungen etwas vormachen?

»Möchten Sie Renatas Nummer haben? Sie hat vielleicht von ihm gehört?«

»Ich hab’ eine Nummer, wo ich anrufen soll, aber da meldet sich nur der Anrufbeantworter. Wenn Dad da ist, ruft er zurück. Ist das dieselbe Nummer, die Sie haben?« Er gab mir Renatas nicht eingetragene Nummer an.

»Ja, das ist sie. Brian, sagen Sie mir doch, wo Sie jetzt sind. Dann komme ich zu Ihnen, und wir können miteinander reden. Vielleicht finden wir gemeinsam heraus, wo er ist.«

Er ließ sich das durch den Kopf gehen. »Er hat gesagt, ich soll auf ihn warten und mit niemandem reden, bis er kommt. Er ist wahrscheinlich schon unterwegs.« Er sagte es ohne Überzeugung, in einem Ton voller Unbehagen.

»Ja, das ist natürlich möglich«, stimmte ich zu. »Was ist denn geplant?« Als würde Brian ausgerechnet mir das verraten.

»Ich muß Schluß machen.«

»Warten Sie! Brian?«

Ich hörte es knacken, als er auflegte.

»Verdammter Mist!« Ich setzte mich und starrte das Telefon an, als könnte ich es zwingen, wieder zu läuten. »Komm schon. Los, komm!«

Ich wußte genau, daß der Junge nicht wieder anrufen würde. Ich wurde mir der Spannung bewußt, die meine Schultern verkrampfte. Ich stand auf und ging um den Schreibtisch herum, suchte mir ein freies Stück Teppich, auf dem ich mich ausstrecken konnte. Die Zimmerdecke hatte mir nichts mitzuteilen. Ich hasse es, darauf zu warten, daß sich etwas ereignet, und ich hasse es genauso, von den Umständen abhängig zu sein. Vielleicht konnte ich mit logischer Überlegung dahinterkommen, wo Brian versteckt war. Wendell Jaffe hatte wenig Möglichkeiten. Er hatte kaum Freunde und, soviel ich wußte, keine Verbündeten. Er war außerdem sehr verschwiegen, hatte nicht einmal Renata Brians Versteck anvertraut. Die Fugitive wäre ein ideales Versteck gewesen, aber Renata und Brian hätten ungewöhnlich begabte Lügner sein müssen, um mich so zu täuschen. Ich hatte den Eindruck, daß er bis zu diesem Tag wirklich nichts von Renatas Existenz gewußt hatte, und sie schien an seiner gänzlich desinteressiert zu sein. Ich hatte den Verdacht, Renata hätte Brians Versteck verraten, wenn es ihr bekannt gewesen wäre. Wütend genug dazu war sie infolge von Wendell Jaffes Verschwinden.

Eigentlich konnte Jaffe seinen Sohn nur in einem Hotel oder Motel untergebracht haben. Und wenn es ihm möglich war, Brian täglich zu sehen, konnte das Versteck nicht weit sein. Wenn Brian über längere Zeiträume sich selbst überlassen war, mußte er die Möglichkeit haben, sich zu versorgen, ohne sich den Blicken der Öffentlichkeit auszusetzen. Vielleicht ein Motelzimmer mit Kochnische, so daß er für sich selbst kochen konnte. Groß? Klein? Es gab vielleicht fünfzehn bis zwanzig Motels in der näheren Umgebung. Würde ich da vielleicht hinfahren und sie alle abklappern müssen? Eine wenig verlockende Aussicht. Andererseits war Brian für mich die einzige Möglichkeit, an Wendell Jaffe heranzukommen. Bisher hatte die Dispatch sich noch nicht um Brians Entlassung gekümmert, aber wenn erst einmal Fotos von Vater und Sohn in den Zeitungen erschienen, würde sich die Situation rasch zuspitzen. Brian hatte vielleicht Taschengeld, aber er verfügte sicher nicht über unbeschränkte Mittel. Wenn Jaffe entschlossen war, seinen Sohn zu retten, dann mußte er schnell handeln. Und ich auch.

Ich warf einen Blick auf meine Uhr. Es war Viertel nach sechs. Ich stand vom Boden auf und schaltete den Anrufbeantworter ein, dann suchte ich die Zeitungsausschnitte heraus, in denen über den Gefängnisausbruch berichtet wurde. Das Foto von Brian Jaffe war nicht schmeichelhaft, aber für meine Zwecke war es gut genug. Ich nahm meine Reiseschreibmaschine und meine Handtasche und ging.

Zuerst fuhr ich zum Jachthafen. Es konnte ja sein, daß Carl Eckert inzwischen wieder da war und niemand sich die Mühe gemacht hatte, mich zu benachrichtigen. Außerdem lockte mich die kleine Imbißbude am Hafen, wo ich mir ein paar Burritos für unterwegs mitnehmen wollte.

Auf dem kleinen kostenlosen Parkplatz war nichts mehr frei. Ich mußte durch die Schranke auf den großen Parkplatz, auf dem jede Stunde Geld kostete. Ich sperrte meinen Wagen ab und warf einen Blick nach links, als ich am Kiosk vorüberkam. Da sah ich Carl Eckert. Er saß in seinem Wagen, einem schnittigen kleinen Flitzer exotischen Modells. Er sah aus, als sei er im Schock, bleich und schweißfeucht im Gesicht. Verwirrt blickte er sich um. Er trug einen smarten dunkelblauen Anzug, aber er hatte den Schlips gelockert und den obersten Hemdknopf geöffnet. Sein graues Haar war zerzaust, als hätte er sich die Haare gerauft.

Ich ging langsam und beobachtete ihn dabei. Er schien sich nicht entscheiden zu können, was er tun sollte. Ich sah, wie er nach seinen Wagenschlüsseln griff, als wollte er den Motor anlassen. Dann zog er die Hand zurück, griff in seine Hosentasche, zog ein Taschentuch heraus, mit dem er sich Gesicht und Hals wischte. Er steckte das Taschentuch wieder ein, griff in eine andere Tasche und brachte eine Packung Zigaretten zum Vorschein. Er schüttelte eine Zigarette heraus und drückte auf den Zigarettenanzünder im Armaturenbrett.

Ich ging zu dem offenen Sportwagen und beugte mich zu Eckert hinunter. »Carl? Kinsey Millhone.«

Er drehte sich um und starrte mich verständnislos an.

»Wir haben uns neulich im Jachtclub miteinander unterhalten. Ich war auf der Suche nach Wendell Jaffe.«

»Richtig. Die Privatdetektivin«, sagte er endlich.

»Genau.«

»Tut mir leid, daß ich so lange gebraucht habe, aber ich habe eben eine schlechte Nachricht bekommen.«

»Ich habe das mit der Lord schon gehört. Kann ich irgendwas tun?«

Der Anzünder sprang heraus. Er zündete sich die Zigarette an. Seine Hände zitterten so stark, daß er kaum Anzünder und Zigarettenende zusammenbrachte. Er sog den Rauch tief ein und verschluckte sich in seiner Gier.

»Das Schwein hat mir mein Boot gestohlen«, sagte er heftig hustend. Er wollte noch mehr sagen, aber er brach plötzlich ab und drehte den Kopf zur Seite. Ich sah Feuchtigkeit in seinen Augen, konnte aber nicht sagen, ob das von dem Hustenanfall kam oder ob es Tränen über den Verlust seines Boots waren.

»Alles in Ordnung?« fragte ich.

»Ich lebe auf dem Boot. Die Lord ist alles, was ich habe. Mein Leben. Das muß er gewußt haben. Er hat das Boot genauso geliebt wie ich.« Ungläubig schüttelte er den Kopf.

»Das ist eine schlimme Sache«, sagte ich.

»Wie haben Sie davon gehört?«

»Renata kam mittags zu mir ins Büro«, berichtete ich. »Sie sagte, er sei verschwunden. Sie fürchtete, er würde versuchen zu fliehen. Ihr eigenes Boot lag am Steg, da dachte sie an Ihres.«

»Wie ist er nur reingekommen? Das verstehe ich nicht. Gleich nachdem ich das Boot gekauft hatte, habe ich alle Schlösser austauschen lassen.«

»Vielleicht ist er eingebrochen. Vielleicht hat er das Schloß geknackt. Wie dem auch sei, als wir hier ankamen, war das Boot schon weg.«

Er sah mich fragend an. »Ist das die Frau? Renata? Wie heißt sie mit Nachnamen?«

»Warum?«

»Ich würde gern mit ihr reden. Sie weiß vielleicht mehr, als sie sagt.«

»Ja, das kann sein«, meinte ich. Ich dachte an die Schießerei am Abend zuvor und fragte mich, ob Carl nachweisen konnte, wo er um diese Zeit gewesen war. »Wann sind Sie zurückgekommen? Ich hörte, Sie waren gestern abend außerhalb. Aber niemand schien zu wissen, wo.«

»Das hätte auch nichts genützt. Ich war nur schwer zu erreichen. Ich hatte in San Luis Obispo mehrere Termine. Übernachtet habe ich im Best Western und bin schon vor acht heute morgen dort wieder weg. Ich hatte dann den ganzen Tag noch Besprechungen da oben und bin gegen fünf wieder Richtung Heimat gefahren.«

»Das muß eine böse Überraschung gewesen sein.«

»Das kann man wohl sagen. Ich kann es nicht glauben, daß das Boot wirklich weg ist.«

Es schien, als ob er in den letzten zwei Tagen tatsächlich pausenlos beschäftigt gewesen wäre oder sein Alibi gut vorbereitet hätte.

»Und was tun Sie jetzt? Wo werden Sie Unterkommen?«

»Ich werde es mal da drüben versuchen«, antwortete er mit einer Kopfbewegung in Richtung zu den Motels am Cabana Boulevard. »Und wie ist es bei Ihnen gelaufen? Sie haben ihn wohl nicht erwischt, wie?«

»Doch, ich bin ihm gestern abend bei Michael begegnet. Ich hoffte, mit ihm reden zu können, aber wir wurden getrennt, und danach habe ich ihn nicht wiedergesehen. Wie ich hörte, wollte er sich eigentlich mit Ihnen treffen.«

»Ich mußte ihm in letzter Minute absagen, als diese andere Geschichte mir dazwischenkam.«

»Sie haben ihn also überhaupt nicht gesehen?«

»Nein, wir haben nur miteinander telefoniert.«

»Was wollte er von Ihnen? Sagte er das?«

»Nein. Kein Wort.«

»Mir hat er erzählt, Sie hätten etwas in Besitz, was ihm gehört.«

»Das hat er gesagt? Wie sonderbar. Ich möchte wissen, was er damit gemeint hat.« Er sah auf seine Uhr. »Oh, so spät schon! Ich mache mich besser auf den Weg, ehe die Hotelzimmer alle weg sind.«

Ich trat vom Wagen weg. »Dann will ich Sie nicht aufhalten«, sagte ich. »Wenn Sie von der Lord hören, geben Sie mir dann Bescheid?«

»Natürlich.«

Donnernd sprang der Sportwagen an. Carl fuhr aus der Lücke und hielt neben dem Kiosk, um der Frau seinen Parkschein zu geben.

Ich ging zur Imbißbude. Als ich noch einmal zurückblickte, sah ich, daß er seinen Rückspiegel so eingestellt hatte, daß er mich im Auge behalten konnte. Ich hatte den starken Verdacht, daß er mich kräftig verschaukelt hatte. Irgend etwas stimmte nicht. Ich wußte nur nicht, was es war.