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Als ich auf den Highway kam, fielen die ersten Tropfen, und als ich ungefähr fünfzig Meter von meiner Wohnung entfernt einen Parkplatz entdeckte und mein Auto abstellte, hatte der Regen einen gleichmäßigen Rhythmus gefunden. Ich sperrte den VW ab und ging um die sich sammelnden Pfützen herum zum Tor. Bei Henry brannte noch Licht. Seine Küchentür stand offen, und ich roch frisches Gebäck, eine verlockende Kombination aus Vanille und Schokolade, die sich mit dem Geruch des Regens und des feuchten Rasens mischte. Ein plötzlicher Windstoß rüttelte die Baumwipfel, und ein kurzer Schauer von Blättern und dicken Wassertropfen fiel auf mich herab. Ich zog den Kopf ein und schwenkte ab zu Henry.
Henry schnitt gerade ein Blech Brownies auf. Er war barfuß, hatte weiße Shorts und ein leuchtendes blaues T-Shirt an. Ich hatte Fotos von ihm aus seiner Jugend und als er fünfzig und sechzig war gesehen, aber so wie er jetzt war, mager und sehnig, gefiel er mir besser. Er sah so gut aus mit seinem seidigen weißen Haar und seinen blitzblauen Augen, daß es überhaupt keinen Anlaß gab zu glauben, ihm würde es nicht von Jahr zu Jahr immer besser gehen. Ich klopfte an den Rahmen seiner Fliegengittertür. Er blickte auf und lachte erfreut, als er mich sah.
»Kinsey, hallo! Das ging aber schnell. Ich habe gerade erst auf deinen Anrufbeantworter gesprochen.« Er winkte mich herein.
Ich wischte mir die Schuhe auf dem Abtreter ab, ehe ich sie auszog und an der Tür stehen ließ. »Ich hab’ Licht gesehen. Ich bin gerade aus Perdido zurückgekommen und war noch nicht mal in meiner Wohnung. Ist der Regen nicht eine Wucht? Woher ist der plötzlich gekommen?«
»Den hat Hurricane Jackie uns beschert, wie ich gehört habe. In den nächsten zwei Tagen soll es immer wieder Schauer geben. Ich hab’ eine Kanne Tee gemacht. Du brauchst nur Tassen und Untertassen herauszuholen.«
Ich folgte seinem Vorschlag und holte auch gleich die Milch aus dem Kühlschrank. Henry spülte und trocknete sein Messer und trug das Blech mit den Brownies zum Küchentisch. In Santa Teresa wird es abends für gewöhnlich immer angenehm kühl, doch an diesem Abend war die Luft wegen des Unwetters von einer beinahe tropischen Schwüle. Und die Küche wirkte wie ein Inkubator. Henry hatte seinen alten schwarzen Ventilator herausgeholt, der mit unablässigem eintönigen Brummen seinen eigenen Schirokko schuf.
Wir setzten uns einander gegenüber an den Tisch, zwischen uns, auf einem Topflappen, das Blech mit den Brownies. Die Kruste war hellbraun, wirkte so fein und zerbrechlich wie getrocknete Tabakblätter. Henrys Messer hatte eine unregelmäßige Kerbe hinterlassen, und dort, wo die Kruste gesprungen war, konnte man das Innere des Gebäcks sehen, dunkel und feucht wie Humus, mit Walnüssen und Schokoladensplittern gespickt. Henry nahm das erste rechteckige Stück mit einem Kuchenheber heraus und reichte es mir. Danach aßen wir direkt vom Blech.
Ich goß jedem von uns eine Tasse Tee ein und gab meinem Milch hinzu. Ich zerbrach ein Brownie in zwei Hälften und teilte es noch einmal. Das war meine Vorstellung vom Kaloriensparen. Mein Mund schwamm in warmer Schokolade, und wenn ich laut schmatzte, so war Henry zu höflich, um davon Notiz zu nehmen.
»Ich habe eine merkwürdige Entdeckung gemacht«, sagte ich. »Es ist möglich, daß ich hier in der Gegend Familie habe.«
»Wie meinst du das?«
»Na, du weißt schon, Leute mit dem gleichen Namen, die behaupten, verwandt zu sein, Blutsbande, wie es so schön heißt.«
Er sah mich mit Interesse an. »Tatsächlich? Na, das ist aber wirklich eine Überraschung. Wie sind sie?«
»Keine Ahnung. Ich kenne sie noch nicht.«
»Ach so, ich dachte, du hättest sie schon kennengelernt. Woher weißt du von ihrer Existenz?«
»Ich habe gestern in Perdido eine Haus-zu-Haus-Befragung gemacht. Und da sagte eine Frau, ich käme ihr so bekannt vor, und fragte mich nach meinem Namen. Dann wollte sie wissen, ob ich mit den Burton Kinseys in Lompoc verwandt sei. Ich sagte nein, aber danach habe ich mir die Heiratsurkunde meiner Eltern angesehen. Der Vater meiner Mutter war Burton Kinsey. Weißt du, es ist so, als hätte ich das tief drinnen immer gewußt und mich nur nicht damit befassen wollen. Komisch, nicht?«
»Und was tust du jetzt?«
»Das weiß ich noch nicht. Erst mal überlegen. Wer weiß, was da auf mich zukommt.«
»Die Büchse der Pandora, hm?«
»Du sagst es. Kann ganz übel werden.«
»Vielleicht aber auch nicht.«
Ich schnitt eine Grimasse. »Ich will das Risiko nicht eingehen. Ich habe nie Familie gehabt. Was sollte ich jetzt mit einer anfangen?«
Henry lächelte vor sich hin. »Was meinst du denn, was du mit ihr anfangen würdest?«
»Keine Ahnung. Ich find’s unheimlich. Es wäre bestimmt nervig. Denk an William. Er macht dich doch ganz verrückt.«
»Aber ich habe ihn lieb. Und darum geht es doch, nicht wahr?«
»Ja?«
»Du tust natürlich, was du für richtig hältst, aber eins steht fest, Blut ist dicker als Wasser.«
Ich schwieg eine Weile, aß ein Stück Brownie, das die Form des Staates Utah hatte. »Ich glaube, ich werde erst mal abwarten. In dem Moment, in dem ich Kontakt aufnehme, gibt’s nämlich kein Zurück.«
»Weißt du etwas über die Leute?«
»Nein.«
Henry lachte. »Na, wenigstens begeistern dich die Möglichkeiten.«
Ich lächelte unbehaglich. »Ich hab’s erst heute erfahren. Außerdem weiß ich nur von einer Verwandten mit Gewißheit — der Mutter meiner Mutter, Cornelia Kinsey. Mein Großvater ist, glaube ich, gestorben.«
»Ah, deine Großmutter ist Witwe. Das ist ja interessant. Woher willst du wissen, daß sie nicht genau die richtige für mich wäre?«
»Das ist ein Gedanke«, sagte ich trocken.
»Nun komm schon. Was macht dir solche Angst?«
»Wer sagt denn, daß ich Angst habe? Ich habe keine Angst.«
»Warum meldest du dich dann nicht?«
»Angenommen, sie ist bissig und herrschsüchtig?«
»Angenommen, sie ist klug und liebevoll?«
»Hm. Wenn Sie so verdammt liebevoll ist, warum hat sie sich dann neunundzwanzig Jahre lang nicht gemeldet?« fragte ich.
»Vielleicht war sie beschäftigt.«
Mir fiel auf, wie sprunghaft unser Gespräch war. Wir kannten uns gut genug, um auf Übergänge verzichten zu können, Dennoch hatte ich ein Gefühl, als hätte ich ein Brett vor dem Hirn. »Überhaupt, wie soll ich das denn anstellen? Wie soll ich das machen?«
»Ruf sie an. Sag hallo. Mach dich mit ihr bekannt.«
Ich wand mich. »Das tu’ ich bestimmt nicht«, widersprach ich. »Ich warte erst mal ab.«
»Stur« wäre wahrscheinlich das geeignete Wort gewesen, um meine Haltung zu beschreiben, obwohl ich sonst gar nicht der sture Typ bin.
»Na schön, dann warte ab«, meinte er mit einem leichten Achselzucken.
»Das mache ich auch. Genau. Überleg doch bloß mal, wieviel Zeit seit dem Tod meiner Eltern vergangen ist. Es wäre doch seltsam, mich jetzt zu melden.«
»Das hast du schon einmal gesagt.«
»Weil es die Wahrheit ist.«
»Na schön, dann melde dich eben nicht. Du hast völlig recht.«
»Genau. Ich werde mich überhaupt nicht rühren«, sagte ich gereizt. Seine Bereitwilligkeit, mir zuzustimmen, irritierte mich. Er hätte mich drängen können zu handeln. Er hätte mir einen Aktionsplan vorschlagen können. Statt dessen sagte er mir genau das, was ich ihm sagte. Alles klang so viel vernünftiger, wenn ich es sagte. Was er wiederholte, wirkte verbohrt und halsstarrig. Ich verstand nicht, was mit ihm los war, aber vielleicht war das ja eine verrückte Reaktion auf den vielen raffinierten Zucker in den Brownies.
Das Gespräch wandte sich William und Rosie zu. Da gab es nichts Neues zu berichten. Sport und Politik wurden jeweils mit einem Satz abgehandelt. Kurz danach trottete ich verdrießlicher Stimmung nach Hause. Henry schien sich ganz wohl zu fühlen, aber mir kam es so vor, als hätten wir einen furchtbaren Krach gehabt. Ich schlief auch nicht besonders gut.
Um fünf Uhr neunundfünfzig regnete es immer noch, und ich verzichtete aufs Laufen. Meine Erkältung hatte sich weitgehend gebessert, aber ich hielt es dennoch nicht für empfehlenswert, im strömenden Regen herumzusausen. Ich konnte mir kaum vorstellen, daß ich vor einer Woche noch am Pool in Mexiko gelegen und mich von oben bis unten eingecremt hatte. Ich blieb noch ein Weilchen liegen und starrte zum Oberlicht hinauf. Die Wolken hatten die Farbe alter galvanisierter Rohre, und der Tag schrie förmlich nach ernster Lektüre. Ich streckte einen Arm in die Höhe und begutachtete die künstliche Sonnenbräune, die nunmehr zu einem hellen Pfirsichton verblaßt war. Ich hob ein Bein und bemerkte zum erstenmal die vielen Flecken rund um den Knöchel. Rasieren könnte ich mich auch mal wieder. Das sah ja aus, als hätte ich Angorakniestrümpfe an. Gelangweilt von der Selbstbetrachtung, wälzte ich mich schließlich aus dem Bett. Ich duschte, rasierte mir die Beine und zog mich an. Frische Jeans und einen Baumwollpulli zur Feier meines bevorstehenden Mittagessens mit Harris Brown. Dann ging ich frühstücken und stopfte mich mit Fetten und Kohlehydraten voll, diesen natürlichen Antidepressiva. Ida Ruth hatte mir gesagt, sie würde heute später kommen, und mir erlaubt, meinen Wagen auf ihren Parkplatz zu stellen. Punkt neun ritt ich im Büro ein.
Alison hing am Telefon, als ich kam. Wie ein Verkehrspolizist hob sie eine Hand zum Zeichen, daß sie eine Nachricht hatte. Ich blieb stehen und wartete auf eine Pause in ihrem Gespräch.
»Nein, nein, das ist völlig in Ordnung, kein Problem. Lassen Sie sich ruhig Zeit«, sagte sie und legte die Hand über die Sprechmuschel, während ihr Gesprächspartner am anderen Ende offenbar etwas erledigte. »Ich habe Ihnen jemanden ins Büro gesetzt. Ich hoffe, das war richtig. Ich stelle vorläufig keine Anrufe zu Ihnen durch.«
»Warum nicht?«
Ihre Aufmerksamkeit wurde wieder am Telefon verlangt. Ich zuckte mit den Achseln und ging durch den Korridor zu meinem Büro, dessen Tür offen war. Am Fenster stand mit dem Rücken zu mir eine Frau.
Ich ging zum Schreibtisch und warf meine Handtasche auf den Sessel. »Guten Morgen. Was kann ich für Sie tun?«
Sie drehte sich um und sah mich mit jener gespannten Neugier an, die man normalerweise Prominenten vorbehält, die man zum erstenmal aus der Nähe sieht. Und ich sah sie genauso an. Wir hätten Schwestern sein können, so ähnlich waren wir uns. Ihr Gesicht war mir so vertraut wie die Gesichter in einem Traum, auf Anhieb erkennbar, aber bei näherem Hinsehen doch fremd. Keinesfalls waren unsere Gesichtszüge identisch. Sie sah nicht wie ich aus, sondern so, wie ich meinte, daß ich in den Augen anderer aussah. Noch während ich sie musterte, schwand die Ähnlichkeit dahin. Sie war höchstens einen Meter fünfundfünfzig, ich hingegen zehn Zentimeter größer, und sie war dicker, so als äße sie zu üppig und bewege sich zu wenig. Ich lief seit Jahren und wurde mir manchmal bewußt, auf welche Weise mein Körper sich durch die vielen, vielen Meilen, die ich im Lauf der Jahre hinter mich gebracht hatte, verändert hatte. Sie hatte mehr Busen und ein breiteres Gesäß. Dafür war sie gepflegter als ich. Ich bekam eine Ahnung davon, wie ich hätte aussehen können, wenn ich mir einmal einen ordentlichen Haarschnitt geleistet, die Grundlagen des richtigen Make-ups gelernt und mich mit Flair gekleidet hätte. Das Ensemble, das sie anhatte, war aus cremefarbener Waschseide: ein langer, leicht gereihter Rock mit einer passenden losen Jacke darüber und einem korallenroten Oberteil darunter. Die fließenden Linien, die das Auge ablenkten, kaschierten wirksam ihre Rundlichkeit.
Lächelnd bot sie mir die Hand. »Hallo, Kinsey. Ich freue mich, dich kennenzulernen. Ich bin deine Cousine Liza.«
»Wie sind Sie — bist du hierhergekommen?« fragte ich. »Ich habe gestern erst erfahren, daß ich hier in der Gegend vielleicht Verwandte habe.«
»Ja, wir haben es auch erst gestern gehört. Das heißt, ganz stimmt das nicht. Lena Irwin hat gestern abend meine Schwester Pam angerufen, und daraufhin haben wir uns sofort zusammengesetzt. Lena war überzeugt, du müßtest mit uns verwandt sein. Meine beiden Schwestern waren ganz versessen darauf herzukommen, um dich kennenzulernen, aber wir fanden, das wäre ein bißchen viel auf einmal für dich. Außerdem mußte Tasha dringend nach San Francisco zurück, und Pamela kommt jeden Moment nieder.«
Plötzlich hatte ich drei Cousinen. Das war wirklich ein bißchen viel auf einmal. »Woher kennt ihr Lena?«
Liza antwortete mit einer wegwerfenden Handbewegung wie ich sie jeden Tag zwanzigmal machte. »Sie stammt aus Lompoc. Sofort als sie sagte, sie habe dich kennengelernt, wußten wir, daß wir herkommen müssen. Grand haben wir bis jetzt kein Wort verraten, aber sie wird dich bestimmt kennenlernen wollen.«
»Grand?«
»Ach, entschuldige. Das ist unsere Großmutter, Cornelia. Ihr Mädchenname war LaGrand, und wir haben einen Spitznamen daraus gemacht. Jeder nennt sie Grand.«
»Was weiß sie von mir?«
»Nicht viel. Wir kannten natürlich deinen Namen, aber wir wußten eigentlich nichts über deinen Verblieb. Dieser ganze Familienskandal war ja so lächerlich. Damals natürlich nicht. Im Gegenteil, er hat die Schwestern in zwei Lager gespalten, habe ich mir erzählen lassen. Aber sag, störe ich dich bei der Arbeit? Das hätte ich gleich fragen sollen.«
»Gar nicht«, antwortete ich mit einem raschen Blick auf die Uhr. Ich hatte noch drei Stunden Zeit bis zu meiner Mittagsverabredung. »Alison sagte mir gleich, sie würde keine Gespräche durchstellen, aber ich konnte mir gar nicht vorstellen, was so wichtig sein sollte. Kannst du mir Näheres über die Schwestern erzählen?«
»Es waren fünf Schwestern. Sie hatten auch einen Bruder, aber der ist schon als Säugling gestorben. Der Bruch zwischen Grand und Tante Rita hat sie, wie ich schon gesagt habe, in zwei Lager gespalten. Hast du die Geschichte wirklich nie gehört?«
»Nein«, antwortete ich. »Ich sitze hier und frage mich, ob du bei mir an der richtigen Adresse bist.«
»Eindeutig«, gab sie zurück. »Deine Mutter war eine Kinsey. Rita Cynthia, richtig? Ihre Schwester hieß Virginia. Wir haben sie Tante Gin genannt. Oder manchmal auch Gin Gin.«
»So habe ich sie auch genannt«, sagte ich schwach. Ich hatte immer geglaubt, das sei mein spezieller Kosename für sie; ein Name, den ich erfunden hatte.
Liza fuhr fort. »Ich habe sie nicht allzugut gekannt wegen des Zerwürfnisses zwischen den beiden und Grand, die übrigens dieses Jahr achtundachtzig wird. Aber sie ist geistig unglaublich auf Draht. Ich meine, sie ist praktisch blind und gesundheitlich nicht ganz auf der Höhe, aber für ihr Alter hat sie sich phantastisch gehalten. Ich weiß nicht, ob die beiden je wieder ein Wort mit Grand gesprochen haben, aber Tante Gin ist manchmal zu Besuch gekommen, und dann haben sich die Schwestern alle wieder zusammengesetzt. Der große Horror war, daß Grand irgendwie davon Wind bekommen könnte, aber ich glaube, das ist nie passiert. Übrigens, unsere Mutter heißt Susanna. Sie ist die Jüngste von den fünf Schwestern. Hast du was dagegen, wenn ich mich setze?«
»Aber nein. Entschuldige. Bitte, nimm Platz. Möchtest du einen Kaffee? Ich kann uns welchen holen.«
»Nein, nein, nicht nötig. Es tut mir nur leid, daß ich hier so hereingeplatzt bin und dich jetzt mit diesen Geschichten überschütte. Was habe ich gerade gesagt? Ach ja. Deine Mutter war die Älteste, meine die Jüngste. Es leben jetzt nur noch zwei Schwestern — meine Mutter, Susanna, sie ist achtundfünfzig, und die Schwester, die ihr im Alter am nächsten ist, Maura, sie ist einundsechzig. Sarah ist vor fünf Jahren gestorben. Wirklich, es tut mir leid, daß ich dich mit dem allen so überfalle. Wir haben einfach angenommen, du wüßtest das alles.«
»Was ist mit Burton — Großvater Kinsey?«
»Er ist auch tot. Er ist erst vor einem Jahr gestorben, aber er war seit Jahren krank.« Sie sagte das so, als hätte ich die Natur seiner Krankheit kennen müssen.
Ich sagte nichts dazu. Ich wollte mich nicht mit Feinheiten aufhalten, wenn ich noch Mühe mit dem Gesamtbild hatte. »Wie viele Cousins und Cousinen gibt es?«
»Nur Cousinen. Wir sind drei, Maura hat zwei Töchter, Delia und Eleanor, und Sarah hatte vier Töchter.«
»Und ihr lebt alle in Lompoc?«
»Nicht ganz«, erwiderte sie. »Drei von Sarahs Töchtern leben an der Ostküste. Eine ist dort verheiratet, zwei studieren. Was die vierte tut, weiß ich gar nicht. Sie ist so eine Art schwarzes Schaf, weißt du. Mauras Töchter leben beide in Lompoc. Maura und Mutter wohnen im selben Viertel. Das war Teil von Grands großem Plan.« Sie lachte, und ich sah, daß wir beide die gleichen Zähne hatten, sehr weiß und kantig. »Wir sollten das vielleicht lieber in kleinen Dosen abhandeln, sonst stirbst du noch am Schock.«
»Die Gefahr besteht durchaus, ja.«
Sie lachte wieder. Irgend etwas an der Frau ging mir auf die Nerven. Sie hatte viel zuviel Spaß an der Geschichte, und ich hatte überhaupt keinen. Ich bemühte mich, all die Neuigkeiten aufzunehmen und zu verarbeiten, höflich zu sein und nicht ins Fettnäpfchen zu treten. Aber ich kam mir wie eine Idiotin vor, und ihre unbekümmerte, rücksichtslose Art war keine Hilfe. Ich hob meine Hand wie ein Schulmädchen. »Könntest du vielleicht erst mal abbrechen und noch einmal zum Anfang zurückkehren?«
»Ach, entschuldige. Du mußt ja ganz durcheinander sein, du armes Ding. Ich wollte wirklich, Tasha hätte mit dir gesprochen. Sie hätte ihren Flug verschieben sollen. Ich habe ja gleich gewußt, daß ich es wahrscheinlich in den Sand setzen würde, aber eine andere Möglichkeit gab’s eben nicht. Also, daß Rita Cynthia von zu Hause durchgebrannt ist, weißt du wohl. Das werden sie dir doch wohl erzählt haben.« Sie redete so, als handle es sich um eine Selbstverständlichkeit wie etwa, daß die Erde rund ist.
Wieder schüttelte ich den Kopf. »Ich war fünf, als meine Eltern bei dem Autounglück ums Leben kamen. Danach hat Tante Gin mich großgezogen, aber sie hat mir überhaupt nichts über die Familie erzählt. Du kannst ruhig davon ausgehen, daß ich von nichts eine Ahnung habe.«
»Du meine Güte! Hoffentlich hab’ ich selbst noch alles im Kopf. Also, ich lege jetzt mal los, und wenn du Erklärungen brauchst, dann unterbrichst du einfach. Unser Großvater Kinsey war ein reicher Mann. Seine Familie besaß ein Unternehmen zum Abbau und zur Verarbeitung von Kieselalgenlagern. Kieselalgen werden im wesentlichen zur Herstellung von Kieselgut verwendet. Weißt du, was das ist?«
»Eine Art Filtermittel?«
»Richtig. Die Kieselalgenlager in Lompoc gehören zu den größten und reinsten auf der Welt. Das Unternehmen ist seit Jahren im Besitz der Kinseys. Großmutter muß auch aus einer wohlhabenden Familie stammen, auch wenn sie kaum darüber spricht. Darum weiß ich auch nichts Genaueres. Ihr Mädchenname war LaGrand, und solange ich denken kann, haben alle sie Grand genannt. Aber das habe ich dir ja schon erzählt. Kurz und gut, sie und Großvater hatten sechs Kinder — den Jungen, der gestorben ist, und dann die fünf Mädchen. Rita Cynthia war, wie gesagt, die Älteste. Sie war Grands Liebling. Wahrscheinlich weil sie ihr so ähnlich war. Ich vermute, sie war sehr verwöhnt — so heißt es jedenfalls. Rebellisch und dickköpfig. Sie weigerte sich absolut, Grands Erwartungen zu erfüllen. Darum ist sie in unserer Familie praktisch zu einer Legende geworden. Die Heilige der Befreiung. Wir alle — alle ihre Nichten — haben in ihr immer ein Symbol der Selbständigkeit und des Muts gesehen, eine Frau, die sich nicht gescheut hat, aufmüpfig und trotzig zu sein, die emanzipierte Frau, die unsere Mütter gern gewesen wären. Rita Cynthia ließ sich von Grand überhaupt nichts sagen, obwohl die damals ein ganz schöner Drachen war. Rigide und snobistisch, tyrannisch und herrschsüchtig. Ihre Töchter mußten spuren. Versteh mich nicht falsch. Sie konnte durchaus großzügig sein, aber die Großzügigkeit war immer mit Bedingungen verknüpft. Sie bezahlte einem zum Beispiel das Studium, aber dafür mußte man am Ort studieren oder an der Universität, die sie für richtig hielt. Bei Häusern war es das gleiche. Sie war bereit, einem die Anzahlung zu geben und sogar für die Hypothek zu bürgen, aber dafür mußte man ein Haus in ihrer nächsten Umgebung nehmen. Es hat ihr wirklich das Herz gebrochen, als Tante Rita ging.«
»Ich verstehe immer noch nicht, was eigentlich passiert ist.«
»Ach Gott, ja, natürlich. Okay, ich werde versuchen, zur Sache zu kommen. Also, im Jahr 1935 hatte Rita ihr gesellschaftliches Debüt. Am fünften Juli —«
»Meine Mutter war eine Debütantin? Und du weißt sogar noch das genaue Datum ihres Debüts? Du mußt ein hervorragendes Gedächtnis haben.«
»Nein, nein. Das gehört alles zur Geschichte. Jeder in unserer Familie weiß das. Das ist so wie Hänsel und Gretel oder Rumpelstilzchen. Grand ließ nämlich zwölf silberne Serviettenringe machen, in die Rita Cynthias Name und das Datum ihres Debüts eingraviert waren. Sie wollte das bei jeder ihrer Töchter so halten, aber irgendwie hat’s dann nicht geklappt. Sie machte ein Riesenfest zur Feier von Ritas Debüt und lud lauter ungeheuer erlesene junge Männer aus der besten Gesellschaft ein.«
»Aus Lompoc?«
»Nein, nein, nein. Sie kamen von überall. Aus Marin County, Walnut Creek, San Francisco, Atherton, Los Angeles und so weiter. Grand hatte ihr Herz daran gehängt, daß Rita eine >gute Partie< machen sollte, wie man damals sagte. Aber statt dessen verliebte sich Rita in deinen Vater, der bei dem Fest bediente.«
»Er war Kellner?«
»Genau. Ein Freund von ihm war bei der Firma angestellt, die bei dem Fest für Speisen und Getränke sorgte und das Bedienungspersonal stellte, und hatte ihn gebeten mitzuhelfen. Von dem Abend an traf sich Rita heimlich mit Randy Millhone. Das war mitten in der Depression. Er war eigentlich kein Kellner, sondern arbeitete hier in Santa Teresa bei der Post.«
»Na, Gott sei Dank«, sagte ich trocken, doch die Ironie war an sie verschwendet. »Und was hat er bei der Post gearbeitet?«
»Er war Briefträger. >Ein kleiner Beamter<, wie Grand naserümpfend zu sagen pflegte. Weißes Pack in ihren Augen, viel zu alt für Rita und nicht standesgemäß. Sie kam dahinter, daß sich die beiden heimlich trafen, und machte einen Riesenkrach, aber sie konnte nichts dagegen tun. Rita war achtzehn und ließ sich von keinem etwas sagen. Je mehr Grand schimpfte und zeterte, desto störrischer wurde sie. Und im November war sie plötzlich verschwunden. Sie ist durchgebrannt und hat geheiratet, ohne einer Menschenseele etwas zu sagen.«
»Doch, Virginia hat sie es gesagt.«
»Ach ja?«
»Ja. Tante Gin war Trauzeugin.«
»Ach. Das wußte ich gar nicht, aber eigentlich ist es ganz logisch. Na, wie dem auch sei, als Grand es erfuhr, war sie so außer sich, daß sie Rita enterbte. Nicht einmal die silbernen Serviettenringe hat sie ihr gelassen.«
»Welch grausames Schicksal.«
»Na, damals muß es so gewirkt haben«, sagte sie. »Ich weiß nicht, was Grand mit den anderen Serviettenringen getan hat, aber es gab einen, um den haben wir uns bei den Familientreffen immer alle gestritten. Grand hatte eine ganze Sammlung Serviettenringe verschiedener Stilarten und so. Alle aus Sterlingsilber«, erklärte sie. »Und wenn sie der Meinung war, eine von uns sei vor dem Essen ungehorsam oder frech gewesen, dann bekam die Übeltäterin Rita Cynthias Serviettenring. Das sollte eine Strafe sein. Verstehst du, es war ihre Art, jemanden zu beschämen, der sich daneben benommen hatte, aber für uns war es das Höchste, wenn wir den Ring bekamen. Rita Cynthia war die einzige aus der Familie, die es je geschafft hatte, wirklich alle Brücken abzubrechen, und das fanden wir großartig. Darum setzten wir uns bei diesen Familientreffen immer heimlich zusammen und stritten darum, wer diesmal Ritas Ring haben dürfte. Diejenige, die siegte, hat sich dann ganz schrecklich benommen, und prompt bekam sie von Grand Ritas Serviettenring. Eine Riesenschande, aber für uns war es ein Riesenjux.«
»Hat denn niemand was dagegen unternommen, daß ihr so einen Wirbel darum gemacht habt?«
»Oh, Grand hatte keine Ahnung. Wir waren sehr vorsichtig, weißt du. Das war mit das Beste an dem Spiel. Ich bin nicht einmal sicher, daß unsere Mütter etwas merkten. Wenn ja, dann haben sie uns wahrscheinlich insgeheim applaudiert. Rita stand in hohem Ansehen bei ihnen und Virginia auch. Das war mit das Schlimmste an Tante Ritas Verschwinden. Wir hatten nicht nur sie verloren, sondern auch Gin.«
»Wirklich«, sagte ich, aber ich konnte kaum meine eigene Stimme hören. Mir war, als hätte man mich geschlagen. Liza konnte nicht ahnen, wie die Geschichte auf mich wirken würde. Meine Mutter war für diese Frauen niemals eine reale Person gewesen. Sie war nichts weiter als eine Symbolfigur, etwas um das man sich balgte wie Hunde um einen Knochen. Ich räusperte mich. »Warum wollten sie nach Lompoc?«
Diesmal war es Liza, die nicht verstand. Ich sah es in ihrem Blick.
»Meine Eltern sind auf der Fahrt nach Lompoc ums Leben gekommen«, erklärte ich sorgfältig, als übersetzte ich für eine Ausländerin. »Wenn sie mit der Familie gebrochen hatten, warum fuhren sie dann nach Lompoc?«
»Ach so. Ich nehme an, das hatte mit der Aussöhnung zu tun, die Tante Gin damals arrangierte.«
Ich muß sie auf besondere Weise angestarrt haben, denn ihr schoß plötzlich die Röte ins Gesicht. »Vielleicht ist es doch besser, wir warten, bis Tasha zurückkommt. Sie besucht uns alle zwei Wochen. Sie kann dir das alles viel besser und genauer erzählen als ich.«
»Aber was ist in den Jahren danach passiert? Warum hat nie jemand Kontakt aufgenommen?«
»Oh, ich bin sicher, sie haben es versucht. Ich weiß, sie wollten es. Sie haben oft mit Tante Gin telefoniert. Sie haben also alle gewußt, daß du bei ihr warst. Aber was geschehen ist, ist geschehen. Ich weiß nur, daß Mutter und Maura und Onkel Walter aus allen Wolken fallen, wenn sie hören, daß wir uns getroffen haben. Du mußt unbedingt bald einmal zu uns kommen.«
Ich spürte, daß etwas Seltsames mit meinem Gesicht geschah. »Keiner von euch hat einen Anlaß gesehen, hierherzukommen, als Tante Gin starb?«
»Ach Gott, jetzt bist du ganz verstört. Ich fühle mich scheußlich. Was ist denn?«
»Nichts. Mir ist eben eingefallen, daß ich einen Termin habe«, antwortete ich. Es war erst fünf vor halb zehn. Lizas Geschichte hatte nicht einmal eine halbe Stunde in Anspruch genommen. »Wir werden das wohl ein andermal abschließen müssen.«
Sie machte sich plötzlich eifrig an ihrer Handtasche zu schaffen. »Ja, dann fahre ich jetzt wohl besser. Ich hätte wahrscheinlich vorher anrufen sollen, aber ich dachte, es wäre eine lustige Überraschung. Ich hoffe, ich hab’s nicht verpfuscht. Bist du okay?«
»Natürlich. Alles bestens.«
»Bitte ruf an. Oder ich rufe dich an, und wir treffen uns wieder. Tasha ist älter. Sie kennt die Geschichte viel besser als ich. Vielleicht kann sie dir alles erzählen. Wir waren alle ganz vernarrt in Rita Cynthia. Ehrlich.«
Und dann war meine Cousine Liza weg. Ich schloß die Tür hinter ihr und ging zum Fenster. Eine weiße Mauer zog sich hinter dem Haus am Grundstück entlang, überwachsen von tiefdunkler Bougainvillea. Theoretisch hatte ich unversehens eine ganze Familie gewonnen, Grund zu überschwenglicher Freude, wenn man den Frauenzeitschriften glaubt. In Wirklichkeit aber fühlte ich mich wie jemand, dem soeben alles genommen worden war, was ihm lieb und teuer war, Thema aller Bücher, in denen man von Diebstahl und Einbruch liest.