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Es war mittlerweile zehn Uhr abends, und die Straße war verlassen. Die Lichter des Freeway lockten, aber mir war klar, daß um diese Zeit kein vernünftiger Mensch mich in seinem Auto mitnehmen würde. Ich holte meine Handtasche aus dem Wagen und hängte sie mir über die Schulter. Dann ging ich zur Fahrerseite und machte die Tür auf, um den Zündschlüssel abzuziehen. Ich hätte den Wagen absperren können, aber wozu? Er tat es im Moment sowieso nicht, und das Rückfenster war zersplittert, so daß jeder Dieb sich bedienen konnte, wenn er wollte.
Ich marschierte zur nächsten Tankstelle, die vielleicht eine Meile entfernt war. Es war sehr dunkel. Die Abstände zwischen den Straßenlampen waren groß, und sie spendeten nur trübes Licht. Das Gewitter war anscheinend irgendwo vor der Küste hängen geblieben, lauerte mit finsteren Wolken und zuckenden Blitzen. Der Wind fegte über den Sand, und in den Palmen knisterten welke Wedel. Ich nahm mir einen Moment Zeit, um mir klarzuwerden, wie ich mich fühlte, und stellte fest, daß ich in Anbetracht all der Aufregung recht gut in Form war. Einer der Vorteile körperlicher Fitneß ist es, daß man ohne große Anstrengung eine Meile zu Fuß gehen kann. Ich hatte Jeans an, ein kurzärmeliges Sweatshirt und meine Tennisschuhe, nicht gerade die ideale Ausrüstung zum Wandern, aber eine bessere als manche andere.
Es war eine dieser großen Tankstellen, die rund um die Uhr geöffnet sind, aber in der Nacht war nur ein Mann da. Natürlich konnte er seinen Platz nicht verlassen. Ich ließ mir eine Handvoll Wechselgeld geben und rief von der öffentlichen Telefonzelle an der Ecke des Parkplatzes aus die AAA an. Ich gab den Leuten meine Nummer an und erklärte ihnen, wo ich war. Während ich dann auf den Abschleppwagen wartete, rief ich Renata an und berichtete ihr, was sich ereignet hatte. Sie schien mir unseren kleinen Zusammenstoß auf dem Bootsdeck nicht nachzutragen. Sie sagte, Jaffe sei noch nicht angekommen, aber sie würde sich in den Wagen setzen und die Strecke zwischen ihrem Haus und der Uferstraße, auf der ich ihn zuletzt gesehen hatte, einmal abfahren.
Der Abschlepper trudelte eine Dreiviertelstunde später ein. Ich setzte mich zum Fahrer in die Kabine und dirigierte ihn zu meinem Wagen. Er war ein Mann in den Vierzigern, der anscheinend sein Leben lang nichts anderes getan hatte, als Autos abzuschleppen, und einen unerschöpflichen Fundus an guten Ratschlägen besaß. Als wir bei meinem VW ankamen, stieg er aus, zog einmal kräftig seine Hose hoch und ging, die Hände in die Hüften gestemmt, um den Wagen herum. Dann blieb er stehen und spie aus. »Was ist hier eigentlich los?« Möglich, daß er wegen des zersplitterten Rückfensters fragte, aber das ignorierte ich erst einmal.
»Ich habe keine Ahnung. Ich tuckerte mit ungefähr vierzig die Straße runter, da gab der Wagen plötzlich seinen Geist auf.«
Er deutete aufs Wagendach, in dem eine großkalibrige Kugel ein Loch von der Größe eines Zehncentstücks hinterlassen hatte. »Und was ist das?«
»Oh. Sie meinen das?« Mit zusammengekniffenen Augen beugte ich mich vor.
Das Loch sah aus wie ein schwarzer Tupfen auf dem hellblauen Lack. Er schob eine Fingerspitze hinein. »Das sieht mir aus wie ein Einschußloch.«
»Mein Gott, ja, es sieht wirklich so aus, nicht?«
Wir umrundeten den Wagen noch einmal, und an allen beschädigten Stellen, an denen wir vorbeikamen, tat ich so konsterniert wie er. Er fragte mich gründlich aus, aber ich wehrte seine Fragen ab. Der Kerl war schließlich LKW-Fahrer und kein Polizeibeamter. Und ich stand nicht unter Eid.
Schließlich setzte er sich kopfschüttelnd ans Steuer und versuchte, den Wagen zu starten. Ich vermute, es hätte ihm tiefe Befriedigung verschafft, wenn der Motor auf Anhieb angesprungen wäre. Er gehörte meinem Gefühl nach zu den Männern, die nichts dagegen haben, wenn Frauen dumm dastehen. Aber er hatte Pech. Er stieg wieder aus, ging nach hinten und guckte. Er knurrte vor sich hin, fummelte hier und fummelte dort und versuchte erneut zu starten. Wieder ohne Erfolg. Er schleppte den VW zur Tankstelle und zuckelte dann mit einem letzten argwöhnischen Blick zurück und einem Kopfschütteln davon. Frauen! Ich redete mit dem Tankwart, der mir versicherte, daß der Mechaniker punkt sieben am nächsten Morgen kommen würde.
Inzwischen war es nach Mitternacht. Ich war nicht nur total erledigt, sondern auch ohne fahrbaren Untersatz. Ich hätte Henry anrufen können. Er wäre sofort in sein Auto gesprungen, um mich zu holen. Aber mir graute einfach vor der Fahrt; noch eine Runde in dem eintönigen Rennen, das ich zwischen Santa Teresa und Perdido fuhr. Zum Glück fehlte es in dieser Gegend nicht an Motels. Ich entdeckte eines gleich auf der anderen Seite des Freeway, zu Fuß leicht zu erreichen, und machte mich auf den Weg über die Überführung. Um für solche Notfälle gewappnet zu sein, habe ich in meiner Handtasche immer eine Zahnbürste, Zahnpasta und ein frisches Höschen.
Das Motel hatte noch ein einziges freies Zimmer. Ich bezahlte mehr, als ich wollte, aber ich war zu müde, um mich herumzustreiten. Für die extra dreißig Dollar kam ich in den Genuß eines winzigen Fläschchens Shampoo und eines ebenso winzigen Behälters mit Körpermilch. Sie reichte gerade mal für ein Bein. Aber man bekam das Zeug schon mal überhaupt nicht heraus. Ich gab schließlich auf und legte mich mit ungepflegter Haut schlafen.
Um sechs erwachte ich und wußte einen Moment lang nicht, wo ich war. Als es mir wieder einfiel, kroch ich noch einmal unter die Decke und wachte erst um halb neun wieder auf. Ich duschte, schlüpfte in mein frisches Höschen und dann in die Kleider von gestern. Das Zimmer war bis Mittag bezahlt, darum behielt ich den Schlüssel, holte mir am Automaten einen Becher Kaffee und ging über den Freeway zur Tankstelle.
Der Mechaniker war achtzehn Jahre alt, hatte krauses rotes Haar, braune Augen, eine Stupsnase, eine Lücke zwischen den Schneidezähnen und einen dicken texanischen Akzent. Der Overall, den er anhatte, sah aus wie ein Spielanzug. Als er mich sah, winkte er mich mit gekrümmtem Zeigefinger zu sich. Er hatte den Wagen aufgebockt, und wir sahen ihn uns beide von unten an. Ich spürte schon, wie die Geldscheine zum Fenster hinausflogen. Er wischte sich die Hände an einem Lappen ab und sagte: »Schauen Sie mal.«
Ich schaute, ohne zunächst zu begreifen, was er mir zeigen wollte. Er langte hinauf und berührte eine Klemmschraube, die an einer Leitung festgemacht war.
»Da hat Ihnen jemand dieses Ding an die Benzinleitung geklemmt. Sie konnten wahrscheinlich gerade mal ein paar hundert Meter fahren, ehe Ihnen der Saft ausgegangen ist.«
Ich lachte. »Und das ist alles?«
Er nahm die Klemmschraube ab und legte sie mir in die Hand. »Das ist alles. Der Wagen müßte jetzt laufen wie geschmiert.«
»Danke. Das ist ja wunderbar. Was bekommen Sie von mir?«
»Ein Dankeschön reicht da, wo ich herkomme«, sagte er.
In meinem Motelzimmer setzte ich mich auf das ungemachte Bett und rief Renata an. Ihr Anrufbeantworter meldete sich, und ich bat sie, mich zurückzurufen. Als nächstes versuchte ich es bei Michael und hatte ihn zu meiner Überraschung sofort an der Leitung.
»Hallo, Michael. Kinsey hier. Ich dachte, Sie wären arbeiten. Haben Sie von Ihrem Vater gehört?«
»Nein. Und Brian auch nicht. Er hat heute morgen angerufen und gesagt, daß mein Vater nie erschienen sei. Er war sehr beunruhigt. Ich habe mich krank gemeldet, damit ich in der Nähe des Telefons bleiben kann.«
»Wo ist Brian?«
»Das sagt er mir nicht. Ich glaube, er hat Angst, daß ich ihn der Polizei ausliefere, ehe er und mein Vater zusammenkommen. Glauben Sie, daß mit meinem Vater alles in Ordnung ist?«
»Das ist schwer zu sagen.« Ich berichtete ihm von den Ereignissen des vergangenen Abends. »Ich habe Renata eine Nachricht hinterlassen und hoffe, daß sie sich bei mir meldet. Als ich gestern abend mit ihr sprach, wollte sie versuchen, ihn zu finden. Vielleicht hat sie ihn irgendwo auf der Straße aufgegabelt.«
Ein kurzes Schweigen folgte. »Wer ist Renata?«
Ach, du meine Güte. »Äh — hm. Sie ist eine Bekannte Ihres Vaters. Ich glaube, er wohnt bei ihr im Haus.«
»Sie wohnt hier in Perdido?«
»Sie hat ein Haus auf den Keys.«
Wieder Schweigen. »Weiß meine Mutter davon?«
»Ich glaube nicht. Wahrscheinlich nicht.«
»Mann o Mann. So ein Schwein.« Wieder Schweigen. »Na gut, ich will Sie nicht aufhalten. Ich möchte die Leitung nicht besetzen, für den Fall, daß er anruft.«
Ich sagte: »Sie haben meine Nummer. Geben Sie mir Bescheid wenn Sie von ihm hören?«
»Natürlich«, antwortete er kurz. Ich hatte den Verdacht, daß alles noch verbliebene Loyalitätsgefühl mit der Neuigkeit von Renata ausgelöscht worden war.
Ich rief bei Dana an. Auch hier meldete sich der Anrufbeantworter. Ich lauschte fingertrommelnd den Klängen des Hochzeitsmarschs, während ich auf den Pfeifton wartete. Ich bat sie, mich zurückzurufen. Ich hätte mich ohrfeigen können, daß ich Michael gegenüber Renata erwähnt hatte. Jaffe hatte den Jungen genug verletzt, da hätte ich nicht auch noch seine Freundin ins Spiel zu bringen brauchen. Ich rief im Gefängnis von Perdido County an und verlangte Lieutenant Ryckman. Er war nicht im Büro. Ich ließ mich mit Deputy Tiller verbinden, der mir berichtete, in der Dienststelle werde es wegen Brians nicht ordnungsgemäßer Freilassung zu drastischen personellen Veränderungen kommen. Jeder Beamte, der Zugang zum Computer hatte, würde genauestens unter die Lupe genommen. Dann kam ein Anruf für ihn, und er mußte Schluß machen. Ich sagte, ich würde nach meiner Rückkehr nach Santa Teresa noch einmal versuchen, Ryckman zu erreichen.
Ich hatte meine Ortsgespräche fast alle erledigt. Um zehn war ich unterwegs nach Santa Teresa. Ich hoffte, bis zu meiner Rückkehr würden in meinem Büro einige Anrufe eingegangen sein, aber als ich die Tür aufsperrte, starrte mich nur das grüne Licht des Anrufbeantworters blöde an. Ich widmete mich den üblichen Routinearbeiten: Anrufe und Post, ein paar Buchhaltungseintragungen, ein paar Rechnungen, die gezahlt werden mußten. Ich kochte mir eine Kanne Kaffee und rief dann meine Versicherung an, um den Zwischenfall vom vergangenen Abend zu melden. Die Sachbearbeiterin meinte, ich solle das Rückfenster ruhig ersetzen lassen. Es sei doch klar, daß ich nicht mit beschädigtem Rückfenster herumfahren könne.
Ich war versucht, die Einschüsse zu lassen, wo sie waren. Wenn man zu viele Schadensfälle meldete, kündigten sie einem entweder die Versicherung oder erhöhten die Beiträge ins Astronomische. Was machten mir schon ein paar Einschußlöcher aus? Ich konnte ja selbst mit einigen aufwarten. Ich rief die Werkstatt an und machte einen Termin für den späten Nachmittag aus, um das Fenster austauschen zu lassen.
Kurz nach der Mittagspause meldete mir Alison, daß Renata Huff am Empfang wartete. Ich ging nach vorn. Sie saß auf dem kleinen Sofa, den Kopf nach hinten geneigt, die Augen geschlossen. Sie sah nicht gut aus. Sie hatte eine weite lange Hose an, mit einem Gürtel in der Taille, und ein schwarzes Oberteil mit V-Ausschnitt und einen orangefarbenen Anorak darüber. Ihr lockiges dunkles Haar war noch feucht von einer kürzlichen Dusche, doch ihre Augen hatten dunkle Schatten, und ihre Wangen wirkten schmal, wie eingefallen. Mit einem entschuldigenden Lächeln zu Alison, die im Vergleich zu ihr besonders frisch wirkte, stand sie auf.
Ich führte sie in mein Büro, setzte sie in den Besuchersessel und schenkte uns beiden Kaffee ein.
»Danke«, murmelte sie und trank mit Genuß. Wieder schloß sie die Augen, während sie den Kaffee auf ihrer Zunge zergehen ließ. »Hm, der schmeckt gut. Den habe ich gebraucht.«
»Sie sehen müde aus.«
»Ich bin müde.«
Es war das erste Mal, daß ich Gelegenheit hatte, sie mir näher anzusehen. In Ruhe war ihr Gesicht nicht eigentlich hübsch. Sie hatte einen sehr schönen Teint — ein klares Oliv ohne jeden Makel — , aber ihre Gesichtszüge hatten nichts Gefälliges: dunkle, buschige Brauen, dunkle Augen, die zu klein waren. Ihr Mund war sehr groß, und durch das kurze Haar wirkte die untere Gesichtspartie sehr kantig. Ihr Ausdruck hatte normalerweise etwas Düsteres, doch in den seltenen Momenten, wenn sie lächelte, war ihr Gesicht völlig verändert — exotisch, voller Licht.
»Wendell ist gestern ungefähr um Mitternacht nach Hause gekommen. Heute morgen mußte ich weg, um etwas zu erledigen. Ich war bestimmt nicht länger als vierzig Minuten weg. Als ich zurückkam, war alles, was ihm gehört, verschwunden und er selbst auch. Ich habe ungefähr eine Stunde gewartet, dann habe ich mich in den Wagen gesetzt und bin hergefahren. Eigentlich wollte ich die Polizei anrufen, aber ich dachte mir, ich versuch’s erst mal bei Ihnen und höre mir an, was Sie raten.«
»Raten? Wozu?«
»Er hat Geld von mir mitgenommen. Viertausend Dollar in bar.«
»Und was ist mit der Fugitive?«
Sie schüttelte müde den Kopf. »Er weiß, daß ich ihn umbringen würde, wenn er das Boot nähme.«
»Haben Sie nicht auch ein Motorboot?«
»Es ist kein Motorboot. Es ist ein Schlauchboot. Aber das ist noch da. Im übrigen hat Wendell keinen Schlüssel zur Fugitive.«
»Wieso nicht?«
Sie wurde ein wenig rot. »Ich habe ihm nie getraut.«
»Sie sind seit fünf Jahren mit ihm zusammen und trauen ihm nicht einmal so weit, daß Sie ihm die Schlüssel zu Ihrem Boot geben?«
»Er hatte ohne mich auf dem Boot nichts zu suchen«, versetzte sie in schroffem Ton.
Ich ging darauf nicht weiter ein. »Und was haben Sie nun für einen Verdacht?«
»Ich glaube, er hat sich die Lord wiedergeholt. Weiß der Himmel, was er danach vorhat.«
»Weshalb sollte er Eckerts Boot stehlen?«
»Weil er alles stehlen würde. Verstehen Sie das denn nicht? Die Lord war ursprünglich sein Boot, und er wollte sie wiederhaben. Außerdem ist die Fugitive ein Küstenschiff. Die Lord ist ein Hochseeschiff, für seine Zwecke besser geeignet.«
»Und die wären?«
»Soweit wie möglich von hier wegzukommen.«
»Warum kommen Sie damit zu mir?«
»Ich dachte, Sie wüßten, wo die Lord liegt. Sie sagten, Sie hätten mit Eckert auf dem Boot gesprochen. Ich wollte nicht erst eine Menge Zeit beim Hafenmeister verschwenden.«
»Wendell hat mir gestern abend erzählt, Carl Eckert sei auswärts.«
»Ja, natürlich. Das ist doch der springende Punkt. Er wird das Boot erst vermissen, wenn er zurückkommt.« Sie sah auf ihre Uhr. »Wendell muß ungefähr um zehn Uhr heute morgen aus Perdido abgefahren sein.«
»Wie hat er das gemacht? fiat er den Wagen richten lassen?«
»Er hat den Jeep genommen, den ich immer auf der Straße stehen lasse. Selbst wenn er vierzig Minuten gebraucht hat, besteht immer noch eine Chance, daß die Küstenwache ihn aufhalten kann.«
»Was wäre denn sein Ziel?«
»Mexiko, vermute ich. Er kennt die Gewässer um die Baja, und er hat einen gefälschten mexikanischen Paß.«
»Ich hole meinen Wagen«, sagte ich.
»Wir können meinen nehmen.«
Wir rannten die Treppe hinunter, ich voraus, Renata hinterher. »Sie sollten den Jeep bei der Polizei als gestohlen melden.«
»Gute Idee. Ich hoffe, er hat ihn irgendwo auf dem Parkplatz am Jachthafen stehen lassen.«
»Was hat er gesagt, wo er gestern abend abgeblieben ist? Ich habe ihn ungefähr um zehn verloren. Wenn er erst um Mitternacht nach Hause gekommen ist, was hat er dann in den zwei Stunden getan? Solange braucht man nicht, um anderthalb Meilen zu Fuß zu gehen.«
»Ich weiß es nicht. Nachdem Sie angerufen hatten, habe ich mich in meinen Wagen gesetzt und auf die Suche gemacht. Ich bin alle Straßen zwischen meinem Haus und dem Strand abgefahren und habe keine Spur von ihm gefunden. Nach dem, was er sagte, scheint jemand ihn abgeholt zu haben. Aber wer das war, wollte er nicht sagen. Vielleicht einer seiner Söhne.«
»Das glaube ich nicht«, widersprach ich. »Ich habe vor kurzem mit Michael gesprochen. Er erzählte mir, daß Brian ihn heute morgen angerufen hat. Wendell wollte gestern abend zu ihm kommen, ist aber nie erschienen.«
»Wendell ist ein Meister der leeren Versprechungen.«
»Wissen Sie, wo Brian sein könnte?«
»Nein, ich habe keine Ahnung. Wendell hat immer darauf geachtet, daß ich möglichst wenig wußte. Dann konnte ich mich, wenn die Polizei mich vernehmen sollte, auf Nichtwissen berufen.«
Das war anscheinend Wendell Jaffes normale Vorgehensweise, aber ich fragte mich, ob es sich nicht diesmal rächen würde, daß er alle im unklaren ließ.
Inzwischen waren wir auf der Straße. Renata hatte sämtlichen Parkverboten Trotz geboten und sich mitten ins Halteverbot gestellt. Und hatte sie vielleicht einen Strafzettel? Natürlich nicht. Die Reifen des Jaguar quietschten dezent, als sie losfuhr. Ich hielt mich fest.
»Vielleicht ist Wendell zur Polizei gegangen«, bemerkte ich. »Michael sagte er, daß er sich stellen will. Und nachdem auf ihn geschossen worden war, meinte er vielleicht, er sei im Knast sicherer.«
Sie warf mir nur einen zynischen Blick zu. »Er hatte nicht die geringste Absicht, sich zu stellen. Das war nur Gerede. Er sagte was davon, daß er zu Dana wollte, aber das kann auch nur Gerede gewesen sein.«
»Er war gestern abend bei Dana? Weswegen?«
»Ich weiß nicht, ob er wirklich bei ihr war. Er sagte, er wolle mit ihr reden. Er hatte ihr gegenüber ein schlechtes Gewissen. Er wollte sich wahrscheinlich entlasten, bevor er wieder verschwand.«
»Sie glauben also, daß er ohne Sie weggegangen ist?«
»Zutrauen würde ich es ihm jedenfalls. Er hat kein Rückgrat. Er hat nie die Konsequenzen seines Verhaltens auf sich genommen. Niemals. Mir ist es inzwischen egal, ob er im Kittchen landet.«
Sie schien die rote Welle erwischt zu haben, doch wenn rechts und links die Straße frei war, brauste sie in ihrer Hast, zum Jachthafen zu kommen, einfach über Rot, und Stoppschilder ignorierte sie vollkommen. Vielleicht war sie der Meinung, Verkehrsvorschriften seien nur als Vorschläge gemeint, oder vielleicht hatten an diesem Tag Verkehrsvorschriften für sie einfach keine Geltung.
Ich musterte sie von der Seite, während ich überlegte, was ich wohl an Informationen aus ihr würde herausholen können. »Ich würde gern mal wissen, wie Wendell sein Verschwinden damals bewerkstelligt hat.«
»Wie meinen Sie das?«
Ich zuckte mit den Achseln, da ich nicht recht wußte, wo ich anfangen sollte. »Was für Vorbereitungen hat er getroffen? Ich kann mir nicht vorstellen, daß er das allein geschafft hat.« Ich sah ihr Zögern und versuchte es mit sanfter Überredung. »Ich bin nicht einfach neugierig. Ich könnte mir denken, daß er das, was er damals tat, heute vielleicht wieder versuchen wird.«
Zuerst glaubte ich, sie würde mir nicht antworten, aber dann warf sie mir endlich einen Blick zu. »Sie haben recht. Ohne Hilfe hätte er es nicht schaffen können«, sagte sie. »Ich segelte meine Ketsch allein die Küste hinunter und las ihn mit dem Dinghy auf, nachdem er die Lord verlassen hatte.«
»Aber das war doch riskant, oder nicht? Stellen Sie sich vor, Sie hätten ihn verfehlt. Der, Ozean ist groß.«
»Ich bin mein Leben lang gesegelt. Ich verstehe etwas von Booten. Der ganze Plan war riskant, aber wir haben ihn durchgezogen. Und mit Erfolg. Darauf kommt es doch letzten Endes an, nicht?«
»Ja, wahrscheinlich.«
»Segeln Sie auch?«
Ich schüttelte den Kopf. »Zu teuer.«
Sie lächelte schwach. »Suchen Sie sich einen Mann mit Geld. So habe ich es immer gemacht. Ich habe Skifahren und Golfspielen gelernt. Ich habe gelernt, erster Klasse rund um die Welt zu reisen.«
»Was war mit ihrem ersten Mann, Dean?« fragte ich.
»Er ist an einem Herzinfarkt gestorben. Er war übrigens Nummer zwei.«
»Und seit wann reist Wendell auf seinen Paß?«
»Von Anfang an. Seit wir weggegangen sind.«
»Und die Paßbehörde hat nie nachgefragt?«
»Bei denen ist irgend etwas schiefgelaufen. Darum kamen wir überhaupt auf die Idee. Dean ist in Spanien gestorben. Irgendwie ist das nie bis hierher durchgedrungen. Als sein Paß ablief und verlängert werden mußte, hat Wendell den Antrag ausgefüllt, und wir haben einfach sein Foto dazugelegt. Er und mein Mann waren sich im Alter nah genug, daß wir Deans Geburtsurkunde hätten verwenden können, wenn es jemals Fragen gegeben hätte.«
Links von uns tauchte der Jachthafen mit seinem Wald nackter Masten auf. Der Tag war trübe, und über dem dunkelgrünen Wasser des Hafens trieben Dunstschwaden. Es roch nach Seetang und Dieselöl. Ein kräftiger Wind blies vom Ozean her und brachte den Geruch fernen Regens mit.
Renata lenkte den Wagen auf den Parkplatz und fand eine Lücke gleich vor dem Kiosk. Sie stellte den Jaguar ab, und wir stiegen aus. Ich ging voraus, da ich wußte, wo die Captain Stanley Lord lag.
Wir kamen an einem schäbigen kleinen Fischrestaurant vorbei, das ein paar Tische draußen hatte, und am Haus der Marinereserve.
»Und weiter?« sagte ich.
Sie zuckte mit den Achseln. »Als wir den Paß hatten, sind wir abgereist. Ich bin regelmäßig wieder hergekommen, meistens allein, aber ab und zu auch mit Wendell. Er ist dann immer auf dem Boot geblieben. Ich konnte ungehindert kommen und gehen, da kein Mensch von unserer Beziehung wußte. Ich habe immer ein Auge auf die Jungen gehabt, auch wenn sie es nicht wußten.«
»Dann wußte Wendell also Bescheid, als die Schwierigkeiten mit Brian anfingen?«
»O ja. Aber er machte sich zunächst keine Sorgen. Er betrachtete Brians Zusammenstöße mit der Polizei als Dumme-Jungen-Streiche. Ein bißchen Schuleschwänzen und ein bißchen Sachbeschädigung.«
»Natürlich. Reine Kindereien.«
Sie ignorierte den Einwurf. »Wir waren auf einer großen Kreuzfahrt rund um die Welt, als es wirklich schlimm wurde. Bei unserer Rückkehr steckte Brian tief in Schwierigkeiten. Und da hat Wendell dann eingegriffen.«
Wir gingen an einer Fischbude vorüber. Links von uns erstreckte sich der Marinepier ins Wasser. Ein großer Schlepper stand dort. Eben war ein Boot aus dem Wasser gehoben worden, und wir mußten warten — voll Ungeduld — , bis der Schlepper über den Fußweg gekrochen und in die Straße rechts von uns eingebogen war.
»Wie denn? Was genau hat er getan? Ich begreife immer noch nicht, wie er das angestellt hat.«
»So genau weiß ich es auch nicht. Es hatte irgendwas mit dem Namen des Boots zu tun.« Die Mole war wie ausgestorben. Wahrscheinlich trieb das Wetter die Boote in den Hafen und die Menschen unter Deck. »Nicht direkt«, fügte sie hinzu. »So wie er es mir erzählt hat, legte man Captain Stanley Lord etwas zur Last, was er gar nicht getan hatte.«
»Er soll das SOS der Titanic nicht beachtet haben, wie ich gehört habe«, sagte ich.
»Wurde behauptet. Wendell hat den Fall gründlich recherchiert, und er war überzeugt, daß Lord unschuldig war.«
»Ich verstehe den Zusammenhang nicht.«
»Wendell war selbst einmal mit dem Gesetz in Konflikt —«
»Ach ja, stimmt. Ich erinnere mich. Jemand hat mir das erzählt. Er hatte gerade sein Jurastudium abgeschlossen und wurde wegen Totschlags verurteilt, richtig?«
Sie nickte. »Die Einzelheiten weiß ich nicht.«
»Und zu Ihnen hat er gesagt, er sei nicht schuldig gewesen?«
»Oh, er war auch nicht schuldig«, sagte sie. »Er hat die Schuld eines anderen auf sich genommen. So konnte er Brian aus dem Gefängnis holen. Indem er seine Schuld eingetrieben hat.«
Ich starrte sie an. »Haben Sie mal von einem Mann namens Harris Brown gehört?«
Sie schüttelte den Kopf. »Wer ist das?«
»Ein ehemaliger Polizeibeamter. Nach Wendells Verschwinden wurde er zu dem Ermittlungsteam eingeteilt, das die Affäre bearbeitete. Aber dann wurde er abgezogen. Es stellte sich heraus, daß er einen Haufen Geld in Wendells Firma investiert hatte und durch den Schwindel praktisch pleite gegangen war. Ich dachte, er hätte vielleicht einige seiner alten Verbindungen spielen lassen, um Brian zu helfen. Ich verstehe nur nicht, warum er das tun sollte.«
Das Tor zum Jachthafen 1 war abgesperrt. Möwen hackten mit ihren Schnäbeln konzentriert auf ein Fischernetz ein. Wir warteten ein Weilchen, in der Hoffnung, daß jemand mit einer Computerkarte für das Schloß vorbeikam, hinter dem wir hineinschlüpfen könnten. Aber es kam niemand.
Schließlich kletterte ich neben dem Tor über den Zaun, machte Renata von innen auf, und wir gingen zu den Liegeplätzen. Unser Gespräch versiegte. Am sechsten Steg, der mit »J« gekennzeichnet war, bog ich rechts ab und ließ meinen Blick, lautlos zählend, zu dem Platz schweifen, an dem die Lord festgemacht war.
Selbst aus dieser Entfernung konnte ich sehen, daß der Liegeplatz leer war. Das Boot war weg.