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Ich zögerte nur einen Moment, und ein Lächeln flog über sein Gesicht.
»Keine Angst. Ich bin nicht der schwarze Mann. Meine Frau ist draußen im Garten und jätet Unkraut. Wir arbeiten beide zu Hause. Wenn Mr. Jaffe überhaupt jemandem auffallen sollte, dann höchstwahrscheinlich uns. Wie war doch gleich Ihr Name?«
Er wich in das Vestibül zurück und winkte mir, ihm zu folgen.
»Kinsey Millhone«, sagte ich und trat hinter ihm ins Haus. »Tut mir leid. Ich hätte mich vorstellen sollen. Da unten auf dem Flugblatt steht mein Name.« Ich bot ihm die Hand, und wir tauschten einen kurzen Händedruck.
»Freut mich, Sie kennenzulernen. Jerry Irwin. Meine Frau heißt Lena. Sie hat Sie gesehen, als Sie drüben von Haus zu Haus gegangen sind. Ich habe hinten ein Arbeitszimmer. Sie kann uns eine Tasse Kaffee bringen, wenn Sie möchten?«
»Nein, danke, für mich nichts.«
»Oh, das wird sie interessieren«, sagte er. »Lena? Huhu, Lena!«
Das Arbeitszimmer war ein kleiner Raum, in hellem Holz getäfelt, größtenteils von einem L-förmigen Schreibtisch eingenommen. An den Wänden standen deckenhohe Bücherregale aus Metall.
»Ich will mal sehen, ob ich sie finden kann. Nehmen Sie inzwischen Platz«, sagte er und eilte durch den Flur in Richtung Hintertür davon.
Ich setzte mich auf einen Klappstuhl aus Metall und musterte interessiert meine Umgebung, um mir während Irwins Abwesenheit ein Bild von ihm zu machen. Computer, Bildschirm, Keyboard. Massenhaft floppy disks, säuberlich geordnet. Offene Kästen, mit irgendwelchen farbigen Illustrationen gefüllt, die durch Pappdeckel voneinander abgeteilt waren. In einem niedrigen Metallregal rechts vom Schreibtisch standen zahlreiche dicke Wälzer, deren Titel ich nicht entziffern konnte. Ich neigte mich mit zusammengekniffenen Augen näher. Burke’s General Armory, Armorial General Rietstap, New Dictionary of American Family Names, Dictionary of Surnames, Dictionary of Heraldry. Lauter Werke über Wappen- und Namenskunde. Ich hörte ihn draußen im Garten rufen, und Sekunden später die Stimmen beider, die sich dem Zimmer näherten, in dem ich wartete. Ich lehnte mich auf meinem Stuhl zurück und bemühte mich, so zu tun, als sei Neugier kein Laster von mir. Als sie eintraten, stand ich auf, aber Lena Irwin bat mich Platz zu behalten. Ihr Mann warf das Flugblatt auf seinen Schreibtisch und ging um das Möbel herum zu seinem Sessel.
Lena Irwin war klein und ein wenig mollig. Sie trug eine weite Leinenhose und ein blaues Hemd mit aufgekrempelten Ärmeln. Das graue Haar hatte sie hochgesteckt, hier und dort jedoch hatten sich feuchte Strähnen aus den Nadeln und Spangen gelöst. Die Sommersprossen auf ihrem Nasenrücken legten die Vermutung nahe, daß ihr Haar früher einmal rot gewesen war. Die Sonnenbrille saß ihr wie ein Flitzebogen auf dem Kopf. Nach ihrer Arbeit im Garten hatte sie pechschwarze Nägel, und an der Hand, die sie mir reichte, hafteten noch Erdkrümel.
Voller Interesse musterte sie mich. »Guten Tag. Ich bin Lena.«
»Guten Tag. Tut mir leid, daß ich Sie bei der Gartenarbeit gestört habe«, sagte ich.
Sie winkte lässig ab. »Der Garten läuft mir nicht davon. Ich bin froh, daß ich eine Pause machen kann. Die Sonne ist Wahnsinn. Jerry hat mir von der Sache mit den Jaffes erzählt.«
»Wendell Jaffe im besonderen. Kannten Sie ihn?«
»Wir haben von ihm gehört«, antwortete Lena.
»Sie kennen wir ganz gut«, warf Jerry ein, »auch wenn wir gern Distanz halten. Perdido ist ein Nest, aber wir waren trotzdem platt, als wir hörten, daß sie hierhergezogen ist. Sie hat früher in einer besseren Gegend gewohnt. Nichts Luxuriöses, aber doch viel besser als dieses Viertel hier.«
»Wir glaubten natürlich, sie sei Witwe.«
»Das glaubte sie selbst auch«, sagte ich und gab eine kurze Erklärung der letzten Entwicklungen. »Hat Jerry Ihnen das Bild gezeigt?«
»Ja, aber ich hatte noch keine Gelegenheit, es mir genauer anzusehen.«
Jerry legte das Flugblatt auf seinem Schreibtisch gerade hin, so daß sein unterer Rand mit dem der Löschunterlage übereinstimmte. »Wir haben das mit Brian in der Zeitung gelesen. Unglaublich, dieser Junge! Praktisch jedesmal, wenn wir zum Fenster rausschauen, ist da drüben die Polizei.«
Lena mischte sich ein und wechselte das Thema. »Möchten Sie vielleicht eine Tasse Kaffee oder ein Glas Zitronensaft? Das ist gleich gemacht.«
»Besser nicht«, antwortete ich. »Ich habe noch eine Menge Arbeit vor mir. Ich will diese Flugblätter möglichst alle heute verteilen, für den Fall, daß Jaffe aufkreuzen sollte.«
»Also, wir werden auf jeden Fall die Augen offenhalten. So nahe beim Freeway haben wir hier natürlich eine Menge Autos, besonders in der Rushhour, wenn die Leute nach Schleichwegen suchen. Die Abfahrt ist ja gleich an der nächsten Kreuzung südlich von hier. Und am anderen Straßenende ist ein kleines Einkaufszentrum. Da haben wir hier natürlich auch ganz schön Fußgängerverkehr.«
Lena, die damit beschäftigt war, Erde unter ihren Fingernägeln herauszupulen, bemerkte: »Ich habe hier ein kleines Buchhaltungsbüro und arbeite in einem Zimmer, das nach vorn hinaus liegt. Ich sitze also jeden Tag mehrere Stunden am Fenster. Da entgeht uns nicht viel, wie Sie sich wahrscheinlich denken können. Tja, ich freue mich, daß wir Gelegenheit hatten, uns kennenzulernen. Jetzt mache ich besser im Garten weiter, damit ich dann noch zu meiner Arbeit komme.«
»Gut, und ich mache mich wieder auf den Weg. Sie wissen, ich bin Ihnen für jeden Tip dankbar.«
Mit dem Flugblatt und einer meiner Karten in der Hand brachte sie mich zur Tür. »Ich hoffe, Sie nehmen mir eine persönliche Frage nicht übel, aber Ihr Vorname ist ungewöhnlich. Kennen Sie seinen Ursprung?«
»Kinsey ist der Mädchenname meiner Mutter. Ich vermute, sie wollte ihn nicht ganz verlieren und hat ihn deshalb an mich weitergegeben.«
»Ich frage deshalb, müssen Sie wissen, weil Jerry sich, seit er im Ruhestand ist, mit Namens- und Wappenforschung beschäftigt.«
»Ja, das dachte ich mir schon, als ich die vielen Bücher zu dem Thema sah. Der Name ist englisch, glaube ich.«
»Und Ihre Eltern? Leben sie hier in Perdido?«
»Sie sind beide vor Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Sie wohnten damals in Santa Teresa. Sie sind ums Leben gekommen, als ich fünf Jahre alt war.«
Sie musterte mich mit einem langen, aufmerksamen Blick. »Es würde mich interessieren, ob Ihre Mutter mit den Burton Kinseys in Lompoc verwandt war.«
»Soviel ich weiß, nicht. Ich kann mich nicht erinnern, diesen Namen je gehört zu haben.«
Immer noch studierte sie mein Gesicht. »Sie haben nämlich eine unheimliche Ähnlichkeit mit einer Freundin von mir, die eine geborene Kinsey ist. Sie hat eine Tochter in Ihrem Alter. Wie alt sind Sie — zweiunddreißig?«
»Vierunddreißig«, antwortete ich, »aber ich habe keine Familie mehr. Meine einzige nahe Verwandte war die Schwester meiner Mutter, die vor zehn Jahren gestorben ist.«
»Na ja, wahrscheinlich gibt’s da keine Verbindung, aber ich wollte einfach mal fragen. Sie sollten Jerry in seinen Akten nach-sehen lassen. Er hat mehr als sechstausend Namen in seinem Computerprogramm. Er könnte das Familienwappen bestimmen und Ihnen eine Kopie machen.«
»Ja, vielleicht das nächste Mal, wenn ich herkomme. Es klingt spannend.« Ich versuchte, mir das Wappen der Familie Kinsey auf einem flatternden Banner vorzustellen. Ich konnte es vielleicht über der Ritterrüstung im großen Rittersaal anbringen lassen. Genau das richtige für die besonderen Anlässe, bei denen man ein bißchen Eindruck schinden möchte.
»Ich werde Jerry sagen, er soll mal nachforschen«, erklärte sie entschieden. »Das ist nicht Genealogie — ihn interessiert nur die Herkunft der Familiennamen.«
»Er soll sich nur meinetwegen keine Mühe machen«, sagte ich.
»Das ist keine Mühe. Er tut es gern. Wir haben jeden Sonntagnachmittag einen Stand auf dem Kunstmarkt in Santa Teresa. Kommen Sie doch mal vorbei. Der Stand ist gleich beim Kai.«
»Ja, das tue ich vielleicht. Und vielen Dank noch mal, daß Sie sich Zeit für mich genommen haben.«
»Keine Ursache. Wir halten die Augen offen.«
»Wunderbar. Und rufen Sie bitte jederzeit an, wenn Ihnen etwas Verdächtiges auffällt.«
»Sie können sich darauf verlassen.«
Ich winkte ihr noch einmal zu, dann eilte ich die Verandatreppe hinunter. Ich hörte hinter mir die Haustür zufallen.
Als ich meine Flugblätter in sämtlichen Häusern der Straße verteilt hatte, war bei Dana ein knallroter Möbelwagen vorgefahren, und zwei bullige Männer waren dabei, ein Doppelbett die Treppe hinunterzubugsieren. Die Fliegengittertür stand weit offen, und ich konnte sehen, wie sie manövrierten, um die Biegung zu schaffen. Michael half auch mit, wahrscheinlich um den Prozeß zu beschleunigen und auf diese Weise die Kosten niedriger zu halten. Von Zeit zu Zeit kam eine junge Frau mit einem Kleinkind auf dem Arm aus dem Haus, Michaels Frau Juliet, vermutete ich. Sie stand in ihren weißen Shorts auf dem Rasen, wiegte das Kind auf der Hüfte und sah den Packern bei der Arbeit zu. Das Garagentor stand offen, auf der einen Seite stand ein gelbes VW Kabrio, das hinten bis unter das Verdeck mit allen möglichen Dingen vollgepackt war, die man den Möbelpackern nicht anvertrauen mochte. Danas Wagen war nicht da; ich konnte nur annehmen, daß sie unterwegs war und Besorgungen machte.
Ich schloß die Tür zu meinem Wagen auf und setzte mich hinter das Steuer. Niemand achtete auf mich; sie waren alle viel zu sehr mit dem Umzug beschäftigt, um mich zu bemerken. Innerhalb einer Stunde war alles, was das junge Paar an Möbeln mitnahm, im Wagen verstaut. Michael und Juliet stiegen mit dem Kind in den VW. Als der Möbelwagen abfuhr, schloß sich Michael mit dem VW an. Ich wartete einen Moment und reihte mich dann ebenfalls in den Zug ein, wobei ich auf sicheren Abstand achtete. Michael mußte einen Schleichweg kennen; ich verlor ihn plötzlich aus den Augen. Aber der Möbelwagen war auf dem Highway deutlich zu erkennen. Wir fuhren auf dem 101 in nördlicher Richtung, an zwei Ausfahrten vorbei. An der dritten bog der Möbelwagen ab, fuhr erst rechts, dann links die Calistoga Street hinunter in eine Gegend von Perdido, die unter dem Namen The Boulevards bekannt ist. Nach einer Weile wurde die Fahrt langsamer, und schließlich hielt der Möbelwagen genau in dem Moment am Bordstein, als der VW aus der anderen Richtung auftauchte.
Das neue Haus sah aus, als sei es in den zwanziger Jahren erbaut worden: rosa-beigefarbener Anstrich, eine winzige Vorderveranda und ein ungepflegtes Vorgärtchen. Die Fensterstöcke waren in einem tieferen Rosé gestrichen und hatten schmale himmelblaue Abschlußkanten. Ich war bestimmt schon in einem Dutzend solcher Häuser gewesen. Es hatte innen höchstens neunzig Quadratmeter: drei Zimmer, Küche, Bad und nach hinten hinaus eine Kammer. Rechts vom Haus war die Einfahrt aus rissigem Beton. Sie führte zu einer Doppelgarage, über der, wie es schien, noch ein kleines Apartment war.
Die Packer gingen ans Ausladen. Von mir nahmen sie keine Notiz. Ich schrieb mir die Adresse auf, ehe ich Gas gab und zu Dana Jaffe zurückfuhr. Ich hatte keinen zwingenden Grund, noch einmal mit ihr zu sprechen, aber ich brauchte ihre Mithilfe und hoffte, eine Beziehung zu ihr herstellen zu können.
Sie kam im selben Moment an wie ich. Sie stellte ihren Wagen in die Garage und sammelte ein paar Pakete ein, ehe sie die Wagentür öffnete. Ich sah, wie ihr die Röte ins Gesicht schoß, als sie mich bemerkte. Sie schlug krachend die Wagentür zu und kam mir über den Rasen entgegen. Sie trug wieder Jeans, T-Shirt und Tennisschuhe. Die Papiertüten in ihren Armen schienen zu knistern vor zorniger Erregung. »Was tun Sie schon wieder hier? Ich betrachte das als Belästigung.«
»Ist es aber nicht«, entgegnete ich. »Wir suchen Ihren Mann, und da sind Sie der logische Ausgangspunkt.«
Ihre Stimme war leise geworden, und ihre Augen blitzten vor Zorn und Entschlossenheit. »Ich werde Sie anrufen, wenn ich ihn sehen sollte. Bis dahin möchte ich Sie hier nicht mehr sehen, sonst rufe ich meinen Anwalt an.«
»Dana, ich bin nicht Ihre Feindin. Ich bemühe mich nur, meine Arbeit zu tun. Warum wollen Sie mir nicht helfen? Sie müssen sich früher oder später mit der Sache auseinandersetzen. Michael sagen, was los ist. Und Brian auch. Sonst muß ich eingreifen und es ihnen sagen. Wir brauchen in dieser Sache Ihre Hilfe.«
Ihre Nase wurde plötzlich rot, und um ihren Mund und ihr Kinn bildete sich ein feuriges Dreieck. Die Tränen sprangen ihr in die Augen. Sie preßte die Lippen aufeinander, um die Wut zurückzuhalten. »Sagen Sie mir nicht, was ich zu tun habe. Ich weiß selbst, wie ich mich verhalten muß.«
»Dana! Können wir uns nicht drinnen weiterunterhalten?«
Sie sah zu den Häusern gegenüber. Ohne ein Wort machte sie kehrt und steuerte auf die Haustür zu. Ich folgte ihr hinein, und sie schloß die Tür hinter uns.
»Ich muß arbeiten.« Sie legte ihre Pakete und ihre Handtasche auf der untersten Treppenstufe ab und lief nach oben. Ich zögerte, sah ihr nach, bis sie aus meinem Blickfeld verschwand. Sie hatte nicht gesagt, ich dürfe ihr nicht folgen. Zwei Stufen auf einmal nehmend sprang ich die Treppe hinauf, blickte nach rechts und sah das leere Zimmer, in dem offenbar Michael und seine Frau bis zu diesem Tag gehaust hatten. Vor der Tür stand ein Staubsauger mit ordentlich aufgerolltem Kabel. Ich vermutete, daß Dana ihn dorthin gestellt hatte, in der Hoffnung, daß jemand den Wink verstehen und das Zimmer reinigen würden, wenn es ausgeräumt war. Aber die stillschweigende Aufforderung war offensichtlich ohne Reaktion geblieben. Sie stand in der Mitte des Zimmers, sah sich um und überlegte — wieder eine Vermutung von mir — , wo sie mit den Aufräumungsarbeiten beginnen sollte. Ich trat leise ins Zimmer und blieb an den Türpfosten gelehnt stehen, um die Waffenruhe zwischen uns möglichst nicht zu stören.
Ohne eine Spur der früheren Feindseligkeit drehte sie sich nach mir um. »Haben Sie Kinder?«
Ich schüttelte den Kopf.
»So sieht es aus, wenn sie aus dem Haus gehen«, sagte sie.
Das Zimmer wirkte traurig und leer. Auf dem Teppich, wo das Bett gestanden hatte, war ein großes reines Rechteck. Überall lagen Kleiderbügel herum, der Papierkorb quoll über. An den Rändern des Spannteppichs lagen Flusen. An der Wand lehnte ein Besen, eine kleine Schaufel lag neben ihm. Auf dem Fensterbrett war ein Aschenbecher mit einem Berg von Asche und Stummeln, auf dem eine leere Marlboropackung schwebte. Die Bilder waren abgenommen und hatten hellere Stellen auf der Wand hinterlassen. Auch die Vorhänge waren weg. Auf den Fensterscheiben lag ein grauer Film von Zigarettenrauch, sie waren vermutlich nicht mehr geputzt worden, seit die »Kinder« eingezogen waren. Juliet hatte mir, auch wenn ich sie nur aus der Ferne gesehen hatte, nicht den Eindruck einer Frau Saubermann gemacht. Das Putzen war Mutters Job, und ich konnte mir vorstellen, daß Dana im Ingrimm zupacken würde, sobald ich mich endlich verdrückte.
»Kann ich mal das Badezimmer benutzen?« fragte ich.
»Bitte.« Sie nahm den Besen und stocherte den Staub aus den Ecken, und während sie die letzten Überreste von Michaels Anwesenheit vernichtete, ging ich ins Badezimmer. Die Handtücher und die Badematte waren weg. Die Tür des Apothekerschränkchens stand offen, seine Borde waren leer bis auf einen Hustensaftfleck auf dem untersten. Der ganze Raum wirkte kahl. Ich benutzte das letzte Fetzchen Toilettenpapier und wusch mir dann die Hände ohne Seife, trocknete sie an meinen Jeans ab. Sogar die Glühbirne war herausgeschraubt worden.
Ich ging wieder ins andere Zimmer und fragte mich, ob ich helfen sollte. Aber ich sah nirgends ein Staubtuch oder einen Schwamm oder sonst irgend etwas, das zum Putzen zu gebrauchen war. Dana attackierte den Staub, als hätte die Arbeit therapeutische Wirkung.
»Wie geht es Brian? Haben Sie schon mit ihm gesprochen?«
»Er hat mich gestern abend angerufen, nachdem die Aufnahmeformalitäten erledigt waren. Sein Anwalt war bei ihm, aber ich weiß eigentlich nicht, was sie besprochen haben. Anscheinend hat es irgendwelche Probleme gegeben, als er hergebracht wurde, und sie haben ihn in Einzelhaft gesteckt.«
»Wirklich?« sagte ich. Sie fegte mit dem Besen den Teppich ab. »Wie ist es soweit gekommen, Dana? Was ist mit ihm passiert?«
Zuerst glaubte ich, sie würde mir gar nicht antworten. Kleine Staubwölkchen stiegen von den Teppichrändern auf. Als sie um das Zimmer herum war, stellte sie den Besen weg und nahm sich eine Zigarette. Sie zündete sie an und ließ meine Frage erst einmal unbeantwortet. Dann lächelte sie bitter. »Es fing mit Schuleschwänzen an. Als Wendell starb — verschwand — und der Skandal an die Öffentlichkeit drang, war Brian derjenige, der reagierte. Jeden Morgen gab es Riesenauseinandersetzungen, weil er partout nicht zur Schule wollte. Er war zwölf Jahre alt und wollte einfach nicht mehr hingehen. Er versuchte es mit allen Mitteln. Er schützte Magenschmerzen und Kopfschmerzen vor. Er tobte. Er weinte. Er bettelte, zu Hause bleiben zu dürfen. Was hätte ich tun sollen? Er sagte: >Mama, alle Kinder wissen, was Daddy getan hat. Alle hassen ihn, und mich hassen sie auch.< Ich habe immer wieder versucht, ihm klarzumachen, daß das, was sein Vater getan hatte, mit ihm nichts zu tun hatte, daß das eine ganz getrennte Sache war und ihn überhaupt nicht betraf, aber ich konnte ihn nicht überzeugen. Er hat es nicht einen Moment lang geglaubt. Und es war wirklich so, daß die anderen Kinder ihm das Leben schwergemacht haben. Bald prügelte er sich mit anderen und schwänzte einfach die Schule. Vandalismus, kleine Diebstähle. Es war ein Alptraum.« Sie klopfte ihre Zigarette an dem überquellenden Aschenbecher ab.
»Und Michael?«
»Der war genau das Gegenteil. Manchmal glaube ich, Michael benutzte die Schule als Mittel, um die Wahrheit zu verdrängen. Brian war hypersensibel, Michael legte sich einen Panzer zu. Wir haben mit Schulberatern und Lehrern gesprochen. Ich weiß nicht, wie viele Sozialarbeiter bei uns waren. Jeder hatte seine eigene Theorie, aber nichts half. Ich hatte kein Geld, um wirklich qualifizierte Hilfe zu bezahlen. Brian war so intelligent, und er schien so begabt zu sein. Es hat mir wirklich das Herz gebrochen. Aber Wendell, mein Mann, war natürlich in vieler Hinsicht genauso. Kurz und gut, ich wollte nicht, daß die Jungen glaubten, er habe sich das Leben genommen. Das war nicht seine Art. Unsere Ehe War gut, und er liebte die Kinder. Er war sehr auf die Familie bezogen. Da können Sie jeden fragen. Ich war überzeugt, daß er absichtlich niemals etwas tun würde, was uns geschadet hätte. Ich habe immer geglaubt, daß Carl Eckert derjenige war, der die Bücher frisiert hat. Vielleicht hat Wendell es nicht geschafft, den Dingen ins Auge zu sehen. Ich will ja gar nicht behaupten, daß er nicht auch seine Schwächen hatte. Er war nicht vollkommen, aber er hat sich bemüht.«
Ich ließ es dabei bewenden. Mir lag nichts daran, ihre Version der Ereignisse in Frage zu stellen. Ich sah ihren stockenden Versuch, die Familiengeschichte zu korrigieren. Die Toten sind immer leichter zu charakterisieren. Man kann ihnen jede Einstellung und jedes Motiv zuschreiben, ohne Widerspruch fürchten zu müssen.
»Ich nehme an, Ihre beiden Söhne sind sehr verschieden«, sagte ich.
»Ja, das stimmt. Michael ist offensichtlich der verläßlichere, zum Teil sicher, weil er älter ist und sich als Beschützer fühlt. Er war immer ein sehr vernünftiges Kind, Gott sei Dank. Er war der einzige, auf den ich mich nach Wendells — nach dem, was Wendell zugestoßen war, verlassen konnte. Zumal Brian ja völlig außer Kontrolle geraten war. Wenn Michael einen Fehler hat, dann den, daß er zu ernst ist. Er bemüht sich immer, das Rechte zu tun. Juliet ist ein gutes Beispiel dafür. Er hätte sie nicht heiraten müssen.«
Ich hielt ganz still und sagte nichts, weil mir klar war, daß sie mir hier eine kritische Information zu der Situation gab. Sie nahm an, ich sei bereits im Besitz der Fakten. Offensichtlich war Juliet schwanger gewesen, als Michael sie geheiratet hatte.
Dana fuhr fast ohne Pause zu sprechen fort, und es klang, als spräche sie so sehr mit sich selbst wie mit mir.
»Sie hat ihn weiß Gott nicht gedrängt. Sie wollte das Kind haben, ja, und sie brauchte finanzielle Unterstützung, Aber sie hat keineswegs auf einer Heirat bestanden. Die Heirat war Michaels Idee. Ich bin mir nicht sicher, daß es eine gute Idee war, aber bis jetzt machen die beiden ihre Sache ganz ordentlich.«
»War es schwierig für Sie, sie hier im Haus zu haben?«
Sie zuckte mit den Achseln. »Größtenteils habe ich es genossen. Juliet geht mir hin und wieder auf die Nerven, weil sie so eigensinnig ist. Alles muß immer nach ihrem Kopf gehen. Sie ist auf jedem Gebiet die absolute Expertin. Mit ihren achtzehn Jahren! Ich weiß, daß das ihrer eigenen Unsicherheit entspringt, aber es ist trotzdem nervig. Sie kann keine Hilfe von mir annehmen und kann es nicht ertragen, wenn man ihr Vorschläge macht. Sie hat von der Mutterschaft keine Ahnung. Ich meine, sie ist ganz verrückt mit dem Kleinen, aber sie behandelt ihn wie ein Spielzeug. Sie sollten sie sehen, wenn sie ihn badet. Das Herz bleibt einem stehen. Sie bringt es fertig, ihn allein auf der Wickelkommode liegen zu lassen, während sie weggeht, um irgendwas zu holen. Es ist ein Wunder, daß er noch nicht heruntergefallen ist.«
»Und Brian? Wohnt er auch hier?«
»Er und Michael hatten bis zu diesem letzten Zwischenfall eine kleine Wohnung zusammen. Nachdem Brian verurteilt worden war und seine Gefängnisstrafe antrat, konnte sich Michael die Wohnung nicht mehr leisten. Er verdient nicht soviel und dann Juliet — es war nicht zu machen. Sie hat an dem Tag, an dem er sie geheiratet hat, zu arbeiten aufgehört.«
Mir fiel auf, wie geschickt sie alles schönfärbte. Wir sprachen nicht von einer ungeplanten Schwangerschaft, einer überstürzten Heirat und den nachfolgenden finanziellen Schwierigkeiten. Keine Rede war von dem Gefängnisausbruch und der brutalen Schießerei. Das waren Episoden und Zwischenfälle, unerklärliche Ereignisse, an denen keiner der Jungen Schuld zu tragen schien.
Als hätte sie meine Gedanken aufgenommen, wechselte sie plötzlich das Thema. Sie ging in den Flur und nahm den Staubsauger. Auf quietschenden Rollen zog sie ihn hinter sich her, suchte die nächste Steckdose und zog genug Kabel heraus, um ihn anschließen zu können...
»Vielleicht bin ich an allem schuld, was Brian durchgemacht hat. Ich kann Ihnen nur sagen, als Alleinerziehende zwei Kinder großziehen zu müssen, das ist der härteste Job, den ich je kennengelernt habe. Wenn man dazu auch noch mittellos ist, kann man nur verlieren. Brian hätte die beste Hilfe gebraucht. Statt dessen hat er gar nichts bekommen, was Therapie angeht. Seine Probleme sind nur verstärkt worden, und das ist ja wohl kaum seine Schuld.«
»Wollen Sie mit den beiden reden? Ich möchte mich nicht einmischen, aber ich muß mit Brian sprechen.«
»Warum? Wozu? Wenn mein Mann wirklich hier auftaucht, hat das mit ihm nichts zu tun.«
»Vielleicht doch. Von der Schießerei in Mexicali haben alle Zeitungen berichtet. Ich weiß, daß Ihr Mann in Viento Negro die Blätter gelesen hat. Es ist doch durchaus vorstellbar, daß er unter diesen Umständen hierher zurückkommen würde.«
»Sie wissen das nicht sicher.«
»Nein. Aber nehmen Sie nur einmal an, es ist wahr. Meinen Sie nicht, Brian sollte erfahren, was vorgeht? Sie möchten doch nicht, daß er eine Dummheit macht.«
Das schien anzukommen. Ich konnte sehen, wie sie die verschiedenen Möglichkeiten erwog. Sie zog die Düse für die Polstermöbel ab und schob die für Boden und Teppich auf das Rohr. »Und warum nicht, verdammt noch mal? Viel schlimmer kann’s ja nicht mehr werden. Der arme Junge«, sagte sie.
Ich hielt es für besser, ihr nicht zu sagen, daß ich ihn als Köder in einer Falle sah.
Unten im Büro läutete das Telefon. Dana begann eine Aufzählung von Brians Heimsuchungen, aber ich ertappte mich dabei, daß ich dem Gebabbel des Anrufbeantworters lauschte, das die Treppe heraufschallte. Nach dem Signalton meldete sich eine von Danas Kundinnen mit der neuesten Beschwerde. »Hallo, Dana. Hier spricht Ruth. Hören Sie, Bethany hat ein kleines Problem mit dem Partyservice, den Sie empfohlen haben. Wir haben die Frau jetzt zweimal um einen schriftlichen Kostenvoranschlag für den Empfang gebeten, aber sie rührt sich einfach nicht. Wir dachten, Sie könnten vielleicht mal bei ihr anrufen und ihr ein bißchen Feuer unter dem Hintern machen. Ich bin den ganzen Morgen hier. Sie können mich jederzeit zurückrufen, okay? Danke. Bis später. Tschüß.«
Es hätte mich interessiert, ob Dana diesen jungen Bräuten jemals erzählte, was für Probleme sie erwarteten, wenn die Hochzeit erst vorbei war: Langeweile, Gewichtszunahme, Verantwortungslosigkeit, Streitereien über Sex, Ausgaben, Familienurlaube und darüber, wer die Socken aufhebt. Vielleicht zeigte sich da nur meine zynische Natur, aber Kostenvoranschläge für den Hochzeitsempfang schienen trivial im Vergleich zu den ganz normalen Ehekonflikten.
»...wirklich hilfsbereit, großzügig und kooperativ. Er hat so ein einnehmendes Wesen und kann so komisch sein. Er ist hochintelligent.« Sie sprach von Brian, dem vermutlichen Killer. Nur eine Mutter kann einen Jungen, der gerade aus dem Gefängnis ausgebrochen ist und wie ein Amokläufer um sich geballert hat, als >einnehmend und komisch< beschreiben. Sie sah mich erwartungsvoll an. »Ich muß hier weitermachen, damit ich mein Schlafzimmer wieder in Besitz nehmen kann. Haben Sie noch Fragen, ehe ich anfange zu saugen?«
Auf Anhieb fielen mir keine ein. »Danke, nein. Das wär’s fürs erste.«
Sie drückte auf den Schalter, und der Staubsauger erwachte jaulend zum Leben. In dem schrillen Geheul war jede weitere Unterhaltung unmöglich. Ich ging.