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Hinten im Haus brannte Licht. Ich ging ohne zu läuten direkt in den Garten und schaute im Vorübergehen durch jedes Fenster. In der Küche war außer schmutzigem Geschirr auf sämtlichen Abstellmöglichkeiten nichts zu sehen. Immer noch stand alles mit Umzugskartons voll. Das zusammengeknüllte Zeitungspapier lag jetzt in einem Haufen in einer Ecke. Als ich zum großen Schlafzimmer kam, sah ich, daß Juliet durch Tips von Schöner Wohnen inspiriert, Handtücher vor die Fenster gehängt hatte, so daß mir die Sicht völlig versperrt war. Ich ging wieder nach vorn und fragte mich, ob ich anklopfen mußte wie Krethi und Plethi. Ich drehte versuchsweise den Türknauf und entdeckte zu meiner Freude, daß ich nur einzutreten brauchte.
Das Fernsehgerät im Wohnzimmer war ausgerastet. Statt eines Farbbilds war ein Chaos flimmernder Farben zu sehen, das dem Nordlicht ähnelte. Die Geräuschkulisse zu diesem bemerkenswerten Phänomen beschwor Bilder von harten Burschen mit Pistolen und einer aufregenden Autojagd herauf. Ich spähte zu den Schlafzimmern, konnte aber wegen der quietschenden Autobremsen und den krachenden Schußwechseln kaum etwas hören. Ich zog Renatas Kanone aus dem Bund und hielt sie wie eine Taschenlampe vor mich hin, während ich mich vorsichtig nach hinten schlich.
Das Kinderzimmer war dunkel, aber die Tür zum großen Schlafzimmer war angelehnt, und durch den Spalt fiel Licht auf den Flur. Mit dem Revolverlauf gab ich der Tür einen sachten Stoß. Leise quietschend schwang sie auf. Vor mir, in einem Schaukelstuhl, saß Wendell Jaffe mit seinem Enkel auf dem Schoß. Er stieß einen gedämpften Ausruf des Erschreckens aus. »Schießen Sie nicht auf das Kind.«
»Natürlich schieße ich nicht auf das Kind. Wofür halten Sie mich?«
Brendan lachte, als er mich sah, und wedelte zur Begrüßung überschwenglich mit beiden Armen. Er hatte einen Schlafanzug mit blauen Häschen an, und sein helles Haar war noch feucht vom Bad. Juliet hatte es zu einer kleinen Tolle aufgebürstet. Das ganze Zimmer roch nach Babypuder. Ich schob die Kanone wieder in den Bund meiner Jeans. Sehr bequem war das nicht, und ich war mir völlig im klaren darüber, daß ich riskierte, mich selbst in den Hintern zu schießen. Aber ich wollte die Kanone auch nicht in meine Handtasche stecken; da wäre ich im Notfall noch schlechter an sie herangekommen.
Ein glückliches Familienwiedersehen schien dies nicht gerade zu sein. Brendan war offensichtlich der einzige, der sich freute. Michael stand mit verschlossenem Gesicht an die Kommode gelehnt. Er starrte auf den Schulring hinunter, der einmal seinem Vater gehört hatte, und drehte ihn an seinem Finger wie in einer Art Meditation. Ich habe Ähnliches bei Profitennisspielern beobachtet. Sie vertiefen sich in die Prüfung der Saiten ihres Schlägers, um sich ihre Konzentration zu bewahren. Michael, in Sweatshort und schmutziger Jeans, schien sich nach der Arbeit nicht umgezogen zu haben. In seinem Haar konnte ich noch den Abdruck des Schutzhelms erkennen, den er tagsüber aufgehabt hatte. Wendell hatte ihn wohl bereits erwartet, als er nach Hause gekommen war.
Juliet hockte wie ein Häufchen Elend am Kopfende des Betts. Sie wirkte angespannt und klein in der abgeschnittenen Jeans und dem T-Shirt. Ihre Füße waren nackt. Sie hatte die Beine angezogen und hielt sie mit beiden Armen umschlungen. Sie war offensichtlich bemüht, sich aus dem Familiendrama herauszuhalten.
Nur eine Tischlampe brannte, vermutlich ein Import aus Juliets Kinderzimmer im Haus ihrer Eltern. Die Lampe hatte einen gerüschten Schirm in kräftigem Pink. Unten auf dem Sockel war eine Puppe mit steifem pinkfarbenen Rock. Ihr Körper war am Lampenständer befestigt, und sie hielt ihre Arme ausgebreitet. Ihr Mund war eine Rosenknospe, und dichte Wimpern verschleierten ihre Augen, die sich mechanisch öffneten und schlossen. Die Glühbirne hatte höchstens 40 Watt, doch das Zimmer wirkte warm in ihrem Schein.
In Juliets Gesichtszügen zeichnete sich ein scharfer Kontrast ab; die eine Wange in pinkfarbener Glut, die andere dunkel beschattet. Wendell Jaffes Gesicht wirkte kantig, wie holzgeschnitzt in diesem Licht, die Wangenknochen stark herausgearbeitet. Er sah hager aus. Michael wiederum hatte das Gesicht eines steinernen Engels, kalt und sinnlich. Seine dunklen Augen schienen zu leuchten. An Körpergröße konnte er es leicht mit seinem Vater aufnehmen, doch Wendell war kompakter, und es fehlte ihm Michaels Anmut. Zusammen gruppierten sich die drei zu einem Bild, das etwas Theaterhaftes hatte.
»Hallo, Wendell. Tut mir leid, daß ich stören muß. Erinnern Sie sich an mich?«
Jaffes Blick flog zu Michael. Er machte eine Kopfbewegung in meine Richtung. »Wer ist das?«
Michael hielt den Blick zu Boden gerichtet. »Eine Privatdetektivin«, antwortete er. »Sie hat vor ein paar Tagen mit Mutter über dich gesprochen.«
Ich winkte Jaffe nonchalant zu. »Sie arbeitet für die Versicherungsgesellschaft, die Sie um eine halbe Million Dollar betrogen haben«, warf ich ein.
»Ich?«
»Aber ja, Wendell«, versetzte ich in scherzhaftem Ton. »So merkwürdig es klingt, das ist der springende Punkt bei einer Lebensversicherung. Daß man tot ist. Aber Sie haben die Vereinbarung bis jetzt nicht erfüllt.«
Er sah mich mit einer Mischung aus Mißtrauen und Verwirrung an. »Ich kenne Sie doch irgendwoher?«
»Wir sind uns im Hotel in Viento Negro mal begegnet.«
In einem Moment des Erkennens saugte sich sein Blick an mir fest. »Waren Sie das, die in unser Zimmer eingebrochen ist?«
Ich schüttelte den Kopf und fabulierte. »Nein, nein, ich doch nicht. Das war ein ehemaliger Bulle namens Harris Brown.«
Er schüttelte den Kopf bei dem Namen.
»Er ist Lieutenant bei der Polizei. Oder war es.«
»Nie von ihm gehört.«
»Aber er hat von Ihnen gehört. Er hat Ihren Fall zugeteilt bekommen, als Sie verschwanden. Dann wurde er ihm aus unbekannten Gründen wieder entzogen. Ich dachte, Sie könnten das vielleicht erklären.«
»Sind Sie sicher, daß der Mann mich gesucht hat?«
»Ich glaube nicht, daß seine Anwesenheit dort Zufall war«, sagte ich. »Er hat in drei-vierzehn gewohnt. Ich in drei-sechzehn.«
»Hey, Dad? Könnten wir das jetzt vielleicht mal fertig besprechen?«
Brendan begann unruhig zu werden, und Jaffe tätschelte ihn ohne viel Erfolg. Er nahm einen kleinen Stoffhund und spielte mit ihm vor Brendans Gesichtchen herum, während er das Gespräch fortsetzte. Brendan packte das Tier bei den Ohren und zog es zu sich heran. Er zahnte anscheinend gerade, denn er nagte mit der gleichen Begeisterung an dem Hündchen, mit dem ich mich auf Brathuhn stürze.
Jaffe führte das Gespräch offensichtlich an dem Punkt fort, an dem es durch mein Erscheinen unterbrochen worden war. »Ich mußte weg, Michael. Das hatte mit dir nichts zu tun. Es war mein Leben. Es ging um mich. Ich hatte mich so tief hineingeritten, daß es keine andere Möglichkeit gab, damit fertig zu werden. Ich hoffe, du wirst das eines Tages verstehen. Die sogenannte Gerechtigkeit existiert in unserem Rechtssystem nicht.«
»Ach, hör doch auf. Erspar mir dieses Gelaber. Wo sind wir hier eigentlich? Im sozialwissenschaftlichen Seminar? Hör einfach auf mit dem Scheiß und erzähl mir nichts von Gerechtigkeit. Du bist ja nicht lang genug geblieben, um herauszufinden, was es damit auf sich hat.«
»Bitte, Michael. Nicht so. Ich will nicht streiten. Dazu ist keine Zeit. Ich erwarte ja gar nicht, daß du mit meiner Entscheidung einverstanden bist.«
»Es geht nicht nur um mich, Dad. Was ist mit Brian? Er hat das alles ausbaden müssen.«
»Ich weiß, daß er abgerutscht ist, und ich tue, was ich kann«, versetzte Jaffe.
»Brian hat dich gebraucht, als er zwölf war. Jetzt ist es zu spät.«
»Da bin ich anderer Meinung. Du täuschst dich, glaub mir.«
Michael verdrehte die Augen. »Dir glauben, Dad? Weshalb sollte ich dir wohl glauben? Ich werde dir niemals glauben.«
Jaffe schien Michaels harter Ton aus der Fassung zu bringen. Er mochte es nicht, wenn man ihm widersprach. Er war es nicht gewöhnt, daß sein Urteil angezweifelt wurde, und schon gar nicht von einem Jungen, der siebzehn gewesen war, als er sich aus dem Staub gemacht hatte. Michael war inzwischen erwachsen geworden; ja, hatte in der Tat die Lücke gefüllt, die sein Vater hinterlassen hatte. Vielleicht hatte Jaffe geglaubt, er könnte zurückkommen und den Bruch kitten, altes Ungemach bereinigen, alles wieder in Ordnung bringen. Vielleicht hatte er geglaubt, eine leidenschaftliche Erklärung würde Wiedergutmachung genug sein für Verlassen und Vernachlässigung.
»Wir werden uns wohl nie einigen können«, sagte er.
»Warum bist du nicht zurückgekommen und hast die Konsequenzen dessen, was du getan hattest, auf dich genommen?«
»Ich konnte nicht. Ich sah keine Möglichkeit dazu.«
»Mit anderen Worten, es interessierte dich nicht. Du wolltest keine Opfer für uns bringen. Besten Dank. Wir wissen deine väterliche Liebe zu schätzen. Das ist ganz typisch für dich.«
»Also, das ist nun wirklich nicht wahr, Michael.«
»Doch, es ist wahr. Du hättest bleiben können, wenn du gewollt hättest und wir dir etwas bedeutet hätten. Aber da haben wir die Wahrheit: Wir haben dir nichts bedeutet, und das war eben unser Pech, wie?«
»Natürlich bedeutet ihr mir etwas. Was glaubst du denn, wovon ich die ganze Zeit rede?«
»Ich weiß nicht, Dad. Soweit ich verstehe, versuchst du nur, dein Verhalten zu rechtfertigen.«
»Das ist ja sinnlos. Ich kann die Vergangenheit nicht ungeschehen machen. Ich kann nicht ändern, was damals vorgefallen ist. Brian und ich werden uns stellen. Das ist das Beste, was ich tun kann, und wenn das nicht gut genug ist, weiß ich nicht, was ich noch sagen soll.«
Michael wandte sich ab und schüttelte stumm den Kopf.
Jaffe räusperte sich. »Ich muß gehen. Ich habe Brian versprochen zu kommen.«
Er stand auf und drückte das Kind an seine Schulter. Juliet schwang die Beine vom Bett und stand ebenfalls auf, um ihm Brendan abzunehmen. Es war klar, daß das Gespräch ihr nahegegangen war.
Michael schob seine Hände tief in seine Hosentaschen. »Du hast Brian mit dieser erschwindelten Freilassung überhaupt keinen Gefallen getan.«
»Das ist wahr, wie sich jetzt herausgestellt hat, aber das konnten wir nicht voraussehen. Im übrigen habe ich über viele Dinge meine Meinung geändert. Aber das ist etwas, was dein Bruder und ich unter uns abmachen müssen.«
»Du hast für Brian alles noch schlimmer gemacht, als es schon war. Wenn du nicht schleunigst etwas unternimmst, wird die Polizei ihn schnappen und wieder ins Loch stecken. Da kommt er dann so schnell nicht wieder raus. Und du, was machst du dann? Machst auf irgendeinem beschissenen Boot die Flatter und kümmerst dich um nichts. Viel Glück!«
»Der Gedanke, daß ich auch einen Preis bezahlen muß, kommt dir wohl gar nicht?«
»Aber du bist nicht wegen Mordes angeklagt.«
»Ich weiß nicht, ob es einen Sinn hat, das fortzusetzen«, sagte Jaffe, ohne sachlich auf Michaels Bemerkung einzugehen. Die beiden schienen aneinander vorbeizureden. Jaffe versuchte, seine väterliche Autorität geltend zu machen. Michael reagierte nur sauer darauf. Er hatte jetzt selbst einen Sohn, er wußte, was sein Vater alles verspielt hatte. Jaffe wandte sich ab. »Ich muß gehen«, sagte er wieder und bot Juliet die Hand. »Ich bin froh, daß wir Gelegenheit hatten uns kennenzulernen. Schade, daß es nicht unter erfreulicheren Umständen möglich war.«
»Sehen wir Sie wieder?« fragte Juliet. Sie weinte. Die verwischte Wimperntusche bildete dunkle Schatten unter ihren Augen. Michael wirkte angespannt und gequält; aus Juliet brach der Schmerz heraus wie Wasser, das einen Damm durchbricht.
Selbst Jaffe schien betroffen von soviel offen zur Schau getragenem Gefühl. »Aber natürlich. Ganz bestimmt. Ich verspreche es.«
Sein Blick glitt zu Michael. Vielleicht hoffte er auf ein Zeichen von Emotion. »Es tut mir leid, daß ich dir Schmerz bereitet habe. Wirklich.«
Michael kreuzte in dem Bemühen, unberührt zu bleiben, die Arme über der Brust. »Ja. Klar. Sicher.«
Jaffe drückte das Kind an sich, preßte sein Gesicht in den Nacken des Kleinen und atmete seinen süßen kindlichen Duft. »Ach, du süßer kleiner Junge«, murmelte er mit zitternder Stimme.
Brendan grapschte nach Jaffes Haar, bekam eine Faustvoll zu fassen und versuchte, es in den Mund zu stecken. Jaffe verzog das Gesicht und löste behutsam die Finger des Kleinen aus seinem Haar. Juliet streckte die Arme nach ihrem Kind aus. Michael beobachtete die Szene stumm. Seine Augen wurden feucht. Er wandte sich ab.
Jaffe reichte Juliet das Kind zurück und küßte sie auf die Stirn, ehe er sich Michael zuwandte. Die beiden Männer umarmten sich fest und lang. »Ich liebe dich, mein Sohn.« Sie wiegten sich sachte hin und her. Michael gab mit geschlossenen Augen einen gedämpften Laut von sich, der tief aus seinem Inneren kam. In diesem einen Moment völliger Offenheit waren er und sein Vater sich ganz nahe. Ich mußte mich abwenden. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie es war, den Vater zu umarmen, von dem man geglaubt hatte, er sei tot. Michael löste sich. Jaffe zog ein Taschentuch heraus und wischte sich die Augen. »Ich melde mich«, flüsterte er.
Ohne sie noch einmal anzusehen, drehte er sich um und ging aus dem Zimmer. Seine Schuld lag ihm wahrscheinlich wie ein unendlich schweres Gewicht auf dem Herzen. Er ging durch das Haus zur Tür, und ich folgte ihm. Ich weiß nicht, ob er meine Anwesenheit wahrnahm; er erhob jedenfalls keine Einwände.
Draußen war es kühl und feucht. Der Wind raschelte in den Bäumen. Die Straßenlampen waren von dichtbelaubten Zweigen fast ganz verdeckt, und auf der Straße jagten sich die Schatten. Ich hatte die Absicht, mich von dem Mann zu verabschieden, in meinen Wagen zu steigen und ihm dann in diskretem Abstand zu folgen, bis er mich zu Brian führte. Sobald ich den Jungen gefunden hatte, wollte ich die Bullen rufen. Ich sagte Jaffe gute Nacht und ging in der anderen Richtung davon.
Ich weiß nicht, ob er mich überhaupt gehört hat.
Ganz in Gedanken, zog Jaffe einen Autoschlüssel heraus und ging über den Rasen zu einem kleinen roten Maserati, der am Bordstein stand. Renata verfügte offenbar über eine ganze Autoflotte. Er schloß den Wagen auf und setzte sich ans Steuer. Er schlug die Tür zu.
Ich stieg in meinen VW und steckte den Zündschlüssel ein. Im Kreuz spürte ich den Druck von Renatas Revolver. Ich zog ihn aus dem Hosenbund, drehte mich um, nahm meine Handtasche vom Rücksitz und verstaute die Waffe in ihr. Ich hörte das Mahlen des Motors von Jaffes Wagen. Ich startete den VW und wartete mit ausgeschalteten Scheinwerfern.
Der Motor des Maserati mahlte und mahlte, aber er sprang nicht an. Es war ein schrilles, unproduktives Geräusch. Einen Moment später sah ich Jaffe aus dem Wagen steigen. Nervös sah er unter der Motorhaube nach. Er fummelte an den Kabeln, stieg wieder ein und versuchte erneut, den Motor zu starten. Ohne Erfolg. Es schien hoffnungslos zu sein. Ich legte den Gang ein, schaltete die Scheinwerfer an und fuhr langsam vor, bis ich neben ihm auf gleicher Höhe war. Ich kurbelte mein Fenster herunter. Er öffnete das seine ebenfalls.
Ich sagte: »Steigen Sie ein. Ich fahre Sie zu Renata. Von da können Sie einen Abschleppwagen rufen.«
Er überlegte einen Moment, warf einen raschen Blick zu Michaels Haus. Er hatte keine großen Möglichkeiten. Auf keinen Fall wollte er mit einem so prosaischen Anliegen wie einem Anruf beim Abschleppdienst noch einmal ins Haus gehen. Er stieg aus, schloß den Wagen ab und stieg in den VW.
Ich bog an der Perdido Street rechts ab, fuhr dann vor dem Rummelplatz links bis zur Strandstraße und dann wieder links. Der Wind hatte ganz beträchtlich aufgefrischt, und über dem pechschwarzen Wasser des Ozeans hingen schwere Wolkenmassen.
»Ich hatte Montagabend ein nettes Gespräch mit Carl«, bemerkte ich. »Haben Sie mit ihm besprochen?«
»Ich wollte mich eigentlich später mit ihm treffen, aber er hatte auswärts zu tun«, antwortete Jaffe zerstreut.
»Tatsächlich? Er meinte, er wäre zu wütend, um mit Ihnen zu reden.«
»Wir haben geschäftliche Dinge zu klären. Er hat etwas, das mir gehört.«
»Sie meinen das Boot?«
»Ja, das auch, aber ich spreche von etwas anderem.«
Der Himmel war anthrazitgrau, und weit draußen über dem Wasser wetterleuchtete es. Das Licht flackerte zwischen den dunklen Wolkenbänken und schuf eine Illusion von Artilleriefeuer, das zu fern war, um gehört werden zu können. Die Luft war von einer Art nervöser Energie erfüllt.
Ich warf einen Blick auf Jaffe. »Interessiert es Sie nicht, wie wir Ihnen auf die Spur gekommen sind? Es wundert mich, daß Sie nicht fragen.«
Seine Aufmerksamkeit war auf den flackernden Horizont gerichtet. »Ist doch egal. Irgendwann mußte es ja passieren.«
»Hätten Sie was dagegen, mir zu verraten, wo Sie sich in all den Jahren aufgehalten haben?«
Er starrte zum Seitenfenster hinaus, so daß ich sein Gesicht nicht sehen konnte. »Nicht weit von hier. Es würde Sie wundern zu hören, wie wenig ich umhergereist bin.«
»Sie haben eine Menge dafür aufgegeben.«
»Ja«, sagte er nur.
»Waren Sie die ganze Zeit mit Renata zusammen?«
»O ja«, antwortete er mit einem Anflug von Bitterkeit. Danach wurde es ein Weilchen still, bis er voll Unbehagen den Kopf drehte. »Glauben Sie, es war falsch von mir zurückzukommen?«
»Das kommt darauf an, was Sie damit zu erreichen hofften.«
»Ich möchte ihnen helfen.«
»Helfen wobei? Brian hat bereits eine bestimmte Richtung eingeschlagen und Michael ebenfalls. Dana hat sich durchgebracht, so gut es ging, und das Geld ist ausgegeben. Sie können nicht einfach wieder in ein Leben zurückkehren, aus dem Sie ausgestiegen sind, und den Ausgang der Geschichten ändern. Ihre Frau und Ihre Kinder verarbeiten die Konsequenzen Ihrer Entscheidung. Und das müssen Sie selbst auch tun.«
»Ja, ich kann wohl nicht erwarten, daß ich alles innerhalb von ein paar Tagen wiedergutmachen kann.«
»Ich bin nicht sicher, ob Sie es überhaupt können«, entgegnete ich. »Fürs erste werde ich Sie jedenfalls nicht aus den Augen lassen. Sie sind mir einmal entwischt. Das wird nicht noch einmal passieren.«
»Ich brauche etwas Zeit. Ich habe einiges zu ordnen.«
»Sie hatten schon vor fünf Jahren einiges zu ordnen.«
»Dies hier ist etwas anderes.«
»Wo ist Brian?«
»Er ist in Sicherheit.«
»Ich habe nicht gefragt, wie es um ihn bestellt ist. Ich habe gefragt, wo er ist.« Der Wagen begann zu stottern und wurde langsam. Ich blickte verdattert nach unten und trat mehrmals schnell hintereinander das Gaspedal durch. Aber der Wagen Wurde immer langsamer. »Herrgott noch mal, was ist denn das?«
»Haben Sie kein Benzin mehr?«
»Ich habe gerade erst getankt.« Ich lenkte den Wagen, der schon fast stand, an den Bordstein.
Er sah aufs Armaturenbrett. »Die Tankuhr steht auf >voll<.«
»Das hab’ ich Ihnen doch gesagt. Ich habe eben erst getankt.«
Wir standen. Es war totenstill, dann nahm ich das Brausen des Windes und der Brandung wahr. Obwohl der Mond von Wolken verdunkelt war, konnte ich die Schaumkronen auf dem Wasser erkennen.
Ich holte meine Handtasche vom Rücksitz und kramte die kleine Taschenlampe heraus. »Schauen wir mal, was los ist«, sagte ich so forsch, als verstünde ich was von Autos.
Ich stieg aus. Jaffe stieg auf seiner Seite aus und ging mit mir zusammen um den Wagen herum nach hinten. Ich war froh, daß er da war. Vielleicht verstand er mehr von Autos als ich — kein Kunststück. Ich machte hinten auf und beäugte angestrengt den Motor. Er sah aus wie immer, in Form und Größe einer Nähmaschine ähnlich. Ich erwartete lose Teile, lockere Schrauben, einen abgerissenen Treibriemen. »Was meinen Sie?«
Er nahm die Taschenlampe und neigte sich mit zusammengekniffenen Augen näher. Jungen kennen sich mit solchen Sachen aus: Kanonen, Autos, Rasenmäher, Müllschlucker, Lichtschalter, Baseballstatistiken. Ich neigte mich mit ihm über den Motor.
»Schaut ein bißchen aus wie eine Nähmaschine, nicht?« meinte er.
Hinter uns krachte eine Fehlzündung, und ein Stein knallte gegen den hinteren Kotflügel des VW. Jaffe begriff einen Wimpernschlag schneller als ich. Wir warfen uns beide zu Boden. Jaffe packte mich, und gemeinsam robbten wir auf die Seite des Wagens. Ein zweiter Schuß fiel, und die Kugel prallte klirrend vom Wagendach ab. Wir hockten dicht nebeneinander. Jaffe hatte beschützerisch seinen Arm um mich gelegt. Er knipste die Taschenlampe aus. Nun war es stockdunkel. Ein schreckliches Verlangen bemächtigte sich meiner, mich auf Fensterhöhe hochzuschrauben und auf die andere Straßenseite hinüberzuspähen. Ich wußte, daß es nicht viel zu sehen geben würde: Finsternis, eine Böschung, vorübersausende Autos auf dem Freeway. Der Schütze mußte uns von Michaels Haus aus gefolgt sein, nachdem er zuerst Jaffes und dann meinen Wagen außer Betrieb gesetzt hatte. »Das kann nur einer von Ihren Freunden sein. Ich bin in meiner Clique nicht so unbeliebt«, sagte ich.
Wieder krachte ein Schuß. Das Rückfenster des VW zersprang, aber nur ein kleines Stück fiel heraus.
»Herr Jesus«, sagte Jaffe.
»Amen«, antwortete ich.
Er sah mich an. Seine frühere Lethargie war wie weggeblasen. Wenigstens hatte die Situation ihn aufgeweckt. »Ich werde schon seit einigen Tagen verfolgt.«
»Und? Haben Sie eine Theorie?«
Er schüttelte den Kopf. »Ich habe ein paar Leute angerufen. Ich brauchte Hilfe.«
»Wer hat gewußt, daß Sie zu Michael wollten?«
»Nur Renata.«
Ich ließ mir das durch den Kopf gehen. Ich hatte Renata ihre Kanone abgenommen, die, wie mir jetzt einfiel, in meiner Handtasche steckte. Im Auto. »Ich habe einen Revolver im Auto, wenn Sie ihn erreichen können«, sagte ich. »Meine Handtasche liegt auf dem Rücksitz.«
»Geht dann nicht die Innenbeleuchtung an?«
»In meinem Auto? Keine Chance.«
Jaffe öffnete die Tür auf der Mitfahrerseite. Und natürlich ging die Innenbeleuchtung an. Die nächste Kugel kam prompt geflogen und hätte ihn beinahe am Hals erwischt.
Wir zogen wieder die Köpfe ein und legten eine Minute der Besinnung für Jaffes Halsschlagader ein.
Ich sagte: »Carl Eckert muß gewußt haben, daß Sie bei Michael sein würden, wenn Sie ihm vorgeschlagen haben, ihn hinterher zu treffen.«
»Das war, bevor er seine Pläne geändert hat. Im übrigen weiß er gar nicht, wo Michael wohnt.«
»Er sagt, seine Pläne hätten sich geändert. Aber Sie wissen nicht, ob es stimmt. Und man braucht nicht gerade Einstein zu sein, um die Auskunft anzurufen. Er brauchte nur Dana zu fragen. Er hat mit ihr Verbindung gehalten.«
»Klar! Er liebt Dana. Er hat sie immer geliebt. Ich bin überzeugt, er war glückselig, daß ich endlich von der Bildfläche verschwunden war.«
»Was ist mit Harris Brown? Der hätte eine Waffe.«
»Ich sagte Ihnen doch schon — ich habe nie von ihm gehört.«
»Hören Sie doch endlich auf, Quatsch zu erzählen, Wendell. Ich brauche klare Antworten.«
»Ich sage die Wahrheit.«
»Bleiben Sie unten. Ich versuch jetzt noch mal, ob ich die Tür aufmachen kann.«
Jaffe machte sich ganz platt, als ich mit einem Ruck die Tür aufriß. Die nächste Kugel bohrte sich nicht weit von uns in den Sand. Ich klappte den Sitz vor, packte meine Handtasche, riß sie heraus und knallte die Tür wieder zu. Das Herz schlug mir bis zum Hals vor Angst. Außerdem mußte ich dringend pinkeln. Ich zog den Revolver mit dem weißen Perlmuttkolben aus der Handtasche. »Machen Sie mal Licht.«
Jaffe knipste die Taschenlampe an und schirmte sie ab wie ein Streichholz.
Das Ding, das ich in der Hand hielt, war so ein altmodischer Trommelrevolver, wie vielleicht John Wayne ihn bevorzugt hätte. Ich öffnete die Trommel. Voll geladen. Ich drückte das Magazin wieder zu. Die Kanone wog mindestens drei Pfund.
»Woher haben Sie den?«
»Den habe ich Renata abgenommen. Warten Sie hier. Ich bin gleich wieder da.«
Er sagte etwas, aber ich watschelte schon geduckt in die Finsternis, immer in Richtung auf den Strand, weg von dem Heckenschützen. Ich schwenkte links ab und schlug in ungefähr hundert Meter Abstand vom Wagen einen Bogen. Ich konnte nur hoffen, daß der Schütze mich nicht sah. Meine Augen hatten sich jetzt ganz auf die Dunkelheit eingestellt, und ich fühlte mich sehr exponiert. Ich blickte zurück und versuchte, die Entfernung zu schätzen, die ich zurückgelegt hatte. Mein hellblauer VW sah aus wie ein geisterhafter Iglu oder ein kleines Schutzzelt. Ich gelangte zu einer Linkskurve in der Straße, duckte mich und rannte blitzschnell auf die andere Seite. Von dort schlich ich an die Stelle an, von der aus meiner Schätzung nach der Schütze feuerte.
Ich brauchte wahrscheinlich an die zehn Minuten, um die Stelle zu erreichen, und mir wurde plötzlich bewußt, daß ich die ganze Zeit keinen Schuß mehr gehört hatte. Alles war öde und verlassen. Ich befand mich jetzt genau meinem Auto gegenüber auf der zweispurigen Straße. Wie ein Präriehund hob ich den Kopf.
»Wendell?« rief ich.
Keine Antwort. Keine Schüsse. Keine Bewegung. Und kein Gefühl von Gefahr mehr. Die Nacht schien auf einmal nur freundlich. Ich richtete mich auf. »Wendell?«
Ich drehte mich einmal im Kreis, suchte die unmittelbare Nachbarschaft ab und duckte mich wieder. Ich sah nach rechts und nach links, eilte immer noch geduckt über die Straße. Als ich den Wagen erreichte, schlich ich um die vordere Stoßstange herum zu unserem Versteck. »Hey, ich bin’s«, sagte ich.
Nur der Wind antwortete mir.
Wendell Jaffe war verschwunden.