12
-----
Wieder in Santa Teresa, fuhr ich sofort ins Büro, hievte meine Smith-Corona heraus und tippte meine Notizen ab — einen Bericht der Ereignisse der vergangenen zwei Tage, Namen, Adressen und andere Daten. Dann berechnete ich meine Arbeitszeit und rechnete Benzin und Meilengeld dazu. Ich würde der California Fidelity wahrscheinlich eine Pauschale von fünfzig Dollar pro Stunde in Rechnung stellen, aber ich wollte eine detaillierte Abrechnung parat haben, falls Gordon Titus mir pingelig kommen sollte. Tief im Inneren wußte ich, daß diese buchhalterische Gewissenhaftigkeit nichts als Ablenkung von der steigenden Erregung war, die mich erfaßt hatte. Jaffe mußte in der Nähe sein, aber was tat er, und was war nötig, um ihn ans Licht zu bringen? Wenigstens hatte sich meine Ahnung bestätigt — es sei denn Renata und Jaffe hatten sich getrennt, was ich nicht für wahrscheinlich hielt. Er hatte Familie hier. Ich war nicht sicher, ob sie ebenfalls Angehörige in der Gegend hatte. Ich nahm mir das örtliche Telefonbuch vor, fand aber keinen Eintrag unter dem tarnen Huff. Sie reiste wahrscheinlich genauso unter falschem tarnen wie er. Ich hätte so ziemlich alles gegeben, um den Mann Zu Gesicht zu bekommen, aber langsam bekam ich das Gefühl, daß das ungefähr so wahrscheinlich war wie eine Begegnung mit einem UFO.
Immer wenn die Ermittlungen dieses Stadium erreicht haben, beginne ich ungeduldig zu werden. Und immer beschleicht mich das gleiche Gefühl — daß dieser Fall mir schließlich zum Verhängnis werden wird. Bisher habe ich noch keinen Auftrag verpfuscht. Zwar entwickeln sich die Dinge nicht immer ganz so, wie ich es voraussehe, aber bis jetzt habe ich noch jeden Fall aufgeklärt. Das Schwierige ist, daß es für den Privatdetektiv keine festen Regeln gibt. Es gibt kein eindeutiges Verfahren, keine Firmendirektiven, keine vorgeschriebene Strategie. Jeder Fall liegt anders, und letztlich kann man sich nur auf sein Gefühl verlassen. Wenn man jemandes Biographie überprüft, kann man natürlich die Ämter abklappern und sich über Vermögensverhältnisse und Grundbesitz, Geburten und Todesfälle, Heiraten, Scheidungen, Kreditwürdigkeit, geschäftlichen und privaten Leumund informieren. Jeder tüchtige Privatdetektiv lernt sehr rasch, wie man der Fährte aus Papierschnipseln folgt, die der private Bürger auf seinen Irrungen durch den Wald der Bürokratie hinterläßt. Aber der Erfolg bei der Suche nach einem Vermißten hängt von Einfallsreichtum, Beharrlichkeit und schlichtem Glück ab. Jeder Anhaltspunkt, den man sich schafft, basiert auf persönlichem Kontakt, und da ist es nicht schlecht, wenn man ein bißchen Menschenkenntnis besitzt.
Ich setzte mich hin und dachte darüber nach, was ich bisher in Erfahrung gebracht hatte. Viel war es im Grunde nicht. Ich hatte nicht das Gefühl, Wendell Jaffe näher gekommen zu sein. Ich ging daran, meine Notizen auf Karteikarten zu übertragen. Wenn alles andere versagte, konnte ich sie ja mischen und Patience legen.
Als ich das nächste Mal aufsah, war es fünf nach halb fünf. Dienstag nachmittags hatte ich von fünf bis sieben Spanischunterricht. Ich hatte noch gut fünfzehn Minuten Zeit, aber meine Talente als Schreibkraft waren ausgeschöpft. Ich schob den ganzen Papierkram in eine Mappe und sperrte den Aktenschrank ab. Dann schloß ich mein Büro hinter mir ab und ging. Auf der Straße mußte ich erst einmal eine volle Minute lang überlegen, wo ich mein Auto geparkt hatte. Schließlich fiel es mir tatsächlich ein, und ich wollte mich gerade auf den Weg machen, als Alison vom Fenster zu mir herunterbrüllte.
»Huhuu, Kinsey!«
Ich beschattete meine Augen mit der Hand und sah hinauf. Sie stand auf dem kleinen Balkon vor John Ives’ Büro, und ihr blondes Haar hing über das Geländer wie bei einem modernen Rapunzel. »Lieutenant Whiteside ist am Telefon. Soll ich eine Nachricht entgegennehmen?«
»Ach ja, bitte, wenn’s dir nichts ausmacht. Oder er kann auf meinem Anrufbeantworter eine Nachricht hinterlassen. Ich gehe zum Spanisch, aber spätestens um halb acht bin ich zu Hause. Wenn ich ihn zurückrufen soll, dann bitte ihn um seine Nummer.«
Sie nickte, winkte und verschwand.
Ich holte meinen Wagen und fuhr zur Schule, zwei Meilen entfernt. Vera Lipton kam kurz nach mir auf den Parkplatz und bog in die erste kaum besetzte Gasse rechts ein. Ich hatte die zweite links genommen, näher beim Eingang. Wir waren beide dabei, unsere Theorien darüber zu erproben, wie man nach dem Unterricht am schnellsten wegkam. Die meisten der vorhandenen Klassenzimmer waren von der Abendschule besetzt, und nach dem Unterricht stiegen jedesmal hundertfünfzig bis zweihundert Leute gleichzeitig in ihre Autos.
Ich nahm meinen Block, meinen Stapel Papiere und mein 501 Spanische Verben. Eilig verschloß ich den Wagen und rannte quer über den Platz, um Vera abzufangen. Wir hatten uns kennengelernt, als ich noch regelmäßig für die California Fidelity gearbeitet hatte, bei der sie angestellt war, zunächst als Sachbearbeiterin, dann als Abteilungsleiterin. Sie ist wahrscheinlich die beste Freundin, die ich je haben werde, obwohl ich eigentlich nicht recht weiß, was zu so einer Beziehung gehört. Jetzt, da wir nicht länger benachbarte Büros hatten, hatten unsere Kontakte etwas Sporadisches bekommen. Das war ein Grund, weshalb die Idee, zusammen einen Spanischkurs zu besuchen, so reizvoll erschienen war. In der Pause pflegten wir uns in aller Eile über die besonderen Ereignisse der Woche auszutauschen. Manchmal lud sie mich nach dem Unterricht zum Essen bei sich zu Hause ein, und dann lachten und schwatzten wir häufig bis tief in die Nacht. Nach siebenunddreißig Jahren überzeugten Alleinlebens hatte Vera einen Allgemeinmediziner namens Neil Hess geheiratet, mit dem sie im Jahr zuvor eigentlich mich hatte verkuppeln wollen. Was mich damals amüsierte, war die Tatsache, daß sie hin und weg war, aber aus Gründen, die ich für vorgeschoben hielt, meinte, er passe nicht zu ihr. Ganz besonders störte es sie, daß sie beinahe einen Kopf größer war als er. Am Ende siegte die Liebe. Oder Neil legte sich Plateausohlen zu.
Sie waren nun seit neun Monaten verheiratet — seit dem vergangenen November — , und ich fand, daß sie nie besser ausgesehen hatte. Sie ist groß und stramm: vielleicht einen Meter fünfundsiebzig bei 65 Kilo, nicht zierlich. Sie war wegen ihrer großzügigen Proportionen niemals verlegen gewesen. Tatsache ist, daß Männer in ihr eine Art Göttin zu sehen schienen und überall, wo sie auftauchte, mit ihr ins Gespräch zu kommen versuchten. Jetzt, da sie und Neil regelmäßig Sport treiben — Jogging und Tennis — hatte sie zehn Kilo abgenommen. Ihr früher rotgefärbtes Haar hatte wieder seine natürliche Farbe, ein lichtes Braun, und sie trug es schulterlang. Sie kleidete sich immer noch wie eine Fluglehrerin: Overalls mit dicken Schulterpolstern und eine getönte Fliegerbrille, manchmal mit hohen Absätzen, heute abend mit Stiefeln.
Als sie mich sah, nahm sie ihre Brille ab und winkte heftig. »¡Hola!« rief sie vergnügt. Bisher war dies das einzige Wort, das wir wirklich gemeistert hatten, und wir gebrauchten es, so häufig wir konnten. Ein junger Bursche, der gerade die Hecken stutzte, sah erwartungsvoll auf. Wahrscheinlich glaubte er, Veras Ruf gelte ihm.
»¡Hola!« antwortete ich. »¿Dónde están los gatos?« Immer noch auf der Suche nach diesen geheimnisvollen schwarzen Katzen.
»En los árboles.«
»Muy bueno«, sagte ich.
»Mensch, klingt das nicht toll?«
»Doch, und der Bursche da drüben glaubt bestimmt, wir seien Hispanos«, erwiderte ich.
Vera lachte und winkte ihm einmal kurz zu, ehe sie sich wieder mir zuwandte. »Du bist ja heute richtig früh dran. Meistens flatterst du doch mit einer Viertelstunde Verspätung herein.«
»Ich hab’ am Schreibtisch gesessen und konnte es nicht mehr erwarten, den ganzen Papierkram wegzulegen. Wie geht’s dir? Du schaust gut aus.«
Wir gingen ins Klassenzimmer und schwatzten vergnügt, bis die Lehrerin kam. Patty Abkin-Quiroga ist klein und zierlich, sehr enthusiastisch und unseren tolpatschigen Gehversuchen in ihrer Sprache gegenüber sehr tolerant. Nichts ist so frustrierend, wie in einer fremden Sprache herumzustolpern wie ein Narr, und wäre nicht ihr Verständnis gewesen, so hätten wir schon nach den ersten Wochen entmutigt aufgegeben. Wie gewöhnlich begann sie den Unterricht, indem sie uns eine lange Geschichte auf Spanisch erzählte, irgend etwas, das mit ihren Aktivitäten an diesem Tag zu tun hatte. Entweder hatte sie ein tostado gegessen, oder ihr kleiner Sohn Eduardo hatte seine Flasche in der Toilette hinuntergespült, und sie hatte den Klempner holen müssen.
Als ich nach dem Kurs nach Hause kam, sah ich das rote Licht meines Anrufbeantworters blinken. Ich drückte auf den Knopf und hörte das Gerät ab, während ich in meinem kleinen Wohnzimmer umherging und die Lichter anknipste.
»Hallo, Kinsey. Lieutenant Whiteside hier von der Polizei Santa Teresa. Ich habe heute nachmittag von unseren Freunden bei der Paßbehörde Los Angeles ein Fax bekommen. Über einen Dean DeWitt Huff haben sie nichts, aber für Renata Huff haben sie mir die folgende Adresse in Perdido mitgeteilt.« Ich schnappte mir einen Stift und kritzelte seine Angaben auf eine Papierserviette. »Wenn ich mich nicht irre, ist das drüben in den Perdido Keys. Lassen Sie mich wissen, was Sie herausbekommen haben. Morgen habe ich frei, aber am Donnerstag bin ich wieder hier.«
»Okay«, sagte ich und schüttelte mit erhobenen Armen beide Fäuste. Ich führte ein kleines Tänzchen, komplett mit Hinterngewackel, auf, um dem Universum für kleine Gefälligkeiten zu danken. Anstatt wie geplant zu Rosie’s zum Essen zu gehen, machte ich mir ein Brot, wickelte es in Wachspapier und verpackte es in einem Plastikbeutel, wie meine Tante es mich gelehrt hatte. Meine zweite haushaltliche Fertigkeit neben dem Konservieren frischer Sandwiches ist — dank ihren schrulligen Vorstellungen — das Verpacken von Geschenken jeglicher Größe und Form ohne Zuhilfenahme von Tesafilm. Dies betrachtete sie als wichtige Vorbereitung auf das Leben.
Es war zehn vor acht und noch hell, als ich wieder auf den 101 fuhr. Auf der Fahrt verspeiste ich mein Picknick, indem ich mit einer Hand lenkte, in der anderen das belegte Brot hielt und dabei vergnügt vor mich hin summte. Mein Autoradio hüllte sich seit Tagen in ominöses Schweigen, und ich vermutete, daß irgendeine wesentliche Röhre tief in seinem Inneren ihren Geist aufgegeben hatte. Ich schaltete es trotzdem versuchshalber mal ein. Er konnte ja sein, daß es während meiner Abwesenheit einen Selbstheilungsprozeß durchgemacht hatte. Aber solches Glück hatte ich nicht. Ich knipste es also wieder aus und unterhielt mich dafür mit Erinnerungen an die Jahresfeier der Gemeinde Perdido/Olvidado, die jedesmal aus einem lahmen Festzug, der Errichtung unzähliger Freßbuden und der Menge der Einheimischen bestand, die gelangweilt herumliefen und sich ihre P/O-T-Shirts mit Senf und Ketchup vollkleckerten.
Pater Junipero Serra, der erste Präsident der Alta-California-Missionen, errichtete an dem sechshundertfünfzig Meilen langen Küstenstreifen zwischen San Diego und Sonoma neun Missionen. Pater Fermin Lasuen, der 1785, im Jahr nach Serras Tod, die Führerschaft übernahm, gründete neun weitere Missionen. Es folgten noch andere, weniger brillante Missionsleiter, zahllose Brüder und Pater, deren Namen aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwunden sind. Einer von diesen, Pater Prospero Olivarez, bat zu Beginn des Jahres 1781 darum, am Santa-Clara-Fluß zwei kleinere Missionen errichten zu dürfen. Der Pater behauptete, zwei benachbarte presidios oder Forts würden nicht nur der Mission, die in Santa Teresa erbaut werden sollte, als Schutz dienen, sondern könnten zugleich die Bekehrung, Beherbergung und Ausbildung kalifornischer Indianer unternehmen, die dann als gelernte Arbeiter bei den geplanten Bauunternehmen eingesetzt werden könnten. Pater Junipero Serra war sehr angetan von dieser Idee und gab voll Enthusiasmus seine Zustimmung. Pläne wurden angefertigt, und der Platz, an dem die Missionen einmal stehen sollten, wurde feierlich eingeweiht. Doch infolge unerklärlicher Verzögerungen wurde der Beginn der Bauarbeiten immer wieder aufgeschoben, bis Pater Serra schließlich starb, worauf das Projekt abserviert wurde. Pater Olivarez’ Zwillingskirchen wurden nie erbaut. Einige Historiker haben Olivarez als weltlich und ehrgeizig dargestellt und die Meinung vertreten, daß man ihm die Unterstützung für sein Projekt entzogen hatte, um seinen weltlichen Bestrebungen einen Dämpfer aufzusetzen. Kirchendokumente, die seither ans Licht gekommen sind, legen eine andere Möglichkeit nahe: daß nämlich Pater Lasuen, der sich für die Errichtung von Missionen in Soledad, San José, San Juan Bautista und San Miguel einsetzte, in Olivarez eine Bedrohung seiner eigenen Ziele gesehen und bewußt die Bemühungen des Rivalen bis zum Tod Pater Serras sabotiert habe. Seine Machtübernahme sei für Olivarez’ Vision der Todesstoß gewesen. Wie auch immer die Wahrheit aussehen mag, zynische Beobachter gaben dem Zwillingsort den Namen Perdido/Olvidado, eine Verhohnepipelung von Prospero Olivarez’ Namen. Übersetzt bedeuten die beiden Namen Verloren und Vergessen.
Auf dieser Fahrt mied ich das Zentrum. Architektonisch war der Ort eine Mischung aus nüchternen modernen Kästen und viktorianischem Schnörkel. In jenem Teil der Städtchen, der sich zwischen dem 101 und dem Meer befindet, waren ganze Landflächen einfach asphaltiert, eine Serie ineinander übergehender Riesenparkplätze von Supermärkten, Tankstellen und Fast-Food-Abspeisen. Man konnte kilometerweit über schwarze Asphaltfelder fahren, ohne eine Straße benutzen zu müssen. Bei Seacove fuhr ich vom Highway ab und nahm Kurs auf die Perdido Keys.
Näher am Ozean sahen die Häuser aus wie die eines kleinen Seebads — Holzverschalung mit großen Sonnenterrassen, meer-blau oder — grau gestrichen, in den Gärten leuchtende rote, gelbe und orangefarbene Blumen. Ich kam an einem Haus vorüber, auf dessen Balkon im ersten Stockwerk so viele Anzüge zum Trocknen aufgehängt waren, daß es aussah, als wären die Gäste einer Cocktailparty auf die Terrasse getreten, um frische Luft zu schnappen.
Das Tageslicht verblaßte im Indigoblau des Abends, und in den Häusern rundherum gingen die Lichter an, als ich endlich die Straße fand, die ich suchte. Die Häuser auf beiden Seiten der schmalen Straße lagen am Wasser. Die meisten hatten hinten einen breiten Holzsteg, von dem eine kurze Holzrampe zu einem Bootsanlegeplatz hinunterführte. Der Kanal war tief genug für Boote stattlicher Größe. Ich roch den kühlen Meeresduft, und die Stille wurde akzentuiert vom gelegentlichen Plätschern von Wasser und dem Quaken von Fröschen.
Ich fuhr langsam durch die Straße und versuchte mit zusammengekniffenen Augen die Hausnummern auszumachen, bis ich die entdeckte, die Lieutenant Whiteside mir angegeben hatte. Renata Huffs Haus war ein einstöckiger Bau, der Verputz dunkelblau gestrichen und weiß abgesetzt. Hinten war das Grundstück durch einen weißen Bretterzaun vor neugierigen Blicken von der Straße geschützt. Das Haus war dunkel, und an einem Pfosten im Vorgarten hing ein Schild, »Zu verkaufen«. Ich sagte: »Interessant!«
Nachdem ich das Auto auf der anderen Straßenseite abgestellt hatte, ging ich eine lange Holzrampe hinauf zur Haustür und läutete, als erwartete ich, eingelassen zu werden. Auch wenn das Haus zu verkaufen war, konnte es gut sein, daß Renata hier noch wohnte. Während ich vor der Tür stand und wartete, musterte ich die beiden Nachbarhäuser rechts und links. Das eine war ganz dunkel; im anderen brannte hinten Licht. Ich drehte mich um, so daß ich die Häuser gegenüber in Augenschein nehmen konnte. Soweit feststellbar, wurde ich nicht beobachtet, und es schienen auch keine bissigen Hunde auf den Anwesen in der Nachbarschaft zu sein. Ich betrachte das häufig als stillschweigende Aufforderung zum Einbruch, aber hier hatte ich durch eines der schmalen Fenster, die die Haustür flankierten, den verräterischen Schimmer eines roten Lämpchens gesehen, ein Zeichen, daß die Alarmanlage eingeschaltet war. Nicht nett von Renata.
Und nun? Ich konnte nach Santa Teresa zurückfahren, aber es hätte mich geärgert, die Fahrt ganz umsonst unternommen zu haben. Wieder sah ich zu dem Nachbarhaus hinüber, in dem Licht brannte. Durch ein Seitenfenster sah ich eine Frau, die mit gesenktem Kopf in ihrer Küche arbeitete. Ich ging die Rampe wieder hinunter und durchquerte den Garten, wobei ich darauf achtete, nicht in die Blumenbeete zu treten. Ich läutete und sah, während ich wartete, ohne sonderliches Interesse zu Renatas Vorderveranda hinüber. Genau in diesem Momenht gingen im Haus automatisch die Lichter an — das sollte den Eindruck erwecken, es sei bewohnt. Tatsächlich sah es jetzt nur aus wie ein leeres Haus, in dem sinnlos Licht brannte.
Über mir flammte die Verandalampe auf, und dann wurde die Haustür einen Spalt geöffnet. »Ja bitte?« Die Frau war meiner Schätzung nach in den Vierzigern. Ich konnte nur ihr langes, dunkles Haar sehen, das lockig über ihre Schultern herabfiel wie eine altmodische Allongeperücke. Sie roch nach Flohpulver. Erst dachte ich, es sei ein neues Designerparfüm, aber dann sah ich den in ein Handtuch vermummten Hund, den sie unter den Arm geklemmt hielt. Es war eines dieser kleinen schwarz-braunen Hündchen, die ungefähr die Größe eines Brotlaibs haben. Schnucki, Putzi, Püppchen.
»Guten Abend«, sagte ich. »Ich hoffte, Sie könnten mir vielleicht eine Auskunft über das Haus nebenan geben, das zu verkaufen ist. Mir ist die Rampe vor der Tür aufgefallen. Wissen Sie zufällig, ob das Haus für eine behinderte Person eingerichtet ist?«
»Ja.«
Ich hatte mir eigentlich mehr Details erhofft. »Innen auch?«
»O ja. Ihr Mann erlitt vor ungefähr zehn Jahren einen schweren Schlaganfall — einen Monat bevor sie mit dem Bau des Hauses anfingen. Sie ließ daraufhin die Pläne radikal ändern und sogar einen Lift zum ersten Stock einbauen.«
»So ein Zufall«, murmelte ich. »Meine Schwester ist nämlich behindert, wissen Sie, und wir suchen schon Ewigkeiten nach einem Haus, in dem sie sich mit ihrem Rollstuhl einigermaßen frei bewegen kann.« Da ich das Gesicht der Frau nicht sehen konnte, richtete ich das Wort unwillkürlich an den Hund, der mir auch recht aufmerksam zuhörte.
Die Frau sagte: »Ach, wirklich? Was fehlt ihr denn?«
»Sie hatte vor zwei Jahren einen Unfall beim Tauchen und ist seither querschnittgelähmt.«
»Wie schrecklich«, sagte die Frau mit jener Art gespielter Anteilnahme, die man der Geschichte einer fremden Person entgegenzubringen pflegt. Ich hätte schwören können, daß ihr Fragen durch den Kopf schwirrten, die zu stellen sie zu höflich war.
Tatsächlich fing ich schon selbst an, mich richtig elend zu fühlen wegen meiner Schwester, auch wenn sie so eine tapfere Person war. »Sie trägt es eigentlich sehr gut. Und heute sind wir den ganzen Tag herumgefahren und haben hier in der Gegend nach Häusern geschaut. Wir tun das seit Wochen, aber das Haus hier ist das erste, das sie interessiert hat, darum bin ich noch mal hergekommen, um mich genauer zu erkundigen. Wissen Sie vielleicht, wieviel das Haus kosten soll?«
»Vier fünfundneunzig, habe ich gehört.«
»Ach, das ist gar nicht so übel. Ich glaube, ich werde unseren Immobilienmakler bitten, einen Termin zu vereinbaren, damit wir es uns einmal ansehen können. Ist die Eigentümerin tagsüber hier zu erreichen?«
»Das ist schwer zu sagen. In letzter Zeit war sie viel auf Reisen.«
»Wie heißt sie gleich wieder?« fragte ich, als hätte sie es mir schon einmal gesagt.
»Renata Huff.«
»Was ist mit ihrem Mann? Wenn sie nicht da ist, könnte unser Makler vielleicht den Mann anrufen.«
»Oh, tut mir leid. Dean ist tot. Mr. Huff, meine ich. Ich dachte, ich hätte Ihnen gesagt, daß er einen schweren Schlaganfall hatte.« Der Hund, den das endlose Gerede langweilte, begann unruhig zu werden.
»Ach, wie traurig«, sagte ich. »Wann ist er denn gestorben?«
»Ich weiß nicht genau. So vor fünf, sechs Jahren.«
»Und sie hat nicht wieder geheiratet?«
»Nein, das schien sie gar nicht zu interessieren. Mich wundert das, ehrlich gesagt. Ich meine, sie ist ja noch jung — in den Vierzigern und sie stammt aus einer reichen Familie. Jedenfalls hat man es mir so erzählt.« Der Hund begann seine lange Zunge auszufahren und versuchte, ihr das Gesicht abzulecken. Das war sicher irgendein Hundesignal, von dessen Bedeutung ich leider keine Ahnung hatte. Bussi, Fressi, Runter, Aufhören.
»Und warum will sie verkaufen? Zieht sie weg von hier?«
»Das weiß ich wirklich nicht, aber wenn Sie möchten, können Sie mir Ihre Nummer hier lassen, dann sage ich ihr das nächste Mal, wenn ich sie sehe, daß Sie hier waren.«
»Gern. Das ist nett.«
»Augenblick. Ich hole mir nur was zu schreiben.«
Sie ging von der Tür zu einem Beistelltisch im Vestibül und kam gleich darauf mit einem Stift und einem alten Briefumschlag zurück.
Ich erfand eine Nummer mit der Vorwahl von Montebello, wo die Reichen wohnen. »Können Sie mir vielleicht Mrs. Huffs Nummer geben?«
»Die habe ich leider nicht. Ich glaube, sie ist nicht eingetragen.«
»Ach, na ja, der Makler wird sie schon haben«, meinte ich sorglos. »Glauben Sie, sie hätte was dagegen, wenn ich inzwischen Wal einen kurzen Blick durch die Fenster werfe?«
»Bestimmt nicht. Es ist wirklich ein hübsches Haus.«
»Ja, das kann ich mir vorstellen«, sagte ich. »Ich habe gesehen, daß auch ein Bootssteg da ist. Hat Mrs. Huff ein Boot?«
»O ja, ein großes Segelboot... achtundvierzig Fuß. Aber ich hab’s schon eine ganze Weile nicht mehr draußen gesehen. Vielleicht läßt sie was dran machen. Ich weiß, daß sie es von Zeit zu Zeit aus dem Wasser nimmt. Na ja... ich gehe jetzt besser hinein, dem Hund wird kalt.«
»Natürlich. Vielen Dank noch mal.«
»Keine Ursache«, sagte sie.