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Als ich das Strandviertel am Rand von Perdido erreichte, in dem die Motels stehen, hatte sich über dem Ozean ein geisterhafter graugrüner Dunst ausgebreitet. Noch während ich hinsah, wurde durch eine merkwürdige Brechung des schwindenden Sonnenlichts das flüchtige Bild einer Insel, die grün und unerreichbar über dem Wasser schwebte, heraufbeschworen. Sie hatte etwas Jenseitiges in ihrer Verschleierung. Dann war der Moment verflogen, und das Bild zerstob im Dunst. Die Luft war heiß und still, ungewöhnlich feucht für das Küstengebiet Kaliforniens. Heute abend würden die Leute in dieser Gegend in ihren Garagen nach dem elektrischen Ventilator vom letzten Sommer suchen müssen. Statt zu schlafen, würden sie sich schwitzend und ohne Hoffnung auf Erfrischung in zerwühlten Laken wälzen.
Ich parkte in einer Seitengasse der Hauptdurchgangsstraße. Die Lichter der Motels, die inzwischen eingeschaltet worden waren, verbreiteten ein künstliches Tageslicht; blinkende Neonreklamen in Blau und Grün, die den Durchreisenden zum Bleiben aufforderten. Die Bürgersteige waren voller Menschen, alle sommerlich gekleidet, auf der Suche nach Abkühlung. Die Eisbuden würden wahrscheinlich Rekordverkäufe verzeichnen. Autos krochen auf der Suche nach Parkplätzen in endlosem Strom durch die Straßen. Nirgends in den Straßen war Sand, und doch hatte man so ein Gefühl von windgetriebenem Sand, der alles blank putzte. In Bars, aus deren geöffneten Türen von dröhnenden Bässen begleitete Musik schallte, drängten sich Studenten.
Ich begann bei den Motels an der Hauptstraße und ackerte mich in die umliegenden Straßen durch. Die Namen waren die gleichen wie in unzähligen anderen Badeorten. Ich ging vom Sun ‘N’ Surf ins Tide, ins Beachside, ins Blue Sands und ins White Sands, ins Casa del Mar und so weiter. Ich zeigte meine Zulassung als Privatdetektivin. Ich zeigte das körnige Schwarzweißfoto von Brian Jaffe. Ich konnte mir nicht vorstellen, daß er sich unter seinem richtigen Namen eingetragen hatte, darum versuchte ich es mit Variationen: Brian Jefferson, Jeff O’Brian, Brian Huff, Dean Huff und Wendell Jaffes Lieblingsnamen, Stanley Lord. Ich wußte, an welchem Tag Brian irrtümlich aus dem Gefängnis entlassen worden war, und hielt es für höchstwahrscheinlich, daß er sich noch am selben Tag in einem Motel eingemietet hatte. Er war allein, und seine Rechnung hatte man vermutlich im voraus bezahlt. Ich war ziemlich sicher, daß er sich abgekapselt und nicht viel aus- und eingegangen war. Ich hoffte, jemand würde ihn nach dem Foto und meiner Beschreibung erkennen. Moteldirektoren und Empfangsangestellte schüttelten verneinend die Köpfe. Jedem ließ ich meine Karte da, jedem nahm ich das Versprechen ab, daß er mich sofort anrufen würde, falls ein junger Mann vom Aussehen Brian Jaffes sich in ihrem Haus zeigen würde. Aber natürlich. Sie können sich darauf verlassen. Klar. Ich war noch nicht richtig zur Tür hinaus, da warfen sie die Karte schon in den Papierkorb.
Im Lighthouse — Durchwahltelefon, Kabelfernsehen, beheizter Pool — , beim zwölften Versuch, erhielt ich ein Nicken statt eines Kopfschütteins. Das Lighthouse war ein zweistöckiger, oval angelegter Bau mit einem Pool in der Mitte. Die Mauern waren meerblau gestrichen und auf der Fassade prangte das stilisierte Bild eines Leuchtturms. Der Mann am Empfang war in den Siebzigern, tatkräftig und alert. Er war völlig kahl, aber er schien noch alle seine eigenen Zähne zu haben. Mit einem von Arthritis verkrümmten Zeigefinger tippte er auf den Zeitungsausschnitt.
»O ja, der Junge ist hier. Michael Brendan. Zimmer einhundertzehn. Ich hab’ mich schon gefragt, warum er mir so bekannt vorkam. Ein älterer Herr hat das Zimmer im voraus bezahlt. Für eine Woche. Um ehrlich zu sein, ich war mir über ihre Beziehung nicht ganz im klaren.«
»Vater und Sohn.«
»Ja, das haben sie auch behauptet«, sagte der Mann, immer noch zweifelnd. Er überflog den Bericht über den Gefängnisausbruch und den nachfolgenden Mord an der Frau, deren Auto gestohlen worden war. »Ich weiß, daß ich damals davon gelesen habe. Na, dieser junge Mann scheint ja ein gefährlicher Bursche zu sein. Soll ich die Polizei anrufen?«
»Lieber das Sheriff’s Department, und lassen Sie mir erst zehn Minuten Zeit mit ihm. Sagen Sie den Leuten, Sie sollen Zurückhaltung üben. Ich möchte nicht, daß es Blutvergießen gibt. Der Junge ist achtzehn. Es würde sich bestimmt nicht gut machen, wenn er im Pyjama niedergeschossen würde.«
Ich verließ das Foyer und ging durch eine Passage in den Innenhof. Es war jetzt ganz dunkel geworden, und das beleuchtete Schwimmbecken glänzte aquamarinblau. Lichtspiegelungen des Wassers spielten in ständig wechselnden Mustern über die Mauern des Gebäudes. Brians Zimmer war im Erdgeschoß. Es hatte eine Schiebetür, die auf eine kleine Terrasse führte und von da zum Pool. Die einzelnen Terrassen waren durch niedrige Büsche voneinander getrennt. Jedes Zimmer trug eine Nummer, es war also nicht schwierig, das richtige zu finden. Ich sah den Jungen durch die Stores, die nur teilweise zugezogen waren. Die Schiebetür war geschlossen; wahrscheinlich lief die Klimaanlage auf Hochtouren.
Er hatte graue Boxershorts an und ein ärmelloses T-Shirt. Braungebrannt und kräftig, lag er, die Füße auf dem Bett, in einem Polstersessel und sah fern.
Ich ging zum Ende des Gebäudes und trat dort in den Korridor. Auf dem Weg zu Brains Zimmer kam ich an einer Tür mit der Aufschrift »Nur Personal« vorüber. Spaßeshalber versuchte ich sie zu öffnen, und siehe da, der Knauf drehte sich unter meiner Hand. Ich spähte in den Raum hinter der Tür, eine Kammer mit Wäscheregalen an drei Wänden. Sauber gestapelt lagen da Bettwäsche, Handtücher und Tagesdecken. Auch Schrubber, Staubsauger, Bügeleisen, Bügelbretter und diverse Reinigungsmittel waren da. Ich schnappte mir einen Stapel Handtücher und ging wieder.
Vor der Tür zu Brians Zimmer blieb ich stehen, im spitzen Winkel zum Spion, und klopfte. Der Fernseher wurde leiser. Ich wartete. Er versuchte wohl, mich durch den Spion in Augenschein zu nehmen. »Ja?« rief er gedämpft.
»Criada«, rief ich. Es ist das spanische Wort für »Zimmermädchen«. Ich hatte es gleich in der ersten Unterrichtsstunde gelernt, weil so viele von den Frauen, die bei mir im Kurs sind, möglichst schnell den Wortschatz lernen wollen, der es ihnen ermöglicht, mit ihren Dienstmädchen zu sprechen. Sonst taten die Mädchen nämlich angeblich einfach das, was sie wollten, und die Frauen konnten ihnen nur hinterherlaufen und versuchen, ihnen zu zeigen, worauf es ihnen beim Saubermachen ankam. Erfolglos, da die Mädchen vorgaben, nichts zu verstehen.
Auch Brian verstand nicht. Er zog die Tür bei vorgelegter Kette einen Spalt auf und schaute heraus. »Was ist denn?«
Ich hielt den Stapel Handtücher hoch, auch um mein Gesicht zu verbergen. »Handtücher«, sagte ich.
»Oh.« Er schloß die Tür, löste die Kette und machte mir wieder auf. Ich trat ins Zimmer. Ohne mir einen Blick zu gönnen, wies er zum Badezimmer. Seine Aufmerksamkeit war schon wieder von dem Film im Fernsehen gefesselt. Es war ein alter Schwarzweißfilm: Männer mit hohen Wangenknochen und Brillantinewellen, Frauen mit hauchdünn gezupften Augenbrauen. Die Gesichtsausdrücke waren alle tragisch. Brian stellte den Ton wieder laut.
Ich ging ins Badezimmer und sah mich, da ich schon mal da war, gründlich um. Keine Kanonen, Hackebeilchen oder Macheten in Sicht. Dafür reichlich Sonnencreme und Haargel, eine Haarbürste, ein Fön und ein Rasierer. Ich glaubte nicht, daß der Junge genug Bart im Gesicht hatte, um einen Rasierer zu brauchen. Aber vielleicht übte er ja nur.
Ich legte die Handtücher auf die Konsole und ging ins Zimmer nebenan, wo ich mich aufs Bett setzte. Zunächst schien Brian meine Anwesenheit gar nicht wahrzunehmen. Die Geigen schluchzten, und die Liebenden zeigten der Kamera ihre beiden makellosen Gesichter. Seins war hübscher als ihrs.
Als Brian mich schließlich bemerkte, gab er sich cool und ließ sich keine Überraschung anmerken. Er nahm die Fernbedienung und stellte die Lautstärke wieder herunter. Die Szene lief stumm weiter, mit vielen lebhaften Dialogen. Ich habe mir oft überlegt, ob ich so vielleicht lernen könnte, von den Lippen abzulesen. Die Liebenden auf der Leinwand sprachen dem anderen jeweils direkt ins Gesicht. Ich dachte schaudernd an üblen Mundgeruch. Ihr Mund bewegte sich, aber Brians Stimme war zu hören.
»Wie haben Sie mich gefunden?«
Ich tippte mir an die Stirn, während ich versuchte, mich vom Fernsehschirm loszureißen.
»Wo ist mein Vater?«
»Das wissen wir noch nicht. Kann sein, daß er die Küste hinuntersegelt, um Sie abzuholen.«
»Hoffentlich beeilt er sich.« Er lehnte sich im Sessel zurück, hob die Arme und faltete die Hände über seinem Kopf. Die Muskeln seiner Oberarme sprangen scharf hervor. Er stemmte einen Fuß gegen die Bettkante und schob seinen Sessel ein paar Zentimeter zurück. Die Haarbüschel unter seinen Armen wirkten seltsam animalisch. Ich fragte mich, ob ich das Alter erreicht hatte, in dem mir alle Knaben mit strammen Körpern animalisch erscheinen würden. Ich fragte mich, ob ich vielleicht mein Leben lang schon in diesem Alter war.
Er beugte sich zur Kommode und nahm ein frisches Paar Socken, das ordentlich zusammengerollt einen weichen Ball bildete. Er warf den Ball an die Wand und fing ihn auf, als er zurückprallte.
»Sie haben nichts von ihm gehört?« fragte ich.
»Nein.« Wieder warf er den Ball und fing ihn.
»Sie haben gesagt, Sie hätten ihn vorgestern gesprochen. Sagte er da etwas davon, daß er vorhatte abzureisen?« fragte ich.
»Nein.« Er ließ das Sockenknäuel bei angewinkeltem Arm aus seiner rechten Hand herabfallen und streckte blitzartig den Arm, so daß die Socken von der gestreckten Ellbogenbeuge in die Höhe sprangen. Er fing sie auf und ließ sie wieder fallen. Er mußte genau aufpassen, um nicht daneben zu greifen. Und fallen lassen. Und fangen. Und fallen lassen. Und fangen.
»Was hat er gesagt?« fragte ich.
Er griff ins Leere.
Verärgert über die Störung seiner Konzentration, warf er mir einen Blick zu. »Scheiße, weiß ich doch nicht. Erst erzählt er mir dauernd, daß es in unserem Rechtssystem keine Gerechtigkeit gibt, und dann erklärt er mir, wir müßten uns stellen. >Nie im Leben, Dad<, hab’ ich gesagt. >Das mach’ ich bestimmt nicht, und du kannst mich nicht dazu zwingen.<«
»Was hat er darauf gesagt?«
»Gar nichts.« Er warf das Sockenknäuel wieder an die Wand und fing es auf, als es zurückkam.
»Glauben Sie, daß er einfach ohne Sie abgehauen ist?«
»Wieso, wenn er sich doch stellen wollte?«
»Vielleicht hat er’s mit der Angst zu tun bekommen.«
»Ach, und da hat er mich hier sitzenlassen?« Sein Blick drückte tiefe Ungläubigkeit aus.
»Brian, ich sag’ das nicht gern, aber Ihr Vater ist nicht gerade bekannt dafür, daß er bis zum bitteren Ende durchhält. Er wird leicht nervös, und dann läuft er davon.«
»Er würde mich nicht im Stich lassen«, sagte er trotzig. Er warf die Socken in die Luft, beugte sich vor und fing das Knäuel hinter seinem Rücken. Ich sah den Titel des Buchs vor mir: >Sockentricks: 101 Arten, sich mit Unterwäsche die Zeit zu vertreiben<.
»Ich finde, Sie sollten sich stellen.«
»Das tue ich, wenn er kommt.«
»Wieso kann ich das nicht glauben? Brian, ich möchte mich weiß Gott nicht wichtig machen, aber ich habe hier eine Verantwortung. Sie werden von der Polizei gesucht. Wenn ich Sie nicht ausliefere, mache ich mich der Beihilfe schuldig. Das könnte mich meine Zulassung kosten.«
Blitzartig sprang er auf, packte mich beim Hemd, riß mich vom Bett, die geballte Faust zum Schlag gezückt. Unsere Gesichter waren plötzlich keine fünfzehn Zentimeter voneinander entfernt. Wie die Liebenden im Film. Alles Nette an dem Jungen war spurlos verschwunden. Ein anderer starrte mich an, ein Mensch hinter einem Menschen. Wer hätte ahnen können, daß sich hinter Brians blauäugiger Schönheit dieser gemeine >andere< versteckte? Nicht einmal die Stimme war die seine: ein leises, heiseres Flüstern.
»Paß gut auf, du Luder. Ich werde dir zeigen, was Beihilfe ist. Du willst mich den Bullen übergeben, hm? Das versuch mal. Du wirst gar nicht dazu kommen, mich anzurühren, weil ich dich nämlich blitzschnell umbringe, kapiert?«
Ich verhielt mich ganz still, wagte kaum zu atmen. Ich machte meinen Körper unsichtbar, beamte mich in andere Regionen. Er war außer sich vor Wut, und ich wußte, er würde zuschlagen, wenn ich ihn reizte. Er keuchte krampfartig. Er war derjenige, der die Frau getötet hatte, als die vier geflohen waren. Ich hätte Geld darauf gewettet. So einem brauchte man nur eine Waffe zu geben, ein Opfer, etwas, an dem er seine Wut auslassen konnte, und er würde angreifen.
Ich sagte: »Okay, okay. Schlagen Sie mich nicht. Schlagen Sie nicht zu.«
Ich hätte geglaubt, daß dieser Ansturm von Gefühlen ihn außergewöhnlich aufnahmebereit machen würde. Statt dessen schien die Emotion seine Sinne stumpf zu machen, seine Wahrnehmung zu trüben. Er neigte den Kopf ein klein wenig nach hinten und faßte mich stirnrunzelnd ins Auge. »Was?« Er wirkte benommen, als hätte sein Gehör ihm plötzlich den Dienst versagt.
Schließlich jedoch erreichte ihn meine Botschaft, durch ein Labyrinth von hochgradig geladenen Neuronen.
»Ich möchte nur, daß Sie in Sicherheit sind, wenn Ihr Vater zurückkommt.«
»In Sicherheit.« Die Vorstellung schien ihm fremd zu sein. Er fröstelte, als die Spannung in seinem Körper nachließ. Er löste den Griff, wich zurück und sank schwer atmend in den Sessel. »Mein Gott. Was ist mit mir los? Mein Gott.«
»Soll ich mit Ihnen gehen?« Mein Hemd war dort, wo er es mit der Faust gepackt hatte, permanent plissiert.
Er schüttelte den Kopf.
»Ich kann Ihre Mutter anrufen.«
Er senkte den Kopf und fuhr sich mit der Hand durch sein Haar. »Sie will ich nicht. Ich will ihn.« Die Stimme gehörte dem Brian Jaffe, den ich kannte. Er wischte sich das Gesicht mit seinem Ärmel ab. Ich glaubte, daß er den Tränen nahe war, aber seine Augen blieben trocken — leer — das Blau kalt wie Eis. Ich wartete und hoffte, er würde noch etwas sagen. Allmählich wurde sein Atem normal, und er sah wieder aus wie er selbst.
»Vor Gericht sieht es besser aus, wenn Sie sich freiwillig gestellt haben«, bemerkte ich.
»Weshalb sollte ich das tun? Ich bin entlassen worden.« Der Ton war gereizt. Der andere Brian war verschwunden, hatte sich wie ein Aal in die dunklen Spalten seiner Unterwasserhöhle verzogen. Dieser Brian war nur der Junge, der meinte, alles müßte nach seinem Kopf gehen. Der Junge, der auf dem Spielplatz wütend zu schreien pflegte: »Du hast geschummelt«, wenn er ein Spiel verlor, in Wirklichkeit aber selbst der Schummler war.
»Aber Brian. Sie wissen doch, daß das nicht stimmt. Ich weiß nicht, wer den Computer manipuliert hat, aber Sie dürften nicht auf freiem Fuß sein. Sie stehen unter Mordanklage.«
»Ich habe niemanden umgebracht.« Empört. Damit meinte er wahrscheinlich, daß er sie nicht hatte töten wollen, als er die Pistole auf sie gerichtet hatte. Und weshalb hätte er sich hinterher schuldig fühlen sollen, da es doch nicht seine Schuld war? Blöde Gans. Sie hätte eben die Klappe halten sollen, als er den Autoschlüssel verlangt hatte. Aber nein, sie mußte mit ihm streiten. Frauen mußten dauernd streiten.
»Dann ist es ja gut«, sagte ich. »Aber jetzt ist erst mal der Sheriff auf dem Weg hierher, um Sie abzuholen.«
Er war erstaunt über den Verrat, und der Blick, mit dem er mich ansah, war voller Entrüstung. »Sie haben die Bullen geholt? Warum haben Sie das getan?«
»Weil ich nicht glaubte, daß Sie sich stellen würden.«
»Weshalb sollte ich?«
»Sehen Sie, was ich meine? Sie bilden sich ein, daß die Spielregeln für Sie nicht gelten. Aber Sie täuschen sich.«
»Wenn nur Sie sich nicht täuschen. Ich brauche mir diesen Scheiß nicht von Ihnen gefallen zu lassen.« Er stand aus seinem Sessel auf, nahm seine Brieftasche, die auf dem Fernsehapparat lag, ging zur Tür und machte auf. Ein Sheriff’s Deputy, ein Weißer, die Hand erhoben, um zu klopfen, stand vor ihm. Er wirbelte herum und rannte zur Schiebetür. Dort, auf der Terrasse erschien ein zweiter Deputy, ein Schwarzer. Wütend schleuderte Brian seine Brieftasche zu Boden, so heftig, daß sie aufsprang wie ein Ball. Der erste Deputy griff nach ihm. Brian stieß seinen Arm weg. »Lassen Sie mich los!«
»Ruhig Blut, mein Junge«, sagte der Deputy. »Ich möchte Ihnen nicht weh tun.«
Brian wich schwer atmend zurück. Sein Blick flog von Gesicht zu Gesicht. Er war vornüber gebeugt und hielt die Arme ausgestreckt, als wollte er angreifende Tiere abwehren. Beide Beamte waren groß und kräftig und erfahren, der eine, der Weiße, Ende Vierzig, der andere vielleicht fünfunddreißig. Ich hätte mich mit keinem von beiden anlegen wollen.
Der zweite Deputy hatte die Hand an seiner Pistole, aber er zog sie nicht. Dieser Tage endete eine Konfrontation mit der Polizei immer öfter mit dem Tod. Die beiden Beamten tauschten einen Blick, und mir begann angesichts drohender Gewalt das Herz wie wild zu klopfen. Wir drei standen unbewegt und warteten.
Der erste Deputy fuhr mit gesenkter Stimme zu sprechen fort. »Es ist ja gut. Es ist alles okay. Wir brauchen nur ruhig zu bleiben, dann geht alles in Ordnung.«
Unsicherheit flackerte in Brians Blick. Sein Atem wurde langsamer, und er fand seine Fassung wieder. Er richtete sich auf. Ich glaubte nicht, daß es vorbei sei, aber die Spannung löste sich. Brian versuchte ein entschuldigendes Lächeln und ließ sich ohne Widerstand Handschellen anlegen. Meinem Blick wich er aus, und mir war das recht. Es hatte etwas Peinliches, zusehen zu müssen, wie er sich unterwarf. »Blöde Ärsche«, murmelte er, aber die Beamten ignorierten ihn. Jeder muß das Gesicht wahren. Das ist kein Verbrechen.
Dana kam ins Gefängnis, während Brian noch in der Aufnahme war. Sie trug ein todschickes graues Leinenkostüm, das erste Mal, daß ich sie nicht in Jeans sah. Es war elf Uhr abends, und ich stand wieder mal mit einem Becher scheußlich schmeckenden Kaffees herum, als ich das Knallen ihrer hohen Absätze im Korridor hörte. Ein Blick genügte mir, und ich wußte, daß sie fuchsteufelswild war; nicht auf Brian oder die Polizei, sondern auf mich. Ich selbst hatte Dana angerufen, weil ich fand, sie müßte von der Verhaftung ihres Sohnes benachrichtigt werden. Ich war nicht in Stimmung, mich von ihr anfauchen zu lassen, aber es war klar, daß sie die Absicht hatte mich herunterzuputzen.
»Von dem Moment an, als ich Sie zum erstenmal gesehen habe, habe ich nichts als Ärger gehabt«, zischte sie wütend. Sie trug das Haar straff zurückgekämmt und im Nacken zu einem Knoten gedreht. Nicht ein Härchen tanzte aus der Reihe. Blütenweiße Bluse, silberne Ohrringe, die Augen schwarz umrandet.
»Möchten Sie die Geschichte nicht hören?«
»Nein, ich möchte die Geschichte nicht hören. Ich möchte Ihnen eine erzählen«, giftete sie. »Meine Konten sind gesperrt. Ich habe kein Geld. Haben Sie das kapiert? Kein Geld! Mein Sohn ist in Schwierigkeiten, und ich komme nicht einmal zu seinem Anwalt durch.«
Ihr Leinenkostüm hatte nirgends auch nur das kleinste Fältelten, bei Leinen eine schwierige Sache, selbst bei einem Gemisch. Ich starrte in meinen Becher. Der Kaffee war inzwischen kalt geworden. Obenauf schwammen kleine Klümpchen Milchpulver. Ich hoffte von Herzen, ich würde ihr die Brühe nicht ins Gesicht kippen. Ich beobachtete meine Hand genau, um zu sehen, ob sie sich bewegte. So weit, so gut.
Dana war inzwischen schon nicht mehr zu bremsen, überhäufte mich für weiß Gott was für Missetaten mit Beschimpfungen. Ich schaltete einfach ab. Es war, als sähe ich mir einen Stummfilm an. Ein Teil von mir hörte zu, auch wenn ich mich bemühte, den Ton nicht zu mir durchdringen zu lassen. Ich merkte, daß meine Lust, den Kaffeebecher zu schleudern, immer weiter zunahm. Im Kindergarten habe ich gebissen, der Impuls war der gleiche. Als ich noch bei der Polizei war, mußte ich einmal eine Frau festnehmen, weil sie einer anderen Frau ihren Drink ins Gesicht geschüttet hatte und das vor dem Gesetz als gewaltsame Körperverletzung gilt. »Die Gewalt, die notwendig ist«, hieß es da, »damit der Tatbestand der gewaltsamen Körperverletzung erfüllt ist, muß nicht groß sein und braucht nicht unbedingt Schmerz oder eine körperliche Verletzung zu verursachen noch braucht sie ein Mal zu hinterlassen.« Außer vielleicht auf ihrem Kostüm, dachte ich bei mir.
Ich hörte nahende Schritte im Korridor hinter mir. Ich blickte zurück und sah Deputy Tiller mit einer Akte in der Hand. Er nickte mir kurz zu und verschwand durch die Tür.
»Entschuldigen Sie, Tiller?«
Er schaute noch einmal zur Tür heraus. »Haben Sie mich gerufen?«
Ich sah Dana an. »Tut mir leid, daß ich unterbrechen muß, aber ich habe etwas mit ihm zu besprechen«, sagte ich und folgte Tiller in den Dienstraum. An ihrem verärgerten Blick sah ich, daß sie noch lange nicht mit mir fertig war.