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Es war fast zehn Uhr abends, als ich über den Parkplatz hinter dem Santa Teresa Jachtclub ging. Nach meinem Besuch bei Dana Jaffe fuhr ich auf die 101 und raste die Küste hinauf zu meiner Wohnung, wo ich in aller Eile mehrere Kleider probierte, die Vera abgelegt und mir vermacht hatte. Ihrer völlig unvoreingenommenen Meinung nach bin ich ein absoluter Modemuffel, und jetzt versucht sie, mir wenigstens die Grundlagen modischen Schicks beizubringen. Vera hat es zur Zeit mit diesen Annie-Hall-Ensembles, in denen man aussieht, als hätte man vor, ein Leben lang auf Parkbänken zu schlafen. Jacken über Westen über Kitteln über langen Hosen.

Ich wühlte die Sachen durch und fragte mich dabei verzweifelt, welches Stück denn nun mit welchem zu kombinieren sei. Bei diesem Quatsch brauche ich wirklich einen persönlichen Berater, jemanden, der mir die taktischen Einzelheiten erklärt. Da Vera ungefähr zehn Kilo mehr wiegt als ich und gut zehn Zentimeter größer ist, ließ ich die Hosen links liegen. In denen würde ich doch nur aussehen wie einer der sieben Zwerge, dachte ich. Sie hatte mir zwei lange Röcke mit Gummibund geschenkt und behauptet, die würden mit meinen schwarzen Lederstiefeln ganz toll aussehen. Ein Vierzigerjahrekleid war auch da, bunt bedruckter Rayon, tief angesetzte Taille, knöchellanger Rock. Ich zog das Kleid über und betrachtete mich im Spiegel. Ich hatte Vera in dem Ding gesehen, und sie hatte wie ein Vamp gewirkt. Ich sah aus wie eine Sechsjährige, die feine Dame spielt.

Ich entschied mich schließlich für einen der langen Röcke, schwarze Waschseide. Sie hatte wahrscheinlich gemeint, ich sollte ihn kürzen, aber ich schlug einfach den Bund mehrmals um. Sie hatte mir unter anderem ein loses Oberteil in einer Farbe geschenkt, die sie als >taupe< bezeichnete — eine Mischung aus Grau und alten Zigarrenstummeln — , und dazu eine lange weiße Weste zum Darüberziehen. Sie hatte gesagt, ich könnte die Kombination mit Accessoires ein bißchen aufmotzen. Haha! Als hätte ich eine Ahnung, wie so was funktioniert. Ich kramte in meinen Schubladen vergeblich nach Schmuckstücken und beschloß schließlich, einfach den langen gehäkelten Läufer umzulegen, den meine Tante für den Toilettentisch gemacht hatte. Ich schlang ihn mir also lässig um den Hals und ließ die beiden Enden vorn herabhängen. Ich fand die Wirkung nicht übel, eine Spur verwegen, wie Isadora Duncan oder Amelia Earhart.

Der Jachtclub erhebt sich auf Pfählen über dem Strand. In der Nähe ist das Büro des Hafenmeisters, und links schwingt sich wie ein langer gekrümmter Arm die Mole ins Wasser hinaus. Die Brandung donnerte an diesem Abend; es klang wie das Dröhnen von Autos, die über Holzbohlen fahren. Das Meer war merkwürdig unruhig, die weitreichende Wirkung irgendwelcher fernen Unwetter, die uns wahrscheinlich niemals erreichen würden. Ein dichter Dunst verschleierte den Himmel. Durch ihn hindurch konnte ich nur schwach den mondbeleuchteten Horizont erkennen. Der Sand schimmerte weiß, und an den Felsen, die um das Fundament des Baus aufgetürmt waren, hingen Tangsträhnen.

Selbst vom Fußweg unterhalb konnte ich das grölende Gelächter der Betrunkenen hören. Ich stieg die breite Holztreppe zum Eingang hinauf und trat durch die Glastür ins Innere. Rechts schwang sich eine zweite Treppe in die Höhe, und ich folgte ihr nach oben in die Bar, wo mich Rauchschwaden und Musik vom Band empfingen. Der Raum war L-förmig, das lange Ende den Gästen Vorbehalten, die essen wollten, das kurze denen, die nur trinken wollten. Es war unangenehm laut, obwohl der Speiseraum fast leer und auch an der Bar nicht mehr viel los war. Der Boden war mit Teppich ausgelegt, das ganze obere Stockwerk von großen Fenstern umgeben, die Blick auf den Pazifik boten. Bei Tag konnten die Clubmitglieder das Panorama genießen. Abends warf das schwarze Glas fleckige Spiegelbilder zurück, die zeigten, daß wieder einmal eine gründliche Fensterreinigung angesagt war. Als ich das Pult des Oberkellners erreichte, blieb ich stehen und wartete, während er von der anderen Seite des Raums auf mich zukam.

»Ja, Madam«, sagte er. Er schien erst vor kurzem befördert worden zu sein, denn er hielt den linken Arm abgewinkelt vor sich, als müßte er immer noch das weiße Serviertuch mit sich herumschleppen.

»Ich suche Carl Eckert. Ist er heute abend hier?«

Ich sah, wie sein Blick abwärts glitt zu meinen abgestoßenen Stiefeln und über den langen Rock, die Weste, die Umhängetasche aufwärts wanderte bis zu meinem schlecht geschnittenen Haar, das dank des Windes nach allen Seiten abstand. »Erwartet er Sie?« Sein Ton sagte, daß er bestimmt eher Marsmenschen erwartete.

Ich drückte ihm eine diskret gefaltete Fünfdollarnote in die Hand. »Jetzt erwartet er mich«, sagte ich.

Der Mann steckte den Schein ein, ohne ihn anzusehen. Ich wünschte, ich hätte ihm nur einen Dollar gegeben. Er zeigte mir einen Mann, der allein an einem Fenstertisch saß. Ich hatte reichlich Zeit, ihn mir anzusehen, als ich durch den Raum ging. Ich schätzte ihn auf Anfang Fünfzig, noch in einem Alter, in dem man ihn als >jugendlich< bezeichnen konnte. Er war grauhaarig und untersetzt. Das früher einmal gutaussehende Gesicht war jetzt an der Kinnpartie erschlafft, wirkte aber immer noch angenehm. Während die meisten Männer in der Bar lässig gekleidet waren, trug Carl Eckert einen konservativen dunkelgrauen Fischgrätenanzug, dazu ein hellgraues Hemd und eine kleingemusterte dunkelblaue Krawatte. Ich überlegte krampfhaft, was ich eigentlich zu ihm sagen sollte. Er sah mich auf sich zukommen und richtete seinen Blick auf mich, als ich an seinen Tisch trat.

»Carl?«

Er lächelte höflich. »Richtig.«

»Kinsey Millhone. Darf ich mich zu Ihnen setzen?«

Ich bot ihm meine Hand. Er stand halb von seinem Stuhl auf, beugte sich höflich vor und reichte mir die Hand. Sein Händedruck war zupackend, die Haut seiner Handfläche eiskalt von seinem gekühlten Glas. »Bitte«, sagte er. Seine Augen waren blau und sein Blick unnachgiebig. Er wies auf einen Stuhl.

Ich stellte meine Handtasche auf den Boden und setzte mich auf den Stuhl neben seinem. »Ich hoffe, ich störe nicht.«

»Das kommt darauf an, was Sie von mir wollen.« Sein Lächeln war freundlich, aber oberflächlich und erreichte niemals seine Augen.

»Es sieht aus, als sei Wendell Jaffe am Leben.«

Sein Gesichtsausdruck wurde völlig neutral, und sein Körper ganz reglos, so als wäre alle Belebtheit durch vorübergehenden Energieverlust ausgeschaltet. Flüchtig schoß mir der Gedanke durch den Kopf, daß er mit Jaffe seit dessen Verschwinden in Verbindung gewesen sein könnte. Er war offenbar bereit, mir auf Anhieb zu glauben, dadurch blieb mir der ganze Quatsch erspart, den ich mit Dana hatte durchexerzieren müssen. Er nahm sich Zeit, die Information zu verarbeiten, und verschonte mich mit jeglicher Bekundung von Schock und Überraschung. Ich sah keine Spur von Verleugnung oder Ungläubigkeit. Er schien wieder lebendig zu werden. Er griff in seine Jackentasche und nahm eine Packung Zigaretten heraus, seine Art, Zeit zu gewinnen, um zu überlegen, was ich im Schilde führte. Er hielt mir die Packung hin.

Ich schüttelte ablehnend den Kopf.

Er steckte sich eine Zigarette zwischen die Lippen. »Stört es Sie, wenn ich rauche?«

»Überhaupt nicht. Bitte.« Tatsächlich hasse ich Zigarettenrauch, aber ich wollte Informationen von ihm und hielt dies nicht für den geeigneten Moment, meine Abneigung kundzutun.

Er riß ein Streichholz an und legte seine Hand um das Flämmchen. Dann schüttelte er das Streichholz aus und warf es in den Aschenbecher. Er steckte das Heftchen wieder ein. Ich roch Schwefel und diesen ersten Hauch schwelenden Tabaks, der unvergleichlich widerlich riecht.

»Möchten Sie etwas trinken?« fragte er. »Ich wollte mir gerade noch etwas bestellen.«

»Gern, danke.«

»Was darf es sein?«

»Ich hätte gern einen Chardonnay.«

Er hob die Hand, um den Kellner auf sich aufmerksam zu machen. Der kam zu uns an den Tisch und nahm die Bestellung entgegen. Eckert nahm einen Scotch.

Als der Kellner gegangen war, kehrte seine Aufmerksamkeit zu mir zurück. Er sah mich an. »Wer sind Sie? Polizei? Drogenfahndung? Steuerfahndung?«

»Ich bin Privatdetektivin und im Auftrag der California Fidelity tätig. Es geht um die Lebensversicherung.«

»Dana hat sie gerade bekommen, nicht wahr?«

»Ja, vor zwei Monaten.«

Eine Gruppe Männer am Tresen brach in johlendes Gelächter aus, so daß Eckert gezwungen war, sich mir zuzuneigen, um sich Gehör zu verschaffen. »Was ist eigentlich passiert?«

»Ein ehemaliger Angestellter der California Fidelity hat Jaffe letzte Woche in Mexiko gesehen. Daraufhin hat die Gesellschaft mich beauftragt, hinunterzufliegen und die Meldung zu verifizieren.«

»Und Sie konnten tatsächlich verifizieren, daß es sich um Wendell Jaffe handelte?«

»Mehr oder weniger«, antwortete ich. »Ich habe Mr. Jaffe nie persönlich kennengelernt, darum könnte ich nicht beschwören, daß er es wirklich war.«

»Aber Sie haben ihn gesehen.«

»Oder einen Mann, der ihm verdammt ähnlich sieht. Er hat sich natürlich operieren lassen. Wahrscheinlich war das das erste, was er getan hat.«

Eckert starrte mich an und schüttelte den Kopf. Dann lächelte er flüchtig. »Ich nehme an, Sie haben mit Dana gesprochen?«

»Ja. Sie war nicht begeistert.«

»Das kann ich mir denken.« Er schien in meinem Gesicht zu forschen. »Wie war gleich wieder Ihr Name?«

Ich nahm eine meiner Karten heraus und schob sie ihm zu. »Sie wußten, daß sein Sohn in Schwierigkeiten steckt?« fragte ich.

Hinter uns brach wieder Gelächter aus, lauter noch als das letzte Mal.

Er warf einen Blick auf die Karte und steckte sie ein. »Das von Brian habe ich in der Zeitung gelesen«, sagte er. »Es ist merkwürdig.«

»Was?«

»Die Vorstellung, daß Wendell am Leben ist. Ich habe gerade darüber nachgedacht. Da seine Leiche nie gefunden wurde, hatte ich an seinem Tod eigentlich immer gewisse Zweifel. Ich habe nicht viel darüber gesagt. Ich dachte mir, man würde mir nur vorwerfen, ich sei nicht bereit, den Tatsachen ins Auge zu sehen. Wo war er die ganze Zeit?«

»Ich hatte keine Gelegenheit, ihn zu fragen.«

»Ist er jetzt noch da unten?«

»Aus dem Hotel ist er mitten in der Nacht abgereist. Seither habe ich ihn nicht mehr gesehen. Vielleicht ist er auf dem Weg hierher.«

»Wegen Brian.« Er stellte augenblicklich die Verbindung her.

»Das ist meine Vermutung, ja. Auf jeden Fall ist es der einzige Anhaltspunkt, den wir haben.«

»Und warum erzählen Sie mir das alles?«

»Für den Fall, daß er mit Ihnen Kontakt aufnimmt.«

Der Kellner kam mit den Getränken, und Eckert blickte auf. »Danke, Jimmy. Setzen Sie das bitte auf meine Rechnung.« Er nahm die Rechnung, setzte ein Trinkgeld darauf und Unterzeichnete, ehe er sie zurückreichte.

»Danke, Mr. Eckert«, murmelte der Kellner. »Kann ich Ihnen sonst noch etwas bringen?«

»Danke, so ist es gut.«

»Dann noch einen angenehmen Abend.«

Carl nickte zerstreut, den Blick schon wieder nachdenklich auf mich gerichtet.

Ich griff in meine Handtasche und nahm eine Kopie von Valbusas Zeichnung. »Ich habe ein Bild, wenn Sie es sehen möchten.« Ich legte das Blatt vor ihm auf den Tisch.

Er schob seine Zigarette in den Mundwinkel und musterte, die Augen gegen den Rauch zusammengekniffen, Wendell Jaffes Gesicht. Er schüttelte den Kopf. Sein Lächeln war bitter. »So ein Schuft.«

»Ich dachte, es würde Sie vielleicht freuen zu hören, daß er am Leben ist«, sagte ich.

»Ich bin seinetwegen ins Gefängnis gewandert. Eine Menge Leute hätten mir mit Freuden den Kragen umgedreht. Wenn Geld den Bach runtergeht, muß einer die Verantwortung übernehmen. Es hat mir nichts ausgemacht, meine eigene Verantwortung zu bezahlen, aber es hat mich verdammt wütend gemacht, auch seine zahlen zu müssen.«

»Es muß schwer gewesen sein.«

»Sie haben keine Ahnung. Es war eine einzige Schweinerei. Ich möchte nicht darüber sprechen.«

»Wenn Wendell Jaffe sich melden sollte, werden Sie mir Bescheid geben?«

»Wahrscheinlich«, antwortete er. »Ich will auf keinen Fall mit ihm reden, das ist sicher. Er war ein guter Freund. Zumindest glaubte ich das.«

Wieder schallte lautes Gelächter in unser Gespräch. Eckert schob sein Glas weg. »Gehen wir runter aufs Boot. Hier ist es verdammt laut.«

Ohne auf meine Antwort zu warten, stand er auf und ging. Verdattert packte ich meine Handtasche und rannte ihm hinterher.

Der Geräuschpegel sank drastisch, sobald wir ins Freie traten. Die Luft war kalt und frisch. Der Wind hatte aufgefrischt. Krachend schlugen die Wellen an die Kaimauer, und Gischtfontänen übergossen den Fußweg mit Nässe.

Als wir das verschlossene Tor zum Jachthafen 1 erreichten, nahm Eckert seine Karte heraus und machte auf. Überraschend galant nahm er meinen Arm, um mir die glitschige Holzrampe hinunterzuhelfen. Ich hörte das Knarren der Boote, die schaukelnd im Hafenbecken lagen. Unsere Füße schlugen einen unregelmäßigen Takt auf den Holzplanken der Rampe.

Die vier Jachthäfen bieten etwa elfhundert Booten Liegeplätze in einem riesigen geschützten Hafenbecken. Der Kai auf der einen Seite ist wie ein gekrümmter Daumen, dem sich die Mole entgegenschwingt, so daß ein beinahe geschlossener Kreis entsteht, in den die Boote eingebettet sind. Neben den Gästen, die hier vorübergehend anlegen, gibt es eine kleine Anzahl Dauermieter, die auf ihren Booten wohnen. Die Waschräume, die nur mit Schlüssel zu öffnen sind, bieten Toiletten und Duschen. Am »J«-Dock bogen wir nach links ab und gingen noch etwa dreißig Meter bis zum Boot.

Die Captain Stanley Lord war eine Dreißig-Fuß-Fuji-Ketsch, aus einem von John Alden entworfenen Segelboot entwickelt. Der Rumpf war in einem intensiven Dunkelgrün gestrichen, die Verzierungen marineblau. Eckert zog sich auf das schmale Deck hinauf und bot mir die Hand, um mir ebenfalls hinaufzuhelfen. In der Dunkelheit konnte ich das Großsegel und den Kreuzmast ausmachen, aber viel mehr auch nicht. Eckert sperrte die Tür auf und schob die Luke nach vorn. »Seien Sie vorsichtig mit dem Kopf«, ermahnte er mich und stieg zur Kombüse hinunter. »Kennen Sie sich mit Booten ein bißchen aus?«

»Kaum«, antwortete ich, während ich ihm vorsichtig die steile, mit Teppich belegte Treppe hinunter folgte.

»Dieses Boot hier hat drei Vorsegel; einen Binnenklüver, einen Klüver und einen Außenklüver; und dann natürlich das Großsegel und das Kreuzsegel.«

»Warum heißt es Captain Stanley Lord? Wer war das?«

»Ach, das war typisch Wendells Humor. Stanley Lord war der Kapitän der Californian, des einzigen Schiffs, wie behauptet wird, das der Titanic so nahe war, daß es hätte Hilfe leisten können. Lord erklärte, er habe die Notsignale niemals empfangen, aber eine spätere Untersuchung legte nahe, daß er das SOS einfach ignoriert hatte. Man gab ihm die Schuld an dem Ausmaß der Katastrophe, und der Skandal ruinierte seine Karriere. Wendell gab der Firma den gleichen Namen: CSL Investments. Ich habe den Witz nie verstanden, aber er amüsierte sich königlich darüber.«

Unten in der Kabine war es so heimelig und unwirklich wie in einem Puppenhaus. Ich liebe solche kompakten Räume, in denen jeder Quadratzentimeter genutzt wird. Links von mir war ein Dieselofen, rechts befand sich ein Sortiment von Geräten und Apparaten: Radio, Kompaß, Feuerlöschgerät, Meßgeräte für die Windgeschwindigkeit, die elektrische Anlage mit Heizung, Hauptschalter und Startbatterie für den Motor. Ich sah, daß an einem der Sofakissen noch das Verkaufsetikett hing. Die Polster waren alle mit dunkelgrünem Leinen bezogen und weiß gepaspelt.

»Hübsch«, sagte ich.

Er errötete vor Freude. »Es gefällt Ihnen?«

»Sehr«, versicherte ich und ging zu einem der Sofas, um mich zu setzen. Ich streckte meinen Arm auf dem Polster aus. »Bequem«, bemerkte ich. »Wie lange haben Sie das Boot schon?«

»Ungefähr ein Jahr«, antwortete er. »Kurz nach Wendells Verschwinden wurde es von den Finanzbehörden beschlagnahmt. Ich war ungefähr anderthalb Jahre lang Gast des FBI. Danach war ich pleite. Als ich wieder etwas Geld zusammengekratzt hatte, mußte ich erst mal den Kerl finden, der das Boot dem Staat abgekauft hatte. Das war vielleicht ein Theater, ehe er sich endlich bereit erklärte zu verkaufen. Dabei konnte er mit dem Boot überhaupt nichts anfangen. Es sah grauenhaft aus, als er es mir schließlich übergab. Ich weiß nicht, warum manche Leute so dämlich sind.« Er legte sein Jackett ab und lockerte seinen Schlips, um den obersten Knopf seines Hemds öffnen zu können. »Möchten Sie noch ein Glas Weißwein? Ich habe eine Flasche im Kühlschrank.«

»Ein halbes Glas«, sagte ich. Er palaverte ein Weilchen über das Segeln, bis ich schließlich die Rede wieder auf Jaffe brachte. »Wo wurde das Boot damals gefunden?«

Er öffnete den Minikühlschrank und nahm eine Flasche Chardonnay heraus. »Vor Baja. Ungefähr sechs Meilen draußen sind riesige Wandersandbänke. Es sah so aus, als sei das Boot auf Grund gelaufen und nach einer Weile mit der Tide wieder weggetrieben.« Er schälte die Silberfolie vom Hals der Weinflasche, nahm einen Korkenzieher und öffnete die Flasche.

»Er hatte keine Crew?«

»Er segelte lieber allein. Ich habe ihm an dem Tag nachgesehen, als er hinausgesegelt ist. Orangefarbener Himmel und orangefarbenes Wasser mit einer trägen, hohen Dünung. War ein ganz merkwürdiger Tag. Wie in dem Gedicht Rime of the Ancient Mariner. Haben Sie das in der Schule gelernt?«

Ich schüttelte den Kopf. »In der Schule habe ich hauptsächlich fluchen und kiffen gelernt.«

Er lächelte. »Wenn man die Kanalinseln hinter sich läßt, segelt utan durch eine Lücke zwischen den Bohrinseln hinaus. Er drehte sich um und winkte, als er ablegte. Ich sah ihm nach, bis er den Hafen verlassen hatte, und das war das letzte Mal, daß ich ihn gesehen habe.« Sein Ton hatte etwas Hypnotisches; schwacher Neid und schwaches Bedauern mischten sich in ihm. Er goß den Wein in ein Glas und reichte es mir.

»Wußten Sie, was er tun wollte?«

»Was hat er denn getan? Ich weiß es im Grunde bis heute nicht.«

»Nun, allem Anschein nach türmte er«, sagte ich.

Eckert zuckte mit den Achseln. »Ich weiß, daß er verzweifelt war. Ich glaubte nicht, daß er uns alle reinlegen wollte. Ich versuchte damals — besonders als sein Abschiedsbrief an Dana bekannt wurde — , den Gedanken an seinen Selbstmord zu akzeptieren. Ich hätte ihm so etwas nicht zugetraut, aber alle anderen waren überzeugt — wie kam ich da dazu, etwas dagegen zu sagen?«

Er goß sich selbst ebenfalls etwas Wein ein, stellte die Flasche weg und setzte sich auf das Sofa mir gegenüber.

»Nicht alle«, korrigierte ich ihn. »Die Polizei hatte Zweifel. Und die California Fidelity ebenfalls.«

»Und Sie werden jetzt Lorbeeren ernten, wie?«

»Nur wenn wir Geld zurückbekommen.«

»Das halte ich für ziemlich unwahrscheinlich. Dana hat bestimmt schon alles ausgegeben.«

Darüber wollte ich nicht nachdenken. »Wie war Ihnen damals bei Jaffes >Tod< zumute?«

»Schrecklich, natürlich. Ich habe ihn tatsächlich vermißt, obwohl ich von allen Seiten unter Beschuß stand. Das Verrückte ist, daß er es mir praktisch gesagt hatte. Ich glaubte ihm nicht, aber er hat versucht, mich zu warnen.«

»Er hat Ihnen gesagt, daß er die Absicht hatte, zu verschwinden?«

»Na ja, er hat so was angedeutet. Ich meine, direkt gesagt hat er’s nie. Es war so eine Bemerkung, die man auslegen kann, wie man will. Er kam zu mir, ich glaube, es war im März, ungefähr sechs oder sieben Wochen, bevor er segelte. Und er sagte: >Carl, alter Kumpel, ich steig’ aus. Diese ganze verdammte Chose bricht über uns zusammen. Ich halte das nicht mehr aus. Es ist zuviel.< Oder so was Ähnliches. Ich dachte, er wolle nur Dampf ablassen. Ich wußte, daß wir Riesenprobleme hatten, aber wir hatten schon des öfteren in solchen Klemmen gesteckt und waren immer wieder heil herausgekommen. Ich sah das Ganze nur als eine weitere haarige Episode in der >Carl-und-Wendell-Show<. Und dann höre ich, daß sie das Boot auf dem Meer treibend gefunden haben. In der Rückschau fragt man sich — nun, was er wohl gemeint hat, als er von >Aussteigen< sprach, Abhauen oder Selbstmord.«

»Aber Sie waren so oder so der Dumme, richtig?«

»Richtig. Gleich als erstes haben sie die Bücher geprüft. Ich hätte natürlich in dem Moment auch einfach verschwinden können, mit nichts als dem, was ich auf dem Leib hatte, aber darin konnte ich keinen Sinn sehen. Ich hätte gar nicht gewußt, wohin. Ich hatte keinen Cent, es blieb mir also gar nichts anderes übrig, als die Sache durchzustehen. Unglücklicherweise hatte ich vom Ausmaß dessen, was er getan hatte, keine Ahnung.«

»War es wirklich Betrug?«

»Im großen Stil, ja. Jeden Tag wurde etwas Neues aufgedeckt. Er hatte die Firma völlig ausgeblutet. In dem Brief, den er hinterließ, behauptete er, er hätte jeden Cent wieder in die Firma gesteckt, aber ich habe nicht einen Beweis dafür gesehen, daß es so war. Aber was wußte ich schon? Als ich schließlich begriff, wie schlimm es wirklich war, gab es kein Entkommen mehr. Ich hatte nicht einmal mehr eine Möglichkeit, meine persönlichen Verluste wiedergutzumachen.« Er schwieg einen Moment und zuckte mit den Achseln. »Was soll ich sagen? Wendell war fort, und wir waren die Dummen. Ich habe alles hergegeben, was ich besaß. Ich habe mich für schuldig erklärt, weil ich dachte, das würde sich gut machen, und habe die Gefängnisstrafe auf mich genommen, nur um das alles hinter mich zu bringen. Und jetzt erzählen Sie mir, daß er lebt. Wenn das kein Witz ist!«

»Sie sind verbittert?«

»Aber natürlich.« Er stützte seinen Arm auf die Rückenlehne des Sofas und rieb sich die Stirn. »Ich kann verstehen, daß er raus Wollte. Anfangs war mir das Ausmaß seines Verrats nicht klar. Dana und die Kinder taten mir leid, aber ich konnte nichts tun, wenn der Mann tot war.« Wieder zuckte er mit den Achseln. Er lächelte bitter, dann richtete er sich mit plötzlicher Energie auf. »Ach was, zum Teufel! Es ist vorbei, und das Leben geht weiter.«

»Das ist eine sehr großzügige Haltung, finde ich.«

Er machte eine achtlose Handbewegung. Dann sah er auf seine Uhr. »Ich muß Schluß machen. Ich habe morgen um sieben ein Arbeitsfrühstück. Da muß ich ausgeschlafen sein. Soll ich Sie hinausbegleiten?«

Ich stand auf und stellte mein Weinglas nieder. »Nein, das ist nicht nötig«, antwortete ich. »Das schaffe ich schon. Bis zum Tor ist es ja nicht weit.« Ich reichte ihm die Hand. »Ich danke Ihnen. Sie werden wahrscheinlich wieder von mir hören. Haben Sie meine Karte noch?«

Er zog eine Ecke der Karte aus seiner Hemdtasche.

»Wenn Wendell Jaffe sich meldet, würden Sie mir dann Bescheid geben?«

»Auf jeden Fall«, versicherte er.

Ich kletterte vorsichtig die Treppe hinauf und zog den Kopf ein, als ich durch die Luke an Deck stieg. Hinter mir spürte ich Eckerts Blick. Mit einem versonnenen Lächeln sah er mir nach. Seltsam, aber im nachhinein erschien mir Dana Jaffes Reaktion wahrhaftiger.