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Aus zwei altmodischen Kutschenlampen, die wahrscheinlich nachgemacht waren, fielen zwei sich überschneidende Lichtkreise auf die vordere Veranda. Rechts und links von der Haustür waren schmale, hohe Fenster. Ich drückte meine Nase an die Scheibe des rechten und schirmte meine Augen mit den Händen gegen das Licht ab. Hinter dem Vestibül sah ich einen kurzen Korridor, der sich in einen großen, nach hinten hinaus liegenden Raum öffnete. Das Haus hatte, soweit ich sehen konnte, glänzende Holzfußböden, die blaßgrau gebeizt worden waren, und überbreite Türen. Durch eine Reihe Fenstertüren in der hinteren Mauer konnte ich bis zur Sonnenterrasse hinter dem Haus sehen.

Rechts von mir schwang sich eine Treppe zur ersten Etage. Die Nachbarin hatte von einem Lift erzählt, aber ich könne keinen sehen. Vielleicht hatte Renata ihn nach Mr. Huffs Hinscheiden entfernen lassen. Es hätte mich interessiert, ob es sein Reisepaß war, mit dem Wendell Jaffe durch die Lande streifte.

Während ich von Fenster zu Fenster ging, öffnete sich das Haus meinem Blick. Die Zimmer waren nicht überladen, ordentlich aufgeräumt, alles schien zu blitzen. Vorn waren ein Arbeitszimmer und ein zweiter Raum, der mir nach einem Gästezimmer aussah, wahrscheinlich mit eigenem Bad.

Ich stieg die Verandatreppe hinunter und ging zur linken Seite des Hauses. Die Garage war abgeschlossen, wahrscheinlich auch durch die Alarmanlage gesichert. Ich sah mir die Gartenpforte an. Sie schien kein Schloß zu haben. Ich zog an einem Ring, an dem ein Stück Schnur festgemacht war. Der Riegel öffnete sich, und mit angehaltenem Atem, darauf gefaßt, daß jeden Moment die Alarmanlage losgehen würde, trat ich durch das Törchen. Totenstille. Nur das Quietschen der Pforte war zu hören. Ich schloß sie behutsam hinter mir und ging den schmalen Fußweg zwischen Garage und Zaun entlang. Ich sah das Abluftrohr eines Wäschetrockners und stellte mir den Waschraum auf der anderen Seite der Mauer vor.

Die Sonnenterrasse war vom grellen Schein mehrerer Zweihundert-Watt-Scheinwerfer taghell erleuchtet. Ich schlich mich an der Hauswand entlang und spähte durch die Fenstertüren ins Innere: das große Wohnzimmer mit einem anschließenden Speisezimmer, auf dessen anderer Seite ich ein Stück Küche erkennen konnte. Ach, du lieber Gott. Renata hatte jene Art von Tapete gewählt, die nur Innenarchitekten schön finden: ein giftiges Chinesengelb voll grüner Ranken und explodierender Boviste. Das Muster wiederholte sich im teuren Stoff der Vorhänge und Möbelbezüge. Es konnte sein, daß in diesem Raum ein Pilz außer Kontrolle geraten war und sich wie ein Virus reproduziert hatte, bis jede Ecke überwuchert war. Ich hatte mal ähnliche Bilder in einem wissenschaftlichen Magazin gesehen. Schimmelpilzsporen in neunzehnhundertfacher Vergrößerung.

Ich ging über die Terrasse und dann die Rampe hinunter zum dunklen Wasser. Dort drehte ich mich herum und blickte zum Haus zurück. Es gab keine Außentreppe, keinen Weg, soweit ich sehen konnte, zum ersten Stockwerk hinauf. Ich ging durch die Pforte wieder zurück, ließ den Riegel hinter mir lautlos einschnappen, vergewisserte mich, daß auf der Straße kein Auto kam. Das hätte mir jetzt gerade noch gefehlt, daß genau in diesem Moment Renata nach Hause kam und mich im Licht ihrer Scheinwerfer in ihrer Einfahrt ertappte.

Als ich am Briefkasten vorn an der Straße vorbeikam, tippte mir ein kleiner Teufel auf die Schulter und meinte, ich sollte doch ruhig mal die Postvorschriften der Vereinigten Staaten verletzen. »Willst du wohl aufhören?« sagte ich empört, aber natürlich hatte ich die Klappe schon aufgezogen, um das Bündel Briefe aus dem Kasten zu nehmen, das an diesem Tag gebracht worden war. Es war zu dunkel auf der Straße, um das Zeug zu sortieren; ich mußte den ganzen Packen in meine Handtasche stopfen. Ich bin wirklich durch und durch schlecht. Ich kann manchmal selbst nicht glauben, was ich für Scheiß mache. Erst lüge ich die Nachbarin an, und dann klaue ich Renatas Post. Gab’s denn gar nichts, wovor ich zurückschreckte? Nein, anscheinend nicht. Flüchtig fragte ich mich, ob man bei Postdiebstahl pro Fall oder pro Postsendung bestraft wurde. Wenn das letztere der Fall sein sollte, sammelte ich ganz schön Strafpunkte.

Ehe ich nach Hause fuhr, machte ich noch einen Abstecher zu Dana Jaffes Haus. Ich schaltete die Scheinwerfer aus und hielt meinen Wagen ihrem Haus gegenüber an. Ich ließ den Schlüssel im Zündschloß und eilte lautlos über die Straße. Im Erdgeschoß brannten alle Lichter. Um diese Zeit war auf der Straße kaum Verkehr. Von den Nachbarn war nichts zu sehen. In der Dunkelheit huschte ich über den Rasen. Die Büsche seitlich vom Haus gaben so viel Deckung, daß ich ungestört spionieren konnte. Wenn schon Postdiebstahl, dachte ich mir, dann auch gleich noch ein bißchen unbefugtes Betreten von Privatgrundstücken.

Dana sah fern. Ihr Gesicht war dem Gerät zwischen den Fenstern zugewandt und wurde von wechselnden Lichtreflexen beleuchtet. Sie zündete sich eine Zigarette an, nahm das Glas, das neben ihr auf dem Beistelltisch stand, und trank einen Schluck. Von Wendell Jaffe war keine Spur zu sehen; nichts ließ darauf schließen, daß außer Dana noch jemand im Haus war. Ab und zu lächelte sie, vielleicht in Reaktion auf das vorgefertigte Fernsehgelächter, das ich gedämpft hören konnte. Ich wurde mir plötzlich bewußt, daß ich die ganze Zeit den Verdacht gehabt hatte, sie stecke mit ihm unter einer Decke und hätte all die Jahre immer gewußt, wo er war. Als ich sie jetzt allein sah, ließ ich diesen Verdacht fallen. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, daß sie dem Mann dabei geholfen haben sollte, seine Söhne im Stich zu lassen. Beide Jungen hatten in den vergangenen fünf Jahren gelitten.

Ich setzte mich wieder in meinen Wagen, ließ den Motor an und wende, bevor ich meine Scheinwerfer wieder einschaltete. Als ich wieder in Santa Teresa war, machte ich bei McDonald’s in der Milagro Street halt und holte mir einen Viertelpfünder und eine Portion Pommes. Den Rest der Fahrt begleitete mich der Geruch nach geschmorten Zwiebeln und warmen Dillgurken, nach Hackfleisch und geschmolzenem Käse und diversen Gewürzen. Ich stellte das Auto ab und trat mit der Tüte mit meinem verspäteten Abendessen in der Hand durch das quietschende Tor.

Bei Henry brannte kein Licht mehr. Ich ging in meine Wohnung. Dort stellte ich den Styroporbehälter auf die Arbeitsplatte, machte den Deckel auf und benutzte den als Behälter für die Pommes. Nachdem ich aus den Tütchen, die ich mitgenommen hatte, Ketchup auf die Kartoffeln gegeben hatte, setzte ich mich auf einen Barhocker und mampfte, während ich die Post durchsah, die ich gestohlen hatte. Wie soll ich das Stehlen aufgeben, wenn es mir eine solche Fülle an Informationen einbringt? Meinen niedrigen Instinkten folgend, hatte ich doch tatsächlich Renatas Telefonrechnung erwischt, die nicht nur ihre nicht eingetragene Nummer enthielt, sondern auch eine chronologische Liste aller Nummern, von denen sie in den vergangenen dreißig Tagen per Kreditkarte angerufen hatte. Die Visa-Rechnung, die auf Renatas Namen und den ihres Mannes lautete, gab eine genaue Übersicht über die Orte, die sie und >Dean DeWitt Huff< besucht hatten. Für einen Toten war er ganz schön unternehmungslustig. Einige der Kreditkartenquittungen enthielten hervorragende Handschriftenproben von ihm. Die Ausgaben in Viento Negro war noch nicht aufgeführt, aber ich konnte die beiden von La Paz nach Cabo San Lucas und San Diego zurückverfolgen. Lauter Hafenstädte, die per Boot gut zu erreichen waren, wie ich bemerkte.

Um halb elf ging ich zu Bett und schlief wie ein Murmeltier bis sechs. Eine halbe Sekunde, ehe mein Wecker rasselte, wachte ich auf. Ich schob die Bettdecke weg und griff nach meinen Joggingsachen. Nachdem ich mich in aller Eile gewaschen hatte, hopste ich meine Wendeltreppe hinunter und ging auf die Straße.

Es war noch morgendlich kühl, doch die Luft war seltsam drückend, als würde die vom vergangenen Tag verbliebene Hitze von der dichten Wolkendecke am Himmel niedergehalten. Das frühe Licht schimmerte perlgrau. Der Strand sah so fein und weich aus wie graues Leder, von den Nachtwinden gekräuselt und von der Brandung geglättet. Meine Erkältung war bereits viel besser, aber ich wagte es noch nicht, die vollen drei Meilen zu laufen. Ich wechselte zwischen Gehen und Laufen und achtete dabei auf meinen Atem und die Proteste meiner Beinmuskeln. Um diese frühe Zeit mache ich mich immer auf das Unerwartete gefaßt. Ich sehe den gelegentlichen Obdachlosen, geschlechtslos und anonym, der im Gras schläft, und eine alte Frau mit einem Einkaufswagen allein an einem Picknicktisch. Besonders achte ich auf die seltsam aussehenden Männer in abgerissenen Anzügen, die sich lachend und gestikulierend mit unsichtbaren Begleitern unterhalten. Ich habe Angst davor, in diese befremdlichen und beängstigenden Dramen miteinbezogen zu werden. Wer weiß, was für Rollen wir in den Träumen anderer spielen?

Ich duschte, zog mich an und aß, während ich die Zeitung durchsah, eine Schale Flocken. Dann fuhr ich zum Büro und suchte zwanzig frustrierende Minuten lang nach einem Parkplatz, bei dem ich nicht damit rechnen mußte, einen Strafzettel zu bekommen. Gerade als ich aufgeben wollte, rettete mich eine Frau mit einem Lieferwagen, die direkt gegenüber vom Büro einen Platz freimachte.

Ich sah die Post vom Vortag durch. Nichts von Interesse außer der Mitteilung, daß ich eine Million Dollar gewonnen hatte. Genauer gesagt, entweder ich oder die beiden anderen genannten Personen. Im Kleingedruckten hieß es, Minnie und Steve seien in der Tat bereits dabei, ihre Millionen in 40 000-Dollar-Raten zu kassieren. Na, da machte ich mich aber sofort an die Arbeit, riß die perforierten Marken auseinander, befeuchtete sie und klebte sie in die verschiedenen Kästchen. Ich sah mir das übersandte Material aufmerksam an und machte mir ernstlich Sorgen, ich könnte den dritten Preis gewinnen, ein Paar Skier. Was, zum Teufel, sollte ich mit denen dann anfangen? Na, vielleicht konnte ich sie Henry zum Geburtstag schenken. Während ich dann meine Scheckabrechnung machte, um klare Verhältnisse zu schaffen, griff ich zum Telefon und rief mehrmals Renata Huffs nicht eingetragene Nummer an. Ohne Erfolg.

Irgend etwas beunruhigte mich innerlich, und es hatte mit Jaffe und Renata Huff überhaupt nichts zu tun. Es war Lena Irwins gestrige Bemerkung über die Familie Burton Kinsey in Lompoc. Obwohl ich behauptet hatte, der Name sei mir kein Begriff, hatte er etwas in mir ausgelöst, und das ließ mir jetzt keine Ruhe. In vieler Hinsicht basierte mein ganzes Selbstgefühl auf der Tatsache, daß meine Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren, als ich fünf Jahre alt gewesen war. Ich wußte, daß mein Vater die Kontrolle über den Wagen verloren hatte, als von einem Steilhang ein Stein heruntergestürzt war und die Windschutzscheibe durchschlagen hatte. Ich saß hinten und wurde beim Zusammenprall nach vorn, gegen den Sitz geschleudert. So saß ich stundenlang eingeklemmt, während die Feuerwehrmänner ihr Bestes taten, um mich aus dem Wrack zu befreien. Ich erinnere mich an das hoffnungslose Weinen meiner Mutter und das Schweigen, das ihm folgte. Ich erinnere mich, eine Hand um die Seite des Fahrersitzes geschoben und die Hand meines Vaters, von dem ich nicht wußte, daß er tot war, umfaßt zu haben. Ich Weiß, daß ich dann bei meiner Tante wohnte, der Schwester Weiner Mutter mit Namen Virginia. Ich nannte sie Gin Gin oder Tante Gin. Sie hatte mir wenig, fast gar nichts über die Familie erzählt. Ich wußte nur — weil diese Tatsache Teil der Unfallgeschichte war — , daß meine Eltern am Tag ihres Todes auf dem Weg nach Lompoc gewesen waren, aber ich hatte nie über den Grund für diese Fahrt nachgedacht. Meine Tante verlor nie ein Wort darüber, und ich fragte nicht danach. In Anbetracht meiner schier unersättlichen Wißbegier und meiner natürlichen Neigung, meine Nase in Dinge zu stecken, die mich nichts angehen, war es wirklich sonderbar, wie wenig Beachtung ich meiner eigenen Vergangenheit geschenkt hatte. Ich hatte blind akzeptiert, was man mir erzählt hatte und mir aus den spärlichen Tatsachen meine eigene Legende gebastelt. Warum hatte ich den Schleier niemals heruntergerissen?

Ich dachte über mich selbst nach, über das Kind, das ich mit fünf, sechs gewesen war, isoliert, auf einer einsamen Insel. Nach dem Tod der Eltern schuf ich mir in einem Pappkarton, den ich mit Decken und Kissen füllte und einer Nachttischlampe erhellte, meine eigene kleine Welt. Ich war im Essen sehr heikel. Ich pflegte mir Brote zu machen, Käse und eingelegte Gurken, oder Krafts Käse mit Oliven und Piment, in vier genau gleiche Streifen geschnitten, die ich dann auf einem Teller säuberlich arrangierte. Ich mußte alles selbst tun und war sehr pingelig. Verschwommen erinnere ich mich, daß meine Tante immer in der Nähe war. Damals war ich mir ihrer Besorgnis nicht bewußt, aber wenn ich mir heute ihr Bild ins Gedächtnis rufe, weiß ich, daß sie meinetwegen tief beunruhigt gewesen sein muß. Ich pflegte mein Essen zu nehmen und in meinen Karton zu kriechen. Dort sah ich mir Bilderbücher an und aß dabei, starrte zur Pappdecke hinauf, summte leise vor mich hin, schlief. Vier Monate oder fünf verkroch ich mich in diesem Nest künstlicher Wärme, in diesem Kokon des Schmerzes. Ich brachte mir selbst das Lesen bei. Ich malte Bilder, machte Schattenspiele an den Wänden meiner Höhle. Ich lernte von selbst eine Schleife binden. Vielleicht glaubte ich, sie würden zurückkommen, diese Mutter, dieser Vater, deren Gesichter ich herbeizaubern konnte, Heimkino für die Waise, ein kleines Mädchen, das bis vor kurzem geborgen im Schoß der kleinen Familie gelebt hatte. Ich weiß heute noch, wie kalt es mir draußen vorkam, wenn ich aus meiner Höhle kroch. Meine Tante ließ mich gewähren. Als im Herbst die Vorschule begann, kroch ich wie ein kleines Tier aus meiner Höhle. Die Vorschule war schrecklich. Ich war andere Kinder nicht gewöhnt. Ich war Lärm und Strenge nicht gewöhnt. Ich mochte Mrs. Bowman, die Vorschullehrerin, nicht, in deren Augen ich sowohl Mitleid als auch Mißbilligung lesen konnte. Ich war ein seltsames Kind. Ich war schüchtern. Ich war immer ängstlich. Nie mehr war später etwas so schlimm wie diese ersten Schuljahre. Ich weiß jetzt, daß die Geschichte mir wie ein Gespenst von Klasse zu Klasse gefolgt sein muß, von Lehrer zu Lehrer, bei jedem Gespräch mit dem Schulleiter gegenwärtig... was sollen wir mit ihr anfangen? Wie sollen wir mit ihren Tränen und mit ihrer Versteinerung umgehen? So intelligent, so fragil, eigensinnig, introvertiert, asozial, labil...

Als das Telefon läutete, fuhr ich zusammen. Das Herz schlug mir bis zum Hals, als ich den Hörer von der Gabel riß. »Kinsey Millhone, Privatdetektei.«

»Hallo, Kinsey, hier spricht Tommy. Du weißt schon, Perdido-County-Gefängnis. Brian Jaffes Anwalt hat uns gerade mitgeteilt, daß du mit dem Jungen sprechen kannst, wenn du möchtest. Er schien darüber nicht allzu glücklich zu sein, aber Mrs. Jaffe hat anscheinend darauf bestanden.«

»Ach was?« Ich konnte meine Überraschung nicht verbergen.

Er lachte. »Vielleicht glaubt sie, daß du für ihn in die Bresche springen und dieses Mißverständnis mit dem Gefängnisausbruch und dem Mord an dem kleinen Mädchen aufklären wirst.«

»Klar«, sagte ich. »Wann kann ich kommen?«

»Jederzeit.«

»Und wen verlange ich? Dich?«

»Nein, frag nach Robert Tiller. Er kennt den Jungen schon aus der Zeit, als er noch für die Schulbehörde die Schulschwänzer aufgelesen hat. Ich könnte mir denken, daß du ganz gern mit ihm reden möchtest.«

»Wunderbar.«

Ehe ich ihm noch richtig danken konnte, hatte er schon aufgelegt. Ich lächelte vergnügt, als ich meine Handtasche nahm und zur Tür ging. Das ist das Nette bei den Bullen — wenn sie einen einmal in Ordnung finden, gibt es kaum jemanden, der großzügiger ist.

Deputy Tiller und ich gingen durch den Korridor. Unsere Schritte die nicht im Takt waren, knallten, seine Schlüssel klapperten. Die Kamera oben in der Ecke behielt uns im Auge. Er war älter, als ich erwartet hatte, Ende Fünfzig und korpulent. Seine Uniform saß knapp. Ich stellte mir vor, wie er nach Schichtende seine Kleider mit der Erleichterung einer Frau abstreifte, die ihren Strumpfgürtel ablegt. Sein Körper trug wahrscheinlich bleibende Male all dieser Schließen und Knöpfe. Sein rotblondes Haar begann über der Stirn zurückzuweichen. Er hatte einen rotblonden Schnauzer, grüne Augen, eine Stupsnase — ein Gesicht, das zu einem Zwanzigjährigen gepaßt hätte. Sein dicker Ledergürtel knarrte bei jedem seiner Schritte, und mir fiel auf, daß sich seine Haltung und sein Gebaren veränderten, wenn er einem Häftling in die Nähe kam. Eine kleine Gruppe, fünf, um genau zu sein, wartete vor einer Eisentür mit vergitterter Glasscheibe. Latinos, Anfang Zwanzig. Sie trugen die blauen Gefängnishosen und weiße T-Shirts, an den Füßen Gummisandalen. Den Vorschriften folgend, sprachen sie nichts und hielten ihre Hände auf dem Rücken gefaltet.

Ich sagte: »Sergeant Ryckman hat mir erzählt, daß Sie Brian Jaffe kennenlernten, als Sie für die Schulschwänzer zuständig waren. Wie lange ist das her?«

»Fünf Jahre. Der Junge war damals zwölf, frech wie eine Lore Affen. Einmal habe ich ihn an einem Tag dreimal erwischt und in die Schule geschleppt. Ich weiß gar nicht mehr, wie oft wir uns seinetwegen mit den Tutoren zusammengesetzt haben. Der Schulpsychologe hat schließlich das Handtuch geworfen. Mir hat die Mutter leid getan. Wir haben ja alle gewußt, was die Frau durchzumachen hatte. Er ist ein mißratenes Kind. Gescheit und nett anzusehen, aber ein Mundwerk — unglaublich.« Deputy Tiller schüttelte den Kopf.

»Haben Sie seinen Vater gekannt?«

»Ja, ich habe Wendell gekannt.« Er hatte die Angewohnheit, mit einem zu sprechen, ohne Blickkontakt aufzunehmen. Es wirkte seltsam.

Da wir auf dieser Schiene nicht weiterzukommen schienen, stieg ich um. »Wie sind Sie zu diesem Posten hier gekommen?«

»Ich habe mich um eine Verwaltungsstelle beworben. Jeder, der befördert werden will, muß erst einmal ein Jahr im Gefängnis Dienst schieben. Scheußlicher Job. Mit den Leuten hier komme ich ganz gut zurecht, aber man sieht immer nur künstliches Licht. Man kommt sich vor, als lebte man in einer Höhle. Und dann diese Klimaanlage. Da wäre ich lieber draußen auf der Straße. Ein bißchen Gefahr hat noch nie geschadet. Das hält einen auf Trab.«

Wir blieben vor einem großen Aufzug stehen.

»Brian ist doch aus dem Jugendhaus ausgebrochen, nicht? Warum war er überhaupt drinnen?«

Deputy Tiller drückte auf einen Knopf und bat, man möge uns den Aufzug schicken und uns in den zweiten Stock befördern, wo die Häftlinge in sogenannter gesonderter Verwahrung und die, die ärztliche Betreuung brauchten, untergebracht waren. Der Aufzug hatte innen keinerlei Armaturen, so daß er von den Häftlingen nicht benutzt werden konnte.

»Einbruch, Besitz und Ziehen einer Faustfeuerwaffe, Widerstand bei der Festnahme. Er war übrigens in Connaught, das ist ein Jugendgefängnis mit normalen Sicherheitsmaßnahmen. Das ehemalige Jugendhaus ist heute eine Hochsicherheitsanstalt.«

»Oh, das ist aber eine Veränderung, nicht? Ich dachte, das Jugendhaus sei für Minderjährige, mit denen die Eltern nicht mehr fertig werden.«

»Die Zeiten sind vorbei. Früher waren diese Jugendlichen als >Statustäter< bekannt. Die Eltern konnten sie unter gerichtliche Vormundschaft stellen lassen. Jetzt ist aus dem Jugendhaus eine Jugendstrafanstalt geworden. Die Jugendlichen dort sind hartgesottene Verbrecher. Mord und Totschlag und ein Haufen Bandenkram.«

»Und Jaffe? Was ist mit dem?«

»Der Junge hat keine Seele. Sie werden es in seinen Augen sehen. Völlig leer. Er hat Grips, aber überhaupt kein Gewissen. Er ist ein Soziopath. Wir sind überzeugt, daß er den Ausbruch ausbaldowert hat. Die anderen Kerle hat er nur dazu überredet weil er Leute brauchte, die spanisch konnten. Der Plan sah vor, daß sie sich trennen sollten, sobald sie die Grenze überschritten hatten. Ich weiß nicht, wohin er wollte, aber die anderen landeten im Leichenhaus.«

»Alle drei? Ich dachte, einer der Jungen hätte die Schießerei überlebt.«

»Er ist vergangene Nacht gestorben, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben.«

»Und das Mädchen? Wer hat sie auf dem Gewissen?«

»Da müssen Sie schon Jaffe fragen. Er ist ja der einzige, der noch übrig ist. Sehr günstig für ihn, und Sie können’s mir glauben, das wird er nutzen.«

Wir hatten den Vernehmungsraum erreicht. Tiller zog einen Schlüsselbund heraus und schloß auf, öffnete die Tür zu dem leeren Raum, in dem ich mit Brian Jaffe zusammentreffen sollte.

»Ich dachte immer, diese jungen Leute seien zu retten, wenn wir nur unsere Arbeit gewissenhaft machen. Jetzt scheint’s, daß wir von Glück sagen können, wenn wir es schaffen, sie von der Straße fernzuhalten.« Er schüttelte mit einem bitteren Lächeln den Kopf. »Ich werde langsam zu alt für diese Arbeit. Wird Zeit, daß ich mir einen Schreibtischposten suche. Setzen Sie sich. Der Junge wird gleich kommen.«

Der Vernehmungsraum war etwa zwei Meter breit und zweieinhalb Meter lang und hatte kein Fenster. Die Wände waren kahl, beigefarben gestrichen. Ich konnte den Farbgeruch noch wahrnehmen. Ich habe mir erzählen lassen, es gibt eine Mannschaft, die von morgens bis abends nur die Wände streicht. Wenn die Leute oben im vierten Stock fertig sind, müssen sie unten schon wieder anfangen. Es gab einen kleinen Holztisch und zwei Metallstühle mit grünen Kunststoff sitzen. Die Bodenfliesen waren braun. Sonst befand sich außer einer Videokamera in einer Ecke unter der Decke nichts im Zimmer. Ich nahm mir den Stuhl mit Blick zur offenen Tür.

Als Brian kam, war ich zunächst überrascht. Er war klein für seine achtzehn Jahre, und er wirkte zaghaft. Ich hatte schon Augen wie seine gesehen, sehr klar, sehr blau, rührend in ihrer Unschuld. Mein geschiedener Mann Daniel hatte auch so etwas an sich, einen Aspekt seines Wesens, der unglaublich sanft und kindlich war. Daniel war drogenabhängig. Er war außerdem ein Lügner und ein Betrüger im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte und intelligent genug, um zwischen Recht und Unrecht unterscheiden zu können. Dieser Junge war etwas anders. Tiller hatte behauptet, er sei ein Soziopath, aber da war ich noch nicht sicher. Er hatte die gleichen hübschen Gesichtszüge wie Michael, aber während Michael dunkel war, war er blond. Beide hatten eine schlanke Figur, Michael war jedoch größer und wirkte so, als besäße er mehr Substanz.

Brian setzte sich, lehnte sich mit ausgestreckten Beinen zurück und hielt die Hände lose zwischen seinen Schenkeln. Er schien schüchtern zu sein, aber vielleicht war das nur Theater — um sich bei den Erwachsenen lieb Kind zu machen. »Ich habe mit meiner Mutter gesprochen. Sie hat mir gesagt, daß Sie vielleicht kommen würden.«

»Hat sie Ihnen auch gesagt, was ich will?«

»Nur daß es sich um meinen Vater handelt. Sie sagt, er ist vielleicht am Leben. Stimmt das?«

»Mit Sicherheit wissen wir es noch nicht. Ich habe den Auftrag, cs festzustellen.«

»Haben Sie meinen Vater gekannt? Ich meine, bevor er — na ja, verschwunden ist?«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein. Man hat mir nur Fotos von ihm gegeben und gesagt, wo er zuletzt gesehen wurde. Ich habe dort tatsächlich einen Mann angetroffen, der große Ähnlichkeit mit ihm hatte, aber er verschwand plötzlich wieder. Ich hoffe immer noch, es wird mir gelingen, ihn ausfindig zu machen, aber im Augenblick habe ich keinerlei Anhaltspunkte. Ich persönlich bin überzeugt, daß der Mann Ihr Vater war«, fügte ich hinzu.

»Das ist ja Wahnsinn! Sich vorzustellen, daß er vielleicht lebt! Ich kann’s nicht fassen. Ich meine, ich weiß nicht mal, wie das wäre.« Er hatte einen vollen Mund und Grübchen. Es fiel mir schwer zu glauben, daß er diese Naivität Vortäuschen konnte.

»Ja«, sagte ich, »das ist sicher ein merkwürdiges Gefühl.«

»Hey, ehrlich... wo ich jetzt gerade so im Dreck sitze. Ich würde nicht wollen, daß er mich so sieht.«

Ich zuckte mit den Achseln. »Wenn er wirklich hierher zurückkommt, wird er wahrscheinlich selbst in Schwierigkeiten geraten.«

»Ja, das hat meine Mutter auch gesagt. Ich glaub’, sie war nicht besonders erfreut. Na ja, kann man ihr wahrscheinlich nicht übelnehmen nach allem, was passiert ist. Ich meine, wenn er wirklich die ganze Zeit am Leben war, dann heißt das doch, daß er sie ganz gemein aufs Kreuz gelegt hat.«

»Haben Sie ihn noch klar in Erinnerung?«

»Eigentlich nicht. Michael — mein Bruder — schon. Haben Sie ihn kennengelernt?«

»Flüchtig. Bei Ihrer Mutter.«

»Haben Sie meinen kleinen Neffen gesehen, Brendan? Der ist echt cool. Fehlt mir, der kleine Kahlkopf.«

Genug von diesem Gerede. Ich wurde ungeduldig. »Haben Sie etwas dagegen, wenn ich Ihnen ein paar Fragen über Mexicali stelle?«

Man sah ihm an, daß ihm unbehaglich zumute wurde. Er setzte sich gerade hin und fuhr sich mit der Hand durch das Haar. »Hey, Mann, das war übel. Da darf ich gar nicht dran denken. Ich hab’ niemanden umgebracht, damit hatte ich nichts zu tun, ich schwör’s. Julio und Ricardo hatten die Kanone«, behauptete er.

»Was ist mit dem Ausbruch? Wie ist es dazu gekommen?«

»Hm, äh — na ja, wissen Sie, ich glaub’, meinem Anwalt wär’s nicht recht, wenn ich darüber rede.«

»Ich habe nur zwei Fragen — im strengsten Vertrauen. Ich möchte mir gern ein Bild machen können, was hier eigentlich vorgeht«, erklärte ich. »Was Sie mir sagen, bleibt unter uns.«

»Es ist besser, ich sage nichts«, murmelte er.

»War es Ihr Einfall?«

»Nie im Leben. Sie halten mich wahrscheinlich für einen Idioten. Es war blöd von mir, daß ich mitgemacht hab’... Das sehe ich jetzt ein — aber damals wollte ich nur raus. Um jeden Preis. Waren Sie mal im Knast?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Da können Sie froh sein.«

Ich sagte: »Von wem stammte der Einfall?«

Er sah mir direkt ins Gesicht. Seine blauen Augen waren so klar wie ein Swimmingpool. »Ernesto hat’s vorgeschlagen.«

»Sie waren ziemlich gut befreundet?«

»Keine Spur. Ich hab’ die nur gekannt, weil wir in Connaught alle im selben Pavillon gewohnt haben. Der andere, Julio, hat gesagt, er würde mich alle machen, wenn ich mich raushalte. Ich wollte erst nicht. Ich mein’, ich wollte nicht mitmachen, aber er war ein richtiger Schrank — echt groß —, und er hat gesagt, er würd’s mir geben.«

»Er hat Ihnen gedroht?«

»Ja, er hat gesagt, er und Ricardo würden mich zureiten.«

»Sie sprechen von sexuellem Mißbrauch?«

»Ja.«

»Warum gerade Sie?«

»Warum ich?«

»Ja. Was hatten Sie zu bieten, daß Sie für das Unternehmen so wichtig waren? Warum haben sie sich nicht noch einen Hispano ausgesucht, wenn sie nach Mexiko wollten?«

Er zuckte mit den Achseln. »Woher soll ich das wissen? Die spinnen doch alle.«

»Was wollten Sie denn in Mexiko tun, wenn Sie nicht einmal die Sprache sprechen?«

»Mich verstecken. Mich nach Texas durchschlagen. Hauptsächlich wollte ich raus aus Kalifornien.«

Der Gefängniswärter klopfte, die Sprechzeit war um.

Irgend etwas an Brians Lächeln hatte mich bereits veranlaßt abzuschalten. Ich bin eine geborene Lügnerin mit ein bißchen Talent, und ich kultiviere es. Ich verstehe wahrscheinlich mehr vom Einseifen anderer als die meisten Leute auf dem Planeten Wenn dieser Junge die Wahrheit gesagt hätte, dann hätte er meiner Ansicht nach bei weitem nicht so betont aufrichtig getan.