25
Das Ocean Street Motel lag nur vier Blocks weit entfernt. Lange dürfte die Polizei also kaum brauchen. Ich blieb auf dem Gehsteig, bis ich das Motorengeräusch eines Wagens hörte, der mit Vollgas die Anhöhe heraufraste. Gerade als ein Streifenwagen in Sicht kam, rettete ich mich mit einem Satz in die Büsche. Mit blinkendem Blaulicht, aber ohne Sirene, hielt er vor Dwights Haus. Tolle Burschen, diese Bullen! Der Typ am Steuer des zweiten Streifenwagens war höchstens zweiundzwanzig. Ganz legal mit Höchstgeschwindigkeit durch Floral Beach rasen zu können, das war schon was. Für den Jungen war das sicher wie Weihnachten.
Die Lösung so vieler Probleme ergibt sich fast wie von selbst, wenn man erst weiß, wo man ansetzen muss. Das Gespräch mit Dwight hatte meine Gedanken in eine ganz neue Richtung gelenkt, und für die Fragen, die mich bislang so quälend beschäftigt hatten, boten sich plötzlich völlig logische Antworten an; das heißt, zumindest für einige dieser Fragen. Natürlich fehlten mir noch die Beweise, aber ich hatte doch immerhin eine Arbeitsgrundlage. Jean Timberlake war ermordet worden, um Dwight Shales zu schützen. Ori Fowler musste sterben, weil sie im Weg gewesen war. Und Shana? Auch das Motiv für diesen Mord glaubte ich zu verstehen. Man wollte Bailey alles in die Schuhe schieben, und er war wie ein Idiot in die Falle getappt. Hätte er Grips genug gehabt, nicht zu türmen, sondern in Haft zu bleiben, hätte man ihn für nichts von alledem, was seither passiert war, verantwortlich machen können.
Ich näherte mich dem Motel von der Rückseite her über ein unbebautes Grundstück. Viele Fenster waren hell erleuchtet. Ich konnte mir den Aufruhr, den die Anwesenheit der Streifenwagen verursachte, nur allzu gut vorstellen. Und ich vermutete, dass auch hier draußen, wahrscheinlich unterhalb meines Zimmers, ein Polizist postiert war. Ich näherte mich der Hintertür. In der Küche brannte Licht, und ich sah, wie sich im rückwärtigen Bereich der Wohnung ein Schatten bewegte. Auf der Empfangstheke stand ein kleines Schwarzweiß-Fernsehgerät. Über den Bildschirm flimmerte eine Nachrichtensendung. Eine Aufzeichnung, offenbar vom Nachmittag, zeigte Quintana auf den Stufen zum Justizgebäude mit stummen Mundbewegungen. Dann wurde Bailey Fowler eingeblendet. Man führte ihn in Handschellen zu einem wartenden Wagen. Im nächsten Moment erschien wieder der Nachrichtensprecher mit der Wetterkarte. Ich drückte die Klinke der Küchentür herunter. Sie war verschlossen. Hier draußen mit dem Dietrich herumzufummeln, wagte ich nicht.
Dicht an die Außenmauern gepresst, schlich ich um das Gebäude herum und prüfte, ob eines der dunklen Fenster vielleicht geöffnet war. Stattdessen entdeckte ich eine Seitentür direkt gegenüber dem Treppenaufgang im Korridor. Der Knauf ließ sich spielend herumdrehen. Ich stieß die Tür vorsichtig auf und spähte hinein. Royce, in einem schäbigen Bademantel, schlurfte mit hängenden Schultern und gesenktem Blick den Gang entlang auf mich zu. Ich hörte sein leises Wimmern, das er mehrfach durch tiefe Seufzer unterbrach. Auf und ab gehend, versuchte er seinen Kummer wie ein Kind loszuwerden. Vor der Tür zu seinem Zimmer drehte er um und schlurfte zur Küche zurück. Hin und wieder murmelte er mit brüchiger Stimme Oris Namen. Glücklich der Ehegatte, der zuerst stirbt und nie erfährt, was es heißt zu überleben. Royce musste die Klinik gleich nach Reverend Haws’ Besuch verlassen haben. Oris Tod hatte wohl seinen Kampfeswillen gebrochen. Weshalb sollte er jetzt noch seinen Tod hinauszögern?
Der Lichtschein aus dem Wohnzimmer machte mir unangenehm bewusst, dass ich nicht allein war mit Royce. Ich hörte zwei Frauen im Esszimmer. Sie unterhielten sich leise. War Mrs. Emma noch bei Ann? Royce erreichte die Küche, wo er, wie ich ahnte, wieder umkehren würde.
Ich zog die Tür hinter mir zu, lief zur Treppe und rannte lautlos, zwei Stufen auf einmal nehmend, hinauf. Eigentlich hätte mir bereits ein ganzer Kronleuchter aufgehen müssen, als ich beobachtet hatte, dass sich Zimmer 20 mit dem Hauptschlüssel des Zimmermädchens nicht öffnen ließ. Es gehörte vermutlich zu den Fowlerschen Privaträumen und hatte ein anderes Schloss.
Im zweiten Stock war es dunkel; nur durch ein Fenster über dem Treppenabsatz fiel gedämpft ein gelbliches Licht. Ich hatte die Orientierung verloren. Irgendwie sah es hier nicht so aus, wie ich erwartet hatte. Links von mir ging ein kurzer Korridor ab, der vor einer Tür endete. Ich lief auf die Tür zu und horchte angestrengt. Absolute Stille. Ich drehte am Knauf und schob die Tür einen Spaltbreit auf. Kühle Luft wehte mir entgegen. Vor mir lag der Balkon, der an meinem Zimmer vorbeiführte. Ich sah sogar den Automaten und die Außentreppe. Zu meiner Linken lag das Zimmer 20 und daneben die Nummer 22, in der ich meine erste Nacht verbracht hatte. Ein Bulle war nirgends zu entdecken. Sollte ich es wagen, in mein Zimmer zu flüchten? Aber was war, wenn die Polizei mich da erwartete?
Ich griff um die Tür herum und probierte den Knauf. Verschlossen. Wenn ich durch diese Tür hinausging, konnte ich nicht mehr zurück. Also blieb ich, wo ich war, und zog die Tür lautlos wieder zu. Links von mir fand ich eine unverschlossene Tür. Ich schlich hinein und nahm meine Taschenlampe zur Hand. Wie die übrige Wohnung der Fowlers war auch dieser Büroraum ursprünglich ein ganz normales Motelzimmer gewesen.
Gläserne Schiebetüren führten auf den Balkon direkt über der Ocean Street. Die Vorhänge waren zurückgezogen, und ich erkannte im Halbdunkel einen Schreibtisch mit Drehstuhl, Bücherregale, eine Leselampe. Ich ließ den schmalen Lichtkegel meiner Taschenlampe weiter durchs Zimmer gleiten. In den Regalen standen Romane und College-Lehrbücher für Psychologie. Sie konnten nur Ann gehören.
Auf dem Schreibtisch stand ein Foto der jungen Ori. Sie war tatsächlich ein bildschönes Mädchen gewesen mit großen, strahlenden Augen. Ich durchsuchte die Schreibtischschubladen. Fehlanzeige. In der Schranknische hing Sommerkleidung. Auch das Badezimmer gab nichts her. Die Zwischentür, die diesen Raum mit der Nummer 20 verband, war verschlossen. Verschlossene Türen sind immer interessanter als andere. Diesmal zog ich meinen Satz Dietriche heraus und machte mich an die Arbeit. In Fernsehfilmen öffnen die Leute immer spielerisch leicht mit Dietrichen alle Türen. Im richtigen Leben ist das nicht ganz so. Da braucht man eine Engelsgeduld. Ich arbeitete im Dunkeln, die Taschenlampe zwischen den Zähnen. Manchmal war es eine Sache von Minuten, aber an jenem Abend dauerte es eine Ewigkeit. Ich schwitzte vor Anspannung, als die Tür endlich aufging.
Zimmer Nummer 20 war ein Duplikat des Raumes, den ich bewohnt hatte. Es war Anns Schlafzimmer, jenes, das Maxine nicht betreten durfte. Und ich begriff jetzt auch, weshalb das so war. Im Schrank, direkt vor mir, stand ein Ponsness-Warren-Gerät zum Nachladen von Schrotpatronen mit allen technischen Finessen und zwei Munitionskartons mit grobem Steinsalz. Ich schlich zum Schrank, kauerte nieder und inspizierte das Gerät genauer, das wie eine Kreuzung aus einem Vogelfutterautomaten und einer Cappuccinomaschine aussah und dazu dient, Patronen mit jedem beliebigen Inhalt zu füllen. Eine Patrone mit Salzkristallen, die aus nächster Nähe abgeschossen wird, richtet kaum großen Schaden an; sie verursacht nur teuflisch brennende und juckende Hautwunden. Tap hatte am eigenen Leib erfahren, wie wirkungslos grobes Steinsalz sein konnte, wenn man damit die Beamten des Sheriffs abschrecken wollte.
Ich hatte den absoluten Volltreffer gelandet. Auf dem Schrankboden neben dem Patronen-Ladegerät stand ein kleiner handlicher Kassettenrecorder mit eingelegter Kassette. Ich spulte das Band zurück, drückte die Taste »Play« und hörte plötzlich eine bekannte, schleppende und verzerrte Stimme wüste Drohungen aussprechen. Ich spulte erneut zurück und änderte die Laufgeschwindigkeit. Es war unverwechselbar Anns Stimme, die genüsslich drohend erklärte, was sie mit Axt und Säge vorhatte. Das Ganze klang lächerlich, aber es muss ihr einen Riesenspaß gemacht haben. »Ich kriege dich...« Diesen Mist hatten wir als Kinder verzapft. »Ich schneide dir den Kopf ab...« Ich lächelte grimmig in mich hinein, als ich an die Nacht dachte, in der ich einen solchen Anruf erhalten hatte. Damals hatte ich sogar die Tatsache, dass zwei Türen weiter noch jemand wach gelegen hatte, als ausgesprochen tröstlich empfunden. Der Lichtschein hatte zu jener nächtlichen Stunde so beruhigend ausgesehen. Dabei war Ann die ganze Zeit über hier in diesem Raum gewesen, hatte von Zimmer zu Zimmer telefoniert und den Psychoterror gegen mich inszeniert. Mittlerweile konnte ich mich kaum noch daran erinnern, wann ich zum letzten Mal eine Nacht durchgeschlafen hatte. Ich bestand nur noch aus Adrenalin und Nerven, und die Eigendynamik der Ereignisse riss mich mit. In der Nacht, als in mein Zimmer eingebrochen worden war, musste Ann die Tür mit dem Hauptschlüssel geöffnet und anschließend das Schloss der Schiebetür zerstört haben, um vorzutäuschen, dass der Einbrecher über den Balkon gekommen sei. Ich stand auf und durchsuchte das nächste Schrankfach. In einem Schuhkarton fand ich einen Fensterumschlag mit Kontoauszügen, an »Erica Dahl« adressiert. Gut hundert solcher Umschläge lagen fein säuberlich geordnet im Karton... zusammen mit einer Sozialversicherungskarte, Führerschein und Pass, alle ausgestellt auf den Namen »Erica Dahl« und mit Ann Fowlers Foto. Die Depotauszüge der Bank wiesen ein IBM-Aktienpaket aus, das 1967 für 42 000 $ erworben worden war. In den vergangenen Jahren hatte sich der Wert der Investition mehr als verdoppelt. Ich stellte fest, dass »Erica Dahl« die Ertragszinsen gewissenhaft versteuert hatte. Ann Fowler war viel zu schlau, als dass sie riskiert hätte, eines Tages über das Finanzamt zu stolpern.
Ich ließ den Lichtkegel meiner Taschenlampe noch einmal in einer großen Acht durch den Raum und die Kochnische gleiten. Als der dünne Lichtstrahl über das Bettgestell glitt, sah ich aus den Augenwinkeln ein weißes Oval und richtete die Taschenlampe direkt auf die Stelle. Ann saß aufrecht im Bett und beobachtete mich. Ihr Gesicht war totenblass. Sie hatte die Augen weit aufgerissen und starrte mich mit einem so irrsinnigen, hasserfüllten Ausdruck an, dass ich unwillkürlich Gänsehaut bekam. Ich hatte das Gefühl, von einer eisigen Pfeilspitze getroffen worden zu sein, deren Kälte sich allmählich bis in meine Fingerspitzen ausbreitete. Auf dem Schoß hielt Ann eine doppelläufige Schrotflinte. Sie hob sie hoch und richtete die Mündung auf meine Brust. Mit grobem Steinsalz war das Ding vermutlich nicht geladen. Und die Geschichte mit der Spinne erschien mir hier auch kaum Erfolg versprechend.
»Haben Sie alles gefunden, was Sie brauchen?«, erkundigte sie sich.
Ich hob die Hände hoch, um zu zeigen, dass ich mich zu benehmen wusste. »Sie sind wirklich große Klasse. Fast wären Sie damit durchgekommen.«
Sie lächelte gequält. »Jetzt, da Sie von der Polizei gesucht werden, gehe ich kein Risiko mehr ein, was meinen Sie?«, räsonierte sie im Plauderton. »Ich brauche nur abzudrücken und auf Notwehr zu plädieren.«
»Und dann?«
»Na raten Sie mal.«
Ich hatte mir noch nicht die ganze Geschichte zusammengereimt, aber ich wusste genug, um zu improvisieren. In solchen Situationen unterhält man sich mit Mördern, weil man gegen jedes bessere Wissen hofft, erstens, sie von ihrer Tötungsabsicht abzubringen, zweitens, sie hinzuhalten, bis Hilfe kommt, oder drittens, einfach noch ein paar Augenblicke dieser kostbaren Existenz zu genießen, die wir Leben nennen und die zum größten Teil aus Atemübungen besteht.
»Tja«, begann ich in der Hoffnung, dass mir schon genug einfallen würde. »Ich schätze, wenn Ihr Vater stirbt, verhökern Sie das Motel, nehmen den Erlös, packen ihn zu den Einkünften aus den 42 000 Piepen, die Sie gestohlen haben, und reisen der Sonne entgegen. Und zwar möglicherweise in Begleitung von Dwight Shales, so denken Sie sich das doch.«
»Und warum nicht?«
»Tja, warum nicht? Der Plan klingt gut. Weiß er schon davon?«
»Er wird’s erfahren«, entgegnete sie.
»Wieso glauben Sie eigentlich, dass er sich darauf einlässt?«
»Warum sollte er nicht? Er ist jetzt ein freier Mann. Und auch ich werde frei sein, sobald Pop tot ist.«
»Und Sie meinen wirklich, dass das allein für eine Beziehung reicht?«, fragte ich erstaunt.
»Was wissen Sie denn schon über Beziehungen?«
»He, ich war zweimal verheiratet. Was Sie von sich kaum behaupten können.«
»Sie sind zweimal geschieden. So gut scheinen Sie also wohl doch nicht Bescheid zu wissen.«
Ich zuckte mit den Schultern.
»Ich wette, dass es Jean verdammt Leid getan hat, sich Ihnen anvertraut zu haben.«
»Sehr Leid. Zum Schluss hat sie mir noch einen hübschen Kampf geliefert.«
»Aber Sie haben gewonnen.«
»Ich musste gewinnen. Ich konnte nicht zulassen, dass sie Dwights Leben ruiniert.«
»Immer vorausgesetzt, es war seins.«
»Das Kind? Natürlich war’s seins.«
»Na, großartig. Dann ist ja alles klar. Das rechtfertigt natürlich alles«, bemerkte ich. »Weiß er eigentlich, wie viel Sie für ihn getan haben?«
»Das bleibt unser kleines Geheimnis, Kinsey.«
»Woher wussten Sie, wo Shana am Mittwochabend sein würde?«
»Ganz einfach. Ich bin ihr gefolgt.«
»Aber warum haben Sie die Frau umgebracht?«
»Aus demselben Grund, aus dem ich auch Sie umbringen werde. Weil sie mit Dwight geschlafen hat.«
»Sie war dort oben, um sich mit Joe Dunne zu treffen«, erklärte ich. »Keine von uns beiden hat mit Dwight geschlafen.«
.»Quatsch!«
»Das ist kein Quatsch. Er ist zwar ein netter Kerl, aber nicht mein Typ. Und er hat mir selbst gesagt, dass er zu Shana ein freundschaftliches Verhältnis hatte. Rein platonisch. Die beiden haben nicht ein einziges Mal miteinander gefickt!«
»Sie lügen! Glauben Sie, ich weiß nicht, was los ist? Sie kommen hier in die Stadt, machen sich an ihn ran, lassen sich mit seinem Wagen rumchauffieren, essen mit ihm zu Abend...«
»Ann, wir haben uns unterhalten. Mehr nicht.«
»Mir stellt sich niemand in den Weg, Kinsey. Nicht nach allem, was ich durchgemacht habe. Ich habe viel zu hart gearbeitet, zu lange gewartet. Ich habe mein ganzes Leben als erwachsene Frau geopfert, und Sie werden mir jetzt nicht alles verderben, nachdem ich schon fast frei bin!«
»Hören Sie, Ann... Sie sind komplett verrückt. Nehmen Sie’s mir nicht übel, aber Sie ticken doch nicht richtig. Sie haben ein Rad ab.« Ich redete nur Unsinn, während ich angestrengt überlegte, wie ich an meine Waffe rankommen konnte. Die Davis steckte noch immer im Halfter unterhalb meiner linken Brust. Ich wollte nur eines: ziehen, zielen und ihr ein Loch zwischen die Augen schießen. Aber bis ich die Davis unter dem Pullover vorgefummelt, auf Ann gerichtet und abgedrückt hätte, hätte sie mir mit dem Schrotgewehr längst das Gesicht weggeblasen. Und wie sollte ich an ihre Waffe kommen? Einen Herzanfall vortäuschen? Darauf fiel sie wohl kaum herein. Meine Augen hatten sich inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt, und da ich sie genau sah, nahm ich an, dass es ihr umgekehrt ebenso ging.
»Haben Sie was dagegen, wenn ich meine Taschenlampe ausmache? Ich möchte die Batterie nicht unnötig vergeuden«, sagte ich. Der Schein der Lampe zeigte zur Decke, und meine Arme wurden müde. Ihre vermutlich auch. Ein Schrotgewehr wiegt einiges und ist nicht leicht ruhig zu halten... auch dann nicht, wenn man regelmäßig mit Hanteln trainiert.
»Bleiben Sie, wo Sie sind. Keine Bewegung.«
»Wow, genau das hat Elva auch gesagt.«
Ann knipste die Nachttischlampe an. Im Licht sah sie noch schlimmer aus. Sie hatte gemeine Züge. Mit dem fliehenden Kinn sah sie aus wie eine Ratte. Das Schrotgewehr in ihrer Hand war ein Zwölfkaliber, und sie schien genau Bescheid zu wissen, was man damit anrichten konnte.
Fast unbewusst registrierte ich ein schlurfendes Geräusch im Korridor. Royce. Wann war er heraufgekommen? »Ann? Annie, ich habe Fotos von deiner Mutter gefunden, die dir sicher gefallen. Kann ich reinkommen?«
Ihr Blick schoss zur Tür. »Ich komme gleich runter, Pop. Dann sehen wir sie uns an!«
Zu spät. Er hatte die Tür schon aufgestoßen. Royce hatte ein Fotoalbum unter dem Arm, und man sah ihm die Arglosigkeit an. Seine Augen waren sehr blau, die Wimpern spärlich und noch nass von den Tränen, die Nase war gerötet. Verschwunden waren die Schroffheit, die Arroganz und sein herrisches Wesen. Seine Krankheit hatte ihn gebrechlich und verwundbar gemacht, und Oris Tod hatte ihm wohl den Rest gegeben. Trotzdem war er hier heraufgekommen, ein alter Mann voller Hoffnungen. »Mrs. Maude und Mrs. Emma warten darauf, dass du ihnen gute Nacht sagst.«
»Ich bin noch beschäftigt. Kannst du das für mich erledigen?«
Dann erblickte Royce mich. Es musste ihm komisch Vorkommen, dass ich die Hände in die Luft hielt. Dann nahm er das Schrotgewehr wahr, das Ann in Schulterhöhe hielt. Ich dachte, er würde sich jeden Moment umdrehen und wieder hinausschlurfen. Doch er zögerte unsicher.
»Hallo, Royce«, begrüßte ich ihn. »Zweimal dürfen Sie raten, wer Jean Timberlake umgebracht hat.«
Er sah mich an und wandte dann den Blick ab. »Hm.« Seine Augen suchten Ann, als erwarte er jeden Moment, dass sie diese Beschuldigung weit von sich weisen würde. Ann stand auf und griff nach dem Türknauf hinter seinem Rücken.
»Geh wieder runter, Pop. Ich habe noch was zu erledigen. Dann komme ich.«
Er schien verwirrt zu sein. »Du tust ihr doch nicht weh?«
»Nein, natürlich nicht«, wehrte sie ab.
»Sie will mir damit nur den Hintern polieren!«, bemerkte ich.
Er blickte wieder fragend zu Ann hin.
»Was glauben Sie, hat sie mit der Flinte vor? Sie erschießt mich und behauptet dann, es wäre Notwehr gewesen. Das hat sie mir gesagt.«
»Pop, ich habe sie dabei erwischt, wie sie meinen Schrank durchsucht hat. Die Polizei ist hinter ihr her. Sie steckt mit Bailey unter einer Decke. Sie will ihm zur Flucht verhelfen.«
»Reden Sie kein Blech. Weshalb sollte ich das wohl tun?«
»Bailey?«, wiederholte Royce. Und zum ersten Mal war ein Aufleuchten von Verständnis in seinen Augen.
»Royce, ich habe Beweise für seine Unschuld. Ann hat Jean umgebracht...«
»Sie lügen!«, fuhr Ann dazwischen. »Ihr beide wollt Pop ausnehmen wie eine Weihnachtsgans!«
Es war nicht zu fassen. Ann und ich zankten uns wie Kinder, jede versuchte, Royce auf ihre Seite zu ziehen. »Du warst’s.«
»Nein, du.« — »Nein, du.«
Royce legte einen zitternden Finger an die Lippen. »Wenn sie Beweise hat, dann sollten wir uns anhören, was sie zu sagen hat«, sagte er beinahe wie zu sich selbst. »Meinst du nicht, Annie? Wenn sie beweisen kann, dass Bailey unschuldig ist?«
Ich sah, wie allein Baileys Name Ann in rasende Wut versetzte. Ich hatte Angst, sie würde schießen und sich mit ihrem Vater später auseinander setzen. Er schien denselben Gedanken zu haben. Er streckte die Hand nach der Flinte aus. »Gib sie mir, Kleines.«
Sie fuhr abrupt zurück. »Fass mich nicht an!«
Ich spürte, wie mein Herz klopfte, rasend vor Angst, er könne aufgeben. Doch Royce schien nur neue Kräfte zu sammeln.
»Was hast du vor, Ann? Das darfst du nicht tun.«
»Los, verschwinde! Geh runter!«
»Ich will hören, was Kinsey zu sagen hat.«
»Tu, was ich dir sage, und verschwinde!«
Er packte mit einer Hand den Lauf des Schrotgewehrs. »Gib es mir, bevor du damit Unheil anrichtest.«
»Nein!« Ann riss die Flinte an sich.
Royce schoss vorwärts und griff nach der Waffe. Die beiden kämpften um die Flinte. Ich starrte wie gelähmt auf die große, schwarze 8, die die beiden Mündungsöffnungen der Doppellaufflinte formten und die mal auf mich, dann zum Boden, zur Decke oder einfach nur wahllos in irgendeine Richtung zeigte. Royce hätte eigentlich der Stärkere sein müssen, aber er war durch seine Krankheit stark geschwächt, und Anns blinde Wut verlieh ihr ungeahnte Kräfte. Royce packte die Waffe beim Schaft und riss daran.
Mündungsfeuer blitzte auf, und der Schuss füllte den Raum mit Pulvergestank. Die Schrotflinte fiel zu Boden, als Ann gellend aufschrie.
Sie starrte fassungslos an sich herab. Die Schrotladung hatte ihr fast den ganzen rechten Fuß weggerissen. Es war nur noch ein Stumpf aus rohem Fleisch übrig. Ich fühlte, wie es mir heiß wurde, und wandte mich entsetzt ab.
Der Schmerz muss schrecklich gewesen sein. Blut schoss pulsierend aus der Wunde. Ihr Gesicht hatte jede Farbe verloren. Sie sank sprachlos zu Boden, umfasste ihr Bein und schaukelte mit dem Oberkörper vor und zurück, während ihre Schreie in leises, durchdringendes Jammern übergingen.
Royce zuckte vor ihr zurück. »Entschuldige«, brachte er kaum hörbar heraus. »Das wollte ich nicht. Ich wollte nur helfen.«
Ich hörte Schritte auf der Treppe. Bert, Mrs. Maude und ein junger Polizist, den ich noch nie gesehen hatte. Wieder ein halbes Kind.
»Rufen Sie einen Krankenwagen!«, schrie ich. Ich riss ein Kissen vom Bett und presste es gegen Anns blutigen Stumpf, um zu verhindern, dass das Blut überallhin spritzte. Der Polizist fummelte an seinem Sprechfunkgerät herum, während Mrs. Maude sinnlos vor sich hinbrabbelte und die Hände rang. Mrs. Emma war hinter ihr ins Zimmer gekommen und begann zu schreien, als sie sah, was passiert war. Maxine und Bert klammerten sich bleich aneinander. Endlich schob der Polizist alle in den Korridor und schloss die Tür. Selbst noch durch die Wand konnte ich Mrs. Emmas schrille Schreie hören.
Ann lag mittlerweile auf dem Rücken, einen Arm über das Gesicht gepresst. Royce hielt ihr die rechte Hand und wackelte mit dem Oberkörper vor und zurück. Sie weinte wie eine Fünfjährige. »Du bist nie für mich da gewesen... nie für mich da gewesen ..,«
Ich dachte an meinen Vater. Als er starb, war ich fünf. Ein Bild tauchte vor mir auf, eine Erinnerung, die ich jahrelang verdrängt hatte. Im Auto, kurz nach dem Unfall, als ich auf dem Rücksitz eingeklemmt saß und auf das endlose Weinen meiner Mutter hörte, hatte ich mit der Hand nach dem Vordersitz getastet und die kraftlose Hand meines Vaters gefunden. Ich hatte meine Finger in seine Finger verschränkt, nicht wissend, dass er bereits tot war, sondern in dem Glauben, alles würde gut werden, solange ich ihn nur hatte. Wann war mir eigentlich klar geworden, dass er für immer gegangen war? Wann hatte Ann begriffen, dass Royce nicht für sie da war? Und was war mit Jean Timberlake? Keine von uns hatte die Wunden verkraftet, die uns unsere Väter viele Jahre zuvor zugefügt hatten. Hatten sie uns geliebt? Wie sollen wir das je erfahren? Er war nicht mehr da, und er würde nie wieder das für uns sein, was er für uns in all seiner gespenstisch quälenden Vollkommenheit gewesen war.