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Als wir endlich zum Motel zurückkehrten, war Royce dem Zusammenbruch nahe, und ich musste ihm ins Bett helfen. Ann und Ori hatten beim Arzt erfahren, was geschehen war, und waren sofort nach Hause gefahren. Sie kamen kurz nach uns. Bailey Fowler wurde im Fahndungsaufruf als »vermutlich gefährlicher Killer im Besitz einer Schusswaffe« bezeichnet. Die Straßen von Floral Beach wirkten so leer und ausgestorben wie nach einer Naturkatastrophe. Ich glaubte beinahe zu hören, wie überall in der näheren Umgebung die Türen verriegelt wurden und alte Damen hinter ihren Vorhängen hervorlugten. Wie man auf die Idee kommen konnte, Bailey sei dumm genug, ausgerechnet in seinem Elternhaus Zuflucht zu suchen, war mir unbegreiflich. Trotzdem musste auch die Polizei diese Möglichkeit durchaus in Betracht gezogen haben, denn ein Polizeibeamter in brauner Uniform erschien im Motel und führte ein langes und ausführliches Gespräch mit Ann; dabei hatte er ständig die Hand am Knauf seiner Waffe und ließ seine Blicke unaufhörlich umherschweifen, als suche er Anzeichen dafür, dass der Flüchtige im Haus versteckt gehalten wurde.
Kaum war der Streifenwagen wieder abgefahren, strömten Freunde der Familie mit ernsten Gesichtern ins Haus und brachten etwas zum Essen mit. Etliche dieser Leute hatte ich bereits im Gerichtssaal gesehen, und ich war nicht sicher, ob Mitgefühl oder Sensationslust sie hergetrieben hatte.
Zwei Damen aus der Nachbarschaft wurden mir als Mrs. Maude und Mrs. Emma vorgestellt. Sie waren ältliche Schwestern, die Bailey bereits von klein auf kannten. Robert Haws, der Baptistenpfarrer, erschien mit seiner Frau June, eine weitere Besucherin war Mrs. Burke, die Inhaberin des zwei Blocks weit entfernten Waschsalons. Sie sei kurz vorbeigekommen, erklärte sie, um zu fragen, ob sie irgendwie helfen könne. Ich hoffte, sie würde für die Wäsche Spartarife anbieten, aber offenbar kam ihr das gar nicht in den Sinn. Mrs. Maudes Miene nach zu schließen, missbilligte sie den tiefgefrorenen Käsekuchen zutiefst, den die Dame aus dem Waschsalon mitbrachte. Mrs. Maude und Mrs. Emma wechselten einen Blick, der besagte, dass es nicht das erste Mal war, dass Mrs. Burkes hausfraulicher Eifer zu wünschen übrig ließ. Das Telefon klingelte unaufhörlich. Mrs. Emma bestritt in Eigenregie die Aufgabe der Telefonistin, wimmelte Anrufe ab und führte eine Liste mit Namen und Telefonnummern für den Fall, dass Ori später zurückrufen wollte.
Royce weigerte sich, mit irgendjemandem zu sprechen, während Ori von ihrem Bett aus Hof hielt, endlos wiederholte, wie sie die Neuigkeit erfahren, was sie dabei zuerst gedacht, wie lange es gedauert hatte, bis sie die Bedeutung all dessen begriffen hatte, und dass sie in ihrem Unglück einen Schreikrampf bekommen, sodass der Arzt ihr ein Beruhigungsmittel verabreicht hatte. Tap Grangers Schicksal oder die Gefahr, in die sich ihr Sohn mit dieser Flucht begeben hatte, waren für die »Ori-Fowler-Show«, in der sie die Starrolle spielte, nur von marginaler Bedeutung. Bevor ich eine Chance hatte, das Zimmer unbemerkt zu verlassen, rief uns der Reverend zum Gebet zu sich. Ich muss gestehen, dass mir ordentliche Gebetsriten nie beigebracht worden sind. So viel ich weiß, faltet man dabei die Hände, senkt ernst den Kopf und verkneift sich Seitenblicke auf andere Andächtige. Gegen religiöse Praktiken habe ich eigentlich nichts. Ich verspüre nur keine große Lust, mir von anderen ihren Glauben aufoktroyieren zu lassen. Sobald Zeugen Jehovas vor meiner Tür auftauchen, frage ich sie als Erstes nach ihrer Adresse und versichere ihnen, dass ich spätestens in einer Woche zu ihnen kommen und sie mit meinen Überzeugungen traktieren werde.
Während der Reverend um Baileys willen mit dem lieben Gott Zwiesprache hielt, erlaubte ich meinen Gedanken abzuschweifen und nutzte die Zeit, die Frau des Geistlichen zu beobachten. June Haws war ungefähr fünfzig, klein und wie fast alle Frauen ihrer Gewichtsklasse zu einer vorwiegend sitzenden Lebensweise geschaffen. Nackt war sie vermutlich weiß und hatte, vornehm ausgedrückt, Fettgrübchen. Sie trug weiße Baumwollhandschuhe, die auf der Höhe der Handgelenke Flecken von einer bräunlichen Tinktur aufwiesen. In einer medizinischen Fachzeitschrift abgebildet, mochten sie ein Paradebeispiel für einen besonders komplizierten Fall von Schuppenflechte sein.
Als Pfarrer Haws in seinem langatmigen Gebet endlich zum Schluss kam, entschuldigte sich Ann und ging in die Küche. Es war klar, dass ihre offensichtliche Diensteifrigkeit ein Vorwand war, sich immer wieder entziehen zu können. Ich gab vor, ihr helfen zu wollen, und begann Untertassen und Tassen zu decken, Kekse auf Teller mit Papierspitzendeckchen zu legen, während Ann eine große Kaffeemaschine aus rostfreiem Stahl aus dem Büro in die Küche wuchtete. Auf der Küchentheke standen bereits eine Kasserolle Tunfisch, überzogen mit einer Schicht Kartoffelchipsbröseln, ein Nudel-Hackfleisch-Auflauf und zwei Obstpudding-Formen, die ich auf Anns Bitte in die Gefriertruhe stellte. Es war erst eineinhalb Stunden her, dass Bailey unter dramatischen Umständen aus dem Gerichtssaal entflohen war. Ich glaubte nicht, dass Gelatine so schnell fest wurde, aber diese christlichen Damen kannten vermutlich irgendwelche Tricks mit Eiswürfeln, die Salate und Desserts speziell zu solchen Gelegenheiten in Rekordzeit fest werden ließen. Ich malte mir aus, dass es vermutlich einen Anhang zum Kirchen-Kochbuch der Damen über »Snacks für plötzliche Todesfälle« gab... und wobei Zutaten verwendet wurden, die jede Hausfrau für den unverhofft eintretenden Katastrophenfall stets vorrätig haben konnte.
»Kann ich irgendwie helfen?«, fragte June Haws von der Küchentür her. Mit ihren Baumwollhandschuhen sah sie aus wie ein Sargträger für jemanden, der möglicherweise erst kürzlich an derselben Hautkrankheit gestorben war. Ich schob einen Keksteller beiseite und zog einen Stuhl heran, damit sie sich setzen konnte.
»Nein, danke... für mich nicht, Kleines«, wehrte sie ab. »Ich sitze nie. Warum lässt du mich nicht weitermachen und ruhst deine Füße aus, Ann?«
»Wir schaffen das ganz gut«, sagte Ann. »Wenn du Mutter von Bailey ablenken kannst, dann ist das für uns die beste Hilfe.«
»Haws liest ihr aus der Bibel vor. Es ist unglaublich, was diese Frau alles durchmachen muss. Das muss einem ja das Herz brechen. Wie geht’s deinem Vater?«
»Es war natürlich ein Schock für ihn.«
»Der arme Mann.« Sie sah mich an. »Ich bin June Haws. Ich glaube, wir sind uns noch nicht vorgestellt worden.«
»Entschuldige, June«, warf Ann ein. »Das ist Kinsey Millhone, Privatdetektivin, Pop hat sie engagiert, um uns zu helfen.«
»Privatdetektivin?«, wiederholte sie ungläubig. »Ich dachte, so was gibt’s nur im Fernsehen.«
»Freut mich, Sie kennen zu lernen«, sagte ich. »Leider ist unsere Arbeit gar nicht so aufregend wie im Film.«
»Hoffentlich nicht! Diese schrecklichen Schießereien und Verfolgungsjagden! Wenn ich daran denke, läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken. Man möchte meinen, dass das für ein nettes Mädchen wie Sie kaum der richtige Beruf ist.«
»So nett bin ich gar nicht«, widersprach ich bescheiden.
Sie lachte und hielt das offenbar für einen Witz. Ich ging jeder Diskussion aus dem Weg, indem ich nach einem Keksteller griff. »Ich bringe das hier nur schnell rüber«, murmelte ich und verließ die Küche.
Draußen im Korridor machte ich langsamer. Ich saß in der Falle. Mir blieb nur die Wahl zwischen salbungsvollen Bibellesungen im einen und erbarmungslosen Plattitüden im anderen Zimmer. An der Schwelle blieb ich stehen. Während meiner Abwesenheit hatte sich noch der Direktor der Highschool zu den anderen gesellt, war jedoch ins Gespräch mit Mrs. Emma vertieft und schien mich nicht zu bemerken. Schließlich ging ich weiter ins Wohnzimmer, wo ich Mrs. Maude den Keksteller übergab, mich hastig entschuldigte und ins Büro weiterlief. Reverend Haws deklamierte gerade eine Furcht erregende Passage aus dem Alten Testament voller schrecklicher Heimsuchungen und Entbehrungen. Oris Los musste vergleichsweise harmlos erscheinen, was vermutlich der tiefere Sinn für die Vorstellung war.
Ich ging in mein Zimmer hinauf. Es war kurz vor zwölf Uhr mittags, und ich nahm an, dass die kleine Versammlung bis zu einem warmen Mittagessen ausharren würde. Wenn ich Glück hatte, gelang es mir, mich über die Seitentreppe hinunter und zu meinem Wagen zu schleichen, bevor jemand merkte, dass ich nicht mehr da war. Ich wusch das Gesicht und kämmte mich. Ich hatte gerade die Jacke über dem Arm und eine Hand auf dem Türknauf, als es klopfte. Mein erster Gedanke galt Dwight Shales. Möglicherweise hatte er von seiner Behörde das Okay dafür erhalten, mit mir zu reden. Ich machte auf.
Vor mir stand Reverend Haws. »Verzeihen Sie den Überfall, aber Ann meinte, dass Sie vermutlich in Ihrem Zimmer zu finden seien«, begann er. »Ich hatte noch gar keine Gelegenheit, mich vorzustellen. Robert Haws, der Pfarrer der Baptistengemeinde von Floral Beach.«
»Hallo. Wie geht’s?«
»Danke bestens. Meine Frau June hat mir erzählt, wie nett sie sich mit Ihnen vorhin unterhalten hat. Sie meinte, Sie hätten vielleicht Lust, heute Abend an unserer Bibelstunde in der Kirche teilzunehmen?«
»Wie nett«, erwiderte ich. »Leider weiß ich noch nicht, ob ich heute Abend hier sein werde. Aber trotzdem vielen Dank für die Einladung.« Ich schäme mich, es zuzugeben, aber ich imitierte den salbungsvoll jovialen Ton, der hier üblich zu sein schien.
Wie seine Frau schätzte ich Reverend Haws auf ungefähr fünfzig. Allerdings hat er sich besser gehalten, dachte ich. Er sah, vorausgesetzt man mochte den Typ, recht gut aus: volles, rundes Gesicht, randlose Brille, sandfarbenes, grau meliertes, und volles Haar, mit einem Hauch von Frisiercreme. Er trug einen dezent karierten Anzug und ein schwarzes Hemd mit weißem Halskragen, Details, die bei einem protestantischen Geistlichen nur auf eine Marotte des Trägers hindeuten konnten. Ich vermochte mir nicht vorzustellen, dass Baptistenpfarrer sich normalerweise so kleideten. Davon abgesehen hatte er den unbekümmerten Charme eines Mannes, der sein gesamtes Erwachsenendasein hindurch nur fromme Komplimente empfangen hatte.
Wir schüttelten uns die Hand. Er hielt meine fest und tätschelte sie, während er einen intensiven christlichen Augenkontakt pflegte. »So viel ich gehört habe, sind Sie aus Santa Teresa. Kennen Sie zufällig Millard Alston von der Baptistengemeinde in Colgate? Wir sind zusammen auf dem Seminar gewesen. Wie lange das her ist, erzähle ich Ihnen allerdings lieber nicht.«
Ich entzog meine Hand seinem feuchten Griff und lächelte charmant. »Der Name kommt mir nicht bekannt vor. Aber natürlich bin ich selten in der Gegend.«
»Zu welcher Kirchengemeinde gehören Sie? Sie sind doch hoffentlich keine dieser schrecklichen Methodisten, oder?« Er lachte dabei, um mir zu zeigen, welch ausgefallenen Humor er hatte.
»Ganz und gar nicht«, entgegnete ich.
Sein Blick war auf das Zimmer hinter mir gerichtet. »Begleitet Ihr Mann Sie?«
»O nein! Wirklich nicht.« Ich warf einen Blick auf die Uhr. »Heiliger Bimbam, ich bin schon viel zu spät dran.« Der »Heilige Bimbam« blieb mir fast im Hals stecken, doch Haws schien das nicht weiter zu stören.
Er steckte die Hände in die Hosentaschen und rückte dezent seine Hose zurecht. »Schade, dass Sie schon fortmüssen. Vielleicht kommen Sie Sonntag zum Elf-Uhr-Gottesdienst und essen anschließend mit uns. June kocht aus Gesundheitsgründen zwar nicht mehr selbst, aber wir laden Sie gern ins Apple Farm Restaurant ein.«
»Ich wünschte, ich könnte das annehmen, aber ich weiß nicht, ob ich übers Wochenende hier bin. Vielleicht ein andermal.«
»Sie kriegt man wohl wirklich schwer zu fassen, Lady, was?«, bemerkte er. Der Reverend wirkte leicht gereizt, und ich schloss daraus, dass er es nicht gewohnt war, bei seinen schmierigen Annäherungsversuchen einen Korb zu bekommen.
»Stimmt«, sagte ich und zog meine Jacke an, während ich in den Gang hinausging. Reverend Haws trat zur Seite, war mir jedoch noch immer näher, als mir lieb sein konnte. Ich zog die Tür hinter mir zu und schloss sorgfältig ab. Dann lief ich die Treppe hinunter. Er folgte mir.
»Tut mir Leid, aber ich habe eine Verabredung«, erklärte ich in gerade noch freundlich christlichem Umgangston.
»Tja, dann muss ich Sie wohl ziehen lassen.«
Als ich noch einmal zurücksah, stand er auf dem obersten Absatz der Außentreppe und sah mit einem kalten Ausdruck in den Augen auf mich herab, der seine oberflächlich betuliche Freundlichkeit Lügen strafte. Ich ließ den Motor meines Wagens an und wartete auf dem Parkplatz, bis er an mir vorbei zu den Fowlers zurückgegangen war. Die Vorstellung, er könnte sich während meiner Abwesenheit auch nur in der Nähe meines Zimmers aufhalten, gefiel mir überhaupt nicht.
Dann fuhr ich etwa einen halben Kilometer weit die doppelspurige Ausfallstraße entlang, die Floral Beach mit dem Highway, einen guten Kilometer weiter nördlich, verband und bog in die Zufahrt zu den Eucalyptus Mineral Hot Springs ein. Ich hielt auf dem Parkplatz. Aus dem Prospekt, der im Motel auslag, war zu entnehmen, dass die Schwefelquellen im späten neunzehnten Jahrhundert von zwei Männern entdeckt worden waren, die eigentlich nach Öl gebohrt hatten. Statt der Ölbohrtürme errichtete man dann ein Heilbad, das als Kurzentrum für kränkelnde Kalifornier diente, die mit dem Zug anreisten bis zu dem kleinen Bahnhof, der dem Kurgelände direkt gegenüberlag. Ein Team von Ärzten und Pflegepersonal stand den Heilungssuchenden zur Verfügung, es wurden Schlammbäder, homöopathische Therapien, Kräuterkuren und hydroelektrische Therapien angeboten. Das Unternehmen erlebte eine kurze Blütezeit, lag dann jedoch brach bis in die dreißiger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts, als das gegenwärtige Hotel auf dem Areal erstellt wurde. In den frühen siebziger Jahren kam es zu einem neuen Boom, als sich Kurbäder wieder wachsender Beliebtheit erfreuten. Mittlerweile gab es abgesehen von den etwa fünfzig gefassten heißen Quellen, die über das Hanggebiet hinter dem Hotel verstreut unter Eichen und Eukalyptusbäumen lagen, noch Tennisplätze und ein geheiztes Schwimmbad. Außerdem wurden Aerobic-Kurse, kosmetische Behandlungen, Massage, Yogaunterricht und eine Ernährungsberatung angeboten.
Das Hotel selbst war zweistöckig und ein Paradebeispiel für die Architektur der dreißiger Jahre; spanisches Art déco mit Türmchen, abgerundeten Ecken und Wänden aus Glasbausteinen. Ich ging auf dem überdachten Fußweg auf das Hotelbüro zu. Hier im tiefen Schatten, den kein Sonnenstrahl erwärmte, war die Luft empfindlich kalt. Aus der Nähe besehen, zeigte der Putz an der gesamten Front von den Grundmauern bis unter das Ziegeldach Blasen und Risse. In den Schwefelgeruch der Quellen mischte sich der Modergestank von feuchten Blättern. Es roch, als ob die Leitungen leck wären und die Abwässer den Boden durchtränkten, und ich fragte mich, ob später möglicherweise Giftmüll in Fässern von diesem Areal abgetragen werden müsste.
Ich machte einen kurzen Rundgang und stieg die Holztreppen hinauf, die den Hang hinter dem Hotel erschlossen. Hier gab es in regelmäßigen Abständen überdachte, in Holzplateaus eingelassene heiße Schwefelbäder. Verwitterte Holzpaneele waren so platziert, dass sie die Badenden vor den Blicken Neugieriger schützten. Jeder dieser Alkoven trug einen Namen, vermutlich um die Erstellung eines Belegplanes zu erleichtern. Ich kam an Quellen wie »Serenity«, »Meditation«, »Sunset« und »Peace« vorbei und registrierte mit leichtem Gruseln, wie sehr diese Bezeichnungen denen der Aufbahrungsräume in Beerdigungsinstituten ähnelten. Zwei Badebecken waren leer: Den Boden bedeckte eine Schicht herabgefallener Blätter. Eine Quelle war mit einer stumpfen Plastikplane verhüllt, die wie eine zweite Haut über dem Wasser lag. Schließlich stieg ich die Treppen wieder hinunter und war insgeheim dankbar, dass ich für das Kuren in heißen Quellen noch nicht reif war.
Im Hauptgebäude stieß ich die Glastür auf und ging hinein. Die Eingangshalle machte schon einen einladenderen Eindruck, obwohl auch hier die Atmosphäre eines CVJM-Hotels mit Finanzierungsproblemen vorherrschte. Der schwarzweiß gemusterte Mosaikfußboden war offenbar gerade gewischt worden, denn es hing der Geruch von Putzmitteln in der Luft. Von irgendwoher drangen die hallenden Geräusche eines Schwimmbades, in dem eine Frau mit autoritärer Stimme und deutschem Akzent rief: »Anziehen und ausstrecken! Anziehen und ausstrecken!« Ihre Kommandos begleitete ein Wasserplatschen, das an die Badegewohnheiten eines Walrosses erinnerte.
»Kann ich Ihnen helfen?«
Die Empfangsdame war aus einem kleinen Büro hinter mir gekommen. Sie war groß, grobknochig, eine jener Frauen, die in Konfektionsgeschäften die Abteilung für Vollschlanke frequentieren. Ich schätzte sie auf Ende vierzig. Sie hatte platinblondes Haar, helle Wimpern und einen blassen, reinen Teint. Ihre festen Schnürschuhe erinnerten an das Schuhwerk von Gefängniswärterinnen.
Ich überreichte ihr meine Visitenkarte und stellte mich vor. »Ich suche jemanden, der sich an Jean Timberlake erinnert.«
Sie sah mich unverwandt und ausdruckslos an. »Dann müssen Sie mit meinem Mann, Dr. Dunne, sprechen. Leider ist er nicht im Haus.«
»Wann erwarten Sie ihn zurück?«, wollte ich wissen.
»Das kann ich nicht genau sagen. Lassen Sie mir Ihre Telefonnummer hier, dann bitte ich ihn, Sie anzurufen, sobald er wieder da ist.«
Wir starrten uns an. Ihre Augen hatten das kalte Grau von Wintertagen kurz vor dem Schneefall. »Was ist mit Ihnen?«, fragte ich. »Haben Sie das Mädchen gekannt?«
Schweigen. Dann erwiderte sie vorsichtig: »Ich wusste, wer sie war.«
»So viel ich erfahren habe, hat sie hier gearbeitet, als sie ermordet wurde.«
»Ich glaube nicht, dass wir uns darüber unterhalten sollten...« Sie warf einen Blick auf meine Visitenkarte.«... Miss Millhone.«
»Wo liegt das Problem?«
»Wenn Sie mir Ihre Adresse hinterlassen, bitte ich meinen Mann, sich mit Ihnen in Verbindung zu setzen.«
»Zimmer 22 im Ocean Street Motel in...«
»Ich weiß, wo das ist. Wenn er Zeit hat, ruft er Sie sicher an.«
»Ausgezeichnet. Dann brauchen wir unsere Zeit wenigstens nicht mit richterlichen Vorladungen zu vergeuden.« Ich bluffte natürlich, und sie mochte das erraten haben, doch ich genoss den rötlichen Schein, der ihr in die Wangen stieg. »Falls ich nichts von ihm höre, komme ich wieder«, versprach ich.
Erst als ich wieder am Wagen angelangt war, fiel mir ein, was in dem Prospekt über die Besitzer des Etablissements gestanden hatte. Dr. und Mrs. Joseph Dunne hatten das Hotel in dem Jahr gekauft, als Jean Timberlake gestorben war.