10
Es war kurz nach halb eins, als ich wieder auf die Hauptstraße von Floral Beach einbog und den Wagen vor Pearls Billardsalon parkte. Die Tür stand offen. Die verbrauchte Luft der vergangenen Nacht zog in Schwaden heraus, es roch nach abgestandenem Bier und Zigarettenrauch. Drinnen war es muffig und etwas wärmer als die Seeluft draußen. Ich entdeckte Daisy an der Hintertür, wo sie einen riesigen Müllsack aus Plastik hinaushievte. Sie warf mir einen ausdruckslosen Blick zu, doch ich spürte, dass sie nicht gut auf mich zu sprechen war. Ich setzte mich an die Theke. Um diese Zeit war ich der einzige Gast. Leer machte der Billardsalon einen noch trostloseren Eindruck als am Vorabend. Der Fußboden war gefegt worden, und neben dem Besen an der Wand lag ein Häufchen aus Erdnussschalen und Zigarettenkippen, das Daisy mit der bereitstehenden Schaufel entfernen wollte. Die Hintertür schlug zu, und Daisy kam zurück. Sie wischte sich die Hände an einem Tuch ab, das in ihrem Gürtel steckte und vermied es, mich direkt anzusehen. »Na, was macht die Detektivarbeit?«
»Entschuldigen Sie, dass ich mich gestern nicht vorgestellt habe.«
»Was geht das mich an? Mich interessiert es gar nicht, wer Sie sind.«
»Vielleicht nicht, aber ich war Tap gegenüber nicht ganz offen, und das tut mir Leid.«
»Sie sehen auch ganz zerknirscht aus.«
Ich zuckte mit den Schultern. »Ich weiß, es klingt wie eine lahme Ausrede, aber es stimmt. Sie glauben, dass ich ihn nur ausgequetscht habe, und in gewisser Weise habe ich das auch getan.«
Daisy sagte nichts. Sie stand nur da und starrte mich an. Nach einer Weile fragte sie: »Möchten Sie eine Cola? Ich trinke jetzt eine.«
Ich nickte, beobachtete, wie sie zwei Steinkrüge vom Regal nahm, sie unter den Cola-Automaten unter der Theke hielt und meinen Krug schließlich vor mir auf den Tresen stellte.
»Danke.«
»Man erzählt sich, dass Royce Sie engagiert hat«, begann sie widerstrebend. »Weshalb macht er das?«
»Er hofft, dass ich was finde, das Bailey entlastet... dass die Mordanklage gegen ihn fallen gelassen wird.«
»Nach dem, was heute Morgen passiert ist, sieht’s übel für ihn aus. Weshalb ist Bailey getürmt, wenn er unschuldig ist?«
»Unter Stress neigt man zu unbedachten Handlungen«, entgegnete ich. »Als ich mit ihm im Gefängnis gesprochen habe, wirkte er völlig verzweifelt. Und als Tap dann aufgekreuzt ist, glaubte er vielleicht einen Ausweg aus seiner Lage gefunden zu haben.«
»Der Junge hatte nie einen Funken Grips«, erklärte Daisy verächtlich.
»Scheint so.«
»Was ist mit Royce? Wie geht es ihm?«
»Nicht besonders. Er hat sich hingelegt. Bei Ori sind ‘ne ganze Menge Leute.«
»Mit ihr kann ich nichts anfangen«, gestand Daisy. »Hat man schon was von Bailey gehört?«
»So viel ich weiß, nein.«
Sie machte sich hinter der Bar zu schaffen, ließ heißes Seifenwasser in die eine Abteilung des Spülbeckens und klares Wasser in die andere einlaufen und begann die Bierkrüge vom Vorabend zu säubern. Ihre Bewegungen waren automatisch, wie sie die Krüge spülte und schließlich auf ein Tuch zum Trocknen stellte. »Was wollten Sie eigentlich von Tap?«
»Ich war neugierig, was er über Jean Timberlake sagen würde.«
»Ich habe gehört, wie Sie ihn über die Überfälle ausgefragt haben, die die beiden zusammen ausgeheckt hatten.«
»Es hat mich interessiert, ob seine Version mit der von Bailey übereinstimmt.«
»Und?«
»Mehr oder weniger«, sagte ich. Ich musterte sie aufmerksam bei der Arbeit und fragte mich, weshalb sie sich plötzlich so interessiert zeigte. Ich dachte allerdings gar nicht daran, ihr von jenen zweiundvierzigtausend Dollar zu erzählen, von denen Tap behauptet hatte, sie seien spurlos verschwunden.
»Wer hat Tap letzte Nacht hier angerufen? Haben Sie die Stimme erkannt?«
»Es war ein Mann. Niemand, der mir auf Anhieb bekannt vorgekommen wäre. Vielleicht habe ich schon mal mit ihm geredet, aber das kann ich nicht hundertprozentig sagen. Allerdings war das Gespräch irgendwie komisch«, bemerkte sie. »Glauben Sie, es hatte was mit der Schießerei zu tun?«
»Was sollte es sonst gewesen sein?«
»Hm, das habe ich mir auch schon gedacht. So wie der hier abgedüst ist. Allerdings könnte ich schwören, dass der Anrufer nicht Bailey gewesen ist.«
»Vermutlich nicht«, stimmte ich ihr zu. »Um die Zeit hätte man ihm nie erlaubt, vom Gefängnis aus zu telefonieren. Außerdem hätte er sich unmöglich mit Tap verabreden können. Weshalb ist Ihnen der Anruf merkwürdig vorgekommen?«
»Die Stimme klang so komisch. Sehr sonor. Und der Mann sprach schleppend... wie jemand, der einen Infarkt hinter sich hat.«
»Wie jemand mit einem Sprachfehler?«
»Möglich. Darüber muss ich noch nachdenken. Ich weiß nicht recht, was ich davon halten soll.« Nach einer Pause schüttelte sie den Kopf und wechselte das Thema. »Taps Frau, Joleen, tut mir wirklich Leid. Haben Sie schon mit ihr gesprochen?«
»Noch nicht. Das hole ich irgendwann nach.«
»Vier kleine Kinder. Und das fünfte kann jeden Tag kommen.«
»Schlimme Sache. Wenn er nur einen Funken Vernunft gehabt hätte! Das hätte doch nie und nimmer funktioniert. Die Wachbeamten im Gerichtssaal sind immer bewaffnet. Er hatte überhaupt keine Chance«, fügte ich hinzu.
»Vielleicht haben sie genau darauf spekuliert.«
»Wer?«
»Na der, der Tap angestiftet hat. Ich kannte Tap seit seinem zehnten Lebensjahr. Glauben Sie mir, er war nicht in der Lage, sich so was selbst auszudenken.«
Ich musterte sie interessiert. »Das ist ein Argument«, pflichtete ich ihr bei. Möglicherweise sollte gleichzeitig auch Bailey aus dem Weg geräumt werden. Ich griff in die Tasche meiner Jeans und zog die Liste von Jean Timberlakes Klassenkameraden heraus. »Sind von diesen Jungs noch ‘n paar in der Gegend?«
Daisy nahm die Liste und zog eine Brille aus der Tasche. Dann hielt sie den Zettel auf Armeslänge von sich und studierte die Namen mit leicht in den Nacken gelegtem Kopf. »Der ist tot. Ist ungefähr vor zehn Jahren mit dem Wagen verunglückt. Der da ist, so viel ich weiß, nach Santa Cruz gezogen. Der Rest lebt entweder hier oder in San Luis. Wollen Sie mit allen reden?«
»Wenn’s sein muss, ja.«
»David Poletti ist Zahnarzt. Seine Praxis liegt an der Marsh Street. Mit dem sollten Sie anfangen. Netter Typ. Ich kenne seine Mutter seit Jahren.«
»War er ein Freund von Jean?«
»Das bezweifle ich, aber er weiß vermutlich, wer mit ihr befreundet gewesen ist.«
Wie sich herausstellte, war David Poletti ein Kinder-Zahnarzt, der mittwochnachmittags in seiner Praxis Papierkram erledigte. Ich wartete kurz in einem pastellfarben eingerichteten Wartezimmer mit Kindermöbeln und Kinderzeitschriften aller Art. In dem Heft »Young Miss« interessierte mich besonders ein Artikel unter der Überschrift »Da wurde ich rot«, in dem junge Mädchen ausschweifend von peinlichen Situationen berichteten... und dabei kamen meist Dinge zur Sprache, die ich vor noch gar nicht so langer Zeit selbst getan hatte. Ein volles Glas Coca-Cola von der Balkonbrüstung zu stoßen, gehörte auch dazu. Die Leute unten kreischten wie verrückt.
Dr. Poletti hatte drei Sprechstundenhilfen, allesamt junge Frauen Mitte zwanzig, Alice-im-Wunderland-Typen mit großen Augen, liebenswertem Lächeln und langem, glattem Haar, die einem nichts als heile Welt vorgaukelten. Aus den Wänden drang sanfte Musik wie Lachgas. Als man mich schließlich in das Sprechzimmer bat, wäre ich sogar bereit gewesen, mich in einen Behandlungsstuhl zu setzen und mir die Arme festbinden zu lassen.
Dr. Poletti trug einen weißen Arztkittel mit einem Blutfleck an der Brust. Er entdeckte ihn im selben Augenblick wie ich, zog den Kittel sofort aus und warf ihn mit einem sanft entschuldigenden Lächeln über einen Stuhl. Darunter trug er Oberhemd und Pullunder. Er bat mich, Platz zu nehmen, während er nach einem sportlichen, braunen Tweedjackett griff und die Hemdmanschetten zurechtrückte. Poletti war ungefähr fünfunddreißig, groß und hatte ein schmales Gesicht. Sein dichtes, lockiges Haar begann an den Schläfen bereits grau zu werden. Aus den Jahrbüchern wusste ich, dass er zur Basketballmannschaft der Highschool gehört hatte, und ich konnte mir gut vorstellen, wie er in der Cafeteria von den Mädchen umschwärmt worden war. Er sah nicht unbedingt blendend aus, wirkte jedoch sehr anziehend und hatte ein sanftes Wesen, das auf Frauen und Kinder wirkte. Seine Augen waren schmal, in den Winkeln leicht nach unten gezogen und bernsteinbraun. Er trug eine Brille mit Stahlgestell.
Poletti setzte sich hinter den Schreibtisch, auf dem für jeden sichtbar ein Fotoporträt seiner Frau und zweier Jungen stand. Vermutlich sollte dieses Bild potenzielle Illusionen seiner Angestellten bezüglich seiner Verfügbarkeit im Keim ersticken. »Twana sagt, dass Sie einige Fragen wegen einer ehemaligen Schulkameradin an mich haben. In Anbetracht der jüngsten Ereignisse nehme ich an, dass es sich dabei um Jean Timberlake handelt.«
»Wie gut haben Sie sie gekannt?«
»Nicht sehr gut. Natürlich wusste ich, wer sie ist, aber wir hatten nie gemeinsam Unterricht.« Er griff nach dem Gipsabdruck eines Gebisses auf seinem Schreibtisch und räusperte sich. »Welcher Art sind die Informationen, für die Sie sich interessieren?«
»Ich nehme, was ich kriegen kann. Bailey Fowlers Vater hat mich engagiert, um neue Beweise zu finden. Ich habe mir vorgenommen, bei Jean anzufangen und dann weiterzusehen.«
»Und weshalb sind Sie da zu mir gekommen?«
Ich erzählte ihm von meinem Gespräch mit Daisy und ihrer Vermutung, er könne mir vielleicht behilflich sein. Sein anfängliches Misstrauen schien zu schwinden, obwohl ein letzter Rest vorsichtiger Zurückhaltung blieb. Spielerisch steckte er den Finger in das Gebiss und tastete über die oberen Schneidezähne. Hätte ich mit der Faust auf das Gebiss geschlagen, hätte es ihm den Finger glatt abgebissen. Der Gedanke machte es mir schwer, mich auf das zu konzentrieren, was er sagte. »Seit Bailey Fowlers Verhaftung habe ich oft über den Mord von damals nachgedacht. Schreckliche Geschichte. Einfach schrecklich.«
»Sind Sie zufällig bei der Gruppe von Jugendlichen gewesen, die sie gefunden hat?«
»Nein, nein. Ich bin katholisch. Die Gruppe am Strand kam von der Baptistengemeinde.«
»Von der in Floral Beach?«
Er nickte, und ich dachte unwillkürlich an Reverend Haws. »Wie ich gehört habe, war Jean im Umgang mit Jungs ziemlich freizügig«, bemerkte ich.
»Den Ruf hatte sie. Einige meiner Patientinnen sind Mädchen in ihrem Alter. Vierzehn, fünfzehn. Sie kommen mir so unreif vor. Ich kann sie mir sexuell aktiv gar nicht vorstellen. Und trotzdem bin ich sicher, dass einige bereits ihre Erfahrungen haben.«
»Ich habe Fotos von Jean gesehen. Sie war ein schönes Mädchen.«
»Das hat ihr kein Glück gebracht. Sie war ganz anders als wir. Einerseits zu abgebrüht für ihr Alter und andererseits auch wieder zu naiv. Ich glaube, sie hoffte, sich durch ihre Großzügigkeit in dieser Beziehung Freunde zu machen, und deshalb hat sie sich so verhalten, ‘ne Menge Jungs haben sie ausgenutzt.« Er räusperte sich. »Verzeihen Sie.« Er schenkte sich ein halbes Glas Wasser aus der Thermosflasche ein, die auf seinem Schreibtisch stand. »Möchten Sie auch einen Schluck Wasser?«
Ich schüttelte den Kopf. »Denken Sie da an jemanden speziell?«
»Wie bitte?«
»Ich frage mich, ob sie sich vielleicht mit jemandem eingelassen hat, den Sie kannten?«
Er sah mich ausdruckslos an. »Nicht, dass ich wüsste.«
Ich spürte, wie mein innerer Lügendetektor ausschlug. »Was ist mit Ihnen selbst?«
Er lachte verwirrt. »Mit mir?«
»Ja. Sind Sie vielleicht näher mit ihr befreundet gewesen?« Ich sah, wie er blass wurde, und fügte aufs Geratewohl hinzu: »Ehrlich gesagt hat jemand behauptet, Sie seien eine Zeit lang mit ihr gegangen. Ich erinnere mich nicht mehr, wer das war, aber es muss jemand gewesen sein, der Sie beide gekannt hat.«
Poletti zuckte mit den Schultern. »Vielleicht. Aber nur kurz. Sie ist nie meine richtige Freundin gewesen.«
»Aber Sie waren intim mit ihr.«
»Mit Jean?«
»Dr. Poletti, sparen wir uns das Geplänkel. Sagen Sie mir, in welcher Beziehung Sie zu Jean standen. Wir reden über Dinge, die siebzehn Jahre her sind.«
Er schwieg einen Moment, spielte mit dem Gipsabdruck und konzentrierte sich darauf, einen Fussel davon zu entfernen. »Worüber wir jetzt auch reden, ich möchte nicht, dass das bekannt wird.«
»Ich betrachte dieses Gespräch als strikt vertraulich.«
Er rutschte auf seinem Stuhl hin und her. »Ich glaube, ich habe es immer bereut, mich mit ihr eingelassen zu haben... wie auch immer. Jetzt schäme ich mich deshalb, denn ich hätte es besser wissen müssen. Ob sie’s wusste, möchte ich bezweifeln.«
»Wir tun alle mal Dinge, die wir später bereuen«, bemerkte ich. »Das gehört zum Erwachsenwerden. Was macht das nach all den Jahren schon für einen Unterschied?«
»Ich weiß nicht. Sie haben Recht. Merkwürdig, dass es mir so schwer fällt, darüber zu sprechen.«
»Lassen Sie sich Zeit.«
»Ich bin mit ihr gegangen. Ungefähr einen Monat lang. Oder kürzer. Ich kann nicht gerade behaupten, dass meine Absichten ehrenhaft waren. Ich war siebzehn. Sie wissen, wie Jungen in dem Alter sind. Kaum hatten wir erfahren, dass Jean leicht zu haben war, waren wir alle wie besessen. Sie machte Sachen, die wir bis dahin nicht mal vom Hörensagen kannten. Wir lauerten wie ein Rudel Wölfe auf die Gelegenheit, bei ihr zum Zuge zu kommen. Alle redeten nur von dem einen: wie wir ihr an die Wäsche kommen wollten, wie wir sie dazu kriegen konnten, uns an die Wäsche zu gehen. Ich schätze, ich war um keinen Deut besser als die anderen Jungen.« Er lächelte flüchtig und verlegen.
»Erzählen Sie weiter.«
»Einige von uns haben sich nicht mal die Mühe gemacht, zuerst um sie zu werben. Sie haben sie einfach nur abgeholt und sind mit ihr zum Strand gefahren. Sie sind erst gar nicht in ein Lokal mit ihr gegangen.«
»Aber Sie haben das getan.«
Er senkte den Blick. »Ich bin ein paar Mal mit ihr ausgegangen. Sie war irgendwie Mitleid erregend... und jagte einem doch Angst ein. Sie war intelligent, aber sie war verzweifelt darauf aus, Liebe zu erwecken. Das schüchterte uns ein, sodass man hinterher bei den anderen Jungen über sie herzog.«
»Was Sie auch getan haben«, ergänzte ich.
»Richtig. Ich kann noch immer nicht an sie denken, ohne mich elend zu fühlen. Und seltsamerweise erinnere ich mich noch genau an die Dinge, die sie getan hat.« Er hielt einen Moment inne und zog die Augenbrauen hoch. Dann schüttelte er den Kopf und atmete tief aus. »Sie war wirklich ein wildes Mädchen... unersättlich... aber Lust am Sex war nicht der Grund dafür. Es war... ich weiß nicht... vielleicht Selbstverachtung oder der Drang, andere zu beherrschen. Wir waren ihr ausgeliefert, weil wir sie so sehr wollten. Und aus Rache haben wir ihr vermutlich nie das gegeben, wonach sie sich gesehnt hat... nämlich ganz einfach und altmodischerweise Selbstachtung.«
»Und was war ihre...?«
»...Rache, meinen Sie? Keine Ahnung. Uns geil zu machen. Uns ständig daran zu erinnern, dass nur sie uns geben konnte, was wir wollten, dass wir nie genug von ihr kriegen oder je in unserem Leben wieder eine wie sie bekommen konnten. Sie brauchte unsere Bewunderung, einen Jungen, der nett zu ihr war. Alles, was wir je gewagt haben, war, hinter ihrem Rücken über sie zu reden... und das muss sie gewusst haben.«
»War sie in Sie verliebt?«
»Vermutlich. Allerdings kaum für lange.«
»Es würde mir schon helfen, wenn Sie mir sagen könnten, wer sonst noch was mit ihr hatte.«
Er schüttelte den Kopf. »Das kann ich nicht. Ich verpfeife niemanden. Schließlich bin ich mit ein paar dieser Jungen noch immer befreundet.«
»Wie wär’s, wenn ich Ihnen einfach ein paar Namen auf dieser Liste vorlese?«
»Nein, das will ich nicht. Ehrlich nicht. Was meine Person betrifft, ist das was anderes. Aber ich will da niemanden mit hineinziehen. Es verbindet uns da was Merkwürdiges... etwas, worüber wir nicht reden. Eines kann ich Ihnen sagen... wenn ihr Name fällt, spricht keiner ein Wort, aber wir denken alle dasselbe.«
»Was ist mit Burschen, mit denen Sie nicht befreundet waren?«
»Wie meinen Sie das?«
»Zum Zeitpunkt des Mordes hatte sie offenbar eine Affäre und war schwanger.«
»Keine Ahnung.«
»Haben Sie keinen Verdacht? Bestimmt ist darüber geredet worden.«
»Nicht dass ich wüsste.«
»Könnten Sie sich nicht umhören? Jemand muss davon gewusst haben.«
»Ich würde ja gern helfen, aber vermutlich habe ich schon mehr gesagt, als gut ist.«
»Was ist mit den Mädchen aus Ihrer Klasse? Jemand muss damals informiert gewesen sein.«
Er räusperte sich erneut. »Tja... Vielleicht weiß Barb was. Ich kann sie ja mal fragen.«
»Welche Barbara?«
»Meine Frau. Wir waren in derselben Klasse.«
Ich warf einen Blick auf das Foto auf seinem Schreibtisch und erinnerte mich. »Die Ballkönigin?«
»Woher wissen Sie denn das?«
»Ich habe ihre Fotos im Jahrbuch gesehen. Würden Sie sie bitte fragen, ob sie uns helfen kann?«
»Ich bezweifle es zwar, aber ich will’s versuchen.«
»Das wäre großartig. Sie soll mich bitte anrufen. Falls sie nichts weiß, hat sie ja vielleicht eine Idee, an wen ich mich noch wenden könnte.«
»Ich möchte nicht, dass herauskommt...«
»Ich verstehe«, versicherte ich ihm.
Ich gab ihm meine Visitenkarte. Auf die Rückseite hatte ich meine Telefonnummer im Ocean Street Motel geschrieben. In leicht optimistischer Stimmung verließ ich die Praxis. Trotzdem beunruhigte mich der Gedanke, dass erwachsene Männer noch immer von der Erinnerung an die Sexualität einer Siebzehnjährigen geplagt wurden, die sowohl bemitleidenswert als auch pervers gewesen zu sein schien. Irgendwie fühlte ich mich nach dem Einblick, den Dr. Poletti mir in seine Vergangenheit gegeben hatte, wie ein Voyeur.