16

Die Geschäftsadresse, die Clemson mir aufgeschrieben hatte, führte mich zu einer riesigen Apotheke in einem Ärztehaus, etwa einen halben Block von der Higuera Street entfernt. Der Gebäudekomplex erinnerte mich an die Zellentrakte einer kalifornischen Mönchsmission, die ich einmal besichtigt hatte: dicke Mauern aus luftgetrockneten Ziegeln, mit künstlich eingebauten Rissen im Mauerwerk, eine Arkade mit einundzwanzig Rundbögen und einer roten Ziegelüberdachung und ein aquäduktartiges Gebilde in der Parkanlage. Auf dem Dachgesims vollführten Tauben ihre Liebesspiele.

Überraschenderweise lagen in der Apotheke weder Wasserbälle noch Gartenmöbel, Kinderkleidung oder Motoröl zum Verkauf aus. Links vom Eingang waren Ständer aufgebaut mit Utensilien für die Zahnpflege, Hygieneprodukten für die Frau, Wärmflaschen und Heizkissen, Hühneraugenpflaster und Stützkorsagen. Ich betrachtete die Cremetuben und Pillengläser, während die Apothekenhelferin mit einer Kundin über die Wirksamkeit von Vitamin-E-Präparaten bei fliegender Hitze diskutierte. Es roch leicht nach Chemieprodukten, ein Geruch, der mich an die klebrige Beschichtung von frischen Polaroidfotos erinnerte. Der Mann, den ich für John Clemson hielt, stand in weißem Mantel über eine Arbeit gebeugt hinter einer schulterhohen Trennscheibe. Er blickte nicht zu mir herüber, doch sobald die Kundin gegangen war, sagte er flüsternd etwas zu der Helferin, die sich mir zuwandte.

»Miss Millhone?«, erkundigte sie sich. Sie hatte Hosen und eine gelbe Nylonkittelschürze mit aufgesetzten Taschen an, eines jener praktischen Kleidungsstücke, in denen auch Kellnerinnen und Au-pair-Mädchen herumliefen.

»Ja.«

»Bitte kommen Sie hier entlang. Wir haben heute Morgen zwar schrecklich viel zu tun, aber John ist gern bereit, mit Ihnen zu sprechen, wenn er dabei Weiterarbeiten kann. Einverstanden?«

»Selbstverständlich. Danke.«

Sie ließ mich unter einer Klappe in der Ladentheke hindurch. Auf dieser Seite standen mehrere Geräte, zwei Bildschirme, eine Schreibmaschine, ein Drucker, ein Mikrofilmlesegerät, ein Handgerät zum Aufkleben von Preisschildern. In den Fächern unter der Ladentheke waren leere Pillenröhrchen aus Plastik zu sehen, Rollen mit Blankoetiketten und beschrifteten Aufklebern. Rechts an der Wand in Regalen vom Boden bis zur Decke das Medikamentenlager mit Antibiotika, Tropfen, Salben und Pillen, alles in alphabetischer Reihenfolge. In meiner Reichweite die gebräuchlichsten Heilmittel gegen so alltägliche Leiden wie Depressionen, Schmerzen aller Art, Schwächeanfälle, Lustlosigkeit, Schlaflosigkeit, Erregbarkeit und Anfälle von Gewissensbissen. Nach der schlaflosen Nacht, die ich hinter mir hatte, hätte ich ein Aufputschmittel brauchen können, doch Betteln lag mir nicht.

Eigentlich hatte ich erwartet, dass John Clemson wie sein Vater aussehen würde, doch eine Ähnlichkeit war kaum festzustellen. John Clemson war groß und schlank und hatte dichtes, schwarzes Haar. Ich sah sein Gesicht im Profil, es war schmal und scharf geschnitten, mit eingefallenen Wangen unter hohen Backenknochen. Obwohl er ungefähr mein Alter haben musste, wirkte er ausgemergelt und verbraucht, so als sei er krank oder habe Kummer. Er vermied es, mich anzusehen, und konzentrierte sich stur auf die Arbeit. Mit Hilfe eines Spachtels füllte er auf einem Zählbrett Pillen in Röhrchen, die er mit einem Deckel mit Kindersicherung verschloss. Dann wurde das Medikament etikettiert und beiseite gestellt, und die Prozedur begann von neuem, wobei Clemson dieselbe routinierte Geschicklichkeit an den Tag legte wie ein Croupier in Las Vegas. Schmale Handgelenke, lange, schlanke Finger. Ich fragte mich, ob seine Hände wohl nach Desinfektionsmittel rochen.

»Entschuldigen Sie, dass ich weitermachen muss«, begann er ruhig. »Wie kann ich Ihnen helfen?« Sein Ton klang unterschwellig spöttisch, so als amüsiere ihn etwas, das mir mitzuteilen er noch nicht entschlossen war.

»Ich nehme an, dass Ihr Vater Sie angerufen hat. Was hat er Ihnen gesagt?«

»Dass Sie auf seine Veranlassung hin im Mordfall Jean Timberlake ermitteln. Ich weiß natürlich, dass er Bailey Fowlers Anwalt ist. Aber ich weiß offen gestanden nicht, weshalb Sie zu mir kommen.«

»Erinnern Sie sich an Jean?«

»Ja.«

Eigentlich hatte ich auf eine informativere Antwort gehofft. »Erzählen Sie mir von Ihrer Beziehung zu Jean.«

Seine Mundwinkel zuckten. »Über meine Beziehung?«

»Man hat mir erzählt, dass sie häufig in der Baptistenkirche aufgetaucht ist. So viel ich weiß, waren Sie mit ihr zusammen in einer Klasse, und Sie haben damals die kirchliche Jugendgruppe geleitet. Ich dachte, dass Sie beide sich möglicherweise angefreundet hätten.«

»Jean hatte keine Freunde. Sie machte Eroberungen.«

»Sind Sie eine Ihrer Eroberungen gewesen?«

Er lächelte gedankenverloren. »Nein.«

Was war daran so witzig, verdammt noch mal? »Aber Sie erinnern sich, dass sie häufig in die Kirche gekommen ist?«

»O ja, aber sie hat sich nicht für mich interessiert. Ich wünschte, es wäre so gewesen. Sie war sehr wählerisch.«

»Und was bitte soll das heißen?«

»Das soll heißen, dass sie sich mit jemandem wie mir nie abgegeben hätte.«

»Wirklich nicht? Und weshalb nicht?«

Clemson wandte mir sein Gesicht zu. Die gesamte rechte Gesichtshälfte war schrecklich entstellt. Ein Auge fehlte, die Höhle war durch silbrig glänzendes, rosarotes Narbengewebe verschlossen, das vom Kinn bis unter den Haaransatz reichte. Das gesunde Auge war groß und dunkel und blickte mich durchaus selbstbewusst an. Durch das fehlende Auge entstand der Eindruck, als blinzele er ständig. Und dann sah ich, dass auch sein rechter Arm tiefe Narben aufwies.

»Wie ist das passiert?«, fragte ich.

»Ein Autounfall. Ich war damals zehn. Der Tank ist explodiert. Meine Mutter ist dabei ums Leben gekommen, und ich sehe seither so aus. Mittlerweile ist es schon besser. Ich bin zweimal operiert worden. Damals allerdings ist die Kirche im wahrsten Sinne des Wortes meine Rettung gewesen. Mit zwölf bin ich getauft worden und habe mein Leben Jesus verschrieben. Wer sonst hätte mich schon haben wollen? Jean Timberlake sicher nicht.«

»Und haben Sie sich für sie interessiert?«

»Selbstverständlich. Ich war siebzehn und dazu verdammt, ein Leben lang allein zu bleiben. Mein Pech. Wer gut aussah hatte Chancen bei ihr, weil sie selbst so schön war. Als nächste Kriterien rangierten Geld, Einfluss... und natürlich Sex. Ich habe ständig an sie gedacht. Sie war so verdammt käuflich.«

»Aber nicht für Sie?«

Er wandte sich erneut seiner Arbeit zu und zählte Pillen ab. »Leider nein.«

»Für wen denn?«

Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem fast schwärmerischen Lächeln. »Tja, da gilt es zu überlegen. Wie viel Schmutz soll ich aufwirbeln?«

Ich zuckte die Achseln und beobachtete ihn aufmerksam. »Sagen Sie mir doch einfach die Wahrheit. Was könnten Sie sonst schon tun?«

»Ich könnte den Mund halten. Und das habe ich bis heute getan.«

»Vielleicht ist es Zeit, endlich reinen Tisch zu machen«, gab ich zu bedenken.

Er schwieg einen Moment.

»Mit wem hat Jean was gehabt?«

Schließlich verschwand sein Lächeln. »Mit dem ehrwürdigen Reverend Haws höchstpersönlich. Ein feiner Freund war das! Er wusste, dass ich ganz verrückt nach ihr war, und hat mir Vorträge über Enthaltsamkeit und Selbstbeherrschung gehalten. Was er mit ihr getrieben hat, hat er mit keinem Wort erwähnt.«

Ich starrte ihn an. »Sind Sie sicher?«

»Sie hat für die Kirche gearbeitet, in den Räumen der Sonntagsschule geputzt. Mittwochnachmittags um vier Uhr vor der Kirchenchorprobe hat er sich dann die Hosen bis zu den Knien runtergelassen, sich rücklings auf seinen Schreibtisch gelegt und sich von ihr bearbeiten lassen. Ich habe von der Sakristei aus zugesehen... Mrs. Haws, unsere liebe June, leidet ungefähr seit dieser Zeit unter einem besonderen Hautausschlag, gegen den die Mediziner machtlos sind. Ich weiß das, denn sämtliche Rezepte gehen durch meine Hand, eines nach dem anderen. Amüsante Geschichte, finden Sie nicht?«

Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. Das Bild, das er beschrieb, war einprägsam, sein Ton kühl und geschäftsmäßig.

»Wer außer Ihnen weiß sonst noch davon?«

»Soviel mir bekannt ist, niemand.«

»Sie haben damals mit niemandem darüber gesprochen?«

»Es hat mich niemand danach gefragt. Außerdem bin ich dann aus der Kirche ausgetreten. Ich hatte begriffen, dass ich den Trost, den ich suchte, dort nicht finden würde.«

Die Bezirksverwaltung von San Luis Obispo war in einem Anbau des Justizgebäudes in der Monterey Street untergebracht. Kaum zu glauben, dass wir uns erst gestern dort zu der Anklageerhebung versammelt hatten. Ich fand einen Parkplatz auf der gegenüberliegenden Straßenseite, warf eine Münze in die Parkuhr und ging dann an dem großen Mammutbaum vorbei zum Eingang des Nebengebäudes. Der Korridor war mit grauem, dunkelgeädertem Marmor ausgekleidet. Die Registratur lag im ersten Stock. Mit Hilfe von Jean Timberlakes vollem Namen und ihrem Geburtsdatum, das ich mir aus ihrer Schulakte herausgeschrieben hatte, fand ich die Nummer, unter der ihre Geburtsurkunde verzeichnet war. Der Standesbeamte suchte mir das Original heraus und stellte mir für elf Dollar eine beglaubigte Kopie aus. Auf die Beglaubigung legte ich keinen Wert. Viel interessanter waren die Informationen in dem Dokument. Etta Jean Timberlake war um 2 Uhr 26 am 3. Juni 1949 geboren worden, sie wog 3100 Gramm und war 57 cm lang. Die Mutter war als fünfzehnjährige, erstgebärende, gesunde Frau ohne Beschäftigung verzeichnet, der Vater als »unbekannt«. Der Geburtshelfer war Joseph Dunne.

Ich fand eine Telefonzelle und suchte die Nummer seiner Praxis heraus. Das Rufzeichen ertönte viermal, bevor sich der telefonische Auftragsdienst einschaltete. Eine Frauenstimme erklärte, dass Dr. Dunne donnerstags keine Sprechstunde habe und erst am Montag ab zehn Uhr wieder in seiner Praxis sei. »Wissen Sie, wo ich ihn jetzt erreichen kann?«

»Dr. Corsell vertritt ihn. Hinterlassen Sie Namen und Telefonnummer, dann werde ich ihn bitten, zurückzurufen.«

»Ist Dr. Dunne vielleicht im Hot Springs Hotel zu erreichen?«

»Sind Sie eine Patientin?«

Ich legte den Hörer auf und verließ die Telefonzelle. Da ich nun schon einmal in San Luis war, überlegte ich, ob ich Royce im Krankenhaus besuchen sollte. Ann hatte mir gesagt, dass er mich sprechen wolle, doch im Augenblick hatte ich keine Lust dazu. Auf einer Nebenstraße, die sich in vielen Kurven an Villengrundstücken hinter hohen Mauern und Neubausiedlungen vorbeiwand, fuhr ich zurück nach Floral Beach.

Auf dem Parkplatz des Badehotels standen nur wenige Autos. Anscheinend gingen die Geschäfte nicht besonders gut. Ich stellte meinen Käfer in der Nähe des Eingangs ab. Auch diesmal fiel mir wieder auf, wie feucht und gruftig es hier war. Der Schwefelgestank erzeugte Vorstellungen von Fäulnis und Verwesung.

Eine breite Treppe führte zum Haupteingang und einer umlaufenden Veranda hinauf. Die Veranda mit einer Reihe von Liegestühlen wirkte wie ein Schiffsdeck. Das Parkgelände fiel hinter einer Gruppe von Eichen sanft bergab, lief nach hundert Metern eben aus und endete an der Straße. Links in einem Wiesengelände entdeckte ich im Sonnenlicht einen verlassenen Swimmingpool. In dem einzigen anderen sonnenbeschienenen Teil des Geländes lagen zwei Tennisplätze. Der Zaun war von hohen Büschen verdeckt, doch das hohle rhythmische Ballgeräusch ließ darauf schließen, dass zumindest ein Platz belegt war.

Ich stieß die Mahagonieingangstür auf. Die Hotelhalle mit umlaufenden Holzbalustraden und zwei Deckenfenstern war hell und großzügig geschnitten. Der untere Teil wurde gerade renoviert. Die Teppiche waren mit langen Bahnen von grauem, farbbekleckstem Segeltuch abgedeckt. An den Wänden standen Gerüste, vermutlich sollte die Holztäfelung abgeschliffen und frisch lasiert werden. Zumindest übertönte hier der Lackgeruch den beißenden Schwefelgestank der Mineralquellen, die wie ein Hexenkessel unter dem Anwesen brodelten.

Die Rezeptionstheke nahm die gesamte Breite der Halle ein, doch es war niemand zu sehen, weder ein Empfangschef noch ein Handwerker. Die Stille war so unheimlich, dass ich unwillkürlich zur Galerie in den zweiten Stock hinaufsah, aber auch da war niemand. An beiden Seiten der Halle führten breite, teppichbelegte Korridore ins dunkle Innere des Hotels. Ich drehte mich langsam um hundertachtzig Grad und ließ meine Blicke schweifen. Zeit herumzuschnüffeln, dachte ich.

Ich schlenderte nach rechts auf den Korridor zu. Der dicke Teppich verschluckte das Geräusch meiner Schritte. Ungefähr auf halbem Weg führte eine Glastür in einen halbrunden Speisesaal mit Eichentischen und lederbezogenen Stühlen. Ich ging zu den hohen Erkerfenstern am Ende des Speisesaals. Durch das geriffelte Glas sah ich unscharf, wie die Tennisspieler den Platz verließen und auf mich zukamen.

Links von mir befand sich eine Flügeltür aus massivem Holz. Ich schlich auf Zehenspitzen darauf zu und blickte in die Hotelküche. Das milchige Licht von den Küchenfenstern warf seinen grauen Schein über endlose Nirostaflächen. Überall Stahl, Chrom, altes Linoleum. In offenen Regalen war schweres, weißes Steingut gestapelt. Der Raum hätte ins Museum gepasst; Titel: »Die wiederaufgelegte Moderne oder Die Küche der Zukunft. Um 1966.« Ich machte kehrt und ging durch den Korridor zurück. Plötzlich Stimmengemurmel.

Blitzschnell huschte ich hinter die offene Speisesaaltür und presste mich mit dem Rücken flach gegen die Mauer. Durch den Spalt zwischen Tür und Türpfosten entdeckte ich Mrs. Dunne im Tennisdress mit dem Schläger unter dem Arm. Sie hatte Beine, so wohlgeformt wie dorische Säulen, in die der Rand des Slips, der unvorteilhafterweise unter ihrem kurzen Tennisröckchen hervorschaute, einschnitt. An einer Wade wand sich eine Krampfader wie eine Weinranke. Nicht eine Strähne ihres platinblonden Haares hatte sich gelöst. Ich vermutete, dass ihr Begleiter Dr. Dunne war. Im nächsten Augenblick waren die beiden verschwunden. Ihre Stimmen entfernten sich. Von Dr. Dunne hatte ich nur lockiges, weißes Haar, rosarote Haut und die korpulente Statur gesehen.

Ich trat aus meinem Versteck hervor und kehrte in die Hotelhalle zurück. Am Empfang saß jetzt eine Dame im orangeroten Hotelblazer. Sie blickte mir flüchtig entgegen, als sie mich kommen sah, doch sie war offenbar zu gut geschult und in den Tugenden einer Empfangsdame bewandert, als dass sie sich die Frage erlaubt hätte, wo ich denn gewesen war.

»Ich habe mich ein bisschen umgesehen«, sagte ich. »Ich möchte hier vielleicht ein Zimmer mieten.«

»Das Hotel ist für drei Monate wegen Renovierung geschlossen. Wir machen erst am ersten April wieder auf.«

»Haben Sie einen Prospekt?«

»Sicher.« Sie griff automatisch unter die Theke und zog einen Faltprospekt hervor. Sie war über dreißig, vermutlich Absolventin einer Hotelfachschule, und fragte sich bestimmt, weshalb sie alles, was sie gelernt hatte, an ein Hotel verschwendete, in dem es wie auf der Müllkippe stank. Ich warf einen Blick auf die Broschüre, die sie mir gegeben hatte. Es war dieselbe, die in meinem Motel auslag.

»Ist Dr. Dunne hier? Ich würde gern mal mit ihm sprechen.«

»Er ist gerade vom Tennisplatz gekommen. Sie müssen ihm im Korridor begegnet sein.«

Ich schüttelte verdutzt den Kopf. »Nein, ich habe niemanden gesehen.«

»Augenblick bitte. Ich rufe ihn an.«

Sie hob den Hörer eines Haustelefons und wandte mir den Rücken zu, sodass ich ihre Lippenbewegungen nicht deuten konnte, während sie mit leiser Stimme mit der Person am anderen Ende sprach. Dann legte sie wieder auf. »Mrs. Dunne wird jeden Moment hier sein.«

»Großartig. Ist hier vielleicht irgendwo eine Toilette?«

Sie deutete auf den Gang links vom Empfang. »Die zweite Tür rechts.«

»Ich bin gleich wieder da.«

Ich hatte natürlich geflunkert. Sobald ich außer Sichtweite war, lief ich den Korridor entlang bis zum anderen Ende, wo er auf einen Quergang traf, der zu den Büros der Hotelverwaltung führte. Alle Büros rechts und links des Korridors waren leer. Bis auf eines. Ein hübsches Messingschild besagte, dass es sich um Dr. Dunnes Arbeitszimmer handelte. Ich ging hinein. Auf dem Stuhl lag ein Häufchen durchgeschwitzte Tenniskleidung, und ich hörte hinter einer Tür mit der Aufschrift »Privat« Duschwasser rauschen. Ich nahm mir die Freiheit, einmal um seinen Schreibtisch herumzugehen, während ich auf ihn wartete, und ließ meine Finger durch seine Papiere gleiten, fand aber nichts, das mich interessiert hätte. Ein Pharma-Vertreter war offenbar da gewesen und hatte Gratisproben eines Medikaments gegen Magen- und Darmgeschwüre und entsprechende Merkblätter dagelassen. Ein glänzendes Farbfoto auf der Broschüre zeigte ein Zwölffingerdarmgeschwür von der Größe des Planeten Jupiter.

Die Aktenschränke waren verschlossen. Ich hatte gehofft, seine Schreibtischschubladen ein wenig durchforschen zu können, doch ich wollte mein Glück nicht überziehen. Manche Leute flippen völlig aus, wenn jemand bei ihnen herumschnüffelt. Ich horchte. Das Wasser rauschte nicht mehr. Gut. Der Doktor und ich würden jetzt ein Schwätzchen halten.