23
Auf dem Hotelparkplatz standen nur zwei Lieferwagen. Der eine gehörte einer Swimmingpool-Firma, der andere war ein hochbordiger Pritschenwagen, auf dem Gartengeräte lagen. Von fern hörte ich das durchdringende Motorengeräusch einer Holzsäge und schloss daraus, dass irgendwo auf dem Grundstück Unterholz und Buschwerk ausgesägt wurden.
In der Rezeption war niemand zu sehen. Vielleicht nahmen alle an Taps Beerdigung teil. Ich warf einen Blick auf die Informationstafel. Freitags fanden offenbar weder Anwendungen noch Behandlungen oder Kurse statt. Da ich schon einmal hier war, ließ ich mir die Gelegenheit nicht entgehen, ein bisschen herumzuschnüffeln, aber ich muss zugeben, dass mich die Aussicht, womöglich mit Elva Dunne zusammenzutreffen, etwas schreckte.
Vorsichtig spähte ich um die Ecke in den Korridor. Auch dort war niemand zu sehen. Lautlos schlich ich zurück hinter den Empfangstresen. Auf dem Tresen entdeckte ich einen Lageplan des Hotelgeländes. Verschlungene Linien markierten die Verbindungswege zwischen den einzelnen Thermalquellen. Ich fuhr mit dem Finger eine der Linien entlang, vorbei an »Peace«, »Serenity«, »Tranquility« und »Composure«; letztere musste wohl ein besonders einschläferndes Eckchen sein. »Sanctuary« war ein kleiner Pool für zwei Personen am Rande des Geländes. Nach dem Terminbuch, das neben dem Plan lag, war das »Sanctuary« am Mittwochnachmittag nicht besetzt gewesen. Ich blätterte eine Woche zurück. Wieder nichts. Vermutlich hatte Shanas Verabredung um zwei Uhr nachts und nicht um zwei Uhr nachmittags stattgefunden und war nirgends offiziell eingetragen. Ich durchstöberte die Schubladen, ohne Ergebnis. In einem Pappkarton auf dem Tresen mit der Aufschrift »Fundsachen« fand ich ein silbernes Armband, eine Plastikhaarbürste, Autoschlüssel und einen Füllfederhalter. Ich sah mir gerade die Wandfächer zu meiner Linken genauer an, als es mich wie ein Blitz durchzuckte. In der Schachtel mit den Fundsachen lag ein Autoschlüsselring mit einem großen metallenen T.: Shanas.
Im Korridor hörte ich Schritte. Hastig lief ich auf Zehenspitzen hinter dem Tresen hervor, riss die Tür auf, wirbelte herum und schien gerade in dem Augenblick das Gebäude zu betreten, als Elva und Joe Dunne um die Ecke kamen. Bei meinem Anblick erstarrte Elva. Ich zog die Postkarte aus meiner Handtasche; Dr. Dunne schien sie sofort zu erkennen. Begütigend tätschelte er Elvas Arm und flüsterte ihr etwas zu, vermutlich dass er sich meiner annehmen würde. Elva verschwand in dem kleinen Büro hinter der Rezeption. Dr. Dunne packte mich am Ellbogen und schob mich ins Freie. In diese Richtung hatte ich eigentlich nicht gewollt.
»Das war keine gute Idee«, flüsterte er an meinem linken Ohr. Er hatte mich fest im Griff und drängte mich auf den Parkplatz.
»Ich dachte, Sie wären freitags immer in der Klinik in Los Angeles?«
»Ich musste mir den Mund fusselig reden, um Mrs. Dunne davon abzubringen, Sie wegen Körperverletzung anzuzeigen«, sagte er ohne jeden Bezug. Oder war das vielleicht als Drohung gedacht?
»Oh, sorgen Sie lieber dafür, dass sie’s bald tut, solange die Wunden auf meinen Handknöcheln noch nicht verheilt sind«, entgegnete ich. »Und wenn schon Polizei, dann sollen die sich auch gleich das hier mal ansehen.« Ich schob den Ärmel meines T-Shirts hoch, damit er die regenbogenfarbenen Blessuren begutachten konnte, die Madames Tennisschläger hinterlassen hatte. Dann entriss ich ihm meinen Arm und hielt die Postkarte hoch. »Möchten Sie dazu was sagen?«
»Was ist das?«
»Die Karte, die Sie Shana Timberlake geschickt haben.«
Er schüttelte den Kopf. »Die habe ich nie in meinem Leben gesehen.«
»Verzeihen Sie, Doktor, aber das ist eine beschissene Lüge. Sie haben ihr vergangene Woche aus Los Angeles geschrieben. Offenbar hatten Sie von Baileys Verhaftung erfahren und beschlossen, dass Sie sich mit Shana unterhalten sollten. Warum eigentlich die Umstände? Können Sie nicht einfach den Hörer in die Hand nehmen und Ihre Geliebte anrufen?«
»Bitte sprechen Sie nicht so laut!«
Er sah zum Gebäude zurück. Ich folgte seinem Blick und erkannte seine Frau hinter dem Bürofenster. Sie beobachtete uns. Als sie merkte, dass wir sie entdeckt hatten, verschwand sie. Dr. Dunne öffnete die Tür meines Käfers auf der Fahrerseite, als ob er mich hineinbugsieren wollte. Er wirkte nervös und blickte immer wieder zum Hotelgebäude zurück. Ich stellte mir Mrs. Dunne vor, wie sie durch die Büsche robbte mit einem Messer zwischen den Zähnen.
»Meine Frau ist Paranoikerin... und gewalttätig.«
»Das kann ich bestätigen. Und?«
»Sie führt die Bücher. Wenn sie herausfinden würde, dass ich Shana angerufen habe, würde sie... Ich weiß auch nicht, was dann passieren würde.«
»Ich wette, das können Sie sich sehr gut vorstellen. Vielleicht ist sie auf Jean eifersüchtig gewesen und hat ihr den Gürtel um den Hals gelegt?«
Dr. Dunnes rosafarbenes Gesicht wurde um eine Nuance dunkler, als wäre plötzlich eine Glühlampe in seinem Kopf angegangen. In seinen Halsfalten glitzerten Schweißperlen. »So was würde sie niemals tun«, sagte er, nahm ein Taschentuch aus der Hosentasche und wischte sich damit über die Stirn.
»Was würde sie denn tun?«
»Sie hat nichts damit zu schaffen.«
»Dann sagen Sie mir, was los ist. Wo ist Shana?«
»Sie sollte mich Mittwochnacht hier treffen. Ich bin später gekommen als vorgesehen. Sie ist entweder gar nicht da gewesen oder schon vorzeitig wieder gegangen. Ich habe sie seitdem nicht mehr gesprochen. Ich weiß also auch nicht, wo sie gewesen ist.«
»Sie wollten sie hier... auf dem Grundstück treffen?« Meine Stimme überschlug sich fast. Ich glaubte ihm kein Wort.
»Elva nimmt jeden Abend eine Schlaftablette. Sie wacht nie auf.«
»Denken Sie«, entgegnete ich scharf. »Ich schließe daraus, dass Ihre Affäre noch andauert.«
Er zögerte. »Es ist keine Affäre in dem Sinn. Sexuell haben wir schon Jahre nichts mehr miteinander. Shana ist eine liebe Frau. Ich bin gern mit ihr zusammen. Ich habe ein Recht auf Freundschaft.«
»O natürlich. Ich pflege alle meine Freundschaften mitten in der Nacht.«
»Bitte! Ich flehe Sie an! Setzen Sie sich in Ihren Wagen und fahren Sie fort. Elva wird jedes Wort wissen wollen, das wir gesprochen haben.«
»Dann erzählen Sie ihr, dass wir uns über Ori Fowlers Tod unterhalten haben.«
Er starrte mich an. »Das ist nicht Ihr Ernst.«
»O doch. Ori Fowler hat heute Morgen vermutlich eine Penizillinspritze bekommen. Das Zeug hat sie geradewegs in den Himmel befördert.«
Einen Moment lang sagte er kein Wort. Der Ausdruck in seinem Gesicht war überzeugender, als wenn er geleugnet hätte. »Wie ist es dazu gekommen?«
Ich erzählte ihm kurz von den Ereignissen des Vormittags. »Hat Elva Zugang zu Penizillin?«
Er wandte sich abrupt ab und ging in Richtung Hotel zurück.
Aber so leicht sollte er mir nicht davonkommen. »Sie sind Jean Timberlakes Vater, stimmt’s?«
»Es ist vorbei. Sie ist tot. Sie könnten es sowieso nie beweisen. Warum also darüber reden?«
»Hat sie gewusst, wer Sie sind, als sie wegen einer Abtreibung zu Ihnen kam?«
Er schüttelte den Kopf und ging weiter.
Ich lief hinterher. »Sie haben ihr nicht die Wahrheit gesagt? Sie haben nicht mal Ihre Hilfe angeboten?«
»Ich möchte nicht darüber sprechen«, fuhr er mich scharf an.
»Aber ich wette, Sie wissen, mit wem Jean sich damals eingelassen hatte.«
»Warum hätte ich eine viel versprechende Karriere ruinieren sollen?«, konterte er.
»Die Karriere eines Kerls soll wichtiger gewesen sein als ihr Leben?«
Er hatte die Eingangstür erreicht und ging hinein. Ich überlegte, ob ich ihm folgen sollte. Aber das würde jetzt nichts bringen. Zuerst brauchte ich weitere Informationen. Ich machte kehrt und lief zu meinem Wagen. Als ich über die Schulter zurücksah, stand Mrs. Dunne schon wieder am Fenster. Mit undurchdringlicher Miene. Ich wusste nicht, ob meine Stimme bis zu ihr ins Haus gedrungen war, und es interessierte mich auch nicht. Sollten die beiden das untereinander ausmachen. Joe Dunne konnte selbst auf sich aufpassen. Ich machte mir vielmehr Sorgen um Shana. Wenn sie Mittwochnacht nicht hier gewesen war, woher kamen dann ihre Autoschlüssel? Und falls sie doch zu dem Rendezvous erschienen war, wo war sie jetzt?
Ich fuhr zum Motel zurück. Bert hielt die Stellung in der Rezeption. Mrs. Emma und Mrs. Maude hatten im Wohnzimmer das Regiment übernommen. Dort standen sie Seite an Seite, korpulente Frauen in den Siebzigern, die eine im purpurroten, die andere im malvenfarbenen Jerseykostüm. Ann habe sich hingelegt, sagten sie. Die beiden waren so frei gewesen, Oris Krankenhausbett in Royces Zimmer schaffen zu lassen. Im Wohnraum war nun offenbar die alte Ordnung wieder hergestellt worden. Er wirkte unnatürlich groß, nachdem das alles dominierende Krankenhausbett mit seinen seitlichen Gitterklappen und zahlreichen Hebeln verschwunden war. Verschwunden war auch der Nachttisch. Das Medikamententablett hatte die Polizei bereits mitgenommen. Nichts hätte Oris Allgegenwärtigkeit wirkungsvoller ausradieren können als diese Veränderungen.
Maxine kam herein. Die Tatsache, dass sie sich hier aufhielt, ohne sauber machen zu müssen, schien sie zu verwirren. »Ich koche Tee«, murmelte sie, als sie mich sah.
Wir sprachen alle im Flüsterton. Ich ertappte mich dabei, dass ich auch schon in den Umgangston verfiel, der hier üblich war: zuckersüß, betulich, patent und mütterlich. Und ich merkte, dass solche Verhaltensweisen in Situationen wie dieser nützlich sein konnte. Mrs. Maude bestand darauf, mir etwas zu essen zu bringen, aber ich lehnte ab.
»Ich muss noch was erledigen. Vielleicht komme ich erst spät zurück.«
»Das macht doch nichts«, sagte Mrs. Emma und tätschelte mir die Hand. »Wir passen hier schon auf. Keine Sorge. Und wenn Sie später was essen wollen, bringen wir Ihnen ein Tablett aufs Zimmer.«
»Danke.« Wir lächelten uns mit erprobter Leidensmiene zu, was bei den beiden älteren Damen sicher aufrichtiger war als bei mir, aber ich muss gestehen, dass Oris Tod auch mir im Magen lag. Warum hatte man sie ermordet? Was konnte sie gewusst haben? Ich sah nirgends einen Zusammenhang zwischen ihrem Tod und dem Mord an Jean Timberlake.
Bert tauchte im Türrahmen auf und warf mir einen bedeutungsvollen Blick zu. »Anruf für Sie!«, verkündete er. »Dieser Anwalt.«
»Clemson? Gut. Ich gehe an den Apparat in der Küche. Können Sie das Gespräch dorthin durchstellen?«
»Klar.«
Ich hob den Hörer ab. »Hallo, ich bin’s«, meldete ich mich. »Bleiben Sie dran.« Ich machte eine Pause und sagte dann: »Danke, Bert. Alles klar.« In der Leitung klickte es. »Schießen Sie los.«
»Was sollte denn das?«, fragte Clemson.
»Nicht der Rede wert. Was gibt’s?«
»Es tut sich was. Gerade hat mich June Haws, die Pfarrersfrau, angerufen. Sie hat offenbar Bailey die ganze Zeit über versteckt.«
»Er ist bei ihr?«
»Das ist ja gerade das Problem. Er war bei ihr. Die Polizei startet eine groß angelegte Haussuchungskampagne. Ich nehme an, dass ein Beamter auch bei ihr geklingelt hat, und bevor sie sich versah, war Bailey getürmt. Sie weiß nicht, wohin er geflohen ist. Haben Sie was von ihm gehört?«
»Kein Wort.«
»Bleiben Sie im Hotel. Wenn er Kontakt mit Ihnen aufnimmt, überreden Sie ihn, sich zu stellen. Seitdem bekannt ist, dass seine Mutter tot ist, spielt diese Stadt verrückt. Ich mache mir Sorgen um sein Leben.«
»Ich auch. Aber was soll ich Ihrer Meinung nach tun?«
»Bleiben Sie in der Nähe des Telefons. Die Situation ist kritisch.«
»Jack, das ist unmöglich. Shana Timberlake ist verschwunden. Ich habe ihre Wagenschlüssel im Kurhotel gesehen, und ich fahre nach Einbruch der Dunkelheit rauf, um sie zu suchen.«
»Zum Teufel mit Shana. Das ist jetzt wichtiger.«
»Warum kommen Sie dann nicht her? Wenn Bailey anruft, können Sie gleich mit ihm reden.«
»Bailey traut mir nicht.«
»Und weshalb nicht, Jack?«
»Das wüsste ich auch gern. Wenn er meine Stimme am Telefon hört, legt er sofort wieder auf, weil er vermutet, dass die Leitung angezapft wird. June behauptet, abgesehen von ihr traut er nur Ihnen.«
»Hören Sie. Vielleicht dauert es ja nicht lange. Ich komme so schnell wie möglich wieder und setze mich mit Ihnen in Verbindung. Falls ich von Bailey höre, überrede ich ihn, sich zu stellen. Ich versprech’s.«
»Er muss sich stellen.«
»Jack, das weiß ich selbst!« Ich war wütend, als ich den Hörer auflegte. Warum bedrängte mich der Mann plötzlich? Ich war mir schließlich bewusst, in welcher Gefahr Bailey Fowler schwebte.
Ich machte kehrt, um die Küche zu verlassen. Im Korridor stand Bert. Er kam auf mich zu, als habe er keinen Moment gelauscht. »Miss Ann möchte ein Glas Wasser«, murmelte er.
Elender Schnüffler, dachte ich.
Oben in meinem Zimmer zog ich meine Joggingschuhe an. Ich verstaute meine Taschenlampe, die Dietriche und meinen Zimmerschlüssel in meinen Jeans. Ob ich die Dietriche brauchen würde, wusste ich zwar noch nicht, aber ich wollte auf alles vorbereitet sein. Unschlüssig wog ich einen Augenblick meine Davis in der Hand. Als ich die Pistole gekauft hatte, hatte ich auch ein maßgefertigtes Schulterhalfter erworben, das sich unauffällig an meine linke Seite direkt unterhalb der Brust anschmiegte. Ich zog mein T-Shirt aus, legte das Halfter um, rückte es zurecht und schlüpfte in einen Rollkragenpullover. Dann begutachtete ich mich im Spiegel. Ich war zufrieden.
Zuerst schaute ich noch einmal bei Shanas Haus vorbei, um mich zu vergewissern, dass sie in der Zwischenzeit nicht zurückgekommen war. Aber alles sah unverändert aus, keinerlei Anzeichen deuteten darauf hin, dass sie inzwischen hier gewesen wäre. Ich ging weiter, eine Seitenstraße entlang, die über den Hang hinüberführte und auf der anderen Seite die Floral Beach Road schnitt. Vermutlich hatte der Trauerzug für Tap Granger dieselbe Route genommen, und ich war darauf bedacht, diesen Teil der Strecke möglichst hinter mich zu bringen, bevor die Trauergesellschaft zurückkam. Im leichten Dauerlauf machte ich mich auf in Richtung Norden, zum Highway 101. Es roch nach Eukalyptus, heißer Sonne und Salbei. Rechts neben der Straße lief ein steiniger, schmaler Graben entlang, dann kam ein niedriger Drahtzaun, und dahinter begann der grasüberwachsene und mit Steinquadern übersäte Hang. Eichen boten gelegentlich Schatten, und die Stille wurde nur durch den Gesang der Vögel unterbrochen.
Dann hörte ich das Dröhnen eines Motors. Kurz darauf tauchte ein Ford-Lieferwagen vor mir auf. Als der Fahrer mich entdeckte, verlangsamte er die Fahrt. Es war Pearl, und auf dem Beifahrersitz erkannte ich seinen Sohn Rick. Pearls nackter fleischiger Unterarm lag in der Fensteröffnung. Er trug ein kurzärmeliges, blaues Oberhemd und eine Krawatte, die er so weit gelockert hatte, dass er den obersten Kragenknopf öffnen konnte.
»Hallo, Pearl. Wie geht’s?« Ich nickte Rick zu.
»Sie haben die Beerdigung verpasst«, bemerkte Pearl.
»So gut habe ich Tap auch wieder nicht gekannt. Ich finde, das Begräbnis sollte seinen Freunden Vorbehalten bleiben. Kommen Sie schon zurück?«
»Die anderen sind vermutlich noch auf dem Friedhof. Rick und ich sind früher gegangen, um den Billardsalon rechtzeitig zum Leichenschmaus öffnen zu können. Joleen meint, dass er’s so gewollt hätte. Wo wollen Sie denn hin? Trainieren Sie?«
»Richtig«, erwiderte ich. Den Leichenschmaus im Billardsalon konnte ich mir lebhaft vorstellen: Chips und ein kleines Fass Bier. Rick flüsterte seinem Vater etwas zu.
»Ach so, ja. Rick möchte wissen, ob Sie Cherie gesehen haben.«
»Cherie? Glaube nicht.« Ich nahm an, dass Cherie bereits im Bus nach Los Angeles saß, aber das sagte ich nicht.
»Eigentlich sollte sie mit uns kommen, aber dann ist sie kurz zum Einkaufen weg und nicht wieder aufgetaucht. Wir mussten ohne sie los. Wenn Sie sie sehen, sagen Sie ihr, dass wir in der Kneipe sind.« Er warf einen Blick in den Rückspiegel. »Ich fahre jetzt lieber weiter, bevor mir noch einer von hinten reinbrummt. Kommen Sie nach dem Joggen doch auch auf ein Bier vorbei.«
»Gern. Danke.«
Pearl fuhr an, und ich trabte weiter. Sobald der Lieferwagen außer Sichtweite war, überquerte ich den Graben und sprang über den Drahtzaun. Ich kletterte steil den Hang hinauf und auf den Saum des Wäldchens zu. Zwei Minuten später hatte ich die Kammhöhe erreicht. Unter mir auf der anderen Seite lag, durch das Eukalyptuswäldchen halb verdeckt, das Thermalhotel.
Die Tennisplätze waren verlassen. Der Swimmingpool war von hier aus nicht zu sehen, aber dafür hatte ich einen freien Blick auf das Arbeitsteam: drei Männer und eine Baumsäge. Im Schatten einiger Felsen fand ich ein natürliches Versteck und richtete mich aufs Warten ein. Allein, ohne Lektüre und klingelnde Telefone, übermannte mich die Müdigkeit, und ich schlief ein.
Gegen vier Uhr ging die Sonne unter. Klimatisch gesehen hatten wir Winter, was in Kalifornien bedeutet, dass die Sonne nicht vierzehn, sondern nur zehn Stunden scheint. In den vergangenen Jahren hatte es im Februar meistens geregnet, aber das schien sich in letzter Zeit zu ändern. Unter mir am Hang war es ruhig geworden. Das Waldarbeiterteam hatte offenbar Feierabend gemacht. Ich kroch aus meinem Versteck. Ich überzeugte mich, dass ich auch wirklich allein war, und pinkelte im Schutz einiger Büsche, sorgfältig darauf achtend, dass meine Joggingschuhe nicht nass wurden. Das einzige, was mich daran stört, eine Frau zu sein, ist, nicht im Stehen pinkeln zu können.
Dann suchte ich mir eine Stelle, von der aus ich das Hotel beobachten konnte. Plötzlich bog ein Polizeiwagen auf den Parkplatz ein: Quintana und sein Kollege auf dem Kriegspfad. Oder hatte Elva doch Anzeige erstattet? Das wäre ein dicker Hund, dachte ich. Eine Viertelstunde später tauchten die Bullen wieder auf und fuhren davon. Als sich die Dämmerung über die Baumwipfel senkte, gingen einige Lichter an. Gegen sieben Uhr schließlich begann ich meinen Abstieg in Richtung der Brandschutzschneise. Auf diesem Weg konnte ich mich dem Hotel von der Rückseite nähern. Die Taschenlampe benutzte ich nur selten. Vorsichtig bahnte ich mir einen Weg durch Buschwerk und Unterholz. Zweige knackten unter meinen Schritten. Eigentlich hatte ich gehofft, dass die Waldarbeiter mir einen bequemen Pfad freigeschnitten hätten, doch die Jungs hatten offenbar an einer anderen Stelle gewirkt. Endlich erreichte ich die Schneise, einen Trampelpfad aus nackter Erde, der gerade breit genug war für ein Fahrzeug. Ich hielt mich links und bemühte mich, die Orientierung nicht zu verlieren. Die Rückseite des Hotels lag im Dunkeln, sodass es schwierig war, meinen Standort exakt zu bestimmen. Ich riskierte es, die Taschenlampe anzuknipsen. Der schmale Lichtkegel erfasste ein Objekt, das mir den Weg zu versperren schien. Mir stockte der Atem. Direkt vor mir, fast vollständig von überhängenden Zweigen verdeckt, stand Shanas verbeulter Plymouth.