20
Früh am nächsten Morgen rief die Polizei von Santa Teresa an, um mitzuteilen, dass die Autopsie beendet sei. Raymond fuhr zum Bestattungsinstitut, um die Beisetzung in die Wege zu leiten. Der Chef der Bestattungsfirma hatte ihm offenbar am Telefon versichert, er könne Chago bis zum Abend für den letzten Abschied fertig machen. Der Rosenkranz würde am Sonntagabend in der Kapelle des Bestattungsinstituts stattfinden, die Messe dann am Montagmorgen um zehn Uhr in der Erlösungskirche und die Beerdigung anschließend auf dem Roosevelt-Memorial-Park-Friedhof in Gardena.
Als Raymond wiederkam, konferierte er mit Luis, der kurz darauf mit dem Hund die Wohnung verließ. Offensichtlich machte die Nachricht bereits die Runde. Die beiden Mädchen, die ich am ersten Tag gesehen hatte, erschienen wieder und setzten sich an den Küchentisch, wo sie mit Hilfe eines Knipsers und etlicher bunter Textmarker kleine Papier-Büchlein fabrizierten. Auf der Vorderseite konnte ich in verschnörkelten Zierbuchstaben lesen: »R.I.P-Chago.« Je ein Stapel abkopierte Fotos wurde mit Geschriebenem zusammengeheftet. Binnen einer Stunde begannen Chagos Freunde in Zweier- und Dreiergrüppchen einzutrudeln, einige in Begleitung ihrer Frauen oder Freundinnen. Die meisten schienen zu alt, um aktive Gang-Mitglieder zu sein. Drogen, Zigaretten und Alkohol hatten ihren Tribut gefordert und sich in aufgedunsenen Bäuchen und ungesunder Gesichtsfarbe niedergeschlagen. Diese Leute waren Veteranen erbitterter Bandenkriege, Männer von Ende zwanzig, die sich wahrscheinlich glücklich schätzten, überhaupt noch am Leben zu sein. Die Grundstimmung der Versammlung war eine dumple Beklommenheit. Eine Trauergemeinde, die zu Ehren eines gefallenen Kameraden zusammenkam. Alles, was ich von Chago mitbekommen hatte, war seine letzte, mühsame Reise zu einer Straßenecke in Santa Teresa. In Regen und Dunkelheit hatte er seine verlöschenden Kräfte nur noch darauf gerichtet, sich heimzuschleppen. Von Raymonds Brüdern Juan und Ricardo war nichts zu sehen, aber Bibianna versicherte mir, sie würden später im Bestattungsinstitut zu uns stoßen. Ich begriff, dass sich dieser letzte Abschied über den Abend hinziehen würde und dass unsere Anwesenheit dabei offenbar unumgänglich war. Ich fühlte mich in dieser ganzen Situation unwohl. Ich hatte Raymonds Bruder nicht gekannt, und ich kannte auch die Leute nicht, die kamen, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Ich wartete nur auf eine Gelegenheit, mich diskret zu entschuldigen und in mein Zimmer zurückzuziehen. Jetzt tat sich etwas an der Wohnungstür. Der Priester erschien, in klerikalem Schwarz mit einem kleinen weißen Kragen-Bindestrich am Hals.
Bibianna beugte sich an mein Ohr und murmelte: »Father Luevanos. Der Gemeindepriester.«
Father Luevanos war in den Sechzigern, ein hagerer Mann mit einem wettergegerbten Gesicht und einer kräuseligen weißen Haarwolke. Er war klein und drahtig, mit schmalen Schultern und langen, dünnen Händen, die er mit himmelwärts gekehrten Handflächen seitlich von sich hielt wie der heilige Franziskus, nur ohne die Vögel. Er schritt durch die Menge und sprach ein paar leise Worte zu jedem seiner Schäfchen. Die Leute behandelten ihn wie einen König und flitzten auseinander, um ihm Platz zu machen. Raymond ging zu ihm. Father Luevanos nahm seine Hände, und die beiden redeten leise in einem Gemisch aus Englisch und Spanisch. Ich sah, wie Raymonds Schmerz unter dem mitfühlenden Zuspruch des Priesters zum Vorschein kam. Er weinte nicht, aber über sein Gesicht huschte eine eigentümliche Serie von Ticks, die aus der Entfernung wie die Zeitraffer-Aufnahme eines Tränenausbruchs wirkte. Ich schloss daraus, dass Chago für Raymond wohl wirklich ein Anker im Leben gewesen sein musste, vielleicht das einzige Mitglied seiner Familie, das ihn geliebt und das er wiedergeliebt hatte. Raymond fing meinen Blick auf. Er winkte mich zu sich und stellte mich dem Priester vor. »Sie ist aus Santa Teresa.«
Father Luevanos hielt meine Hände, während wir sprachen. »Freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen. Sie haben eine nette Gemeinde dort droben in Santa Teresa. Seit wann haben Sie Valensuelo gekannt?«
»Wen?«
»Chago«, murmelte Raymond.
»Oh.« Ich fühlte, wie mir die Röte ins Gesicht stieg. »Na ja, eigentlich bin ich eine Freundin von Bibianna.«
Wie auf ihr Stichwort trat jetzt Bibianna zu uns, um den Priester zu begrüßen. Sie hatte sich umgezogen: schwarzer Rock, weiße Bluse und schwarze, hochhackige Schuhe. In ihrem Haar steckte eine rote Satinrose. Ihr Make-up stach scharf von ihrer Blässe ab. »Father...«, flüsterte sie. Sie war den Tränen nahe, und ihr Mund begann zu zittern, als er jetzt ihre Hände nahm. Er beugte sich dicht an sie heran und murmelte etwas auf Spanisch. Sie rang offenbar mit dem Impuls, sich ihm anzuvertrauen.
Nachdem Father Luevanos gegangen war, begann sich die allgemeine Stimmung aufzuhellen. Bei aller Trauer hatte der Nachmittag etwas Wohlig-Träges. Die Wohnungstür stand offen, und ein Teil der Gäste hatte sich nach draußen auf die Galerie verzogen. Ein paar Leute hatten Sechserpacks, Chips und Salsa mitgebracht. In die Gespräche mischte sich das Zischen und Ploppen von Kronkorken. Gedämpftes Lachen und Zigarettenrauch stiegen auf. Jemand hatte eine Stahlsaitengitarre dabei und zupfte komplizierte Melodien. Ein neun Monate altes Baby namens Ignatio tat fünf wackelige Schritte und sank dann auf sein windelbewehrtes Hinterteil, hochbefriedigt von dem Apfelmus, das ihm seine Kraftanstrengung eingetragen hatte.
Um halb sechs begann sich die Menge zu verlaufen. Wir sollten schon früher im Bestattungsinstitut sein, damit Raymond seinen Bruder sehen konnte, ehe die anderen kamen. Wir brachen um sechs Uhr auf. Bibianna und ich saßen auf dem Rücksitz. Luis fuhr, und Raymond saß stumm und aufgewühlt neben ihm. Er drückte ein Bündel an sich, das er aus dem Schlafzimmer mitgebracht hatte. Es war in einen weißen Satinschal eingeschlagen. Die emotionale Belastung hatte eine ganze Flut von Symptomen hervorgerufen, ein permanentes Gezucke und Gerucke, das sich mit seinem Gesichtsausdruck zu einem Bild des Jammers verband. Binnen einer Stunde hatte er sich vom skrupellosen Gangsterboss in ein verängstigtes Kind verwandelt, das hilflos der Qual entgegensah, die es erwartete.
Das Bestattungsinstitut residierte in einer luxuriösen viktorianischen Villa, einem der letzten Zeugnisse der einstigen Pracht und Größe dieser Stadt. Ursprünglich als Ein-Familien-Domizil erbaut, dreigeschossig und mit zahllosen Türmchen und Kaminen bewehrt, zeigte das Haus zur Seite hin eine Front aus rußgeschwärztem Stein und braunen Schindeln. Uralte, zerzauste Palmen und Zedern erhoben sich auf dem Grundstück, das rechts und links von Büro-Betonkästen flankiert wurde. Der Anblick der Fassade erschütterte meinen Realitätsbezug und versetzte mich für einen Sekundenbruchteil, in dem Vergangenheit und Zukunft die Plätze tauschten, in das Jahr 1887.
Das Interieur bestand aus düsteren Fluchten gravitätischer Räume mit hohen Decken, dunkel gebeizter Täfelung, Relieftapeten und indirekter Beleuchtung. Gedämpfte, kaum vernehmliche Orgelklänge erzeugten eine subliminale ernste Feierlichkeit. Das Mobiliar war eine viktorianische Symphonie aus Damast und kunstvoller Holzschnitzerei, mit Ausnahme der metallenen Klappstühle in dem »Trauersaal«, in dem Chago aufgebahrt lag. Der perlgraue Sarg stand in einer Nische auf der anderen Seite des Raums. Die geöffnete Deckelhälfte gab den Blick auf das weißseidene Innere und auf das Profil des Toten frei. Den Katafalk umgaben Arrangements aus großen weißen Gladiolenstängeln und Gebinde aus weißen Nelken, weißen knospigen Rosen und Schleierkraut. Raymond hatte offensichtlich keine Kosten gescheut.
Luis, Bibianna und ich blieben diskret am Eingang zurück, während Raymond, sein Bündel wie eine letzte Gabe vor sich hertragend, an den Sarg trat. Mir wurde klar, dass dies ja das erste Mal war, dass er Chago seit dessen Tod am Dienstagabend sah. Er senkte den Kopf und starrte in den Sarg, wobei sein Gesichtsausdruck von unserem Standort nicht zu erkennen war. Nach einem kurzen Moment bekreuzigte er sich. Ich sah, wie er den weißen Satinschal entfaltete und sich dicht über den Leichnam beugte, aber es war nicht genau auszumachen, was er tat. Gleich darauf trat er von dem Sarg zurück, um sich ein weiteres Mal zu bekreuzigen. Er zog ein Taschentuch hervor, schnäuzte sich, wischte sich über die Augen und steckte das Tuch wieder weg. Dann kam er zu uns zurück. Luis streckte den Arm aus und patschte ihn tröstend auf die Schulter. »Das ist hart, Mann«, sagte er kaum hörbar.
Bibianna entfernte sich jetzt von uns. Sie trat zögernd und sichtlich ängstlich an den Sarg. Sie warf einen kurzen Blick auf den Toten und bekreuzigte sich dann. Sie kam wieder zurück, setzte sich und kramte in ihrer Handtasche nach einem Kleenex.
»Wollen Sie ihn sehen?«, fragte mich Raymond. In seinen feuchten Augen stand ein Flehen, dem ich mich kaum widersetzen konnte. Für mich hat es etwas Intimes, einen Toten zu betrachten, und da ich diesen Mann gar nicht gekannt hatte, schien es mir ungehörig, mich in das Defilee seiner nächsten Freunde und Angehörigen einzureihen. Aber auf der anderen Seite schien es mir beleidigend, es zu verweigern.
Raymond bemerkte meine Unentschiedenheit und lächelte freundlich. »Kommen Sie. Ist nicht schlimm. Er sieht prima aus.«
Aber das war natürlich Ansichtssache. Ich hatte Chago zweimal gesehen: einmal am Dienstag bei der CF, wo er mich auf dem Gang angerempelt hatte, und dann noch einmal in dem French Quarter-Restaurant, als er Bibianna mit vorgehaltener Pistole gekidnappt hatte. Er war mir groß und massiv erschienen, aber jetzt hatte der Tod ihn schrumpfen lassen. Er sah aus wie Ken aus der Barbie-Puppen-Familie in einem überdimensionalen Verpackungskarton. Er war vielleicht vier oder fünf Jahre jünger als Raymond und genauso gutaussehend. Sein Gesicht war glatt und faltenlos, mit ausgeprägtem Kinn und vorstehenden Wangenknochen. Das Haar hatten sie ihm zu einem glänzenden, dunklen Pagenkopf geföhnt, der seinen Kopf im Verhältnis zu seinen Schultern zu breit wirken ließ. Raymonds Satinbündel hatte offenbar religiöse Gegenstände enthalten. Eine große Bibel mit weißem Stoffeinband lehnte steif vor dem kalkigen Rosa der gefalteten Hände. Über die Finger war ein Rosenkranz drapiert, und ein gerahmtes Kinderfoto lag auf dem kleinen weißen Kissen, auf dem der Kopf ruhte. Das Kissen war satinbezogen und sah aus wie eins von der Sorte, die Frauen benutzen, wenn sie ihre teure Friseur-Frisur nicht verderben wollen. Luis und ich musterten Chago so aufmerksam, wie man ein Baby betrachtet, wenn die stolzen Eltern danebenstehen.
Um sieben kamen die ersten Leute aus dem engeren Kreis, der am Nachmittag in der Wohnung gewesen war. Sie schienen durch Raymonds Anwesenheit eingeschüchtert, wohl weil sie es nicht gewohnt waren, ihn in Jackett und Krawatte zu sehen. Chagos Spezis trugen alle eigens angefertigte T-Shirts mit der Aufschrift »In innigem Gedenken an Chago — R. I. P.« und ihrem eigenen Namen auf der Brust.
Ich setzte mich neben Bibianna, und wir redeten beide so gut wie nichts. Gelegentlich sah uns jemand ins Gesicht, aber niemand sagte ein Wort zu mir. Die Gespräche um mich herum spielten sich vorwiegend auf Spanisch ab, sodass ich nicht mal richtig mithören konnte.
Immer mehr Leute kamen. Von Raymonds Brüdern war immer noch nichts zu sehen, aber ich entdeckte drei Frauen, die ich für seine älteren Schwestern hielt. Sie sahen sich auffallend ähnlich, mit dunklen Augen, vollen Lippen und makellosem Teint. Sie saßen dicht beieinander, schöne Frauen in den Vierzigern, rund und dunkel, wie Nonnen mit ihren Mantillas und ihren Rosenkränzen. Sie wechselten gelegentlich ein paar Worte, aber keine sprach mit Raymond, der geflissentlich demonstrierte, dass sie ihn einen Dreck kümmerten. Einmal ertappte ich ihn allerdings dabei, wie er verstohlen zu ihnen hinübersah. Da wurde mir klar, dass Bibianna nur eine weitere Version dieser Schwestern war, schön und unnahbar, so, wie es wohl auch die Mutter gewesen war. Armer Raymond. Sooft er die Geschichte auch in irgendwelchen Abwandlungen reinszenieren mochte — er würde doch nie ihre Liebe erringen, und es würde kein Happy End geben.
Ein Grüppchen von drei weiblichen Trauergästen trat jetzt an Bibianna heran, Chicanas in den Zwanzigern, eine mit einem Baby auf der Hüfte. Ich stand auf und schlich mich in Richtung Tür, wobei ich mich fragte, ob ich wohl irgendwie an ein Telefon gelangen könnte. Aber noch ehe ich den Ausgang erreicht hatte, war Luis neben mir. Er hielt mich am Arm fest. Ich beugte mich an sein Ohr. »Ich wüsste gern, ob es da oben irgendwo eine Toilette gibt.«
»Sie gehen nirgends hin.«
»Oh. Na ja, dann ist es wohl auch nicht so wichtig, ob es eine gibt oder nicht.«
Ich setzte mich wieder auf meinen Stuhl und sah auf meine Armbanduhr. Zehn nach acht. Ich hatte Hunger. Mir war langweilig. Ich war unruhig. Ich hatte Angst. Ich lebte jetzt schon so lange mit permanenten Kampf-oder-Flucht-Impulsen, und der Stress ließ meinen Kopf hämmern und meinen Magen krampfen. Luis klebte an mir wie eine Klette. Die nächsten fünfzig Minuten verbrachte ich damit, mich auf meinem Stuhl zu winden, die Beine bald so, bald so übereinander zu schlagen und an meinen Haaren herumzufummeln. Zu meiner Unterhaltung prägte ich mir die Gesichter ein, für den Fall, dass ich je jemanden vom Zeugenstand aus würde identifizieren müssen. Um zwanzig nach neun erschien dann endlich der für unseren Saal zuständige schwarzgekleidete Bestattungsmensch, um ostentativ auf seine Uhr zu schauen. Raymond begriff und begann, unter den noch verbliebenen Anwesenden die Runde zu machen und sich zu verabschieden.
Auf dem Heimweg setzten wir Luis bei seiner Wohnung ab. Sobald wir zu Hause ankamen, verschwand Raymond im Schlafzimmer, während Bibianna und ich mit Aufräumen begannen. Nicht dass es einer von uns so ein dringendes Anliegen gewesen wäre, aber es gab uns wenigstens etwas zu tun. Aus dem Hintergrund hörten wir, ohne es bewusst aufzunehmen, das Klimpern von Kleingeld, als Raymond den Inhalt seiner Taschen auf die hölzerne Kommode packte. Wir warfen leere Bierdosen in einen Müllsack, kippten randvolle Aschenbecher aus. Raymond trat aus dem Schlafzimmer und ging in das Bad, das normalerweise mir Vorbehalten war. Gleich darauf hörte ich die Wasserhähne quietschen. Es bollerte in den Rohren, und Wasser platschte gegen die Duschkacheln wie ein plötzlicher Frühlingsguss.
Ich sah zu Bibianna hinüber. »Wieso duscht er in meinem Bad?«
»Da kann er besser...« Sie machte mit der rechten Hand eine Bewegung zur linken Armbeuge hin.
»Er schießt?«
Mir dämmerte zuerst, was das Klimpern da eben im Schlafzimmer bedeutet hatte. Luis war nicht da. Kein Hund vor der Tür. Sie hörte, wie ich heftig einatmete, und sah mich an.
Ich sagte: »Herrgott, sind wir denn blöd?« Ich huschte rasch ins Schlafzimmer hinüber und griff mir die Wagenschlüssel von der Kommode, wo er sie abgelegt hatte. Ich zögerte und riss dann die Schublade mit den Pistolen auf. Die Schachtel lag noch da, wo ich sie gefunden hatte, auf dem Sortiment von falschen Ausweispapieren. Ich hob den Deckel. Da lag die SIG-Sauer, zusammen mit der Mauser und den Patronen. Ich steckte mir die SIG-Sauer in den Hosenbund. Scheiß auf die Vorteile des Unbewaffnetseins. Lieber nackt durch ein Flughafenterminal spazieren. Sekunden später war ich wieder drüben, mit den Wagenschlüsseln, die ich ihr zuwarf. Die Dusche war verstummt. Ich verstaute die Kanone in Windeseile in meiner Handtasche. Wir hörten die Badtür aufgehen. »Bibianna?«
Sie mühte sich vergeblich, den kleinen Drahtring mit den Caddy-Schlüsseln von dem großen Schlüsselbund abzufummeln. Ihre Hände zitterten so heftig, dass die Schlüssel in ihren Fingern wie Kastagnetten klapperten.
»Nun nimm schon das ganze verdammte Ding!«, zischte ich. »Los!«
Plötzlich klingelte das Telefon, und wir fuhren beide erschrocken zusammen, zumal das Geräusch so unerwartet kam. Der Apparat stand unter dem Küchentisch, und der Stecker steckte in der Wandbuchse. Ich schubste Bibianna in Richtung Tür und schnappte mir den Hörer. »Ja?«
Am anderen Ende sagte eine zittrige Frauenstimme: »Bibianna, Gott sei Dank. Lupe hat mir gesagt, dass du wieder da bist. Ich habe versucht, dich in Santa Teresa zu erreichen. Ich war im Krankenhaus... Ich bin — « Der Rest ging in Tränen unter.
»Tut mir leid, aber hier ist Hannah, eine Freundin von Bibianna. Kleine Sekunde. Sie kommt.« Da war etwas im Ton dieser Frau, das schlimmer war als Pein.
Bibianna war mitten im Zimmer stehengeblieben und starrte mich an. Ich streckte ihr den Hörer hin.
Sie bewegte sich wie eine Schlafwandlerin. Ich hätte sie am liebsten in den Hintern getreten, weil mir klar war, dass Raymond das Telefon auch gehört haben musste. Sie nahm mir den Hörer aus der Hand. »Hallo?«
Ich sah ihr erstarrt zu.
Sie sagte: »Ja? Mom?...«
Raymond erschien in der Tür, die Haare noch wirr vom hastigen Trockenrubbeln. »Bibianna?« Er war hastig in ein Paar Hosen gefahren und noch mit der Gürtelschnalle zugange. Ich ertappte mich dabei, wie ich seine bloßen Arme nach der Einstichstelle absuchte. Er sagte: »Was ist los? Wer ist da dran?«
Sie wandte sich ab und presste sich die Hand aufs Ohr, um trotz seines Gefrages weiter hören zu können. Ihre Miene verdüsterte sich, und sie fragte ungläubig: »Was?«
Die Essenz dessen, was ihre Mutter ihr erzählte, war an ihrem Gesicht abzulesen. Ihre Augen wanderten zu der Wand mit den kaputten Spiegelkacheln, wo unter dem zerschlagenen Glas der Verputz hervorsah. Ihre Lippen öffneten sich, und ein Laut entfuhr ihnen. Sie legte die eine Hand an ihre Wange. Irgendwas in ihrem Gesichtsausdruck hieß meinen Magen sich zusammen-krampfen.
Es waren insgesamt nicht mehr als fünfzehn Sekunden vergangen, als Raymond quer durchs Zimmer stapfte und den Hörer an sich riss und aufknallte. Er zerrte die Telefonschnur aus der Dose und feuerte den Apparat an die Wand. Das Plastik-Gehäuse zerbarst und enthüllte die Innereien. Bibiannas entsetzter Blick schnellte von dem Telefon zu seinem Gesicht empor. »Ich weiß, was du mit ihr gemacht hast...«
»Mit wem?«
»Meine Mutter ist im Krankenhaus.«
Raymond zögerte, merkte am Ton ihrer Stimme, dass sie kurz vor dem Ausrasten war. »Was ich gemacht habe? Was habe ich denn gemacht?«
Bibianna bewegte die Lippen. Sie wiederholte immer wieder die gleichen Worte... zuerst fast tonlos, dann immer lauter. »Du hast ihr das Gesicht zerschlitzt, du Scheißkerl. Du hast ihr das Gesicht zerschlitzt! Du hast Ginas Gesicht zerschlitzt, hier in dieser Wohnung! Du hast ihr schönes Gesicht zerschlitzt, du Schwein. Du Bastard...«
Sie fuhr auf Raymond los, die Finger zu Klauen gebogen, grub ihm ihre Krallennägel ins Gesicht. Sie warf sich mit solcher Wucht auf ihn, dass er gegen den Tisch taumelte. Einer der Küchenstühle fiel krachend um. Bibianna war mit zwei Sätzen in der Küche, packte den Griff einer Schrankschublade und zog. Raymond stürzte sich auf sie und packte sie von hinten. Er hob sie halb vom Boden und schleppte sie zurück. Bibianna hielt den Schubladengriff fest. Die ganze Lade flutschte heraus, und alle möglichen Küchenutensilien flogen durch die Gegend. Raymond ging zu Boden und zog sie mit. Sie wehrte sich, schaffte es, sich von ihm wegzudrehen, und trat mit ihren Absatzschuhen nach ihm. Die langen Beine wirbelten durch die Luft. Er versuchte, ihr einen Fausthieb zu verpassen, schlug aber daneben. Sie traf ihn mit einem harten Tritt am Brustkorb. Ich hörte das »Pffff«, als die Luft aus ihm entwich. Sie rappelte sich auf alle viere hoch, kroch wieder in die Küche zurück und griff sich ein Messer, das über den Fußboden geschliddert war. Sie warf sich herum und stach zu. Raymonds Hand schoss nach vorn und packte sie. Er umschloss ihr Handgelenk mit stählernem Griff und drückte so fest zu, dass ich dachte, er würde ihr die Knochen zermalmen. Sie schrie auf. Das Messer fiel auf den Boden. Einen Augenblick lagen sie übereinander. Sein Körper begrub den ihren halb unter sich, und sie keuchten beide.
Ihr Gesicht verzog sich. Tränen stiegen ihr in die Augen. »Runter von mir, du Schwein«, sagte sie. Raymond glaubte offenbar, das Schlimmste sei überstanden. Er rappelte sich auf die Füße, streckte ihr die Hand hin und zog sie hoch. Sobald sie stand, trat sie ihm voll zwischen die Beine. Ihre Schuhspitze traf ihn zwar nicht ganz im Zentrum, aber mit solcher Wucht, dass er sich an die Hose fasste und schützend den Oberkörper vorkrümmte. Der Laut, den er dabei von sich gab, war eine unartikulierte Mischung aus Schmerz, Überraschung und Wut.
Ich hatte die Autoschlüssel aus dem Blick verloren. Sie mussten Bibianna irgendwann im Zuge des Gerangels aus der Hand geflogen sein. Ich suchte hastig den Fußboden ab, entdeckte sie in der Nähe der Wand und schnappte sie mir. Ich spielte sie Bibianna mit einem perfekten Tief-Wurf zu. Sie fing sie auf und sauste los. Die Wohnungstür knallte zu, und ich hörte ihre Stöckelabsätze hastig zur Treppe klacken. Dann verlor sich das Geräusch. Ich setzte selbst zu einem Verzweiflungsspurt Richtung Tür an.
Raymond hakte mir von hinten zwischen die Beine. Ich stolperte und konnte gerade noch die Arme vorstrecken, ehe er mich vollends zu Fall brachte. Wir rangen und gaben dabei beide grunzende Laute von uns. Er schlug mit den Fäusten auf mich ein und legte seine ganze Wut in einen Hagel von Hieben, die ich mit x-förmig vor dem Gesicht gekreuzten Armen abfing. Er packte mich an den Haaren und zerrte mich hoch. Er bog mir den rechten Arm auf den Rücken, verdrehte ihn ruckartig nach oben und trieb mich so zur Tür hinaus und die Galerie entlang. Er hatte nichts weiter an als seine Hosen. Seine Brust war rosa von den Hieben, die die bloße Haut getroffen hatten. Ich spürte den heftigen Drang, ihm auf die bloßen Füße zu trampeln, wusste aber, dass er mir dafür den Arm brechen würde.
Draußen vor dem Haus hörte ich Bibianna den Cadillac hoch jagen und mit quietschenden Reifen davonschießen. Raymond bugsierte mich zu dem Ford. Er klappte mit einer Hand den Kofferraumdeckel auf, griff sich ein Montiereisen und zerrte mich auf die Fahrerseite. Er drosch gegen das Seitenfenster, bis genug Glas herausgesplittert war, dass er hineingreifen und den Türknopf hochziehen konnte. Er riss die Tür auf und stieß mich hinein. Dann griff er unter den Vordersitz. Er holte ein paar Schlüssel und eine Pistole hervor. Er entsicherte die Waffe und richtete sie auf mich, um dann mit der linken Hand unter dem Lenkrad herumzugreifen und den Wagen anzulassen.