13
Ich musste wohl weggedöst sein, denn ich kam wieder zu mir, als jemand mir die halb leere Bierflasche aus der Hand nahm und mich sanft am Arm rüttelte. Ich fuhr hoch, starrte verdattert auf die Frau vor mir und rang darum, die Orientierung wiederzufinden. Oh, natürlich. Bibianna. Es ging immer noch um diese Schießerei-Geschichte und alles, was damit zusammenhing. Luis und Raymond waren noch in der Wohnung, aber die anderen waren verschwunden.
Bibianna sah jetzt besser aus. Offenbar hatte sie einen Teil ihres Selbstbewusstseins wiedergefunden. Sie trug einen dicken weißen Frottee-Bademantel und einen Handtuchturban. Sie roch nach Seife. Ihr Gesicht war frisch geschrubbt und hatte wieder das gesunde Strahlen der Jugend. Sie ging in die Küche und holte sich ein Bier. Raymond, der noch immer telefonierte, folgte ihr mit den Augen. Einen kurzen Moment überkam mich Mitleid. Er war ein gut aussehender Mann, aber seine unverhohlene Begierde verlieh ihm etwas Hündisches. Jetzt, da Bibianna wieder Oberwasser hatte, kam er zunehmend ins Wanken. Er wirkte bedürftig und unsicher, Eigenschaften, die die meisten Frauen wenig attraktiv finden. Sein Macho-Gehabe von vorhin hatte einen Knacks bekommen. Er musste gemerkt haben, dass sie sich nicht die Bohne aus ihm machte. Das Blatt hatte sich gewendet, das Machtverhältnis war umgeschlagen.
»Komm. Ich kann dir ein paar Sachen zum Anziehen borgen«, sagte sie.
»Ein Königreich für eine Zahnbürste«, murmelte ich, während wir auf das Schlafzimmer zugingen.
Sie blieb stehen und sah sich nach Luis um, der jetzt in der Küche auf der Arbeitsplatte hockte. »He, lauf mal eben rüber ins Seven-Eleven und hol uns zwei Zahnbürsten.«
Er reagierte nicht. Erst als Raymond unwirsch mit den Fingern schnippte, sprang er von seinem Sitz. Er ging zu Raymond, der ihm ein paar zerknitterte Geldscheine in die Hand drückte. Sobald Luis weg war, sagte Raymond ungehalten zu Bibianna: »He, so brauchst du nicht mit ihm zu reden. Er arbeitet für mich, nicht für dich. Du kannst ihn gefälligst ein bisschen respektvoller behandeln.«
Bibianna verdrehte die Augen und bedeutete mir mit einer Kopfbewegung, ihr ins Schlafzimmer zu folgen.
Auch dieser Raum war im mexikanischen Straßenrand-Stil möbliert. Das King-Size-Bett komplettierten rote Satin-Bettwäsche und eine dicke, duftige Steppdecke. Die Nachttischchen und die Kommode wirkten wie furnierter Pressspan im »spanischen Stil«, das heißt mit schwarzen, schmiedeeisernen Griffen und Angeln bestückt. Bibianna schob die Schranktür auf. »Er hat alle meine Sachen aus meiner anderen Wohnung hierhergeholt. Nicht mal gefragt hat er mich«, sagte sie. »Hier, sieh dir das an. Er glaubt, er kann mich kaufen wie ein Ding.«
Die hölzerne Kleiderstange war dicht vollgehängt, und in dem breiten Fach darüber stapelten sich Pullover, Handtaschen und Schuhe. Sie ging zur Kommode und begann, die Schubladen aufzuziehen. Sie waren voll mit Unterwäsche, das meiste davon neu. Sie suchte mir einen roten Slip heraus, an dem noch das Preisschild hing. Außerdem offerierte sie mir noch einen Büstenhalter, den ich jedoch dankend ablehnte. Was sollte ich Äpfel in Säcke packen, die für Cantaloupe-Melonen dimensioniert waren? Außer der Unterwäsche organisierte sie mir noch ein Paar Sandalen, einen roten Minirock mit passendem rotem Ledergürtel und eine weiße Bauernbluse mit Puffärmeln und einer Zugkordel am Ausschnitt.
Als sie mir die Sachen in die Hand drückte, flüsterte sie: »Hau ab, wenn du kannst.«
»Und was ist mit Raymond?«
»Keine Sorge. Mit dem werd ich schon fertig.«
»Hey, alles klar?«
Raymond stand in der Tür. Er hatte die Lederjacke ausgezogen, und ohne ihre Polstermasse wirkten seine Schultern schmal.
Bibianna fuhr ihn wütend an: »Würdest du bitte die Güte haben? Wir haben Frauensachen zu besprechen, wenn du’s unbedingt wissen willst.«
Er sah mich verlegen an.
»Na, dann werd’ ich mal duschen gehen«, murmelte ich.
Er streckte mir eine Tüte hin. »Da ist Ihre Zahnbürste.«
»Danke.«
Ich nahm die Tüte und schob mich an ihm vorbei, um mich schleunigst zu verdrücken. Es gibt nichts Schlimmeres, als dabei zu sein, wenn ein Paar die Krallen wetzt. Jeder von beiden bemühte sich indirekt, mich auf seine Seite zu ziehen, und diese nonverbalen Rekrutierungsversuche schlugen mir auf den Magen.
Ich ging ins Gästebad und schloss die Tür hinter mir ab. Ich hängte mein Trägerhemd über den Türknauf, damit niemand durchs Schlüsselloch linsen konnte. Meine Zehen krümmten sich angewidert, weil das Bad ungefähr den Charme einer Militärlatrine hatte. Es hat mir nie besonders gelegen, barfuß durch öffentliche Umkleideräume zu spazieren, wo der Boden grundsätzlich mit Haaren, rostigen Haarnadeln und matschigen Kleenex-Klumpen übersät zu sein scheint. Über das Waschbecken will ich lieber schweigen. Die Glastür der Duschkabine war gesprungen und mit Klebeband geflickt, und in der Schiebeschiene klebte seifiger Schmodder. Ein langer, dreieckiger Dreckfleck zog sich vom Brausekopf bis zum Rand der Duschwanne. In der einen Ecke stand eine Plastikflasche mit Billig-Shampoo, und ich nahm sie mit spitzen Fingern und angeekelter Miene an mich.
Ich legte Klopapier auf den Rand der Toilette, bevor ich sie benutzte. Im Sitzen fummelte ich Lieutenant Dolans Telefonnummer aus meinem rechten Söckchen. Ich prägte sie mir ein, zerriss den Zettel in klitzekleine Fetzchen, warf diese ins Klo und spülte. Das Wasser wollte nicht abfließen. Die kleinen Papier-Konfetti kreiselten aufreizend träge herum, während der Wasserspiegel gefährlich dicht unter den Rand stieg. Na, großartig. Gleich würde das Klo überlaufen. Ich wedelte beschwörend mit den Händen und flüsterte: »Weg da... geh weg.« Endlich floss das Wasser ab, aber es hatte keinen Sinn, einen weiteren Spülversuch zu starten, ehe der Wasserkasten nicht wieder voll gelaufen war. Ich legte das Ohr an den Behälter, hörte aber nichts, was darauf hingedeutet hätte, dass sich etwas tat. Wenn Raymond jetzt hereinplatzte — würde er die Papierfitzelchen herausfischen und wieder zusammenkleben? Bestimmt nicht.
Ich öffnete den Spülkasten. Innen an den Wänden waren mit Klebeband kleine Plastiksäckchen befestigt... Heroin vermutlich, oder Kokain. Was für ein genialer Einfall. Darauf würden die Bullen bestimmt nicht kommen, falls es je eine Razzia geben würde. Ein Beutelchen hatte sich unter dem Schwimmer verklemmt. Ich schob es weg und wackelte an dem Hebel. Der Behälter füllte sich. Schließlich spülte die Spülung mit Getöse — ein Triumph findiger Intelligenz und klempnerischer Grundkenntnisse. Meine geheimen Aufzeichnungen entschwanden Richtung Meer.
Die Dusche war lauwarm, aber ich schaffte es, mich mit einem kleinen Seifenstück mit der Aufschrift »Ramada Inn« abzuseifen.
Ich wusch mir die Haare und wollte sie gerade ausspülen, als plötzlich das heiße Wasser ausging. Ich beendete hastig die Prozedur. Das einzige Handtuch im ganzen Bad war dünn, bretthart und schmuddelig. Ich tupfte mich mit meinem Trägerhemd trocken und zog mich an.
Als ich mit meinen dreckigen Kleidern in der Hand aus dem Bad trat, war die Wohnung still. Ich spähte ins Wohnzimmer. Luis war offensichtlich nach Hause gegangen. Raymond und Bibianna waren nirgends zu sehen. Die Tür zum großen Schlafzimmer war zu, und ich hörte Stimmen hitzig auf Spanisch debattieren. Ich legte mein Ohr an die Tür, konnte aber nichts verstehen. Ich ging ins Wohnzimmer zurück. Perro war wieder am Sofa angebunden und kaute zufrieden auf dem ledernen Teil der Kettenleine, die ihn festhielt. Sobald er mich sah, sprang er auf, einen Kamm von gesträubten Haaren auf dem Rücken. Er senkte den Kopf, und aus seiner Brust stieg wieder das tiefe Knurren. Um zur Wohnungstür zu kommen, hätte ich dicht an ihm vorbei gemusst. Streich es, dachte ich.
Das Tastentelefon hatte vorhin auf dem Couchtisch gestanden. Jetzt war es spurlos verschwunden. Offenbar hatte Raymond den Apparat ausgestöpselt und mit ins Schlafzimmer genommen. Nicht gerade ein besonderer Vertrauensbeweis. Ich retirierte nach der linken Seite, in einen Miniflur. Das zweite Schlafzimmer enthielt eine verschlissene braune Couch und eine nackte Matratze mit etlichen unbezogenen Kissen.
Ich trat ans Fenster, das zur Straße hinausging. Ich öffnete die Verriegelung und schaffte es, das Alu-Schiebefenster mit einem Minimum an Quietschen ein Stück zur Seite zu ruckeln. Nicht dass ich akut einen Ausstieg gesucht hätte, aber ich weiß gern, wo ich bin und welche Möglichkeiten es im Notfall gibt. Ich beugte mich dicht an den Spalt heran und schaffte es durch entsprechendes Kopfdrehen, in alle Richtungen zu schauen.
Rechts war nur eine schäbige, nackte Hauswand, eine senkrechte Front von sieben, acht Metern bis zu dem kahlen Bürgersteig. Kein Balkon, keine Holzverkleidung, kein Baum in erreichbarer Nähe. So weit ich sehen konnte, bestand das Viertel aus Tacquerias und Striplokalen, Autowerkstätten und Spielsalons, alles so tot und kaputt wie in einem Kriegsgebiet. Ich sah nach links und entdeckte zu meiner Erleichterung eine eiserne Feuertreppe. Im Notfall war ich wenigstens nicht ganz von der Außenwelt abgeschnitten.
Ich musterte den Raum. Ich war so erschossen, dass ich mich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Ich entschied mich für die klumpige Couch, die für meine Körperlänge ein Stück zu kurz war. Ich zog die Knie an und schlang die Arme tröstend um meinen Oberkörper. Was auch immer passieren mochte — ich brauchte dringend eine Runde Schlaf.
Als ich wieder aufwachte, konnte ich am Einfallswinkel des Lichts ablesen, dass es wohl so gegen vier sein musste. Die Tage waren schon sehr geschrumpft — das Zeichen für den plötzlichen Anbruch des Winters. Um diese Zeit werden alljährlich die Ofen in Betrieb genommen. Der Ster Eichenholz ist bereits geliefert und gestapelt. Die Kalifornier holen wie auf Verabredung ihre Wollsachen heraus und lamentieren über die Kälte, obwohl es draußen zehn Grad hat — das Frostähnlichste, was wir hier je erreichen.
Es war immer noch still in der Wohnung. Ich stand auf und schlich hinüber zum Wohnzimmer. Perro schnarchte, aber ich hielt es für eine List. Er hoffte wohl, ich würde versuchen, mich heimlich an ihm vorbeizudrücken, damit er plötzlich losspringen und mich am Hintern packen konnte. Ich drückte mich nach links in die Essecke vor der kombüsenartigen Miniküche. Hier hatte ich schon mal kurz den Kopf reingesteckt, um mir ein Bier zu holen, aber ich war nicht dazu gekommen, nach einem eventuellen Ausgang zu forschen. Ich hatte auf eine Hintertür gehofft, aber die Küche entpuppte sich als Sackgasse, und auch sonst schien es keinen anderen Weg nach draußen zu geben.
Ich warf einen Blick auf den Küchentisch, der immer noch voller Papierstapel war. Ich nahm ein Blatt von einem der Stöße und überflog es. Holla! Na, jetzt wusste ich wenigstens, warum der Typ vorhin so unlustig gewesen war. Diese gemeingefährlich aussehenden Batos Locos hatten die Bleistifte gewetzt und sich Versicherungsformulare vorgenommen, um dortselbst ein ganzes Sortiment dubioser Verletzungen einzutragen, von denen sie nicht einmal wussten, wie man sie schreibt. »Schläudertrauma« und »Prälungen« und »Schmerzen im untern und obern Rücken«. Einer hatte geschrieben: »Wir furen nach norden als uns das Auto hintendrauf für, das wir gegen ein Telefonmast krachten. Ich haute mit dem Kopf gegen die Windschuzscheibe und erlit Prälungen. Seit dem Unfall leide ich an Schläudertrauma mit Nackenschmerzen und außerdem schlimmen Kopfschmerzen, Doppelsehen und plötzlich einschisenden Schmerzen im Rücken.«
Als behandelnder Arzt war auf den meisten Formularen ein gewisser Dr. A. Vasquez genannt, dicht gefolgt von einem Chiropraktiker namens Fredrick Howard. Bei näherem Hinsehen merkte ich, dass sämtliche »Opfer« identische Schilderungen des »Unfallhergangs« geliefert hatten. Tomas’ Tun hatte darin bestanden, denselben Text immer wieder abzukupfern. Vorbereitung hin oder her, meine detektivischen Instinkte erwachten, und ich merkte, wie mich das Jagdfieber packte. Das hier war schon ein Teil von dem, was Dolan und Santos suchten — der Beweis für eine Betrugsaktion großen Stils, und sogar fein säuberlich mit den Namen der Beteiligten versehen. Bislang hatte ich noch keinen Aktenschrank oder dergleichen entdecken können, aber irgendwo musste Raymond den Papierkram ja lagern. Ich pickte mir auf gut Glück ein ausgefülltes Formular heraus, faltete es rasch zusammen, steckte es in meine Bluse und beförderte es durch Zupfen und Tätscheln eine Etage tiefer. Ich ließ die übrigen Blätter so liegen, wie ich sie vorgefunden hatte, und ging unter leisem Knistern wieder zum Gästeschlafzimmer zurück. Als ich an der Tür war, sah ich Raymond beim Fenster stehen und den Plastikbeutel durchwühlen, in dem ich meine Habseligkeiten aus dem Gefängnis mitgebracht hatte.
»Nur zu. Bedienen Sie sich. Leider hab’ ich nur zehn Dollar bei mir«, sagte ich von der Tür aus.
Wenn es ihm peinlich war, dass ich ihn ertappt hatte, ließ er es sich nicht anmerken. Für einen kurzen Moment herrschte Schweigen, und er absolvierte eine Serie von Zuckungen, die wir beide ignorierten. »Wer ist Hannah Moore?«
»Bitte?«
»Hannah Moore ist nicht Ihr richtiger Name.«
»Ach, nein? Na, das ist mir aber neu.« Ich bemühte mich um einen Ton irgendwo zwischen Scherzhaftigkeit und Konsternation.
»Der Führerschein da ist falsch.« Er warf die Karte auf den Boden und wandte seine Aufmerksamkeit den restlichen Dingen in dem Beutel zu.
»Wenn Sie’s unbedingt wissen wollen — meinen Führerschein haben sie mir so vor einem Monat abgenommen«, sagte ich kiebig. »Ein Freund hat mir den da organisiert. Haben Sie irgendwelche Probleme damit?« Ich stapfte durchs Zimmer, schnappte mir den Führerschein vom Fußboden und grabschte ihm im selben Schwung den Beutel aus der Hand.
»Ich hab’ überhaupt kein Problem«, sagte er. Mein Temperamentsausbruch schien ihn zu belustigen. »Wieso haben sie Ihnen den Führerschein abgeknöpft?«
»Ich bin bei einer Alkoholkontrolle erwischt worden. Schon das zweite Mal seit Juni.«
Ich sah, wie er diese Auskunft verarbeitete, noch nicht sicher, ob er mir glauben sollte. »Und was ist, wenn ein Bulle Sie anhält und Ihre Papiere überprüft?«
»Dann lande ich eben wieder im Gefängnis. Was macht das schon aus?«
»Und wie ist Ihr richtiger Name?«
»Wie ist Ihrer?«
»Wo ist Ihr Auto?«
»Kaputt. Ich muss das Getriebe machen lassen, aber ich hab’ nicht die Kohle dazu.«
Wir starrten uns in die Augen. Seine waren groß und dunkelbraun, mit dichten Wimpern. Er hatte dringend eine Rasur nötig, sein Kinn war grau von Stoppeln. Er trug jetzt leger geschnittene, aber gutsitzende Hosen und ein kurzärmeliges Seidenhemd in einem Blaugrünton, der seine Augen sehr warm wirken ließ. In Bekleidungsfragen war sein Geschmack eindeutig besser als in Sachen Einrichtung. Ich dachte, dass er wohl ganz schön Geld machen musste, was ja auch erklärlich war, wenn Santos’ Behauptungen stimmten. Raymonds Hals ruckte. Er warf den Kopf herum und schrie etwas, wobei er sich die Hand vor den Mund hielt, als müsste er husten.
Ich hörte die Tür des großen Schlafzimmers aufgehen. Gleich darauf kam Bibianna den Flur entlang. Sie war barfuß und trug ein kurzes, weißes Seidenhemd, das ihre Haut im Kontrast noch dunkler wirken ließ. Sie blieb in der Tür stehen, zündete sich eine Zigarette an und betrachtete mich interessiert. Ihr Blick war nicht recht zu deuten. Sie hatte die Haare auf dem Kopf zu einem schlampigen Knoten geschlungen. Ihre Augen wanderten zu Raymond hinüber. »Wo ist das Telefon?«
»Kaputt.«
»Das stimmt nicht. Du hast ja vorhin noch telefoniert.«
»Jetzt ist es kaputt. Du brauchst es doch nicht.«
»Ich will meine Mutter anrufen.«
»Das hat Zeit«, sagte er.
Sie stieß sich am Türpfosten ab, machte auf dem Absatz kehrt und verschwand den Gang hinunter in Richtung Wohnzimmer.
Er starrte ihr nach. Ein kaum merklicher Tick zuckte um seinen Mund. Er rollte den Kopf und bewegte den rechten Arm im Schultergelenk, um die Spannung zu lösen. Der arme Mann musste ja abends völlig erschöpft sein. Er schüttelte den Kopf. »Ich begreif das nicht. Ich hab’ doch alles für sie getan. Ich kauf’ ihr Kleider. Ich führ’ sie schick aus, beschaff ihr alles, was sie will. Sie braucht doch keinen Finger krumm zu machen. Nicht mal arbeiten muss sie. Ich hab’ eine große Kreuzfahrt mit ihr gemacht. Hat sie Ihnen davon erzählt?«
Ich schüttelte den Kopf.
»Fragen Sie sie mal. Sie wird’s Ihnen sagen. Da gab es vielleicht ein Essen! Einen Schwan aus Eis, bestimmt zwei Meter groß, und einen Sektbrunnen. Und die Wohnung hab’ ich ihr gekauft. Und wissen Sie, was sie sagt? Sie meint, das ist alles Schrott. Sie hasst das Apartment, sagt sie. Was ist denn bloß mit ihr los?« Seine Ratlosigkeit war mit Aggressivität untermischt. »Sagen Sie mir doch, was ich falsch gemacht habe. Sagen Sie mir, was ich noch tun soll.«
»In Beziehungsfragen bin ich nicht gerade eine Expertin.«
»Wissen Sie, was das Problem ist? Ich bin zu nett. Das ist es. Ich bin zu gut zu dieser Frau, aber ich kann nicht anders. So bin ich nun mal. Wir hatten schon alles für die Hochzeit vorbereitet. Hat sie Ihnen davon erzählt?«
»Ich glaube, Sie haben schon davon gesprochen.«
»Sie hat mir das Herz gebrochen, und ich kapier’ nicht, warum...«
»Also, eins kann ich Ihnen sagen, Raymond. Sie dürfen sich nicht an jemanden klammern, der gar nicht hier sein will.«
»Ist das so?« Er musterte mich so eindringlich, dass ich einen Moment lang schon dachte, ich könnte ihn vielleicht wirklich überreden, Bibianna loszulassen. Er schob die Hände in die Hosentaschen, und sein Gesicht wirkte im Dämmerlicht, als ob er vor sich hin brütete.
»Raymond?«, rief Bibianna aus dem Wohnzimmer. »Was ist das?«
»Was?«
Einen Augenblick später kam sie wieder herein, in der Hand ein Schnappmesser mit einem Horngriff. Die Klinge war dunkel von getrocknetem Blut.
Er fixierte das Messer. »Wo hast du das her?«
»Es lag in der Küche auf der Arbeitsplatte. Es ist deins. Ich kenne es.«
Er ignorierte ihre ursprüngliche Frage und streckte nur die Hand aus. Ich dachte an die zerschmetterten Spiegelkacheln und das kaputte Stuhlbein und die Blutspritzer an der Wand. Widerstrebend legte Bibianna das Messer in seine Hand. Sie schien beunruhigt. Das Blatt hatte sich erneut gewendet. Er drückte auf einen Knopf in dem Messergriff, und die Klinge verschwand wieder in ihrem Schlitz. Er steckte das Ding in die Hosentasche. Seine Augenlider zuckten. Sein Kopf ruckte zur Seite, und sein Mund öffnete sich weit.
Sie beobachtete ihn misstrauisch. »Wo kommt das ganze Blut her?«
»Zieh dich an. Wir gehen essen. Ihr können wir ja etwas mitbringen«, entgegnete er.
Mich packte freudige Erregung. Ich sehnte mich so sehr nach einem unbewachten Stündchen!
»Wieso kann Hannah nicht mitkommen? Sie ist sicher auch schon halb tot vor Hunger.«
»Sie kann sich ja solange schon mal was von dem Chili nehmen. Auf dem Herd steht ein großer Topf.«
Ich sagte so beiläufig wie möglich: »Ist schon gut, Bibianna. Ich bleib’ gern hier und leiste dem Hund Gesellschaft.« Ganz so, als wären Perro und ich alte Kumpels. Ich brannte darauf, allein zu sein und Dolan anzurufen, solange ich es noch konnte.
Die beiden verstrickten sich in eine längere Diskussion — wohin gehen, was anziehen? Ob sie nicht lieber auf Luis warten sollten, damit wir zu viert gehen könnten. Ich spürte, wie sich mir vor Anspannung der Magen zusammenkrampfte, aber ich wollte mir auf keinen Fall meine Ungeduld anmerken lassen. Raymond war dafür, auf Luis zu warten, aber Bibianna meinte, sie hätte keine Lust, mit ihm zusammen zu essen, und Raymond machte keinen ernsthaften Druck. Ich trat im Geist von einem Bein aufs andere.