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Ich legte meine Hand in seine und folgte ihm. Er war einer dieser Männer, die es schaffen, dass man sich auf der Tanzfläche fühlt wie Ginger Rogers, weil sie einem durch den Druck ihrer Hand im Kreuz die vielfältigsten Direktiven übermitteln. Er tanzte mehr oder minder automatisch, während seine Augen rastlos im ganzen Lokal umherschweiften und alles im Blick behielten. Dieses Verhalten kannte ich. Ein Polizist bleibt immer Polizist, ob nach Dienstschluss, im Urlaub oder im Ruhestand. Wer einmal dieses Training absolviert und verinnerlicht hat, wird immer wachsam sein und seine Umgebung ständig auf mögliche ungesetzliche Vorkommnisse kontrollieren. Jimmy mochte als Polizist seine Schwächen haben — und Bestechlichkeit gehörte sicher dazu — , aber ich konnte mir nicht vorstellen, was er anderes mit seinem Leben anfangen sollte. Es fiel mir schwer zu glauben, dass er so selbstzerstörerisch sein sollte, sich den einzigen Job zu verbauen, den er gern tat. Das lag zwar im Prinzip durchaus auf seiner Linie, aber es war dumm. Was sollte er denn sonst machen? Worauf wollte er den Rest seiner Zeit ver- . wenden?

Er spürte, dass es in mir arbeitete, und wandte mir seine Aufmerksamkeit zu. »Warum so still?«

»Ich habe über diese Prozessgeschichte nachgedacht und mich gefragt, wie du überhaupt in diese Sache hineingerutscht bist.«

»Ich habe meine Straftäterkarriere schon als Jugendlicher begonnen«, sagte er.

»Da warst du zwölf. Du hattest nichts zu verlieren. Ich weiß, dass du Probleme hattest, aber ich habe dich nie für kriminell gehalten.«

»Nimm’s nicht so tragisch. Was heißt das schon? Ich bin nicht krimineller als alle anderen. Hör mal zu, Kinsey, du weißt doch, wie das ist. Natürlich habe ich manchmal ein paar Scheine abgezweigt. Verdammt noch mal, das tut doch jeder. Schon an meinem ersten Arbeitstag habe ich mitgekriegt, wie die Jungs ihren Teil eingesackt haben. Das war doch nun wirklich nichts Neues — es war nur besser organisiert. Ich habe doch nicht armen alten Frauen ihre Rente geklaut. Das waren gottverdammte Kokain-Dealer — der absolute Abschaum. Das letzte vom letzten. Das Geld war noch nicht mal legal, aber es war da. Kannst du dir vorstellen, wie das ist, so einen Laden hochgehen zu lassen? Du kommst rein, und da liegen zweihunderttausend Eier — ach, Scheiße noch mal, ein halbe Million — einfach so auf dem Tisch, lauter hübsche Bündel, alle schön ordentlich mit Gummis drum. Es kommt dir vor, als sei es gar nicht echt. Wie Spielgeld. Da kräht doch kein Hahn danach, ob ein Bündel verschwindet. Wer soll schon was sagen? Die Geldwäscher? Quatsch. Die nehmen sowieso nichts bar auf die Hand, weil man ihnen dann nämlich nichts nachweisen kann. Wenn die Kohle schließlich registriert wird, sind es eben zwanzigtausend weniger. Wer weiß schon, wo die geblieben sind? Wen juckt’s?«

»Aber nach dem, was in den Zeitungen stand, habt ihr mehr als zwanzigtausend mitgehen lassen. Seid ihr nie auf die Idee gekommen, dass euch jemand eine Falle bauen könnte?«

»Sergeant Renkes hat doch viermal so viel abgesahnt wie wir, warum sollten wir da auf die Idee kommen, dass er uns reinlegen will? So wie es aussah, hatte er doch viel mehr zu verlieren als wir.«

»Aber wieso habt ihr so offen mit dem Geld um euch geworfen?«, fragte ich. »In der Zeitung stand was von Rennbooten und Eigentumswohnungen... Luxuswagen. Von einem Polizistengehalt? Habt ihr nie dran gedacht, dass das auffallen muss?«

Jimmy lachte. »Sagt ja keiner, dass wir besonders schlau waren. Ich wollte auch mal was vom Leben haben. Wir alle, ist ja auch klar, oder? Und dann stellt sich plötzlich raus, das Ganze war eine Falle. Mag ja sein, dass wir da hätten draufkommen können. Jedenfalls hat Bosco sich deswegen die Kugel in den Kopf gejagt. Weil sie uns geleimt hatten und er keinen Ausweg mehr sah. Renkes war der Boss unsrer Einheit... er hat das Spiel angeleiert und uns aufgefordert, alle mitzuspielen, und dann hat er uns hochgehen lassen. Das Ganze war nichts als ein internes Großreinemachen, und Danny Renkes war der Besen.«

»Wusstet ihr denn, dass da was im Busch war?«

»Irgendwie schon, klar. Es wurde seit Monaten so was ge-munkelt. Aber niemand wollte es glauben. Ich war damals gerade krankgeschrieben, deshalb war ich nicht dabei, als sie die anderen hochgenommen haben. Aber ich war natürlich auch mit von der Partie gewesen, und Renkes wusste das. Sobald ich zum ersten Mal was läuten hörte, hab’ ich sofort rumgefragt, was ich machen soll. Und alle haben mir dasselbe gesagt. Geh in Deckung junge. Sieh zu, dass du da rauskommst. Such dir einen Anwalt, bevor die ganze Scheiße über dich reinbricht wie ein Hurrikan. Ich habe mir den gerissensten Kerl in der ganzen Branche genommen. Hat mich alles gekostet, was ich besaß, war aber jeden Penny wert. Wilfred Brentnell. Schon mal von ihm gehört?«

»Wer nicht? So weit ich weiß, hat er nur einmal eine Sache verloren, und das war hier bei uns. Nikki Five, erinnerst du dich? Ich glaube, das Gericht in Santa Teresa hat sich von seinen Künsten einfach nicht so beeindrucken lassen.«

»Das ist nun mal die Provinz. Der Mann ist ein Fuchs. Einfach genial. In der Szene heißt er >der krumme Willy<, weil er mal einen Unfall hatte und einer seiner Finger krumm geblieben ist.«

»Und Renkes? Bist du nicht stinksauer auf ihn?«

»Ach, ich nehm’s ihm nicht übel. Ich meine, ich kann verstehen, warum er’s getan hat. Ich hätte es zwar nicht getan, aber ich saß ja auch nicht in der Klemme. Ich hatte ja nicht die Staatsanwaltschaft auf dem Hals, die mir einen Deal anbietet.«

»Einen Deal?«

»Na klar. Sie hatten ihn wegen einer anderen Sache am Arsch. Das wusstest du doch, oder nicht?«

Ich schüttelte den Kopf. »Ich habe die Geschichte nur bruchstückhaft mitgekriegt.«

»War aber so. Sie hatten ihn in der Zange. Was Renkes gemacht hat — er ist zusammengeklappt und hat uns verkauft. Er hat kalte Füße gekriegt. Er hätte es auf seine Kappe nehmen sollen, statt uns alle zu verpfeifen. Aber so ist das Leben nun mal.«

Die Musik hörte auf. Wir schoben uns wieder zum Tisch zurück und kamen unterwegs an Bibianna vorbei. Jimmy stieß eine Art tiefen Knurrlaut aus und packte sie am Nacken. Sie drehte sich lächelnd zu ihm um, und er zog sie an sich, in eine von Beckenschubbern begleitete Umklammerung, die wohl seine Besitzrechte geltend machen sollte. Bibianna stieß ihn zurück, aber sie lachte dabei, und es steckte keine Kraft dahinter. Er schlang den Arm um sie und nahm sie in einen zärtlichen Schwitzkasten. Sie küssten sich wieder. Ich fühlte, wie sich meine Augen verdrehten. Wir setzten uns und orderten noch eine Runde Bier.

Der Geräuschpegel stieg, da der Alkohol ein hektisches Tohuwabohu aus Lachen und lautem Gerede entfesselte, durchsetzt mit aggressiven Tönen. Die Luft war grau von Zigarettenrauch, und das Slammer-Gebummer hallte jetzt so stetig durch den Raum wie die Hammerschläge eines Zimmermannstrios. Die Musik setzte wieder ein, diesmal begleitet von Lichteffekten, die offensichtlich darauf angelegt waren, uns alle endgültig in den Wahnsinn zu treiben. Ein betrunkener Tänzer kippte hintenüber und krachte gegen einen der Tische. Stimmen kreischten, ein Stuhl ging zu Bruch, Gläser zerbarsten zu einem Regen aus Scherben und Tequila. Jimmy und Bibianna schienen überhaupt nichts mitzubekommen. Sie waren in eine Art Sitz-Version von Dirty-Dancing versunken und imitierten all diese fürchterlichen Filmszenen, in denen die Liebenden ihre Zungen spielen lassen und sich gegenseitig die Lippen beknabbern. Mit einem Liebespaar zusammen sein kann eine harte Prüfung sein, wenn man selbst allein ist. Die Luft knisterte, und zwischen ihren Körpern sprang ein unsichtbarer Funkenbogen hin und her. Sobald sie sich in die Augen sahen, merkte ich förmlich, wie ihre Dessous feucht wurden.

Ich sah auf meine Armbanduhr: Viertel nach elf. Genug. Ich schob geräuschvoll meinen Stuhl zurück. »So, das war’s für mich«, sagte ich. »Zeit zum Schlafengehen. Gute Nacht. War ein toller Abend.« Es dauerte eine Weile, bis ich zu ihnen durchdrang. Jimmy schaffte es schließlich, aus einem Bungee-Kuss aufzutauchen. Er sah mich, noch immer schwer atmend, aus schwerlidrig-erstaunten Augen an.

»Lasst euch nicht stören«, sagte ich.

Die Lust hatte seine Reaktionen verlangsamt, und ich sah, wie er sich mühte, seine Stimme wieder zu finden. »Geh noch nicht«, krächzte er. »Bleib noch. Wir müssen noch reden.«

»Worüber?«

Bibianna musste sich zwar Vorbeugen, um sich verständlich machen zu können, schien aber vergleichsweise klar. »Zu viel Krach hier. Wir gehen noch schnell nach nebenan, einen Happen essen. Kommen Sie doch mit.«

Ich schwankte. Ich hatte einen Großteil des Tages darauf verwandt, diesen Kontakt herzustellen, und es war sicher klug, die Beziehung noch ein wenig zu festigen. Natürlich bestand die Gefahr, dass Jimmy meine wahre Identität aufdeckte, aber ich verließ mich eigentlich darauf, dass er den Mund halten würde. Im Moment schien er sowieso nur das eine im Kopf zu haben. Sie genossen die Vorlust, indem sie das Unausweichliche noch ein bisschen hinausschoben, während ich hier dumm rumsaß. Ach, verdammt, dachte ich, ich lande sowieso allein in meinem Bett, warum dann so eilig? Ich zog meine Lederjacke zu und wartete, bis sie ihre verschiedenen Körperteile entwirrt hatten. Als wir uns durch das Gedränge zum Ausgang zwängten, bekam ich zwei Anträge, die ich aber nicht weiter ernst nahm. Beide Interessenten adressierten mich mit »He, du... du da...« und unterstrichen ihr Anerbieten mit viel Mimik und Gestik. Der eine Knabe sah aus wie sechzehn. Der andere hatte einen großen, vorstehenden Goldzahn.

Wir traten hinaus in einen leichten Regen. Jimmy nahm Bibianna bei der Hand, und sie rannten los. Ich trabte hinterher und holte sie vor dem Eingang des kleinen Restaurants drei Häuser weiter ein. Nach der Total-Beschallung in dem Tanzschuppen war das Café zunächst still wie ein Psycho-Tank. Das Bourbon Street war klein, nur ein langer, schmaler Raum, der wie eine New-Orleans-Theaterkulisse aussah. Die Wände waren aus Mauersteinen, mit lauter falschen Fenstern und Türen, die von hinten beleuchtet waren, damit es aussah, als verberge sich dahinter ein gemütliches Interieur. In Höhe der zweiten Etage sprang eine Galerie von Baikonen hervor, stilecht mit schmiedeeisernen Gittern. Die Pseudo-French-Quarter-Atmosphäre komplettierten Wandlaternen mit schwachen Kerzenbirnen, die wie windgeplagte Flammen flackerten. Künstlicher grüner Efeu rankte sich die Wand empor und sah sehr echt aus. Ich hätte schwören können, dass ich die Brise roch, die in den Blättern zu rascheln schien.

Die Küche war in einem kleinen Nebenraum versteckt. Ein Duft nach Shrimps étouffées und gegrilltem Rotfisch hing in der Luft, so, als wehten einem die Gerüche eines Familien-Sonntagsessens in die Nase. Es gab insgesamt siebzehn Tische, die meisten frei und alle mit weißen Papierdecken. Hurrikan-Lampen spendeten ein Licht, das den Gästen schmeichelte und doch zum Essen ausreichte.

Jimmy bestellte Cajun Popcorn — frittierte Langustenstückchen mit einer würzigen Sauce — und anschließend eine Schüssel Jambalaya für uns alle. Bibianna wollte Austern als Vorspeise. Ich sah zu, wie sie über das Menü verhandelten, und fühlte mich merkwürdig passiv. Sie debattierten über die Frage Wein oder Bier und orderten schließlich beides. Sie wurden immer neckischer, während ich merkte, wie ich mich immer unbeteiligter fühlte. Ich knabberte an einem Maisbrötchen und versuchte, herauszufinden, wie spät es jetzt wohl für Dietz sein mochte. In Deutschland war es immer... wie war das noch... acht Stunden später? Ich gab mich ein paar unsittlichen Dietz-Fantasien hin, während ich Bibianna und Jimmy wie durch einen durchsichtigen Spiegel beobachtete. Es war offenkundig, dass da mehr lief als nur eine kurze Bumsgeschichte. Jimmy Tate war ein gut aussehender Bursche mit dem sonnigen Charme eines kalifornischen Surfers, und sein Gesicht, das sonst vielleicht zu hübsch gewesen wäre, um einen wirklich anzusprechen, bekam durch die Metallbrille etwas Interessantes. Hübsche Männer haben mich nie gereizt, aber er war eine Ausnahme, vielleicht aufgrund unserer gemeinsamen Geschichte. Er hatte sich in den vierunddreißig Jahren seines Lebens viel zugemutet — Alkohol und Drogen, lange Nächte, Kneipenschlägereien — , und allmählich zeigten sich die ersten Spuren. Ich sah die feinen Linien um seine Augen und tiefere um seinen Mund. Bibiannas Jugend und ihre dunkle südländische Schönheit waren der perfekte Kontrapunkt zu seiner blonden, blauäugigen Attraktivität. Sie schienen wie füreinander gemacht, ein verkrachter Polizist und eine Schwindel-Künstlerin... beide bereit, den kürzesten Weg zu nehmen, auch wenn es nicht unbedingt der legale war, beide darauf aus, das System für ihre Zwecke zu manipulieren, beide auf der Jagd nach dem schnellen Geld. Sie waren keine schlechten Menschen, aber sie mussten wohl jeder die kriminelle Ader im anderen gewittert haben. Ich fragte mich, was sie zueinander hingezogen haben mochte, ob sie gegenseitig den Hang zur Rebellion und zur Missachtung von Spielregeln gespürt hatten. Diese Ähnlichkeit sprang zwar nicht sofort ins Auge, aber ich glaube, Liebende haben ein untrügliches Gespür für die Eigenschaften im anderen, die für sie anziehend und fatal zugleich sind.

Als das Essen kam, fielen sie mit der gleichen Gier darüber her wie vorhin übereinander, wobei sie nebenher zu zweit eine Flasche Rotwein niedermachten. Mir war nicht nach noch mehr Alkohol. Ich widmete mich meinem Essen mit jener genießerischen Hingabe, die nur als Sublimierung zu erklären ist. Nach dem vielen Bier war es ganz gut, wenn ich meinem Kopf vor der Heimfahrt noch Gelegenheit gab, ein bisschen klarer zu werden. Das Lokal begann sich jetzt mit hungrigen Nachtschwärmern zu füllen. Der Geräuschpegel stieg, konnte sich aber mit dem von eben nicht einmal ansatzweise messen. Ich bekam diffus mit, wie sich die Tür in meinem Rücken in kurzen Abständen öffnete, um das Mitternachtsvölkchen hereinzulassen — Leute auf der Suche nach einem heißen Kaffee, einem Stück Süßkartoffel-Pie. Das Bier machte sich bemerkbar. »Wo sind denn die Toiletten?« Bibianna zeigte auf den rückwärtigen Teil des Lokals. Sie und Tate hatten beide ganz schön einen sitzen, und ich fragte mich, ob ich sie wohl im Interesse der allgemeinen Sicherheit zu Bibianna nach Hause kutschieren sollte.

»Bin gleich wieder da«, sagte ich.

Ich wand mich zwischen den Tischen hindurch und erspähte das Schild, das den Weg zu den Toiletten und den Telefonen wies. Ich zwängte mich durch eine Tür aus Hurrikan-Fensterläden und fand mich in einem kleinen Gang mit der gleichen Flackerbeleuchtung. Am Ende des Gangs flankierten zwei Münztelefone einen Hinterausgang, über dem ein Schild mahnte: Diese Tür muss während der Öffnungszeiten unverschlossen bleiben. Zu meiner Rechten entdeckte ich die Türen mit Herren und Damen. Ich ging in Damen. Hier war die Beleuchtung besser. Die Ausstattung bestand aus einer Ablage mit zwei eingelassenen Waschbecken und einem breiten Wandspiegel darüber, einem Papierhandtuch-Spender über einem metallenen Abfalleimer und zwei Toilettenkabinen, von denen eine besetzt war. Ich ging in die andere. Eine nicht ganz bis zum Boden reichende Zwischenwand trennte mich von meiner Nachbarin, deren ausgiebige Verrichtung sich anhörte, als ob jemand eine Literflasche Limonade aus großer Höhe auskippte. Ich betrachtete abwesend ihre Schuhe: gemusterte Strümpfe, Sling-Pumps mit hohen Absätzen. Blinzelnd beugte ich mich näher heran. Diese Schuhe oder ein Paar ganz ähnliche hatte ich heute an der blonden Frau bei der CF gesehen. Nebenan ging die Spülung. Ich arrangierte hastig meine Klamotten, während sie sich die Hände wusch und ein Papierhandtuch aus dem Spender zog. Es raschelte, als sie sich die Hände abtrocknete. Ich betätigte ausgiebig die Spülung, um Zeit zu schinden. Ich traute mich nicht, meine Kabine zu verlassen, bevor sie nicht draußen war, weil ich fürchtete, sie könnte mich wiedererkennen. Dann hörte ich ihre Pfennigabsätze über den Fliesenboden klacken. Sobald sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, trat ich heraus. Ich ging rasch zur Tür und steckte vorsichtig den Kopf hinaus. Da war sie, an einem der Münztelefone, gerade dabei, eine größere Zahl von Münzen einzuwerfen. Sie drehte sich zur Wand hin, als wollte sie sichergehen, dass sie nicht belauscht wurde. Es war die Frau, die sich als Karen Hedgepath ausgegeben hatte: stachlige, blonde Punkfrisur, strenges Bürokostüm. Sie kehrte mir ihr Profil zu und hielt sich mit der rechten Hand das Ohr zu, um sich gegen den Krach aus dem Restaurant abzuschirmen. Aus der Veränderung ihrer Haltung schloss ich, dass am anderen Ende jemand abgenommen hatte. Sie begann, schnell zu sprechen und dabei mit der freien Hand zu gestikulieren. Ich drehte ihr rasch den Rücken zu und eilte ins Restaurant zurück, während sie noch telefonierte. Ein kurzer prüfender Blick bestätigte mir, dass auch der bullige Typ mit dem karierten Sakko anwesend war. Er saß mit dem Rücken zu mir an einem Zweiertisch an der einen Längswand, aber ich erkannte ihn an seinem Jackett und an den Schultern. Er rauchte eine Zigarette, und vor ihm auf dem Tisch konnte ich eine Flasche Rotwein ausmachen.

Unsere Plätze waren so verteilt, dass ich mit dem Gesicht in Richtung Toiletten und mit dem Rücken zum Eingang saß, Bibianna rechts neben mir und Jimmy Tate mir gegenüber. Ich dämpfte meine Stimme und hielt ein wachsames Auge auf die Sturmläden-Tür, für den Fall, dass die Blonde plötzlich auftauchte. Bibianna bemerkte meine Gespanntheit und sah mich neugierig an. Ich hielt ihr die Speisekarte hin und sagte: »Beobachten Sie ganz unauffällig die Tür zu den Toiletten. Dort wird gleich eine blonde Frau herauskommen. Stellen Sie fest, ob Sie sie kennen, aber passen Sie auf, dass sie nichts merkt. Klar?«

»Warum? Was ist denn?«, fragte Bibianna.

»Ich habe sie telefonieren hören, draußen vor dem Klo, und sie hat von Ihnen gesprochen.«

»Von mir?«

Jimmy beugte sich vor. »Was soll das?«

Die Blonde trat durch die Sturmläden-Tür. Ihr Blick blieb kurz an unserem Tisch hängen und wanderte dann weiter. »Nicht den Kopf drehen«, flüsterte ich, ohne die Lippen zu bewegen.

Bibiannas Augen huschten zu der Frau hinüber. Sie beherrschte sich, aber ich sah, wie das Leben aus ihrem Gesicht wich. »Verdammter Mist. Ich muss hier raus«, sagte sie.

Ich hielt ihr eine geöffnete Speisekarte hin und zeigte mit dem Finger auf den obersten Posten unter der Rubrik Nachspeisen, die obligatorische Limonentorte. Im Plauderton sagte ich: »Nehmen Sie Ihre Handtasche und tun Sie so, als wollten Sie zum Klo. Verschwinden Sie durch die Tür am Ende des Gangs und warten Sie dort, wo die kleine Gasse hinter dem Restaurant auf die Straße stößt. Einer von uns wird Sie dort abholen. Lassen Sie Ihre Jacke über dem Stuhl hängen. Es muss so aussehen, als kämen Sie gleich wieder. Okay?«

Jimmys Blick schwenkte von Bibianna zu mir. »Was geht hier vor?«

Bibianna stand auf und angelte nach ihrer Handtasche. Zu spät. Die beiden kamen schon auf uns zu. Die blonde Frau legte mir eine kräftige Hand auf die Schulter und nagelte mich auf meinem Stuhl fest. Der Typ presste Bibianna eine 45er Browning in den Rücken wie ein Orthopäde, der die Wirbelsäule nach einer verrutschten Bandscheibe sondiert. Ich sah, wie Jimmy nach seiner 38er greifen wollte, aber der Typ schüttelte den Kopf. »Ich kann Sie auch umlegen, wenn’s Probleme gibt. Ihre Sache.«

Jimmy legte beide Hände flach auf den Tisch.

Bibianna raffte ihre Jacke und ihre Handtasche an sich. Jimmy und ich sahen hilflos zu, wie die drei sich in Richtung Hintertür entfernten. Jimmys Reflexe in solchen Situationen waren besser als meine. In der Sekunde, als sie verschwunden waren, schoss er wie der Blitz zum Vorderausgang, verfolgt von den irritierten Blicken der Gäste, die er unterwegs angerempelt hatte. Er hatte keine Zeit für Höflichkeiten. Die Vordertür flog mit einem Rumms nach draußen auf, und weg war er. Ich warf ein paar Scheine auf den Tisch und stürzte hinter ihm her.

Als ich draußen ankam, rannte er schon mit fliegenden Ellbogen und gezückter Pistole auf die Ecke zu. Die Straßen waren feucht, die Luft nieselig. Ich lief hinter ihm her, mitten durch eine Pfütze. Ich hörte Reifenquietschen aus dem Gässchen hinter dem Gebäude, wo die beiden offenbar einen Wagen deponiert hatten. Ich erreichte die Kreuzung wenige Sekunden nach Jimmy. Ein Ford Sedan schoss aus der Mündung des Gässchens drei Häuser weiter. Ich sah Jimmy wie in Zeitlupe in Stellung gehen und schießen. Das Rückfenster zersprang. Er schoss noch einmal. Der rechte Hinterreifen platzte. Der Ford brach aus und schleuderte gegen einen am Straßenrand geparkten Lieferwagen. Ich hörte das dumpfe Krachen kollidierender Metallmassen. Die vordere Stoßstange des Ford fiel scheppernd auf den Asphalt, und ein Regen von Glasstückchen ging mit zartem Klimpern nieder. Die wenigen Fußgänger im nächsten Umkreis suchten Deckung, und ich hörte den lang gezogenen Schrei einer Frau. Die Vordertüren des Ford flogen fast gleichzeitig auf. Die blonde Frau stieg auf der Beifahrerseite aus, der bullige Typ auf der Fahrerseite, wo er sich umdrehte, hinter der offenen Tür in Deckung ging und zielte. Ich warf mich hin und drückte mich im Schutz einer Reihe von Mülltonnen flach auf den Boden. Der Schusswechsel klang wie das Ploppen von Popcorn in einer geschlossenen Pfanne. Ich zog den Kopf ein, Dreck zwischen den Zähnen, in der Nase eine Mischung aus Müllgestank und dem Geruch von nassem Asphalt. Ich hörte drei weitere Schüsse fallen, von denen einer nicht weit von meinem Kopf Teerstückchen aufspritzen ließ. Ich hatte Angst um Jimmy, aber seltsamerweise auch um Bibianna. Ich hörte jemanden rennen. Irgendwer lebte jedenfalls noch — ich wusste nur nicht, wer. Ich hörte die Schritte leiser werden, dann war Ruhe. Ich stützte mich auf alle viere hoch und kroch hinter ein parkendes Auto. Ich spähte über die Kühlerhaube. Jimmy stand drüben auf der anderen Straßenseite. Dann ließ er sich jäh auf den Bordstein sacken, den Kopf auf den Knien. Von der Blonden war nichts zu sehen. Bibianna klammerte sich, offenbar unverletzt, an den hinteren Kotflügel des Ford und schluchzte hysterisch. Ich richtete mich auf, verblüfft über die plötzliche Stille. Ich ging vorsichtig auf Bibianna zu, weil ich mich fragte, wo wohl der Typ mit dem karierten Sportsakko abgeblieben war.

Ich hörte ein Keuchen, ein gequältes Ächzen, das sowohl nach Schmerz als auch nach äußerster Anstrengung klang. Dann sah ich ihn, auf der anderen Seite des Ford. Er schleppte sich am Boden den Gehweg entlang. Zwischen seinen Schulterblättern war ein feuchter Fleck von hellrotem Blut. Über die linke Seite seines Gesichts strömte Blut aus einer Kopfwunde. Er schien ganz auf sein Unterfangen konzentriert, wild entschlossen, es zu schaffen. Er bewegte sich mit der prekären Koordination eines Krabbelkindes, dessen Gliedmaßen immer wieder gegeneinander arbeiten. Vor Frustration über sein langsames Fortkommen begann er zu weinen. Er war wohl immer jemand gewesen, der sich auf seine körperlichen Kräfte verlassen hatte, der schon allein aufgrund seiner Größe eine gewisse unangefochtene Stellung genoss. Jetzt war seine Körpermasse für ihn ein Hemmschuh, eine Last, die er nicht bewegen konnte. Er legte den Kopf auf den Boden, um sich einen Moment auszuruhen, ehe er sich wieder an sein Zentimeterwerk machte. Eine kleine Menschenmenge hatte sich zusammengeschart, wie Zuschauer am Ziel einer Marathonstrecke. Niemand feuerte ihn an. Die Gesichter waren respektvoll, unsicher, ratlos. Eine Frau trat auf den verletzten Mann zu, hockte sich neben ihn und streckte vorsichtig die Hand aus. Als sie ihn berührte, brach ein dumpfes Geheul aus ihm heraus, kehlig und voller Pein. Es gibt keinen schrecklicheren Laut als die Klage eines Menschen über seinen eigenen Tod. Die Frau hob die Augen und sah die Umstehenden benommen an.

»Hilfe«, rief sie heiser. Sie schaffte es nicht, ihrer Stimme Volumen zu geben. »Helft ihm doch. Kann denn keiner helfen?«

Niemand rührte sich.

Jetzt waren schon die Sirenen zu hören. Jimmy Tate hob den Kopf.