14
Sie gingen schließlich um kurz vor sieben, nach einem quälenden Hin und Her. Perro blieb an seinem Platz bei der Tür, wo er weiter an seiner Leine kaute. Er hatte Zähne, wie man sie sich an einem Dinosaurierskelett denken könnte, perfekt geeignet, Alligatoren und handlichere Säugetiere zu zermalmen. Sobald die Tür hinter ihnen ins Schloss gefallen war, stürzte ich in das Gästeschlafzimmer, wo ich mir zuerst eine Minute Zeit nahm, das Schadensformular aus meinem Dekolleté zu nesteln und unter einem der Couchpolster zu verstecken. Dann machte ich mich auf die Suche nach dem verschwundenen Telefon. Ich begann im großen Schlafzimmer und nahm mir zuerst die Schubladen vor. Es schien mir unwahrscheinlich, dass er den Apparat zwischen Bibiannas Sachen versteckt hatte. Also ersparte ich mir ihre Kommode, um mich ganz auf seine zu konzentrieren. Wahrscheinlich hatte sie auch schon erfolglos gestöbert.
Die Schublade ganz oben links war voller unsortierter Socken und plump gefalteter Taschentücher. Die rechts daneben barg jene Sorte Kleinkram, von der man sich einfach nicht trennen mag: Streichholzbriefchen, Manschettenknöpfe, Krawattennadeln, einen Klemmhalter für Joint-Stummel, Kleingeld, eine Brieftasche, die noch ganz proper aussah, aber keine Kreditkarten mehr enthielt. Ein dünnes, braunes Sparbuch, das ein Guthaben von dreiundvierzigtausend Dollar auswies. Eins tiefer lagen zusammengefaltete Hemden und darunter die Pullover. In einem Karton ganz hinten in der Schublade fand ich zwei Pistolen. Die eine war eine halbautomatische 30er Broomhandle-Mauser im Originalkasten, mit Reservemagazin, Laufreiniger, Test-Zielscheibe und einem Schächtelchen Patronen. Ich beugte mich darüber und schnupperte am Lauf, ohne die Waffe zu berühren. Sie war nicht frisch gereinigt, roch aber auch nicht, als wäre sie kürzlich erst abgefeuert worden. Die zweite Waffe war eine 38er SIG-Sauer P 220-Super, die gut und gern dreihundertfünfzig Dollar kostete. Sollte ich eins von den Dingern an mich nehmen? Nein, nicht jetzt. Das wäre unklug. Unter dem Karton lag ein Sammelsurium von kalifornischen Führerscheinen nebst dazugehörigen Personalausweisen. Ich notierte mir im Geist, dass ich mir diese Papiere bei Gelegenheit noch einmal näher ansehen wollte. Ich legte die Pistolen wieder auf den Ausweishaufen.
Ich durchsuchte Ober- und Unterteil des Schranks, indem ich in allen Stapeln und Haufen stöberte, die groß genug waren, um ein Telefon zu verdecken. Ich lugte unters Bett und in die Nachttischschubladen. Dann ging ich ins zugehörige Bad, das größer war als das Gästebad, aber keineswegs sauberer. Das Medizinschränkchen war zu klein, als dass jemand irgendwas darin hätte verstecken können. Ich wühlte im Wäschepuff. Da war das Telefon, ganz unten auf dem Grund. Ich stieß einen kleinen Freudenschrei aus und zog den Apparat unter einem Berg dreckiger Unterwäsche hervor. Ich wusste, im Wohnzimmer war eine Steckdose, aber ich traute mich nicht, es dort einzustöpseln. Luis konnte jede Minute kommen, und ich wollte nicht, dass er mich mit dem Hörer am Ohr ertappte.
Ich suchte über den Fußleisten im Schlafzimmer nach einer zweiten Dose, konnte aber auf den ersten Blick keine entdecken. Ich ließ mich auf alle viere nieder und kroch, das Telefon mitschleppend, die Wände entlang. Ich spähte hinter die Kommoden und die Nachttische. Schließlich entdeckte ich eine Dose hinter dem Riesenbett, ziemlich genau in der Mitte. Indem ich mich platt auf den Bauch legte und mit dem ausgestreckten Arm zwischen den Staubflusen herumfuhrwerkte, gelang es mir, das kleine Nippeldings an der Telefonstrippe in das zugehörige Loch in der Dose zu stecken. Ich lag noch bäuchlings auf dem Boden zwischen Bett und Schrank, als plötzlich der Hund zu bellen begann. Luis. Scheiße! Ich zerrte den Stecker wieder aus der Dose und schleuderte die Schnur unter dem Bett hervor. Perro bellte so laut, dass ich nicht hören konnte, ob Luis schon in der Wohnung war oder nicht. Ich flitzte ins Bad und wickelte unterwegs die Schnur um das Telefon.
»Hey! Keiner da?« Er war schon drinnen.
»Luis? Sind Sie’s? Ich bin hier im Bad«, rief ich.
Ich schob das Telefon in den Wäschepuff und deckte die Dreckwäsche darüber. Dann sah ich in den Spiegel. Ich pflückte mir ein Hundehaar von der Lippe und hatte gerade noch Zeit, mir ein Handtuch um den Kopf zu schlingen, ehe Luis in der Badtür stand. Er trug jetzt ein Flanellhemd. Die langen Ärmel verhüllten seine schmucken Tätowierungen, aber aus den Manschetten ragten noch je ein Paar Entenfüße hervor. Er inspizierte das Bad. Dann sah er mich an. In seinen Augen lag eisiger Argwohn.
»Wo ist Raymond?«
»Er ist mit Bibianna weggegangen.«
»Was haben Sie hier zu suchen?«
»Bibianna hat gesagt, ich könnte mir ihren Föhn borgen«, antwortete ich, betend, dass sie einen besaß. Ich sah verstohlen zu dem Wäschepuff hinüber. Eine kleine Kabelschlaufe hing auf der einen Seite heraus. Ich machte einen Schritt zur Seite, um ihm den Blick auf das Ding zu verstellen. »Ich bin gleich fertig.«
Er starrte mich an. Sein Gesicht war oval, mit vorstehenden Wangenknochen und einem kleinen, spitzen Kinn. Die Zähne waren in gutem Zustand, aber er hatte einen unangenehmen schmalen Mund, den das klägliche Bärtchen noch betonte. Seine dunklen, anliegenden Haare endeten hinten in einem kleinen Schwänzchen, das die Wollmütze bisher verhüllt hatte. Er musste Ende zwanzig sein. »Haben sie was gesagt, wann sie wieder zurück sein wollten?«
»Ich erzähl’s Ihnen gleich, ja? Ich möchte nur eben noch schnell meine Haare fertig machen«, sagte ich. Ich griff nach der Badezimmertür, um sie zuzumachen, was ihn zwang, einen kleinen Schritt zurückzutreten. Ich schloss die Tür mit Nachdruck, wartete eine halbe Sekunde und riss sie dann wieder auf. Er fuhr verlegen hoch. Er steckte die Daumen in die Gürtelschlaufen und schlenderte lässig in Richtung Wohnzimmer davon.
»Sehr taktvoll!«, rief ich ihm nach. Dann knallte ich unterstreichungshalber die Tür mit Schwung zu. Ich knipste den Föhn an, legte ihn auf den Klodeckel und ließ ihn laufen, während ich die Schnur ordentlich um das Telefon wickelte, das Ganze sorgsam wieder so im Wäschepuff verstaute, wie ich es gefunden hatte, und die Wäsche darüber drapierte. Nachdem ich den Deckel sorgfältig platziert hatte, nahm ich den heulenden Föhn an mich. Ich beugte mich vornüber und pustete meine hängenden Haare etwa eine Minute mit dem heißen Luftstrahl durch. Als ich mich wieder aufrichtete, sah ich zwar nicht besser aus, aber anders: wie ein Klettenbusch ohne Blätter. Ich knipste den Föhn aus und ging hinüber ins Wohnzimmer.
Es wurde ein friedlicher Abend. Luis schien weder von einem Übermaß an Intellekt noch von Neugier geplagt, sodass sich die Konversation auf ein Minimum beschränkte. Er saß auf dem Nicht-Hund-Ende der Couch und ich im Sessel. Er stellte den Fernseher an. Er hatte eine sehr begrenzte Konzentrationsspanne und eine geringe Komplexitätstoleranz. Ab und zu bekundete er durch sein Verhalten, dass er sich meiner Gegenwart auf eine durchaus wache Weise bewusst war — eine eigenartige Intensität, nicht offen, aber doch greifbar. Seine sexuelle Ausstrahlung war schwer und schwül, wie der Duft von Orangenblüten an einem feuchtwarmen Sommerabend. Er verfolgte mehrere Sendungen gleichzeitig, indem er per Fernbedienung von einem Kanal zum anderen schaltete. Der Hund starrte mich über alle Auto-Verfolgungsjagden und Konserven-Lachsalven unverwandt an, und wenn ihn mein Blick zufällig streifte, schienen sich seine kleinen Äuglein zu verengen.
Um zwanzig nach zehn erschienen Raymond und Bibianna mit einem Rieseneimer Hühnerteile aus irgendeinem Kentucky-Fried-Chicken-Schuppen. Inzwischen hatte ich einen solchen Bärenhunger, dass ich fünf Stücke verdrückte und dazu noch ein Pappschälchen Kartoffelpüree mit brauner Soße, ein Näpfchen Kohlsalat, drei missgestaltete Brötchen sowie eine Pastete, deren kaum vorhandene Füllung nicht näher spezifizierbar war. Luis aß mit mir und putzte die letzten Reste weg. Um Mitternacht holte Bibianna mir eine Decke, ein Kopfkissen und ein Nachthemd. Ich trottete in den Raum, den ich inzwischen als mein Zimmer betrachtete, schloss die Tür, streifte meine Kleider ab, schlüpfte in das Nachthemd und machte es mir auf der klumpigen Couch bequem.
Ich fuhr jäh aus dem Schlaf. Zuerst hatte ich keine Ahnung, wo ich mich befand und was los war. Es war mitten in der Nacht. Ich starrte angestrengt ins Dunkel, tastete mit den Augen den Raum ab und kämpfte gegen den Schlafnebel an. Bleiches Licht von einer Straßenlaterne draußen vor dem Fenster malte einen fahlgelben Streifen an die Decke. Es roch leise nach Tortilla-Bratfett. Dann fiel es mir langsam wieder ein. Raymond. Hatte mich ein Geräusch geweckt? Wenn da etwas gewesen war, musste ich es wohl in einen wirren Traum eingearbeitet haben, der beim Aufwachen verflogen war. Nur das Gefühl war noch da — schwer und beängstigend. Mir war, als sei da jemand im Zimmer. Meine Augen gewöhnten sich allmählich an die Dunkelheit. Ich unterteilte mein Gesichtsfeld in Planquadrate, die ich nacheinander absuchte. Mein Herz stockte und fing dann an zu rasen. Die Zimmertür schien einen kleinen Spalt offen. Luis? Ich strengte meine Augen noch mehr an. War da ein Schatten vor dem helleren Anthrazit des Flurs? Die Tür öffnete sich, ein undeutlicher Streifen, der sich verbreiterte. Ich flüsterte: »Was wollen Sie?«
Schweigen.
Ich hörte Tapsen. Etwas Metallenes schleifte über den Boden. Meine Angst loderte jäh auf. Der Hund. Mir fiel wieder ein, wie er auf dem Lederstück zwischen seiner Gliederleine und der Befestigungskette herumgekaut hatte. Der Himmel mochte wissen, wie lange er schon frei in der Wohnung herumlief. Ich sah das Glimmen der dunklen Augen. Er hielt den Kopf gesenkt. Ich hatte keine Waffe in Reichweite, nichts, womit ich mich hätte verteidigen können. Er schien nach Menschengeruch zu wittern. Wenn ich ganz still liegen blieb, würde er vielleicht das Interesse verlieren und wieder kehrtmachen und zu Raymond und Bibiannas Zimmer marschieren. Ich hielt den Atem an. Der Pitbull kam auf meine Couch zu. Ich hörte das Tapp-Tapp seiner Krallen auf den Holzdielen. Ich lag auf der rechten Seite, das Gesicht fast auf einer Höhe mit seinem. Ich hatte den rechten Arm unterm Kopf, aber der linke baumelte über die Kante, weil ich ihn nirgends mehr hatte unterbringen können. Der Hund reckte die Schnauze, bis seine ledrige Nase die Finger meiner linken Hand berührte. Ich fühlte seine Bartborsten über mein Handgelenk streifen. Ich verharrte reglos. Schließlich begann ich, im Zeitlupentempo meine Hand zu entfernen. Ich hörte ihn tief und kehlig knurren. Ich erstarrte und wagte nicht, meine Fingerspitzen noch weiter zurückzuziehen. Er schob sich näher heran, bis seine Schnauze schließlich auf der Couchkante ruhte, genau vor meinem Mund. Er gab einen winselnden Laut von sich. In meinem Kopf herrschte absolute Leere. Ein paar Sekunden später war er zu mir auf die Couch geklettert. Er drängte mich gegen die Rückenpolster und nagelte mich mit seinen knochigen Vorderbeinen fest. Ich legte ihm vorsichtig die Finger zwischen die Ohren. Er leckte meine Hand.
»Ich dachte, du magst es nicht, wenn man dich am Kopf anfasst«, sagte ich entrüstet. Dem war ganz offensichtlich nicht so. Ich begann, den einen seidigen Ohrlappen zu streicheln. Der Hund hechelte selig. Bald umfing mich seine Körperwärme von der Brust bis zu den Knien. Ich wagte nicht, mich zu beschweren, obgleich er eine üppige Wolke Hundegeruch verbreitete. Das war das erste Mal, dass ich einen Bettgenossen hatte, der nach warmem Schwein roch.
Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell man sich an fremde Umgebungen und neue Situationen gewöhnt. Am Morgen fühlte ich mich in der Wohnung schon ganz heimisch. Bibianna lieh mir ein sauberes T-Shirt zu meinem roten Minirock. Zum Frühstück machte uns Luis Bohnen-und-Käse-Burritos, die wir mit Pepsi hinunterspülten. Inzwischen war die penible Seite meiner Person voll zum Durchbruch gekommen. Ich trieb einen Schwamm und einen Rest Scheuerpulver auf und nahm das Bad in Angriff. Ich schrubbte den Boden, das Waschbecken, das Klo, die Duschwanne und die schmierigen Kacheln in der Duschecke. Dann überzeugte ich Bibianna, dass sie dafür sorgen sollte, dass die Mülltüten aus der Küche verschwanden. Ich scheuerte die Spüle, den Herd und die Arbeitsflächen. Perro Pitbull war wieder auf seinem Platz bei der Tür und hielt Wache. Nach unserem One-Night-Stand tat der Mistkerl doch tatsächlich so, als würde er mich nicht kennen. Sobald ich ihn ansah, knurrte er drohend. Ich erwartete ja nicht unbedingt, dass er mir die Füße leckte, aber ein kleines Zeichen des Wiedererkennens hätte meinem geschundenen Ego gut getan.
Um neun verließ Raymond ohne ein erklärendes Wort die Wohnung. Bibianna ging wieder ins Bett. Ich fragte mich, ob sie sich wohl mit Tabletten oder Marihuana zudröhnte und sich in den Schlaf flüchtete, um sich Raymonds sexuellen Forderungen zu entziehen.
Luis überraschte mich damit, dass er die Küche übernahm. Offenbar befand er, dass es Zeit zum Kochen war. Vielleicht hatte es ihn ja inspiriert, dass ich den ganzen verkrusteten Dreck von der Herdoberfläche abgekratzt und mit einem Messer die klebrige Schmiere aus den Kachelritzen gepult hatte. Von richtigem Geschirr schien hier noch niemand gehört zu haben. Ich hatte Riesenstapel von billigen Papptellern und zwölf Garnituren Plastikbesteck weggeschmissen. Den noch verbleibenden Plunder — Plastikgläser und verkrustete Küchenutensilien — hatte ich zum Einweichen in die Spüle gelegt, in Wasser, das ich zuvor auf dem Herd heiß gemacht hatte. Jetzt machte sich Luis an die Arbeit. Ich fragte mich flüchtig, ob er insgeheim wohl auch Levitationsübungen veranstaltete, um nicht barfuß auf den schmierigen Badfußboden treten zu müssen. Da ich nichts Besseres zu tun hatte, blieb ich da. Ich lehnte mich gegen die Arbeitsplatte und sah ihm zu.
Bislang verborgene Seiten seiner Person wurden jetzt offenbar. Alles, was er tat, war bedacht und präzise. Er schälte eine Zwiebel. Er zerquetschte Knoblauchzehen mit der Breitseite eines Hackmessers und pulte die Häutchen ab wie Insektenpanzer. Er grillte Chili-Schoten an, putzte und entkernte sie und schnitt sie klein. Der Geruch war scharf, aber appetitanregend. Er war so konzentriert und so völlig von seinem Tun absorbiert wie eine Frau beim Schminken. Könnertum hat mich schon immer fasziniert. Er öffnete eine große Dose mit Tomatenstücken und kippte den Inhalt in den von mir gescheuerten Topf. Dann gab er die Zwiebeln, den Knoblauch und die Chilischoten dazu. Sein Vorgehen hatte eine gewisse methodische Eleganz. Es war ganz offensichtlich, dass er diese Handgriffe gelernt hatte, aber wer hatte sie ihm beigebracht? Ein köstlicher Duft stieg auf.
»Was wird das?«, fragte ich.
»Enchilada-Soße.«
»Riecht toll.« Ich lehnte an der Arbeitsplatte und überlegte mir, wie ich meine nächste Frage verpacken sollte. »Was wird jetzt eigentlich mit Chago? Gibt es kein Begräbnis?«
Luis widmete sich ganz seinem Kochtopf, um mich nicht ansehen zu müssen. »Raymond hat mit den Bullen geredet. Sie geben die Leiche nicht frei, bevor sie nicht mit der Autopsie fertig sind. Vielleicht morgen, aber genau wollten sie’s nicht sagen.«
»Hat er noch mehr Brüder?«
»Juan und Ricardo. Die waren gestern hier.«
»Und die Eltern?«
»Sein Vater wurde verknackt wegen Kindesmisshandlung. Im Gefängnis haben ihn die andern dann umgebracht, als sie gehört haben, was er mit Raymond gemacht hat.«
»Und was war das?«
Luis sah auf. »Er redet nicht drüber, und ich frag’ nicht.« Er wandte sich wieder seinem Kochtopf zu und ließ hypnotisch den Kochlöffel kreisen. »Seine Mutter ist abgehauen, als er sieben oder acht war.«
»Ist er der Älteste?«
»Von den Jungen. Er hat noch drei ältere Schwestern, die ihn auf den Tod hassen. Sie denken, das mit den Eltern war seine Schuld.«
»Was für eine glückliche Kindheit«, sagte ich. »Wie lange kennen Sie ihn denn schon?«
»So sechs, acht Monate. Ich hab’ ihn über Jesus kennen gelernt. Das ist einer von seinen Leuten.«
Bibianna erschien in der Küchentür, eine Decke um die Schultern gelegt wie eine Indianerin. »Raymond schon wieder da?«
Luis schüttelte den Kopf.
Sie verschwand wieder, und kurz darauf hörte ich die Dusche rauschen. Luis ließ die Soße auf dem Herd vor sich hin köcheln und schickte sich an, mit dem Hund hinauszugehen. Als er die Kette anhob, bemerkte er das durchgekaute Lederstück. Ich hörte ihn ein besorgtes »Scheiße« murmeln. Ich hielt den Mund, in der Hoffnung, der Hund würde es mir mit einer gewissen Loyalität danken. Luis befestigte die Leine auf irgendeine andere Weise an Perros Halsband, und beide verließen die Wohnung.
Bibianna erschien wieder, diesmal vollständig angezogen. Sie fand einen eselsohrige Packen Spielkarten und hockte sich neben dem Couchtisch auf den Boden, um eine Patience zu legen. Ich erwog kurz, wieder auf die Suche nach dem Telefon zu gehen, entschied dann aber, Dolan doch lieber nicht anzurufen, solange Bibianna in der Wohnung war. Je weniger sie über mich wusste, desto besser. Ich stellte den Fernseher an. Der Tag fühlte sich schon jetzt irgendwie komisch an — leer, unstrukturiert, sinnlos und reizlos wie ein Zwangsurlaub in einem Billig-Ferienparadies.
Bibianna schien in ihr Tun versunken, und ich störte sie ungern, aber wir waren so selten allein, und ich musste dringend ein paar Dinge in Erfahrung bringen.
»Wie oft kriegt er denn seine Ausbrüche?«, fragte ich.
Sie sah mich düster an. »Nicht jeden Tag. So zwei-, dreimal die Woche«, sagte sie. »Ich hab’ mal mit Chago drüber geredet, und er hat mir erzählt, dass es schon angefangen hat, als Raymond noch klein war. Er hat mit den Augen gekniept, und dann ging die Zuckerei los, und dann kam dieses komische Bellen. Sein Vater hat gedacht, er würd’ es absichtlich tun, um Aufmerksamkeit zu schinden. Deshalb hat er ihn geprügelt. Er hat auch noch andere Sachen mit ihm gemacht, für die er dann ins Gefängnis gekommen ist. Der arme Raymond. Er war so zapplig in der Schule, dass er dauernd Scherereien gekriegt hat. Deshalb ist seine Mutter wohl auch abgehauen...«
»Und seither ist es so? Die ganze Zeit, die du ihn kennst?«
»Es war mal eine Zeit lang besser, aber dann hat es wieder angefangen, noch schlimmer als vorher.«
»Können die Ärzte denn gar nichts machen?«
»Welche Ärzte? Er geht zu keinen Ärzten. Manchmal beruhigt ihn Sex. Oder Alkohol oder Schlaf oder Dope. Einmal hatte er Grippe und vierzig Fieber. Da war alles bestens, nicht das klitzekleinste Zucken. Zwei Tage ging’s ihm prima. Dann ging die Grippe wieder weg, und es fing wieder an, diesmal mit diesem Lippengelecke und dem komischen Gemache mit den Händen. Ich will nicht mehr drüber reden. Es zieht mich nur runter.«
Raymond erschien um die Mittagessenszeit, mit einer zusammengefalteten Zeitung unter dem Arm und einer Tüte Doughnuts. Luis und der Hund kamen direkt nach ihm. Wenn Raymond um seinen Bruder trauerte, merkte man es ihm jedenfalls nicht an. Das Gezucke schien mir heute nicht ganz so schlimm, aber ich war mir nicht sicher. Er ging in Abständen aus dem Zimmer, und ich hatte den Verdacht, dass er sich nach nebenan verzog, um Luft abzulassen. Oder um zu fixen. Ich lungerte in meinem Sessel, die bloßen Beine über der Armlehne und mit der einen Sandale schlappend, und war gerade dabei, in eine immens kitschige Seifenoper einzusteigen, als sich beide Männer an den Küchentisch setzten und leise auf Spanisch miteinander redeten. Als die nächste Runde Werbung kam, ging ich in die Küche. Ich nahm mir ein Glas Wasser, blieb dann hinter ihnen stehen und spähte über Raymonds Schulter, um herauszufinden, was sie da trieben. Es war ganz offensichtlich die schiere, penetrante Neugier, schien ihn aber nicht weiter zu stören. Was ich für die Tageszeitung gehalten hatte, entpuppte sich als kostenloses Kleinanzeigenblatt. Luis suchte die Rubrik Autos und faltete die Seiten um. Ich sah auf das Datum. Donnerstag, 27. Oktober. Demnach wohl die druckfrischen Angebote zum Wochenende. Luis übersprang die Lastwagen, Kombis und ausländischen Marken und konzentrierte sich ganz auf die einheimischen Fabrikate.
»Da ist einer«, sagte Luis. Mit einem Neon-Marker umkringelte er eine Offerte über einen 79er Caddy. Ich beugte mich näher heran und las: »Guter Zustand, $ 999. VB.«
»Was heißt VB?«, fragte ich. Ich wusste es zwar, wollte aber ein wenig Interesse demonstrieren und hielt es für das Sicherste, mich dumm zu stellen.
»Verhandlungsbasis«, sagte Raymond. »Suchen Sie einen Cadillac?«
»Wer? Ich? Nicht speziell.«
»Der da gefällt mir, der Chrysler Cordoba«, sagte Raymond zu Luis, wobei er auf die nächste Spalte tippte. Luis malte ein wackliges Ei um die Anzeige, die da sagte: »Bj. 77, weiß, Motor/Kar. einwandfr., $ 895/VB.« Unter beiden Annoncen waren Telefonnummern angegeben.
Raymond stand auf, ging hinaus und kam mit dem Telefon zurück. Er stöpselte es in die Dose in der Wand. Ich zog mir einen Stuhl heran und setzte mich. Luis fuhr fort, Anzeigen einzukringeln, während Raymond Anruf um Anruf tätigte, sich eingehend nach dem jeweiligen Wagen erkundigte und die Adresse notierte. Als sie alle Anzeigen durchhatten, stellte er auf einem Blatt Papier eine Liste zusammen.
Raymond sah mich an. »Haben Sie eine Kraftfahrzeugversicherung?«
»Klar.«
»Was für eine?«
Ich sagte achselzuckend: »Was man eben in Kalifornien braucht. Ich hab’ mir schon gedacht, dass ich sie vielleicht kündigen sollte, wo mein Auto doch im Moment lahmgelegt ist. Warum?«
»Haben Sie Haftpflicht und Unfall?«
»Was weiß ich. Ich merk’ mir doch nicht auswendig, wie mein Auto versichert ist. Die Police liegt drüben in Santa Teresa.«
»Können Sie’s nicht bei Ihrer Versicherung erfragen?«
»Na klar. Die brauchen ja nur nachzugucken.«
»Würd’ sich ja vielleicht lohnen, Ihr Getriebe reparieren zu lassen, wenn Sie Unfallschutz haben.« Raymond nahm den Telefonhörer ab und hielt ihn mir hin. »Rufen Sie an.«
»Jetzt gleich?«
»Spricht was dagegen?«
»Absolut nichts«, sagte ich mit einem gequälten Lachen. Ich spürte, wie mein Herz zu jagen begann. Das Bummern fühlte sich so heftig an, dass ich unwillkürlich nachsah, ob meine T-Shirt-Front pulste. Mein Kopf war plötzlich völlig leer. Mir fiel weder die Nummer der California Fidelity ein noch die, die Dolan mir gegeben hatte, und ich hätte sowieso nicht gewusst, welche ich wählen sollte. Ich nahm den Hörer.
Ich drückte die Vorwahl 805 und setzte auf meine Reflexe. Meine Finger huschten automatisch über die Tasten und wählten die CF-Nummer, was eine melodische Tonfolge produzierte, die wie »Mary had a Little Lamb« klang. Ich fragte mich, ob Dolan sich wohl schon mit Mac Voorhies ins Benehmen gesetzt hatte. Würde meine Tarnung in wenigen Augenblicken auffliegen?
Es tutete zweimal. Darcy nahm ab. Ich hoffte, dass es nicht wie meine Stimme klang, als ich sagte: »Könnte ich bitte mit Mr. Voorhies sprechen?«
»Einen Augenblick bitte. Ich stelle Sie durch.«
Es klickte. Als Pausenfüller erklang eine sanfte Instrumentalversion von »How High the Moon«. Seltsamerweise drängte sich mir plötzlich der Text auf. Ich dachte an Dawna und fragte mich, wie lange die Polizei sie wohl noch festhalten konnte. Verletzt oder nicht — sie war eine Gefahr.