12
In der Damentoilette drehte sie den Hahn auf, um sich kaltes Wasser ins Gesicht zu spritzen. Ich zog ein Wegwerfhandtuch aus dem Spender und gab es ihr. Sie vergrub die untere Gesichtshälfte in dem Papiertuch und starrte sich im Spiegel über dem Waschbecken an. Sie trocknete sich die Hände ab und warf das Papier weg. »Danke für die Sache da im Auto. Himmel noch mal, ich kann das nicht ertragen. Ich hasse ihn wirklich bis aufs Blut.«
»Er ist ja wohl echt verrückt nach dir«, sagte ich.
Sie trat in eine der Kabinen und versuchte, das Fenster über dem Klo zu öffnen. »Mist, verdammter. Zugenagelt. Glaubst du, es gibt noch einen anderen Weg hier raus?«
»Ich weiß nicht. Ich werd’ mal nachsehen«, sagte ich. Ich fühlte mich etwas in der Zwickmühle, weil ich Bibianna gern helfen, aber den Draht zu Raymond Maldonado nicht verlieren wollte. Ich ging zur Tür des Vorraums, öffnete sie einen Spalt und spähte ostentativ nach einem Hinterausgang. Alles, was ich sah, war Raymond, der gerade wieder mit seinem Kopfrucken zugange war. Der Münzfernsprecher an der Wand war verführerisch nah, aber wenn ich zu telefonieren versuchte, würde Luis mich unweigerlich entdecken. Ich schloss die Tür wieder. »Was ist denn mit Raymond los?«
»Es wird immer schlimmer«, sagte sie düster. »So hab’ ich ihn noch nie erlebt.«
»Hm, aber woher kommt das?«
»Es nennt sich TS. Das heißt Tourette-Syndrom, aber was es bedeutet, weiß ich nicht genau. Irgendwas mit dem Nervensystem — neurologisch und so. Ich weiß nur, dass er andauernd diese komischen Bewegungen macht und manchmal fürchterliche Wutanfälle kriegt. Er hat Pillen dagegen, aber die will er nicht nehmen, weil er die Nebenwirkungen nicht ertragen kann.«
»Hat er das schon sein ganzes Leben?«
»Ich glaub’ schon. Er redet nie viel drüber.«
»Aber tut er denn gar nichts dagegen?«
»Dope hilft, sagt er. Und manchmal drückt er auch.«
»Hast du ihn deswegen verlassen, wegen dem Tourette-Dings?«
»Ich hab’ ihn verlassen, weil er ein Scheißkerl ist. Mit dem andern könnte ich leben, aber er wird immer gemeiner. Mit der Krankheit hat das nichts zu tun«, sagte sie. »Herrgott, wir müssen irgendwas finden, wie wir hier rauskommen.« Sie ging in die zweite Toilettenkabine und probierte es mit diesem Fenster. Ebenfalls verrammelt. »Verdammter Mist. Wir müssen es irgendwie anders versuchen. Ich wollte, Tate wär’ jetzt da.«
Ich sagte: »Kann ich verstehen. Glaubst du, Raymond weiß, dass du was mit ihm hast?«
»Großer Gott, ich hoffe nicht. Er ist so eifersüchtig, dass er sofort rot sieht.«
»Woher kennst du Tate?«
»Er ist plötzlich bei einem Kostümfest aufgetaucht, letztes Jahr an Halloween. In Bullenuniform. Alle dachten, es sei nur ein Witz, außer mir. Ich rieche Bullen kilometerweit.« Sie nahm eine Bürste aus ihrer Handtasche und bearbeitete ihre Haare damit. »Das mit Jimmy ist was ganz anderes.«
»Das sieht man«, sagte ich. »Scheint, als ob du ihn liebst.«
Zum ersten Mal, seit wir aus dem Gefängnis draußen waren, huschte ein flüchtiges Lächeln über ihr Gesicht. »Muss wohl so sein. Wir haben nämlich vorletzte Woche geheiratet. Deshalb wird meine Wohnung frei. Ich ziehe zu ihm.«
Die Tür flog auf, und ich tat vor Schreck einen regelrechten Satz. Es war Luis, mit seiner 45 er und seinem kleinen Grinsebärtchen. »So, meine Damen, das war’s. Zeit zum Weiterfahren. Haltet euch mal ein bisschen ran. Raymond sagt, ihr seid jetzt lang genug hier drin.«
Ich winkte unwirsch ab. »Ach, Luis, was soll denn das? Macht wohl Spaß, hier in der Gegend rumzurennen und sich wie ein Idiot aufzuführen? Immer mit der Ruhe. Ich muss erst noch Pipi machen, und sie auch.«
Er lief leicht rot an. »Beeilung.«
»Aber klar doch«, sagte ich, während ich auf die erste Kabine zustrebte. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie er die Pistole in den Hosenbund steckte und sich aus dem Vorraum verzog. Zehn Minuten später waren wir wieder unterwegs.
So fand ich mich am Morgen des Mittwoch, dem 26. Oktober, im Fond eines tiefergelegten Ford, der über den Freeway 101 raste. Am Montag war Veras Hochzeit, und ich würde sie garantiert verpassen. Wenn Raymond Bibianna umbringen wollte, würde er wohl nicht umhinkönnen, mich ebenfalls umzubringen. An Halloween würde ich mich vermutlich auf dem Dauerparkplatz beim Flughafen von Los Angeles befinden, in irgendeinem fremden Kofferraum. Selbst bei Hitze dauerte es manchmal Tage, bis jemand etwas roch.
Luis fuhr, während Raymond jetzt auf dem Vordersitz saß und am Radio herumspielte. In unregelmäßigen Abständen brachte er seine Ticks hinter sich. Wenn er mit Luis sprach, schienen sich die Zuckungen zu legen, um dann mit doppelter Heftigkeit wieder einzusetzen, sobald er den Mund hielt. Bibianna hatte sich für ein unruhiges Nickerchen auf dem Rücksitz zusammengerollt. Zumindest brauchte sie sich jetzt keine Gedanken wegen irgendwelcher Bullen zu machen, die sie ausquetschen wollten. Ich war total aufgedreht. Meine Müdigkeit war in den letzten paar Stunden auf dem Weg über die absolute Erschöpfung ins gegenteilige Extrem umgeschlagen. Durch meine Arbeit habe ich weiß Gott oft genug mit unangenehmen Menschen zu tun, aber auf Gewalt oder Gefahr für Leib und Leben stehe ich überhaupt nicht. Meine halbjährlichen Zahnarztbesuche sind das Äußerste an Masochismus, was ich mobilisieren kann. Und jetzt saß ich hier, in einem Auto mit diesen Vatos, und wusste nicht, wie ich es anstellen sollte, die Nummer anzurufen, die mir Lieutenant Dolan gegeben hatte. Ich vermisste meine geliebte Handtasche, meine Jacke und meine Pistole. Aber gleichzeitig fühlte ich mich — das muss ich gestehen — ganz außergewöhnlich lebendig. Vielleicht war das ja nur einer dieser Höhenflüge vor dem endgültigen Absturz.
In Oxnard verließen wir die Schnellstraße, um uns jetzt auf dem Highway I durch den südöstlichen Teil der Stadt zu winden, vorbei am Naval Construction Battalion Center in Port Hueneme (ausgesprochen »Iu-nie-mie«). Die Straße verlief jetzt parallel zum Meer, dessen dunkles Blaugrün rechts neben uns zu sehen war. Die Strände waren leer, bis auf ein paar Angler, die ihre Köder auswarfen. Der Sand war vom Regen dunkel und verkrustet, aber der Himmel erstrahlte jetzt in einem klaren, wolkenlosen Azurblau. Die Morgensonne hatte den Nebel weggebrannt, und ich konnte bis zum Horizont schauen. Auf der Landseite wehte feiner Erosionssand von rosa-beigen, durch Urgewalten in Falten gepresste Felsen, und die Berge liefen in blassgraues Gestrüppland aus, das hier und da durch ein Fleckchen Grün belebt wurde.
Nachdem wir Point Dume passiert hatten, tauchten auf dem immer breiter werdenden Streifen zwischen Straße und Meer die ersten Häuser auf. Mit jeder Meile verdichteten sie sich. Auf der Parkspur reihten sich Kombis und Kleintransporter Stoßstange an Stoßstange, und junge Burschen in Shorts und Thermoprenanzügen luden Surfbretter und Segel ab. Als wir nach Malibu kamen, drängten sich Apartment-, Mehrfamilien- und Einfamilienhäuser dicht nebeneinander, ein wilder architektonischer Mischmasch, der von Chateaus über Strandhäuschen, italienische Villen und Landhäuser im Tudorstil bis hin zu Cape-Cod-Cottages und Beton-Silos alles umfasste. Die reichen Leute mit Geschmack waren offenbar gerade verhindert gewesen, als die Planungskommission entschieden hatte. (Welche Planungskommission?) Folglich war die Straße jetzt dicht gesäumt von Einzelhandelsgeschäften aller Art, und Schilder warben für Texaco-Benzin, Baustoffe, Bücher, Schuhe, einen Foto-Schnelldienst, ein Jack-in-the-Box-Schnellrestaurant, ein Motel, das Malibu Inn, Spirituosen, Jimmy’s Strandgrill, Gebrauchtwagen, Handlesen und Kartenlegen, Shell-Benzin, Immobilien, Arco Tag & Nacht-Service, ein Reisebüro, noch ein Motel, wieder Spirituosen, Pizza, wieder Immobilien, einen Schlüsseldienst, einen Schuh-Reparatur-Service, den Malibu-Fischmarkt... ein stilloses Sammelsurium aus Neonreklamen, Plakatwänden und blinkenden Lichtern. Dazwischen wälzte sich ein permanenter Stau aus Edelkarossen Marke Mercedes, BMW und Jaguar.
Wir hielten an der Ampel, wo der Sunset Boulevard am Pacific Coast Highway endet. Die Frau in dem kleinen Sportwagen neben uns äugte misstrauisch auf Luis’ Strickmütze und seine Walt-Disney-Arme. Das stimulierte bei ihm ein obszönes Ansinnen, mit dem er nicht hinterm Berg hielt. Raymond klopfte ihm tadelnd auf den Kopf. Vielleicht trug er ja deshalb die Strickmütze — um den Gehirnschaden auf ein Minimum zu begrenzen.
Luis rieb sich ärgerlich den Kopf. »He, Mann, immer mit der Ruhe.«
»Halt du Ruhe«, blaffte Raymond zurück, mit einem Entschuldigung heischenden Seitenblick auf mich. Ganz offensichtlich betrachtete er mich als die einzig kultivierte Person unter all diesen Plebejern.
Als die Ampel auf Grün sprang, fuhr Luis mit einer Ruck-Serie an, die das ganze Heck ins Wippen brachte. Binnen weniger Minuten gelangten wir vom blühenden Wohlstand in die absolute Trostlosigkeit.
Unser Ziel war ein Küstenbezirk ein paar Kilometer südlich des Flughafens in einer von Armut gezeichneten Gegend. Die östlichen Vorstadtghettos Compton, South Gate und Lynwood waren strikt in verschiedene Bandenreviere unterteilt, auf die sich pro Normalwochenende fünfzehn bis zwanzig Morde verteilten. Hier gab es nichts als eine endlose Wüste aus Betonbauten, besprüht mit den Reviermarkierungen der verschiedenen Gangs in kantigen schwarzen Lettern. Ich wäre gern dabei, wenn die Gelehrten künftiger Zeiten diese Schrifttafeln einmal ausgraben und enträtseln. Selbst die öffentlichen Busse waren verunstaltet — rollende Boten, die die Beleidigungen zwischen den Gangs hin und her trugen. Die Straßen waren mit Müll und alten Reifen übersät. Flaschen und Dosen und alles andere, was sich wieder verflüssigen ließ, hatten die Penner aufgesammelt. Ein zerfleddertes Sofa stand am Bordstein, als ob es auf den Bus wartete. Lustlose Ghetto-Krieger lungerten vor einem Eckladen herum. Auf der Landseite des vierspurigen Boulevards war jede dritte Ladenfront mit Brettern verrammelt. Die noch existierenden Geschäfte schützten ihre mit Werbeplakaten bepflasterten Schaufensterscheiben mit Stahlgittern.
Ich sah einen Burger King, einen Sav-On Drugstore, einen Schallplattenladen mit einem großen GESCHLOSSEN-Schild, eine Poststelle mit einer schlaff von ihrer Stange baumelnden US-Fahne. Auf der Meerseite der Straße erstreckte sich ein ödes Einerlei aus kleinen Holzhäuschen und kastenartigen Apartmentblocks. Die Grundstücke schienen sämtlich aus kahlem Erdboden hinter Maschendrahtzäunen zu bestehen. Die armen Wohnviertel aller mir bekannten Großstädte haben bestimmte Merkmale gemeinsam: halb eingesackte Veranden, abblätternde Farbe, Gras, das extrem widerstandsfähig ist, wenn es überhaupt wächst, unbebaute Grundstücke voller Schutt und Schrott, Pepsi-Cola-Schilder, herumlungernde Kinder, auf Dauer am Bordstein abgestellte Autos mit platten Reifen, leer stehende Häuser, lethargische Männer, die einem aus leeren Augen nachstarren, wenn man vorbeifährt. Gewalt ist die Form von Theater, die sich die Unterprivilegierten leisten können. Der Eintritt ist billig. Geboten wird das immer wieder neue Drama von Leben und Tod, Drogen und Raubüberfällen, Schüssen aus fahrenden Autos, Vergeltungsakten und der Angst der Mütter, die am Rand stehen und zugucken. Und oft genug sind es die Statisten und die Zuschauer, die dem Kugelhagel zum Opfer fallen.
Wir bogen landeinwärts ab und fuhren sechs quadratische Sozialbaublocks geradeaus. Ich fühlte Angst in mir aufsteigen wie gärende Übelkeit.
Als wir bei Raymonds Wohnung ankamen, hatte ich keine Ahnung, in welchem Teil von Los Angeles ich mich befand. Wir parkten vor einem dreistöckigen Apartmentbaus gegenüber von einem Auto-Schrottplatz. Der Apartment-Komplex umfasste etwa vierzig Wohneinheiten, die sich in versetzten Schichten um einen betonierten Hof gruppierten. Auf den ersten Blick schien das Ganze nicht mal besonders schäbig. Das Viertel hier war nicht halb so heruntergekommen wie viele, die wir durchquert hatten.
Es war jetzt Vormittag, und obgleich noch ein frisches Lüftchen wehte, standen die meisten Wohnungstüren offen. Was ich von den Räumlichkeiten dahinter erspähen konnte, war überfüllt, voll gepfropft und trostlos. In allen Fernsehern schienen englischsprachige Seifenopern zu laufen, während aus den auf den Geräten platzierten Radios spanische Musik dudelte, die in seltsamem Kontrast zu den Bildern aus der Gringo-Welt stand. Überall sah ich Halloween-Dekorationen, aber manche waren schon so alt, dass die Kürbisse bereits schrumpelten und die Krepp-Papier-Skelette eine Staubschicht trugen.
Wir stiegen alle vier über eine Hintertreppe hinauf in den zweiten Stock, wo wir uns nach links wandten und auf ein Apartment zusteuerten, das nach vorn zur Straße hinausging. »Ist das Ihre Wohnung, wo wir jetzt hingehen?«, fragte ich Raymond. Er marschierte mit Bibianna unmittelbar vor mir. Luis bildete die Nachhut, für den Fall, dass ich mich absetzen wollte.
»Das hier ist für uns, wenn wir verheiratet sind«, sagte Raymond mit einem scheuen Seitenblick auf Bibianna. Er schien sich plötzlich an etwas zu erinnern und kramte in seiner Hosentasche. Was er zu Tage förderte, war ein Schlüssel an einem Metallring mit einem großen Plastik-M, wahrscheinlich für Maldonado. Er überreichte ihn Bibianna. Es war wohl als feierlicher Moment gedacht, aber sie würdigte den Schlüssel kaum eines Blicks und steckte ihn mit steinerner Miene in ihre Handtasche. Es machte ihn sichtlich verlegen, dass sie keinerlei Begeisterung für das zeigte, was ihm ein solches Herzensanliegen war.
Das Problem im wirklichen Leben ist, dass es nicht musikalisch untermalt ist. Im Kino weiß man immer, wann es gefährlich wird, weil die Szene mit einem unheildräuenden Akkord unterlegt ist, einer Dissonanz, die vor den Haien im Wasser und den Schurken hinter der Tür warnt. Im wirklichen Leben läuft alles so verdammt still ab, dass man nie genau weiß, wann es brenzlig wird. Es sei denn, man schneit zufällig in ein fremdes Apartment, das voller finsterer Typen mit Haarnetzen ist. Ich persönlich habe noch nie verstanden, wieso ausgerechnet das Haarnetz zum Symbol des Schurken schlechthin geworden ist. Da waren gleich fünf solcher Typen, alle Latinos um die zwanzig und alle in dicken, bis unters Kinn zugeknöpften Pendleton-Wollhemden. Drei hockten am Küchentisch, einer davon mit seiner Freundin auf dem Schoß. Ein zweites Mädchen saß mit lang ausgestreckten bloßen Beinen daneben, den engen Rock bis zur Mitte der Oberschenkel hochgeschoben. Sie rauchte eine Zigarette und übte, mit ihrem knallrot geschminkten Schmollmund Rauchringe hervorzubringen. Zwei Burschen, die lässig an der Wand lehnten, nahmen Haltung an, als Raymond zur Tür hereinkam. An der Wand hing ein selbst gemachtes Schild mit der Aufschrift »R. I. P.« ganz oben, Chagos Namen in Großbuchstaben ganz unten, zwischen einem Paar betender Hände und einem Kruzifix. Daneben hatte jemand mehrere Fotos von Chago an die Wand gepinnt. Außerdem hing da noch etwas, das aussah wie eine Art Nachruf. Zwischen den Zeitungsstapeln auf dem Tisch lag ein Stoß selbstfabrizierter, flugblattartiger Todesanzeigen: Fotokopien eines säuberlich von Hand geschriebenen Texts. Aus den düsteren Mienen und der Zahl der herumstehenden leeren Bierflaschen schloss ich, dass das hier wohl Chagos engster Freundeskreis war und wir mitten in eine improvisierte Totenwache geplatzt waren. Ich sah Raymond an, konnte aber keine Reaktion entdecken. Schmerzte ihn der Tod seines Bruders denn gar nicht?
Ich gab mir alle Mühe, locker und lässig aufzutreten. Was hatte ich schon zu fürchten? Ich war ja schließlich keine Gefangene, sondern Raymonds Gast. Ich würde nur auskundschaften, was Lieutenant Dolan wissen wollte, und mich dann wieder davonmachen. Zugegeben, ich trieb mich normalerweise nicht in Gangster-Kreisen herum, aber ich war doch immer um Aufgeschlossenheit bemüht. Es gab nun einmal kulturelle Unterschiede, andere Normen und Gewohnheiten, von denen ich keinen blassen Schimmer hatte, geschweige denn ein fundiertes Bild. Aber deswegen war ja noch niemand ein schlechter Mensch, nicht wahr? Warum also gleich mit dem Schlimmsten rechnen? Weil du nicht weißt, was zum Teufel du da tust, sagte eine leise Stimme in meinem Innern.
Die Luft war grau von Rauchschwaden, die zum Teil von Marihuana herrührten, einem Stoff, mit dem ich seit meiner High-School-Zeit nichts mehr am Hut gehabt hatte (außer während der kurzen Phase, als Daniel Wade in meinem Leben eine Rolle gespielt hatte). Die Innenausstattung bestand, so weit ich das auf den ersten Blick sehen konnte, aus einem königsblauen Plüschteppichboden und jener Sorte Mobiliar, wie es jenseits der mexikanischen Grenze am Straßenrand verkauft wird. (Und auch in Orange County, am Euclid, südlich des Garden Grove Freeway.) Anscheinend hatte Raymond versucht, das Interieur nobler zu gestalten, indem er die gesamte Wand zu meiner Linken mit goldenen Spiegelkacheln bepflastert hatte. Leider waren diese Fliesen jedoch wohl erst kürzlich mit einem Küchenstuhl zerschmettert worden, der jetzt mit verrenkten Chrombeinen in der Ecke lag. Die Scherben waren zum größten Teil weggefegt, aber an der freigelegten Wand konnte ich noch Blutspuren sehen. Sie waren weder hellrot noch feucht, aber es war doch offensichtlich, dass sich hier vor nicht allzu langer Zeit etwas Schreckliches abgespielt hatte. Niemand nahm in irgendeiner Weise Bezug auf die Verwüstung. Raymond zeigte auch keinerlei Neugier, was mich in dem Verdacht bestätigte, dass er selbst der Urheber war. Bibianna registrierte die Spuren, sagte aber nichts, wahrscheinlich, weil sie wusste, dass es so klüger war. Ich riss meine Augen von der Wand los.
Nach rechts sah man in das offene L einer Küche, wo sich auf sämtlichen waagerechten Flächen dreckige Pappteller, Bierflaschen, Aschenbecher und leere Konservendosen türmten. Es roch nach Koriander, Maistortillas und heißem Bratfett. Auf dem Boden standen fünf große, fettfleckige braune Einkaufstüten, aus denen der Müll quoll. Bei der einen bemerkte ich gerade noch ein blitzschnell davonhuschendes Etwas.
Einer der Burschen am Küchentisch hatte vor sich auf der Blechplatte ein Formular liegen, das er mit Bleistift ausfüllte. Sein Gesicht war rot vor Anstrengung. Seine Pistole hatte er lässig als Briefbeschwerer auf einen Stapel bereits ausgefüllter Blätter gelegt. Ich fragte mich flüchtig, ob er vielleicht ein illegaler Einwanderer war, der gefälschte Immigrationspapiere ausfüllte. Seine Silhouette hob sich scharf vor dem hellen Fenster hinter ihm ab. Im Fall eines Bandenüberfalls vom fahrenden Auto aus würde er umgeblasen werden wie ein Blechbär in einer Schießbude. Ich hörte, wie Raymond ihn mit Tomas ansprach, konnte aber den Rest der Unterhaltung nicht verstehen.
Von den beiden Kerlen, die an der Wand lehnten, hatte der eine einen Sony-Walkman am Gürtel und eine Pistole im Hosenbund. Der andere blies einen dumpfen Ton auf einer leeren Dos-Esquis-Bierflasche. Beide sahen Raymond entfernt ähnlich, und ich fragte mich, ob sie wohl Verwandte von ihm waren — Brüder oder Vettern. Alle schienen Bibianna zu kennen, sahen sie aber nicht direkt an. Den Frauen war ihr Auftauchen offenbar eher unangenehm. Sie wechselten einen raschen Blick.
Ich wurde nicht vorgestellt, aber meine Anwesenheit weckte ein gewisses verstohlenes Interesse. Mehrere Männeraugenpaare musterten mich, und irgendjemand machte eine Bemerkung, die alle, die sie verstanden, sehr erheiterte. Luis erschien wieder, ein Dos Esquis in der Hand. Er hockte sich an die Wand, den Unterleib leicht vorgeschoben, den Kopf in den Nacken gelegt und starrte mich über seine Nase an. Seine Haltung hatte etwas Arrogantes. Irgendwie suggerierte sie die überlegene Potenz der Gesetzlosen und Geächteten. Was immer dahintersteckte, der Effekt war jedenfalls, dass ihm niemand sein Vorrecht auf mich streitig machte. Die anderen Typen warfen sich zwar voreinander in Pose, spreizten aber nicht ernsthaft vor mir das Gefieder.
Jetzt entspann sich eine Debatte unter den dreien am Tisch, die offenbar eine Art Cholo-Mix aus Spanisch und gebrochenem Englisch sprachen. Ich konnte kein Wort verstehen, aber der Tenor war aggressiv. Raymond brüllte etwas, dessen Bedeutung sich mir zum Glück entzog. Der Typ mit dem Bleistift und den Blättern machte sich wieder an die Arbeit, mit einer mürrischen Miene, die wenig Gutes verhieß.
Bibianna, die der ganze Haufen nicht sonderlich zu beeindrucken schien, warf ihre Handtasche auf einen Sessel und schlüpfte aus ihren Stöckelschuhen. »Ich geh’ duschen«, sagte sie. Dann patschte sie barfuß aus dem Zimmer. Raymond ging zum Telefon und drückte, halb mit dem Rücken zu uns, diverse Wähltasten. »Alfredo, ich bin’s...«Er dämpfte seine Stimme so weit, dass ich nichts mehr mitbekam. Von hinten sah ich, wie er beim Sprechen eine rasche Folge von Zuckungen abspulte, fast wie eine Pantomime oder eine Scharade.
Ich befand, dass es wohl am besten wäre, mich unauffällig in eine Ecke zu verdrücken und mir zu überlegen, was ich jetzt tun sollte. Als ich mich nach einer Sitzgelegenheit umsah, vergaß ich mein Programm schlagartig. Vor der Tür, etwa einen Meter von mir entfernt, stand ein Pitbull. Ich weiß nicht, wieso ich den Köter vorher nicht bemerkt hatte, aber jetzt war er da. Er war gescheckt, mit weißer Brust und weißen Beinen. Der Kopf war breit und mächtig, die Ohren unkupiert, aber tütenartig gefaltet wie bei einer Fledermaus. Um den dicken Hals trug er ein Lederhalsband mit Metallstacheln. Hatte das Blut an der Wand etwas mit dem Hund zu tun? An dem Halsband hing ein etwa einen Meter langes Stück Kette, dessen anderes Ende um das eine Bein des riesigen königsblauen Sofas gewickelt war. Der Hund gab ein tiefes, brummendes Knurren von sich und starrte auf meine Kehle. Mein Verhältnis zu Hunden ist schon unter optimalen Umständen nicht das beste. Ich kann mich kaum je für ein Geschöpf erwärmen, das aussieht, als lauere es darauf, mir die Halsschlagader aufzureißen.
Einer der Männer fuhr den Hund auf Spanisch an, aber das Tier schien diese Sprache auch nicht besser zu verstehen als ich. Der Typ, dem sein Haarnetzknoten mitten auf der Stirn saß wie eine Spinne im Spinnennetz, adressierte mich mit einer Kopfbewegung. »Keine plötzliche Bewegung und nicht am Kopf anfassen. Sonst reißt er Ihnen den Arm ab.«
»Wie unangenehm. Wie heißt er denn?«, fragte ich, betend, dass sein Name nicht Cu jo war.
»Perro«, sagte er, um dann mit einem Grinsen nachzutragen: »Heißt auf Spanisch >Hund<.«
»Sind Sie da ganz allein draufgekommen?«, fragte ich freundlich.
Alles lachte. Also sprachen sie doch Englisch.
Er lächelte schmallippig. »Er hasst Gringas.«
Ich sah wieder auf den Hund und verlagerte mein Gewicht auf das hintere Bein, um mich vorsichtig zurückzuziehen. Wie konnte der Hund meine ethnische Abstammung erkennen? Er legte die Ohren an und fletschte die Zähne. Er zog die oberen Lefzen so weit zurück, dass ich ihm in die Nase gucken konnte.
»Hey, Perro«, sagte ich singend. »Feiner Hund. Braves Tierchen.« Ich wandte ganz langsam den Blick von ihm ab, weil ich dachte, direkter Augenkontakt sei dem kleinen Burschen vielleicht zu aggressiv. Falsch. Der Hund zerrte an der Kette und brach in ein wildes Gebell aus, das seinen ganzen Körper erbeben ließ. Ich schrie unwillkürlich auf, was die Kerle sehr erheiternd zu finden schienen. Die Couch hoppelte etwa zehn Zentimeter auf mich zu, was mich fast in seine Reichweite brachte. Ich fühlte schon seinen Bell-Atem an meinem Bein wie kleine heiße Windböen. »Äh... Raymond?«
Raymond, noch immer am Telefon, hob eine Hand, ungehalten über die Störung.
»Könnte bitte jemand den Hund zurückrufen?«, wiederholte ich meine Bitte noch einmal ausführlich.
Raymond schnippte mit den Fingern, und der Hund setzte sich hin. Der Typ mit dem Sony-Walkman grinste über meine offensichtliche Erleichterung. Raymond legte eine Hand auf die Sprechmuschel und sagte mit einer ungeduldigen Kopfbewegung in seine Richtung: »Juan, schaff den Hund raus.« Dann wandte er sich an mich: »Möchten Sie ein Bier? Bedienen Sie sich. Wenn Sie mögen, können Sie duschen, sobald Bibianna fertig ist.« Er widmete sich wieder dem Telefon. Ich rührte mich nicht.
Juan zog grummelnd die Pistole aus dem Hosenbund und legte sie auf den Tisch. Er nahm eine Kettenleine von der Armlehne des Sofas und hakte sie an Perros Halsband fest. Der Hund schnappte nach seiner Hand. Juan zog seine Faust zurück, und die beiden starrten sich eine Minute lang in die Augen. Juan war offensichtlich das Alpha-Männchen, denn Perro kuschte schließlich und bestätigte damit meine These, dass Hunde nicht sonderlich klug sind. Ein Schweißtropfen rann langsam meinen Rücken hinunter.
Als der Hund draußen war, nahm ich mir ein Bier. Dann setzte ich mich in einen dicken Polstersessel auf der anderen Seite des Raums. Ich zog die Beine unter mich, für den Fall, dass auf dem Fußboden Ungeziefer herumspazierte. Fürs Erste gab es für mich nichts weiter zu tun, als mein Bier zu trinken. Ich legte den Kopf an die Rückenlehne. Die Überreiztheit, die mich im Auto gepackt hatte, war jetzt verpufft, und ich fühlte mich total erschossen und so schwer, als hätte sich die Anspannung in etlichen zusätzlichen Pfunden niedergeschlagen.