18

Luis parkte den Ford auf einem kleinen, verlotterten Parkplatz gleich bei einem ebenerdigen Einkaufszentrum, das, der Hohlblock-und-Glasziegel-Architektur nach zu urteilen, aus den frühen fünfziger Jahren stammte. Die Praxis lag mitten in einer Ladenfront, eingebettet zwischen einem Barbecue-Restaurant und einem Friseur. Eingestaubte beige Vorhänge hinter den Schaufenstern hielten neugierige Passantenblicke ab. Nicht dass es drinnen viel zu sehen gegeben hätte. An den stumpf-blauen Wänden waren metallene Klappstühle aufgereiht. In einem Fernseher in der einen Ecke lief ein spanischsprachiges Video, das die Wundertaten der Chiropraktik pries. Ein ramponiertes Poster mit der Überschrift die Iriszonen zeigte die durch feine speichenartige Striche unterteilten Kreissegmente und ihre verschiedenen irisdiagnostischen Zuständigkeiten, etwa für Diabetes. Der Boden war mit beigen PVC-Fliesen ausgelegt, über die kürzlich jemand einen feuchten Mopp gezogen haben musste, um den Dreck von gestern in Schlieren zu verteilen. Ein Anmeldetresen trennte den Wartebereich von den Behandlungsräumen im hinteren Teil ab. Im Wartezimmer fand ich sechzehn Personen und keine Zeitschriften. Unter meinen Mitpatienten war auch ein Bursche, den ich am Tag meiner Ankunft in Raymonds Wohnung gesehen zu haben glaubte. Ich füllte einen Anmeldezettel mit einem rudimentären Fragebogen zu meiner Krankengeschichte aus und malte dabei automatisch in Druckschrift die ersten drei Buchstaben von »Millhone«, ehe ich meinen Lapsus bemerkte und das i und das l in die beiden o’s von »Moore« umwandelte. Das Formular selbst war in zwei Minuten ausgefüllt, worauf wir alle dasaßen und uns ansahen, während zwei Babys schrien und elf Leute insgesamt vierunddreißig Zigaretten qualmten. Das erzwungene Passiv-Rauchen und die Langeweile genügten, um in mir den dringenden Wunsch zu wecken, das Etablissement fluchtartig zu verlassen. Ich sah auf meine Uhr. Ich saß jetzt eineinhalb Stunden hier. Ich hatte das Gefühl, dass es mir nicht zustand, mich zu beschweren, da ich ja nur da war, um die Versicherung zu behummsen. Ich vertrieb mir die Zeit, indem ich mir ausmalte, wie all die anderen Leute — Schwarze und Latinos, Senioren und Freizeitsportler — im Hinterzimmer wieder in Form gezogen, gerüttelt, geklopft und gebogen wurden. Die, die herauskamen, um zu bezahlen, wirkten erleichtert. Ihre Rücken und Schultern waren gerader. Sie bewegten sich kraftvoller und nahmen riesige Pillengläser mit, in denen ich teure Vitamine oder Kalzium-Präparate vermutete. Viele schlappe und knittrige Dollarnoten wanderten über die Theke zu der zweisprachigen Helferin, einer Frau in den Vierzigern, vielleicht die Gattin des Herrn Doktor.

Als ich an der Reihe war, sah ich auf ihr Namensschildchen, aber es wies sie lediglich als Martha aus. Sie führte mich einen kurzen Flur entlang. Wir passierten die offene Tür eines Raums, der wohl eine Art Büro darstellte. Ich erspähte einen schartigen Eichenholzschreibtisch mit Stapeln von Patientenkarten und kleinen Aufstell-Bilderrähmchen, die vermutlich den Chef im Kreis seiner Lieben zeigten, um seinen Familienstand klarzustellen und Patientinnen mit amourösen Absichten abzuschrecken. Ich wurde in den angrenzenden Untersuchungsraum gebracht und bemerkte mit Interesse die geöffnete Verbindungstür. Ich konnte durch das Büro wieder hinaus auf den Flur schauen, wo sich eine eben vorbeigehende Patientin neugierig nach mir umdrehte. Martha öffnete ein Schränkchen und entnahm ihm einen buntbedruckten Umhang, der aus zwei aneinandergenähten und am Hals mit Gummiband gerafften Stoffrechtecken bestand.

»Schuhe ausziehen und bis auf die Unterhose freimachen, bitte«, sagte sie, während sie mir den Umhang reichte. »Er wird in zehn Minuten da sein.«

»Danke. Ach, äh... könnten wir vielleicht die andere Tür dort drüben zumachen?«, fragte ich.

»Sicher.« Sie ging durch das Büro zu der Tür zum Flur und schloss sie hinter sich.

Ich spürte, wie es mir in den Fingern zu jucken begann.

Heiliger Strohsack. Ich hier ganz allein in diesem Zimmer, und die gesamten Praxisunterlagen dieses kriminellen Knochenbiegers keine drei Meter weiter. Ich inspizierte die Tür zwischen Sprechzimmer und Flur. Im Knauf war ein kleiner Verriegelungsknopf, den ich drückte. Ich zog mich hastig aus und streifte mir den Umhang über. Dann schlich ich barfuß hinüber ins Büro, wo ich die Tür nach draußen ebenfalls verriegelte. Die Wände waren so dünn und so schlecht isoliert, dass sich das Geschehen draußen leicht verfolgen ließ. Ich hörte Dr. Howard das Zimmer auf der anderen Seite des Flurs betreten und die Patientin mit Namen begrüßen, während er die Tür hinter sich schloss. Das Gemurmel war deutlich zu vernehmen, wenn ich auch nicht mitbekam, worum es ging. Ich hielt ein Ohr gespitzt, während ich das Büro so gründlich durchsuchte, wie es die mir noch verbleibenden acht Minuten zuließen. Ich entdeckte eine Schublade voller Schadensmeldungs-Formulare, die auf den ersten Blick in etwa dem zu entsprechen schienen, was ich bei Raymond gefunden hatte. Ich hörte, wie die Tür gegenüber geöffnet wurde und die Stimme des Doktors den Flur hinunter entschwand, während sie der Patientin noch ein paar letzte Ratschläge mit auf den Weg gab. Ich schloss die Schublade, flitzte rasch zur Büro-Flur-Tür und drehte am Knauf. Der Verriegelungsknopf sprang heraus. Ich war gerade wieder auf dem Weg ins Untersuchungszimmer, als mein Blick an einem der kleinen gerahmten Familienfotos auf dem Schreibtisch hängenblieb.

Ich hielt inne und starrte mit zusammengekniffenen Augen auf das Hochzeitsbild einer jungen Frau, von der ich hätte schwören können, dass ich sie schon einmal gesehen hatte. Ich schnappte mir das Doppelrähmchen und arrangierte rasch die übrigen Fotos so, dass die Lücke nicht allzu sehr auffiel. Dann huschte ich ins Untersuchungszimmer, wo ich das Bilderrähmchen gerade noch in meiner von Bibianna geborgten Handtasche verstauen konnte, ehe ich den Doktor am Türknauf rütteln hörte.

»Moment!«, rief ich. Ich ließ die Verriegelung zurückschnellen und öffnete ihm mit einem verlegenen Grinsen die Tür.

»Entschuldigung«, sagte ich. »Ich habe gar nicht gemerkt, dass abgeschlossen war. Sie sind sicher Dr. Howard?«

»Ganz recht.« Er trat herein und schloss die Tür hinter sich.

Ich widerstand dem Impuls, ihm die Hand zu schütteln. Es erschien mir unangemessen, nachdem ich ihm gerade etwas vom Schreibtisch geklaut hatte. Er war in den Vierzigern und sah ungeheuer sauber aus. Er trug weiße Hosen, einen weißen Kittel und darunter ein schneeweißes Hemd, dessen gestärkter Kragen so steif hochstand, dass er seinen Hals in Falten zu pressen schien. Das dunkle Haar auf seinem Oberkopf wirkte weich. Der Haaransatz war schon ein Stück zurückgewichen, was ihm eine hohe, glatte Stirn bescherte. Er hatte kalte, sanftbraune Augen hinter einer eckigen Schildpattbrille und einen humorlosen, leicht hängenden Mund. Er brachte jetzt mit den Lippen ein mechanisches Lächeln zustande, während das restliche Gesicht starr blieb. Sein Blick war eindringlich und ließ ihn wie jemanden wirken, der aus seinem eigenen schwarzen Herzen direkt in meins sah. Ein Duft nach zermahlenen Gewürzen wehte hinter ihm her, irgendein leises orientalisches Gemisch aus Moschus und Sandelholz.

Er sah auf meine Karte. »Miss Moore. Wo fehlt’s denn? Dann klettern Sie doch gleich mal auf den Tisch.«

»Der Nacken«, sagte ich, während ich auf die Liege krabbelte. »Ich hatte einen kleinen Unfall, und Raymond Maldonado meinte, Sie sollten es sich mal ansehen.« Er ging an ein Waschbecken in der einen Ecke und wusch sich die Hände mit einer giftig aussehenden roten Flüssigseife aus einem Wandspender. Der Blick, den er mir zuwarf, war kurz, aber durchdringend. »Das hätten Sie Martha gleich sagen sollen. Da müssen wir röntgen«, sagte er. »Mein Assistent wird das erledigen. Wenn Sie fertig sind, kommen Sie wieder hierher.« Er ging zur Tür und hielt sie mir auf. Ein Instinkt mahnte mich, meine Handtasche mitzunehmen. Ich packte sie und klemmte sie mir unter den Arm, eine Misstrauensgeste, die ihm nicht entging.

»Sie können Ihre Handtasche ruhig hierlassen, wenn Sie möchten«, sagte er.

»Ach, das geht schon«, murmelte ich, nicht willens, mich freiwillig von ihr zu trennen. Ich sah ihn in meiner Abwesenheit darin wühlen und die gemopsten Fotos finden. Aus den Tiefen meines Gedächtnisses summte es leise, eine kleine Melodie, zu leise, um sie zu identifizieren. Ich war mir sicher, dass ich die Frau auf dem Foto schon einmal gesehen hatte, aber ich hatte keine Ahnung, wo.

Ich tappte barfuß hinter ihm her, über den Flur zu einem Behelfs-Röntgenlabor, das mit ein paar Spanplatten provisorisch abgeteilt war. Das Gerät sah aus wie die Röntgenapparate in den Arztpraxen meiner Kindheit: schwarz und klobig, mit einer Röhre wie ein riesiges Teleobjektiv. Ich sah im Geist die wuchtigen Röntgenstrahlen der fünfziger Jahre in schlecht regulierten Dosen meinen Körper durchbohren. Der Assistent, ein junger Bursche mit einer wackelnden Zigarette im Mund, machte zwei Aufnahmen — eine von der ganzen Wirbelsäule und eine nur von den Halswirbeln. Ich bin eigentlich strikt gegen unnötige Röntgenprozeduren, aber wie gesagt: da ich ja nur schwindelte, konnte ich schlecht protestieren. Ich ging wieder ins Untersuchungszimmer zurück, wo ich abermals eine ganze Weile warten musste, was ich diesmal jedoch brav auf der papierbedeckten Liege tat. Was wusste ich, ob Dr. Howard mich nicht durch ein verstecktes Guckloch beobachtete. Er kam schließlich und klemmte die entwickelten Röntgenbilder vor einen Leuchtschirm an der Wand. Er erläuterte mir geduldig und mit vielen chiropraktischen Termini technici, wie deformiert meine Wirbelsäule war. Zwar sei der Hals zum Glück nicht gebrochen, aber fast alle anderen Teile meines Rückens bedürften dringend der Behandlung. Er forderte mich auf, mich bäuchlings auf die Liege zu legen, und veranstaltete irgendetwas Wundersames mit mir, was meine Knochen knirschen ließ, als ob jemand Eiswürfel kaute. Er verordnete mir eine längere Behandlungsserie und hielt seine Diagnose mit einem Füller schriftlich fest. Er war Linkshänder, sodass er das Handgelenk oben um die Sätze herumkrümmen musste, als er seine Therapieempfehlungen notierte. Die Feder kratzte über das Papier. Schon sein Geschreibe sah teuer aus, dachte ich. Die California Fidelity würde für meine Wehwehchen ordentlich blechen müssen.

»Was haben Sie denn mit Raymond zu tun?«, fragte er ohne aufzuschauen. Irgendetwas in seinem beiläufigen Ton sagte mir: aufpassen.

»Ich bin eine Freundin von Bibianna, seiner Verlobten.«

»Kennen Sie sie schon lange?«

»Zwei Tage«, sagte ich. »Wir haben gemeinsam eine Nacht im Kreisgefängnis von Santa Teresa verbracht.«

Der durchdringende Blick schwenkte von mir weg, und ich meinte, ein kaum wahrnehmbares Naserümpfen bemerkt zu haben.

Er hielt nicht viel von solchen Halbwelt-Existenzen wie Bibianna und mir und vermutlich auch Raymond Maldonado. »Wie lange sind Sie denn schon hier draußen?«, fragte ich.

»Seit ich meine Niederlassungserlaubnis wiederhabe«, sagte er. Seine Offenheit überraschte mich. Vielleicht hatte ich dem Mann ja Unrecht getan. Er öffnete eine Schublade und nahm eine Hand voll Filzstifte verschiedener Sorten und Farben heraus. Er schob mir ein Blatt Papier hin, auf dem sich ganz links eine Spalte mit lauter kleinen Kästchen befand. »Unterschreiben Sie in jeder Zeile mit einem anderen Stift. Wechseln Sie ab, wie es gerade kommt. Die Daten setzen wir dann später ein, wenn wir Ihrer Versicherung die Rechnungen schicken. Wer ist Ihr Versicherungsträger?«

»Die California Fidelity. Ich habe bei dem Büro in Santa Teresa angerufen, und sie haben gemeint, sie schicken die Formulare her.«

»Gut«, sagte er. »Und was arbeiten Sie normalerweise?«

»Ich bin Serviererin.«

»Nicht gut. Das ist Gift für Sie — das viele Stehen, die schweren Tabletts. Stellen Sie einen Antrag auf Berufsunfähigkeit. Hat mich sehr gefreut«, sagte er. Eine halbe Minute später hörte ich ihn das Sprechzimmer auf der anderen Flurseite betreten.

Als ich die Praxis verließ, war es fünf vor drei. Es war heiß für Ende Oktober. Es roch nach warmer Klimaanlagen-Abluft. Diese Gegend hier war auch nicht viel besser als die, in der Raymond wohnte. Als ich mich dem Ford näherte, beugte sich Luis herüber, um mir die Tür aufzumachen. Ich schlüpfte auf den Beifahrersitz. Was immer Dr. Howard mit mir gemacht hatte — mein Kater war jedenfalls weg. Ich beugte den Kopf nach allen Seiten und testete meinen Nacken. Nicht schlecht. Kein steifer Hals, keine Verspannungen, keine Schmerzen.

Im Wagen roch es nach Hamburgern und kalten Fritten. Auf dem Armaturenbrett stand ein leerer Milk-Shake-Becher, und eine weiße Papiertüte lag auf meinem Sitz. »Hmm, für mich?«, fragte ich. Ich lugte, von plötzlichem Hunger gepackt, in die Tüte. »Aber da ist ja nur Müll drin.«

»Ich dachte, Sie hätten keinen Hunger nich’ mehr.«

»Sie dachten, ich hätte keinen Hunger nich’ mehr?«, sagte ich pointiert.

Luis schien verlegen. »Ich dachte, Sie haben gegessen.«

»O ja, natürlich. Ich habe zur gleichen Zeit gegessen wie Sie, und deshalb habe ich jetzt nich’ keinen Hunger nich’, sondern einen Mordskohldampf.« Ich milderte meinen Ton. Es brachte nichts, deswegen biestig zu werden. »Können wir nicht auf der Heimfahrt irgendwo anhalten und mir was zum Essen holen?«

Er ließ den Motor an und beobachtete den fließenden Verkehr im Rückspiegel. »Raymond hat gesagt, wir sollen sofort zurückkommen, wenn Sie fertig sind. Wir haben noch was zu tun.«

»Und wieso müssen wir immer alles tun, was er sagt?«

Luis sah mich nur an.

Ich musste an Raymonds Ausbrüche denken. »Schon gut«, sagte ich.

Als wir ankamen, war der Hund draußen am Balkongitter angebunden, und die Wohnungstür stand offen. Sechs bis acht junge Latinos verteilten sich in der Wohnung. Die meisten hatte ich noch nie gesehen. Bibianna saß auf dem Sofa, über eine Patience auf dem Couchtisch gebeugt. Luis ging in die Küche und holte sich ein Bier. Ich murmelte irgendetwas Entschuldigendes und ging in mein Zimmer, wo ich die geklauten Fotos aus der Handtasche holte. Ich trat ans Fenster und öffnete es leise. Meine Beute war ein mattgoldenes Doppelrähmchen zum Klappen, mit einem Scharnier in der Mitte. Ich nahm die Fotos heraus und warf das Rähmchen aus dem Fenster, nachdem ich mich vergewissert hatte, dass es niemandem auf den Kopf fallen würde. Ich hielt die beiden Fotos ans Licht und musterte sie eingehend. Es waren offizielle Hochzeitsfotos. Das erste war eins jener Gruppenbilder, wie sie nach der Trauung am Altar aufgenommen werden, mit allen Gästen im Halbkreis und Braut und Bräutigam in der Mitte. Außer dem jungen Paar standen da noch sechs junge Frauen in lavendelfarbenen Kleidern, fächerförmig nach links aufgereiht, und sechs junge Burschen im grauen Smoking mit lavendelfarbenem Kummerbund zur rechten Seite hin. Dr. Howard war eindeutig der Brautvater. Die Brautmutter hatte nicht die mindeste Ähnlichkeit mit der Praxishelferin. Da hatte ich schief gelegen. Das zweite Foto war eine Ganzaufnahme der Braut. Sie war die Frau, von der ich glaubte, dass ich sie schon gesehen hatte. Sie stand im Dreiviertel-Profil, die Augen feierlich zu dem Kirchenfenster über ihrem Kopf erhoben, den Brautstrauß in den Armen wiegend. Sie trug ein eng anliegendes Satinkleid mit einer Schleppe, die so um ihre Füße drapiert war, dass es aussah, als sei der Stoff zu einer Pfütze zerschmolzen. Ihr blondes Haar wurde von etwas zurückgehalten, das aussah wie ein bräutliches Haarnetz. Das Gesicht, das mich nicht losließ, war in keiner Weise schön, aber sie hatte offensichtlich ein Team von Visagisten engagiert, um jeden einzelnen Zug optimal zur Geltung zu bringen. Ich war mir absolut sicher, dass ich sie erst vor kurzem gesehen hatte, wenn auch nicht so wirkungsvoll zurechtgemacht. Ich starrte angestrengt und ratlos auf das Foto. Es war, als ob man seinen Briefträger in voller Abendgarderobe bei einer Cocktailparty treffen würde. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich achselzuckend abzuwenden und die ganze Sache vorerst zu vergessen. Es würde mir schon wieder einfallen, wahrscheinlich dann, wenn ich gerade mit etwas ganz anderem beschäftigt war.

Ich ging an den Schrank, schob die Tür auf und lüpfte den Rand der dunkelblauen Plüsch-Auslegware ein klein wenig an. Ich steckte die Fotos darunter und drückte den Teppich wieder glatt.

Dann marschierte ich zurück ins Wohnzimmer, wo Bibianna noch immer über ihrer Patience brütete. Ich ließ mich im Sessel nieder, schlug die Beine unter und sah ihr zu, wobei ich ein diskretes Auge auf die Jung-Gangster hielt, die sich in einer Art Reihe vor der Küche aufgestellt hatten. Es musste wohl Zahltag sein. Raymond saß am Tisch, nahm kleine Zettel entgegen und blätterte im Tausch dafür Geldscheine hin. Er war ganz geschäftsmäßig und wickelte die Transaktionen auf Spanisch ab. Ich versuchte, mir möglichst unauffällig die Gesichter einzuprägen, und fragte mich, ob ich sie wohl gegebenenfalls in der Verbrecherkartei wiedererkennen würde. Die beiden einzigen, die ich kannte, waren Raymonds Bruder Juan und der mürrische Tomas, der sich am Tag meiner Ankunft so mit seiner Schreibarbeit gequält hatte. Raymond sah zu mir herüber, und ich senkte rasch die Augen auf die Karten vor mir.

Ich hatte Bibianna inzwischen so oft beim Patiencelegen zugeschaut, dass ich es mir schon fast selbst zutraute. Diesmal war es nicht das übliche Rote-Dame-auf-schwarzen-König-Prinzip. Es ging um Folgen gleicher Farbe, sodass man im Idealfall am Ende nur noch vier Häufchen hatte, für jede Farbe eins, mit allen Karten vom Ass bis zum König in der richtigen Reihenfolge. Sie blätterte die Karten, die sie auf der Hand hatte, methodisch durch, aber nichts passte. Sie warf ihr Blatt hin und schob alle Karten zu einem Häufchen zusammen.

»Hast du jetzt vielleicht Lust, mir mein Horoskop zu stellen?«

Sie schüttelte den Kopf. »Die Sachen sind alle bei meiner Mutter, und Raymond lässt mich nicht mit ihr telefonieren. Ich hab’ es gestern Abend versucht, aber er hat mich mit dem Telefon erwischt und fast totgeprügelt. Dieser Arsch...« Sie sah zu Raymond hinüber, der seine Tätigkeit unterbrochen hatte, um sie anzustarren. Bibianna rutschte nervös hin und her und sah mich an. Dann sagte sie: »Aber ich kann dir aus der Hand lesen. Leg die Hände auf den Tisch.«

»Mit den Handflächen nach unten?«

»Ja. Einfach auf die Platte legen.«

Ich setzte mich richtig hin und beugte mich so weit vor, dass ich meine Hände weisungsgemäß flach auf den Tisch legen konnte. Raymond musste inzwischen gemerkt haben, dass sie auf ihrem Handlesetrip war, denn er wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Bibiannas Blick wurde konzentriert. Sie musterte meine Handrücken, hob dann meine beiden Hände an und drehte sie um. Sie nahm meine rechte Hand in ihre und untersuchte sie sorgfältig und wortlos. Sie ging so professionell zu Werk wie eine Ärztin. Ich glaube nicht an Handlesen, so wenig wie an Numerologie, Astrologie, den Osterhasen oder den Klapperstorch, aber irgendetwas in ihrem Gesicht weckte meine Neugier. »Was ist?«, fragte ich.

Sie fuhr mit dem Zeigefinger über meine rechte Handfläche und nahm sich dann noch einmal die linke vor. »Du stehst auf Action. Willst du wissen, woran ich das sehe? Wie du eben die Hände auf den Tisch gelegt hast, war dazwischen noch eine ganze Masse Platz. Unsichere Menschen legen ihre Hände ganz dicht zusammen. Kurze Nägel, spricht für Aggressivität. Keine Rillen, keine Flecken. Das ist gut. Zeigt, dass du gesund bist. Der Hauttyp ist mittel, sagt nicht viel, aber guck mal hier... wie weit du den Daumen von den Fingern abspreizen kannst. Heißt, dass du eigenständig denkst...«

Ihre Stimme war hypnotisch, und ich fand mich dabei wieder, wie ich ihr ernsthaft zuhörte. Ich hatte irgendein Geschwafel über Lebenslinien und Liebeslinien erwartet, aber so weit kam sie gar nicht. Es ging so plötzlich los, dass ich bis heute nicht weiß, wer angefangen hatte. Ich hörte ein Brüllen und das Scheppern eines umkippenden Stuhls. Als ich auf sah, hatte Raymond Tomas schon am Boden. Er umkrallte seine Kehle und hielt ihm das Schnappmesser an die Backe. Raymonds Gesicht war wutverzerrt. Seine Hände zitterten, während er Tomas’ Gurgel zusammenpresste. Tomas versuchte röchelnd und aus weit aufgerissenen Augen stierend, sich seinem Klammergriff zu entwinden. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. Ich sah die Messerklinge in seine Backe einsinken. Blut quoll hervor. Raymond starrte es an wie hypnotisiert. Niemand rührte sich. Es schien eine jener Situationen, in denen jedes Einschreiten das Leben des Opfers nur noch mehr gefährdet.

Bibianna flüsterte: »O Gott...« Sie stand auf, ging zu Raymond hin, kniete sich neben ihn und flüsterte ihm ins Ohr. Ich sah, wie er um Kontrolle rang. Er stieß einen Laut aus, der fast wie ein gepresstes Schluchzen klang, eine Art Schrei tief in der Kehle. Bibianna berührte seine Hand und sprach ernst auf ihn ein: »Nicht, Raymond. Ich flehe dich an. Lass ihn. Er hat es nicht so gemeint. Du tust ihm weh. Bitte...«

Er hob das Messer. Bibianna zog es ihm vorsichtig aus der Hand, während sein Opfer sich mit blutüberströmtem Gesicht wegrollte. Raymond schien zu husten, und sein Zorn verlagerte sich von Tomas auf Bibianna. Er packte sie an den Armen, zerrte sie hoch und stieß sie so heftig gegen die Wand, dass ihr Kopf ein Stückchen Putz losschlug. Er fixierte sie aus drei Zentimetern Entfernung, und das mir mittlerweile so vertraute Zucken hatte jetzt die Hälfte seiner Gesichtsmuskeln erfasst. Seine Augen kippten nach oben weg, sodass er sie aus den milchig-weißen Schlitzen anzustarren schien. Seine Stimme war nur noch ein Flüstern. »Ich bring dich um, wenn du mir noch mal dazwischenfunkst. Hast du verstanden?«

Bibianna nickte panisch. »Ich tu’s nie wieder. Es tut mir Leid. Ich wollte nicht...«

Er trat zurück. Das rituelle Husten und Bellen begann, und ich sah ihn mit dem Kopf rucken und die Schulter rollen. Luis hatte sich ein Küchenhandtuch gegriffen und presste es auf den Schnitt in Tomas’ Backe. Es war sofort durchgeweicht. Zwei von den anderen Burschen kamen ihm zu Hilfe, und sie brachten Tomas zur Tür hinaus. Die Wohnung leerte sich blitzartig. Mein Herz hämmerte. Bibianna saß kreideweiß auf dem Sofa. Sie klappte vornüber, kurz vor einer Ohnmacht. Ich ging hin, setzte mich neben sie, tätschelte sie und sprach ihr und mir beruhigend zu. Gleich darauf kam Luis wieder herein. Ich reimte mir zusammen, dass wohl irgendjemand Tomas in die Ambulanz brachte. Raymond schien sich mittlerweile wieder einigermaßen unter Kontrolle zu haben. Bibianna fasste sich und wandte sich mit zitternden Händen wieder ihren Karten zu. Luis wischte das Blut vom Küchenfußboden auf. Wir wussten alle genau, dass es darum ging, die letzten kritischen Momente zu überstehen. Um jede weitere Aufregung zu vermeiden, taten wir, als wäre nichts gewesen, was ein Verschwörer-Gefühl erzeugte. Es fiel kein Wort über Tomas oder den Auslöser für Raymonds Wutanfall.

Raymond ging auf und ab und schnippte unruhig mit den Fingern. Er sagte zu Bibianna: »Hey, hol deine Jacke. Wir gehen raus. Sie auch, Hannah.«

Ich holte meine Jacke. Teufel noch mal, ich wollte mich nicht mit diesem Mann anlegen.

Diesmal nahmen Raymond und ich den Ford, während Luis uns im Cadillac folgte, Bibianna neben ihm auf dem Beifahrersitz. Ich drehte mich um und beobachtete durchs Rückfenster den Caddy, der uns stetig folgte. Luis und Bibianna waren nur dunkle Silhouetten. »Wieso fährt sie bei diesen Touren immer mit ihm?«

»Weil wir uns streiten«, sagte er.

Ich musterte ihn voller Interesse. Er wirkte locker, offen und ruhig. Allmählich begriff ich, dass er nach jedem seiner »Anfälle« für kurze Zeit ganz freundlich war, so als ob ihn der Ausbruch erleichtert hätte. Für ein kurzes Intermezzo wurde er absolut umgänglich, ja, fast schon nett. Er sah gar nicht so übel aus. Er würde sicher eine Frau finden können, die ihn mochte, wenn er nur nicht so auf Bibianna fixiert wäre.

Er fing meinen Blick auf. »Was gibt’s denn da zu gucken?« Seine Worte waren unwirsch, aber sein Ton war milde.

»Ich hab’ mich nur gefragt, warum Sie eigentlich so versessen auf Bibianna sind. Wieso wollen Sie sie denn unbedingt heiraten, wenn sie doch eindeutig nicht scharf drauf ist?« Ich hielt den Atem an, aber er schien nicht verärgert.

»Ich lass’ mich von ihr nicht verarschen. Wenn einer meint, dass er mich für dumm verkaufen kann, dann muss er lernen, dass das nicht läuft. Sie hat noch nicht kapiert, was Sache ist.«

»Was denn? Sie ist doch wieder da. Was wollen Sie denn noch?«

»Ich muss dafür sorgen, dass sie dableibt.«

»Und wie wollen Sie das tun?«

»Ich hab’s schon getan«, sagte er. »Sie weiß es nur noch nicht.«