9

Selbst in dem harten Licht der Laternen hatte ihre zarte dunkle Haut noch etwas Strahlendes. Dichte Wimpern, dunkle Augen, ein breiter Mund, auf dem noch immer der feuerrote Lippenstift glänzte. Wie schaffte sie es nur, dass das Zeug so lange draufblieb? Wenn ich mich damit versuchte, blieb er immer am ersten Glas kleben, das ich an die Lippen setzte. Ihrer schimmerte frisch und feucht und gab ihrem Gesicht Farbe. Trotz ihrer unflätigen Worte blitzten ihre Augen belustigt. »Ist doch nicht zu fassen! Die werden dafür bezahlt, dass sie dumm rumstehen«, sagte sie. Dann sah sie mich an. »Wie geht’s denn so?«

»Ging mir schon besser. Haben Sie eine Ahnung, wohin Dawna verschwunden ist?«

»Sie wird wohl versucht haben, mit Raymond zu telefonieren. O Mann, der rastet aus, wenn er erfährt, dass Chago tot ist.«

»Was sind das für Leute?«

»Fragen Sie nicht.«

»Was haben Sie denn gemacht, dass die so sauer auf Sie sind?«

»Geht eher drum, was ich nicht gemacht hab’.«

»Schulden Sie ihnen Geld?«

»Von wegen! Sie schulden mir welches. Mir ist schleierhaft, wie sie mich überhaupt aufgestöbert haben. Was haben Sie noch mal gesagt, wie Sie heißen?«

Einen Moment lang konnte ich mich nicht erinnern, welchen Satz falsche Papiere ich eingesteckt hatte. »Hannah Moore.«

Nach einer kurzen, spannungswirksamen Pause fragte sie: »Und wie sonst noch?«

»Wie >wie sonst noch<?«

»Haben Sie keinen zweiten Vornamen?«

»Oh, doch, klar«, sagte ich. »Ähm... Lee.«

Ihre Stimme wurde tonlos. »Das glaub’ ich nicht.«

Ich fühlte, wie mein Herz stockte, brachte aber dennoch ein vieldeutiges Murmeln zustande.

»Das ist mir ja noch nie begegnet — jemand mit drei Paar Doppelbuchstaben im Namen. Zwei n in Hannah. Zwei e in Lee, und die zwei o in Moore. Und außerdem ist Hannah noch ein Palindrom, weil man es vorwärts und rückwärts lesen kann. Hat Ihnen schon mal jemand Ihre Zahlen gedeutet?«

»Sie meinen so was wie Numerologie?«

Sie nickte. »Ist ein Hobby von mir. Ich kann Ihnen ja irgendwann mal ein Horoskop stellen... dazu brauche ich nur Ihr Geburtsdatum. Aber eins kann ich Ihnen auch so schon sagen: Ihre Zahl ist die Sechs. Harmonie und Ausgleich, das ist Ihr Ding, stimmt’s? Menschen wie Sie sind dazu gemacht, die goldene Regel unter die Leute zu tragen.«

Ich musste unwillkürlich lachen. »Ach, wirklich? Woher wissen Sie das?«

Ein uniformierter Polizist kam jetzt mit Bibiannas Handtasche zu unserem Streifenwagen herüber und stieg ein. Während er die Tür zuschlug, sah er mir per Rückspiegel in die Augen. Offenbar war es sein Job, uns in den Knast zu befördern. Er hielt die Tasche hoch. »Gehört das hier einer von Ihnen?«

»Mir«, sagte Bibianna, mit einer Grimasse zu mir. Dreimal durften wir raten, ob der Joint ans Licht kommen würde oder nicht. Wenn ja, saß sie erst recht in der Tinte.

Er pflanzte die Tasche auf den Beifahrersitz. »Wie geht’s denn so da hinten?« Er war Ende zwanzig, glatt rasiert, mit kurzgeschorenem dunklem Haar. Sein Nacken über dem Uniformkragen sah zart und verletzlich aus, was seine Wirkung auf Bibianna keineswegs verfehlte.

»Uns geht’s prima, Sportsfreund. Und wie geht’s dir?«

»Mir geht’s super.«

»Hast du auch einen Namen?«

»Kip Brainard«, sagte er. »Sie heißen Diaz, stimmt’s?«

»Stimmt.«

Er schien leise zu lächeln. Er ließ den Wagen an und fuhr los, wobei er der Zentrale über Funk mitteilte, er sei jetzt mit uns auf dem Weg. Damit war die Konversation beendet. Der Regen klang jetzt, als würde jemand eine Kiste Nägel auf das Wagendach schütten. Die Scheibenwischer fuhren hektisch hin und her, ohne viel auszurichten. Nur die monotonen Funkrufe durchbrachen das Schweigen. Wir erreichten den Freeway und fuhren nach Norden. Die Fenster beschlugen. Die Wärme im Wagen und das einschläfernde Dröhnen des Motors ließen mich fast einnicken.

Wir nahmen die Ausfahrt Espada und bogen dann gleich links ein, in eine Parallelstraße zur Schnellstraße, der wir vielleicht einen knappen Kilometer folgten. Dann ging es nach rechts auf eine Landstraße. Sie führte direkt zum Hintereingang der Kreis-Justizvollzugsanstalt Santa Teresa, Ankömmlingen wie uns besser bekannt als der Knast. Auf der gegenüberliegenden Seite grenzte das Gelände an das County Sheriff’s Department, mit dem es einen Parkplatz teilte. Wir hielten vor dem Tor. Kip drückte auf einen Knopf. Über die Gegensprechanlage meldete sich der Kontrollraumbeamte, eine körperlose weibliche Stimme, unterlegt mit viel Rauschen und Knistern.

»Polizei-Transport mit zwei Kundinnen«, sagte er.

Das Tor öffnete sich, und wir fuhren durch. Sobald wir innerhalb der Umzäunung waren, hupte er, und das Tor schloss sich wieder. Wir fuhren ein Stück vor und hielten auf einem mit Gitterdraht umzäunten Asphaltgeviert. Das ganze Areal war gleißend hell erleuchtet, und der Regen umgab jeden Flutlicht-Scheinwerfer mit einem milchigen Hof. Vor uns stand schon ein County Sheriff-Wagen, und wir warteten schweigend, bis der Beamte mit seinem Gefangenen eingelassen worden war. Letzterer war ein sichtlich betrunkener, kaum noch gehfähiger Penner.

Nachdem die beiden verschwunden waren, stellte Kip den Motor ab. Er stieg aus, öffnete die hintere Tür auf meiner Seite und half mir beim Aussteigen, eine schwierige Prozedur, wenn einem die Hände mit Handschellen auf dem Rücken gefesselt sind. »Schön brav sein, ja?«, sagte er.

»Keine Sorge. Alles klar.«

Aber er traute mir offenbar nicht, denn er hielt mich weiter am Arm fest und bugsierte mich um den Wagen herum auf Bibiannas Seite. Er öffnete die Tür, half ihr heraus und führte uns dann zu dem Tor. Eine Wachbeamtin erschien, um ihm beizustehen. Von oben kam jetzt ein gleichmäßiger Dauerregen, ein Kälteschock für meinen armen Körper, der auch so schon vor Anspannung zitterte. Noch nie hatte ich mich so nach einer heißen Dusche gesehnt, nach trockenen Kleidern, meinem heimischen Bett. Bibiannas dunkles Haar klebte in langen, triefenden Strähnen an ihrem Kopf, aber es schien sie nicht weiter zu stören. Ihre Aggressivität von vorhin war jetzt völlig verschwunden. Stattdessen zeigte sie jetzt eine seltsame, fast schon an Zuvorkommenheit grenzende Fügsamkeit.

In diesem Gefängnis führt der Weg zur Aufnahme durch einen Maschendraht-Korridor, der aussieht wie ein Laufgraben für Hunde. Ein Summer ließ uns passieren, vorbei an einem weiteren Kontrollpunkt mit elektronischen Sperranlagen, Kameras und allen Schikanen. Kip führte uns den Gang entlang, und es spritzte um unsere Füße, als wir auf unseren Absätzen über den nassen Asphalt patschten. »Sie kennen die Prozedur?«, fragte er.

»Ja, ja. Ist doch immer das gleiche, Knackarsch«, sagte Bibianna.

»Wenn wir uns vielleicht auf >Officer< einigen könnten«, sagte er trocken. »Kann ich daraus schließen, dass Sie alte Hasen sind?«

»Richtig getippt... Officer Knackarsch«, sagte sie.

Er beschloss, es durchgehen zu lassen. Ich hielt den Mund. Ich kannte den Ablauf aus meinen Polizei-Zeiten. Merkwürdig, wie anders einem das alles erschien, wenn man der Arme Sünder war.

Wir kamen an eine Metalltür. Kip drückte wieder auf einen Knopf und erklärte noch mal, dass er zwei Festnahmen brachte. Wir warteten, während die Kameras uns inspizierten. Ich kenne das Schaltpult, an dem der Kontrollraum-Beamte sitzt, umgeben von Schwarzweißmonitoren, auf denen etwas flimmert, was aussieht wie zwölf sterbenslangweilige Andy-Warhol-Werke gleichzeitig. Ein Summer ließ uns ein. Wir gingen schweigend einen Flur entlang und bogen dann in einen zweiten, der schließlich in der Aufnahme für männliche Häftlinge endete. Ich hoffte, Tate hier irgendwo zu entdecken, aber er war offenbar schon durch die bürokratische Mühle geleiert und in eine Zelle gebracht worden. Der Penner war gerade dabei, heftig schwankend die Taschen seiner zerlumpten Jacke zu leeren. Ich kannte ihn vom Sehen, er gehörte zum Stadtbild. Nachmittags lungerte er meistens vor dem Gerichtsgebäude herum, in hitzige Debatten mit einem unsichtbaren Kompagnon vertieft. Dieser Gefährte wollte offenbar auch jetzt nicht so wie er. Der Aufnahme-Beamte hinter dem Schreibtisch fasste sich in freundliche Geduld. Ich kannte auch den Mann vom Sheriffs Department, kam aber nicht auf seinen Namen. Foley oder so ähnlich. Ich war zu weit von ihm weg, um sein Namensschildchen lesen zu können, und ich wollte keine unnötige Aufmerksamkeit erregen, indem ich ihm mit zusammengekniffenen Augen auf die Brust starrte.

Ich drehte den Kopf weg und guckte stur nach links, damit er mein Gesicht nicht sah. Es war gut zehn Jahre her, dass ich den Burschen das letzte Mal gesehen hatte, aber ich wollte auf keinen Fall riskieren, dass er mich wieder erkannte und meine Tarnung auffliegen ließ. Wahrscheinlich war das sowieso die reine Selbstschmeichelei. Ich sah ungefähr so respektabel aus wie der Penner, den sie gerade einbuchteten. Ich bildete mir zwar ein, dass ich wenigstens besser roch, aber wer weiß? Mir ist schon öfter aufgefallen, dass wir im Normalfall keine Ahnung haben, wie wir für andere riechen. Fast so, als würde uns unsere Nase aus Selbstschutz einfach ausblenden.

Kip drückte jetzt auf einen Knopf an einer anderen Tür, und kurz darauf erschien eine weitere Wachbeamtin aus dem Frauentrakt. Es wurden Fotos von uns gemacht, so ähnlich wie am Automaten bei Woolworth, ein trauriger Streifen mit verschiedenen Posen, der nach ein paar Minuten aus einem Schlitz an der Außenseite kommt. Ich sah darauf aus wie die Chefin eines Teenie-Porno-Rings, die Sorte Frau, die junge Mädchen mit glattzüngigen Versprechungen von der großen Model-Karriere ins Verderben lockt. Wir wurden in die Frauen-Aufnahme gebracht und zu einer Reihe von Wartezellen geführt. Ich kam in die erste und Bibianna in die zweite. Die Beamtin, die mich begleitet hatte, tastete einmal kurz an mir herunter und nahm mir dann die Handschellen ab.

»Lehnen Sie sich mit den Händen an die Wand«, sagte sie. Ihr Ton war nicht unfreundlich, aber auch nicht besonders herzlich. Wieso auch? Für sie war ich nichts als ein weiteres Exemplar in einem endlosen Strom von Festnahmen.

Ich stand mit dem Gesicht zur Wand, auf die halbausgebreiteten Arme gelehnt, während sie mich noch einmal gründlicher abtastete und sicherstellte, dass ich keine Miniwaffe in meinem Haar versteckt hatte. Sie erlaubte mir, mich auf eine Bank an der Wand zu setzen, während hinter dem Glasfenster rechts von mir die nötigen Papiere zusammengesucht wurden. Als die Registratur-Beamtin so weit war, musste ich meine Taschen leeren und meinen falschen Führerschein, meine Schlüssel, meine Uhr, meinen Gürtel und meine schäbigen Schuhe durch den Schlitz hineinreichen. Irgendwie hatte es etwas Rührendes, dieses Häufchen Habseligkeiten, die nicht nur spärlich, sondern auch billig waren. Wir begannen, den Katechismus durchzugehen. Personalien, medizinische Daten. Beschäftigung. Ich erklärte, ich sei arbeitslos, und gab als Beruf »Serviererin« an. Dann folgte die juristische Litanei. Die Beschuldigungen gegen mich lauteten auf Beamtenbeleidigung, ein minderschweres Vergehen, und tätlichen Angriff auf eine Polizeibeamtin, eine Straftat, bei der die Kautionssumme fünftausend Dollar beträgt. Ich ging davon aus, dass Bibianna ungefähr die gleichen Delikte zur Last gelegt wurden. Man wies mich auf die Möglichkeit hin, eine Kaution zu hinterlegen, aber ich lehnte ab, weil ich unterstellte, dass Bibianna es auch nicht tun würde. Es fehlte mir gerade noch, dass ich hier schmoren durfte, während sie eine Möglichkeit fand, auf Kaution wieder freizukommen. Ich wartete darauf, dass die Beamtin über meinen falschen Führerschein stolperte, aber sie schien nichts zu bemerken. Meine wenigen Besitztümer wurden registriert und in eine Art Gefrierbeutel eingeschweißt. Die ganze Prozedur dauerte etwa eine Viertelstunde und brachte mich ziemlich aus dem Lot. Ich fühlte mich merkwürdigerweise weniger gedemütigt als verkannt. Ich wollte mich zu erkennen geben, ihnen versichern, dass ich nicht die war, für die sie mich hielten, sondern eine anständige, gesetzestreue Bürgerin... im Grunde sogar eine von ihnen.

Die Aufnahme-Beamtin war jetzt mit ihrer Arbeit zu Ende. »Falls Sie telefonieren möchten — dort drüben in der Zelle ist ein Münztelefon.«

»Ich weiß sowieso nicht, wen ich anrufen sollte«, sagte ich, von einer absurden Dankbarkeit erfüllt, weil sie alle so freundlich waren. Was hatte ich denn erwartet? Beschimpfungen und Misshandlungen?

Auf Strümpfen wurde ich jetzt den Gang hinuntergeführt, zur erkennungsdienstlichen Aufnahme. Man nahm meine Fingerabdrücke, und ich wurde noch einmal fotografiert, diesmal von vorn und im Profil. Wenn das so weiterging, hatte ich bald ein kleines Album zum Muttertag zusammen. Es war z Uhr 13, als ich schließlich zur Ausnüchterungszelle gebracht wurde, einem Gelass von etwa fünf mal fünf Metern. Eine magere weißhäutige Frau schlief mit dem Rücken zu mir auf einer Matratze in einer der hinteren Ecken des Raums. Fenster nach draußen gab es nicht. Die ganze Front war vergittert, und in einer kleinen Nische auf der rechten Seite befand sich ein Kübelklo ohne Deckel. Ich habe auch schon Zellen gesehen, wo selbst der Sitz abmontiert ist. Also vertrauten sie wohl darauf, dass wir diesen hier nicht dazu verwenden würden, uns zu erhängen. Der Boden war aus beigen PVC-Fliesen, die Wände aus verputztem Mauerwerk. Über die ganze Breite zog sich eine fest installierte Bank. Mehrere dünne Matratzen lagen zusammengerollt darauf oder lehnten einfach an der Wand. Ich schnappte mir eine und rollte sie auf dem Boden aus.

Bibianna kam wenige Augenblicke später, zusammen mit zwei weiteren Gefangenen, einer schwarzen Frau und einem heulenden weißen Mädchen in einem Ballkleid.

»Hey, Hannah«, sagte Bibianna. »Allgemeines Wiedersehen. Das hier ist Nettie.« Sie wandte sich zu dem jungen Mädchen. »Und wie heißt du, Herzchen?«

»Heather.«

Bibianna sagte: »Heather, das ist Hannah.«

»Freut mich«, murmelte ich beflissen. Ich hatte keinen Schimmer von Knast-Etikette. Die magere Frau drüben in der Ecke bewegte sich unruhig im Schlaf.

Bibianna zog sich eine Matratze von der Bank und schleppte sie zu mir herüber. »Nettie und ich, wir waren schon mal zusammen hier, so vor einem Monat, stimmt’s?« Keine Antwort.

Die schwarze Frau sah aus wie Ende dreißig. Sie war groß, mit breiten Schultern und Brüsten wie Torpedos. Ihr dickes Haar war auf die rechte Seite gebürstet und stand dort in einer Masse von ihrem Kopf ab wie vom Sturmwind verweht. Die schwarzen Strähnen hatten einen Grauschimmer vor lauter Spliss. Sie trug Blue Jeans, ein großes, loses, weißes T-Shirt und weiße Frotteesocken. Bibianna arrangierte ihre Matratze neben meiner und setzte sich darauf. Sie betrachtete Nettie voller Respekt. »Sie ist hier wegen >versuchter Körperverletzung< und >Angriff mit einer tödlichen Waffe<. Sie ist mit einer entwurzelten Palme auf einen besoffenen Penner losgegangen. Ich nehme zwar an, es war eine kleine Palme, aber trotzdem.«

Unsere andere Zellengenossin, das junge weiße Mädchen, war bestimmt kaum zwanzig und trug ein knöchellanges Organza-Kleid und ein kleines Anstecksträußchen am Handgelenk. Sie weinte so heftig, dass es unmöglich war, etwas aus ihr herauszukriegen. Sie hockte da wie ein Häufchen Elend und verbarg das Gesicht in den Händen. Sie und Nettie hatten beide eine Fahne. Die schwarze Frau ging rastlos auf und ab und starrte auf Heather, die sich immerzu mit dem Rocksaum die Nase putzte. Schließlich blieb sie stehen, um das Tränenbündel mit dem Fuß anzustupsen: »Was ist denn, dass du so heulen musst? Jetzt halt mal kurz an und erzähl mir, was los ist.«

Das Mädchen hob ihr ein tränenüberströmtes, vor Schamröte fleckiges Gesicht entgegen. Die Nase war dunkelrosa, das Make-up verschmiert, und das hellblonde Haar löste sich aus einem komplizierten Gebilde auf dem Oberkopf, das aussah, als stammte es vom Friseur. Kleine Stengelchen Schleierkraut steckten darin wie blasse, vertrocknete Ästchen. Sie angelte erst noch mit der Zunge nach einer kinnwärts kullernden Träne und sprudelte dann eine wirre Geschichte hervor: ihr Freund, ein Streit, sie ganz allein und ohne einen Pfennig an der Schnellstraße, zu betrunken, um stehen zu können, ein Streifenwagen der Highway Patrol. Heute war ihr einundzwanzigster Geburtstag und sie saß hier im Gefängnis. Sie hatte auf ihr Kleid gekotzt, das von Lerner’s war und schon seit einem halben Jahr zurückgelegt. Und ihr Daddy war im Stadtrat, und sie traute sich nicht, daheim anzurufen. An diesem Punkt angekommen, brach sie wieder in Tränen aus.

Die magere Frau auf der Matratze knurrte: »Soll einem wohl Leid tun.«

Nettie wandte sich erbost der Frau zu, die sie offenbar kannte. Sie schoss einen finsteren Blick zu der zusammengerollten Gestalt hinüber. »Kümmer du dich um deinen eigenen Dreck, du Miststück.« Sie tätschelte Heather unbeholfen, sichtlich nicht geübt in Mütterlichkeit, aber voller Mitgefühl. »Armes Kindchen. Ist ja gut. Reg dich nicht auf. Das kommt schon alles wieder in Ordnung...«

Ich hatte mich auf der Seite ausgestreckt, den Kopf auf die Hand gestützt. Bibianna lag mit dem Rücken an der Wand, die Arme wärmend um die Brust geschlungen. »So ein Idiotenhaufen. Da draußen laufen die Leute rum und bringen sich gegenseitig um, und sie verhaften so eine wie die da. Man fasst es nicht. Sollen doch ihrem Alten Bescheid sagen, dass er kommt und sie hier rausholt. Der ruft doch sowieso an, wenn er merkt, dass sie nicht daheim ist.«

»Wie kommt’s eigentlich, dass Sie so sauer auf die Bullen sind?«, fragte ich.

Bibianna fuhr sich mit der Hand durchs Haar. »Weil sie meinen Pop erschossen haben. Meine Mom ist anglo. Er war Latino. Sie haben sich auf der High School getroffen, und sie war total verschossen in ihn. Sie hat sich anbumsen lassen, und sie mussten heiraten, aber es ist gutgegangen.«

»Wieso haben sie ihn erschossen?«

»Wegen nichts. Er war in einem kleinen Einkaufsmarkt und wollte zwei, drei kleine Sachen mitgehen lassen — ein bisschen abgepacktes Fleisch und ein paar Kaugummis. Der Filialleiter hat ihn erwischt, und es gab ein Gerangel. Irgendein Bulle, der gar nicht im Dienst war, hat seine Knarre gezogen und losgeballert. Und das alles wegen einem Päckchen Hackfleisch und ein paar Chiclets für mich. So was Absurdes. Meine Mutter hat es nie verwunden. Es war schlimm, das mit ansehen zu müssen. Sie hat ein halbes Jahr später wieder geheiratet, einen Mann, der sich dann als totaler Scheißkerl entpuppt hat und der sie schlug. Vielleicht war’s ja wirklich so was wie Karma — jedenfalls haben die Bullen den auch erschossen. Sie warf ihn in Abständen raus. Er haut ab, und irgendwann steht er dann wieder da, die Reue in Person. Zieht wieder ein, knöpft ihr ihr Geld ab, haut uns grün und blau. Und die meiste Zeit war er betrunken oder voll mit Cola und Kopfschmerztabletten oder sonst was, was ihm grade unterkam. Und wenn er nicht mit ihr zugange war, hat er an mir rumgemacht. Ich hab’ ihm einmal eins mit dem Messer verpasst, quer übers Gesicht — um ein Haar wär sein Auge draufgegangen. Eines Nachts haben sie ihn erwischt, wie er grade in ein Apartmenthaus eingebrochen ist, zwei Häuser neben uns. Er hat sich da drin verschanzt, mit einem Trommelrevolver. Das ganze Viertel hat nur so gewimmelt von Bullen. Fernsehteams. Spezialkommandos. Tränengas. Die Bullen haben ihn abgeknallt wie einen Hund. Da war ich acht. Das war so ein Gefühl — ich hab nur gedacht, wie oft denn noch?«

»Klingt aber in dem Fall doch eher, als hätten sie euch einen Gefallen getan«, sagte ich.

Sie lächelte bitter, sagte aber nichts.

»Und Ihre Mutter, lebt die noch?«

»Drüben in Los Angeles«, sagte Bibianna. »Und Sie? Haben Sie noch Eltern oder so was?«

»Nicht mehr. Ich bin schon seit Jahren allein. Wie war das? Wollten Sie mir nicht meine Zahlen deuten?«, sagte ich.

»Oh, klar. Wann ist Ihr Geburtstag?«

Das Datum auf meinem falschen Ausweis war mein richtiges. »Fünfter Mai«, sagte ich. Ich nannte das Jahr.

»Und ich hock’ hier ohne Stift. Hey, Nettie? Hast du was zum Schreiben?«

Nettie schüttelte den Kopf. »Höchstens Lippenpomade.«

Bibianna zuckte die Achseln. »Ach, scheiß drauf. Dann eben so.« Sie befeuchtete ihren Zeigefinger mit Spucke und malte ein großes Trick-Track-Gitter auf den Fußboden. Sie schrieb die Ziffer 5 in die Mitte und erhob sie in die dritte Potenz. Die Zelle war nur schummrig beleuchtet, aber der Fußboden war so dreckig, dass ich das Spuckediagramm ohne weiteres erkennen konnte. Sie sagte: »Das ist ja irre. Sehen Sie das? Die Fünf steht für Wandel und Bewegung. Sie haben gleich drei davon. Das ist stark. Reisen und so was, verstehen Sie? Selbstentfaltung. Sie sind ein Mensch, der immer Action braucht, Bewegung. Die Null da heißt, dass es für Sie keine Grenzen gibt. Sie können alles. Ich meine, was Sie auch anfangen, Sie kriegen es hin. Aber Sie können sich leicht verzetteln. Vor allem mit den drei Fünfen da. Macht es schwer für Sie, sich was rauszusuchen. Vom Job her brauchen Sie was, was nicht immer gleich ist. Verstehen Sie, was ich meine? Sie müssen immer da sein, wo was los ist...«

Sie sah mich Bestätigung heischend an.

»Wahnsinn«, sagte ich, weil mir nichts Besseres einfiel.

Nettie warf uns einen tadelnden Blick zu. Sie hatte den Arm um Heather gelegt, die sich Wärme suchend an sie schmiegte. »Wir versuchen hier grade, eine Runde zu schlafen. Könntet ihr vielleicht mal leise sein?«

»‘tschuldigung«, sagte Bibianna. Sie streckte sich auf ihrer Matratze aus und versuchte, es sich bequem zu machen. Das Gitter, das sie auf den Boden gemalt hatte, schien in dem Schummerlicht regelrecht zu glimmen. Die Glühbirne in der Zelle blieb offenbar an, aber immerhin war es einigermaßen warm. Von den Gängen draußen kamen Zeichen unverminderter Aktivität: Telefonklingeln, Schritte, Gemurmel, das Zuschlägen einer Zellentür. In Abständen schien ein Wölkchen Zigarettenrauch durch die Lüftungsöffnungen zu dringen. Irgendwo auf dem Stockwerk unter uns lagen die Schlafräume der fünfzig bis sechzig Frauen, die hier jeweils einsaßen. Ich fühlte, wie ich langsam davondriftete. Wenigstens waren wir im Trockenen, und die bösen Schurken konnten uns nichts anhaben. Es sei denn, »sie« wären jemand, der mit uns hier drinnen saß. Ein schöner Gedanke.

»Eins ist gut«, murmelte Bibianna schläfrig.

»Was?«

»Den Joint haben sie nicht gefunden...«

»Sie Glückskind.«

Dann war alles still, bis auf das gelegentliche Rascheln, wenn eine von uns sich auf ihrer Matratze umdrehte. Die magere weiße Frau begann, leise zu schnarchen. Ich lag da und war Bibianna in Gedanken herzlich zugetan. Ich dachte, dass sie mir jetzt immer in Erinnerung bleiben würde, als die Frau, mit der ich das erste Mal eingeknastet worden war, eine Form der Frauensolidarität, die kaum je gewürdigt wird. Noch viel besser hätte ich mich gefühlt, wenn Jimmy Tate uns zur Seite gestanden wäre, obwohl ich nicht recht wusste, was er denn hätte tun können. Jetzt gerade steckte er vermutlich in einer Zelle drüben im Männertrakt, in einem kaum heitereren Ambiente. Der verrückte Jimmy Tate und Bibianna Diaz, was für ein Paar...